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»Die größte Gefahr für die Energiewende? Mythen und Märchen!« Gerd Schöller »Heiz-Hammer«, Windräder-Abriss-Träume und Mythen über Solaranlagen: Die Debatte über die deutsche Energiewende ist aus dem Ruder gelaufen. Zwischen Panikmache und blauäugigem Optimismus fehlt oft das Wichtigste: die Sicht der Praktiker. Der erfahrene Solarunternehmer Gerd Schöller bringt die hitzige Debatte zurück auf den Boden der Tatsachen: Was ist machbar, was ist Mythos – und wo wird schlichtweg gelogen? Wird wirklich alles teurer? Brauchen wir Kernenergie? Müssen wir mit Energieknappheit rechnen? Und wo haben Kritiker*innen tatsächlich recht? Mit einem scharfen Blick für Realität und Machbarkeit zeigt Schöller, wie die Energiewende gelingen kann – mit Hightech, Digitalisierung und Unternehmertum. Dieses Buch räumt auf mit Ideologien und liefert Antworten für alle, die nicht nur debattieren, sondern endlich Lösungen sehen wollen.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gerd Schöller
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2025 oekom verlag, Münchenoekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH Goethestraße 28, 80336 München+49 89 544184 – 200 [email protected]
Lektorat: Katharina SpanglerLayout und Satz: oekom verlagKorrektur: Petra KienleUmschlaggestaltung: Laura Denke, oekom verlagDruck: CPI books GmbH, Leck
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-98726-161-9https://doi.org/10.14512/9783987264436
Cover
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Inhaltsverzeichnis
Hauptteil
Vorwort
Kapitel 1:
Bloß kein Stress!
Kapitel 2:
Das Paradies auf Zeit
Realismus und Konsequenz
Herausforderungen und Chancen
Unternehmen und Unternehmer
Kapitel 3:
Den Strommarkt verstehen
Der Stromsee
Die negativen Preise
What’s in for me?
Kapitel 4:
Den Strommarkt neu denken
Von unten nach oben statt von oben nach unten
Die Blockchain verstehen
Kapitel 5:
Die deutsche Digitalisierung
Dann ist es eben kompliziert
Smart Grids und das deutsche Digitalisierungsdilemma
Kapitel 6:
Der Weg aus dem Desaster
Das hausgemachte Desaster
Die Überbau‐Methode
Kapitel 7:
Das Bügeleisen der Energiewende
Speichernationen
Wasserstoff verstehen
Hedging verstehen
Traden unter Hochspannung
Kapitel 8:
Die Verkehrswende und die Antriebswende
Die 3 V der Verkehrswende
Warum wir Elektroautos nicht nur zum Fahren benötigen
Was Unternehmer unternehmen können
Kleiner Nachtrag zu Elektromobilität
Kapitel 9:
Die Feldlerche und andere »dumme« Vögel
Fläche, Floor und Feldlerche
Kapitel 10:
Die vergessene Wärmewende
Das mit dem Dämmen verstehen
Fernwärme und Alternativen
Kapitel 11:
Wo die Zukunft heute stattfindet
Die Zukunft heute gestalten
Kapitel 12:
Mit Hochspannung in die Zukunft
Sozial bleiben
Dranbleiben
Ehrlich bleiben
Pragmatisch bleiben
Hungrig bleiben
Nachtrag 12. Mai 2025
Danksagung
Anmerkungen
Die Energiewende stellt sich für Wissenschaftler und für Berater sehr häufig in Charts und Grafiken dar, die die Frontlinien der Schlammschlacht zwischen Befürwortern und Gegnern nachzeichnen. Wirtschaftliche Modelle und Preisbildungsmechanismen, Spitzenlasten und Strompreiszonen sind zweifellos zentrale Themen innerhalb der Energiewirtschaft. In diesem Buch wird jedoch nur begrenzt auf diese spezifischen Bereiche eingegangen. Der Autor hat die relevanten Diagramme und Studien umfassend analysiert und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in sein Werk eingebettet. Gestützt auf umfangreiche empirische Daten und seine langjährige Erfahrung als Unternehmer im Energiemarkt bietet er eine pragmatische, optimistische und ungeschminkte Perspektive auf die Energiewende.
Gerd Schöller verkörpert den Geist der Energiewende sowohl persönlich als auch beruflich – ebenso wie seine Familienmitglieder. Wahrscheinlich gehört er zu den ersten Unternehmern im Energiebereich, die eine zweite Generation repräsentieren, indem er den Visionen seines Vaters folgt, der bereits Pumpspeicherkraftwerke erträumte.
Schöllers Unabhängigkeit im Denken ist bemerkenswert; weder die Befürworter noch die Gegner der Energiewende können auf seine uneingeschränkte Unterstützung zählen. Das Redaktionsteam von oekom hatte zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe, seine zuweilen kontroversen Formulierungen zu moderieren. Was ihn wirklich erzürnt, ist nicht nur die Unkenntnis gegenüber der Dringlichkeit der durch die globale Erwärmung notwendigen Energiewende, sondern auch das in der Gesellschaft fehlende Verständnis für die damit verbundenen Herausforderungen und Zumutungen. Sein Ansatz ist, diese Probleme mutig anzusprechen; dabei bleibt er stets ein handelnder und praxisorientierter Akteur, der gestalten und mitreißen will.
Dieses Buch geht über reine Erklärungen hinaus. Es dient als Inspirationsquelle sowohl für Bürger als auch für Unternehmer. Schöller besitzt ein tiefes Verständnis für die umsetzbaren Maßnahmen der Energiewende, das aus seiner täglichen Praxis resultiert. Seine Nähe zu laufenden Projekten ermöglicht ihm eine klare Sicht auf bestehende Engpässe und Verbesserungspotenziale. Aufgrund seiner intensiven Auseinandersetzung mit den praktischen Aspekten der Energiewende fällt es ihm schwer, nachzuvollziehen, warum seine Unternehmerkollegen nicht die gleiche Begeisterung für dieses entscheidende Vorhaben aufbringen. Schöllers Einsichten basieren auf fundiertem Wissen und unermüdlicher Hingabe an die Sache. Als Leser können Sie darauf vertrauen, dass er genau weiß, worüber er schreibt.
