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Dieses preisgekrönte Buch über vierzehn ethnische Minderheiten handelt von der Regionalgeschichte und den persönlichen Schicksalen der Tschechen und Slowaken, der meschetischen Türken, der Schweden, der Rumänen, der Ungarn, der Roma, der Juden, der „Liptaken“, der Gagausen, der Deutschen, der Wlachen, der Polen, der Krimtataren und der Armenier in der Ukraine. Ausgehend von wissenschaftlichen Erkenntnissen, ethnographischer Forschung und Interviews, liefert Olesya Yaremchuk eine faszinierende Darstellung der Entstehung dieser Gruppen in der Ukraine und ihrer Entwicklung innerhalb der Landesgrenzen. Begleitet von lebensnahen Fotografien, die die literarischen Reportagen zum Leben erwecken, beschreibt Unsere Anderen die unzähligen freiwilligen und erzwungenen Migrationen, welche die Ukraine seit Jahrhunderten prägen. Gleichzeitig bietet das Buch eine einfühlsame Schilderung der außergewöhnlichen kulturellen Vielfalt der Ukraine, die die sowjetische Dampfwalze der auferlegten sprachlichen, kulturellen und religiösen Vereinheitlichung überdauert hat und die es verdient, als Bestandteil der allgemeinen ukrainischen Identität stärker anerkannt zu werden. Marta Barnych und Anton Semyzhenko haben den Band als beitragende Autoren bereichert.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
ibidem-Verlag, Stuttgart
Inhalt
Vorwort
Äpfel aus dem vergessenen Garten
Im Wettlauf mit dem Krieg
Die Insel Gammalsvenskby
Tag des Lehrers
Die Zertrennten
Olha Petriwna, die Baronin
Wo ist Mama?
Station L
Weiße Sonne, schwarzer Wein
Das Schicksal des Guldens
Musik auf Holzlöffeln
Das polnische Experiment
Zuhause
Einsamkeit unter Walnüssen
Dank
Weiterführende Literatur
Hruschwyzja Perscha, Tschechen und Slowaken
Wasjukiwka, türkische Mescheten
Smijiwka, Schweden
Herza, Rumänen
Mali Selmenzi, Ungarn
Torezk, Roma
Brody, Juden
Welykyj Beresnyj, Liptaken
Wynohradiwka, Gagausen
Pawschyno, Deutsche
Obawa, Wlachen
Dowbysch, Polen
Nowooleksijiwka, Krimtataren
Kuty, Armenier
Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman schrieb in seinem Buch „Postmodernity and Its Discontents“ (1997, deutsch 1999):
„Es gibt allerdings Wesen, für die in keinem Teilbereich der menschlichen Ordnung ein ihnen zukommender Ort reserviert wurde. Sie sind überall fehl am Platz.“
Ein unglückliches Geburtstagsgeschenk, ein von Vormietern zurückgelassenes Gemälde ... Man kann solche Dinge weder wegwerfen noch nutzen. Sie stechen ins Auge, sie passen nicht in die Einrichtung, gehören zu einem anderen Geschmack, mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Der einfachste Weg ist, sie in eine dunkle Ecke zu schieben und dort zu vergessen; so machen wir das normalerweise.
Was aber, wenn das mit Menschen passiert? Ein neuer Landesherr betritt den Raum der Gesellschaft mit seinen Designern, die geschickt gezeichnete Blaupausen für eine neue Welt in ihren Händen halten. Ordnung herrscht auf den Blättern. Alles ist modern und funktional, unterliegt einem einzigen Konzept, es gibt keine alten gerahmten Fotos, Gesichter aus der Vergangenheit brauchen wir nicht. Wer diese Leute sind, woher sie kommen, welche Sprache sie sprechen? Egal. Wenn sie die für sie vorgesehene Rolle auf der Bühne der neuen Gesellschaft ablehnen, gehören sie in eine Abstellkammer oder auf die Müllkippe. Das Streben nach ultimativen Lösungen war ein unwiderruflicher Zug moderner Human Resources Manager. So heißt das wohl jetzt.
