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»Wir wurden nicht in Kanada geboren, sondern Kanada wurde auf unserem Land geboren.« Bären an wilden Flüssen, Ahornsirup, Eishockey, nette Umgangsformen – unser Bild von Kanada ist von Klischees geprägt. Genauso romantisiert ist unsere Vorstellung von Indianern, die immerhin einen Großteil des Landes besiedeln: Lagerfeuer, Adlerfedern, Wildpferde und ein Leben im Einklang mit der Natur. Doch wie leben sie wirklich? Der Schweizer Historiker Manuel Menrath zeigt es uns in diesem Buch. Er machte sich auf in entlegene Gebiete im hohen Norden Kanadas, dorthin, wohin keine Straße führt, und traf Cree und Ojibwe in ihren Reservaten. Und sie vertrauten ihm, dem Europäer – dem Wemistigosh (Holzbootmensch). Sie nahmen ihn mit zu ihren rituellen Festen und zur Jagd, er lebte unter ihnen. In über hundert Interviews erzählten sie ihm von ihrem Leben – ihrem Verhältnis zur Natur, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte – und von dem Land, das sich heute »Kanada« nennt und dessen Entstehung für sie mit großem Leid verbunden ist. Sie erzählten von verschwundenen Tieren, alten Ritualen. Und von den Grausamkeiten in den Residential Schools, in denen ihre Kinder in die Gesellschaft der Weißen zwangsassimiliert wurden. Ihre Geschichten handeln von den sozialen wie seelischen Verwüstungen des kulturellen Völkermords, von Depression, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Allein im Cree-Dorf Attawapiskat gab es im Jahr 2016 100 Selbstmordversuche unter Jugendlichen – genau in dem Jahr, in dem Premier Justin Trudeau (viel zu spät) die Rechte der Indigenen anerkannte. Manuel Menraths faszinierendes und tief beeindruckendes Buch berichtet vom Leben derer, die schon seit Jahrtausenden in Kanada leben – und lässt sie selbst zu Wort kommen. »Dies ist ein wichtiges Buch, weil es unsere Stimmen enthält. Es ist gut, dass wir damit in Europa gehört werden. Denn unsere Geschichte wurde jahrhundertelang ignoriert.« Chief Stan Beardy, Grand Chief der Nishnawbe Aski Nation (2000-2012) und Chief von Ontario (2012-2015) »Diese großartige Spurensuche in den entlegenen Cree- und Ojibwe-Reservaten Ontarios erzählt die Geschichte von Eroberung, Kolonisierung und fortdauernder Vernachlässigung aus indianischer Sicht – fundiert, überraschend und berührend zugleich.« Aram Mattioli, Verfasser von »Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700–1910« Mehr Infos unter: https://unterdemnordlicht.de
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Seitenzahl: 854
Veröffentlichungsjahr: 2020
Manuel Menrath
Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land
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Titelseite
Über Manuel Menrath
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hinweise zur Darstellung dieses E-Books
zur Kurzübersicht
Manuel Menrath, geboren in Luzern, seit 2009 am Historischen Seminar der Universität Luzern. Zuvor war er Lehrer, Kulturmanager, Komponist und spielte Gitarre in verschiedenen Bands. 2016 erhielt er den Opus Primum Förderpreis der VolkswagenStiftung. In seinem Buch Mission Sitting Bull (Schöningh 2016) setzt er sich mit der Bekehrung der Sioux durch Benediktiner aus Einsiedeln auseinander.
zur Kurzübersicht
»Wir wurden nicht in Kanada geboren, sondern Kanada wurde auf unserem Land geboren.«
Bären an wilden Flüssen, Ahornsirup, Eishockey, nette Umgangsformen – unser Bild von Kanada ist von Klischees geprägt. Genauso romantisiert ist unsere Vorstellung von Indianern, die immerhin einen Großteil des Landes besiedeln: Lagerfeuer, Adlerfedern, Wildpferde und ein Leben im Einklang mit der Natur. Doch wie leben sie wirklich? Der Schweizer Historiker Manuel Menrath zeigt es uns in diesem Buch. Er machte sich auf in entlegene Gebiete im hohen Norden Kanadas, dorthin, wohin keine Straße führt, und traf Cree und Ojibwe in ihren Reservaten.
Und sie vertrauten ihm, dem Europäer – dem Wemistigosh (Holzbootmensch). Sie nahmen ihn mit zu ihren rituellen Festen und zur Jagd, er lebte unter ihnen. In über hundert Interviews erzählten sie ihm von ihrem Leben – ihrem Verhältnis zur Natur, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte – und von dem Land, das sich heute »Kanada« nennt und dessen Entstehung für sie mit großem Leid verbunden ist.
Sie erzählten von verschwundenen Tieren, alten Ritualen. Und von den Grausamkeiten in den Residential Schools, in denen ihre Kinder in die Gesellschaft der Weißen zwangsassimiliert wurden. Ihre Geschichten handeln von den sozialen wie seelischen Verwüstungen des kulturellen Völkermords, von Depression, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Allein im Cree-Dorf Attawapiskat gab es im Jahr 2016 100 Selbstmordversuche unter Jugendlichen – genau in dem Jahr, in dem Premier Justin Trudeau (viel zu spät) die Rechte der Indigenen anerkannte.
Manuel Menraths faszinierendes und tief beeindruckendes Buch berichtet vom Leben derer, die schon seit Jahrtausenden in Kanada leben – und lässt sie selbst zu Wort kommen.
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
Verlag Galiani Berlin
© 2020, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen, Berlin
Covermotiv: © All Canada Photos / Alamy Stock Foto
Lektorat: Wolfgang Hörner
Karte: Marco Jann
ISBN978-3-462-32170-8
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Widmung
Motto
Wachyie
Unbekannte Welt
Vollmondzeremonie
Geteiltes Land
Armut im Land der Diamanten
Aski
Wo die Stille spricht
Das Land versorgt die Menschen
Wemistigosh
Pelzhandel
1670: Gründung der Hudson’s Bay Company
1783–1821: North West Company
1821: Monopolstellung der Hudson’s Bay Company
1970 bis heute: Das Ende des Pelzhandels
Neues Weltbild: Missionare
Der Weg in den Himmel
Eine koloniale Matrix: Indian Act
Auslöschung per Gesetz
So lange die Sonne scheint: Treaty
Leere Versprechungen
Das Ende der Welt
Wider den Lauf der Natur
»Wir nannten sie Diktatoren«
Gefängnisse für Kinder: Residential Schools
Stiller Schmerz
Missbrauch hinter Mauern
Von Lichtblicken, Widerstandshandlungen und denen, die starben
Gesellschaftliches Trauma
Bildteil
Ishkoonigan
Vom Land ins Reservat
Abhängigkeit durch Sozialhilfe
Gebrochenes Vertrauen
Welt im Umbruch
Chiefs als Anführer und Verwalter
Das harte Leben im Reservat
Notstand
Heimat mit Zukunft
Hoffnungen und Perspektiven
Bimaadiziwin
Widerstand
Nishnawbe Aski Nation
Aufbegehren gegen Unterdrückung und Diskriminierung
Meno Ya Win: Heilung
Eine Brücke über den kolonialen Graben
Meegwetch
Glossar
Literatur- und Quellenverzeichnis
Für Aram Mattioli und Leo Schelbert, denen ich vieles verdanke.
»Ein Indianer macht ein kleines Feuer und alle setzen sich nahe hin, um sich zu wärmen. Der weiße Mann macht ein großes Feuer und alle setzen sich weit weg, damit sie nicht verbrennen.«[1]
Willie Wesley, Cree-Elder aus Moose Factory
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Willkommen
»Nicht du bist es, der die Geschichten findet. Es sind die Geschichten, die dich finden«, sagte mir die indianische Filmemacherin Michelle Derosier während eines Spaziergangs. Damit brachte sie etwas auf den Punkt, wofür mir bislang die Worte gefehlt hatten. Es war an einem sonnigen Vormittag im Sommer 2018. Wir befanden uns auf einer begrünten Anhöhe in der kanadischen Stadt Thunder Bay. Die Aussicht auf den tiefblauen Gitchi Gamie, wie die Ojibwe den meeresähnlichen Oberen See nennen, war inspirierend. Draußen in der Bucht lag Nanabush – der legendenumwobene Sleeping Giant oder Schlafende Riese. Die sanften Wellen, die die Halbinsel umspülten, erweckten den Eindruck, als atme er ruhig. Bereits vor Jahrtausenden zogen Menschen in Kanus an seinen Ufern vorüber. Später, aber immer noch vor langer, langer Zeit, fischten Cree und Ojibwe an Flüssen, die ein schier endloses Land durchzogen und in die Donnerbucht oder ins Eismeer mündeten, jagten in den tiefen Wäldern, trieben Handel und feierten große Sommerfeste. Manchmal kam es zu kriegerischen Konflikten mit Irokesen oder Sioux, die von Süden kamen. Auch ihre Kultur wandelte sich. Erzählungen und Traditionen veränderten sich, Bündnisse wurden geschlossen, zerbrachen und wurden wiederum erneuert. Doch insgesamt war es eine relativ sichere Welt. Die Menschen waren eins mit dem Land. Sie lebten auf dem vom Ozean umgebenen Panzer einer riesigen Schildkröte, der ihnen Schutz bot. Aber dann, und das ist erst ein paar wenige Lebensalter her, tauchten bärtige Männer auf. Sie hatten Werkzeuge aus Metall dabei und paddelten in hölzernen Booten, die viel wuchtiger waren als die leichten, aus Birkenrinde angefertigten Kanus der Ojibwe. Einige nannten sie deshalb scherzhaft ›Wemitigowuk‹ – in schweren, aus Holz hergestellten Kanus rudernde Menschen. Die Wellen des Oberen Sees schlugen etwas höher, aber es blieb noch eine Weile ruhig.