Ich hatte das Privileg, seine Erkenntnisse aus erster Hand zu beurteilen, und tat dies mit großem Genuss und Gewinn. Dasselbe wünsche ich Ihnen nun auch: eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.
Bonn, im Frühjahr 2025
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hermann Simon
Ehrenvorsitzender Simon‐Kucher & Partners
Wir Menschen können Veränderung nicht leiden. Ungewissheit macht uns richtig Stress. Nicht zu wissen, was morgen ist, bereitet uns schlaflose Nächte. Dieser Mechanismus ist ganz tief in unserer Biologie angelegt. Wir mögen es seit Anbeginn unserer Menschwerdung eher ruhig. Hochspannung ist nichts für uns. Und unsere Körper sind in doppelter Hinsicht nicht auf sie ausgelegt. Wir wollen einfach gerne wissen, was wir morgen essen und wo und wie wir schlafen werden. Vor allem wollen wir wissen, dass wir essen. Stellen Sie sich vor, die gesamte menschliche Entwicklung – vom ersten Auftreten der Gattung Homo bis heute – entspräche einer Strecke von einem Kilometer. Wir wären dann gerade erst auf den letzten vier Metern als Bauern sesshaft geworden. Unsere moderne Lebensweise, beginnend mit der Industrialisierung, nimmt von diesem Kilometer nur etwa elf Zentimeter ein. Das heißt umgekehrt, dass sich unser Leben, unsere Lebensweise, für eine sehr, sehr lange Zeit nur marginal verändert hat. Jagen, sammeln, am Feuer (!) sitzen. Und wenn sich doch etwas veränderte, dann sehr, sehr langsam. Die langen Jahre als Eiszeitjäger ebenso wie unser Hang zu offenem Feuer haben Spuren in uns hinterlassen. Etwas zu verbrennen war schließlich für eine enorm lange Zeit die einzige Möglichkeit, uns in unserem Unterschlupf warm zu halten. Feuer kontrollieren zu können, das sich das erste Mal durch eine elektrische Entladung in der Atmosphäre entzündete, bedeutet Leben. Die erste moderne Zentralheizung wurde 1716 entwickelt, aber noch Ihre Großeltern nutzten vermutlich einen Kohleofen. Und ein offener Kamin, in dem die Scheite heimelig knistern, gilt auch heute als Inbegriff der Gemütlichkeit. Etwas kontrolliert zu verbrennen und der Stolz darauf, die Naturgewalt des Feuers gebändigt zu haben, liegt uns ebenso im Blut wie der Hang dazu, es insgesamt eher ruhig angehen zu lassen. Nur sind wir aktuell an einem Punkt in unserer Geschichte angelangt, wo wir das mit dem Verbrennen langsam aufgeben müssen. Das ist uns, wenn wir auf die Geschichte der Menschheit blicken, unangenehm.
Vielleicht kennen Sie den »chinesischen Fluch«? Er lautet: »Mögest Du in interessanten Zeiten leben«. Er scheint gerade wahr geworden zu sein und das mag die allgemeine Stimmungslage in Deutschland bei vielen Bürgern und in vielen Unternehmen erklären. Die Energiewende ist nämlich ein sehr interessantes Thema. Wenn man die Energiewende nicht nur als theoretische Möglichkeit betrachtet, sondern in ihre Umsetzung geht – mit allen Konsequenzen –, bedeutet sie vor allem Veränderung. Genau darin besteht auch ihr Fluch. Sie bedeutet Disruption in sämtlichen Bereichen unserer wirtschaftlichen Grundlagen. In der Industrie, in der Landwirtschaft, wie und womit wir heizen, wie wir bauen und wie wir zur Arbeit kommen, wie und womit wir Geld verdienen – alles wird sich ändern. Die Energiewende ist eine geradezu modellhafte Disruption, bei der etablierte Strukturen und Geschäftsmodelle durch neue Technologien und Ansätze fundamental verändert werden. Der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien wie Solar‑, Wind‐ und Wasserkraft verändert die Stromerzeugung drastisch. Die dazu nötigen Technologien werden zunehmend kosteneffizienter und wettbewerbsfähiger und verdrängen traditionelle Arten der Energiegewinnung. Disruption bedeutet, dass Altes zerstört wird. Wenn man jedoch von diesem Alten lebt, dann möchte man es ungern aufgeben. Dann wehrt man sich vielleicht sogar gegen dieses Neue, mit allem, was man hat. Dass die Energiewende auf Widerstand trifft, überrascht mich angesichts dieser Doppelbelastung aus innerem und äußerem Stress nicht. Ich kann diese Reaktanz, die ich vor allem aus und auf Unternehmensseite sehe, durchaus verstehen. Verständnis dafür habe ich trotzdem nicht. Warum ich so empfinde, davon handelt dieses Buch.
