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»Man sagt, man kann den Zustand eines Ortes daran erkennen, wie es seiner Wildnis geht. Und ich sage, da draußen stimmt was nicht.«
Flirrende Hitze, raschelndes Sumpfgras und tödliche Alligatoren, die lautlos durchs Wasser gleiten: Versunken in den Sümpfen Louisianas liegt das verwunschene Jacknife, in das sich niemand mal so eben verirrt. Als die Journalistin Loyal hierhin zurückkehrt, hofft sie, sich mit ihrer besten Freundin aus Kindheitstagen zu versöhnen. Doch bevor Loyal mit ihr sprechen kann, wird sie ermordet aufgefunden. Niemanden interessiert es, was mit der jungen Frau passiert ist, die schon immer als Außenseiterin galt. Also beginnt Loyal, selbst Fragen zu stellen. Als sie Geheimnisse zutage fördert, die einige lieber unentdeckt gelassen hätten, zieht sich auch für sie die Schlinge zu ...
Ein Roman wie eine Naturgewalt: über den Mut einer Frau, sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben, und einen besonderen Ort, der uns den Atem raubt.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Aus solchen Orten zieht man weg.«
Und Loyal ist weggezogen. Als Teenager nahm ihr Vater sie mit in die Großstadt, nachdem ein Unfall alles veränderte – und Loyal mit ihrer besten Freundin Cutter brach. Cutter, die so viel stärker und mutiger war als sie selbst. Die Loyal immer beschützte, wenn die anderen in der Schule über sie herfielen, weil Loyal nie dazugehörte. Die sie immer bewunderte.
Jahre später kehrt Loyal zurück nach Hause: Ihre Mutter zeigt erste Anzeichen von Demenz, jemand muss sich um sie kümmern. Vielleicht ist das die Chance, sich endlich mit Cutter zu versöhnen und das schlechte Gewissen zu beruhigen, das Loyal seit damals quält. Doch dazu kommt es nicht: Cutter wird tot aufgefunden. Nicht nur die Trauer überwältigt Loyal, sondern auch der Schock, dass es niemanden zu interessieren scheint, was mit ihrer Kindheitsfreundin passiert ist. Das vorschnelle Urteil, Cutter habe Selbstmord begangen, überzeugt sie nicht. Etwas Furchtbares ist geschehen, das spürt Loyal. Und sie wird herausfinden, was.
1995 in Gloucestershire geboren, studierte Anna Bailey Kreatives Schreiben an der Bath Spa University. Eine Zeitlang lebte Anna in Texas und den Wäldern von Colorado. Nach einigen Jahren als Journalist:in in Großbritannien wohnt Anna heute in Frankreich.
Julian Haefs wurde 1984 in Bonn geboren. Er studierte Kommunikations- und Produktdesign in Köln, anschließend Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Seit 2015 arbeitet er als freier Literaturübersetzer für Englisch und als Lektor in Bonn.
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Anna Bailey
Unsere letzten wilden Tage
Roman
Aus dem Englischen von Julian Haefs
Cover
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Inhaltsverzeichnis
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Widmung
Eine Straße, ein paar Bäume
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Danksagung
Impressum
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Für meine Frau Aude
Ein Mädchen bricht aus dem Wald hervor. Sie stolpert auf die Straße und versucht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, wirbelt gelben Staub mit den schmutzigen Sohlen ihrer Sneaker auf, hält aber nicht an, nicht einmal, um sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht zu streichen. Sie ist groß für ihr Alter, was sie älter erscheinen lässt, als sie ist – kaum dreizehn Jahre –, und in diesem Moment wirkt ihr Körper wie etwas, worüber sie vollständig die Kontrolle verloren hat, sie jagt die Straße entlang, ihre Knie pochen bei jedem taumelnden Schritt. Aber sie hält nicht inne. Sie wagt es nicht.
Die Abendluft ist seltsam zäh, als hätte ganz in der Nähe jemand eine Ofentür offen gelassen. Zu beiden Seiten wiegt sich Louisiana-Moos in den Ästen der krummbeinigen Zypressen, während zwischen einer alten Entenjägerhütte und den hochgestellten Balken eines Fischerboots, das im hohen Gras hockt wie die Knochen eines längst verendeten Tiers, die Schatten wachsen. Über ihr kämpft sich der Mond durch verzweigtes Geäst. Das Mädchen wirft einen Blick über die Schulter und keucht so schwer, dass sie in den Augenwinkeln wie aus dem Nichts Farben aufblitzen sieht. Schotter hängt ihr im Rachen, ihre Kehle juckt so elend, als würde sie bluten.
Aber die Straße hinter ihr ist leer. Und doch rennt sie immer weiter.
Nichts kommt aus dem Wald hervor.
Der Landkreis Assumption besteht zum Großteil aus Hinterland, durchzogen von Waldgebieten und Wasserwegen und in der Mitte zerteilt vom Lake Verret, der sich in die große Lebensader des Atchafalaya River entleert und so dem Golf von Mexiko zustrebt. Die meisten Ballungsräume des Landstrichs liegen östlich des Sees – kleine, von Ackerland umrahmte Ortschaften. Am westlichen Ufer liegen zwischen Bäumen und dem Sumpf verstreut nur wenige Siedlungen. In Jacknife wirbt eine Reklametafel für Metalldetektoren, Munition und Speiseeis der Sorte Snow Kone – mit K. Vor der Reinigung lassen dunkle Flecken rings um die frei liegenden Rohrleitungen erahnen, dass Rost in die Wandfarbe gekrochen ist. Ein verwittertes Holzpferd, Überbleibsel eines Karussells, wirft einen hüpfenden Schatten auf den Bürgersteig, der rasch schmaler wird und bald zwischen Unkraut und Fast-Food-Verpackungen verschwindet. Jacknife ist kein Ort, an dem die Menschen einfach zu Fuß gehen können. Die Hitze würde sie unterwegs umhauen.
An der Ecke Main Street wird das Diner langsam, aber sicher vom dahinter liegenden Sumpf verschluckt. Der Geruch, der sich hartnäckig in der Luft hält, ist eine Mischung aus den Chemikalien der Kunststofffabrik flussabwärts und dem bitteren schwarzen Kaffee, für den die Fabrikarbeiter und Fischer vor Beginn ihrer Schicht in Scharen anrücken. Die Neonröhren summen hier von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends, werden reflektiert vom farblosen Linoleumboden und den Tischplatten aus Resopal. Alles schwitzt in der Bruthitze des südlichen Louisiana.
Vor der Tür prahlt ein im Lauf der Jahre immer wieder neu überkritzeltes Schild mit Steak von heimischen Alligatoren – so lecker, da lässt Ihre Zunge Ihnen das Hirn platzen! Als kleines Mädchen hatte Cutter Labasque ihren Brüdern oft dabei zugesehen, wie sie versuchten, gegen dieses Schild zu pissen. Dewall war der Einzige, der es je schaffte, denn er war der größte von ihnen. Obwohl er wusste, dass Cutter und ihr kleiner Bruder Beau es niemals hinkriegen würden, bestand er stets darauf, sie in den Nächten, in denen ihre Eltern komplett besoffen waren, zum Diner mitzuschleifen, denn das war alles, was Dewall hatte: diese Bestätigung, dass er etwas konnte, was andere nicht konnten.
Sie sind zu dritt aufgewachsen, mit aufgeplatzten Lippen und blutigen Knöcheln, haben Alligatoren gejagt und deren Eier für die Farm ihrer Eltern gesammelt, die am Ende das Einzige war, was Vin Labasque und Gina Stokes ihren Kindern hinterließen, als ihr Wagen mit hundert Meilen pro Stunde vom Highway abkam. Die Farm, einen großen Stapel unbezahlter Rechnungen und eine tückische Bösartigkeit zwischen den drei Geschwistern, die ihre Eltern jahrelang genährt hatten.
Cutter ist ein Brecheisen von einer Frau: achtundzwanzig, dreckige Stiefel und dunkles Haar, das sie nachts auf einem Kneipenklo an einer Seite komplett abrasiert hat. Wer ihr zu nahe kommt, würde wahrscheinlich den Joint riechen, den sie eben noch im Auto geraucht hat – ein Kraut, das schmeckt wie der sumpfige Flussarm, in dem sie als Kind beinahe ertrunken wäre –, aber das tut niemand. Ihr zu nahe kommen. Seit der Nacht ihres sechzehnten Geburtstags, als der Sohn des Sheriffs versuchte, die Hand in ihr Tanktop zu stecken, und Cutter ihm in den Finger biss, halten sich Männer wie Frauen von ihr fern.
»Wonach hat der geschmeckt?«, hatte der kleine Beau neugierig gefragt, während Dewall die Bullen anbrüllte.