Die Ojibwe handelten mit den Neuankömmlingen, halfen ihnen, sich zu orientieren und die harten Winter zu überstehen. Aber dann kamen immer mehr dieser Männer und zunehmend auch Frauen und Kinder aus der fremden Welt. Sie wollten bleiben und erklärten das indianische Land zu ihrem Eigentum und zu ihrer neuen Heimat. Eigenartige Medizinmänner in schwarzen Roben und glänzenden Kreuzen auf der Brust reisten bis zu den Cree am Eismeer. Sie hielten in ihren Händen einen in Leder gebundenen Gegenstand, der sich öffnen ließ. Innen waren Blätter mit geheimnisvollen Zeichen, die aussahen wie aufgereihte Kohlensplitter im Schnee. Sie nannten sie ›Heilige Schrift‹. Und sie sei das festgehaltene Wort von ›Gitchi Manitou‹, dem Großen Geist. Dann änderte sich die Witterung. Die Wellen im Oberen See stiegen an, türmten sich auf und überschlugen sich. Ein gewaltiger Orkan braute sich über der Donnerbucht zusammen und entlud sich in einem noch nie da gewesenen Gewittersturm. Tosend fegte er über das weite Land hinweg und brachte Unheil von Küste zu Küste und bis in den hohen Norden zu ›Wabusk‹, dem weißen Bären. Die indianische Welt zerbrach. Krankheiten löschten ganze Gemeinschaften aus.
Die Gier der Neuankömmlinge war grenzenlos. Ihr Landraub drängte die Cree und Ojibwe in bittere Armut, Orientierungslosigkeit und schließlich in triste Reservate. Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in Internate verschleppt. Die christliche Umerziehung, begleitet von seelischem, körperlichem und sexuellem Missbrauch, zerrüttete die ganze Gesellschaft. Alkohol und Drogen zerstörten Familien. Viele, darunter auch Kinder, sahen keinen Ausweg mehr und suchten verzweifelt den Tod. Sprachen, seit Jahrtausenden die Seele des Landes, verstummten für immer. Gleichzeitig entstanden für die Menschen mit den farbigen Augen neue Dörfer, große Städte und weitläufige Siedlungsräume. Wo einst Büffel grasten, weideten Rinderherden quadratisch angelegter Megafarmen. Eisenbahnen und Highways durchschnitten das Land. Kanada war geboren, doch die große Schildkröteninsel drohte für immer zu versinken.
Nanabush schlief weiterhin. Das war sein Schicksal. Aber er spürte das Leid der Ojibwe. Er konnte nichts für sie tun, außer ihnen durch seine reine Anwesenheit Kraft verleihen. Sein Schmerz war unerträglich. Dann nahm er jedoch wahr, dass die Trommel, der Herzschlag indianischer Kultur, weiterhin in Gebrauch war. Anfänglich nur im Verborgenen und zögerlich, inzwischen wieder laut, von traditionellen Gesängen begleitet und überall. Auch die Tänze kehrten zurück. Vielfältiger und farbiger als je zuvor. Der Duft der heiligen Medizin aus Tabak, Salbei, Zeder und Süßgras lag wieder in der Luft. Indianische Frauen, Männer und sogar Kinder im ganzen Land erhoben ihre Stimme, forderten Anerkennung und kämpften für ihre Rechte. Künstler aus zahlreichen Reservaten begannen zu malen, zu dichten, zu schreiben und komponierten Lieder. Dadurch machten sie die indigene Realität auch in der kanadischen Dominanzgesellschaft, die die ersten Menschen des Landes bereits fast vergessen hatte, wieder sichtbar. All dies tröstete Nanabush und ließ ihn zuversichtlich eine bessere Zukunft erhoffen. Doch noch immer hört er das Wehklagen, das sich täglich in entlegenen Dörfern der Cree und Ojibwe weit weg der öffentlichen Wahrnehmung abspielt.
Ja, Geschichten können jemanden finden. Als ich mich mit Michelle, die der Nation der Ojibwe angehört, an jenem Sommermorgen über meine Erlebnisse mit den Menschen im hohen Norden Ontarios unterhielt, wurde mir klar, wie mich die Geschichten ihres Landes angezogen hatten. Aus westlicher Perspektive würden wir wohl sagen, dass ich mich, meiner geistigen Freiheit bewusst, dafür entschieden hatte, in entlegene indigene Gebiete Kanadas zu reisen, um mehr über die mir bislang unbekannten Kulturen zu erfahren. Aus indigener Sichtweise könnte man teilweise zustimmen, würde aber noch eine weitere Dimension miteinbeziehen. Da sind immer auch die Geister der Ahnen dabei, die bei einigen Entscheidungen im Leben eine wichtige Rolle spielen und die manchmal unverhofft Dinge bewirken, die nicht rational erklärbar sind. Dies lehrten mich Michelle und viele Cree und Ojibwe, die ich während meiner Reisen kennenlernen durfte. Nach Kanada zu fliegen, war zwar eine bewusste Entscheidung. Doch wie rasch ich in der indianischen Welt unterhalb der Hudson Bay willkommen geheißen wurde und wie sehr sich jeweils alles zum Guten fügte, war nicht absehbar. Als ich meinen Blick über Gitchi Gamie zu Nanabush schweifen ließ, erinnerte ich mich an viele Begegnungen, die mir in den letzten beiden Jahren einen tiefen Einblick in eine mir bis anhin völlig verborgene Lebenswelt ermöglicht hatten.
Im Sommer 2014 bereiste ich mit zwei befreundeten Historikern Quebec und Ontario. Wir hatten uns vorgenommen, neben der Besichtigung der Flora und Fauna in den Laurentinischen Bergen und entlang des Sankt-Laurenz-Stroms bis zu den Großen Seen, unsere Aufmerksamkeit auch auf die indigenen Aspekte der kanadischen Geschichte zu richten. Den nördlichsten Punkt unserer Route erreichten wir, als wir von der Stadt Saguenay nach Val-d’Or fuhren. Etwa auf halber Strecke übernachteten wir in der kleinen Ortschaft Chapais. Am nächsten Morgen passierten wir nach gut einer Fahrtstunde die Cree First Nation von Waswanipi. Ich war erstaunt. Denn ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir in dieser abgeschiedenen Gegend auf eine indianische Siedlung stoßen würden. Irgendwie hatte ich die offensichtlich falsche Vorstellung gehabt, dass alle heutigen Indianer[2]* im südlichen Kanada lebten, danach ein riesiges, leeres Land käme, das erst ab dem Polarkreis wieder von den Inuit besiedelt wäre. Vom historischen Pelzhandel und der Hudson’s Bay Company hatte ich zwar schon gehört. Ich dachte aber, dass das gleichnamige Meer lediglich von europäischen Schiffen zum Verladen von Waren angesteuert worden wäre.
Als wir mit dem Auto eine Runde in der Ortschaft Waswanipi drehten, bemerkten wir, dass auf den Straßenschildern die Namen sowohl mit indianischen Silbenzeichen als auch mit lateinischen Buchstaben beschriftet waren. Dabei gingen mir einige Fragen durch den Kopf. Gab es in Quebec und Ontario weitere Indianerdörfer, die sogar noch nördlicher gelegen waren und zu denen eventuell nicht einmal Straßen hinführten? Wenn diese existierten, könnten denn die dortigen Menschen, da sie fern der westlich geprägten kanadischen Welt wohnten, noch nach traditioneller Weise von der Jagd und vom Fischfang leben? Wie würde es wohl in diesen Dörfern oder Regionen aussehen? Würden dort Tipis stehen und gäbe es sogar noch Indianer, die weiterhin als Nomaden umherzogen und die wegen der Abgeschiedenheit gar nicht von der Assimilationspolitik tangiert worden wären? Gäbe es also noch Indigene in Nordamerika, die gar kein Englisch sprechen würden und immer noch relativ unbeeinflusst von der Globalisierung in ihrer traditionellen Kultur verwurzelt wären? Fragen über Fragen. Ich notierte sie mir in mein Reisetagebuch, kam aber nicht dazu, ihnen nachzugehen. Als ich jedoch im Sommer 2015 im Schwarzwald um den Schluchsee mit seinen dunklen Tannen wanderte, fühlte ich mich für einen Augenblick in eine kanadische Landschaft versetzt. Ich erinnerte mich an Waswanipi und die offenen Fragen. Zudem kam mir wieder in den Sinn, dass ich einst von einem Dokumentarfilm über einen Schweizer gehört hatte, der im Norden Ontarios mit indianischen Jugendlichen arbeitete.
Zurück in der Pension fand ich in einem Dokument auf meinem Laptop tatsächlich den Hinweis auf die Reportage Stünzi und die Indianer des Schweizer Fernsehens. Ich schaute sie mir gleich in der Online-Mediathek des Senders an.[3] Werner Stünzi lebt mit seiner Frau Heidi seit 1991 im Städtchen Sioux Lookout. Als Unterstützungslehrer half er indianischen Jugendlichen, die aus isolierten, also nur mittels Kleinflugzeug erreichbaren Reservaten stammten, in der Highschool Fuß zu fassen und ihren Abschluss zu machen. Für die Schüler aus den kleinen Indianersiedlungen mit lediglich ein paar Hundert Menschen ähnelt die etwas über 5000 Einwohner zählende Gemeinde zunächst einer Großstadt, in der sie lernen müssen, sich zu orientieren. Anders als in ihren Dörfern gibt es in Sioux Lookout mehrere Restaurants, ein großes Einkaufszentrum und Spirituosenläden. Viele Schüler brechen wegen akutem Heimweh ihre Ausbildung ab. Jene, die ihre seelischen Schmerzen in Alkohol ertränken, mit Drogen betäuben oder aus anderen Gründen illegales Zeugs konsumieren und dabei erwischt werden, erhalten Verwarnungen und werden, wenn sich ihr Verhalten nicht bessert, von der Schule verwiesen. Zurück im Reservat, haben sie ohne Schulabschluss bei der sowieso schon geringen Aussicht auf einen Job noch schlechtere Chancen. Dank der Einführung von Stünzis Unterstützungsprogramm erhöhte sich die Quote der indianischen Highschool-Absolventen jedoch deutlich.