Eine der in diesem Buch beschriebenen Reisen führt uns in das Dorf Dowbysch in der Region Schytomyr, wo eine kleine Gemeinschaft von Polen lebt, meist Nachkommen von „Rückkehrern“, die es schafften, in Stalins Siedlungen in Kasachstan zu überleben. Diese Menschen, die dank der Überlebenden hier in der Ukraine leben, versammeln sich jeden Sonntag in der Kirche, um gemeinsam die Messe zu singen, und verstreuen sich wieder auf die „sowjetischen Gebäude ... die mit ihrer peinlichen Masse alles verdunkeln“.
So ist unsere Ukraine, dieses Zwischenland oder Midgard, durch das Jahrhunderte lang Wellen freiwilliger oder erzwungener Migration fegten, wobei sie Inseln verschiedener kultureller Gemeinschaften zurückließen. Anschließend, bereits im 20. Jahrhundert, fegte etwas anderes hindurch: die Dampfwalze geplanter Vereinheitlichung von Sprache, Kultur, Religion (oder eher Anti-Religion), Alltagsgepflogenheiten, Weltsicht (wie sollte man das sonst nennen?). Genau so sieht unsere Ukraine jetzt aus, das ist ihr Modell: ein graues Gemenge typisch sowjetischer Gebäude, zwischen denen nur ein sehr wachsames Auge etwas anderes ausmachen wird, das in einer neuen „geordneten“ Landschaft entweder durch die Nachlässigkeit eines Menschen oder durch beharrliche Sturheit überlebt hat. Eine kleine polnische Kirche, in der die Gemeinde in einer anderen Sprache singt; eine traditionelle Speise, die seit Jahrhunderten in einigen wenigen oder mehreren Dutzend Häusern der Gegend zubereitet wird, und diese Speise ist vielleicht die einzige Erinnerung an die lange Reise von den schneebedeckten Bergen, die einst die Vorfahren machten; ein Handwerk aus einer fernen Heimat; ein paar Wörter in einer anderen Sprache, die man in der Kindheit gehört hat und die die Nachbarn nicht verstehen.
Ja, diese Inselchen sind klein, manchmal so winzig, dass man sie ohne die Juwelierlupe nicht sehen kann: wie ein Einschluss auf einer mehr oder weniger homogenen Oberfläche, wenn auch zweifellos interessant, aber dank dieser Kristalle des Andersseins unermesslich reicher. Dieses Buch ist genau solch eine Lupe, eine bewegende, präzise und liebevolle Linse, die uns an Orte führt, wo sich das „Ukrainische“ plötzlich ausdehnt, sich allen Teilen der Welt öffnet und die absurden Mauern des ethnischen Nationalismus so natürlich überwindet, wie ein Fisch über die Grenzen Hoheitsgewässer von wem auch immer hindurchschwimmt. Es ist zweifellos ein Beweis für Weisheit und Reife, sagen zu können: unsere Armenier und Juden, unsere Polen, Tschechen und Slowaken, unsere Roma, unsere Deutschen, unsere Gagausen, unsere Walachen und Albaner. Nur dann, und nicht eher, werden sie alle aufhören, heimatlos zu sein. Ja, heimatlos und das durch unsere Schuld, die Schuld der sogenannten gesellschaftlichen Mehrheit. Solange sie Fremde bleiben, wird ihnen ein Ort verweigert: Ein Fremder ist jemand, dem ein Platz im Raum vorenthalten wird, der immer „anderswo“ sein sollte. Diese Menschen – diejenigen, die die Hauptlast von Stalins Deportationen und manchmal ebenfalls von postsowjetischen Nationalismen getragen haben – wissen genau, was dies bedeutet. Deshalb sind sie darüber nicht überrascht. Oft erwarten sie von uns nichts mehr. Meistens fallen sie in Schweigen und verschwinden. Sie gehen fort, assimilieren sich endlich. Sterben.