Cutter hatte mit den Schultern gezuckt und sich zwischen den Zähnen gepult. »Wie die Muschi von ’ner anderen Tussi.«
Sie kommt fast jeden Morgen im Diner vorbei – vorgeblich, um ein paar Kilo Alligatorfleisch abzuliefern, aber eigentlich schätzt Cutter vor allem die Ruhe. Nein, das ist das falsche Wort. Im Diner ist es nie wirklich ruhig, der Raum ist stets erfüllt von klimpernden Tassen und Besteck, vom Knarren der Barhocker am Tresen, vom Surren der Deckenventilatoren, von der verstohlenen Gerüchteküche, vom Reizhusten der Fabrikarbeiter. Aber all das bildet in Cutters Kopf eine Art weißes Rauschen, das einen dringend nötigen Ausweg darstellt – von der Farm, von den Schulden, von ihren Brüdern. Vor allem heute Morgen. Vor allem im Wissen um das, was sie tun muss.
Dankbar für die Ablenkung, hört sie Kaylee Petitpas zu, der jungen Kellnerin, die gerade die Theke abwischt, wo ihr Bruder Sasha und ihr Freund Tyrone den Rest ihres Kaffees runterkippen.
»Habt ihr gehört, dass Loyal wieder da ist?«, sagt Kaylee gerade. »Nina hat sie an der Tanke gesehen. Angeblich hat sie jetzt voll die schicke Karre. Und offenbar hatte sie ’nen Anzug an, als wär sie auf dem Weg zu ’ner Beerdigung oder so.«
»Loyal … war das nicht die, die ständig Verkehrsschilder geklaut hat?« Tyrone ist kaum einundzwanzig und hat bereits ein Kratzen in der Stimme, das vom Kehlkopfkrebs kommt. Cutter weiß, dass er immer noch auf eine Entschädigung von der Kunststofffabrik hofft, aber das Verfahren ist zäh und teuer. Er witzelt oft, hier in der Gegend seien alle so arm, dass selbst die Fabrik erst einmal sparen müsse, um ihn bezahlen zu können.
»Nee, das waren die Morgan-Brüder«, sagt Sasha Petitpas. »Loyal May war in der Abschlussklasse, als wir in die Oberstufe gekommen sind. Schon ein bisschen süß, wie eine traurige Lehrerin.«
»Wie was bitte?« Kaylee grunzt.
»Sie hat irgendwie clever gewirkt, aber auch tiefgründig. Du kapierst das eh nicht, du bist keins von beidem.«
Tyrone grinst. »Warte mal, redest du etwa von der fetten Tussi, der ein Alligator die halbe Hand abgebissen hat? Die fandest du süß?«
»Ein bisschen, hab ich gesagt! Bis die Sache mit der Hand passiert ist. Das war widerlich.«
Kaylee verdreht die Augen. »Junge, du hast das nicht mal gesehen!«
Sie ist eindeutig Sashas Zwilling – sogar was die Art angeht, wie die beiden ein Auge zukneifen, wenn sie grinsen, als würden sie eine Zielscheibe anvisieren. Kaylee hat eine wilde Mähne, brüchig von zu viel Bleichmittel, Sashas Haar ist pink ausgewaschen mit fettigen Wurzeln und lässt den verpfuschten Versuch eines handgestochenen Tattoos hinter dem linken Ohr durchschimmern. Beide teilen die Vorliebe, nachts, wenn die Frachtzüge die Schienen entlangdonnern, auf den Gleisen zu stehen in der Hoffnung, dass jemand herausspringt und sie rettet.
Jetzt lässt Sasha den Blick rasch durch den Raum schweifen und beugt sich weiter vor. In seiner Stimme schwingt eine düstere Genugtuung mit. »Ihr wisst, was Loyal hier wirklich macht, oder?«
Er suhlt sich in der Tatsache, dass sie es nicht wissen, wie man es eben tut, wenn man so wenig hat, dass man jeden Fetzen Klatsch und Tratsch auskosten muss, als wäre er ein zerknüllter Geldschein.
»Loyal ist zurück in Jacknife, weil ihre Mom durchgeknallt ist.«
»Ihre Mom war schon immer durchgeknallt«, sagt Kaylee. »Was glaubst du, warum ihr Daddy weggelaufen ist?«
»Nein, anders. Angeblich haben die Nachbarn Rosa May im Garten gefunden, wie sie mit den Händen in der Erde gewühlt hat. Also haben sie die Bullen gerufen, und Loyal konnte bei ihrer tollen Zeitung in Houston einpacken, um wieder zurück ins Nirgendwo zu ziehen.«
Kaylee sieht ihren Bruder stirnrunzelnd an. »Woher weißt du das alles?«
»Weil Loyal jetzt für meine Zeitung arbeitet. Sie hilft mir und Onkel Chuck dabei, sie online zu stellen.«
»Ach bitte, ein Haufen Horoskope und Bewertungen über Wels-Steaks zählen wohl kaum als Zeitung.«
Sasha streckt ihr die Zunge raus, dann schneiden sie sich gegenseitig Grimassen, und das Gespräch mäandert zu Autoteilen und Popsongs, dazu, welches Mädchen, mit dem sie in der Schule waren, schon ihr drittes Kind kriegt, wer einen streunenden Hund in ihrem Hof abgeknallt hat.
Cutter hört kaum noch was davon.
Loyal ist also endlich nach Hause gekommen. Nach all den Jahren.
Cutter kann nur noch daran denken, dass ihre Brüder nichts davon erfahren dürfen – noch nicht. Erst, nachdem sie das Chaos der letzten paar Wochen beseitigt hat. Ihre Brüder werden ohnehin schon sauer genug sein; das Letzte, was sie brauchen, ist, dass auch noch Loyal vorbeikommt und alte Wunden wieder aufreißt.
Plötzlich ist Cutter zu heiß, der schwüle Muff des Diners drückt sich an sie wie ein unwillkommener Besucher in ihrer Sitznische. Sie lässt das Geld auf dem Tisch liegen und schleppt sich zur Tür, während zwischen ihren Augen die Kopfschmerzen erblühen. Als sie gerade nach draußen schlüpft, hört sie Kaylee Petitpas’ schnelle, scharfe Stimme, die auf ihren Rücken gerichtet ist: »Gott, ich wünschte, sie würde jemand anders mit dem Fleisch vorbeischicken. Sie ist mir echt nicht geheuer.«
»Wäre dir einer ihrer Brüder lieber?«, sagt Sasha. »Die ganze Familie ist verrückt. Die haben selbst gebaute Landminen im Garten. Dewall ist bestimmt ’n Nazi oder so ’ne Scheiße.«
»Ich wette, deine traurige Lehrerin war froh, die los zu sein«, schiebt Tyrone hinterher. »Waren die das nicht, die ihr das angetan haben? Die versucht haben, Loyal an die Alligatoren zu verfüttern?«
Cutter knallt die Tür hinter sich zu.
Über dem Parkplatz wiegen sich die blühenden Kudzu-Ranken an den Telefonkabeln träge im Wind. Die Luft wirkt überreif. Es ist früh genug, dass über der ungemähten Weide, die vom Diner bis hinab zu den Feuchtgebieten am Lake Verret reicht, noch ein fahler Nebel hängt, über dem die klobigen Eichen zu schweben scheinen. Die Lärchen dazwischen wirken vornübergebeugt, von Wirbelstürmen über die Jahre in die Knie gezwungen, aber noch immer klammern sie sich fest, denn sie haben ihre Wurzeln tief ins Erdreich gegraben, lange bevor der erste Weiße einen Fuß in diese Gegend setzte. Das ist die Landschaft, an der Cutter ihre Krallen gewetzt hat. Orte wie dieser überall im Atchafalaya-Becken, die sich anfühlen, als würden sie bereits von der Natur zurückerobert, auch wenn sie es selbst noch nicht begriffen haben. Sie liebt es hier, aber gleichzeitig wirken die Bäume und das Wasser und die zirpenden Insekten im hohen Gras an diesem Morgen seltsam weit weg.
Etwas hat sich verändert.
Vielleicht hat sie selbst sich verändert.
Wie Cutter da auf dem Parkplatz steht, spürt sie einen Schauer über ihren Nacken laufen, obwohl es noch nicht mal acht Uhr und bereits drückend heiß ist. Beim Aufwachen hatte sie festgestellt, dass Dewall bereits mit dem Boot aufgebrochen war, inklusive Köder und Haken – losgezogen, um die Fangleinen ohne sie abzufahren, obwohl sie doch seine Scharfschützin ist. Daher ist ihr klar, dass er ihr auf die Schliche gekommen ist. Einen Dreihundert-Kilo-Alligator ins Boot zu wuchten ist eine Aufgabe für zwei, es sei denn, man ist scharf darauf, sich den Rücken zu verrenken oder sich von mächtigen urtümlichen Kiefern zermalmen zu lassen. Er will sie bestrafen – indem er sich selbst in Gefahr bringt, ja, und indem er ihr die Gelegenheit verwehrt, hinaus in die Sümpfe zu fahren, denn er weiß, das ist das Einzige, was sie dieser Tage noch in Fahrt bringt.
