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Eine eindrucksvolle Reise in die widersprüchliche Welt von Treue und Untreue. Mirian Goldenberg, die erfolgreiche Anthropologin, vielfache Buchautorin und Kolumnistin aus Rio de Janeiro, ist Fachfrau für Beziehung und Untreue, Geschlechtlichkeit und Sexualität. Sie nimmt den Leser mit auf die Suche nach Erklärungen für das Phänomen der Untreue: Sie lässt uns teilhaben an ihrem Alltag als Frau und Forscherin, ihren Erfahrungen bei Vorträgen zum Thema, konfrontiert uns mit der Lebensbeichte der erfolgreichen Journalistin Mônica zwischen Leidenschaft und Unabhängigkeit und zeigt uns mit Simone de Beauvoir, dass gewählte Freiheit nur schwer zu ertragen sein kann. Auf kurzweilige Weise gibt sie uns sehr persönliche Einblicke in verschiedenste Perspektiven und Erfahrungen und zeichnet durch ein Patchwork an Erzählsträngen ein vielschichtiges Bild von Treue und Untreue. Es wird deutlich, dass Untreue eben kein individuelles Versagen ist oder einer triebgesteuerten Männerwelt zugeschrieben werden kann, sondern ein gesellschaftliches, äußerst komplexes und paradoxes Phänomen darstellt. Denn warum ist Untreue trotz der sichtbaren Veränderungen im Sexualverhalten nach wie vor ein Problem? Offenbar ist die »seltene Perle der Treue« nicht nur für traditionelle, sondern gerade auch für heutige moderne und aufgeklärte Liebesbeziehungen ein grundlegender Wert.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2014
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[1]Mirian Goldenberg
Untreu
[2][3]Mirian Goldenberg
Untreu
Beobachtungen einer Anthropologin
Herausgegeben von Thomas Leithäuser, Florian Stoll Aus dem Portugiesischen von Mechthild Blumberg
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz · München
[4]Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
ISBN(eBook) 978-3-86496-401-5
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© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Einband: Susanne Fuellhaas, Konstanz
Einbandfoto: Istockphoto Inc., © Tarek El Sombati
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[5]In schwierigen Perioden meines Lebens Sätze niederzuschreiben – auch wenn niemand sie je lesen wird – gewährt mir die gleiche tröstende Kraft wie dem Gläubigen das Gebet: durch das Mittel der Sprache überschreite ich die Grenzen meines persönlichen Falles, ich kommuniziere mit der gesamten Menschheit … Jeder Schmerz zerreißt das Innere; was ihn aber unerträglich macht, ist, dass derjenige, der ihn erleidet, sich von der übrigen Welt völlig abgeschiedenfühlt; sobald man ihn mit jemandem teilt, ist man nicht mehr so isoliert. Nicht aus dem Gefallen am Morosen1 heraus, nicht aus Exhibitionismus oder in provozierender Absicht berichten die Schriftsteller von schrecklichen, trostlosen Geschehnissen: Durch das Medium der Worte verallgemeinern sie sie vielmehr und ermöglichen es den Lesern, in der Tiefe ihres eigenen Unglücks die Tröstungen der Brüderlichkeit zu erleben. Das ist meiner Meinung nach eine der wesentlichen Aufgaben der Literatur, das Unersetzliche an ihr: jene Einsamkeit zu überwinden, in der wir alle leben und die uns zugleich einander fremd macht.
Simone de Beauvoir2
[6][7]Auf der Suche nach einem Anfang
Als ich zwischen zwanzig und dreißig war, las ich sämtliche Bücher von Simone de Beauvoir: ihre Romane, ihre Memoiren, ihre Essays. Insbesondere Das andere Geschlecht hat mich nicht nur zu der Frau gemacht, die ich bin, sondern auch die Weichen dafür gestellt, dass ich heute in der Genderforschung arbeite.
Das andere Geschlecht3 erschien 1949 in Frankreich und wurde zur Bibel der Feministinnen auf der ganzen Welt. Es enthält den inzwischen klassischen Satz »Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht« und eine radikale Verteidigung der Freiheit der Frau vor dem Gefängnis der Ehe. In der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau seien unzählige Schattierungen möglich, schrieb Simone de Beauvoir. In Kameradschaft, Erotik, Vertrauen, Zärtlichkeit könnten Mann und Frau füreinander die reichhaltigste Quelle der Freude, Bereicherung und Kraft sein, die ein Mensch sich überhaupt ersehne. Nicht die Einzelnen seien für das Scheitern der Ehe verantwortlich, sondern die Institution selbst, die an sich pervers sei. Zu fordern, dass ein Mann und eine Frau sich ein Leben lang in jeder Hinsicht vollständig gegenseitig erfüllen sollen, ist für Beauvoir ungeheuerlich und führe notwendigerweise zu Heuchelei, Lüge, Feindschaft und Unglück.
Für Simone de Beauvoir ist eines der Hauptprobleme der Ehe ihre Asymmetrie sowie die sexuelle Doppelmoral, die es dem Mann erlaube, mit Sklavinnen, Konkubinen, Geliebten und Prostituierten das Bett zu teilen, während die Ehefrau ihm Jungfräulichkeit und uneingeschränkte Treue schulde. Und trotzdem glaubt Beauvoir an die Liebe. Ihre Beziehung zu Jean-Paul Sartre war dem Ideal schrankenloser Freiheit und absoluter Transparenz verschrieben und machte die beiden zum mythischen Paar des 20. Jahrhunderts. Sie wollten sich gegenseitig alles erzählen, sogar von ihren kontingenten Liebschaften. Ihre Beziehung, die[8] zu einem begehrten und häufig nachgeahmten Modell wurde, passte auf keines der bis dahin existierenden Arrangements. In ihren Memoiren4 berichtet Beauvoir über diesen legendären Pakt, der über fünfzig Jahre gehalten hat, von 1929 bis zum Tod Sartres im Jahr 1980.
Sartre war nicht zur Monogamie berufen … »Bei uns beiden«, erklärte er mir unter Anwendung seines Lieblingsvokabulars, »handelt es sich um eine notwendige Liebe: es ist unerlässlich, dass wir auch die Zufallsliebe kennenlernen.« Wir waren von gleicher Art, und unser Bund würde so lange dauern wie wir selbst; er bot jedoch keinen Ersatz für den flüchtigen Reichtum der Begegnungen mit anderen Wesen. Warum sollten wir freiwillig auf die Skala der Überraschungen, der Enttäuschungen, der Sehnsüchte, der Freuden verzichten, die sich uns anboten?
Kürzlich entdeckte ich bei der Lektüre von Eine transatlantische Liebe: Briefe an Nelson Algren5 eine Simone de Beauvoir, die mir bis dahin unbekannt gewesen war: nämlich eine Frau, die, um den Geliebten nicht zu verlieren, zu allem bereit war, außer, sich von Sartre zu trennen. Simone de Beauvoir lernte Algren 1947 auf einer Reise in die Vereinigten Staaten kennen, sie war 39 Jahre alt. Nach einer gemeinsam verbrachten Woche kehrte sie nach Frankreich zurück und begann, ihm Liebesbriefe zu schreiben.