Am 13. Oktober 2023 unterzeichneten in Port Moresby in Papua‐Neuguinea zwei weitsichtige Männer einen bahnbrechenden Vertrag. Die Unterzeichnung fand statt im Rahmen des 3. Forums der indopazifischen Inselstaaten (FIPIC). Teilnehmer waren die Vertreter der 14 Mitgliedstaaten der FIPIC, darunter die Cookinseln, Fidschi, Kiribati, die Marshallinseln, die Föderierten Staaten von Mikronesien, Nauru, Niue, Palau, Papua‐Neuguinea, Samoa, die Salomonen, Tonga, Tuvalu und Vanuatu. Dieser spezielle Vertrag, unterzeichnet von Tuvalus Premierminister Kausea Natano und seinem australischen Amtskollegen Anthony Albanese, ermöglicht die Übersiedlung aller 11.200 Einwohner Tuvalus nach Australien. Tuvalu ist ein Inselstaat in der polynesischen Region Ozeaniens im Pazifischen Ozean, ungefähr auf halber Strecke zwischen Hawaii und Australien. Er besteht aus vier Korallenriffinseln und fünf Atollen. Der höchste Punkt der Inseln liegt nur etwa fünf Meter über dem Meeresspiegel. Tuvalu ist ein selbstverwaltetes Mitglied des britischen Commonwealth und entspricht ziemlich genau unseren Vorstellungen eines Südseeparadieses mit Kokospalmen, kristallklarem Wasser und weißen Sandstränden. Es ist darüber hinaus das am wenigsten besuchte Land der Erde. Reisende, die schon einmal auf Tuvalu waren, bilden einen ziemlich exklusiven Club. Und auch Tuvalu selbst gehört zu einem Club, den es gemeinsam mit den übrigen indopazifischen Inselstaaten bildet: Diese Länder sind quasi unfreiwillige, globale Laboratorien für die frühesten Auswirkungen des Klimawandels. Im Falle von Tuvalu heißt das, dass der Meeresspiegel am Pegel von Funafuti, dem Hauptatoll des Inselstaates, jährlich doppelt so schnell steigt wie im weltweiten Durchschnitt. Tuvalu ist nur noch ein Paradies auf Zeit.
Für die Menschen von Tuvalu ist der Klimawandel real und fassbar. Was wir von Politikern wie Herrn Natano lernen können, ist knallharter Realismus und Konsequenz. Er hat die Gefahr, dass seine Heimat über kurz oder lang nicht mehr bewohnbar sein wird, erkannt und entsprechend und im Rahmen seiner Möglichkeiten gehandelt. Er hat nicht nur Klima‐Asyl für seine Bürger in Australien ausgehandelt, sondern außerdem vorausschauend die Verfassung dahingehend ändern lassen, dass der Staat Tuvalu »in seinem historischen, kulturellen und rechtlichen Rahmen« auch in Zukunft bestehen bleibt, »ungeachtet der Auswirkungen des Klimawandels oder anderer Ursachen, die zu einem Verlust des physischen Territoriums von Tuvalu führen«. Es ist das einzig Sinnvolle, was er tun konnte, um den Gefahren des Klimawandels zu begegnen. Denn es gab und gibt auf Tuvalu keine Industrie, deren CO2‐Ausstoß nennenswert minimiert werden könnte. Im Jahr 2021 lagen die Emissionen in Tuvalu ungefähr bei 0,7 Tonnen CO₂ pro Kopf, während wir in Deutschland im selben Zeitraum immer noch etwa 7,9 Tonnen CO₂ pro Kopf ausstießen – und Deutschland hat 84.471.000 mehr Einwohner als Tuvalu.
Ich habe mir fest vorgenommen, Sie, meine Leserinnen und Leser, in diesem Buch nicht mit Moralisieren und Katastrophisieren zu langweilen, denn das können andere besser und man erreicht damit meiner Erfahrung nach sowieso nur das Gegenteil dessen, was man bewirken möchte. Was ich mit dieser Geschichte zeigen möchte, ist, dass es möglich ist, die Folgen des Klimawandels realistisch zu betrachten und sich durch konsequentes Handeln darauf vorzubereiten. Dass man tun kann, was nötig ist. Sogar dann, wenn man »gar nicht schuld« ist oder die Folgen einen selbst eventuell noch nicht in einem bedrohlichen Ausmaß betreffen. Kausea Natano hat diese Vereinbarungen nicht für sich getroffen, sondern für zukünftige Generationen von Tuvaluern. Wir sollten dasselbe auch für unsere zukünftigen Generationen tun. Im Rahmen unserer Möglichkeiten, die viel größer sind als die der Tuvaluer. Für uns, unsere Kinder, unseren Wohlstand und unser Wachstum. Und natürlich auch für die Tuvaluer dieser Welt.
Ich wünsche mir diese Konsequenz auch für Deutschland. Für uns gibt es nämlich keinen Ort, den wir als letzte Zuflucht um Aufnahme bitten könnten, wenn Deutschland unbewohnbar wird. Wir müssen uns selbst darum kümmern, dass unser Lebensraum in einer Form erhalten bleibt, die uns ein Überleben ermöglicht. Und was das Überleben angeht, möchte ich gar nicht bescheiden sein. Ich möchte auf einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niveau leben, das dem von heute mindestens gleichkommt.
Ich bin kein Anhänger irgendwelcher Degrowth‐Theorien, sondern lebe gerne gut und wünsche das auch meinen und Ihren Kindern. Außerdem mag auch ich, wie wir alle, keine großen Veränderungen. Und der Klimawandel bringt die denkbar größten Veränderungen mit sich. Veränderungen, die ich wirklich nicht haben muss. Die gute Nachricht ist, dass Mitteleuropa nicht so akut gefährdet ist, wie es die pazifischen Inselstaaten sind. Das verschafft uns zwar nicht alle Zeit der Welt, aber immerhin ein klein bisschen Reserve. Wenn es darum geht, klimaneutral zu werden, sollten wir trotzdem nicht auf den Kalender, sondern eher auf die Uhr schauen. Die schlechte Nachricht ist nämlich, dass viele Menschen die Größe dieser Zeitreserve über‐ und die dramatischen Folgen des Klimawandels gleichzeitig unterschätzen. Ebenfalls weit verbreitet ist die Tendenz, das Thema komplett zu ignorieren – infolge der Tatsache, dass wir nicht so akut bedroht sind wie die Tuvaluer. Der Klimawandel nervt uns, und solange bei uns im Winter die Züge noch wegen Schneefalls ausfallen, kann es ja nicht so schlimm sein. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland sind ja nur für soundso viel Prozent des weltweiten CO2‐Ausstoßes verantwortlich, da bringt es doch nichts, wenn gerade wir uns ruinieren und die Chinesen und die Amerikaner und die Inder einfach weitermachen wie bisher, oder?