Es ist unvergleichlich. Wie die Welt verstummt, wenn ein Alligator in der Nähe ist. Wie keine Kröte und kein Vogel und kein Grashalm weit und breit es noch wagt, sich zu regen. Und dann das Wasser, plötzlich brodelnd, wenn dieser schwarze Kopf auftaucht und das uralte Reptil fauchend wie der Teufel hervorbricht, das Boot ins Wanken bringt und die Fangleine brennend durch Dewalls Hände jagt, während er das Vieh in Stellung bringt und bellt: »Gib’s ihm, Mädchen, gib’s ihm richtig!« Wie der krachende Gewehrschuss tief aus Cutter selbst zu kommen scheint, von einem Punkt unterhalb ihrer Rippen. Wie sie ihn in der Kehle und zwischen den Beinen spürt. Sie weiß, das Töten liegt ihr im Blut.
Aber sie schindet Zeit.
Drückt sich davor, sich in ihren Pick-up zu setzen und die gewundenen, leeren Meilen zum Bootssteg zurückzufahren, weil dann nichts mehr zwischen ihr und dem steht, was sie tun muss. Wenn man richtig in der Klemme sitzt, bleibt einem nicht viel Spielraum. Und sie wird sich ihren Brüdern stellen müssen, oder die werden sie stellen, und in dem Punkt hatte Sasha Petitpas durchaus recht: Die Labasques sind nicht wie andere Leute. Auf Verrat reagieren sie wie ein Bär auf eine Flanke voll Schrot.
Nach dem Tod ihrer Eltern war es Dewall, der ihr beibrachte, wie man in der Welt zurechtkommt. Wie sie sich gegen Typen behauptet, die doppelt so groß sind wie sie, ohne sich in die Hose zu machen, und dass sie gefälligst die Schnauze zu halten hat, wann immer Bullen in der Nähe sind. Er brachte ihr bei, wie man ganz still im Unterholz lag und auf Wild wartet, wie man eine Wunde näht, wie sie ihren Teil der Schmerzen erträgt und herunterschluckt. Die Liebe in ihrer Familie war von der groben Sorte, und das hatte sie stark gemacht.
Ihre Mutter sagte oft: »Du hast die Brücke hinter dir abgebrochen, jetzt löffel sie gefälligst aus.« Eine Mischung alter Redensarten, die sehr gut zu diesem Moment zu passen scheint. Cutter weiß, dass sie wirklich sehr stark sein muss, um die Schmerzen zu ertragen, die auf sie warten, aber sie kann sich nicht ewig vor dem Diner herumdrücken.
»Drauf geschissen«, sagt sie und rammt den Stiefelabsatz in den Staub. »Einfach drauf geschissen.«
Um der alten Zeiten willen stapft sie rüber zum Schild, macht den Reißverschluss auf und hockt sich ins gelbe Gras, das um den verrosteten Metallpfahl sprießt. Sie hofft, dass die Petitpas-Zwillinge sehen, wie sie dagegenpisst. Dann haben sie wenigstens was Neues, worüber sie sich das Maul zerreißen können.
Die Bungalows am Ortseingang von Jacknife stehen weit verstreut und sehen so verwahrlost aus, dass es fast exzentrisch wirkt. Hier wurde eine Tür zur Hälfte gestrichen und dann offenbar vergessen. Dort steht eine Leiter schon so lange an einer Hauswand, dass Kudzu sie an die Schindeln gefesselt hat. Fenster sind anstelle von Jalousien mit Zeitungen überklebt. Als Kind hat Loyal sich nie Gedanken über ihre Nachbarschaft gemacht. Die Häuser waren eben Häuser, genau wie der Himmel der Himmel war, und auf den Feldern stand hohes Gras, in dem sich Zecken und Giftschlangen tummelten. Jetzt aber, nach zehn Jahren in der Fremde, in denen sie nur selten zurückgekehrt ist, wenn ihre Arbeit es zugelassen hat, fällt ihr sofort auf, wie einsam hier alles wirkt. Es gefällt ihr nicht, wie dunkel die Fenster in ihrer Sackgasse sind. Wie man nirgendwo jemanden zu Gesicht bekommt, selbst wenn man genau hinsieht.
Der letzte Bungalow in dieser Straße gehört Loyals Mutter. Auch der sieht schlimmer aus, als sie es in Erinnerung hat, das Mauerwerk trägt die Narben einer abgerissenen Veranda, die nie ersetzt wurde. Aber als sie aus dem Auto steigt, schnappt sie einen frischen Duft auf, der sich in den heimeligen Geruch aus dem Backofen mischt, der aus der Küche herüberweht. Ein schöneres Willkommen, als Loyal erwartet oder zu verdienen geglaubt hat.
Rosa May ist nicht immer geliebt worden, also weiß sie mehr über die Liebe als die meisten. Für sie hat Liebe die Gestalt von polierten Schuhen und Wildblumen auf dem Tisch und dem Red Velvet Cake, den sie immer gebacken hat, als Loyal noch ein Kind war, vor allem, wenn die Kleine einen harten Tag in der Schule gehabt hatte. Bis die harten Tage zu zahlreich wurden und Loyals Vater sich beschwerte, die Kleine würde zu fett, was auch stimmte.
»Und wenn schon«, sagte ihre Mutter dann. »Willst du, dass sie wie du in der Krebsfabrik schuften muss? Was ist denn ein bisschen Kuchen verglichen mit dem Mist, den du den ganzen Tag einatmest?«
Jetzt steht Loyals Mutter da in der kleinen Küche, in der die Farbe von den Wänden blättert, und breitet weit die Arme aus. Auch sie sieht besser aus, als Loyal erwartet hat: Sie hat Farbe in den Wangen und das mausgraue Haar mit einem Seidentuch zurückgebunden, wie auf den alten Polaroids aus den Siebzigern, die im Haus verstreut hängen. Obwohl Loyal sehr wohl weiß, dass der Schein trügen mag.
»Ach, Liebes, schau dich an!«, sagt ihre Mutter. »Aber warum trägst du denn diesen Lippenstift? Du hättest dich doch nicht auftakeln müssen, nur um über die Landesgrenze zu fahren.«
Loyal weiß nicht, wie sie ihr sagen soll, dass sie es sehr wohl hatte tun müssen. Dass sie sich nur allzu gut an den missmutigen Teenager mit den schamesroten Wangen erinnerte, der dem Vater vor zehn Jahren über die Grenze von Louisiana nach Texas gefolgt war, mit viel Kummer und gebrochenem Herzen. Sie war weggerannt. Hatte gehofft, die Fehler, die sie gemacht hatte, würden zusammen mit der Heimat im Rückspiegel verschwinden. Sie kann die Dinge, die damals in Jacknife passiert sind, nicht ungeschehen machen, hatte sich aber halbherzig davon überzeugt, dass sich vielleicht niemand an sie erinnern würde, wenn sie sich anzog und benahm wie ein anderer Mensch.
Loyal wischt sich den Lippenstift mit dem Handrücken ab. Ihre Versuche, feminin zu wirken, kommen ihr oft vor wie ein schlecht sitzender Anzug. Hätte sie sich dazu durchringen können, ein paar Muskeln aufzubauen, hätte sie es in der Schule vielleicht zu einer furchteinflößenden Torhüterin bringen können, aber die Vorstellung, halb nackt in der Umkleide gesehen zu werden, war ihr so abstoßend erschienen, dass sie die Abende lieber damit verbracht hatte, im Bücherbus am Ortsrand zu stöbern oder allein im Wald zu sitzen und Geschichten zu schreiben, die zu nichts führten. Davon abgesehen liegt es ohnehin nicht am Gewicht – sie hat eine Menge üppiger Frauen mit tadellosem Modegeschmack oder derart gekonntem Make-up kennengelernt, dass selbst ein Profi neidisch wäre. Es kommt ihr nur manchmal so vor, als wäre Gott sich nicht sicher gewesen, was er da eigentlich erschaffen wollte, und hätte erst in letzter Sekunde beschlossen, aus ihr doch eine Frau zu machen. Ihr Vater hatte oft gesagt, sie habe eine Statur wie ein Boxer, aber wenn sie sich im Spiegel betrachtet – was sie mit dem ganzen freudlosen Wahn einer Abhängigen tut –, kommt sie sich eher vor wie ein Bär, der auf den Hinterbeinen steht und weiß, jeden Augenblick muss er sich wieder auf alle viere herablassen, wo er hingehört.