In der Reportage erfuhr ich zwar nicht viel über die indianische Kultur. Dennoch erhielt ich einen ersten, skizzenhaften Einblick in die Welt der isolierten Reservate. Neben Werner Stünzi wurden auch die beiden Jugendlichen Gregory und seine jüngere Schwester Kristen porträtiert. Sie kamen aus Kasabonika, einer Oji-Cree-Gemeinde, 440 Kilometer nördlich von Sioux Lookout. Werner kümmerte sich um Gregory, der bereits verwarnt war, und ließ ihn bei sich wohnen. Doch die einfühlsame Fürsorge fruchtete nicht und sein Schützling flog wegen Alkoholproblemen von der Schule. Kristen hingegen meisterte ihr erstes Jahr in der Highschool und sollte diese später auch erfolgreich abschließen. Ich wollte mit Werner Stünzi Kontakt aufnehmen, um mehr über das Leben in den nördlichen Indianerreservaten zu erfahren. Er war damals aber noch nicht auf Facebook und seine E-Mail-Adresse oder eine Postanschrift waren auf Anhieb nicht erhältlich. Auch Gregory fand ich nicht auf einem sozialen Netzwerk, dafür aber seine Schwester. Ich schrieb ihr eine Nachricht und stellte mich als Schweizer Historiker vor, der sich für indianische Geschichte und Kultur interessiere. Zudem würde ich ihr gerne ein paar Fragen stellen und mich daher auf ihre Antwort freuen.
Monate vergingen, ohne dass ich etwas von Kristen hörte. Ich hatte die Mail schon vergessen, als sie sich Ende 2015 meldete. Sie habe die Nachricht erst jetzt gesehen und ja, ich dürfe ihr einige Fragen stellen. Durch unsere Korrespondenz lernte ich viel darüber, wie eine Jugendliche aus einem abgelegenen Indianerreservat die Außenwelt wahrnahm. Sie identifizierte sich mit ihrer traditionellen Kultur, schätzte aber genauso wie gleichaltrige Kanadier aus urbanen Zentren die moderne Technik. Eines Tages erzählte sie mir, dass sich gerade eine ihrer besten Freundinnen das Leben genommen hatte. Die regelmäßigen Selbstmorde bei Kindern und Jugendlichen in den Reservaten waren ebenfalls ein Teil dieser für mich bislang unbekannten Welt – einer, der mich schockierte und mir sehr zu schaffen machte.
Einmal schickte mir Kristen einen Internetlink zu einer Dokumentation über Schüler aus isolierten Reservaten, die in Thunder Bay die Highschool besuchten. Sie meinte, ich sollte mir diese Sendung ansehen, um zu verstehen, was sie und ihre Altersgenossen in der Fremde durchmachten. Shawnda, die im Film vorkomme, sei ihre Freundin aus der Kingfisher First Nation.[4] Der Film zeigt, wie diese 15-jährige Schülerin aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen wird und wie sie sich in der Großstadt zunächst verloren fühlt. Die neue Umgebung ist für sie unglaublich laut und verwirrend, auch rassistischen Vorfällen ist sie ausgesetzt. Als sie einmal im Einkaufszentrum ein paar Pommes bestellen will, fordert die Verkäuferin sie auf, wegzugehen, und nennt sie »dreckige Indianerin«. Bei einem Volleyballspiel gegen ein anderes Highschool-Team werden sie und ihre Mitspielerinnen von einem Mädchen als »Wilde« bezeichnet.
Meine Dissertation hatte ich über die Bekehrung der Sioux in den USA durch Schweizer Benediktiner geschrieben, daraus war das Buch Mission Sitting Bull geworden.[5] Jetzt beschloss ich, wieder ein Buchprojekt anzugehen – eines über die Geschichte der First Nations im hohen Norden Ontarios. Auf dem großen Globus, den ich seit Kindheit habe, war mir der riesige Raum unterhalb der Hudson Bay immer als menschenleere, aber faszinierende Natur vorgekommen. Plötzlich tauchten da wie aus dem Nichts Ortschaften mit Namen und Gesichtern auf und mir wurde bewusst, dass in diesem Land seit Jahrtausenden eine Zivilisation gelebt hatte. Ich wollte mich einlesen und suchte ein Buch darüber, das mir einen Überblick geben konnte – fand aber nichts. Es gab nur wissenschaftliche Publikationen, die einzelne Aspekte abhandelten. Lediglich zwei Bücher schienen mir als Grundlageninformationen geeignet: eines war Children of the Broken Treaty des kanadischen Parlamentariers Charlie Angus, der die Benachteiligung indianischer Kinder im kanadischen Bildungssystem untersucht.[6] Zum anderen wollte ich Edmund Metatawabins Biografie Up Ghost River lesen.[7] Er wurde 1948 geboren und war von 1988 bis 1996 Chief der Fort Albany First Nation an der westlichen James Bay. Als Siebenjähriger wurde er von seiner Familie getrennt und kam in die katholische Residential School St. Anne’s. In diesem Internat geriet er ins staatlich verordnete System der Zwangsassimilation und wurde furchtbar misshandelt.
Ich erhoffte, mithilfe der beiden Bücher genügend Hinweise zu erhalten, um vor Ort Kontakte knüpfen und mit Indianern Interviews führen zu können. Denn es war mir ein echtes Anliegen, der mündlichen Tradition indianischer Geschichtsvermittlung so weit wie möglich zu folgen. Im Nachhinein konnte ich dann immer noch nachrecherchieren, um gewisse Aussagen historisch zu kontextualisieren. Mir schien aber die ungewöhnliche Methode, zuerst ohne großes, und vor allem wissenschaftliches, Hintergrundwissen an ein neues Thema heranzutreten, in diesem Fall ideal. Dadurch konnte ich nämlich relativ unvoreingenommen auf die Indianer zugehen und ihnen die Möglichkeit geben, mir zu erzählen, was ihnen als relevant erschien.
Nach der Lektüre der Bücher und einiger Zusatzinfos aus dem Internet war es Zeit, nach Ontario zu reisen und vor Ort zu recherchieren. Ich wusste nun, dass sich die Cree und Ojibwe im nördlichen Teil der Provinz 1973 zu einer politischen Organisation zusammengeschlossen hatten. Sie heißt Nishnawbe Aski Nation (NAN), wird von einem Grand Chief geführt, versteht sich als politisches Hauptorgan einer souveränen Nation und hat ihren Hauptsitz in Thunder Bay. Ihr Zweck ist es, den ihr beigetretenen 49 First Nations bei den Regierungen Kanadas und Ontarios eine geeinte und starke Stimme zu geben. Insgesamt gehören ihr 45000 Indianer an, deren einzelne Reservatssiedlungen auf ihrem traditionellen Territorium verstreut sind, das größer ist als die gemeinsame Fläche Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, der Niederlande und Belgiens und etwa zwei Drittel der Provinz Ontario abdeckt. 30 Indianerdörfer befinden sich im direkten Einzugsgebiet der südlichen Hudson Bay und westlichen James Bay. Sie sind nur mittels Kleinflugzeug oder ein paar Winterwochen lang auf einer Eisstraße erreichbar. Die Menschen im NAN-Gebiet lassen sich grob in drei ethnische Gruppen mit eigenen Sprachen einteilen. Ganz im Norden leben Cree, etwas weiter südlich Oji-Cree und in der südlichsten Region Ojibwe. Erstere haben ihre Siedlungen hauptsächlich an Flüssen in Küstennähe, die beiden anderen in der Regel an Seen.
Ich wählte Thunder Bay als Ausgangspunkt meiner Forschungsreise, da dort die NAN-Mitarbeitenden anzutreffen sind und die indianische Gemeinde etwa zehn Prozent der über 100000 Einwohner zählenden Stadtbevölkerung ausmacht. Bei Charlie Angus hatte ich über die Aktivistin und Journalistin Joyce Hunter gelesen. Sie kommt aus dem Cree-Dorf Peawanuck an der Hudson Bay und lebt in Thunder Bay. Ihr älterer Bruder Charlie war ein Schüler der St. Anne’s Residential School in Fort Albany, wo er 1974 im Alter von 13 Jahren einen tödlichen Unfall hatte. Die Behörden überführten seinen Leichnam nach Moosonee an der südlichen James Bay und ließen ihn dort bestatten. Die Familie, die etwa 500 km weiter nördlich an der Hudson Bay lebte, erhielt nie eine Erklärung dafür. Nachdem die Eltern dreieinhalb Jahrzehnten lang vergeblich versucht hatten, ihren toten Sohn zurückzuholen, und sich nun zu alt dafür fühlten, baten sie ihre jüngste Tochter Joyce, sich der Sache anzunehmen. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, kontaktierte Anwälte und einen Gerichtsmediziner und rief sogar den Minister für indianische Angelegenheiten an. Doch erst als sie einem Reporter des Toronto Star davon erzählte, kam die Sache ins Rollen. Leser der auflagenstärksten Zeitung Kanadas zeigten sich schockiert, dass es einer indianischen Familie verwehrt blieb, ihren vor 37 Jahren verstorbenen Sohn auf dem Friedhof ihres Dorfs zu beerdigen. Einige meldeten sich spontan und spendeten Geld für die Exhumierung, einen Sarg und den teuren Rücktransport der sterblichen Überreste. Schließlich wurde Charlie im Sommer 2011 auf dem Luftweg von Moosonee nach Peawanuck überführt und im Beisein seiner betagten Eltern, Geschwister, Verwandten und Freunde in der Erde seiner Heimat beigesetzt.[8]
Joyce Hunters E-Mail-Adresse war im Internet leicht zu finden. Damals arbeitete sie für die Stadt Thunder Bay in der Abteilung für indigene Beziehungen. Ich schrieb ihr, dass ich gerne mehr über die indigenen Menschen und ihr Leben im hohen Norden Ontarios erfahren würde. Auch würde ich die kanadische Geschichte praktisch nur aus europäischer Perspektive kennen und wollte diese Schlagseite durch Kenntnisse der indianischen Sichtweise korrigieren. Joyce antwortete umgehend, gab mir ihre Handynummer und meinte, ich solle mich melden, wenn ich in Thunder Bay sei. Es wäre ihr eine Freude, mir weiterzuhelfen.