Wenn Sie zu unserem kleinen Zuhause zurückkommen, werde ich dort sein, unter dem Bett versteckt und überall. Ich werde jetzt immer bei Ihnen sein … wie eine liebende Frau bei ihrem geliebten Mann … Ich liebe Sie. Mehr ist nicht zu sagen … es ist Liebe, und mein Herz schmerzt. Ich bin glücklich, dass ich so tief unglücklich bin, weil ich weiß, dass auch Sie unglücklich sind, und es ist süß, die Traurigkeit zu teilen … Ich bin Ihre Frau für immer … mein geliebter Freund und Liebhaber, mein Mann einer Woche und mein Mann für immer … Oh! Ich werde Sie nicht gehen lassen, solang ich es verhindern kann; ich werde die Falle ganz eng geschlossen halten, ohne Mitleid. Sie gehören mir jetzt so, wie ich Ihnen gehöre … Was mich angeht, weiß ich, dass ich jetzt mit keinem Mann schlafen könnte. Ich könnte es nicht ertragen, eines anderen Mannes Hände oder Lippen zu fühlen, wo ich doch so bitterlich[9] nach Ihren geliebten Händen und Lippen verlange. Ich werde treu sein wie eine pflichtbewusste und konventionelle Ehefrau … mein Glück (liegt) jetzt in Ihren Händen (…); ich muss, ich will diese Abhängigkeit akzeptieren, da ich Sie liebe … Deshalb macht mir die Liebe etwas Angst, sie macht mich eher dumm … (S. 22, 23, 26, 29, 129, 100, 102, 104)
In einem weiteren Brief an Algren rechtfertigt Simone de Beauvoir ihre Beziehung zu Sartre durch die Unterscheidung zwischen den Gefühlen, die ihre notwendige Liebe prägen – wahre Freundschaft, uneingeschränkte Solidarität, Verständnis, Ruhe, Ausgewogenheit – und denen ihrer kontingenten Liebe – wahre Liebe, sexuelles Verlangen, Sehnsucht, Angst.
Wissen Sie, um Ihretwillen könnte ich viel mehr als einen netten jungen Mann aufgeben, ich könnte die meisten Dinge aufgeben; aber ich wäre nicht die Simone, die Sie mögen, wenn ich mein Leben mit Sartre aufgeben könnte. Ich wäre ein übles Geschöpf, eine Verräterin und Egoistin. Was Sie auch immer in Zukunft beschließen, ich möchte, dass Sie dies wissen: nicht aus Mangel an Liebe bleibe ich nicht bei Ihnen. Ich bin sogar sicher, dass unsere Trennungen für mich härter sind als für Sie, dass ich Sie auf schmerzlichere Weise vermisse als Sie mich; ich könnte Sie nicht stärker lieben, begehren und vermissen, als ich es tue. Vielleicht wissen Sie das. Aber Sie müssen auch wissen, obwohl es vielleicht arrogant klingt, in welchem Maße Sartre mich braucht. In Wirklichkeit ist er sehr einsam, sehr ruhelos, innerlich sehr aufgewühlt, und ich bin seine einzige wirkliche Freundin, der einzige Mensch, der ihn wirklich versteht, ihm wirklich hilft, mit ihm arbeitet, ihm etwas Frieden und Gelassenheit gibt … Ich könnte ihn nicht im Stich lassen. Ich könnte ihn für mehr oder weniger lange Perioden verlassen, aber mich nicht mein ganzes Leben an jemand anderen binden. Es ist mir zuwider, wieder davon anzufangen; ich weiß, dass ich Gefahr laufe, Sie zu verlieren, ich weiß, was es für mich bedeuten würde, Sie zu verlieren. Aber Sie müssen verstehen, wie die Lage ist … (S. 291/2)
Simone die Beauvoir zeigt, dass ihr Verhältnis mit Sartre die Sexualität ausschließt. Es sei eine Seelenfreundschaft, während die Beziehung zu Algren aus Körper und Seele bestehe. Anschließend[10] zieht sie einen Vergleich zu der Beziehung, die sie zuvor zu dem jungen, gutaussehenden Bost unterhalten hatte, die nur aus Körperlichkeit bestand. Auf diese Weise unterscheidet sie drei Arten von Liebesbeziehungen: die auf Freundschaft beruhende, die auf Sexualität beschränkte und schließlich die wahre, totale Liebe, welche Freundschaft und sexuelles Verlangen vereint. In diesem Sinne ist ihre Beziehung zu Algren die vollständigste von den dreien. Trotzdem will sie Algren nicht heiraten und sich auch nicht von Sartre trennen, wie sie in einem anderen Brief an ihren Geliebten schreibt.
Ich war zweiundzwanzig und er fünfundzwanzig, und ich gab ihm voller Begeisterung mein Leben und mich selbst. Er war mein erster Liebhaber, vorher hatte niemand mich auch nur geküsst. Wir haben eine lange Zeit zusammen verbracht, und ich erzählte Ihnen schon, wie sehr mir an ihm liegt, aber es war eher tiefe Freundschaft als Liebe; in der Liebe war unsere Beziehung nicht sehr erfolgreich. Hauptsächlich, weil er sich aus der Sexualität nicht viel macht. Er ist in allem ein warmherziger, lebhafter Mann – nur nicht im Bett. Ich spürte das bald, obwohl ich keine Erfahrung hatte, und allmählich wurde es sinnlos, ja, sogar unangebracht, weiterhin wie Geliebte zusammenzuleben. Wir gaben es nach acht oder zehn Jahren, die in dieser Hinsicht eher erfolglos waren, auf. Da – vor zehn Jahren also – erschien der nette junge Mann – Bost. Er war viel jünger als ich, ein früherer Schüler von Sartre, der ihn sehr mochte … Als Bost und ich während einer Bergwanderung im selben Zelt übernachteten und zusammen schlafen wollten, war das für uns (…) kein Problem … Außer mit Sartre und Bost habe ich dreimal in meinem Leben mit Männern eine Nacht verbracht – mit Männern, die ich bereits kannte und schätzte, obwohl ein wirkliches Liebesverhältnis nicht möglich war. Als ich zu Ihnen nach Chicago zurückkam, glaubte ich, es würde etwas Derartiges werden: ich mochte Sie; wir konnten ein paar Tage lang zusammen glücklich sein … Und all dies, Nelson, ist eine andere Art, Ihnen zu sagen, dass ich in Ihren Armen wirkliche, vollständige Liebe erfahren habe, Liebe, bei der Herz, Seele und Fleisch eins sind. Letztes Jahr gab es keinen netten jungen Mann, dieses Jahr wird es keinen geben, vermutlich wird es nie mehr einen anderen Mann geben. (S. 302/3)6
[11]Die Untreue wird den Liebenden zum Problem, wie den unzähligen Briefen zu entnehmen ist, in denen Algren sich fragt, ob er mit anderen Frauen schlafen darf oder nicht. Simone de Beauvoir antwortet jedes Mal darauf, dass er mit anderen Frauen schlafen könne, solange er nicht aufhöre, sie zu lieben. Für sie beruht Treue auf Freiwilligkeit und kann nicht erzwungen werden. Sie ist ihrem Geliebten treu, weil sie frei ist, da er der einzige Mann ist, den sie begehrt. In den Briefen betont sie unablässig, dass sie füreinander Mann und Frau seien und sie treu sei »wie eine pflichtbewusste und konventionelle Ehefrau«.