Ihre Mutter, die schon immer chronisch kleinbürgerlich gewesen ist, sagt: »Du solltest mitkommen heute Abend.« Sie wiegt rote Lebensmittelfarbe ab. Jede Bewegung ist zart und präzise. »Father Osbey organisiert einen Kuchenbasar. Er freut sich bestimmt sehr, dich zu sehen. Alle werden sich freuen.«
»Dachte, du hast den Kuchen für mich gemacht.«
»Letzte Woche haben sie ein Kirchenfenster eingeschmissen.« Loyals Mutter schüttelt den Kopf und schnalzt sachte mit der Zunge. »Wahrscheinlich Kinder. Du weißt ja, auf was für Ideen Kinder hier kommen, wenn sie nichts zu tun haben.«
Loyal stößt ein Lachen aus. »Soll das eine Spitze gegen mich sein?«
»Gegen dich? Nicht doch, Liebes. Du hast dich immer zu beschäftigen gewusst.«
Für Loyal klang es doch wie eine Spitze, aber sie kann ihrer Mutter keinen Vorwurf machen. Die Vorstellung, bei einem Kuchenbasar in der Kirche gezwungen zu sein, alte Klassenkameraden wiederzusehen, die sie nur zu gern hinter sich gelassen hat, behagt ihr nicht sonderlich, aber ihr ist klar, dass es hier nicht um sie geht. Es wird ihrer Mutter guttun, unter Leute zu kommen. Von den Telefonaten der vergangenen Jahre und den seltenen Treffen in Houston weiß Loyal, dass die Hobbys ihrer Mutter im Ruhestand meist einzelgängerischer Natur sind: Backen und Weinbau und alleine ins Kino gehen. So ist das eben bei manchen Leuten; selbst wenn man nichts falsch gemacht hat, kann man in einer Gemeinschaft, die man ein Leben lang kennt, als Außenseiterin enden.
Bei Loyals Geburt waren ihre Eltern nicht mehr die Jüngsten gewesen, und auch ihre Ehe hatte bereits kurz vor dem Scheitern gestanden, so dass Rosa sie größtenteils allein großzog. Obwohl es niemand in Jacknife laut gesagt hätte, war Rosa in den Augen der Gemeinde irgendwie geächtet. Was für eine Mutter musste man sein, um zuzulassen, dass die eigene Tochter von einem Alligator verstümmelt wurde? Was für eine Mutter ließ sich von ihrem Ex-Mann das Kind wegnehmen? Jetzt, da es mit Rosas Gesundheit nicht mehr zum Besten steht, hält Loyal es für besser, wenn ihre Mutter wieder ein Teil der Gemeinschaft wird, dass sie ihren Red Velvet Cake in der Kirche verkaufen kann. Wie im Rest des Landes kann sich auch in dieser Gegend die Stimmung sehr plötzlich drehen, als wäre Wohlgefallen ein Haus, das an einem Abgrund steht und jeden Moment von einem Erdrutsch mitgerissen werden kann.
Loyal seufzt und reibt sich die zerfurchte Seite ihrer Hand. Mit siebzehn Jahren hat sie ein Stück des Handtellers und den kleinen Finger an einen der gefangenen Alligatoren der Labasques verloren – genau die Ausrede, auf die ihr Vater gewartet hatte, um sie mit nach Houston zu nehmen –, und obgleich die Wunde lange vernarbt ist, bleibt die Erinnerung roh. Rückblickend war der Umzug nach Texas eine dieser unfassbar großen Entscheidungen, die Eltern ihren Kindern andauernd abverlangen, ohne zu begreifen, dass sie den Rest ihres Lebens beeinflussen. Nur hatte Loyal zu dem Zeitpunkt selbst so verzweifelt wegziehen wollen, dass sie es einfach tat, ohne groß an die Mutter zu denken, die sie zurückließ.
»Hey, hör mal«, sagt Loyal jetzt. »Ich hab überlegt, dass wir morgen mal ganz in Ruhe über alles reden könnten. Wie es dir so ergangen ist. Ich habe mich schon nach Spezialisten erkundigt, und es gibt da einen Neurologen drüben in …«
»Liebchen, ich brauche keinen Neurologen. Es geht mir ausgezeichnet.«
»Das sieht der Sheriff anders.«
»Natürlich, wenn der Sheriff das sagt …« Ihre Mutter reißt in gestellter Ergebenheit die Hände hoch. »Im Ernst, was ist das für eine Welt, in der man nicht mal spätabends ein bisschen im Garten arbeiten kann, ohne dass sofort die Polizei auftaucht? Ich hab es doch erklärt, ich hab dem Deputy gesagt, ich wollte nur sichergehen, dass sich die Streifenhörnchen nicht wieder über meine Tulpen hermachen.«
»Okay, aber – mitten in der Nacht, Mama? Und das ist auch nicht das Einzige …«
»Ich hab sie gehört, wie sie schaben und scharren. Ich konnte sie sogar im Bett noch hören.«
Loyal sieht zu, wie ihre Mutter die Backmischung in die Form gießt. Die Lebensmittelfarbe, die unter ihren Fingernägeln antrocknet, sieht aus wie Blut.
»Egal«, sagt ihre Mutter, »lass uns nicht wieder damit anfangen. Du weißt, wie es hier zugeht. Wenn man einfach eine Woche Ruhe gibt, finden die Leute sofort ein anderes Gesprächsthema. Wichtig ist nur, dass du wieder da bist, Liebling. Du bist zu Hause. Alles wird gut.«
Loyal gefällt nicht, dass sie genau sehen kann, wie viel Mühe ihrer Mutter das Lächeln bereitet. Sie kann den Gedanken kaum ertragen, dass die arme Frau in ihrem einsamen dunklen Zimmer wachliegt und davon überzeugt ist, dass draußen etwas scharrt. Kann kaum ertragen, dass ihre Mutter sich fürchtet. Genau das hat Loyal letzten Endes nach Hause getrieben. Und obwohl sie weiß, dass es nicht nur um einen Vorfall geht, wurde sie vielleicht auch von der kindlichen Vorstellung geleitet, dass plötzlich alles wieder gut würde, wenn sie nur nach Hause käme.
Aber wie sie ihr jetzt in der Küche, die einst so vertraut war, gegenübersteht, hat Loyal auf einmal Angst um ihre Mutter. Diese Erkenntnis fühlt sich an, als hätte ihr jemand einen sehr großen Stein in die Hände gedrückt, frisch aus dem Flussbett, noch kalt und glitschig. Sie hat Angst, dass sie zu spät kommt. Und selbst jetzt, nach so vielen Jahren, hat auch dieser Ort mit all seinem Geflüster und den scharfen Zähnen noch immer etwas an sich, was sie obendrein um ihre eigene Sicherheit fürchten lässt.
Our Lady of the Divine Water lehnt zwischen den Bäumen, als wolle sie sich an ihnen abstützen. Die geborstenen Balken des Kirchenschiffs sind mit dem Laub der Kudzu behangen und recken sich wie betende Hände gen Himmel, dankbar, noch immer stehen zu dürfen, nachdem Hurrikan Katrina die Gegend vor fast zwanzig Jahren verwüstet hat.
Als Loyal und ihre Mutter aus dem Auto steigen, scheint sich der Chor der Insekten bis zum Horizont aus der Erde zu erheben, während die auf dem Saum der Welt balancierende Sonne die Kirche und den überwucherten Parkplatz mit pinken und goldenen Streifen überzieht.
Loyals Familie hat es mit der Kirche nie allzu ernst genommen. In erster Linie bietet sie eine Beschäftigung, eine Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben und alle anderen daran zu erinnern, dass man noch da ist. Wenn Loyal an ihre Kirchgänge als Kind denkt, erinnert sie sich vor allem an die Labasques. Wie sie sich während der Messe in die umliegenden Wälder schlichen, um sich einen Schluck Whisky aus der Flasche zu teilen, die Cutter im Wurzelwerk einer großen Eiche vergraben hatte; alle husteten und spuckten und behaupteten großspurig, es sei das Beste, was sie je gekostet hätten, und vielleicht war das auch so.
Beau kannte die Namen sämtlicher Vögel, die in den Zweigen zwitscherten. Cutter konnte aus allem Feuer machen. Sie konnten aus blankem Erdreich den Teufel heraufbeschwören, so behaupteten sie, und damals glaubte Loyal ihnen, glaubte alles, was sie ihr erzählten, weil ihr die Welt der Labasques so viel lebendiger schien als ihre eigene. Beau wollte Boxer werden, Cutter entweder Piratin oder Rockstar – sie hatte sich noch nicht entschieden.