Bei unserem ersten Treffen an einem schönen Julinachmittag 2016 hieß mich Joyce mit dem Gruß ›Wachyie‹ willkommen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und sie wurde während meiner Recherchen eine wichtige Stütze. Sie schenkte mir eine DVD-Box mit fünf Filmen, die die indianische Lebenswelt für die nicht-indigenen Gemeindemitglieder besser verständlich machen.[9] Nachdem wir uns ausführlich unterhalten hatten und sie mir Namen weiterer Kontaktpersonen genannt hatte, machte sie von uns ein Selfie. Sie postete es auf Facebook mit dem Kommentar, sie habe einen Historiker aus der Schweiz getroffen, der sich für die Geschichte des NAN-Gebiets interessiere, und es solle sich doch melden, wer mit ihm sprechen wolle. Aufgrund dieses Posts lernte ich später tatsächlich einige interessante Gesprächspartner kennen. Während wir uns verabschiedeten, sagte sie: »Bevor du dieses Projekt richtig beginnst, ist es wichtig, dass die Geister der Ahnen eingeweiht sind und dich dabei begleiten. Ich werde einen Elder bitten, eine Zeremonie für dich durchzuführen, und gebe dir Bescheid.«
Tags darauf teilte mir Joyce mit, dass mich der Elder Sam Achneepineskum am nächsten Tag um halb zwei in der Victoriaville Mall treffen wolle. Ich solle in meinem Medizinbeutel genügend Tabak mitbringen, damit er seine Heilige Pfeife stopfen könne. Es sei eine Ehre, dass er dieses Ritual für mich mache. Doch was genau meinte sie mit ›Medizinbeutel‹ und was für Tabak sollte ich denn besorgen? Ich wollte auf keinen Fall gleich zu Beginn meiner Reise in einen Fettnapf treten.
Im Giftshop der Thunder Bay Art Gallery fand ich leider keinen Medizinbeutel. Die Dame an der Kasse half mir jedoch weiter und verwies mich an die Ahnisnabae Art Gallery von Louise Thomas. Dort begrüßte mich ein stattlicher schwarzer Hund, der sich brav vor meine Füße legte. Während er schwanzwedelnd an mir emporschaute und sich ein Leckerli oder Streicheleinheiten erhoffte, musterte ich den ansprechenden Ausstellungsraum. Alle Bilder, Fotografien und Skulpturen waren von indigenen Künstlern. Es duftete nach Salbei. Dann betrat die Galeristin den Raum. Sie fragte mich, was sie für mich tun könne. Ich erklärte ihr, dass ich auf der Suche nach einem Medizinbeutel sei und auch Tabak benötige. Erstaunt fragte sie nach, weshalb ich beides denn brauche. »Wissen Sie, ich komme aus der Schweiz und interessiere mich für indianische Geschichte und Kultur.« »Ach, ich wunderte mich schon, woher dieser Akzent stammt. Aber warum brauchen Sie einen Medizinbeutel und Tabak?« Es war mir etwas unangenehm, denn ich hatte keine Ahnung, um was für ein Ritual es sich genau handelte. Daher sagte ich: »Ein Elder wird für mich irgendeine Zeremonie durchführen.« »Ein Elder? Wie heißt er denn?« »Sam, A…, Achne…« »Sam Achneepineskum?« »Ja, genau so heißt er.« »Und woher kennen Sie Sam?« »Ich kenne ihn nicht.« »Aber wie kommen Sie auf ihn?« Da sie ihn anscheinend kannte, vermutete ich, dass sie auch wusste, wer Joyce war, und sagte: »Joyce Hunter, vielleicht kennen Sie sie ja auch, hat ihn gebeten, mich zu treffen, um dieses Ritual zu machen.« »Ja, Joyce kenne ich gut. O.k. Ich bin übrigens Louise. Und wie heißt du?« Ich stellte mich vor. Dann beschrieb sie mir, wo ich in der Nähe den Tabak, und zwar jenen zum Selberdrehen, besorgen könne. Sie suche inzwischen einen Medizinbeutel.
Als ich zurückkam, lag auf der Ladentheke ein Säcklein aus buntem Stoff, das sich mit einer Kordel zubinden ließ. »Darin kannst du deinen Tabak aufbewahren«, meinte Louise. Dann blickte sie mich nochmals skeptisch an und fragte: »Interessierst du dich wirklich für unsere Kultur?« »Ja. Glaubst du denn, ich hätte mich von der Schweiz aus verfahren und wäre rein zufällig in Thunder Bay gelandet?« Sie musste schmunzeln und fuhr fort: »Weißt du, dass heute Nacht Vollmond ist?« Ich schüttelte den Kopf. »Wir treffen uns am Abend im Reservat der Fort William First Nation zu einer Vollmondzeremonie. Wenn du es mit deinem Interesse an unserer Kultur ernst meinst, dann lade ich dich dazu ein. Ich muss allerdings noch mit der Zeremonieleiterin Rücksprache halten. Aber sie wird bestimmt einverstanden sein. Wir brauchen noch einen Feuerwächter. Bist du dabei?« Ich hatte noch nie von einer solchen Zeremonie gehört und wusste auch nicht, was meine Aufgabe sein würde, doch ich zögerte keinen Augenblick und sagte zu. Ich war noch keine drei Tage in Thunder Bay und die indianische Welt schien sich bereits einen Spaltbreit zu öffnen.
Auf der Fahrt ins nahe gelegene Reservat war ich reichlich nervös – ich wusste ja nicht, was mich erwartete. Aber ich erfuhr auch mehr über Louise. Sie war eine Cree aus Alberta. Seit dem Tod ihres Mannes Roy Thomas 2004 kümmerte sie sich um dessen künstlerischen Nachlass und führte ihre eigene Kunstgalerie, in der sie ausschließlich indigene Künstler unter Vertrag nahm. Sie wollte damit das indianische Kunstschaffen fördern und der kommerziellen Ausbeutung kultureller Motive durch nicht-indigene Menschen entgegenwirken. Regelmäßig organisierte sie Ausstellungen und lud mich gleich zu der nächsten ein, um mir dort einige Künstler persönlich vorzustellen. Auf der weiteren Fahrt erzählte sie mir, dass die Vollmondzeremonie ein uraltes Heilritual für Frauen sei. Doch lange sei sie wegen des Verbots indianischer Spiritualität in Kanada nur heimlich durchgeführt worden.
Unser Ziel, ein Haus in der Nähe des Seeufers, bot eine schöne Aussicht auf eine vorgelagerte Insel. Rita, die Zeremonieleiterin, empfing uns und erklärte mir den Ablauf. Meine Aufgabe war es, das Heilige Feuer mit einem Streichholz zu entfachen und während des ganzen Abends immer genügend Holz nachzulegen, damit es gut brannte. Ich war aber auch Teil der Zeremonie und durfte bei gewissen Ritualen mitmachen. Als Feuerwächter verkörperte ich die männliche Energie. Rita wies mich auf zwei Dinge hin. Der Sitzkreis um das Heilige Feuer sei stets im Uhrzeigersinn zu verlassen und Tabak in der linken Hand zu halten, da diese näher beim Herz sei. Alles andere ergebe sich von selbst. Wichtig sei, dass alle Geschichten, die im Kreis um das Heilige Feuer erzählt würden, schließlich in der Glut blieben und nicht nach außen getragen würden.
Die Teilnehmerinnen saßen bereits um die auf dem Rasenplatz angelegte Feuerstelle. Rita gab mir drei Streichhölzer. Beim Anfachen eines heiligen Feuers durfte man weder Brandbeschleuniger noch Papier verwenden. Es waren lediglich Holzscheite aufgetürmt, die leider auch nach meinem zweiten Versuch nicht brennen wollten. Mir lief der Schweiß von der Stirn. Ich hatte nur noch ein Streichholz übrig und alle sahen mir mit gespanntem Stillschweigen zu. Louise bemerkte meine missliche Lage, kam zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Entferne vom Birkenholz etwas Rinde und zünde diese an.« Das wirkte Wunder. Die Flammen stiegen auf und die Zeremonie konnte beginnen.
Rita ging mit einer Handschale, in der sie zuvor getrocknete Salbeiblätter angezündet hatte, im Kreis umher und wehte den Teilnehmenden den wohlduftenden Rauch mit einer Adlerfeder entgegen. Nach diesem ›Smudging‹ genannten Räucherritual stimmten die Frauen mit Handtrommeln begleitete Lieder in der Sprache der Ojibwe an. Als noch vor der Dämmerung ein Weißkopfseeadler über unsere Köpfe hinweg zum See hinausflog, fühlte ich mich in dieser mir eigentlich völlig fremden Welt geborgen. Die Trommelklänge, die Gesänge, der sanft durch die Blätter naher Bäume streifende Wind und das lodernde Feuer in der Mitte bildeten mit dem über uns wachenden Vollmond eine harmonische Einheit. Doch auf einen Schlag tauchten Tausende Moskitos auf und ich merkte: Auch sie sind Teil dieser Welt. Und sie schienen sich besonders über eine Schweizer Delikatesse zu freuen. Nach Mitternacht begaben wir uns in Ritas Haus zu einem Festmahl, bei dem wir uns entspannt unterhalten konnten. Ich war glücklich, dass mich alle als Gast herzlich willkommen geheißen hatten und an einer Zeremonie teilhaben ließen, die in ähnlicher Weise schon seit Menschengedenken und lange vor Ankunft der Europäer an jenem Ort stattgefunden haben mag.
