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Nach einer gescheiterten Beziehung flüchtet Hanna, Mitte dreißig, nach Berlin. Die Zeichen für einen Neustart stehen gut. Sie lernt Taner kennen, der sich tatsächlich dasselbe wünscht wie sie: ein Baby. Doch nach zwei Jahren ist Hanna noch immer nicht schwanger. Anfangs noch optimistisch, sucht sich das Paar Hilfe in einer Kinderwunschpraxis. Doch während um sie herum alle ganz problemlos schwanger werden, gerät Hanna, Zyklus für Zyklus immer weiter in die Mühlen der Reproduktionsmedizin. Sie sieht sich mit Terminplänen, Hormonspritzen und deren Einfluss auf ihren Körper konfrontiert. In der Beziehung beginnt es zu kriseln und Hanna verliert mehr und mehr den Mut und die Nerven, während sie doch eigentlich nur eines tun soll: entspannt bleiben. Verena Teke erzählt von neun Monaten des Hoffens und Bangens, von geplatzten Träumen und der harten Realität eines unerfüllten Kinderwunsches, von anderen Umständen, die traurig, schmerzhaft, absurd und oft auch witzig zugleich sind.
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2025
VERENA TEKE
Roman
Verlag Antje Kunstmann
VORSPIEL
IM ERSTEN MONAT
IM ZWEITEN MONAT
IM DRITTEN MONAT
IM VIERTEN MONAT
IM FÜNFTEN MONAT
IM SECHSTEN MONAT
IM SIEBTEN MONAT
IM ACHTEN MONAT
IM NEUNTEN MONAT
»unddu? willstdukinder?«, fragt er fast beiläufig. Er ist kurz aufgestanden, um seinen Stuhl ein bisschen mehr in meine Richtung zu drehen.
Ich stutze. Habe ich ihn richtig verstanden? Es ist laut hier. Ein aufgeheiztes, schrilles Stimmengewirr, in dem man schnell etwas falsch verstehen kann. So kurz nach einer Vorstellung ist die Theaterkantine immer gut besucht, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so voll sein wird. Wir haben gerade noch zwei freie Stühle nebeneinander an einem langen Holztisch mitten im Raum gefunden. Unsere Stuhllehnen zeigen zum Tisch, auf dem wir unsere Gläser abgestellt haben.
»Ich trinke unter der Woche keinen Alkohol«, hat er mit einem entschuldigenden Blick gesagt, als ich mir ein Glas Rotwein an der Bar bestellt habe und von ihm wissen wollte, was er möchte. Stattdessen hat er nur nach einem Glas gefragt und sich ein stilles Wasser aus der Kühlung genommen.
Das steht jetzt noch unberührt da, während mein Glas schon beinahe leer ist. Ich nehme schnell noch einen nervösen Schluck. Unsere Knie berühren sich fast. Um seines nicht versehentlich zu streifen, was er dann missverstehen könnte, spanne ich mein linkes Bein die ganze Zeit so fest an, dass es schon völlig verkrampft ist. Seit er sich das Wasser genommen hat, bin ich sowieso sehr unsicher, ob er überhaupt noch etwas mit mir trinken gehen wollte. Ein stilles Wasser? Warum nicht wenigstens eine Bio-Limonade, von der es hier fünf Sorten zur Auswahl gibt? Deshalb will ich jetzt nicht auch noch falsche Signale senden. Gleichzeitig bereue ich, dass ich keinen anderen, intimeren Ort vorgeschlagen habe. Ihm an einem kleinen Tisch in einer ruhigen Bar gegenüberzusitzen, wäre auch für mein Bein so viel angenehmer und ich müsste mir keine Sorgen machen, wie ich nachher wieder aufstehen soll. Und dann ganz sicher keine Verabredung mehr unter der Woche!
Der schummrige, hölzern karge Kantinenraum ist voller Menschen, die am Theater arbeiten und sich jetzt über einen Teller Spaghetti aglio e olio beugen, ohne noch einmal aufzuschauen, oder sich Halt suchend an einem Glas Rotwein festklammern und scheinbar aufmerksam ihrem Gegenüber lauschen, während sie eigentlich überlegen, zu wem sie sich gleich noch setzen könnten. Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit lächelt mir zu. Ich hoffe, sie kommt nicht zu uns rüber. Viele stehen in kleinen Grüppchen zwischen den Tischen, winken sich in großen Gesten von dem einen Ende des Raumes zum anderen zu, schnelle Umarmungen, suchende Blicke, überschwängliches Kreischen neben vertraulichem Flüstern.
Dazwischen das Publikum, das noch rauchige Theaterluft schnuppern möchte und sich unsicher nach freien Plätzen umsieht. Direkt neben uns sitzt die Frau mit den weißen Strähnchen im dunklen Haar, die vorhin an jeder auch nur im Ansatz komischen Stelle lauthals gelacht hat. Sie unterhält sich angeregt mit einem jungen Typen, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Er nickt die ganze Zeit zustimmend, während sie sich darüber ausbreitet, wie großartig die Schauspielerin mit den abstehenden Ohren war und dass sie die drei anderen an die Wand gespielt hat. Ich frage mich, ob sie wissen, dass die vier Schauspielerinnen, die heute Abend auf der Bühne standen, nur einen Tisch weiter sitzen. Da ich sie alle schon fotografiert habe, erkenne ich sie sofort.
Als ich mich zum Tisch drehe, um mein Glas wieder abzustellen, streift mein Knie nun ganz leicht sein Bein. Fuck! Jetzt ist es doch passiert. Eine kleine Berührung. Ich kann ihm nicht ansehen, ob er es gemerkt hat. Schnell überschlage ich meine Beine und klammere meine Hand um das Knie.
Hat er mich gerade wirklich gefragt, ob ich Kinder will?
Es ist nicht so, als hätte ich diese Frage noch nie gehört. Ich bin eine Frau. Und ich bin fünfunddreißig. Mir wird diese Frage ununterbrochen gestellt. Spätestens wenn ich mich als kinderlos geoutet habe, sehe ich die Frage oft schon im mitleidigen Blick meines Gegenübers aufflackern: Ach! Aber willst du gar keine Kinder?
In meinen ersten Arbeitsjahren wurde ich noch gefragt, wie ich zum Fotografieren gekommen bin. Jetzt interessieren sich alle nur noch für meine Familienplanung.
Und allen voran natürlich meine Mutter, die gar nicht erst fragt, ob ich Kinder will, sondern wann ich endlich gedenke, welche zu bekommen.