»Was ist mit dir, Loyal? Was hast du vor, wenn du mit der Schule fertig bist?«
Sie spazierten eines Abends nach Hause, die Haare noch nass vom Schwimmen in einem der Altarme am Ortsrand, wo der Atchafalaya ins Nichts lief und das Wasser zu seicht war, um Angst vor Alligatoren haben zu müssen.
»Ich will schreiben«, sagte Loyal. Das konnte sie ihnen anvertrauen, denn es wirkte nicht weniger weit hergeholt als Freibeuterei oder Kampfsport. »Ganz egal was, Hauptsache schreiben.«
»Darin wärst du bestimmt gut«, sagte Cutter mit Nachdruck. »Du bist krass klug.«
Loyal erinnert sich daran, dass sie in Wahrheit nur zu ihnen gehören wollte. Aber es war ihr letzter Sommer, ihre Leben trieben bereits auseinander, wie sich das Fleisch vom Knochen löst.
Als sie jetzt die kleine Menschenmenge betrachtet, die vor der Kirche Tische herrichtet, ist sie erleichtert, weder Cutter noch einen ihrer Brüder zu entdecken. Sie erkennt allerdings viele andere Leute wieder, und alle legen Wert darauf, zu ihr zu kommen, Hallo zu sagen, willkommen zurück, ob sie wohl bleibt oder nur zu Besuch ist, als wüssten sie es nicht längst.
Da ist Father Osbey, der schon in Loyals Kindertagen gefühlt hundert Jahre alt war und dessen schleppende, keuchende Sprache immer wieder kurz ins Cajun-Französisch wechselt, während er Loyal die tragische Geschichte des zertrümmerten Fensters erzählt. »Ich war selbst hier und hab es scheppern gehört. Weißt du, was die in meine Kirche geworfen haben? Einen Katzenschädel. Incroyable. Ich geh zur Tür, um zu sehen, wer es war, aber es muss eine optische Täuschung gewesen sein … eine Täuschung, was ich gesehen habe …«
Genie Petitpas herrscht über den größten Tapeziertisch. Das Spray in ihrem mächtigen bronzenen Haarschopf glitzert, während sie den anderen präzise Anweisungen erteilt, wo sie ihre Russischen Eier, ihre Froschschenkel in Butter, ihre in Pfannkuchenteig gebackenen Oreos abzustellen haben. Wann immer sie Frischhaltefolie erspäht, zieht sie missbilligend die Mundwinkel nach unten. Falls es sich hier um einen Wettbewerb handelt, ist Genie eindeutig die Preisrichterin, und wer immer ihren allerhöchsten Ansprüchen nicht genügt, dürfte spätestens morgen unweigerlich in aller Munde sein. Natürlich wird das Essen, das Genie selbst zubereitet hat, fantastisch sein, und außerdem bringt sie nicht bloß das mit, sondern stellt obendrein persönlich das Herz und die Seele dieser Versammlung dar. Genies bloße Anwesenheit verleiht einer Veranstaltung wie dieser erst ihre Berechtigung, und darauf verlassen sich die Leute. Dank ihr wird der Kuchenbasar ganz bestimmt ein Erfolg, egal, wie viel Geld am Ende für das Kirchenfenster zusammenkommt.
Da sind Jered Morgan und sein Bruder Elliot, die Loyal nach dem Abschlussball auf dem Parkplatz ein Bein stellten, auch wenn man zu ihrer Verteidigung sagen muss, dass sie eigentlich versucht hatten, Beau zu verprügeln, und Loyal bloß im Weg war. Falls sich einer der Morgans daran erinnert, lassen sie es sich nicht anmerken, sondern winken ihr nur lässig zu, und Loyal fragt sich, wie sich das wohl anfühlt, die Vergangenheit einfach so abhaken zu können.
Sie entdeckt noch ein paar andere Gesichter aus der Schulzeit, von denen die meisten inzwischen miteinander verheiratet sind, manche mit einem Haufen Kinder im Schlepptau, wie Entenküken. Ein kleines rothaariges Mädchen, das ankommt, sich an Loyals Bein festklammert und ihr ein bisschen aufs Knie sabbert, stellt sich als Tochter von Yvie Bourque heraus, deren glänzende goldbraune Locken Loyal oft sehnsüchtig bewundert hat, und die sich leider sehr wohl daran erinnert, wie sich Loyal beim Abschlussball auf die Nase gelegt hat.
Yvie lacht jetzt darüber. Ihr Lippenstift kräuselt sich in altbekannten Fältchen. »Na ja, war doch klar – du hast mit Beau Labasque rumgehangen. Das ist ja echt ’ne Einladung, umgehauen zu werden.«
Loyal kaut ein wenig auf den Worten herum, ehe sie sie ausspricht. »Beau war schon in Ordnung.«
»War, kann sein. Die sind alle wild geworden.«
»Wie meinst du das?« Ihrer Ansicht nach hat es nie eine Zeit gegeben, in der die Labasques nicht wild waren.
»Sie gehen auf jeden Fall nicht mehr in die Kirche. Lungern nur draußen im Sumpf rum. So geht das schon, seit … hmm, so um die Zeit, als du verschwunden bist, glaub ich.«
Loyal gefällt nicht, wie Yvie beides in Verbindung bringt. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.
»Ich finde es einfach falsch, sich so abzuschotten, wie die das gemacht haben«, fährt Yvie fort. »Die Leute hier draußen sind aufeinander angewiesen. Wir helfen uns gegenseitig – bei Überschwemmungen, Dürren … Es ist doch krank, so zu tun, als ob man niemanden sonst braucht.«
Loyal macht eine Geste, die halb Schulterzucken und halb Nicken ist, um anzudeuten, dass sie möglicherweise zustimmt, und Yvie lächelt gnädig.
»Du siehst echt gut aus, Loyal. Hast du etwa abgenommen? Du solltest mal mit meinem Jed reden und ihn ins Licht führen.«
»Ins Licht?«
»Diät und Bewegung, was denn sonst?«
Sie lacht abermals und nickt einem kräftigen Mann zu, der ein T-Shirt der New Orleans Saints trägt und eine Zigarette inhaliert, als wollte er sich ausknocken.
Loyal ist froh, als Yvie ihre Tochter von Loyals Bein loseist und zu ihrem vollkommen normal gebauten Ehemann zurückgeht. Sie weiß nie, was sie sagen soll, wenn Leute so mit ihr reden. Immer liegt ihr ein erbärmliches »Danke schön« auf der Zunge, was sie aber eigentlich sagen will, ist: »Klar, Yvie! Ich kann ihm meine Haarbürste ausleihen, deren Griff ich mir früher immer in den Rachen gerammt habe, damit ich kotzen kann!« Natürlich hat sie sich bei Mädchen wie Yvie Bourque gefälligst geehrt zu fühlen, dass sie überhaupt mit ihr reden.
Loyal geht ein wenig auf Abstand von der Gruppe, sieht zu, wie die Luft in der Hitze flirrt und tanzt, und lauscht den Grashüpfern im Unterholz. Es wird dauern, sich an das Fehlen der Geräuschkulisse aus Hupen und Polizeisirenen zu gewöhnen, aber sie kann auch nicht behaupten, dass sie es vermissen würde. Ihr war immer klar, sie würde an einen Ort ziehen müssen, wo es lauter und geschäftiger zugeht, um Journalismus zu studieren. Unter anderem deshalb war es damals so reizvoll gewesen, mit ihrem Vater wegzuziehen. Aber sie erinnert sich auch noch an diese ersten Nächte in Houston, in denen sie das Gefühl hatte, von ihrer Lebensader abgeschnitten zu sein, weil sie das Quaken der Frösche bei Sonnenuntergang nicht mehr hören konnte.
Sie ist froh, ein wenig für sich zu sein. Frauen wie Yvie haben sie schon immer verunsichert. Die Luftfeuchtigkeit kann ihren wohlüberlegten Frisuren nichts anhaben, sie bekommen niemals Pickel oder Ausschlag, ihre Periode würde es nie wagen, allzu schmerzhaft zu werden. Es ist, als wären sie aus einer gänzlich anderen Substanz geformt, und selbst als Loyal in Houston war – mit Retro-Hosenanzügen, rotem Lippenstift und Haartolle (damals versuchte sie sich an einer Art Rockabilly-Look, auf den sie ab und an durchaus stolz war) –, fand sie sich immer wieder neben solchen fein herausgeputzten Frauen stehen und fühlte sich, als müsse es für alle anderen offenkundig sein, dass sie alles falsch machte. Sie kam sich vor wie das Discountprodukt aus dem Walmart-Regal. Sie konnte noch so viele Online-Tutorials über Haarstyling studieren und sich das teure Make-up kaufen, letzten Endes war sie doch immer davon überzeugt, dass sie alles falsch machte.