Sam Achneepineskum ist eine eindrückliche Erscheinung. Er ist groß und von kräftiger Statur, hat lange, zusammengebundene graue Haare und trägt einen silbernen Schnurr- und einen dünnen Spitzbart. Wie ich später erfahren sollte, war er als Kind in drei verschiedenen Residential Schools, darunter auch in der berüchtigten St. Anne’s. Er kommt aus der isolierten Marten Falls First Nation, einer Ojibwe-Gemeinde am Albany River. Als ich die Mall betrat, sah ich Sam schon von Weitem. Er bestellte Kaffee und ich eine Cola. Dann setzten wir uns an einen Tisch. Ich überreichte ihm als Mitbringsel eine Tafel Schweizer Schokolade und legte den Medizinbeutel daneben. »Bitte nimm dir doch so viel Tabak, wie du für das Ritual brauchst, von dem mir Joyce erzählt hat«, bat ich ihn. Er holte sich eine Papierserviette und streute eine Handvoll der heiligen Pflanze drauf, faltete sie zusammen und steckte sie in seine Brusttasche. Dann fragte er: »Du bist also vor drei Tagen nach Thunder Bay gekommen. Hattest du denn neben Joyce auch schon mit anderen indigenen Personen Kontakt?« »Ja. Gestern Nacht war ich Feuerwächter an der Vollmondzeremonie in der Fort William First Nation.« »Oh! Dann brauchen wir die Geister der Ahnen gar nicht mehr zu kontaktieren, weil sie dich bereits gefunden haben und begleiten.« Er schwieg kurz und meinte dann lachend: »Den Tabak behalte ich aber trotzdem.« Genauso wie Joyce wurde auch Sam ein wichtiger Ansprechpartner, der mir in verschiedenen Belangen weiterhalf.
In den nächsten Tagen erkundete ich Thunder Bay und machte Ausflüge in die nahe Umgebung, wie etwa zu den tosend über 40 Meter in die Tiefe stürzenden Kakabeka Falls. Dabei folgte ich auch indianischen Spuren. Kunstwerke von indigenen Malern zierten Gebäudefassaden, und in Parks konnte ich Skulpturen bestaunen. Beim Jachthafen stieß ich auf einen traditionellen Heilkräutergarten und auf dem Campus der Lakehead University war ein indigener Lernort mit Tipi, Schwitzhütte und Medizinrad eingerichtet. Es tat gut zu sehen, dass das weitgehend nordamerikanische Erscheinungsbild der Stadt auch durch das künstlerische Schaffen ihrer indianischen Gemeinde bereichert wurde.
Inzwischen hatte ich erfahren, dass mich Grand Chief Alvin Fiddler sehen wollte. Obwohl bislang alle Indianer, denen ich begegnet war, meinem Vorhaben wohlgesinnt gegenüberstanden, war ich vor dem Treffen nervös. Schließlich repräsentierte der Grand Chief sozusagen als politisches Oberhaupt eine indianische Nation mit etwa 45000 Menschen auf einem Gebiet, das um ein Vielfaches größer ist als mein Heimatland. Sollte er mir seinen Segen nicht geben, müsste ich das Projekt wohl begraben. Doch er verstand mich sofort, als ich ihm sagte, dass ich mich für den mir noch unbekannten indianischen Kulturraum unterhalb der Hudson Bay interessiere. Es ginge mir nicht nur darum, in Bibliotheken und Archiven Materialien zusammenzutragen, um diese wissenschaftlich auszuwerten. Ich würde vor allem gerne das Land sehen, die Menschen kennenlernen – und dann ein Buch darüber schreiben, das die Möglichkeit biete, dieses Land anders als aus Perspektive der europäischen Siedler kennenzulernen. Dann sagte ich zu Alvin, dass ich mir nach der Lektüre der Autobiografie von Edmund Metatawabin des kanadischen Kolonialsystems bewusst sei. Mir sei klar, dass die Europäer den Indianern unglaublich viel angetan hatten und ich nicht einfach mit kolonialer Selbstverständlichkeit ihre Geschichte recherchieren könne. Ich würde es akzeptieren, wenn er nicht wolle, dass ein weißer Historiker aus Europa die indianische Geschichte interpretiere.
Alvin, der geduldig meinen Ausführungen gefolgt war, lehnte sich zurück und meinte: »Doch, das ist eine gute Sache. Ich schätze es, dass du hergekommen bist. Wir werden dich unterstützen.« Dann rief er Travis Boissoneau, den leitenden Beamten der NAN, herein und informierte ihn darüber, was ich vorhatte. Travis erklärte sich bereit, mir künftig als Ansprechperson zur Verfügung zu stehen und sich auch um Flüge in abgelegene Reservate oder den Zugang zu Archiven zu kümmern. Das war mehr, als ich erwartet hatte.
Im Sommer 2017 kehrte ich für sechs und im Folgejahr für drei Monate nach Kanada zurück. In diesen insgesamt neun Monaten besuchte ich mit dem Einverständnis der jeweiligen Chiefs und Gemeinderäte die nur mit dem Flugzeug erreichbaren First Nations Attawapiskat, Fort Albany, Fort Severn, Kitchenuhmaykoosib Inninuwug, Muskrat Dam und Sandy Lake. Zudem fuhr ich mit dem Auto unter anderem in die Reservate Lac Seul, Matagami und Taykwa Tagamou. Um mir ein Bild von der Situation der Cree in Quebec machen zu können, reiste ich nach Waskaganish an der östlichen James Bay. Recherchen führten mich in die Metropolen Ottawa, Toronto und Winnipeg. Wichtig und ausgiebig waren die Besuche des Wawatay-Archivs in Sioux Lookout, des Ojibway and Cree Cultural Center in Timmins sowie das Northern Studies Resource Centre der Lakehead Universität in Thunder Bay, wo ich indigene Dokumente einsehen konnte. Insgesamt führte ich über hundert Interviews mit Indianern aus dem hohen Norden Ontarios. Ich sprach mit Jugendlichen, Elders, Medizinmännern und -frauen, Chiefs, Ratsmitgliedern, Überlebenden der Residential Schools, Repräsentanten der NAN, Künstlern, Filmschaffenden, Musikern, Buchautoren, Aktivisten, sowie Frauen und Männern, denen ich teilweise zufällig begegnete. Sie haben mich in ihrem Land gefunden, mich als Gast aufgenommen und mir ihre Geschichten erzählt.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Schreibtisch. Ihr Stuhl befindet sich auf dem Gebiet der USA und die Tischfläche symbolisiert Kanada. Wenn Sie nun von der unteren Tischkante einen Streifen ziehen, der Ihrer Handbreite entspricht, dann erhalten Sie den Hauptsiedlungsraum des Landes. Tatsächlich leben die meisten der 37 Millionen Kanadier nicht weiter als 100 Kilometer von den USA entfernt. Der riesige nördliche Rest des Landes ist äußerst dünn und in der Regel von Indigenen besiedelt. Europäische Reisende kommen nur selten in diese abgelegenen Gebiete und bewegen sich meist innerhalb des verhältnismäßig schmalen Landstreifens nahe der US-kanadischen Grenze. Dort liegen auch die Großstädte Toronto, Montreal, Vancouver und Winnipeg. Einzig Calgary und Edmonton in Alberta sowie die von dort in kurzer Zeit erreichbaren, im Sommer massentouristisch überlaufenen Nationalparks Banff und Jasper befinden sich etwas nördlicher. In der Gesamtbetrachtung liegen sie jedoch ebenfalls deutlich am unteren Rand der Landfläche. Die Touristen lernen ein Kanada kennen, das vor allem seine französisch und britisch geprägte Geschichte erzählt und sich heute dank der Einwanderung und Integration von Menschen aus aller Welt offen und multikulturell präsentiert. Mit der indianischen Bevölkerung kommen nur die wenigsten in Kontakt. Dabei leben auf dem kanadischen Territorium 634 vom Staat anerkannte indianische »Stammesgemeinschaften«, die offiziell als First Nations bezeichnet werden und die etwa 3000 Reservate besitzen. Ungefähr eine Million Menschen gehört den First Nations an, 600000 zählen zu den Métis, also in der Regel Nachfahren von europäischen Pelzhändlern und indianischen Frauen, und 65000 sind Inuit. Die First Nations, Métis und Inuit bilden zusammen die Indigenous Peoples, welche etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.
In der euro-kanadischen Erinnerungskultur treten die Indianer kaum in Erscheinung. Dies zeigt sich schon daran, dass indigene Geschichte für die Prüfung, die jeder ablegen muss, der im Alter von 18 bis 54 die kanadische Staatsbürgerschaft erwerben will, keine Rolle spielt. Auf einer staatlichen Webseite, die zur Vorbereitung dient, enthält die Rubrik ›Geschichte‹ nur einen winzigen Abschnitt zu den Indigenous Peoples.[10] Dann folgt eine sehr, sehr lange Ausführung über die Besiedelung und den Aufbau des Landes durch die Europäer, mit deren Ankunft die tatsächliche Geschichte anscheinend erst beginnt. So entsteht der Eindruck, alles, was vorher gewesen war, sei bedeutungslos. Das ist bezeichnend. In breiten Kreisen der Gesellschaft fehlt es an einem tiefgehenden Verständnis für die Situation der Indigenen. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Unwissen, Ignoranz oder Rassismus sind einige davon. Alle nicht-indigenen Kanadier sind Einwanderer oder stammen von solchen ab. Zentral für sie sind daher der Bezug zum Herkunftsland und die Integration im Zielland. Als ich weiße Kanadier kennenlernte, kamen diese oft auf ihre Vorfahren aus Deutschland, England, Finnland, Italien, Polen oder der Schweiz zu sprechen. Ein derartiges Gesprächsthema gab es bei Begegnungen mit Indianern nicht, es sei denn, sie hatten noch einen europäischen Pelzhändler in ihrer Ahnenreihe. Ihre historische Referenz war nie ein anderer Kontinent, sondern stets das Land, auf dem sie leben und mit dem sie eine jahrtausendealte Geschichte verbindet.