Es ist immer das alte Problem: es macht mir nichts aus, wenn Sie mit einer Frau schlafen (in gewisser Weise macht es mir natürlich etwas aus, doch das spielt keine Rolle), aber dass so etwas – und zwar der Frau wegen – nicht leicht zu realisieren ist, wenn Sie nicht frei sind, verstehe ich. Und ich nehme Ihnen Ihre Freiheit, jedenfalls zum Teil, ohne Ihnen Glück zu schenken, ohne bei Ihnen zu sein, das ist unfair, obwohl ich weiß, dass ich nicht schuldig bin … In meinem letzten Brief schrieb ich Ihnen, dass es auch mir schwerfällt, nie mit einem Mann zu schlafen, doch für eine Frau ist es irgendwie anders; es scheint jedenfalls leichter auszuhalten zu sein als für einen Mann; und außerdem kenne ich in Paris keinen Mann, mit dem ich gern schlafen würde. Ich kann Ihr Bedürfnis sehr gut verstehen. Nur erzählen Sie mir immer die Wahrheit, Honey, lassen Sie uns ebenso Freunde wie Mann und Frau sein, lassen Sie uns Freunde bleiben, selbst wenn Sie eines Tages dieser fernen Liebe überdrüssig werden, die Sie so einsam lässt. (S. 345/6)
An einer anderen Stelle ihrer Memoiren7 kehrt Simone de Beauvoir zu ihrer Beziehung zu Algren zurück, »um ein Problem näher zu beleuchten, das ich in La Force de L’âge allzu leichtfertig als gelöst betrachtete: Ist es möglich, Treue und Freiheit miteinander auszusöhnen? Um welchen Preis?« (S. 126)
Oft gepredigt, selten gewahrt, ist die totale Treue gewöhnlich ein Attribut derjenigen, welche sie sich wie eine Selbstverstümmelung auferlegen: Sie trösten sich dann mit Sublimierungen oder mit Wein. Die traditionelle Ehe gibt dem männlichen Partner das Recht zu einigen ›Seitensprüngen‹, aber ohne der Frau das Gleiche zu gestatten. Heute sind sich viele Frauen ihrer Rechte und der Grundbedingungen[12] ihres Glücks bewusst geworden: denn wenn nichts sie in ihrem eigenen Leben für die männliche Unbeständigkeit entschädigt, werden sie von Eifersucht und Langeweile geplagt. Die Paare sind zahlreich, die ungefähr das gleiche Abkommen getroffen haben wie es zwischen Sartre und mir besteht: trotz aller Seitensprünge ›eine gewisse Treue‹ zu wahren … Das Unterfangen ist riskant. Es kann passieren, dass der eine Partner die neue Bindung der alten vorzieht. Dann fühlte sich der andere Teil ungerecht behandelt und verraten. Statt zwei freie Menschen stehen sich dann Opfer und Henker gegenüber … Sartre und ich waren ambitiöser. Wir wollten ›bedingte8 Liebesbeziehungen‹ erleben. Da aber erhebt sich die Frage, der wir leichtsinnig ausgewichen sind: Wie wird sich der dritte Partner in unsere Vereinbarung fügen? Manchmal ging es glatt. Unserer Verbindung ließ genügend Spielraum für zärtliche Freundschaft oder verliebte Kameraderie, für flüchtige Schwärmereien. Wenn aber der Protagonist mehr forderte, entstanden Konflikte. (S. 126/7)
In ihren Memoiren, ihren Briefen an den Geliebten und in ihren Romanen und Essays konstruiert Simone de Beauvoir gleichzeitig unterschiedliche Versionen ihrer Beziehung zu ihrer notwendigen Liebe Jean-Paul Sartre und ihrer kontingenten Liebe Nelson Algren. Aus den verschiedenen Texten spricht eine zutiefst widersprüchliche Frau, die die weibliche Freiheit verteidigt, aber sowohl gegenüber ihrer notwendigen als auch gegenüber ihrer kontingenten Liebe völlig unterwürfig ist, einerseits radikale Feministin und andererseits typisches, von ihren Männern abhängiges Weibchen. Ich war darüber so erschüttert, dass ich inzwischen alle Bücher Simone de Beauvoirs noch einmal lese, nachdem ich sie bereits vor 20 Jahren gelesen habe, denn ich möchte das Werk der Frau besser verstehen, die mein Leben und mein Interesse an Genderstudien so entscheidend beeinflusst hat. Ob die Liebe und das Problem der Treue sogar eine Frau wie Simone de Beauvoir blind machen konnten?
Diese Wiederbegegnung mit Simone de Beauvoir hat mich dazu gebracht, über ein Thema nachzudenken, das mich bei meinen Feldforschungen immer wieder verwundert, nämlich die Diskrepanz zwischen Diskurs und Verhalten, genauer, die Tatsache, dass ein und dasselbe Verhalten verschiedene und sogar widersprüchliche Diskurse hervorrufen kann. In diesem Buch[13] gebe ich verschiedene Diskurse über dasselbe Verhalten, nämlich die eheliche Untreue, wieder. Es ist eine Vielzahl von Stimmen, die von verschiedenen Standpunkten aus über männliche und weibliche Untreue nachdenken: meine eigene Stimme als Forscherin, die Stimme Mônicas, einer Frau, die mich in einer existentiellen Krise aufsuchte, um mir ihre Geschichte zu erzählen, aber auch die Stimmen meiner Interviewpartner und die Stimmen der Medien, die sich meine Forschungen zu eigen machen. Ein polyphoner Chor hegemonialer, subalterner, marginalisierter, alternativer, konformistischer, progressiver, revolutionärer, normabweichender, polemischer, widersprüchlicher, zum Schweigen gebrachter, leiser Stimmen. Ich wünsche mir, dass diese anthropologischen Beobachtungen zum Verständnis eines Themas beitragen, das – obwohl es schon so uralt ist – immer noch »Körper und Seele« beunruhigt.
Inzwischen beschäftige ich mich schon fast 20 Forschungsjahre lang mit dem Geschlechterverhältnis in der brasilianischen Gesellschaft. Dabei kristallisierte sich Untreue als zentrales Thema heraus, das ich in meinen Büchern, Artikeln, Vorträgen, Vorlesungen und Interviews behandele. Ich habe auf viele verschiedene Weisen gefragt: Wer ist häufiger untreu, der Mann oder die Frau? Welches sind die Hauptprobleme einer Ehe? Welches ist das ideale Modell eines Paares? Was tun Männer und Frauen, die entdecken, dass sie betrogen werden? Was ist Untreue?