„Ich habe Angst.“
„Vor wem?“
„Allen.“
„Weshalb?“
„Ich weiß nicht.“
„Erzählen Sie es?“
„Nein.“
Dieser Dialog stammt aus dem Text über die letzte Armenierin im Karpatendorf Kuty, die die einzige lebendige Erinnerung an die einst große und lebendige Gemeinde geblieben ist. Ja, sie schwiegen oft: Ihre Biografien, Herkunft und Namen, ihre Sprache waren oft ein hinreichendes „Corpus Delicti“. Aber warum schweigen sie immer noch?
Diese Frage müssen wir uns ständig stellen. Es gibt wenige Dinge auf der Welt, die gefährlicher sind als der Wunsch nach sprachlicher und kultureller Homogenität. Und es gibt nur wenige Dinge, die trauriger sind als der Unwille, diesen Prozess rückgängig zu machen, nachzuschauen, was unter der Dampfwalze der Geschichte überlebt hat: diese verstreuten Kristalle, Erinnerungen, „kleinen Geheimnisse“. Aber vor allem sind es Menschen, unsere lebenden Landsleute, von deren Existenz wir oftmals keine Ahnung haben. Seien wir ehrlich: Wissen wir viel über unsere türkischen Mecheten? Über unsere Schweden? Ohne ein solches Wissen werden sämtliche edlen Bemühungen, eine „ukrainische politische Nation“ zu schaffen, fruchtlose Gesten sein, ein Sprechen ins Leere. Es ist unmöglich, den Anderen zum Dialog aufzurufen, ohne seinen oder ihren Namen zu kennen.
Deshalb: lesen Sie dieses Buch, lesen Sie es sorgfältig.
Und noch etwas zum Schluss: Du wirst nie vorhersagen, in welchem Moment und nach welchen Kriterien man dich (oder mich, oder wen auch immer) als Fremden oder fremd brandmarkt, der die Ordnung, die Reinheit der Landschaft, das Konzept dieser oder jener Designer bedroht. Deshalb sind wir alle Andere, die nur durch Verständnis, Empathie und Liebe zusammengehalten werden. In diesem Buch geht es auch darum. Nein, es geht vor allem darum.
Ostap Slywynskyj
© Serhij Poleschaka
„Es war so: Als man die tschechischen Jungs für den Krieg einzog, da traten sie ein in das Armeekorps von General Ludvik Svoboda“, erklärt Josyp Mychaltschyn aus dem Dorf Hruschwyzja Perscha in der Nähe von Riwne laut und ausdrucksstark. „Die Tschechen sahen sofort, was Kolchosen bedeuteten und wer die Sowjets wirklich waren. Und ein Tscheche sagte dem Kommandanten: ‚Wir wollen aus den wolhynischen Kolonien zurückkehren in unsere Heimat. Wir werden Prag befreien – aber lasst uns zurückkehren.‘“
Die Prager Operation, die am 11. Mai 1945 endete, wurde die letzte Offensivoperation der Roten Armee in Europa während des Zweiten Weltkriegs. Hierbei nahmen die sowjetischen Truppen mehr als 850.000 deutsche Soldaten und Offiziere, dazu 35 Generäle, gefangen. An der Befreiung Prags nahmen auch die wolhynischen Tschechen aktiv teil. Kommandant Svoboda hatte keine Wahl, er musste die Vereinbarung erfüllen und den Kolonisten die Rückkehr gewähren.
Die Tschechen warteten mehr als ein Jahr auf die Genehmigung und unterzeichneten am 10. Juli 1946 in Moskau ein Dokument mit dem endlosen Titel: Abkommen zwischen den Regierungen der Tschechoslowakei und der UdSSR über das Recht der Option und der wechselseitigen Umsiedlung tschechischer und slowakischer Bürger, die in der UdSSR auf dem Territorium des ehemaligen Gouvernements Wolhynien leben, und den Bürgern russischer, ukrainischer und belarussischer Nationalität, die auf dem Territorium der Tschechoslowakischen Sowjetrepublik leben.