Nun, niemand macht so weiter wie bisher. China führt den Ausbau erneuerbarer Energien sogar an und installiert pro Jahr etwa 100 Gigawatt erneuerbare Kapazität, vor allem an Solar‐ und Windenergie. Die Gesamtkapazität neu installierter erneuerbarer Energien betrug im Jahr 2021 etwa 257 Gigawatt. Die weltweite Gesamtkapazität an neu installierten fossilen Energieanlagen betrug im Gegensatz dazu nur etwa 50 Gigawatt. Es stimmt, dass wir heute als Nation wirklich nur noch einen kleinen Anteil am weltweiten CO2‐Ausstoß haben. Pro Kopf liegen wir nur knapp hinter China. Aber historisch gesehen haben wir einen sehr großen Anteil daran, dass die Situation heute ist, wie sie ist. Für mich persönlich drängt sich deshalb geradezu auf, dass wir eine Verantwortung dafür haben, den Dreck, den wir angerichtet haben, nun auch wieder aufzukehren. Abgesehen davon: Es wird unser Schaden als Industrienation nicht sein, wenn wir uns technologisch endlich mal wieder in einem Megatrend der Zukunft an die Spitze stellen. Auch das Argument, dass die von Deutschland noch zu leistenden Reduktionen im globalen Maßstab kaum Wirkung zeigen, greift für mich nicht. Denn die negativen Auswirkungen der CO2‐Emissionen auf das globale Klima sind – auch wenn wir so tun – nicht an einen fiktiven Grenzwert gebunden, der erst zu hundert Prozent erreicht werden muss, um wirksam zu werden. Bereits relativ geringe Emissionen haben einen sehr hohen Impact. Wir müssen akzeptieren, dass die Industrialisierung, die uns im »globalen Norden« so lange Zeit Wachstum und Wohlstand gebracht hat, auf der Grundlage von CO2‐Emissionen stattgefunden hat. Auch heute noch geht der wachsende Wohlstand von Schwellenländern mit einem steigenden CO2‐Ausstoß einher. Aber diesen aufstrebenden Ländern zu sagen: »Hört mal zu, liebe Inder, liebe Brasilianer oder liebe Mexikaner, wir hier im Westen haben in der Vergangenheit so viel CO2 emittiert, um unseren Reichtum zu generieren, dass es jetzt mal gut sein muss. Ihr müsst euch leider etwas anderes überlegen und das mit dem Fliegen fällt jetzt auch mal flach«, halte ich für vermessen – zumindest solange wir keine besseren Wege aufzeigen können.
Tatsächlich läuft es aber so ähnlich: Wir haben uns als Weltgemeinschaft nach wirklich ungewöhnlich kurzen Verhandlungen folgende zwei Hauptziele gesetzt: die Beschränkung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur und die Senkung der Emissionen und die Anpassung an den Klimawandel. Und alle müssen mitmachen. Zumindest theoretisch. Die Europäische Union hat sich außerdem dazu verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken und bis 2050 klimaneutral zu werden. Entweder behandeln wir diese Ziele wie die Deutsche Bahn ihren Fahrplan und betrachten sie eher als grobe Richtlinie. Oder wir nehmen sie so ernst, wie die Lage ist, und fangen mit der einzigen Sache an, die wir wirklich beeinflussen können: unsere eigene Infrastruktur.
Nur auf dieser Basis funktioniert dieses Buch, auf der Akzeptanz des Klimawandels und auf der Akzeptanz der Prämisse, dass wir ihn durch unser Tun verlangsamen können. Man könnte den Klimawandel akzeptieren und fatalistisch einfach so weitermachen wie bisher. Denn am Ende ging es ja schließlich immer gut. Das wäre aber so wie in dem Witz, in dem ein Bauarbeiter vom Dach des zwanzigstöckigen Hochhauses fällt und, am zweiten Stock vorbeifliegend, noch zu sich selbst sagt, dass es bis hierhin ja nochmal gut gegangen ist. Kein Grund zur Panik? Doch! Es wird nicht gut ausgehen. Weder für den armen Bauarbeiter noch für uns. Panik ist allerdings keine Lösung. Wir müssen konsequente Maßnahmen ergreifen, um den Klimawandel zu verlangsamen oder sogar zu stoppen. Wir müssen daneben selbstverständlich Maßnahmen ergreifen, um uns auf die Auswirkungen von Wetterextremen vorzubereiten – aber das ist kein Thema für dieses Buch. Vielmehr geht es mir darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu diskutieren, um wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz in Einklang zu bringen. Das sollte unser gemeinsames Ziel sein – vor allem aus unternehmerischer Perspektive. Denn Unternehmen sind es, die unseren Wohlstand erwirtschaften. Geht es ihnen schlecht, geht es allen schlecht.
Mein Thema ist also die Energiewende und mit ihr die Verkehrs‐ und Wärmewende. Die Wärmewende ist ein – zumindest in der öffentlichen Diskussion – oft vernachlässigter Teil der Energiewende und bezieht sich auf die Umstellung der Wärmeversorgung auf erneuerbare Energiequellen. Mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland entfällt auf Wärme. In privaten Haushalten ist Wärme der größte Energieverbraucher: Mehr als zwei Drittel der verwendeten Energie wird für die Heizung verwendet. Auch im Gewerbe und in der Industrie beansprucht die Wärmenutzung jeweils mehr als die Hälfte der insgesamt benötigten Energie. Die Verkehrswende beschreibt die Umstellung unseres Verkehrssystems hin zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit. Das Ziel ist es auch hier, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Energiewende ist somit ein Sammelbegriff und zugleich eine unbedingt nötige Maßnahme, um die unter ihrem Dach zusammengefassten Ziele zu erreichen. Denn die Energieerzeugung bildet gemeinsam mit den Sektoren Industrie und Verkehr die Top drei für Treibhausgasemissionen.