So war es schon, als sie noch hier wohnte, denkt sie nun, als sie sich ihren Weg durch das Wildgras bahnt, das den Friedhof säumt. Eine Kindheit, die sich angefühlt hatte, als wäre sie in die falsche Welt gestolpert und müsste sich nun, durch die Seiten zahlloser Bücher, verzweifelt abmühen, um wieder zurück in die richtige zu gelangen. Im muffigen Bücherbus, der an drei Tagen pro Monat in Jacknife Station machte, hatte sie Geschichten über Spukhäuser verschlungen, über wahnsinnige Frauen und hartgesottene Detektive in einer Version von New York, die sie sich nur in Schwarz-Weiß ausmalen konnte. Gebt mir Herzschmerz, hatte sie gedacht, gebt mir Blut – Gott, wenn sie es nur geahnt hätte.
Unvermittelt bleibt sie stehen.
Vor ihr schmiegt sich ihr Auto in den Schatten einer riesigen Eiche. Quer über der Heckscheibe steht in leuchtend roten Buchstaben ALLIGATORFUTTER.
Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Für einen kurzen Moment wird sie von einer heftigen Gefühlswallung ergriffen, wie ein Pulsieren der Luft, als könnte sie den Herzschlag eines anderen spüren. Aus irgendeinem Grund weiß sie, wenn sie sich jetzt umdreht, wird sie jemanden entdecken, der sie zwischen den Bäumen hindurch beobachtet.
Aber als sie sich umdreht, ist niemand zu sehen. Nur Schatten, die sich zwischen Wurzeln und Gräsern sammeln.
»Wer macht so was nur?«, sagt ihre Mutter, als Loyal sie zu sich winkt.
Wie ein Hund, der ein fettes Stück Fleisch erschnüffelt hat, ist Genie Petitpas ihnen gefolgt und stemmt nun die Hände in die Hüften. »Ich glaube, wir wissen alle genau, wer das war.«
»Wir hätten sie doch sicher gesehen?«
»So, wie Father Osbey gesehen hat, wer das Kirchenfenster eingeschmissen hat? Wach auf, Rosa, es ist ja nicht so, als hätten sie kein Motiv.« Genie bedenkt Loyal mit einem steifen Lächeln. »Nichts für ungut, Liebes.«
Aber sie hat recht.
Darüber denkt Loyal nach, als sie ihre Mutter nach Hause fährt und beide demonstrativ versuchen, nicht in den Rückspiegel zu schauen, wo rotes Licht durch die Farbe bricht. Im letzten Sommer, ehe sie wegzog, hatte sie den Labasques übel mitgespielt. Cutters Alligator hatte ein Stück aus Loyals Hand gerissen, und Loyal hatte sich an ihrer Freundin auf die einzige Weise gerächt, die ihr eingefallen war.
The Bayou Leader, die einzige Nachrichtenquelle in Jacknife, hatte damals eine Sparte, in der Kinder aus der Gegend kurze Texte veröffentlichen konnten; Rezensionen von Filmen, die sie gesehen hatten, ihre Lieblingsrestaurants, all so was. Im Laufe der Jahre hatte Loyal immer mal wieder Texte beigesteuert. Ihr letzter Beitrag aber hatte einen ganz anderen Tonfall gehabt:
Sie glauben vielleicht, für die Menschen im Bayou stellen Alligatoren die größte Bedrohung dar. Vielleicht können Sie auch beim Gedanken an die Hurrikan-Saison nicht schlafen. Oder Sie haben Angst davor, von einem Kupferkopf gebissen zu werden und meilenweit vom nächsten Arzt entfernt zu verbluten. Das alles sind die natürlichen Gefahren, mit denen zu leben wir in dieser wunderschönen, wenn auch tödlichen Umgebung gelernt haben. Aber was, wenn die wahre Bedrohung von Menschen ausgeht? Besonders eine Familie verfinstert unsere Wildnis schon viel zu lange …
Sie hat den Wortlaut ihres Artikels noch genau im Kopf. Vielleicht glaubt sie das aber auch nur. Vielleicht hat sie ihn in Gedanken entschärft, um Cutters Reaktion – totale Funkstille seit zehn Jahren – als Überreaktion abschreiben zu können. Die wahre Dimension der Schuld, die sie in sich trägt, seit sie Jacknife den Rücken gekehrt hat, verdeutlicht ihr jedoch, dass es nicht darum geht, was genau sie geschrieben hat: Es geht darum, dass sie es überhaupt geschrieben hat.
Loyal weiß, dass Cutter es immer am schwersten gehabt hat. Ihre Eltern hatten sich weder für sie noch für Beau interessiert, aber ihr großer Bruder war noch schlimmer. Dewall war zwölf Jahre älter und hatte Cutter einmal mit einem linken Haken einen Zahn ausgeschlagen. Angeblich wollte er ihr das Boxen beibringen, aber Dewall war Loyal schon immer unheimlich, mit seinem milchigen Auge und den lateinischen Gebetszeilen, die auf seine Finger tätowiert sind. Und doch ist Loyal tief im Innern davon überzeugt, dass nichts Cutter je so sehr verletzt hat wie sie selbst mit diesem blöden Artikel.
»Nein«, sagt ihre Mutter jetzt, als sie sich tief im Wald durch die schattigen Straßen schlängeln.
»Was? Ich sitze hier einfach nur.«
»Du denkst an die. Du überlegst, ob du zu ihnen gehen und mit ihnen reden sollst, oder nicht? Reinen Tisch machen? Lass es.«
Loyal merkt, sie hält das Lenkrad so fest gepackt, dass ihre vernarbte Hand schmerzt. Sie bremst ab, hält am Rand der verlassenen Straße und atmet tief aus. »Ich kann nicht hier wohnen und nie wieder mit ihnen sprechen.«
»Du musst. Die sind nicht ganz richtig im Kopf, okay? Wenn sie dir wehtun wollen, werden sie das auch, und ich hab nicht nach all den Jahren mein Kind zurückbekommen, nur um zuzulassen, dass sie dich endgültig an ihre Tiere verfüttern.«
»Was soll das heißen, sie sind ›nicht ganz richtig im Kopf‹?« Sie erinnert sich an Yvies Worte vor der Kirche. »Warum höre ich das immer wieder?«
Ihre Mutter zuckt mit den Schultern, aber Loyal fällt auf, dass sie die Hände im Schoß zu Fäusten geballt hat. »In den letzten Monaten hat hier ein … ach, ich weiß auch nicht. Eine komische Stimmung geherrscht.«
»Wie meinst du das?«
Loyal gefällt das gar nicht. Wie ihre Mutter mit ihr spricht, als wäre sie überhaupt nicht ihre Mutter, sondern eine Fremde, die versucht, ihr Angst einzujagen. Loyal fragt sich, ob ihre Mutter kurz davorsteht, eine Art Anfall zu bekommen, aber sie starrt hinaus zwischen die Bäume, deren Umrisse sich schwarz vor dem rauen orangefarbenen Himmel abzeichnen. Sie wirkt weder verrückt noch gefährlich – nur weit weg. Irgendwo aus den Tiefen der Sümpfe donnert das prähistorische Brüllen eines enormen Reptils.
»Man sagt, man kann den Zustand eines Ortes daran erkennen, wie es seiner Wildnis ergeht«, sagt ihre Mutter. »Und ich sage, da draußen stimmt was nicht.«
Wir haben eine Leiche. Sie treibt im Fluss.« Der junge Mann mit den schlecht gefärbten Haaren schaut auf, sieht Loyal zur Tür hereinkommen und lässt die Schultern hängen. »Oh. Ich dachte, du wärst mein Onkel.«
»Bin schon da, Sasha, bin schon da.« Chuck De Foret schiebt sich so dicht hinter Loyal ins Büro, dass sie den Dosen-Margarita riechen kann, den er auf dem Parkplatz runtergekippt hat, während sie darauf wartete, dass er fertig wird, ehe sie aus dem Wagen stieg. Er ist Genie Petitpas’ Onkel, auch wenn er, abgesehen von dem fahlen Bronzestich im schütteren Haar, wenig Ähnlichkeit mit ihr hat. Seine Wangen sind von Alter und alten Narben gezeichnet, die Ketten der angelaufenen Erkennungsmarken schneiden eine Furche in seinen feisten Hals. De Foret reicht Loyal eine Hand, so zäh wie ein Biberschwanz, und heißt sie beim Bayou Leader willkommen.