In jüngster Zeit wurde zwar auf Druck von indianischer Seite die Geschichtsschreibung etwas ausbalanciert. 2008 entschuldigte sich Premierminister Stephen Harper offiziell bei den Indigenous Peoples für das staatliche Zwangsassimilationssystem in den Residential Schools. Im gleichen Jahr machte sich auch die Truth and Reconciliation Commission an die Aufarbeitung dieses kulturellen Völkermords, der die indigenen Gesellschaften unvorstellbar traumatisiert hatte. 2015 publizierte sie ihren erschütternden Abschlussbericht.[11] Landesweit wurden zwischen den 1880er- und 1990er-Jahren insgesamt 139 vom Staat finanzierte und von Kirchenpersonal geleitete Residential Schools betrieben. Etwa 150000 indigene Kinder im Alter von vier bis 16 Jahren, teils mit Gewalt ihren Eltern entrissen, waren in diesen Internaten nach westlichem Muster »umerzogen« worden. Sie hatten ihre indigene Sprache nicht mehr verwenden dürfen und die Erzieher versuchten, alles Indianische an ihnen auszumerzen. Tausende sind dabei gestorben und unzählige nach ihrer Schulzeit daran zerbrochen.
Bis das Thema der Indianerinternate im Mainstream der kanadischen Gesellschaft angekommen ist, muss noch einige Aufklärungsarbeit geleistet werden. Zudem stellt es nur die Spitze des Eisbergs dar. Zwei weitere koloniale Tragödien werden ebenfalls erst seit Kurzem historisch aufgearbeitet. Die eine wird als ›Sixties Scoop‹ bezeichnet. Die Kinderfürsorgebehörden der kanadischen Provinzen gaben zwischen 1960 und 1984 etwa 20000 Indianerkinder zur Zwangsadoption frei und platzierten sie in weißen Mittelklassefamilien in Kanada, den USA, Westeuropa und Neuseeland. Viele Sozialarbeiter hielten dies für eine effiziente Maßnahme zur Armutsbekämpfung in den Reservaten und eine Erfolg versprechende Möglichkeit, die Indianer zu assimilieren. Für die Kinder bedeutete es jedoch totale Entwurzelung. Sie verloren ihre Namen, ihre Sprache und die Verbindung zu ihrer Kultur.[12] Bisher entschuldigten sich die Regierungen der Provinzen Manitoba (2015), Alberta (2018) und Saskatchewan (2019) offiziell bei den Opfern. Bei der zweiten Tragödie handelt es sich um die ›Missing and Murdered Indigenous Women‹. In Kanada werden prozentual zwölfmal mehr indigene Frauen ermordet oder verschwinden spurlos als nicht-indigene. Die Bundespolizei RCMP geht davon aus, dass von 1980 bis 2012 etwa 1200 Morde an Indianerinnen verübt wurden. Aktivisten sprechen hingegen von 4000 Opfern. Die genauen Zahlen liegen im Dunkeln. Doch Fakt ist, dass indigene Frauen diejenige kanadische Gesellschaftsgruppe bilden, die am stärksten von Gewaltverbrechen betroffen ist. Der 2019 publizierte Bericht einer nationalen Untersuchungskommission zeigt detailliert und ungeschönt die kolonialen Ursachen für diese Katastrophe auf.[13]
Die Kolonialisierung Kanadas durch Menschen aus Europa hatte für die indigene Bevölkerung fatale Folgen, die weiterhin heftig nachwirken. Die entsprechende Aufarbeitung kommt erst langsam in Gang. Doch sie ist dringend notwendig. Zu glauben, offizielle Entschuldigungen für das an den Indigenen verübte Unrecht würden nun Versöhnung bedeuten, wäre ein krasser Trugschluss. Sie schufen erst die Voraussetzungen, dass der Dialog zwischen den beiden grundverschiedenen Gesellschaften weitergeführt werden kann, und leiten lediglich einen langen und beschwerlichen Aussöhnungsprozess ein.
Auch 2020 fühlen sich die First Nations nach wie vor systematisch diskriminiert. Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Selbstmorde, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, verschiedene Krankheiten wie Diabetes und limitierte Bildungsmöglichkeiten liegen bei den Indianern im Vergleich mit der nicht indigenen Bevölkerung prozentual um ein Vielfaches höher. Während Kanada einer der reichsten Staaten der Welt ist, erinnern die Zustände in einigen Reservaten an die in Drittweltländern. So manche rassistische Aussage auf sozialen Netzwerken schiebt die Schuld dafür den Indianern selbst in die Schuhe. Die miserablen Zustände werden einer angeblich »angeborenen Faulheit« und »korrupten Chiefs« zugeschrieben. Solche grobschlächtigen Äußerungen sind nicht nur bei Wutbürgern aus der Unterschicht verbreitet, die jeden Dollar zugunsten der Indigenen als zum Fenster hinausgeschmissenes Geld betrachten. Als ich auf einem Blueskonzert in Thunder Bay mit einer jungen weißen Ärztin ins Gespräch kam, behauptete diese allen Ernstes, Indianer seien halt »von Natur aus faul«. Das ließ mich eine Weile sprachlos zurück. Eine solche absurde Theorie sagt rein gar nichts über die Indigenen aus. Doch sie entlarvt schonungslos, dass ein in der Kolonialzeit geprägtes Denken in der Mehrheitsgesellschaft weiterhin unreflektiert vorhanden ist.
Auf dem internationalen Parkett versteht es Kanada hervorragend, sich von seiner Sonnenseite zu zeigen. Es präsentiert sich als weltoffenes, modernes, buntes Land voller Naturschönheiten. Ganz im Gegensatz zu seinem mächtigen Nachbarn im Süden, von dem es sich demonstrativ abgrenzt, kann es sich weltweiter Sympathien erfreuen. Die Formel »nimm die USA, ziehe alles Negative ab und erhalte Kanada« hat sich bestens bewährt und die Außenwahrnehmung zementiert. Als kleiner Makel haftet ihm lediglich die Quebec-Frage an. Doch um die bis Ende des 20. Jahrhunderts oftmals schlagzeilenbestimmenden Unabhängigkeitsbestrebungen der französischsprachigen Provinz ist es inzwischen ruhiger geworden. Kanada scheint geeinter denn je, was sich positiv auf seine globale Reputation auswirkt. In einem internationalen Ranking, das Indikatoren wie Vertrauen, Bewunderung, Wertschätzung und allgemeine Eindrücke berücksichtigt, ist das Land neben Norwegen, Schweden und der Schweiz stets in den Top Ten zu finden. Von 2012 bis 2015 und nochmals 2017 belegte es sogar den ersten Rang. Viele Menschen von anderswo würden gerne in Kanada wohnen, arbeiten oder studieren. Denn es bietet alles, was beste Lebensqualität verspricht: ein stabiles Regierungssystem, eine solide Wirtschaft und atemberaubende Landschaften.
Die internationale Fremdwahrnehmung deckt sich auch mit der Selbstdarstellung. In kanadischen Medien werden seit den 1990er-Jahren verschiedene Stereotype wie kulturelle und bereichernde Vielfältigkeit, allgegenwärtige Toleranz, respektvoller Umgang mit der Umwelt und eine tief verwurzelte Naturverbundenheit popularisiert.[14] Wie sich Kanada selbst offiziell sieht, durfte ich im Rahmen des 150. Geburtstags der Konföderation eindrücklich erleben. 2017 wurden anlässlich dieses Jubiläums landesweit unzählige Events, Ausstellungen und Spektakel organisiert. Höhepunkt der Feierlichkeiten bildete der Canada Day, der jeweils am 1. Juli mit Paraden, Festivals und Feuerwerken begangen wird. Dieser Nationalfeiertag erinnert an den British North America Act von 1867, der durch den Zusammenschluss der damaligen Provinzen Ontario, Quebec, Nova Scotia und New Brunswick der Nationalstaatsgründung den Weg bahnte. Bereits im Vorfeld des Jubiläumsjahres kündigten verschiedene Veranstaltungen eine Mega-Party an. Ab 2015 wurde über die Sommermonate hinweg die spektakuläre Licht- und Musikshow Northern Lights auf dem Parliament Hill in Ottawa inszeniert.[15] Dabei diente das Parlamentsgebäude nach Einbruch der Dunkelheit eine halbe Stunde lang als Projektionsfläche einer farbgewaltigen Zeitreise durch die kanadische Geschichte.
Das brillant orchestrierte Spektakel, das auch in den Folgejahren wiederholt wurde, zog weit über eine Million Besucher aus Kanada und aller Welt an. Gegen Ende der fulminanten Lichtshow wurde es still. Dann erhellte eine kindliche Frauenstimme mit O Canada die Nacht. Als der letzte Ton der eingängigen Nationalhymne verklungen war, stand ich mitten in einer klatschenden Menschenmenge. Doch ich fühlte mich allein und konnte dieser Inszenierung keinen Beifall zollen. Denn ich hatte inzwischen eine andere Seite des Landes kennengelernt, die ganz und gar nicht zu den auf das Parlamentsgebäude projizierten Freudenbildern passte. Den Zuschauern wurde in faszinierender Verpackung eine mitreißende Erfolgsgeschichte präsentiert, die ihren Erwartungen entsprach. In patriotischer, schon fast US-amerikanischer Manier wurde der Aufbau einer neuen Welt gefeiert, ohne der Zerschlagung der alten zu gedenken. Das Narrativ, das hier vermittelt wurde, war weiß, männlich und europäisch. Die Indianer und Inuit erhielten je etwa eine halbe Minute Aufmerksamkeit. Erstere jagten in endlosen Weiten den Büffeln hinterher und fertigten Totempfähle an. Letztere machten sich ein unwirtliches Gebiet zu ihrer Heimat. Dann tauchte aus dem Nichts ein mächtiges Segelschiff auf und schon schossen erste Häuser wie Pilze aus dem Boden. Der Anspruch der Neuankömmlinge auf dieses weite Land blieb als Selbstverständlichkeit unkommentiert. Fortan stand die europäische Erzählung im Mittelpunkt mit ihren britischen und französischen Gründervätern. Erst als das Land von diesen heroisch wirkenden Europäern aufgebaut worden war, erhielten die Indianer und Inuit wieder einen kurzen Auftritt. Gemeinsam mit Migranten unterschiedlicher Hautfarben winkten sie den Besuchern lachend zu, als seien sie dankbar, Teil dieser großartigen Nation zu sein.