Als Vater, Bürger und Unternehmer wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft die Kraft aufbringen, die Energiewende langfristig zu verfolgen und gegen ihre lautstarken Gegner zu verteidigen. Dass wir uns nicht von Schreckgespenstern und Scheinriesen wie der legendären Dunkelflaute ins Bockshorn jagen lassen. Ich wünsche uns allen die Kraft, der unsäglichen Flut von Fakenews aus sämtlichen ideologischen Stoßrichtungen zu widerstehen. Ja, aus sämtlichen Stoßrichtungen. Denn – und das ist der nächste Grundsatz, nach dem dieses Buch funktioniert – gut gemeint ist nicht gut gemacht. Und nur weil man moralisch auf der Seite der Guten steht, wird schlechte Energiepolitik nicht zu guter Politik. Es ist nicht hilfreich, die Auswüchse und Fehlentwicklungen einer zwar mit viel sozialem und moralischem Druck, aber wesentlich weniger Kompetenz und sozialem Bewusstsein vorangetriebenen Energiewende zu beschönigen und die Überbringer der schlechten Nachrichten als Klimaleugner zu verunglimpfen. Kritik an der Umsetzung der Energiewende zu üben, heißt nämlich nicht, dass man sie ablehnt. Das ist in Zeiten von polarisierenden sozialen und klassischen Medien für viele inzwischen ein überraschender Gedanke. Wir sollten uns nicht nur, was diesen Aspekt unseres Lebens anbetrifft, wieder abgewöhnen, nur noch in Schwarz oder Weiß zu denken. Das fällt umso schwerer, weil sich unter dem Schlagwort Energiewende extrem komplexe Themen finden. Das Perfide an derartiger Komplexität ist, dass es immer genügend Argumente dafür oder dagegen gibt. Jeder wird jemanden finden, der die eigene Meinung bestätigt, und wenn es Onkel Jürgen ist, der auf Facebook etwas gelesen hat, was seine Meinung bestätigt.
Wir alle kennen das Talkshow‐Szenario, in dem sich zwei sich widersprechende Experten gegenübersitzen und beharken. Jeder von ihnen hat seine Zahlen parat. Nur ist es eben oft so, dass es sich dabei nur um einen wirklichen Experten handelt, einen Wissenschaftler vielleicht, der sich sein ganzes Berufsleben mit einem Thema beschäftigt hat, die zugehörigen Phänomene studiert hat und sich im Einklang mit dem aktuellen Stand der internationalen Wissenschaft weiß. Auf der anderen Seite sitzt ein Politiker oder Journalist, der sich, überspitzt ausgedrückt, mal eben in das Thema eingelesen hat und seine ganz eigene Klientel bedienen möchte. Diese Inszenierung vermittelt dem Publikum aber trotzdem den Eindruck, dass beide Meinungen gleichwertig sind, obwohl das aufgrund der unterschiedlichen Expertise überhaupt nicht der Fall ist. Vielleicht sitzt noch eine Aktivistin im Kreis der Auserwählten, die mit Tränen in den Augen das Armageddon für spätestens nächsten Mittwoch vorhersagt, wenn wir nicht alle ab morgen nur noch Erde essen würden. Ein ebenfalls eingeladener progressiver Politiker beschwichtigt, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht würde und man die Transformation hinbekommen würde, ohne dass sich irgendetwas für irgendwen ändern müsse, und das alles würde auch auf keinen Fall mehr als eine Kugel Eis kosten. Gerne wird auch ein Unternehmer oder, weil Unternehmer weniger Zeit haben, ein Verbandsvertreter eingeladen, der pauschal auf »die hohen Energiepreise« verweist. Wir, lieber Leser und liebe Leserin, kennen uns nicht persönlich, aber wenn wir uns persönlich kennen würden, dann wüssten Sie, dass ich wenig Reserven zum Haare raufen habe. Das liegt unter anderem an solchen Inszenierungen. Dass von interessierter Seite viel Unsinn zur Energiewende erzählt wird, ist klar. Die Öl‐ und Gasindustrie hat in den letzten 25 Jahren fast drei Milliarden Dollar für offen zugegebene Lobbyarbeit allein in den USA ausgegeben. Man greift Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, hält relevante Daten zurück, inszeniert breite Unterstützung, kauft Studien sowie angeblich unabhängige Befürworter. Das ist leider keine Verschwörungsgeschichte. Diese Vorgänge wurden von einem Untersuchungsausschuss des US‑Kongresses umfassend dokumentiert, der seinen Bericht Ende April 2024 veröffentlichte. Schlimm genug, aber eben nicht die alleinige Ursache für eine skeptische Grundhaltung gegenüber dem Bemühen um eine Transformation der Energieproduktion. Der Journalist Jochen Bittner schrieb im Januar 2025 in der Zeit: »Aber die Abwehrreaktanz, wie wir sie jetzt in Teilen der Gesellschaft erleben, die geht nicht auf das Konto der Untertreiber, sondern vielmehr auf das der Apokalyptiker.«1
Ich mag nicht gewichten, was schwerer wiegt. Aber als neutraler Beobachter wird man zerquetscht zwischen Übertreibungen in alle Richtungen. Über bezahlte Klimaleugner und was sie anrichten, möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr schreiben. Aber auch ein Nicht‐wahrhaben‐Wollen oder ein Verschweigen, dass eine konsequente Energiewende den Einzelnen auch vor Herausforderungen stellen kann, erreicht häufig, dass diese Bürger, die bisher vielleicht sogar eine neutrale Grundeinstellung hatten, eine negative Einstellung entwickeln. Denn die Menschen haben ja Augen im Kopf. Und Kontoauszüge auf der Festplatte. Ja, es kann nerven, in kalten Novembernächten an gedrosselten Schnellladestationen herumzustehen und sein E‑Auto zu laden, wenn man dringend nach Hause will. Nein, niemand hat Lust, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, weil die Transformation leider Opfer kostet.