»Unsere Loyal hier ist Rosa Mays kleine Tochter«, verkündet er. Sein Akzent ist so breit, als hätte er den Mund voller Murmeln. »Na, so klein ist sie jetzt wohl nicht mehr. Sie hat früher hin und wieder was für mich geschrieben. Aber seitdem hat sich einiges verändert, was, Loyal? Wie ich am Telefon gesagt hab, versuchen wir, mit dem Leader online zu gehen, aber das setzt regelmäßige neue Inhalte voraus, also könnten wir ein bisschen Hilfe gut gebrauchen.«
De Foret deutet auf den jungen Mann mit den pinken Haaren und den mit Strass verzierten Shorts hinter dem Schreibtisch. »Das ist mein Großneffe Sasha. Er hilft mir schon seit ein paar Jahren mit dem Leader. Sich von der Printausgabe zu verabschieden war seine tolle Idee, also kannst du dich bei ihm für all das Chaos bedanken, das in der Zwischenzeit entsteht.«
Loyal erinnert sich an Sasha. Er war frisch an der Highschool, als sie in ihrem letzten Jahr steckte, in dem Jahr, als alles schiefging. Er hatte einen Ruf als Unruhestifter, aber nicht so wie die Labasques – er quatschte ständig im Unterricht und rauchte auf dem Schulklo, und die Mädchen flogen auf ihn, weil er lustig war und obendrein hübsch. Sein kreolischer Vater war dafür bekannt, eine Augenweide zu sein, und auch wenn Loyal sich nicht wirklich an Thierry Petitpas erinnern kann, ist Sasha definitiv ein Hingucker, obwohl er windabwärts von der Kunststofffabrik aufgewachsen ist.
Als sie ihm die Hand schüttelt, spürt sie die sehnige, nervöse Kraft in seinem Arm und ist ihm insgeheim dankbar, dass er den Alligatorbiss nicht erwähnt, obwohl seine Finger die alten Narben streifen.
»Hast du eben was über eine Leiche gesagt?«, fragt sie.
»Was?«, bellt De Foret. »Sasha, genau solche Sachen musst du mir sofort sagen. Wo? Wessen Leiche?«
»Ich hab es dir gesagt. Ist gerade erst reingekommen – ein Deputy hat im Seitenarm an der Blair Road jemanden angespült gefunden. Noch nicht identifiziert.«
»Ist die Quelle verlässlich?«
»Mein Insider.« Sasha wirft Loyal einen Blick zu und lächelt etwas verspätet. »Ein Typ aus meiner Klasse ist jetzt Deputy, also Hilfssheriff, und leitet mir alle interessanten Sachen weiter, damit ich seinem Boss nicht stecke, dass er früher auf dem Jungenklo Gras gedealt hat.«
»Er macht nur Witze«, sagt De Foret und scheucht seinen Neffen mit einer Geste fort. »Na los, worauf wartest du noch? Und Sasha, ich will diesmal keine verwackelten Bilder haben. Benutz die Kamera, nicht dein verdammtes Handy. Und nimm Loyal mit, dann kannst du ihr direkt zeigen, wie wir arbeiten.«
Sasha rümpft die Nase. »Mein Name steht über dem Artikel.«
»Mais oui, aber es gibt erst einen Artikel, wenn du herausfindest, welcher arme Teufel da unten zu viel grünes Wasser geschlürft hat.«
~
Fünfzehn heiße Meilen über ausgedehnte Nebenstraßen, im Zickzack durch Sumpfarme und ausgetrocknete Flussbetten. Vergessene Verkehrshütchen verschmelzen mit dem Asphalt, am Straßenrand liegen platt gefahrene Gürteltiere. Eichen und Hickorys, die entfernt den europäischen Walnüssen ähneln, werfen lange scheckige Schatten über Sashas verbeulten Chrysler. Sasha summt schief einen Popsong im Radio mit, Loyal starrt aus dem Fenster. Die aus der Erde aufsteigende Hitze zaubert Geister auf die Straße, und sie muss an ihre Mutter auf dem Beifahrersitz am vorigen Abend denken.
Da draußen stimmt was nicht.
Als spürte er, was ihr durch den Kopf geht, sagt Sasha: »Also.« Er schiebt seine riesige Sonnenbrille hoch. »Wie geht’s deiner Mutter? Sie ist eigentlich echt nett – nicht so wie meine Mom. Meine Mom ist ein totales A…lpaka.«
»Ein Alpaka?«
»Ich will nicht Arschloch sagen, falls sie stirbt oder so, und dann muss ich damit leben, dass ich sie so genannt hab. Aber deine Mom ist anders. Ich hab sie letzte Woche im Discounter getroffen, drüben im Dollar Tree, und sie hat gesagt, ihr gefallen meine Haare. Stimmt es, dass sie verrückt geworden ist? Und dass du deshalb zurückgekommen bist?«
Loyal rutscht auf dem Beifahrersitz herum. Das Auto ist klein, und ihr ist deutlich bewusst, wie ihre Schenkel über den Sitz hinausragen, wie das Kunstleder bei jeder Bewegung laut knirscht. Sie fühlt sich, als sollte sie von Sashas Kommentar über ihre Mutter verletzt sein, aber sie erinnert sich aus der Highschool noch daran, dass er eben so redet.
»So einfach ist das nicht«, sagt sie, weil es der Wahrheit entspricht.
Sie mochte Houston, weil es so groß war – die Art von groß, auf die man nicht besonders achtet, wenn man sein Leben lang in einer Stadt gewohnt hat, aber da sie aus einem Kaff wie Jacknife dorthin gezogen war, wusste Loyal die plötzliche Anonymität an einem derart geschäftigen Ort sehr zu schätzen. Niemand starrte sie an. Niemandem fielen ihre fehlenden Finger auf oder dass sie selbst im Winter ständig Schweißflecken unter den Achseln hatte. Sie fand einen Job, der ihr ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gab, eine Wohnung mit Topfpflanzen, die sie selten zu gießen vergaß, sie fand sogar Freunde, auch wenn die meisten nie lange blieben, wie das in Städten nun mal so war. Loyal hatte sich nie vorstellen können, wieder wegzuziehen, aber dann war der Anruf aus dem Sheriffbüro gekommen, und eine gelangweilte Frau, die Loyal nicht kannte, hatte diesen jüngsten Vorfall geschildert. Nach mehreren Monaten, während derer sie im Supermarkt immer wieder weggetreten gewirkt hatte, ihr Auto an seltsame Stellen geparkt und dann vergessen hatte, es wieder abzuholen, ganz zu schweigen von den wahllosen Anrufen, die Loyal manchmal bekam, nur um dann von ihrer Mutter zu hören, dass sie überhaupt nicht wusste, warum sie angerufen hatte – nach alldem hatte man Loyals Mutter dabei erwischt, wie sie mitten in der Nacht mit bloßen Händen in ihrem Vorgarten scharrte.
Mit Schlagworten wie »professionelle Betreuung« und »präsenile Demenz« rechnete man bei den eigenen Eltern nicht, solange man sich selbst noch als jung betrachtete. Loyals Vater, der noch immer in Houston lebte, hatte angemerkt, sie könnte eine Krankenschwester anheuern, die einmal pro Woche nach Rosa schaute – irgendwas Wartungsarmes in der Richtung, um sie davor zu bewahren, zurück ins ferne Jacknife ziehen zu müssen. Das war der Begriff, den er benutzt hatte. Wartungsarm. Loyal war entsetzt, denn nicht nur fand sie das unglaublich kaltherzig von ihm, sondern es zwang sie dazu, sich einzugestehen, dass auch sie selbst über die Jahre kaum Gedanken an ihre Mutter verschwendet hatte. Sie hatte ihren Umzug nach Houston als beinahe heroische Tat verbucht. Als erfolgreiche Flucht aus einem kleinen Leben in einem kleinen Dorf, das sie zeitlebens zurückgehalten hätte. Und vielleicht hatte sie sich eingebildet, dass alles, was sie zurückließ, in einer Art Stillstand verharren würde, nur erhielt sie hiermit die rasche und schonungslose Mahnung, dass sehr wohl Zeit vergangen war – dass ihre Mutter gealtert war, während sie nicht hingeschaut hatte.