Aber dass mir die Frage bei einem Date gestellt wird? Von einem Mann, bei dem meine Eierstöcke sofort Alarm schlagen und sich dieses leise Kribbeln in der Magengegend einstellt? Das muss ich doch falsch verstanden haben! Bisher bin ich nur auf Männer getroffen, die einen großen Bogen um das Thema ›Kinder‹ machen. Bindungsängste. Zu viel Verantwortung. Ich bin noch nicht so weit. Und nur nicht darauf ansprechen, nicht drängen, sonst setzt der Fluchtinstinkt ein. Lass uns im Moment leben und das, was wir haben, genießen! Wie oft musste ich mir das anhören? Können wir nicht ein anderes Mal darüber sprechen?
Und immer habe ich verständnisvoll noch etwas länger gewartet. Auf den richtigen Zeitpunkt. Aber der ist nicht gekommen.
Und jetzt will dieser Mann freiheraus wissen, ob ich Kinder will? Hat er keine Angst, dass ich direkt über ihn herfalle?
Ja! Ja! Und ja! Ich will Kinder! Die Antwort auf diese Frage hat sich in meinem Kopf ausgebreitet und wird von Jahr zu Jahr größer, lauter und drängender. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass mir etwas fehlt, dass da noch etwas auf mich wartet, das ich nicht verpassen darf! Ich wünschte, ich wäre unabhängiger, würde zu den Frauen gehören, die selbstbewusst klarstellen, dass sie gar keine Kinder wollen, weil das ihre Autonomie einschränken würde. Dieses Gefühl von Freiheit in der Kinderlosigkeit stellt sich bei mir aber leider nicht ein. Ich fühle mich von der voranschreitenden Zeit unter Druck gesetzt und jeder Freiheit beraubt. Einfach mal genießen, was wir haben, und abwarten, was sich so ergibt. Das ist bei mir nicht mehr drin! Ja! Ich will Kinder. Zumindest erst einmal eines!
Ich vermute, daran ist ein Hormonüberschuss schuld, der nicht zulässt, dass man den Gedanken wieder losbekommt. Vielleicht könnte man eine Anti-Kinderwunsch-Pille auf den Markt bringen? Für alle Frauen ab Mitte dreißig, die den potenziellen Vater ihrer Kinder einfach nicht finden.
Ich zucke zusammen. Jetzt ist es sein Bein, das meines streift, weil sich die Schlange an der Bar bis zu unserem Tisch staut und es für uns noch enger wird. Er lässt das Bein genau da, wo es ist. Es lehnt sich sanft an mein Bein, eine ganz leichte Berührung. Man könnte noch ein Blatt Papier dazwischenschieben, es würde aber nicht fallen. Ich spüre, wie sich seine Wärme in mir ausbreitet. Bilde ich es mir ein, oder ist das genau seine Absicht?
Er schaut mich gespannt an und ein »Ja, ich will!« liegt mir auf den Lippen. Aber bevor ich nicht weiß, wie er zu dem Thema steht, darf ich jetzt keinen Fehler machen. Ich muss mir alle Optionen offen halten und dabei vollkommen entspannt wirken – so nach dem Motto: Kinder? Ach, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht!
Ich versuche witzig und locker zu klingen, als ich ihm endlich antworte: »Ist das Thema Kinder beim ersten Date nicht tabu?« Okay. Ich weiß nicht, wie entspannt das jetzt klang. Ich will nach meinem Glas greifen, aber es ist leer.
»Ist das ein Date?« Er schmunzelt. »Ich dachte, ich springe nur ein, weil du eine Karte für heute Abend übrig hattest!«
Treffer. Versenkt. Mir wird plötzlich viel zu warm und ich beschließe, ab sofort auch keinen Alkohol mehr unter der Woche zu trinken.
»Nein, klar! Kein Date, aber … Ich meinte nur … Wir kennen uns ja kaum, und dass du mich das fragst, ist ja doch eher ungewöhnlich. Nein, also ich meine, es ist natürlich eine ganz normale Frage, aber ich dachte eben … Weil es ja gar kein Date ist, habe ich mich gewundert, dass du fragst …«
Taner unterbricht mich und drückt sein Bein näher an meines. Definitiv absichtlich. »Hey, das war nur ein Spaß!«
Wie war das noch mal mit dem Fluchtinstinkt beim Thema Kinder? Jetzt wäre ich auch so weit.
»Und die Frage lag doch irgendwie im Raum, nach dieser Vorstellung«, fügt er erklärend hinzu.
Ach so. Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Wir haben uns gerade ein Stück angeschaut, in dem vier Schauspielerinnen zwei volle Stunden lang energisch über die Bühne tanzend im Chor eine Abhandlung über das Muttersein hervorstießen. Und ich wundere mich über die Frage? Das war einfach nur höflicher Small Talk! Ohne Bedeutung. Genauso hätte er fragen können, wie mir das Stück gefallen hat. Keine Intention. Dabei war ich doch schon kurz davor, mir ein Kind von ihm vorzustellen!
Und da es nun eh schon egal ist, ich nichts mehr zu verlieren habe und Rotwein unter der Woche doch auch nützlich sein kann, frage ich: »Und du? Willst du Kinder?«
Er antwortet schnell und sehr überzeugt: »Ja, klar!« Dann lacht er. »Aber keine Sorge! Nicht beim ersten Date!«
»wartensiebittenoch einen Moment im Wartezimmer!«
Taner und ich setzen uns in den Raum hinter der Glastüre direkt neben dem Empfangstresen, wo unentwegt das Telefon klingelt.
»Wir sind dann gleich so weit«, hat die medizinische Fachangestellte lächelnd zu Taner gesagt. Heute haben wir den Vortritt. Mittlerweile kenne ich jede Ecke dieses Raumes. Die letzten Male saßen wir nie weniger als eine Stunde hier. Warum sollte es sonst auch Wartezimmer heißen? Und warten müssen hier alle!
Der kleine graue Mülleimer steht heute rechts von der Türe, ich bin mir sicher, dass er sonst immer auf der anderen Seite stand. Schwarze Stühle mit glänzenden Metallbeinen umrahmen streng den steril weißen Raum. An den Wänden hängen riesige Fotodrucke auf Leinwand. Es sind sicher zwei Meter auf zwei Meter. Neben den Bildern hängt ein kleines Schild, auf dem ein kurzer Titel und der Name der Fotografin steht. Trotz ihrer gewaltigen Anwesenheit wirkt der Raum nicht weniger karg und unpersönlich. Die Bilder sagen mir nichts. Direkt neben der Tür hängt die Makroaufnahme einer Sonnenblume, an der gerade eine Biene den Nektar saugt. Sie ist ganz vom Blütenstaub bedeckt. Hinter uns, ich weiß es, auch wenn ich es gerade nicht sehen kann, hängt das Bild mit dem dunkelrot blühenden Rosenstrauch, der sich an einer alten Backsteinmauer emporrankt. Wenn ich mir den Platz aussuchen kann, wähle ich immer den mit Blick auf das Foto eines Lavendelfeldes im Abendlicht, durch das der warme Wind streift. Es beruhigt mich. Die üppigen Lavendelbüsche aus Tausenden Blüten laufen in so akkurat geraden Bahnen zum Horizont hin, wie mit dem Lineal gezogen. Da gerät nichts aus der Spur.