Es bleibt trotzdem wahr: Nicht jeder Arbeitsplatz in jeder Industrie in Deutschland wird bestehen bleiben können. Ja, Gebäudedämmung ist eine sehr effektive Klimaschutzmaßnahme, aber auch sehr teuer und in unserem Zeitplan auch überhaupt nicht umsetzbar. Wahr bleibt auch, dass viele Menschen in Deutschland außer Konsumverzicht gar keine Möglichkeit haben, sich aktiv an Klimaschutzmaßnahmen zu beteiligen, weil sie beispielsweise Mieter sind. Die einzige Beteiligung, die vielen Menschen bleibt, ist, die Energiepreise zu zahlen, die ihr Versorger aufruft, und auf bessere Zeiten zu hoffen. Und darauf, dass der eigene Arbeitgeber gut durch die Transformation kommt – wozu ich mit diesem Buch beitragen möchte. Denn ein wirtschaftlicher Degrowth zurück zum Stand der 70er‐Jahre des vergangenen Jahrhunderts kann nicht die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sein. Individueller Verzicht kann, so löblich er auch ist, keine Lösung für ein strukturelles Problem sein. Der Klimaaktivist Jan Hegenberg beschreibt in seinem Buch »Klima‐Bullshit‐Bingo«, wie er einmal mit Hilfe des CO2‐Fußabdruck‐Rechners des Umweltbundesamts versucht hat, seinen Lebensstil auf die 1,5 bis 2 Tonnen CO2 pro Jahr herunterzuregulieren, die zu diesem Zeitpunkt theoretisch noch jedem Deutschen zur Verfügung standen, um nicht das 1,5‐Grad‐Ziel zu reißen. Und er musste feststellen, dass das in Deutschland nur möglich war, wenn er »fortan nichts mehr aß oder mich nicht mehr fortbewegte«.2 Er kam zu dem Schluss, dass »persönlicher Verzicht keinen Sinn ergibt, wenn wir das zugrunde liegende System nicht von fossilen Brennstoffen loslösen«. Da wir das aber gerade unter Hochspannung tun, würden wir uns durch unser persönliches Verhalten ein bisschen Zeit erkaufen für den Umbau des Systems. Ich sehe das zwar ähnlich, glaube aber, dass Jan Hegenberg und ich beim Begriff »Verhalten« unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Ich will nicht verzichten. Ich will machen.
Konstantin Kisin, ein russisch‐britischer Satiriker, Schriftsteller und Kommentator des Zeitgeschehens, sprach im Rahmen einer viel beachteten Debatte bei der Oxford Union Anfang 2023 über das Thema Klimawandel und wirtschaftliches Degrowth. Dabei kritisierte er den Ansatz, die Wirtschaft zu schrumpfen, um das Klima zu retten, als unrealistisch und ineffektiv, insbesondere in Bezug auf den »globalen Süden«. Denn, so betonte er aus meiner Sicht völlig zu Recht, die Menschen in ärmeren Ländern haben ebenso wie wir Anspruch auf wirtschaftliche Entwicklung und die Verbesserung ihres Lebensstandards. Kisin fragte, wie man von Menschen in diesen Ländern erwarten könne, auf wirtschaftliches Wachstum zu verzichten, wenn dieser Verzicht ihre Chancen auf ein besseres Leben – und hier reden wir nicht über Konsum, sondern beispielsweise von medizinischer Versorgung, Bildungschancen und am Ende Lebenserwartung – erheblich einschränken würde. Auf ein Leben zumal, das wir im Westen ihnen vorgelebt haben. Die Antwort ist selbstverständlich, dass wir das nicht erwarten können. Er plädiert stattdessen dafür, dass technologische Innovation und Wohlstand der effizienteste Weg seien, um nachhaltige Lösungen für die Herausforderungen des Klimawandels zu entwickeln.
Ich glaube, es wäre für alle von Vorteil, wenn wir unseren Ehrgeiz und Nationalstolz nicht nur für das Ziel nutzen würden, den besten Golf aller Zeiten zu bauen. Natürlich können wir das weiterhin anstreben, aber genauso wichtig ist es, dass wir erneuerbare Energien aus der sogenannten »Öko‐Ecke« herausholen und in den Fokus der Ingenieure rücken. Weg von Peter Lustig und seinem Balkonkraftwerk hin zu Hightech‐Lösungen und IT‑Digitalisierung. Erneuerbare Energien sollten als technische und innovative Herausforderung betrachtet werden und nicht nur aus der Perspektive von Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Wir haben wirklich herausragende Institute. So verfügen wir beispielsweise über ein Fraunhofer‐Institut, das in der Forschung sehr, sehr stark ist. Auch Klimaforschungsinstitute haben wir in Deutschland. Mit Unternehmen wie Wacker Chemie, die in der Siliziumherstellung führend sind, sind wir bestens aufgestellt. MAN Energy Solutions liefert die weltweit größte Luft‐Wasser‐Wärmepumpe für die Fernwärmeversorgung – bezeichnenderweise aber nach Finnland. In Köln baut das Unternehmen, das Sie vielleicht bisher eher mit schweren Diesel‐Lkw verbunden haben, Europas größte Flusswärmepumpe.3 Ab 2028 sollen rund 50.000 Haushalte mit Wärme aus dem Rheinwasser versorgt werden. Und dieses Kraftwerk wird 100.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.4 Das Bauunternehmen Max Bögl baut nahe seines Firmensitzes in der Oberpfalz eines der größten Windräder der Welt.