»Onkel Chuck kann deine Mom auch gut leiden«, sagt Sasha. »Und dich ebenfalls. Er war völlig aus dem Häuschen, als er gehört hat, dass du zurückkommst. Er sagt, du nimmst beim Schreiben kein Blatt vor den Mund.«
Loyal lacht hohl. »Nicht alle hier halten das für eine gute Sache.«
»Hmm ja, Hauptsache, du kneifst nicht. Onkel Chuck will es nicht zugeben, aber wenn wir unsere Online-Präsenz verstärken wollen, brauchen wir mehr Klicks, und wenn wir mehr Klicks haben wollen, brauchen wir mehr Content, also hoffe ich, du schreibst uns was Pikantes.«
»Wie pikant ist denn eine Leiche dieser Tage in Jacknife?«
Sasha wirft ihr einen Blick zu, seine leuchtend grünen Augen blitzen auf. »Kommt auf die Leiche an.«
Loyal war schon öfter an einem Tatort. In Houston hat sie über einen Studenten berichtet, der im White Oak Bayou ertrunken ist, außerdem hat sie mehr als genug Leichen gesehen, die in kleinen Gassen niedergeschossen wurden – oft hinterher abgeriegelt durch die gleichen Cops, die sie dort niedergestreckt hatten –, auch wenn ihr mehr als einmal verboten wurde, darüber zu schreiben. Etwas, was all diese Tatorte gemeinsam hatten, war das Gefühl, dass es sich bloß um einen ganz normalen Arbeitstag handelte. Männer und Frauen in diversen Uniformen gehen ihrem Job nach, platzieren Absperrband hier und Verkehrshütchen dort, tauschen Formulare zum Unterschreiben aus. Nach einer Weile fiel Loyal auf, dass auch sie anfing, es wie etwas Alltägliches zu behandeln. Ihr Hauptaugenmerk verlagerte sich weg von den menschlichen Verlusten hin zu der Frage, wen sie beschwatzen konnte, um möglichst nah ranzukommen, und zu der Erkenntnis, welcher Polizist die reißerischsten Statements abgab. Es behagte ihr nicht, das über sich selbst zu wissen. Und wie bei einem Blutfleck war es schwer, dieses Wissen wieder abzuwaschen, nachdem es einmal sichtbar geworden war.
Was auch immer sie in Houston an kaltblütiger Professionalität erlebt haben mag, hier gibt es nichts dergleichen. Als sie in der Blair Road halten, sehen sie einen Mann in Hilfssheriffs-Uniform eilig zwischen den Bäumen auftauchen und sofort ins Gras kotzen.
»Ist das dein Freund?«, fragt Loyal.
»Als ob.« Sasha verdreht die Augen. »Halt dich einfach an mich, okay? Diese Jungs muss man mit Samthandschuhen anfassen, vor allem, wenn sie verstört sind, sonst könnten sie …« Er formt die Finger zur Waffe und tut, als würde er damit auf sie zielen. »Alles klar?«
Seine Angeberei ringt Loyal ein innerliches Lächeln ab. Sie fragt sich, wie viele Leichen er an einem Ort wie Jacknife wohl erlebt haben kann.
Als sie aus dem Wagen steigen, schließt sich die Hitze um sie wie eine riesige, verschwitzte Hand. Gelbes Gras kauert auf dem Boden, und jenseits der durchhängenden Äste der Tamaracken verschießt das sich kräuselnde Wasser blendende Reflexionen. Ein Stück weiter, wo die Wohnwagen und Ferienhäuser bis an den Seitenarm des Flusses reichen, stehen ein paar gaffende Familien hinter der Polizeiabsperrung – Väter mit Basecaps und schweißfleckigen T-Shirts, kleine Mädchen, die barfuß über den heißen Beton laufen, in nichts als zerschlissenen Jeansröcken und Bikinioberteilen, deren Haare die Farbe von Weizenfeldern haben und in der trägen Brise flattern. Sasha klemmt sich eine Wasserflasche unter den Arm, drückt die Schultern durch und marschiert los, die Straße entlang. Loyal muss sich beeilen, um mit seinen langen Beinen Schritt zu halten.
»Wie willst du die Fotos bekommen, wenn du damit beschäftigt bist, mit den Cops zu reden?« Ihre Redaktion in Houston hatte einen eigenen Fotografen, der die Reporter meistens begleitete, falls er nicht eh schon vor Ort war, um Schnappschüsse zu machen. Sie hat schon damit gerechnet, dass der Leader alles low budget macht, aber das hier fühlt sich eher wie von der Hand in den Mund an.
»Ich bin eine Schlange, Süße«, sagt Sasha. »Ich könnte dir Bilder aus Area 51 besorgen, wenn du willst. Die wären zwar mies, aber was soll ich sagen, die Leute hier mögen es schnell und schmutzig. Was hast du für mich, Veazey?«
Der junge Hilfssheriff, der sich gerade die Kotze aus den Mundwinkeln wischt, schaut zu ihnen auf und verzieht das Gesicht. »Sie ist tot.«
»Wer?«
»Ich hab noch nie ’ne Leiche gesehen.«
Sasha reicht ihm die Wasserflasche und nickt mitfühlend, während Veazey gierig trinkt. »Gehen wir rüber in den Schatten? Raus aus der Hitze? Dann kannst du uns alles in Ruhe erzählen.«
Loyal kommt Sashas Verhalten eher wie ein freundlicher Klaps für einen Hund vor als wie ein Versuch, den Polizisten zu umgarnen, aber das sagt sie natürlich nicht. Man tut, was man kann, um an die Story zu kommen. Damit kennt sie sich aus, vielleicht sogar ein bisschen zu gut.
»Also, was haben wir hier?«, fragt Sasha, und Veazey verzieht den Mund unter einem dürren Schnurrbart, der aussieht wie verschmierte Schokomilch auf seiner Oberlippe.
»Gehört der Fettarsch zu dir, Mann?«
Loyal fühlt sich, als würden sich unsichtbare Hände um ihre Kehle schließen. Sie steht unter dem Baum, spürt sich vor Scham erröten und wartet darauf, dass das Gefühl vergeht. Die Familien jenseits der Absperrung sind zu weit weg, um die Worte des Hilfssheriffs gehört zu haben, aber als sie die sommersprossigen Zwillingsschwestern ansieht, die aufeinander abgestimmte Disney-Prinzessinnen-Badeanzüge tragen, kann sie nicht anders, als sich auszumalen, dass die beiden genau das Gleiche denken.
Fettarsch!
»Das ist Loyal«, meint Sasha, als hätte der Hilfssheriff nichts Falsches gesagt. »Sie ist neu. Ich hab ihr erzählt, was du mir für ’ne große Hilfe bist, aber sie meinte: ›Als ob du so gut mit ’nem Bullen befreundet bist, Sasha.‹ Ist das zu fassen?«
Veazey ist nicht allzu groß – er reicht Loyal nur bis zur Schulter –, und als er sie jetzt finster anstarrt, wirkt er eher wie ein Teenager, dem gerade gesagt wurde, er solle den Müll rausbringen. Was fast lustig wäre, denkt Loyal, trüge er nicht eine Waffe am Gürtel.
»Was?«, sagt er. »Sind Sie so eine sentimentale Liberale, haben Sie ein Problem mit der Polizei?«
Sasha lupft die Augenbrauen. »Bist du das, Loyal?«
Veazey plustert sich auf. »Die Polizei genießt in dieser Gemeinde einen sehr guten Ruf.«
»Tadellos«, stimmt Sasha in einem Tonfall zu, der für Loyal so klingt, als würde sich jemand mit einem Knall einen Latex-Handschuh überziehen.
Bei Männern läuft es immer auf das Gleiche hinaus, denkt sie, ganz gleich, ob man ihnen ein Statement entlocken oder sie dazu bringen will, einen in Ruhe zu lassen. Sie wollen umschmeichelt werden, wollen hören, dass sie ihre Arbeit gut machen.
Loyal schluckt. »Mein Fehler, Deputy, aber Sie wissen ja, wie es hier läuft: Die Leute erzählen sich alles Mögliche. Es gibt schon Gerede über diese Leiche, alle sind verunsichert. Es wäre eine große Hilfe, wenn der Leader etwas berichten könnte, um eine Massenpanik zu vermeiden.«
Sasha schenkt ihr ein anerkennendes Nicken und Veazey zwanzig Dollar. Die beiden zerknitterten Zehner sind so abgegriffen, dass sie schon an den Rändern ausfransen; ähnlich wie die Männer, die mit ihnen hantieren. Veazey reibt sich den Nacken, der sich von einem kürzlichen Sonnenbrand pellt, und schaut Sasha hinterher, der sich mit gezückter Kamera ins Gebüsch verdrückt und aufs Ufer zuhält. Loyal sieht, wie sich die Rädchen beim Hilfssheriff drehen, als er überlegt, ob das der Tag ist, an dem es sich rächt, dass er von einem zweifelhaften Reporter Geld angenommen hat.
»Deputy, was diese Leiche angeht«, sagt Loyal rasch. »Haben wir es hier mit einem Mord zu tun? Das interessiert die Leute natürlich am meisten.«