Die große Fensterfront lässt die Sonne ungehindert ins Wartezimmer. Es ist noch früher Vormittag, aber trotzdem schon sehr heiß. ›Der heißeste Juni seit Jahren‹, meldet meine News-App seit zwei Wochen fast täglich. Die Luft ist drückend. Ich spüre, dass ich Kopfschmerzen bekomme. Die Hitze in Kombination mit meiner Aufregung ist schwer auszuhalten. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Meine Beine kleben am Stuhl fest. Möglichst unauffällig senke ich meine Nase in Richtung meiner Achsel. Ich will nicht nach Schweiß riechen, wenn ich aufgerufen werde. Aber noch ist alles gut. Ich habe ein leichtes, bequemes T-Shirt-Kleid aus Jersey an. Ich trage selten Kleider, aber heute habe ich es ganz bewusst ausgewählt. Wenn ich gleich auf dem Behandlungsstuhl sitze, muss ich es nur leicht nach oben ziehen und fühle mich nicht ganz so nackt.
Taner atmet neben mir tief aus und flüstert: »Puh, ist das jetzt schon heiß!« Er liest Nachrichten auf seinem Handy. »Nächste Woche soll die heißeste Woche des Sommers werden«, sagt er zu mir und liest weiter.
»Ich weiß«, antworte ich leise, während ich mich frage, ob ich zu viel von diesem Moment erwarte. Unentschlossen mache ich es Taner nach und nehme mein Handy aus der Tasche. Ich öffne mein Postfach, schließe es aber gleich wieder, ohne einen Blick auf die Mails geworfen zu haben. Dann eben auch die Nachrichten. Ich scrolle durch den Newsticker, aber es gelingt mir nicht einmal, mich auf die Headlines zu konzentrieren. Ich packe das Handy wieder weg und greife nach einem Flyer auf dem tiefen Tisch in der Mitte des Raumes, um mir Luft zuzufächeln. Dort liegen auch einige Ausgaben der drei bekanntesten Frauenzeitschriften, die Taner übrigens genauso gerne liest, wie ich.
Anfangs habe ich mich noch darauf gefreut, aber mittlerweile weiß ich schon alles. Beim letzten Mal musste ich bereits wühlen, um überhaupt noch eine zu finden, die ich noch nicht durchgeblättert hatte. Auch heute liegen die Magazine schon wild durcheinander auf dem Tisch. Nur der Stapel der Frühjahrsausgabe von »Schwangerschaft & Kind« liegt ordentlich und unberührt am Rand. Zum Mitnehmen. Ein dickes Baby lächelt mich vom Cover an. Ich bezweifle, dass man Babys dick nennen darf, aber es sieht wirklich prall aus. Auf der Titelseite steht: Entspannt zum Wunschkind – 10 Tipps, damit Sie lockerer werden. Mein Bein fängt nervös an, auf und ab zu wippen. Taner legt seine Hand auf das zuckende Bein, ohne von seinem Handy aufzuschauen. Ich nehme sie. Unsere Finger umschließen einander und ich drücke meine Hand ganz fest in seine.
Wir sind dann gleich so weit. Bin ich so weit? Ist das heute der Tag, an dem sich alles für uns verändert? Ich kann es kaum erwarten! Ich könnte platzen vor Aufregung. Endlich! Aber müsste es sich nicht anders anfühlen? Irgendwie intensiver? Magischer? Dabei sitzen wir hier wie jedes andere Mal auch. Taner starrt in sein Handy und ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her, um nicht daran kleben zu bleiben, während doch eigentlich unsere Körper gerade leidenschaftlich miteinander verschmelzen sollten. Sein Sperma sich entschlossen seinen Weg zu meiner berstenden Eizelle bahnen sollte und … Trommelwirbel … BÄÄM – unser Baby! Dann sanfte Musik.
So haben wir es über Monate versucht. Und wenn ich dann in Taners Armen lag oder er in meinen, dann haben wir uns ausgemalt, wie es aussehen wird. Ob es mit den dunklen, fast schwarzen Haaren von Taner auf die Welt kommen wird? Und vielleicht, auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, mit meinen blauen Augen? Rezessive Vererbung. Taner überlegte, ob es in seiner Verwandtschaft jemanden mit blauen Augen gibt.
Ich erinnere mich, wie er mich dann küsst und flüstert: »Er wird bestimmt die grünen Augen meiner Nene haben!«
Ich drehe mich empört auf ihn. »Er?!«
Wir lachen und ich küsse seinen Hals an der Stelle hinter dem Ohrläppchen und atme seinen Geruch tief ein.
Ein anderes Paar betritt, sich zögernd umschauend, den Raum. Ich löse meine Hand aus Taners. Direkt hinter den beiden schiebt sich etwas ungeduldig eine medizinische Fachangestellte an ihnen vorbei und lächelt Taner an: »Na, alles gut bei Ihnen? Wir sind jetzt so weit. Würden Sie dann direkt mitkommen, wir haben ja bereits alles besprochen!«
Taner macht einen auf locker und sagt: »Klar, kann losgehen!« Er drückt mir einen Kuss auf die Wange, während er sein Handy in die hintere Hosentasche schiebt und zielstrebig hinter Tatjana, wie ich auf dem Schild an ihrer Brust lesen konnte, hergeht.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Männern hier viel freundlicher begegnet wird. Mir gegenüber schwankt der Ton immer zwischen neutral bis unfreundlich oder schon beinahe genervt. Ist es, weil man uns Frauen die Schuld gibt, während die Männer dafür bedauert werden, die Falsche erwischt zu haben? Warum kommen mir jetzt solche Gedanken, wo ich mich doch einfach nur freuen sollte? Ich blicke noch einmal Richtung Flur, wohin Taner verschwunden ist.