Ich habe qualitative Interviews durchgeführt, Tausende von Fragebögen ausgewertet, Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, Filme, Romane, Telenovelas und unzählige Bücher zum Thema analysiert. Ich habe verschiedenste Diskurse untersucht und frage mich nach so vielen Forschungsjahren, warum die Untreue weiterhin eines der Hauptprobleme, wenn nicht das Hauptproblem einer Ehe ist. Wenn man den prozentualen Anteil derer betrachtet, die zugeben, ihre Partner betrogen zu haben, könnte man denken, dass es sehr viel mehr untreue Männer und Frauen gibt als treue. Trotzdem wird in der Bevölkerungsschicht, die ich untersuche (die städtischen Mittelschichten), ein so häufiges Verhalten weiterhin als Deviation9 betrachtet, als ein schwerwiegendes und inakzeptables Problem, und das sogar von denen, die selbst untreu sind. In einer Zeit, in der Paare nicht mehr an die ewige Liebe glauben, ist es interessant zu sehen, wie[14] sehr Treue immer noch idealisiert wird, nämlich sogar in Bezug auf nebeneheliche Beziehungen. Die Geliebte eines verheirateten Mannes, so zeige ich in diesem Buch, glaubt, dass ihr Partner mit seiner Ehefrau keine sexuellen Beziehungen mehr hat. Der verheiratete Mann glaubt, dass seine Geliebte ihm sexuell treu ist. Nicht nur in der Ehe, sondern auch im Ehebruch ist Treue ein Wert. Ich habe nur vereinzelt Paare getroffen, die die offene Ehe verteidigten, in welcher Mann und Frau, ohne ihre Ehe zu gefährden, außereheliche Beziehungen haben dürfen, wenn sie dem anderen davon erzählen.
Die Treue ist trotz großer Veränderungen in den affektiv-sexuellen Beziehungen weiterhin ein Wert. Männer und Frauen betrügen. Männer und Frauen werden betrogen. Das Verhältnis zwischen Werten, Diskursen und Verhalten istextrem komplex und widersprüchlich, wenn es um die Frage der Untreue geht.
[15]
Es war eine intensive und angespannte Woche gewesen. Am Mittwoch hatte ich zusammen mit meinem Freund Peter Fry vor Dutzenden intelligenter und anspruchsvoller Studenten eine Vorlesung über Foucaults Geschichte der Sexualität gehalten. Am Donnerstag zerbrach ich mir den ganzen Vormittag darüber den Kopf, was ich am Nachmittag zur Ehrung anziehen sollte, die mir vom Nationalrat der brasilianischen Frau als eine der Frauen des Jahres 2005 in den Räumen der Akademie für Sprache und Literatur zuteil werden sollte. Am Freitagvormittag hielt ich auf einem Ärztekongress im Hotel Glória einen Vortrag über den Körperkult in der brasilianischen Gesellschaft. Abends dann schon wieder die Kleiderfrage: Was sollte ich zur Eröffnung der Buchbiennale im Historischen Museum anziehen? Wieder einmal löste das kleine Schwarze mein Problem. Die Anwesenheit von Celeste und Roberto DaMatta machte den Abend ziemlich angenehm. Am Samstag gemeinsames Mittagessen der Autoren des Record-Verlags und anschließend um 20 Uhr ein Vortrag auf der Buchbiennale 2005 im Riocentro. Wie immer war ich vor der Rede leicht angespannt, aber die Reaktion des Publikums beruhigte mich schnell. Der Saal war voll und das Publikum lachte und klatschte zu allem, was ich an der weiblichen Panik vor dem Alt- und Dickwerden infrage stellte. Moacyr Scliar10 war auch eingeladen worden und wir ergänzten uns vorzüglich. Nach der Diskussion war ich von Frauen umringt. Eine von ihnen schob mir einen Zettel zu.
Ich heiße Mônica.
Hier meine Telefonnummer.
Ruf mich an.
Meine Geschichte wird Dich interessieren.
[16]Ich hatte so etwas nach Vorträgen oder Buchpremieren schon so häufig gehört, dass ich den Zettel achtlos in die Tasche steckte. Ich wollte nichts sehnlicher als nach Hause und ins Bett. Ich war völlig erschöpft.
Worum ich viele Kollegen am meisten beneide, ist ihre Fähigkeit, vor und nach einem Vortrag mindestens sechs Stunden zu schlafen. Diejenigen, die acht Stunden schlafen, sind in Bezug auf geistige Gesundheit meine großen Vorbilder. Und bis heute, nach fast 15 Jahren als Hochschullehrerin, bewundere ich immer noch diejenigen, die vor einer Vorlesung eine geruhsame Nacht verbringen. Das Schlimme ist, dass ich nicht nur vor einer Veranstaltung oder Vorlesung nicht schlafen kann. Auch danach stehen meine Gedanken nicht still, sondern kreisen um das, was ich gesagt und nicht gesagt habe, was nicht so gut war, was andere kommentiert haben. Die interessantesten Ideen habe ich erst nach der Diskussion, meistens dann, wenn ich schon im Bett liege und schlafen müsste. Ich denke darüber nach, wie ich an der und der Stelle das und das hätte antworten müssen, frage mich, warum mir das so Offensichtliche nicht eingefallen ist. Und ich führe die Diskussion im Kopf weiter, nur eben ohne Gesprächspartner und Publikum. Wenn man das Davor und das Danach zusammenrechnet, wird deutlich, dass ich selten Nächte habe, in denen ich ruhig schlafe.
Nach der Diskussion auf der Biennale war mein Kopf noch Stunden später »auf 180«. Also beschloss ich, E-Mails zu beantworten, Klamotten wegzuräumen, den Inhalt meiner Tasche zu sortieren. Da fand ich das Zettelchen mit dem Namen und der Telefonnummer von Mônica.
[17]
1987 kam mir zum ersten Mal der Gedanke, die männliche Untreue zu untersuchen. Ich schrieb gerade Nicarégua, Nicaragüita: Ein Volk unter Waffen errichtet die Demokratie11. Auf meiner zweiten Reise durch Nicaragua hatte mich am meisten darüber gewundert, dass sich die dortigen Frauen sehr viel mehr Sorgen um die Treue bzw. Untreue ihrer Ehemänner machten als um die Konsequenzen des konterrevolutionären Krieges. Zwei Jahre später führte ich im Rahmen meiner Doktorarbeit eine Untersuchung durch, für die ich acht Frauen interviewte, die mit verheirateten Männern zusammen waren. In dieser Zeit verstarb meine Mutter. Ich schrieb meine Arbeit Die Andere also in einem Moment großer Trauer. Meinem Doktorvater Gilberto Velho gefiel der Text sehr. Er machte ein paar Vorschläge und legte mir nahe, ihn als Buch zu veröffentlichen. Ich wandte mich an denselben Verleger, der Nicarágua, Nicaragüita veröffentlicht hatte und wenige Monate später erschien das Buch und hatte großen Erfolg.12 In einer Phase großen Schmerzes darüber, den Menschen verloren zu haben, den ich am meisten geliebt hatte, musste ich mich der Öffentlichkeit stellen und in unzähligen Fernsehsendungen auftreten, Zeitungen und Zeitschriften Interviews geben und in verschiedenen Städten Vorträge halten. Immer war die erste Frage, die ich beantworten musste: »Sind Sie die Andere?« Und anschließend: »Waren Sie schon einmal die Andere?« Oder: »Hatte Ihr Mann eine Andere?« Alle verbanden mein Interesse für das Thema mit einem gegenwärtigen oder vergangenen Vorfall in meinem Leben. Um nicht stigmatisiert zu werden, begann ich, einen dicken goldenen Ehering zu tragen als Beweis dafür, dass meine Motivation rein akademischer Natur war.