So erhielten etwa vierzigtausend Tschechen, die sich in den 1860er Jahren in Wolhynien angesiedelt hatten, das Recht, das Land zu verlassen. Und die meisten nahmen dieses Recht wahr. Sie hatten sich in den ukrainischen Ländern gut geschlagen: Jahrzehnte harter Arbeit trugen gute Früchte. Die tschechischen Bauernhöfe waren hier die reichsten, ihre Häuser am besten gebaut, es gab genügend Kirchen und Brauereien. Mit der sowjetischen Ordnung erwies sich jedoch dieses Leben als unvereinbar.
„Es ist schwer, sich von den Orten zu trennen, in denen wir geboren wurden, wo unsere Eltern und wir uns abgearbeitet haben, um unseren Nachkommen eine bessere Zukunft zu sichern“, sagte 1947 Vladimir Šrek, ein Tscheche, bei der Messe in der einheimischen tschechischen Kirche. „Alles ist geschaffen von unseren Händen, besprengt mit unserem Schweiß, wir dachten, dass uns das alles für immer gehört. Und jetzt verlassen wir Wolhynien mit einem Beutel über den Schultern, fast ohne Geld, wie lassen fast alles zurück. Aber sind unsere Eltern etwa mit mehr Reichtum nach Wolhynien gekommen, als wir es jetzt verlassen? Die Früchte unserer Arbeit bleiben hier.“
„Wer von uns hatte keinen befreundeten Tschechen, mit dem wir uns gerne trafen und unterhielten? Wir werden sie vermissen, wenn sie gehen“, fügte der orthodoxe Priester hinzu.
Nach der Ansprache begannen die Gemeindeglieder so wie der Pater zu weinen.
„Jozef Gavliček, 1932. Irgendwo muss das Schildchen sein“, wiederholt Josyp Mychaltschyn und bahnt sich seinen Weg durch das wuchernde Gebüsch. „Hier, unweit der Straße, steht als erstes unser Haus. Und dort“, er winkt mit der Hand in Richtung des Dickichts, „waren alles tschechische Häuser. Und da hinten Tschechen und hier entlang Tschechen, insgesamt gab es in unserem Gebiet eintausendzweihundert Tschechen. Einige haben hier eingeheiratet, dann sind sie geblieben. Gerade vor kurzem haben wir die Tschechin Karolina beerdigt, Raček ist auch geblieben. Aber sie sind alle schon verstorben.“
„Hier gab es eine Straße. Oh weh, wie alles überwuchert ist. Nun, immerhin gibt es einen Weg“, seufzt er und schlägt sich beharrlich einen Weg durch das Gesträuch.
Josyps Familie kam aus der Ostslowakei, um eben jene tschechischen Kolonisten zu ersetzen.
„Als wir ankamen, war nur der Himmel zu sehen, sonst weit und breit nichts. Ich war damals sieben Jahre alt, ich erinnere mich. Die Frauen hoben ihre Hände weinend gen Himmel. Erst dann betraten wir die Häuser. Unseres war gerade das von diesem Gavliček, so steht es auf dem Grundstein. Unser Grundstück ist hier“, er zeigt auf ein weites Feld. „Bearbeite es nach Herzenslust.“
Davor hörte Josyps Vater in der Slowakei Aufrufe wie diesen: „Liebe Brüder und Schwestern! ... Wir haben eine große Idee, ein großes Ziel – die Vereinigung des gesamten russischen Volkes, so dass es nicht mehr soziale oder nationale Unterdrückung leidet. Die sozialistische Ordnung und das sozialistische System der Sowjetunion sind die höchste Form der Demokratie auf der ganzen Welt. Diese Form, wo die Werktätigen die Macht in ihre Hände genommen haben, vollbringt unter der Führung der Kommunistischen Partei Wunder.“
Postkarten mit so einem Text unter der Überschrift „Wenn du Russe bist, ist dein Platz in Russland“, irgendwie angepasst an die Landessprache, tauchten im Februar 1946 in den Dörfern der Ostslowakei auf. Die sowjetischen Behörden versuchten die Einheimischen zu überreden, nach Wolhynien zu ziehen. Die demografische Lücke, die durch den Exodus der Tschechen entstanden war, musste geschlossen werden.