Meine Gedanken schweifen zu unserem ersten Termin in dieser Praxis. Es war Anfang Mai. Ich hatte Ende Januar angerufen, ein Vorsatz für das neue Jahr. Taner war nicht so überzeugt, aber ich wollte wissen, woran es lag. Wir hatten es nun schon seit einem Jahr auf eine Schwangerschaft ankommen lassen, erst ganz entspannt, irgendwann forcierter und ungeduldiger, mit Temperaturmessung und Ovulationstests, aber nichts geschah. Die Frau am Telefon bot mir einen Termin im Mai an. Als ich fragte, ob es nicht früher möglich ist, sagte sie nur: »Nein. Für Erstgespräche sind wir bis Mai voll.«
Das Geschäft schien gut zu laufen! Ich vereinbarte einen kurzfristigen Termin bei meiner Gynäkologin, die aber zunächst nichts feststellen konnte und mir riet, entspannt zu bleiben. Diesen Rat höre ich seither ständig. Ich ging wieder regelmäßig zum Yoga und malte mir aus, wie ich in der Kinderwunschpraxis anrief, um den Termin für das Erstgespräch wieder abzusagen, weil wir ihn nicht mehr brauchten. Aber während die Tage wieder heller wurden, Berlin aus seinem tristen Winterschlaf erwachte und ich im Lotossitz meine Fruchtbarkeit beschwor, wuchs so gar nichts in mir. Doch. Ein tiefes Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmte.
Es ist ein später Frühlingsnachmittag im Mai, als wir zum ersten Mal den kleinen Fahrstuhl bis zur fünften, der obersten Etage nehmen und die Kinderwunschpraxis betreten. Wir sind zehn Minuten vor unserem Termin da. Nachdem ich die Datenschutzerklärung und einen Patientenbogen mit meinen Daten ausgefüllt habe, werden wir gebeten, noch einen Moment im Wartezimmer Platz zu nehmen. Da ahne ich noch nicht, wie lange ein Moment hier werden kann. Aber nun haben wir ja schon bis Mai gewartet.
Mit uns sitzen noch zwei Frauen hier. Sie grüßen uns freundlich, schauen dann aber schnell wieder weg. Eine der beiden blickt abwechselnd auf ihr Handy, dann wieder auf die Uhr, die über der Tür zum Wartezimmer hängt. Die andere hat einen dicken Roman auf dem Schoß liegen und blättert alle zwei Minuten leise um. Sie hat schon über die Hälfte gelesen und wirkt nicht so, als könnte ihr das Warten etwas anhaben. Ich frage mich, wie lange sie schon versucht, schwanger zu werden. Ich finde, dass beide Frauen älter aussehen als ich. Das beruhigt mich. Zumindest bei der einen bin ich mir sehr sicher, dass sie über vierzig sein muss. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Ich nehme mir vor, Taner nach seiner Einschätzung zu fragen, wenn wir hier wieder raus sind.
In der Ecke steht ein kleiner Tisch mit Gläsern und zwei Flaschen Mineralwasser. Taner fragt mich, ob ich etwas trinken will, aber ich schüttle den Kopf. Er steht auf und schenkt sich ein Glas Wasser ein, bleibt kurz im Raum stehen und schaut in Richtung der vielen Fenster. Dann setzt er sich wieder und stellt sein Glas auf den leeren Stuhl links von sich. In dem Moment taucht eine freundlich lächelnde Ärztin in der geöffneten Tür des Wartezimmers auf und bittet eine der beiden Frauen, ihr zu folgen. Es ist die, die schon mehrmals auf die Uhr geschaut hat und nun sehr erleichtert aufsteht. Sie begrüßen sich und es scheint, als würden sie sich schon länger kennen. Ich schätze die Ärztin auf Mitte vierzig, vielleicht auch Anfang fünfzig. Im Weggehen lächelt sie uns kurz an. Ihr Gesicht ist von der Sonne sehr gebräunt, als käme sie gerade aus dem Urlaub. Vielleicht mussten wir deshalb so lange auf den Termin warten?
Taner stößt mit dem Ellenbogen an meinen Arm und zeigt unauffällig auf eine an der Wand befestigte Pinnwand. »Es scheint ja zu funktionieren«, sagt er.
Sie ist voller Geburtskarten der letzten Jahre, die mit kleinen Stecknadeln befestigt sind. Prüfend betrachte ich die Babyfotos.
»Schau dir das an«, flüstere ich Taner zu. »Das Baby oben rechts hat Engelsflügel an, und das darunter Hasenohren!« Entsetzt runzle ich die Stirn.
Taner lacht. Die Lesende schaut kurz zu uns auf. Ich mustere weiter die Fotos. Auf meiner Website biete ich auch Baby-Fotoshootings an, habe Anfragen aber in letzter Zeit nicht mehr so oft angenommen. Wenn überhaupt, kläre ich aber immer vorab, was für Fotos gewünscht sind – bei Babys in Blumentöpfen mit Rentiergeweih muss ich passen.
Während ein Paar, das wir noch gar nicht gesehen hatten, die Praxis verlässt, ruft die Sprechstundenhilfe vom Empfangstresen: »Frau Milan, Sie können in Zimmer 2.« Die Lesende klappt ruhig ihren Roman zu, steckt ihn in ihren Rucksack und geht auf den Flur. Jetzt sind nur noch Taner und ich im Raum. Ich atme durch und schaue auf die Uhr an der Wand. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Die Ärztin wird ja auch irgendwann nach Hause wollen.
Taner stellt sein Glas zu den benutzten Gläsern auf dem Tischchen. »Langsam bekomme ich Hunger«, murmelt er.
Ich will ihn gerade fragen, was wir nachher kochen sollen, da steht die sonnengebräunte Ärztin wieder in der Tür.
»Frau Winter und Herr Kiyaz?«
Wir springen beide auf.
»Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Kommen Sie bitte mit!«
Nach etwa dreißig Minuten im Untersuchungszimmer reicht sie, an der Tür stehend, zuerst mir, dann Taner die Hand und sagt: »Dann gehen wir das Ganze mal an!«
Frau Dr. Kurth hat es mir völlig angetan. Meine anfängliche Skepsis hat sich in vollstes Vertrauen in ihre Kompetenz gewandelt. Sie ist zwar sehr sachlich, schreitet dafür aber ohne Umschweife zur Tat. Sie ist dabei in so großem Maße überzeugt von ihrer Arbeit, dass sie mich in keinem Zweifel lässt, dass uns hier und nur hier geholfen werden kann. Was ich nun aber auch weiß, ist, dass sich meine Fruchtbarkeit mit siebenunddreißig schon auf einer dramatisch absteigenden Kurve befindet. Frau Dr. Kurth beschönigt nichts. Meine fruchtbarsten Tage sind vorbei und kommen auch nicht wieder. Mein Gebärapparat befindet sich an der Schwelle zum großmütterlichen Stadium und ist auf Abbau programmiert. Und da hilft dann auch kein Yoga mehr.