Und dann gibt es noch zahlreiche Hidden Champions, die von der Transformation profitieren. DEHN SE, ebenfalls aus der Oberpfalz, die in Überspannungsschutzlösungen weltweit führend ist. Das Unternehmen Axsol aus Würzburg baut mobile Energiespeicher, die u. a. beim Militär (aber auch bei Außendrehs von Filmaufnahmen) zum Einsatz kommen. Geschäftsführer Jürgen Zinnecker sagt: »Jeder, der heute außerhalb des chinesischen Know‐hows produziert, hat keine Überlebenschance am Weltmarkt. Die Chinesen haben ein Monopol auf Batterietechnologie.«5 Hier hätte Europa schlicht gepennt, dabei sei Batterietechnologie »reine Chemie«. Die Kunst, die sein Unternehmen beherrsche, sei aber, mehr aus dieser Chemie herauszuholen. Das ist eben auch ein Weg. Dann machen wir aus innovativer Technologie eine bessere Anwendung. Diese Unternehmen müssen wir im Bereich der Erneuerbaren Energien weiter fördern, um die Lösungen der Zukunft zu entwickeln. Den Wettbewerb um das Standard‑08/15‐Solarmodul haben wir ebenso wie den bei Akkus verloren und wir werden ihn nicht zurückgewinnen. Aber es gibt andere Bereiche, in denen wir erneut führend sein können.
Auch wenn wir uns in Deutschland nicht mit Schwellenländern vergleichen sollten, gilt Kisins Appell auch für uns hier in Deutschland. Denn jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen bei der Energiewende zu bewältigen. Und jedes Land hat seine eigenen Voraussetzungen. Nüchtern betrachtet sind diese Voraussetzungen in Deutschland, um es vorsichtig auszudrücken, schlecht. Das hat nichts mit denen da oben, Bürokratie oder deutscher Mentalität zu tun. Wir sind ein hochentwickeltes und eng besiedeltes Land mit einigen Herausforderungen. Natürlich haben andere Länder andere Herausforderungen. Auf einem Flug nach Dubai – ich fliege, weil ich nur fliege, wenn es sich nicht vermeiden lässt, übrigens ohne schlechtes Gewissen – bin ich über Noor Abu Dhabi geflogen. Das ist eine der größten Solaranlagen der Welt mit einer Fläche von etwa acht Quadratkilometern. Die Anlage hat eine Kapazität von 1,17 Gigawatt. Als ich angekommen bin, war es in meiner Unterkunft aber relativ kalt. Am nächsten Tag habe ich den indischen Hausmeister gefragt, ob man mit der Klimaanlage auch heizen könne. Aber, so wurde mir beschieden, es würde in diesem Land nicht geheizt. Was irgendwo auch verständlich ist. Die Durchschnittstemperatur in Dubai liegt von Juni bis September typischerweise zwischen 32 und 41 Grad Celsius. In den Wintermonaten, von Dezember bis Februar, können die Temperaturen auf durchschnittlich angenehme 19,4 Grad Celsius sinken. Dementsprechend haben sie dort das Problem des Heizenmüssens gar nicht. Wir schon.
Wenn man die geografischen und topografischen Herausforderungen unseres Landes nüchtern betrachtet, muss man feststellen: Kein Land ist schlechter geeignet für die Energiewende als Deutschland. Schließlich gibt es bei uns so etwas wie Winter, die Älteren erinnern sich daran. Unser Problem ist also, dass man Deutschland eher heizen als runterkühlen muss. Und zwar ausgerechnet dann, wenn die Sonne gerade nicht scheint. Im Vergleich zu Ländern wie den USA, Australien oder sogar Frankreich, die große, ungenutzte Flächen für erneuerbare Energien haben, ist zudem die nutzbare Fläche in Deutschland begrenzt. Ein bisschen Platz für Weizenfelder und seltene Brutvogelarten oder Gelbbauchunken brauchen wir schließlich auch noch. All das erschwert den Zubau von Solar‐ und Windenergie an Land und führt zu Nutzungskonflikten, bei denen um jeden Baum, der einem Windrad weichen muss, mit aller Härte gerungen wird. Weil es kalt ist, müssen wir unsere Häuser gut dämmen. Das macht das Bauen teuer. Und weil wir so viel Industrie und produzierendes Gewerbe haben, benötigen wir sehr viel Energie. Wir sind außerdem vergleichsweise sehr viele Menschen, die nicht nur mobil sein wollen, sondern es auch sein müssen, um beispielsweise von zu Hause zu diesem produzierenden Gewerbe zu gelangen.
Norwegen, das oft als gelungenes Beispiel für die Energiewende herhalten muss, hat da ganz andere Voraussetzungen. Zum Beispiel hat das ganze Land nur knapp so viele Einwohner wie die Metropolregion Berlin. 2,8 Millionen Fahrzeuge sind dort zugelassen. Die elektrifiziert man natürlich schneller als die 49 Millionen Pkw in Deutschland. Aufgrund seiner Topografie verfügt das Land über reichlich Wasserkraftressourcen, die über 90 Prozent des Strombedarfs decken. Wasserkraft ist eine stabile und zuverlässige erneuerbare Energiequelle, die nicht denselben vermaledeiten Schwankungen unterliegt wie Wind‐ und Solarenergie.
Die Wahrheit ist, dass wir in Deutschland nicht nur Konsequenz, sondern auch Kompetenz und Kreativität benötigen, um unseren Standortnachteil auszugleichen. Ich sage es gleich: Ich bin überzeugt, wir haben von allen dreien genug. Ein paar Hinweise, warum ich das bin, finden Sie in diesem Buch und vielleicht ereilt Sie sogar die Motivation, bei der ganzen Sache mitzumachen.