Als sich der Platz auf dem Parliament Hill geleert hatte, quälten mich einige Fragen. Wie hätten wohl meine indianischen Freunde aus dem nördlichen Ontario auf diese effektvolle Geschichtslektion reagiert? Könnten sie sich mit einer solchen Selbstdarstellung Kanadas überhaupt identifizieren? Warum hörte man zur Show nur Kommentare auf Englisch und Französisch, nicht aber auch wenigstens ein paar Sätze einer indigenen Sprache? Und schließlich, was war Kanada eigentlich und was feierte es genau? 150 Jahre wirken im Vergleich zu den mindestens 40000 Jahren indianischer Präsenz auf dem amerikanischen Kontinent banal. Auch wurden 1867 kein neuer Staat gegründet und keine neue Nation geboren. Als am 1. Juli der zuvor von Königin Victoria unterzeichnete British North America Act in Kraft trat und aus vier britisch beherrschten Kolonien das ›Dominion of Canada‹ schuf, war dies erst eine Wegmarke unter vielen. Weitere Etappen zu einer eigenstaatlichen Entwicklung waren das Statut von Westminster, das dem Parlament in Ottawa gesetzgeberische Unabhängigkeit von London gewährte (1931), das Hissen des roten Ahornblatts anstelle des Union Jacks (1965), die Ablösung von God Save the Queen durch die Nationalhymne O Canada (1980) und das Recht, die Verfassung ohne britische Zustimmung zu ändern (1982).[16] Ein eindeutiges Geburtsdatum Kanadas als Nationalstaat lässt sich historisch nicht dingfest machen und damit auch nicht feiern. Zumal es 1867 vor allem darum ging, die tief greifenden Konflikte zwischen Quebec und Ontario zu überwinden und die Kolonialisierung der enormen Landmassen nach britischem Muster voranzutreiben. Gleichzeitig sollte das unter Schutzmacht der Krone stehende quasistaatliche Gebilde einer weiteren Expansion der kontinentalimperialistisch agierenden USA Einhalt gebieten.[17]
Kanada ist politisch betrachtet ein seltsam anmutendes Konstrukt aus föderal-parlamentarischer Demokratie und konstitutioneller Monarchie mit britischer Königin oder britischem König als Staatsoberhaupt. Während die Konzepte der Kulturnation und der Staatsnation mangels gemeinsamer Sprache beziehungsweise Geschichte nicht passen, lässt sich das Land wohl am ehesten als Willensnation bezeichnen. Wie an der Northern Lights Show pathetisch präsentiert, will Kanada all seine Bürger unterschiedlicher Herkunft zu einer einzigen Gemeinschaft vereinen. Dieses Konzept funktioniert für die englischsprachige Mehrheit und auch für jene Millionen Kanadier, die im Ausland geboren wurden, als Migranten kamen und nun eingebürgert sind. Doch einige ethnische Gruppen lassen sich trotz vieler staatlicher Bemühungen nicht vollständig integrieren: die Frankokanadier, First Nations, Inuit und Métis. Sowohl in Quebec als auch in vielen Indianergebieten wurde das 150-Jahr-Jubiläum nur zögerlich oder überhaupt nicht begangen. Die Ablehnung entsprang der Interpretation, dass nicht die nationale Einheit, sondern vor allem der Erfolg der seit 1867 vorangetriebenen Anglisierungspolitik Grund für diese Feier war.[18]
Doch es gab auch First Nations, die dem Jubiläum etwas Positives abgewinnen konnten und an den Feierlichkeiten mitwirkten. Im August 2017 äußerte sich Perry Bellegarde, der als National Chief alle First Nations repräsentiert, an einer Konferenz dazu: »Am 1. Juli 2017 haben wir gerade 150 Jahre beendet. Kanadas 150. Geburtstag. Und ich fragte mich: Können wir das feiern? Warum sollten wir Unterdrückung und Kolonialisierung feiern? Und wollen wir feiern, dass es ›zivilisierte und integrierte Indianer‹ gibt? Als ich Kanada bereiste, fragte mich etwa die Hälfte unserer Leute, warum ich dies feiern könne. Und ich sagte ihnen, sie müssten es anders betrachten. Ich werde nicht feiern. Aber ich werde teilnehmen und dadurch etwas zum Ausdruck bringen. Ich werde daran teilnehmen, denn trotz all der Verletzungen, die wir als First Nations erfahren haben, trotz Kolonialisierung und Genozid durch die Residential Schools, trotz Kontrollverlust durch das koloniale Indianergesetz, den Indian Act, und die damit verbundene Unterdrückung, trotz alldem sind wir immer noch hier als First Nations! Und wir werden stärker! (…). Es geht nicht um die letzten 150 Jahre. Wir müssen den Fokus auf die kommenden 150 Jahre legen und wie wir dieses Land in dieser Welt gemeinsam weiterbauen, und zwar basierend auf unseren Werten, unseren Lehren und unserer Weltanschauung!«[19]
Während es Bellegarde darum ging, im Jubiläumsjahr dem Land und der Welt zu zeigen, dass die Indianer immer noch existierten, sahen andere in den zahlreichen Festivitäten einen Affront gegenüber der indigenen Gesellschaft. Nach einem Aufruf der Regierung, Menschen sollten kreative Bilder von sich mit der kanadischen Flagge auf einer extra dafür eingerichteten Internetseite teilen, antwortete eine indigene Aktivistengruppe mit dem Wettbewerb Fuck the Flag. In der Ausschreibung forderte sie dazu auf, Fotos einzusenden, auf denen mit der Fahne demonstriert würde, was man tatsächlich von Kanada halte: »Verbrennt sie! Beschreibt sie! Hängt sie an einen geschmacklosen Ort!« Es gab zahlreiche solche Aktionen im ganzen Land und Indianer führten eine rege Debatte, ob und wie man das Jubiläum überhaupt begehen oder dagegen Stellung beziehen könnte.
Eindrücklich war der stille Protest einiger indianischer Kulturschaffender. Als die Künstlerin Elizabeth Buset von der Art Gallery Thunder Bay angefragt wurde, ein Werk für eine Ausstellung einzureichen, die das Jubiläum aus der Perspektive der Indianer des nördlichen Ontarios thematisierte, sandte sie einen mit dem roten Ahornblatt verzierten Trinkhalm aus Plastik ein. Das Museum stellte diesen mit ihrem Begründungsschreiben aus. Darin stand: »Ich habe dieses Jubiläum mit all der Geldverschwendung für Feuerwerke, Gedenkfeiern und schwachsinnige Gemeindeprojekte so was von satt. Über eine halbe Milliarde Dollar wird ausgegeben, um die Kolonialisierung dieses Landes zu zelebrieren, obschon es nichts zu feiern gibt. Dieser Jahrestag ist derart irrelevant und abstoßend, dass ich weder Zeit noch Energie in ein Kunstwerk zu seiner Verherrlichung investieren wollte. Der Trinkhalm hat mich 1,41 Dollar gekostet. Bis er sich zersetzt, könnten 15000 Jahre vergehen. Vor 150 Jahren gab es noch kein Plastik. Kanada hatte keine Deponien, keinen Ölsand und keine Liste bedrohter Arten. Eine Wegwerfkultur existierte ebenfalls noch nicht. Als ich den Trinkhalm kaufte, fragte mich die Verkäuferin, ob ich eine Plastiktüte haben möchte.«[20]
Schon als Kanada seinen 100. Geburtstag feierte, hatten Indianer ihre Stimme erhoben. Am Canada Day 1967 hielt Chief Dan George (1899–1981) an der offiziellen Feier im Empire Stadium in Vancouver eine Rede, mit der er 32000 Besucher zum Schweigen brachte: »Wie lange kenne ich dich schon, oh Kanada? Seit hundert Jahren? Ja, seit hundert Jahren und so vielen, vielen Monden mehr. Und heute, wenn du deine hundert Jahre feierst, oh Kanada, dann trauere ich mit all den indianischen Menschen im ganzen Land. Denn ich habe dich gekannt, als deine Wälder meine waren, als sie mich mit Fleisch und Kleidern versorgten. Ich habe dich gekannt, als in deinen Strömen und Flüssen Fische leuchteten und in der Sonne tanzten und die Gewässer sagten: ›Komm, komm und ernähre dich von unserer Fülle.‹ Ich habe dich gekannt, als die Winde der Freiheit wehten und mein Geist mit ihnen über dieses gute Land streifte. Aber in den langen hundert Jahren seit Ankunft des weißen Mannes ist meine Freiheit genauso seltsam verschwunden wie der Lachs, wenn er ins Meer hinausschwimmt. Die fremden Bräuche des weißen Mannes, die ich nicht verstand, wurden mir aufgebürdet, bis ich nicht mehr atmen konnte. Als ich mein Volk anführen wollte, wurde mir meine Autorität entrissen. Meine Nation wurde in deinen Geschichtsbüchern ignoriert, sie war in der kanadischen Geschichte nur ein klein wenig wichtiger als die Büffel, die die Prärie durchwanderten. In deinen Filmen und auf deinen Theaterbühnen wurde ich verspottet. Wenn ich dein Feuerwasser zu mir nahm, wurde ich betrunken – sehr, sehr betrunken. Und ich vergaß. Oh Kanada, wie kann ich mit dir diese Hundertjahrfeier begehen? Soll ich dir für die Reservate danken, die mir als Überrest meiner wunderschönen Wälder geblieben sind? Für Fische in Konservendosen aus meinen Flüssen? Für den Verlust meines Stolzes und meiner Autorität, selbst unter meinen eigenen Leuten? Nein! Ich muss vergessen, was Vergangenheit und vorbei ist.«[21] Doch Georges Rede war nicht nur eine Wehklage, sondern auch eine kämpferische Vision einer indianischen Kulturerneuerung: »Wie der Donnervogel aus der alten Zeit werde auch ich wieder aus dem Meer emporsteigen. Ich werde mir die Instrumente, die der weiße Mann für seinen Erfolg benutzt, zu eigen machen: seine Bildung und seine Fähigkeiten. Mit diesen neuen Werkzeugen werde ich mein Volk zum stolzesten Teil deiner Gesellschaft aufrichten.«[22]
Chief Dan George, der der nördlich von Vancouver beheimateten Nation der Küsten-Salish angehörte und als Schauspieler etwa im Western Little Big Man neben Dustin Hoffmann mitwirkte, war ein Protagonist des aufstrebenden indianischen Aktivismus der 1960er-Jahre. Auf den ersten Blick scheint es jedoch, dass sich in den 50 Jahren nach seiner Rede für die Indianer und ihre Lebenssituation wenig geändert hat. Denn noch immer leben sie in teils trostlosen Reservatssiedlungen, während ihr traditionelles Land reicher Bodenschätze wegen ausgebeutet und durch Pipelines bedroht wird, weiterhin fühlen sie sich vom kanadischen Staat bevormundet, ohne sich unabhängig von Ottawa selbst verwalten zu dürfen, und nach wie vor haben sie, vor allem in den abgelegenen Reservaten im Norden, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und ausreichend gesunder Ernährung. Dennoch hat sich gerade durch den unermüdlichen indianischen Aktivismus der letzten fünf Jahrzehnte auf politischer und gesellschaftlicher Ebene einiges getan. Das Residential School-System wurde abgeschafft, historisch aufgearbeitet und das unermessliche Leid der Opfer mit einer offiziellen Entschuldigung der Regierung sowie Entschädigungszahlungen anerkannt. Einzelne First Nations aus der jeweils gleichen Region des Landes schlossen sich zu ernst zu nehmenden politischen Organisationen zusammen, die mit geeinter Stimme für ihre Anliegen einstehen. Zudem zogen immer mehr indianische Politiker als Abgeordnete in die Parlamente der Provinzen und des Bundesstaats ein. Schließlich konnten First Nations auch vor Gericht viele ihrer eingereichten Klagen für sich entscheiden. Diese Emanzipationsfaktoren haben gemeinsam mit indigenen Kunstschaffenden, Filmemachern, Musikern und Autoren dazu beigetragen, dass die Indianer heute in der kanadischen Gesellschaft sichtbarer sind als noch vor einem halben Jahrhundert. Dass viele von ihnen jedoch am sogenannten 150. Geburtstag Kanadas nicht zum Feiern zumute war, legt offen, wie tief der Graben zwischen der nach Einheit strebenden großen Willensnation und den First Nations noch immer ist.