Das bestätigen auch meine Blutwerte, wie ich beim zweiten Termin in der Praxis erfahre. Mein Anti-Müller-Hormon-Wert, kurz AMH, ist besorgniserregend schlecht, das heißt, meine Eizellreserve neigt sich dem Ende zu.
»Wir sollten keine Zeit verlieren«, sagt Frau Dr. Kurth.
Ja, danke! Das ist mir nicht neu. Ich will ja auch keine Zeit verlieren, aber die Zeit läuft erbarmungslos weiter, während ich hier sitze und warte.
Taner reißt mich aus meinen Gedanken, als er plötzlich wieder vor mir steht. Hatte diese Tatjana ihn nicht gerade erst aufgerufen? Ich habe auch nicht mitbekommen, dass sich der Raum mittlerweile bis auf den letzten Stuhl gefüllt hat. Sogar Taners Platz neben mir ist besetzt. Er lehnt sich in der Ecke an die Wand, dicht bei meinem Stuhl. Ich schaue ihn fragend an. Er nickt lächelnd. Es scheint gut gelaufen zu sein.
Ich schäme mich ein bisschen. Ich habe ihn völlig vergessen. Hätte ich nicht wenigstens an ihn denken müssen, während er seinen Teil des Erbguts in einen Becher gespritzt hat? Taner ist vierunddreißig, raucht nicht, hat keinen Haarausfall, wobei ich nicht sicher bin, ob das auf die Fruchtbarkeit eines Mannes schließen lässt, er steht in der Blüte seines Lebens und in ihm läuten keine alternden Eierstöcke wie zwei Kirchenglocken zur Trauermesse. Ganz im Gegenteil: Sein Spermiogramm ist einwandfrei. Nicht herausragend, aber im guten Durchschnitt.
Der Platz neben mir wird wieder frei. Taner lässt sich neben mich fallen. Der ganze Raum stöhnt unter der Hitze.
»Alles gut?«, frage ich nun doch noch einmal, um sicherzugehen. Er nickt wieder.
»Du warst schnell!«, flüstere ich, ohne wirklich zu wissen, wie lange er weg war.
Ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht. Am Ende sind sie doch alle gleich! Ich schaue auf die Uhr. Es ist jetzt Viertel nach zehn. Wir müssen jeden Moment aufgerufen werden. Mein Herz pocht spürbar. So habe ich mich zum letzten Mal vor meiner mündlichen Abiturprüfung gefühlt.
Frau Dr. Kurth hatte uns zunächst zu einer Insemination mit vorheriger Stimulation der Eierstöcke geraten. Sie meinte, vielleicht reiche ja schon der sanfte Weg, die Eizellreifung etwas zu stimulieren und dann den exakten Zeitpunkt des Eisprungs durch ein auslösendes Medikament zu fixieren.
Bis jetzt läuft alles nach Plan. Bei der Kontrolle vor zwei Tagen, am elften Zyklustag, war eine Eizelle vielversprechend herangereift. Die soll nun genau heute, am dreizehnten Zyklustag, springen. Die Pille dafür habe ich genau vor zwölf Stunden genommen. Und jetzt stehen Taners Spermien wild tänzelnd bereit. Umso wichtiger, dass wir aber auch wirklich gleich aufgerufen werden! Ich werde immer nervöser. Was, wenn die Eizelle schon gesprungen ist? Lässt sich das mit Sicherheit ausschließen? Wenn wir jetzt nicht gleich aufgerufen werden, ist es möglicherweise zu spät!
»Alles gut?«, fragt Taner mich jetzt.
Ich punktiere die Uhr an der Wand. Die Zeiger verschwimmen. Kann die Zeit nicht stillstehen, bis ich schwanger bin?
»Frau Winter?«, fragt eine weiß gekleidete medizinische Fachangestellte, die ich bisher noch nicht gesehen hatte.
Das bin ich, hallt es durch meinen Kopf. Jetzt geht es los. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Unsicher drehe ich mich zu Taner, der schon aufsteht und auf mich deutet. Meine Beine lösen sich glücklicherweise ohne ein schwitziges Geräusch von der Stuhlfläche, dann fasst mich Taner leicht an der Hüfte, damit ich vor ihm Richtung Flur gehe. Wir folgen ihr in Zimmer 5, wo sie nur kurz auf die Umkleide in der Ecke deutet, uns dann aber auch schon wieder alleine zurücklässt. »Frau Dr. Kurth wird gleich bei Ihnen sein! Sie können sich gerne schon unten frei machen und auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen!«
Neben einem Schreibtisch ist in dem Zimmer mit hellgelben Wänden nur noch Platz für den mächtigen gynäkologischen Untersuchungsstuhl, dessen medizinische Fachbezeichnung ich nicht kenne, der mich aber äußerst unromantisch auffordert, die Beine zu spreizen. Ich schlüpfe nur kurz hinter den Vorhang der Umkleide, ziehe meinen Slip runter und lege ihn zusammengefaltet auf einen kleinen Holzhocker. Dann stelle ich mich dem Monsterstuhl und bringe mich in Position. Es ist nicht wirklich angenehm, halb nackt mit gespreizten Beinen auf einem Stuhl auszuharren, bis die Ärztin kommt, und es wird auch nicht besser dadurch, dass Taner neben mir steht und sich ebenso unangenehm berührt im Raum umsieht. Ich zupfe beschämt an meinem Kleid herum, um zumindest noch ein bisschen was zu bedecken. Taner muss schmunzeln. »Wenn es dir hilft, können wir uns später eine andere Geschichte ausdenken«, schlägt er vor.
»Ja, bitte!« Ich lache erleichtert. Aber dann denke ich, dass ja vielleicht gerade dieser Moment hier besonders romantisch ist, weil wir wissen, dass jetzt und hier unser Kind gezeugt wird. Ich greife nach Taners Hand.
Frau Dr. Kurth kommt mit einer Petrischale rein, in der eine Spritze mit einer langen Kanüle liegt.
»Na, dann gehen wir es an«, überspringt sie die Begrüßung und schaut kurz auf ihren Computerbildschirm, dann wieder zu uns. Sie lächelt mich aufmunternd an, als wäre mir die Angst ins Gesicht geschrieben.
»Das Sperma ist top, nun schauen wir mal, was die Eizelle macht.« Sie fackelt nicht lange rum, ich bin erleichtert, dass ich schon sitze. »Jetzt wird es kurz kalt!«, warnt sie mich. Vorsichtig, aber ruckartig schiebt sie den Schallkopf in meine Vagina und nickt zufrieden, während sie das Ultraschallgerät suchend hin und her bewegt. Sie murmelt irgendetwas wie »genau der richtige Zeitpunkt« und »Perfekt!«, aber so ganz genau kann ich sie vor Nervosität gar nicht verstehen.