Was wir hatten, waren Kernkraftwerke. In einem sehr langen und sehr breiten gesellschaftlichen Diskurs haben wir uns jedoch als Gesellschaft gegen diese Form der Energiegewinnung entschieden. Auch wenn das Ende – ungefähr so wie Weihnachten in jedem Jahr – vermeintlich plötzlich kam, gehört zur Wahrheit, dass die Wurzeln der deutschen Anti‐Atomkraft‐Bewegung bis in die 1970er‐Jahre zurückreichen und es zum Ausstieg einen breiten gesellschaftlichen Konsens quer durch alle Parteien gab.
In ihrer Skepsis gegenüber der Kernenergie nehmen die Deutschen eine Sonderstellung in Europa ein. Nirgends wurde die Kernenergie so negativ gesehen wie bei uns, die wir technologischen Fortschritt insgesamt mit größerer Skepsis zu betrachten scheinen als die Angehörigen anderer Nationen. Dafür glauben wir ganz fest daran, dass Zuckerkügelchen, die kein einziges Wirkstoffmolekül mehr enthalten, im Fall des Falles die Mittelohrentzündung unseres Kindes heilen. Wenn Katrin Göring‐Eckardt von Bündnis 90/Die Grünen in einem Gastkommentar im Tagesspiegel6 darüber sinniert, wie ein »Weniger der Zukunft« verteilt werden kann und dieses Weniger damit begründet, dass »Fukushima« uns allen vor Augen geführt habe, »wie angebracht Zweifel an den Verheißungen des technologischen Fortschritts sind«, dann ist das nicht nur Ausdruck dieser über viele Jahre erlernten Grundhaltung, sondern eine »Flooding the Zone with Shit«‐Strategie, die unter umgekehrten Vorzeichen auch von den Atom‐Apologeten gefahren wird. Denn wenn uns Fukushima eines gezeigt hat, dann, dass Kernenergienutzung sicher ist.
Es mag viele Leser überraschen, aber bei der Kraftwerkshavarie infolge eines durch ein Seebeben ausgelösten Tsunamis kam nicht ein einziger Arbeiter ums Leben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2013 eine umfassende Bewertung der Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit dem Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi durchgeführt. Laut dieses ersten WHO‐Reports seien die vorhergesagten Risiken für die allgemeine Bevölkerung sowohl innerhalb als auch außerhalb Japans gering, und es werden keine beobachtbaren Erhöhungen der Krebsraten über die Basisraten hinaus erwartet.7 Dieser Report wurde 2020 mit neueren Zahlen und besseren Untersuchungen ergänzt und kam zum gleichen Ergebnis. Um Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Vergleich zur Einordnung des freigesetzten radioaktiven Materials zu geben: Die natürliche Hintergrundstrahlung, der die japanische Bevölkerung in einem Jahr ausgesetzt ist, entspricht insgesamt etwa 280.000 Sievert. Das ist das Zwanzigfache der Strahlendosis, der die Menschen im ersten Jahr nach dem Unfall ausgesetzt waren. Oder anders: Stellen Sie sich vor, Sie haben 20 Flaschen Bier. Diese 20 Flaschen entsprechen der Menge an natürlicher Hintergrundstrahlung, der Japaner in einem Jahr ausgesetzt sind. Im Vergleich dazu entspräche die Strahlungsmenge im ersten Jahr nach dem Unfall nur einer einzigen Flasche. Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern diese Zahlen stehen schwarz auf weiß in einem Report des UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation).8
Trotzdem: Ich selbst bin auch kein Freund der Kernenergie, da wir das Thema der Endlagerung einfach nicht gelöst bekommen. Frankreich hat dagegen für sich beschlossen, dass das Thema gelöst ist, und ein Endlager festgelegt. Es liegt an der deutsch‐französischen Grenze bei Aachen und ist für 30.000 Kubikmeter Lagervolumen ausgelegt. Diese Größe reicht aus für die Abfälle aller AKW in Frankreich seit Beginn der Nutzung der Kernkraft. Zum Vergleich: 30.000 Kubikmeter sind das Lagervolumen einer kleineren Spedition. Auch in Finnland wurde mit der Errichtung eines Endlagers begonnen. Mehrere potenziell geeignete Regionen sind auch in Deutschland in der wissenschaftlichen Bewertung. Aber nicht nur die Sicherheit der Lagerstätte spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Und genau da liegt das deutsche Problem. Strahlenden Atommüll will bei uns nämlich keiner vor der Tür haben. Es ist ein Problem, das wir uns mit Fleiß und über Jahrzehnte selbst geschaffen haben. Man kann auch die Endlagerung pragmatischer angehen, als wir es in Deutschland tun. Aber selbst schwach‐ und mittelradioaktive Abfälle brauchen etwa 500 Jahre, um ihre Gefährlichkeit auf das Niveau von normalem Phosphatdünger zu reduzieren. Hochradioaktiver Abfall, wie zum Beispiel abgebrannte Brennelemente, bleibt hingegen für deutlich längere Zeiträume gefährlich. Erst nach etwa 200.000 Jahren sinkt ihre Radioaktivität auf das Niveau des natürlichen Urans, aus dem diese Stoffe ursprünglich gewonnen wurden. Wir reden also selbst bei schwach‐ und mittelradioaktiven Abfällen, die zwar 90 Prozent des Gesamtvolumens darstellen, aber nur 1 Prozent der Radioaktivität, von sehr langen Zeiträumen. Wir erleben gerade, wie schnell sich politische und gesellschaftliche Gewissheiten verändern können. Und nehmen wir nur mal das beschauliche Trier, meine Heimatstadt. Vor etwas über 2000 Jahren gegründet, hat die Stadt in dieser Zeit kaum fassbare gesellschaftliche Umwälzungen erlebt. Die Römer, die Franken, die Preußen, die Nazis… und alle hätten – nur so als Gedankenexperiment – Verantwortung für ein von den Römern angelegtes Endlager übernehmen müssen. Ist das vorstellbar? Ich denke nicht.