Trotz der Stigmatisierung, der dieser Untersuchungsgegenstand innerhalb und außerhalb der akademischen Welt ausgesetzt[18] ist, schrieb ich in all den Jahren weiter über Untreue. Ich sammelte Hunderte von Artikeln aus Zeitschriften, Zeitungen und dem Internet, kaufte unzählige Bücher zum Thema, machte Interviews, wertete Fragebögen aus, las viel Material aus verschiedenen Wissensgebieten. Außerdem werde ich häufig auf wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Veranstaltungen eingeladen, um dort über Untreue, Ehe, Sexualität, Genderfragen und, seit kurzem, über den Körperkult zu sprechen. Mein Vater, der 1996 verstarb, sagte stolz: »Meine Tochter hat eine besondere Sensibilität für die menschliche Seele.« Ich habe in zwei Jahrzehnten Forschung versucht, herauszuarbeiten, wie groß die Unterschiede in der Konstruktion des Männlichen und des Weiblichen in der brasilianischen Kultur sind und in welcher Weise wir dazu beitragen, diese Genderstereotypen zu verstärken oder zu zerstören. Das vorliegende Buch zeigt auf verschiedene Weise eine Obsession, die mich in den letzten zwanzig Jahren begleitet hat: Warum ist Untreue trotz der sichtbaren Veränderungen im Sexualverhalten weiterhin ein Problem?
[19]
Nach tagelanger Anspannung und Nervosität hatte ich endlich den ganzen Sonntag zum Ausruhen und um das zu tun, was ich sonntags gerne tue: alle Zeitungen und Zeitschriften lesen, spazieren gehen, Freundinnen treffen. Die beste aller Welten: ein ganzer Tag ohne Verpflichtungen. Auf dem Spaziergang fiel mir Mônica wieder ein. Sie hatte wie eine ganz normale Frau auf mich gewirkt: weder alt noch jung, weder dünn noch dick, weder hübsch noch hässlich. Ich wurde neugierig. Was wollte sie mir sagen? Warum hatte sie mir ihre Telefonnummer gegeben? Ich dachte daran, sie anzurufen. Was hatte ich schon zu verlieren?
Viele hundert Mal hatte ich es schon erlebt, dass nach einem Vortrag, einer Vorlesung oder einer Buchpremiere Frauen zu mir kamen und sagten: Ich bin die Andere, ich würde Ihnen gern meine Geschichte erzählen, sie ist sehr interessant. In unzähligen Briefen und E-Mails haben mir Menschen von ihrem Leben erzählt. Alle meinen, sie hätten etwas ganz Besonderes und Wichtiges zu berichten und seien daher das ideale Studienobjekt. Während eines Seminars, das ich in Rio de Janeiro gab, bat mich eine der Studentinnen, etwas über sie, ihren Mann und ihren Freundeskreis zu schreiben, die dem Partnertausch frönten. In einem anderen Fall gab ich einem Fernsehsender ein Interview und die Produzentin erzählte mir die Geschichte ihrer Schwester, die ich schließlich, wie ihre ganze Familie, auch befragte. Ich schrieb darüber eine Arbeit, die unter dem Titel »Die Andere in der Familie« veröffentlicht wurde. Eine weitere ungewöhnliche Situation habe ich nach einer Buchpremiere in Porto Alegre erlebt, als ein Mann mir sagte, er sei in eine verheiratete Frau verliebt und ich solle auch einmal über denAnderen schreiben. Ich erklärte ihm, dass in einem solchen Fall der betrogene, »gehörnte« Mann der Stigmatisierte sei, und nicht er in seiner Rolle des berühmten Don Juan, die in unserer Kultur[20] ziemlich hoch geschätzt werde. Ich scherzte, dass eine über 40-jährige verheiratete Frau mit einem für sie entbrannten Geliebten das große Los gezogen habe in einem Land, in dem es an verfügbaren Männern mangele. Er antwortete, dass die Liebe nicht logisch oder mathematisch sei und niemand rational nur die auf dem Markt verfügbaren Frauen auswähle. Bei einer anderen Buchpremiere erzählte mir ein gutaussehender junger Mann, dass er der Geliebte eines verheirateten Mannes sei, eines vorbildlichen Vaters von vier Söhnen und erfolgreichen Unternehmers. Und jetzt wollte auch Mônica, dass ich sie befragte. Ich wunderte mich über mein Interesse, da ich keine Ahnung hatte, worüber sie sprechen wollte. Warum Mônica? Warum jetzt? Vielleicht weil Mônica ein Beispiel sein könnte, das die charakteristischen Konflikte einer Frau meiner Generation besser verständlich machen würde. Vielleicht war es aber auch einfach Neugier.
[21]
Als ich mit der Arbeit über die Andere begann, fand ich ein Interview mit der Demografin Elza Berquó13, das für meine Analyse der männlichen Untreue grundlegend wurde. Auf der Basis von Zensus-Daten konstatiert Berquó eine gestiegene Anzahl an Scheidungen, unehelichen Lebensgemeinschaften, ledigen Müttern und Singles. Was mir dabei am meisten auffiel, war der gesellschaftliche Determinismus, der dem brasilianischen Mann aufgrund einer wachsenden Zahl alleinstehender Frauen größere Chancen gibt, auch im reifen Alter noch neue Partnerinnen zu finden. Die Demografin zeigt, dass die brasilianische Bevölkerung immer älter wird und dass der älteste Bevölkerungsteil mehrheitlich aus Frauen besteht. Im Jahr 1980 lag gemäß der von ihr untersuchten Zensusdaten das Verhältnis zwischen Männern und Frauen über 65 Jahren bei 100 zu 115. In der Altersgruppe von über 85 Jahren gab es 211 Frauen auf 100 Männer. Berquó sagt, dass in der Bevölkerung von über 65 Jahren 76 % der befragten Männer, aber nur 32 % der Frauen verheiratet waren; 55 % der Frauen waren verwitwet, 9,5 % ledig und 3,5 % geschieden. Die höhere Männersterblichkeit produziert einen Frauenüberschuss. Eine Grafik, von Berquó als Pyramide der Unverheirateten bezeichnet, zeigt, dass bei zunehmendem Alter die Anzahl der unverheirateten Männer praktisch gleich bleibt – durchschnittlich 12,5 % in der Altersgruppe zwischen 35 und 59 Jahren –, während unter den Frauen dieser Altersgruppe die Zahl der Unverheirateten stark anwächst, nämlich von 20 % auf 37 %. In der Altersgruppe zwischen 60 und 64 Jahren sind 47 % der Frauen, aber nur 16 % der Männer alleinstehend. Zwischen dem 65sten und dem 69sten Lebensjahr leben 19 % der Männer, aber 57 % der Frauen allein. Berquó weist darauf hin, dass dieses Phänomen unsere Aufmerksamkeit verlangt: Unsere gesellschaftliche Pyramide[22] verwandelt sich in eine Pyramide der Einsamkeit, insbesondere für die Frauen.