„Die Propaganda war schrecklich“, sagt Josyp. „Niemand hätte gedacht, dass auf einem so hohen staatlichen Niveau mit so großen Lügen gearbeitet würde. Diese sowjetischen Emissionäre malten aus, dass hier Flüsse von Milch fließen.“
Die Behörden der UdSSR versprachen, nicht nur die Menschen, sondern auch ihr Vieh, Möbel und Werkzeuge schnell und bequem in die Ukraine zu transportieren. Wohnraum wurde nach folgendem Schema garantiert: In der Slowakei verkauft eine Familie ihr Haus oder übergibt es dem tschechoslowakischen Staat und erhält dafür umgekehrt ein sogenanntes Bewertungs-Zertifikat, orientiert an dem geschätzten Wert der Immobilie. Am neuen Standort kauften sie ein Haus entweder für „bares“ Geld oder indem sie ihr Zertifikat eintauschten. Auf jeden Fall, versicherten die Agitatoren, werden die Lebensbedingungen ausgezeichnet sein, da die Tschechen geräumige, hochwertige Ziegelhäuser zurücklassen. Und wenn sie die großen Flächen fruchtbaren Landes hinzunähmen und am Aufbau einer idealen Gesellschaft teilnehmen, wie könnten sie dem nicht zustimmen? Wenn ihnen das nicht gefalle, so beruhigten sie die Slowaken, könnten sie innerhalb von zwei Jahren ohne Probleme zurückkehren.
Der Vater des kleinen Jošek, Mikula Mihalčin, hörte den Agitatoren zu und war entzündet von der Idee, „nach Rusko“, nach Wolhynien, zu gehen. Es gab ungefähr 12.000 Optanten wie ihn, Leute, die sich entschieden, ihre Staatsbürgerschaft im Rahmen einer Vereinbarung zwischen den beiden Staaten zu ändern.
„Unsere Leute haben sich angemeldet. Warum auch nicht? Uns wurde ein solches Paradies beschrieben. Einen ganzen Bauernhof, Pferde, alles sollte es geben“, sagt Josyp.
Aus seinem Heimatdorf Chmeľová in der Nähe von Bardejov zog ein Drittel der Bevölkerung ab.
„Züge, Wagons, Abschiede, Tränen“, erinnert er sich. „Wir sind lange gefahren. Ungefähr eine Woche! Weil es bei der Eisenbahn allerlei Unstimmigkeiten gab. Zumal wir in Viehwagons reingefahren sind, weil es keine Passagierwagons gab. Wir haben dort geschlafen. Und stellt euch vor, man musste dort etwas essen, kochen und warm machen. Jede Familie hatte einen Wagon. Wir mussten sowohl Getreide als auch Geflügel mitbringen. Und in einem zweiten Wagon gab es Vieh. Die Leute nahmen alle Arten von Geflügel mit, was immer sie hatten. Nur die Tschechen fuhren ohne etwas, mit einem Säckchen auf dem Rücken.“
Den Slowaken wurde eine baldige Ankunft versprochen. Durch die schlechte Koordination zwischen den sowjetischen Funktionären in beiden Ländern standen die Migrantenzüge jedoch mehrere Tage an Zwischenstationen oder auf Nebengleisen. Die Reise zog sich hin über ein oder gar zwei Wochen. Und Futter für die Tiere hatten sie nur für ein paar Tage mitgenommen. Es war schwer. An den Endstationen mussten die Optanten oft selbst nach Gütertransporten ins Dorf suchen, obwohl die Sowjetunion versprochen hatte, den ganzen Weg bis zum neuen Zuhause zu gewährleisten. Manchmal dauerte die Suche nach einem Karren oder einem Auto mehrere dutzend Stunden, während die Familie mit all ihren Habseligkeiten auf dem Bahnsteig wartete.