Taner schaut konzentriert auf den Monitor und nickt immer wieder, wenn Frau Dr. Kurth ihm mit dem Finger wedelnd den Weg der Spermien zeigt und »Sehen Sie es?« ruft, ohne auf eine Antwort aus zu sein.
Ich bekomme erst mit, dass sie den Schlauch eingeführt hat, als sie ihn schon wieder rauszieht und mit einem zufriedenen Lächeln deutet, dass ich aufstehen kann.
»Das war es?«, frage ich erstaunt.
»Ja!«, lacht Frau Dr. Kurth, »jetzt müssen Sie brüten!«
Sie will schon wieder aus dem Zimmer, aber heute lasse ich sie nicht entwischen. Eifrig frage ich, ob es nicht besser ist, wenn ich noch eine Weile in dieser Position liegen bleibe und nicht direkt wieder aufstehe.
Meine Frage scheint sie nicht zu überraschen, sie schüttelt sofort wild mit dem Kopf. »Frau Winter, glauben Sie mir, da läuft nichts mehr raus. Machen Sie sich keine Sorgen! Es sind schon Kinder in der Besenkammer gezeugt worden. Und die Frauen standen danach auch nicht im Handstand neben den Wäschekörben.« Sie tätschelt meine Schulter. »Entspannen Sie sich einfach nur!«, sagt sie mit fester Stimme.
Ich lächle pflichtschuldig und steige dennoch etwas widerwillig vom Stuhl, während ich mich frage, wie viele nach dem Geschlechtsverkehr in einer Besenkammer nicht schwanger geworden sind, es aber geworden wären, wenn sie nur ihr Becken hoch gelagert hätten. Aber darüber gibt es ja keine Statistik. In der Wäschekammer, nein, ich meine natürlich die Umkleidekammer, streife ich mir langsam und behutsam meinen Slip über.
»Ich drücke die Daumen«, höre ich Frau Dr. Kurth zu Taner sagen, dann ist sie weg. Ihre Daumen haben sicher schon Druckstellen.
Als wir unten aus dem Fahrstuhl steigen, habe ich ein seltsames Gefühl. Es ist alles perfekt gelaufen, aber nichts fühlt sich anders an. Alles ist noch genau wie zwei Stunden zuvor. Müsste nicht irgendetwas anders sein? Ich schicke Taner mit dem Rezept, das wir bekommen haben, in die Apotheke direkt im Nachbarhaus und warte vor der Tür. Mein Kopf brummt immer noch. Um es mir einzuprägen, wiederhole ich immer wieder, ab wann und wie oft ich die Progesteron-Kapseln nehmen muss – vom dritten Tag an jeden Morgen und Abend zwei davon vaginal einführen. Die Sprechstundenhilfe hat uns eingebläut, den Beipackzettel zu ignorieren, in dem steht, dass eine vaginale Anwendung nicht zugelassen ist. Das Gelbkörperhormon regt den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut an, sodass sich die befruchtete Eizelle einnisten kann. Ob meine Eizelle jetzt schon gesprungen ist? Ich spüre immer noch nichts. Aber ich spüre meinen Eisprung ja auch sonst nie. Müsste ich ihn in diesem Fall aber nicht spüren, da ich doch so genau darauf achte? Wie fühlt sich der Eisprung überhaupt an? Ich hätte noch so viele Fragen an Frau Dr. Kurth gehabt.
»Komm!« Taner drückt mir das kleine Apothekentütchen in die Hand und schiebt mich Richtung Bushaltestelle. Er hat sich heute Morgen krankgemeldet und will so schnell wie möglich nach Hause, um niemandem aus der Schule über den Weg zu laufen.
Der Bus braucht rund vierzig Minuten für die Strecke von der Praxis zu unserer Wohnung. Das Gute ist aber, dass wir ohne Umstieg durchfahren können und um diese Zeit ist der M29 auch nicht so voll. Wir können uns direkt auf einen freien Zweier setzen. Ich greife nach Taners Hand, er umschließt meine fest und legt sie auf seinem Schoß ab. Mich durchläuft ein kalter Schauder. Die Klimaanlage ist voll aufgedreht.
Ich versuche mich nach hinten zu lehnen und den Beckenboden anzuspannen, damit die Spermienladung nicht doch wieder rausläuft. Vielleicht dringt ja gerade jetzt eine Samenzelle in meine Eizelle ein. Mir war nicht klar, was bei einer Busfahrt so alles passieren kann! Ich nehme meine Umgebung plötzlich ganz anders wahr! Es muss nur ein einziges Spermium überleben. Erbarmungslose Selektion. Und ich kann es nicht beeinflussen. Ich kann nur zuschauen. Nein, nicht mal zuschauen. Ich muss auf die Nachricht warten, wie das Spiel ausgegangen ist. Und da es das Spiel des Lebens ist, ist es möglich, dass es keine Gewinner gibt.
Ich spüre zumindest noch immer nichts. Außer ein völlig abrupt scharfes Abbremsen des Busfahrers. Mann! Fahr vorsichtig! Du hast womöglich ein Baby an Bord! Ich schaue raus, was der Grund für die Vollbremsung war, kann aber nichts entdecken. Wir sind schon an der Kreuzung zum Görlitzer Bahnhof und vermutlich hat der Busfahrer nicht damit gerechnet, dass das Auto vor ihm schon bremst, als die Ampel gerade erst umgesprungen ist.
»An was denkst du?«, fragt Taner, dessen Hand ich so fest gedrückt habe, dass er seine Finger kurz lösen muss. Sie ist ganz rot. Ich schaue ihn entschuldigend an. »Ich dachte nur, dass ich mich vielleicht doch gleich etwas hinlegen sollte. Was denkst du?«
Er nickt. »Klar! Mach das! Und ich koche uns was!«
Er küsst mich auf die Wange. Er wirkt auch etwas nervös. Ich traue mich nicht, ihn zu fragen, was er gerade denkt.
Zu Hause verschwindet er direkt in der Küche, während ich mich auf dem Sofa einrichte. Ich lege mich auf den Rücken und schiebe zwei Kissen unter mein Becken, dann schließe ich die Augen und versuche an nichts zu denken.
Entspannen Sie sich einfach nur!