Zum ersten Mal begriff ich, dass der so häufig von den Brasilianerinnen wiederholte Satz: »Es sind keine Männer im Angebot« eine ziemlich grausame demografische Realität ist, insbesondere für die älteren Frauen. In diesem Sinne könnte es für die Frauen, die übrig bleiben, eine Lösung sein und nicht ein persönliches Scheitern oder – wie viele behaupten – eine psychologische Prädisposition, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein. Wenn man die von Berquó vorgestellten Daten betrachtet, wird deutlich, dass die affektiv-sexuellen Optionen der brasilianischen Frauen auf dem Heiratsmarkt sehr viel schlechter sind als die der Männer, deren (zumindest numerische) Chancen wachsen, je älter sie werden.
Elza Berquó zeigt, dass die gesellschaftliche Norm, nach welcher der Mann eine jüngere Frau heiraten soll, einiges zu dieser Pyramide der Einsamkeit beiträgt. Sie sagt, dass die Männer zwischen 25 und 30 Jahren große Auswahl haben, da sie sowohl Frauen ihrer Altersgruppe als auch jüngere Frauen heiraten können. Die Frauen derselben Altersgruppe heiraten entweder Männer ihres Alters oder ältere. Dadurch verringern sich die Heiratschancen der Frauen je älter sie werden. Bei den 22 Millionen Ehepaaren im Jahr 1980 war in nur neun Prozent aller Fälle die Frau älter als der Mann. In allen anderen Fällen war sie gleich alt oder jünger. Unter diesen Umständen haben die Frauen bis maximal zu ihrem 30sten Lebensjahr gleiche Chancen wie die Männer. Ab dann greift das, was Berquó als demografischen Determinismus bezeichnet. Das weibliche Zölibat – unumgänglich, wenn die Frau mit 50 immer noch nicht verheiratet ist – ist in Brasilien sehr viel signifikanter als das männliche. Auch die geschiedenen Männer haben größere Chancen auf eine neue Ehe als die Frauen in derselben Situation. Außerdem heiraten geschiedene Männer tendenziell Frauen, die jünger sind als ihre erste Ehefrau. Berquó vermutet, dass es in Brasilien eine versteckte Polygynie geben könnte. Die große Zahl an Frauen, die keine Möglichkeit zur Heirat haben, würde es erlauben, dass sie sich mit Männern zusammentun, die mit anderen Frauen verheiratet sind.
Für einige Frauen ist die Einsamkeit mit Schamgefühlen verbunden, da es in Brasilien ein Zeichen des Scheiterns ist, eine[23] Frau ohne männlichen Partner zu sein. Für andere bedeutet das Alleinsein Schutzlosigkeit und Unsicherheit, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Berquó zeigt, dass die Zahl der wirtschaftlich selbstständigen Brasilianerinnen sehr klein ist. Trotzdem gibt es auch jene, die aussagen, dass sie sich nicht einsam fühlen und das Leben ohne Partner genießen. Aber die Demografin gibt zu, dass dies nur für einen sehr kleinen Teil der alleinstehenden Frauen zutrifft. In Brasilien ist die weibliche Selbstverwirklichung damit verbunden, einen Mann als den eigenen bezeichnen zu können. Dagegen reicht es, einen Blick auf die Entwicklung in Europa zu werfen, um zu erkennen, dass dort die Zahl der Frauen, die freiwillig allein leben, immer größer wird.
Berquó riskiert eine Vermutung, die einige schockieren könnte. Sie meint, dass die affektiven Arrangements zwischen Personen desselben Geschlechts für allein alternde Frauen eine Alternative bieten werden. Sie glaubt, dass die Tatsache, dass viele Frauen dieselbe Lebensphase durchleben, den Lesbianismus als sexuelle Option begünstigt. In einer Gesellschaft, die von Körper- und Jugendkult bestimmt wird, ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine relevante Zahl von Frauen sich mit Männern verbindet, die sehr viel jünger sind als sie. Nicht nur, weil diese jüngeren Männer sich nicht für sie interessieren, sondern auch, weil die älteren Frauen verunsichert sind und sich von den Zeichen der Alterung bedroht fühlen, insbesondere, weil sie mit jüngeren Frauen um dieselben Männer konkurrieren. Das erklärt vielleicht auch die Tatsache, dass Brasilien im weltweiten Ranking der Schönheitsoperationen an zweiter Stelle steht, gleich nach den USA. Die Jagd danach, jung zu erscheinen, könnte zum Teil mit dem extremen Wettbewerb auf dem Heiratsmarkt erklärt werden. Daher bleiben den alternden Frauen nur die Möglichkeiten, entweder allein zu leben oder mit einem Mann verheiratet zu sein, der statistisch gesehen wahrscheinlich eine Geliebte hat, oder aber selbst die Geliebte zu sein oder lesbisch zu werden. In Brasilien verkehrt sich das Alleinleben, das für die Frauen aus den Ländern der Ersten Welt eine recht begehrte Alternative ist, in eine weibliche Niederlage, vielleicht in die schlimmste von allen.
Berquó14 schreibt, dass im Jahr 1994 die Männer durchschnittlich mit 27,6 Jahren heirateten und die Frauen mit 24,1 (1974 noch mit 23,7 Jahren). Das kulturelle Spezifikum, dass der Mann bei der Heirat älter ist als die Frau, hat sich in den letzten[24] zwanzig Jahren also erhalten, und auch der Altersunterschied zwischen den Ehepartnern ist mit rd. 3,6 Jahren praktisch konstant geblieben. Die Demografin glaubt, dass die Tatsache, dass Männer jüngere Frauen heiraten, eine universelle Konstante sei und auf die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zurückgeführt werden muss. Auch wenn die Genderbeziehungen in einigen Kontexten inzwischen weniger asymmetrisch geworden sind, hat sich dies noch nicht sichtbar auf den Altersunterschied zwischen Ehepartnern ausgewirkt. Studien über eine auf dem Heiratsmarkt von den Frauen angebotene und von den Männern akzeptierte Tauschwährung jenseits der Jugendlichkeit sind selten. So führt das Fortdauern dieses Altersunterschieds im Falle Brasiliens, wo ein Überschuss an Frauen aller Altersgruppen ab dem 15ten Lebensjahr vorhanden ist, zu einer Zunahme des weiblichen Zölibats und der großen Gruppe getrennter oder verwitweter Frauen mit wenig Chancen auf eine erneute Heirat.