„Als wir ankamen, haben wir sofort alles verstanden. Nach dem Krieg war eine schreckliche Hungersnot, Verwüstung.“ Josyp schaut in den Garten. „Aber das Tor war schon geschlossen. Es gab kein zurück.“
Von Ende 1947 und Anfang 1948 sind Fälle belegt, in denen Dutzende von Menschen ihr Eigentum verkauften, Pferde kauften, die wertvollsten Dinge auf Karren verluden und gruppenweise zur Grenze zogen. Dies war insbesondere der Fall in den Dörfern Mytnyzja und Kwasyliw in der Region Riwne. Sie schafften es jedoch gerade mal, fünfzig Kilometer zurückzulegen, da die Sicherheitskräfte sie zurückwiesen. Die Kwasyliwer Optanten widersetzten sich und die Polizei setzte physische Gewalt ein. Zwei Personen wurden festgenommen. Ein junges Mädchen wurde an Armen und Beinen gepackt und in ein Polizeiauto geworfen: Sie starb, weil ihr Kopf an die Metallkarosserie schlug.
„Oh Gott, die Walnussbäume stehen immer noch da. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr hier“, gesteht der Mann.
Wir bahnen uns einen Weg durch das Dickicht zum alten tschechischen Haus, in dem Josyp seine Kindheit verbracht hat, und wo seine Eltern, Mikula und Zuzana Mihalčina, versuchten, ein neues Leben zu beginnen.
„Wir begannen, das Land zu bewirtschaften: vier Hektar Land ... Der Boden war wunderbar im Vergleich zu den Karpaten. Aber es gab eine Hungersnot, eine Dürre im Süden und Osten der Ukraine. Leute baten um Almosen: Sie liefen tagsüber und nachts. Versuchten einzubrechen. Papa zog vom Haus aus zum Birnbaum Glöckchen, um sie kommen zu hören. Denn tagsüber fragten sie und nachts konnten sie stehlen. Und wenn meine Mutter etwas zu essen gab, erwiderten sie: Danke, Stalin, dass wir in den Westen laufen durften. Sie war empört: Warum danke, Stalin? So haben wir gearbeitet, bis die Kolchosen begannen. Die Leute waren nicht sehr dagegen, weil es schwierig war.“
Im September 1949 nahm die Kolchose Neues Leben ihre Arbeit in Hruschwytzja offiziell auf.
„Als sie kamen, um das Eigentum zu übernehmen, mussten wir eine Auflistung abgeben. Die Agitatoren sagten: Das gehört alles uns, das gehört alles allen gemeinsam. Das war unsere erste Lektion in Sozialismus.“
Da die meisten Siedler in arm waren, verstanden sie die Vorteile der kollektiven Landwirtschaft. Wohlhabende Familien, die man Kulaken nennen könnte, gab es unter ihnen nicht. Anträge auf Mitgliedschaft in der Kolchose wurden meist freiwillig gestellt. Die Bauern übergaben Kartoffeln und Getreide zur Aussaat, um die künftige Ernte einfahren zu können. Die Situation mit den privaten Grundstücken war schlimmer. „Die Menschen verstanden nicht, warum der Garten, den sie angelegt und gepflegt haben, zur Kolchose gehört“, schrieb der Wissenschaftler Stepan Kruschko in seinem Buch Optanten. „Es gab Fälle, in denen Bauern Landstückchen säten, die nicht kultiviert wurden, zum Beispiel an mehreren Straßenrändern. Als die Funktionäre der Kolchose davon erfuhren, wurde der Bauer besteuert, das Getreide wurde gemäht, ohne es reifen zu lassen, die Kartoffeln wurden ausgegraben und von den Bäumen schlugen sie die Früchte herunter.“
„Ich habe bei Komsomol-Einsätzen auf unberührten Böden Kasachstans gearbeitet, habe mich dann mit Musik und Kultur beschäftigt. Ich habe ein bisschen an der Musikschule studiert, konnte mir aber kein Bajan – Knopfakkordeon – für die Aufführung kaufen. Das Bajan kostete sechshundertfünfzig Rubel, im Kulturhaus hatte ich aber ein Gehalt von sechsunddreißig. Dann arbeitete ich als Fahrer, dann im Kraftwerk, wo mein Sohn jetzt arbeitet.“
Josyp spielte auch die Domra und sprach auf dem Kongress der fortschrittlichen Kolchosbauern.