Beim Eisprung wird eine Eizelle aus dem Eierstock freigesetzt und gelangt in den Eileiter. Dort wird sie befruchtet oder auch nicht und wandert dann etwa vier bis fünf Tage in die Gebärmutter, um sich dort einzunisten. Erst dann ist die eigentliche Empfängnis abgeschlossen. Und erst in zwei Wochen kann ich zum Schwangerschaftstest in die Praxis kommen. Zwei Wochen! Ich lege meine rechte Hand unter meinen Bauchnabel und versuche auf einen anderen Gedanken zu kommen, aber es gelingt mir nicht. Irgendwie muss ich mich zwei Wochen lang ablenken.
Ich will gerade umständlich, ohne aufstehen zu müssen, nach meinem Notebook greifen, das auf dem kleinen Holzhocker neben dem Sofa liegt, als Taner reinkommt. Er zieht zielstrebig die hellen Gardinen am Fenster, durch das gerade die volle Mittagssonne ins Zimmer fällt, zu.
»Kannst du mir mein …?«, frage ich und deute auf den Hocker. »Ich muss mal meine Mails beantworten. Essen schon fertig?«
Er setzt sich zu mir aufs Sofa, indem er mich mitsamt der Kissen leicht zur Seite schiebt. Er küsst mich, dann erst antwortet er.
»Nein. Noch nicht. Aber ich dachte nur gerade, irgendwie fehlt bei der ganzen Sache etwas.« Seine Hand liegt schwer auf meiner Hüfte.
Ich werde nervös, weil ich fürchte, dass ihm ein Fehler aufgefallen ist. Ist heute sicher der dreizehnte Zyklustag?
»Was ist?«, frage ich verunsichert.
»Nichts!« Er küsst mich noch mal. Dieses Mal öffnet er leicht seinen Mund und streift mit seiner Zunge meine Lippe. Er schmeckt nach Zitronengras.
»Ich hätte dich nur vorhin gerne bei mir gehabt. In diesem Raum. Du weißt schon!«
Er beugt sich wieder zu mir runter und jetzt küssen wir uns länger, während seine Hand unter mein Kleid gleitet und ganz sanft den Slip nach unten zieht. Meine Hand liegt noch immer auf meinem Bauch, genau da, wo es nun anfängt, heftig zu kribbeln. Mein Becken schwebt zwei Zentimeter über den Kissen. Taner schlüpft schnell aus seiner Jeans und lässt die beiden Kissen auf den Boden fallen.
Ich ziehe ihn zu mir heran und spüre ihn hart auf mir. »An wen hast du denn vorhin gedacht, als es so schnell ging?« Meine Lippen sind ganz nah an seinem Ohr.
»Nur an dich!«, versichert er. Er lacht und streift mein Kleid nach oben. Seine Hand umfasst meine Brust.
Mein Atem bleibt stehen, als er sich auf mich presst. »Ich glaube, es passiert genau jetzt!«, höre ich mich sagen und beiße ihn sanft in die Unterlippe.
»Ich bin mir sicher!«, flüstert er mir ins Ohr. Ich spüre, wie sich auch seine Anspannung löst. Genau so würde ich es später erzählen.
Danach schlafe ich völlig entspannt ein. Als ich aufwache, habe ich Hunger für zwei! Das muss ein gutes Zeichen sein!
Zwei Tage später fahre ich zum Geburtstag meiner Mutter nach Süddeutschland. Es führt kein Weg daran vorbei. Er fällt in diesem Jahr auf einen Samstag, und als meine Mutter mir sagte, dass Clara auch kommt, habe ich zugesagt. Sechs Stunden Zugfahrt. Seit Wochen schiebe ich den Besuch auf, habe aus einem Hochzeits-Fotoshooting im Mai einfach mehrere gemacht. Bei Aufträgen fallen meiner Mutter nicht so viele Widerworte ein, schließlich sorgt sie sich ja unentwegt, ob ich mit diesem völlig unsicheren Job über die Runden komme. Aber es versteht sich von selbst, dass es an ihrem Geburtstag keine Ausflüchte gibt. Es erleichtert mich nur, dass meine kleine Schwester auch da sein wird. Die geteilte Aufmerksamkeit meiner Mutter ist immer noch zu viel, aber ich bin gespannt, mehr über Claras neuen Freund zu erfahren.
Ich habe Clara Monate nicht gesehen. Wir telefonieren so gut wie nie. An Neujahr hat sie mir nur ein Foto gesendet, auf dem sie in den Armen eines wirklich großen Mannes in die Kamera grinst, darunter drei dunkelrote Herz-Emojis. Wenn eine von uns das Gefühl hat, schon zu lange nichts von der anderen gehört zu haben, sendet sie ein schnelles »Wie geht's?«, woraufhin Clara immer »Alles prima!« und ich »Alles okay!« antworte. Auch unserer Mutter weicht Clara gekonnter aus, als ich es je schaffe. Spätestens nach zwei Wochen packt mich das schlechte Gewissen und ich rufe doch mal durch. Und jedes Mal fragt meine Mutter, ob ich etwas von meiner Schwester gehört habe. Aber wenn Clara und ich uns treffen, ist die Distanz sofort wie weggeblasen.
Ich sehe uns schon auf unserer alten Familiencouch liegen, die seit ein paar Jahren auf dem Dachboden steht, weil unsere Eltern sich eine komplett neue Sofagarnitur gekauft haben, als wir ausgezogen waren. Sobald sich die Gelegenheit ergibt, flüchten wir uns dorthin, um durch die Dachluke in die Sterne zu schauen und uns die Fragen zu stellen, die unsere Eltern nicht hören müssen.
Clara wollte schon am Freitag aus Hamburg anreisen, aber ich nehme lieber den ICE am Samstag früh, der etwas leerer ist. Ich sitze im Ruhebereich auf einem Platz am Fenster. Neben mir steht meine schwere Kameratasche, die ich ungern aus den Augen lasse. Aber vor allem hoffe ich, dass sich so niemand neben mich setzt. Ich ziehe den Hebel unten am Sitz, damit die Sitzfläche ein kleines Stück nach vorne rutscht und meine Eileiter und die Gebärmutter auf der Fahrt möglichst nicht eingequetscht oder abgeknickt werden. Die Klimaanlage läuft. Ein kalter Luftzug trifft meinen Kopf. Ich ziehe die Kapuze meines Hoodies fest über die Ohren.
Taner ist nicht dabei. Er hat heute ein Fußballspiel, das er nicht verpassen will. Er hat mir versprochen, beim nächsten Mal zur Not auch mit meinen Eltern in den Urlaub zu fahren, wenn ich ihn nur dieses eine Mal entschuldige. Ich habe nicht vor, mit meinen Eltern in den Urlaub zu fahren, trotzdem habe ich ihn nicht gezwungen, mitzukommen. Meiner Mutter erzähle ich, dass er so viele Klausuren korrigieren muss.