Dieses Männerdefizit in denjenigen Altersgruppen, in denen normalerweise geheiratet wird, könnte uneheliche Partnerschaften begünstigen als ein Mechanismus, der es den Männern erlaubt, sich zwischen mehreren instabilen Partnerschaften zu bewegen und sich im Laufe der Jahre zwischen verschiedenen Frauen aufzuteilen. Die Benachteiligung der Brasilianerinnen auf dem Heiratsmarkt ist himmelschreiend. In der Altersgruppe zwischen 30 und 34 Jahren kommen laut Berquó auf einen unverheirateten Mann 11,3 unverheiratete Frauen. Im Alter zwischen 50 und 54 Jahren hat ein unverheirateter Mann eine um 30mal größere Chance, eine Partnerin zu finden, als eine Frau derselben Altersgruppe. Je älter Männer und Frauen werden, desto asymmetrischer wird das Verhältnis. Die Chancen auf dem Heiratsmarkt verringern sich mit zunehmendem Alter für die Frauen und wachsen für die Männer.
Diese Wirklichkeit brachte mich dazu, die männliche Untreue mit anderen Augen zu sehen. Weit entfernt davon, ein individuelles Problem zu sein, zeigen die Daten, dass es einen demografischen Druck gibt, der dazu führt, dass sich die wenigen verfügbaren Männer zwischen der übermäßigen Zahl an Frauen, die einen affektiv-sexuellen Partner suchen, aufteilen.
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– Hallo, ich würde gern mit Mônica sprechen.
– Das bin ich.
– Mônica, hier ist Mirian Goldenberg.
– Oh, hallo! Es freut mich sehr, dass Sie anrufen!
– Durch das Durcheinander auf der Biennale habe ich nicht richtig verstanden, worüber Sie mit mir sprechen möchten.
– Ich habe Ihre Bücher gelesen, und sie gefallen mir sehr gut. Nicht nur wegen der Themen, sondern auch aufgrund der Art, wie Sie diese behandeln. Ich finde, Sie sind sehr einfühlsam auf diesem so empfindlichen Gebiet!
– Vielen Dank!
– Ich würde gern mit meiner Stellungnahme zum Thema Untreue beitragen.
– Wir sollten ein Treffen vereinbaren. Können Sie Donnerstagnachmittag?
– Ja. Wo?
– Was halten Sie von dem neuen Café am äußeren Ende von Leblon, an der Ecke Ataulfo de Paiva / Rita Ludolf?
– Wunderbar. Um wieviel Uhr?
– Um fünf?
– Einverstanden.
– Wir sehen uns also am Donnerstag um fünf.
– Ja, bis Donnerstag!
– Bis Donnerstag!
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Bei ihrer Betrachtung der Ehesituation der über 65-jährigen Bevölkerung im Jahr 1991 entdeckten Beltrão und Camarano15, dass 75 % der Männer verheiratet, aber über 50 % der Frauen verwitwet waren. Die Autorinnen führen dies auf die höhere Lebenserwartung der Frauen zurück sowie auf die Tatsache, dass die Männer jüngere Frauen heiraten. Auf diese Weise ist die Wiederverheiratung älterer Witwer häufiger als die der Witwen. Auch gibt es unter der weiblichen Bevölkerung mehr Geschiedene als unter der männlichen. Oliveira ist in ihrer Analyse der Geschlechterverteilung auf die verschiedenen Altersstufen noch deutlicher. Sie zeigt, dass die Zunahme der außerehelichen Partnerschaften in Brasilien auf den hohen Druck auf dem Heiratsmarkt zurückzuführen ist, der durch den Männermangel erzeugt wird. Da die Männer in der Unterzahl sind, würden sie dazu tendieren, ihre Partnerin von Zeit zu Zeit gegen eine Jüngere einzutauschen. Die männliche Instabilität in der Partnerschaft führe damit zu einer Zunahme an Gelegenheiten für die Frauen, trotz des Männermangels Partner zu finden. Trennungen und Scheidungen seien daher immer häufiger eine Form der Anpassung an das Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis.
Das Problem läge also weder in der Unbeständigkeit der Männer begründet noch in der Tatsache, dass Frauen abgewiesen werden, sondern es sei schlicht und ergreifend ein demografischer Determinismus am Werk.
Der Altersdurchschnitt der theoretisch auf dem Heiratsmarkt verfügbaren Männer und Frauen spiegelt die relativen Chancen auf Heirat und Wiederverheiratung beider Geschlechter. Im Jahr 1980 waren etwas über 70 % der Männer ohne Partnerin über 15 und unter 25 Jahre alt, aber nur 54 % der Frauen. Andererseits waren 32 % der Frauen ohne Partner 40 Jahre alt oder älter, gegenüber 23 % der Männer. Es ist offensichtlich, dass die Konsequenzen[27] eines kulturellen Musters, demzufolge die Frau jünger sein muss als ihr Mann, mit zunehmendem Alter aufgrund der früheren Sterblichkeit der Männer schwerwiegender werden.
Diese Faktoren können dazu führen, dass es Frauen nicht gelingt, den Partner zu halten angesichts der Konkurrenz jüngerer, also für den männlichen Blick interessanterer Frauen. Oliveira fragt: Sind die in Brasilien herrschenden Verhältnisse weiblicher Unterordnung verantwortlich für die Tatsache, dass die Männer in ihrem Leben tendenziell mehrere Partnerschaften haben, bei denen sie ihre Partnerinnen gegen jüngere austauschen, stimuliert durch die Verfügbarkeit junger Frauen? Man kann sagen, dass das demografische Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern zusammen mit den kulturell sanktionierten Formen der Anpassung an dieses Ungleichgewicht von den Brasilianerinnen die Entwicklung der Fähigkeit fordert, ohne einen Partner durchs Leben zu gehen. Diese Tatsache kann eine Erklärung sein für die in Brasilien weiterhin vorherrschende Doppelmoral, für die Untreue der Männer und die sich daraus ergebenden polygynen Arrangements.
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Ich kam als gute Paulista16 einige Minuten vor der Verabredung im Café an. Ich bin es gewohnt, Stunden auf Cariocas17 zu warten, was mich aber nicht stört, da ich für solche Momente immer ein Buch dabei habe. Ich war nicht auf den Gedanken gekommen, für dieses erste Treffen das Aufnahmegerät mitzunehmen und hatte auch keine Fragen vorbereitet. Ich war einfach neugierig, außerdem ziemlich nervös; da ich ja nicht wusste, was mich erwartete. Ich bestellte einen Kaffee und ein Glas Wasser. Nur zwei Tische waren besetzt. Wir würden in Ruhe miteinander sprechen können. Der Beginn eines Forschungsprojekts gefällt mir immer sehr, wenn es darum geht, herauszufinden, wer der Mensch ist, der mir gegenübersitzt, was für eine Geschichte er hat, wo seine Widersprüche, Ängste, Wünsche liegen. Aus dem Nichts fiel mir das erste Interview wieder ein, das ich für meine Doktorarbeit durchgeführt hatte. Ich war eine halbe Stunde zu früh an der Wohnung meiner Interviewpartnerin angekommen. Es war abends und ich ging auf dem Bürgersteig auf und ab, um Zeit zu schinden. Dabei trat ich in einen Hundehaufen. Obwohl ich alles tat, um meinen Schuh wieder sauber zu bekommen, hörte es nicht auf, schrecklich zu stinken. Der Gedanke, mit diesem Gestank die Wohnung zu betreten, machte mich furchtbar nervös. Ich hatte keine Zeit, um nach Hause zurückzukehren und andere Schuhe anzuziehen. Also klingelte ich und bat beschämt darum, das Bad benutzen zu dürfen, wo ich die Schuhsohle abspülte. Anschließend funktionierte das Aufnahmegerät nicht. An diesem Abend ging alles schief. Zum Glück hatte ich mehrere weitere Gelegenheiten, um diese Interviewpartnerin zu befragen. Ich musste bei der Erinnerung an diese tragikomische Situation lächeln, da hörte ich die Stimme von Mônica.