„Und dann sah ich einmal die Anzeige in der Zeitung: Rekrutierung für leitende Positionen in der Landwirtschaft. Wie? Werden auf diese Weise Leute für Positionen ausgewählt? Ich konnte das nicht verstehen. So wurde ich vor vierzig Jahren Abgeordneter. Mein Freund war Dorfvorsteher, und er registrierte mich als Stellvertreter. Nun gut, dann sollte es so sein. Ich kam in die Versammlung und sagte als Abgeordneter ein paar Worte über meinen Wahlkreis. Zuallererst sei es nötig, Straßen zu bauen, denn man käme nur mit dem Hubschrauber hierher. Außerdem brauchten wir einen Kultivator. Ich schlug auch vor, den Dorfrat in das Kulturhaus zu verlegen und dort ein Hotel einzurichten. Ich hatte bereits gesehen, dass es dort Fernfahrer gibt. Warum also nicht Geld damit verdienen? Und das sind bereits fünfzig Kollektivbauern, die Arbeit haben würden. Darauf wurde mir gesagt: ‚Ach du, Mychaltschyn, du erzählst eine gute Geschichte.‘“
Wolodja Mychaltschyn, Josyps Enkel, steht am Haus der Kultur und diskutiert über irgendetwas lebhaft am Telefon: „Nun, wir haben fünfunddreißig Meter Verlängerungskabel!“
Die Idee, den Dorfrat zu verlegen und ein Hotel zu errichten, wird noch umgesetzt, wenn gleich ein halbes Jahrhundert nach der Ankündigung durch den Großvater. Der Erlös des Hotels soll der Gemeindeentwicklung zugutekommen.
Jetzt ist Wolodja der stellvertretende Dorfleiter von Hruschwyzja Perscha. Er ist vierundzwanzig. Er studierte in Kiew, wollte dort aber nicht bleiben. Die Stadt ist zu sehr russischsprachig, sagt er.
„Das mochte ich nicht. 2015 kehrte ich ins Dorf zurück und wechselte ins Fernstudium. Die Eltern sagten, wenn du es selbst bezahlst, dann mach. Ich ging. Dann gab es gerade Kommunalwahlen, an denen ich teilgenommen habe. Ich war einundzwanzig Jahre alt.“
„Einundzwanzig?“, staune ich.
„Ich hatte den Wunsch nach Veränderung, ich wollte verstehen, wie alles funktioniert. Ich habe mich schon von der Schule an für Politik interessiert, vielleicht weil mein Großvater viel darüber geredet hat. Schon als ich zehn war, nahm er mich mit zur Orangenen Revolution. Wir verbrachten die Nacht dort. Die Leute marschierten, ein ganzes Meer! Hunderttausende! Ich habe so etwas noch nie gesehen. Winter, Schnee, und alles ist orange.“
Und als Wolodja Student in Kiew war, begann der Euromaidan.
„Wir liefen in einer so großen Kolonne, dass wir teilweise die Fahrbahn des Prospekt Peremohy betreten mussten. Ich war in Kiew und mein Großvater nahm selbst einen Bus von Riwne. Wir hörten, dass es Proteste in der Nähe der Präsidialverwaltung gab, zogen dorthin. Ich bekam meine Dose Tränengas ab.“
Der junge Mann kehrte nach Hruschwyzja Perscha zurück und führte unerwartet den Wahlkampf des Dorfvorstehers an.
„Zum ersten Mal im Dorf gab es eine Debatte, zum ersten Mal veröffentlichten wir Wahlprogramme. Die Kandidaten gingen von Haus zu Haus und redeten. Das war cool.“
Im Laufe eines Tages schafft es Wolodymyr mehrmals, durch das Dorf zu gehen, ein Dutzend Dinge zu tun: die gekauften Zelte, Matten und Rucksäcke für einheimische Kinder abzuholen, zum Gebiet des zukünftigen Erholungszentrums mit See zu laufen und die Delegation zu begrüßen, in den Kostümraum im Haus der Kultur zu schauen, die Siedlung zu besuchen, die ein Zentrum für Tourismusentwicklung werden soll. Uns wird ganz schwindelig