Auch ich sollte mich dringend an die Arbeit setzen. Die letzten Tage habe ich alles nur vor mir hergeschoben. Ich öffne mein Notebook. Fürs Theater habe ich zwei Schauspielerinnen fotografiert, die neu im Ensemble sind. Deren Porträts muss ich bearbeiten und dann drei oder vier Fotos zur Auswahl an die Öffentlichkeitsarbeit senden. Ich lade das erste Foto und öffne nebenbei den Internetbrowser, um mich mit dem WLAN im ICE zu verbinden. Nur kurz gebe ich ›Wann merkt man Schwangerschaft nach Insemination?‹ in die Google-Suche ein. Die nächsten drei Stunden scrolle ich mich durch eine Flut von Erfahrungsberichten über Kinderwunschbehandlungen. Ich lese von einer, die die ersten vier Monate absolut gar nichts gespürt hat, kein Anzeichen, keine Übelkeit, nichts. Andere hatten aber die ganze Zeit so ein Ziepen und Zwicken im Unterleib, während das Ei durch den Eileiter gewandert ist. Ich spüre gar nichts, was mich sofort zweifeln lässt. Ich muss mir aber keine Sorgen machen, schreiben viele andere, weil ja die, die ein Ziepen gespürt hatten, dann gar nicht alle schwanger waren und wiederum andere, die so absolut gar kein Anzeichen bemerkt hatten, dann völlig überraschend doch schwanger waren. Ich entdecke viele, die schreiben, dass schon der erste Versuch in der Kinderwunschpraxis ein Erfolg war. Statistisch gesehen braucht es aber doch ein paar Versuche mehr. So habe ich jedenfalls Frau Dr. Kurth verstanden. Deshalb sollte man sich beim ersten Versuch wirklich noch nicht verrückt machen! Aber täusche ich mich, oder war das jetzt doch gerade so ein ganz kleines, sanftes Zwicken im Unterleib, genau wie Mami42 es beschrieben hat? Als ich von Dilara, 38, lese, die nach der zehnten Behandlung noch immer nicht schwanger ist, schließe ich schnell den Browser und zwinge mich, endlich die Fotos durchzugehen. Zumindest hat sich die Zugfahrt durch mein Abschweifen schon deutlich verkürzt.
Meine Mutter holt mich am Bahnhof ab. Als ich aussteige, sehe ich sie schon von Weitem in einem strahlend gelben, knöchellangen Sommerkleid am Gleis stehen. Sie wedelt aufgeregt mit den Armen über dem Kopf. Ich merke, dass mir in meinem Pullover viel zu warm wird, fühle mich so aber noch recht sicher vor der Umarmung meiner Mutter.
»Alles Gute zum Geburtstag!«, begrüße ich sie schon aus zehn Metern Entfernung.
Meine Mutter schaut mir kopfschüttelnd entgegen. Ich weiß schon, was sie sagen will. Dass ich in so einer Aufmachung – schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt und schwarzer Pullover – doch bitte zu ihrer Beerdigung und nicht zu ihrem Geburtstag erscheinen soll.
»Was hast du an?«, ruft sie mir dann auch entgegen. »Es ist Sommer, Kind!« Sie hört nicht auf, den Kopf zu schütteln, umarmt mich dann aber doch. Ihre Haut riecht nach einer Mischung aus Sonne und Chanel. Ich versuche ihr zu erklären, dass die Züge voll klimatisiert sind, verstumme aber, als sie mir eröffnet, dass Clara nicht kommen kann, weil sie einen Magen-Darm-Virus erwischt hat.
»Sie hängt nur über der Kloschüssel und kotzt die ganze Zeit«, erzählt meine Mutter. »Ich konnte nur zwei Minuten mit ihr telefonieren, dann ging es schon wieder los.«
Während meine Mutter uns zum Haus meiner Eltern fährt, nehme ich mein Handy und tippe unbemerkt eine Nachricht an meine Schwester: Verräterin! Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt? Was für eine schlechte Ausrede!
Ich kann es nicht fassen, dass sie mich sitzen lässt. Sie antwortet innerhalb weniger Sekunden: Sorry! Mir geht es wirklich übel. KEINE AUSREDE!
Ich atme tief aus. Nun bin ich also zwei Tage mit meiner Mutter allein. Natürlich nicht ganz allein, mein Vater ist auch da, aber das ist auch alles. Nach einer kurzen Begrüßung an der Türe verschwindet er wieder in der Küche und taucht dann das ganze Wochenende nur selten auf. Meine Mutter hat irgendwann die Kochlöffel geschmissen und gesagt, dass sie keine Lust mehr hat, tagtäglich für uns in der Küche zu stehen. Die Lücke hat dann mein Vater gefüllt und perfektioniert seitdem ambitioniert seine Kochkünste, als wolle er meiner Mutter beweisen, dass es doch gar nicht so schlimm ist. Nur dass an ihm keine zwei kleinen Kinder zerren, die unentwegt fragen, wann das Essen fertig ist oder was es gibt, um dann in Tränen auszubrechen, weil sie viel lieber Nudeln gehabt hätten.
»Er will uns mit einem Geburtstagsessen überraschen«, erklärt meine Mutter und öffnet die Terrassentür zum Garten.
Hier ist ihr Zuhause. Hier pflanzt und sät sie, gräbt um, baut Hochbeete, stutzt die Rosenhecken, erntet Kirschen und Äpfel und macht alles winterfest. In meiner Erinnerung sehe ich Clara und mich das ganze Jahr hinter ihr herflitzen, ausgestattet mit kleinen Gießkannen, Schaufeln und Körben, ganz konzentriert und ehrfurchtsvoll ihren Erklärungen lauschend.
Hier fühlt sich die pralle Mittagssonne nicht mehr so drückend an, streichelt vielmehr sanft meine Wangen, und für einen Moment freue ich mich doch, aus Berlin raus zu sein. Ich streife mir endlich den viel zu warmen Pullover über den Kopf und ziehe einen der Gartenstühle aus dem Schatten des riesigen Sonnenschirms in die Sonne, damit mein Gesicht etwas Farbe bekommen kann.
Meine Mutter hebt die große Glasglocke von der Kuchenplatte und schneidet mir ein Stück von der meisterhaften Himbeer-Sahnerolle ab, die mein Vater gebacken hat.
»Sind die ersten Himbeeren in diesem Jahr!« Sie deutet stolz auf ihre Himbeersträucher und lässt sich dann im Schatten auf einen Stuhl fallen, wo sie in ihren mir so bekannten Redeschwall verfällt, der auf keinerlei Erwiderung wartet.