Entschuldigen Sie, ich habe mich verspätet.
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Auch in anderen Kulturen gibt es demografische Ungleichgewichte zwischen Männern und Frauen. Pierre Clastres18 berichtet, dass die ersten Missionare seit Beginn des 17. Jahrhunderts vergeblich versuchten, mit den Guayaki-Indianern Kontakt aufzunehmen. Sie sammelten viele Informationen über den Stamm und erfuhren zu ihrer Überraschung, dass es dort im Gegensatz zu den anderen Stämmen einen Männerüberschuss geben sollte. Diese Information wird durch die Tatsache bestätigt, dass fast vierhundert Jahre danach dasselbe Ungleichgewicht beobachtet werden konnte: In einer der südlichen Gruppen kamen genau zwei Männer auf eine Frau.
Clastres meint, dass es zwar nicht nötig sei, die Ursachen dieses Ungleichgewichts zu untersuchen, aber doch seine Konsequenzen. Um nicht künstlich die Anzahl möglicher Ehemänner zu reduzieren, blieb nichts anderes übrig, als für jede Frau die Anzahl der Ehemänner zu erhöhen, d. h. ein polyandrisches Ehesystem zu installieren. Tatsächlich wurde der gesamte Männerüberschuss durch die Frauen absorbiert, und zwar in Form von Zweitmännern, die an der Seite der Ehefrau einen Platz einnahmen, welcher fast so begehrt war wie der des Hauptehemannes. Die Guayaki-Gesellschaft konnte sich vor der Gefahr des Aussterbens retten, indem sie die Familie an diese ungleichgewichtige Demografie anpasste.
Und welche Konsequenzen hat so ein System für die Männer?, fragt Clastres. Praktisch keiner von ihnen kann von »meiner Frau« sprechen, da er nicht ihr einziger Ehemann ist, sondern die Frau mit einem und manchmal mit zwei weiteren Männern teilt. Man könnte meinen, dass die Männer diese Situation nicht als störend empfinden und sie nicht weiter infrage stellen, da sie in ihrer Kultur die Norm ist. Doch die Guayaki-Ehemänner sind nicht unbedingt damit zufrieden, auch wenn sie[30] sie als die einzig mögliche Lösung akzeptieren müssen. In den polyandrischen Haushalten herrscht zwar in der Regel Frieden und die drei Seiten des Ehedreiecks leben einvernehmlich zusammen, doch das bedeutet nicht, dass die Männer nicht insgeheim – denn sie sprechen nie darüber – gegenüber dem anderen Ehemann ihrer Frau Ärger und Aggressivität verspürten.
Clastres erzählt von einer verheirateten Frau, die mit einem jungen, ledigen Mann ein Verhältnis hatte. Wütend verprügelte ihr Mann den Rivalen, um später angesichts der Hartnäckigkeit und den Erpressungsmanövern seiner Frau einer Legalisierung der Situation zuzustimmen und es zuzulassen, dass der geheime Liebhaber zum Zweitmann seiner Frau wurde. Laut Clastres blieb ihm gar nichts anderes übrig: Hätte er dieses Arrangement abgelehnt, hätte ihn seine Frau vielleicht verlassen und so zum Zölibat verurteilt, da es im Stamm keine weitere unverheiratete Frau gab. Der Druck der Gruppe, aufmerksam darauf bedacht, jede Unordnung zu eliminieren, hätte ihn früher oder später dazu gezwungen, sich mit der Vereinbarung abzufinden, die genau dazu da war, diese Art von Problem zu lösen. Er ergab sich, wenn auch widerwillig, dem Schicksal, seine Frau mit einem anderen zu teilen. Im gleichen Zeitraum verstarb der Zweitmann einer anderen Frau. Die Beziehung zwischen dem Hauptehemann und dem Zweitehemann war immer gut und freundschaftlich gewesen, aber der Überlebende verhehlte seine Zufriedenheit nicht, nach dem Motto: »Ich freue mich, denn jetzt bin ich der einzige Ehemann meiner Frau.«
Das Verhältnis zwischen dieser Version der Vielehe zum Schutz der Gruppenintegrität und den von ihr betroffenen Individuen ist nicht harmonisch. Die Männer sind zwar mit der Polyandrie einverstanden, weil sie notwendig ist aufgrund des Frauenmangels, aber sie ertragen sie nur als eine sehr unangenehme Pflicht. Auch diejenigen, die ihre ehelichen Rechte allein ausüben, riskieren es, in jedem Augenblick dieses seltene und zerbrechliche Monopol durch die Konkurrenz eines Alleinlebenden oder Witwers zu verlieren. Also verzichtet jeder Guayaki-Ehemann auf die exklusive Inanspruchnahme seiner Ehefrau zugunsten eines Ledigen, damit der Stamm als soziale Einheit überleben kann.
Indem sie auf die Hälfte ihrer ehelichen Rechte verzichten, ermöglichen die Ehemänner das gemeinsame Leben und das[31] Überleben der Gesellschaft. Aber das verhindert nicht latente Gefühle der Frustration und Unzufriedenheit: Das Teilen der Ehefrau mit einem anderen wird zwar akzeptiert, weil es nicht anders geht, aber offensichtlich nur widerwillig. Dies bedeutet, dass unter den Guayaki ein Mann nur dann ein Ehemann ist, wenn er akzeptiert, es nur zur Hälfte zu sein. Auch die Überlegenheit des Hauptehemannes gegenüber dem Zweitehemann wird nicht durch die Tatsache gemindert, dass der Erste die Rechte des Zweiten zu respektieren hat.
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Alles erlaubt!19
Die Anthropologin Mirian Goldenberg sorgte am Dritten diesen Monats auf dem Trendseminar des Senac20 in Rio für Aufregung unter ihren weiblichen Zuhörerinnen. Sie sagte, dass auf jeden fünfzigjährigen Mann 53 auf dem Heiratsmarkt verfügbare Frauen kämen. Daher sollten die jungen Damen die männliche Untreue »mit anderen Augen sehen, nämlich als eine Art von Demokratie«. Tja, mag sein.
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