Hinter dem weltweit beliebten Kanada gibt es noch ein anderes Kanada, in dessen verschatteten Gebieten die Abgründe der kolonialen Unterdrückungsgeschichte fortbestehen. In den abgelegenen Gemeinden im hohen Norden Ontarios spielen sich fern der öffentlichen Wahrnehmung teils dramatische Ereignisse und humanitäre Katastrophen ab. Herzzerreißend ist die Tatsache, dass sich dort regelmäßig Kinder und Jugendliche das Leben nehmen. In der etwa 2000 Einwohner zählenden Attawapiskat First Nation an der James Bay versuchten zwischen September 2015 und April 2016 gegen hundert Kinder und Jugendliche Suizid zu begehen. Es gibt in dieser Gemeinde keine Familie, die nicht mindestens einen Todesfall durch Selbstmord zu beklagen hätte. Dies gilt auch für die meisten anderen Reservate in der Region. Die zahlreichen Suizidfälle haben ihre Wurzeln im kanadischen Kolonialsystem, das sich schamlos am indigenen Land bereicherte, die indigenen Menschen mit Gewalt ›zivilisieren‹ wollte und sie letztlich in Armut und Perspektivlosigkeit zurückließ.
Kanada hat die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Sie basiert auf dem Abbau und Export riesiger Rohstoffvorkommen wie Erdöl, Gold, Silber, Diamanten oder Holz und deren Weiterverarbeitung. Im Norden Albertas liegen beispielsweise einige der weltweit größten Erdölreserven. In Ontario betrieb der weltgrößte Diamantenförderer De Beers zehn Jahre lang eine Mine. Als sie 2019 geschlossen wurde, waren über sieben Millionen Karat Diamanten abgebaut, was einem Gegenwert mehrerer Milliarden kanadischer Dollar entspricht. Die Mine befand sich auf dem traditionellen Land der Attawapiskat First Nation. Wären die Indianer im Besitz der Nutzungsrechte dieses Gebiets gewesen, das sie aus ihrer Sicht nie abgetreten haben, hätten sie allein durch Lizenzeinnahmen und Gewinnbeteiligungen pro Kopf so viel Geld verdient wie die Scheichs reicher Ölstaaten. Stattdessen erhielt die Gemeinde während der Betriebszeit der Mine jährlich etwa zwei Millionen Dollar und konnte von den insgesamt 500 Minenarbeitern deren 100 stellen. Im Vergleich zur riesigen Wertschöpfung von De Beers, von der auch die Provinz Ontario und der kanadische Staat in Form von Steuern und Lizenzgebühren profitierten, sind dies lediglich ein paar Brosamen. Auch wenn zwei Millionen Dollar pro Jahr nach viel Geld für eine kleine Gemeinde aussehen, muss man bedenken, dass in Attawapiskat wegen der isolierten Lage alles um ein Vielfaches teurer ist als im urbanen Süden Kanadas. Das jährliche Extrageld reichte höchstens aus, um etwa vier der vielen dringend benötigten Häuser zu bauen. Die Wohnungsnot blieb trotz De Beers akut. Über 300 Personen standen nach Schließung der Mine weiterhin auf einer Warteliste für eine eigene Wohnung. Als ich Attawapiskat im Sommer 2018 besuchte, konnte ich mich vor Ort vergewissern, dass manchmal bis zu 17 Personen in einem Vierzimmerhaushalt lebten. Alkohol- und Drogenmissbrauch in den völlig überbelegten kleinen Reservatunterkünften führten teilweise zu häuslicher Gewalt. Kinder hatten keinen Rückzugsort. Es liegt auf der Hand, dass die Wohnungsnot zu einer gravierenden Stresssituation führt und folglich auch mitverantwortlich für die immer wiederkehrenden Suizidfälle ist.
Attawapiskat zählt trotz der großen Diamantvorkommen auf seinem traditionellen Territorium weiterhin zu den ärmsten Gemeinden in ganz Kanada. Exemplarisch steht es für die ökonomische Zweiteilung des Landes. In Ontario gibt es einen wohlhabenden, urbanen Süden, der einen erheblichen Teil seines Reichtums aus jenen Gebieten im Norden der Provinz generiert, in denen Indianer in Armut und von Sozialhilfe leben. Unterschiedlicher könnten die Kontraste der beiden Lebenswelten in derselben Provinz nicht sein. Hier das hippe, multikulturelle Toronto mit all seinen unbegrenzten Möglichkeiten einer pulsierenden Metropole. Dort das triste, ethnisch homogene Indianerdorf mit seiner Perspektivlosigkeit und tiefen Schlaglöchern in den staubigen, unasphaltierten Straßen.
Als ich mich mit dem kanadischen Parlamentarier Charlie Angus über die Situation im nördlichen Ontario unterhielt, kamen wir auch auf Attawapiskat zu sprechen. Er wurde 2004 für die New Democratic Party ins Unterhaus gewählt und setzt sich seither unermüdlich für die Rechte der Indianer und gegen ihre systematische Diskriminierung ein. Zum Gefälle zwischen dem reichen Süden und dem armen Norden der Provinz hielt er fest: »Es besteht eine Kluft zwischen den Regionen, wo die meisten Kanadier leben, und Regionen, aus denen ihr Reichtum herkommt. Dieser Graben wird dadurch vertieft, dass nur sehr wenige Kanadier Erfahrungen mit indigenen Völkern haben. Es gibt jetzt zwar jede Menge indigener Kultur in den Medien und eine Reihe indigener Stimmen, die vorher nicht präsent waren. Aber die Realität ist nach wie vor, dass das Leben in Attawapiskat den Kanadiern ebenso fremd ist wie ein abgelegenes Dorf irgendwo in Afghanistan. Es ist eine ganz andere Welt. Zum Beispiel ist es billiger, für ein Wochenende von Toronto nach Portugal und zurück zu fliegen, als nach Attawapiskat. Zudem ist es viel wahrscheinlicher, dass jemand nach Portugal reist. Niemand geht nach Attawapiskat.«[23]
Für die meisten in Ontario lebenden Kanadier sind die weit entfernten Reservate der Nishnabwe Aski Nation tatsächlich eine unbekannte Welt. Ich wollte daher vom 1962 geborenen Charlie wissen, wann er erstmals von der tatsächlichen Situation der First Nations gehört habe. Er antwortete: »In der Schule war das nie ein Thema. Ich denke, wenn wir überhaupt etwas über die Indianer erfahren haben, dann war es über die Sioux. Dabei ging es um dieses stereotype Bild, das die Amerikaner haben. Ich erinnere mich daran, wie die Geschichten der Residential Schools zum ersten Mal auftauchten, also die Horrorgeschichten von der katholischen Schule St. Anne’s in Fort Albany und was dort an der James Bay vor sich ging. Es gab Anfang der 1990er-Jahre einen Strafprozess. Und ich dachte, na gut, damals war es anders. Auch wir wurden von Nonnen geschlagen und von Lehrern herumgeschubst. Daher dachte ich, dass es sich bloß um solche Dinge handelte. Ich hatte ja keine Ahnung, welchem Ausmaß an Missbrauch diese Kinder ausgesetzt waren. Und ich denke, die meisten Kanadier hatten davor auch nie etwas davon gehört. Wir wussten wirklich nicht, dass solche Dinge passiert sind, bis die TRC
