Unverfälscht (Ein Cozy-Krimi mit Ruby Steele – Buch 4) - Mia Gold - E-Book

Unverfälscht (Ein Cozy-Krimi mit Ruby Steele – Buch 4) E-Book

Mia Gold

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Beschreibung

Als eine wohlhabende Frau am nächsten Morgen aufwacht, nachdem die Party zu ihrem 40. Geburtstag ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist, liebt neben ihr der Ehemann ihrer besten Freundin – tot. Ihr droht lebenslänglich in einem Gefängnis auf den Bahamas. In ihrer Not wendet sie sich in an Ruby, um von ihr die Unterstützung zu bekommen, die sie so dringend braucht. Ruby weiß genau, wie es sich anfühlt, hereingelegt worden zu sein. Sie weiß auch, wie es ist, wenn man sie zum Besten hält. Sagt diese Frau die Wahrheit? Wer aus dem Kreis ihrer reichen, missgünstigen Freunde will ihren Tod? Oder steckt am Ende vielleicht jemand ganz anderes dahinter? Ruby hat die schlechte Angewohnheit, auch dann anderen Menschen helfen zu wollen, wenn sie ihre eigenen Probleme kaum in den Griff bekommt: Der Aktenkoffer von Senator Wishbourne ist immer noch verschwunden, der Druck steigt, und Ruby läuft die Zeit davon. Daran wird sich auch dieses Mal nichts ändern. Willkommen in der Welt Ihrer neuen Lieblingsprotagonistin Ruby Steele auf den Bahamas – mit ihrem schäbigen Taucherlokal, ihrem schlauen Hausäffchen, ihrem massiven Alkoholproblem, ihren (viel) zu vielen Auseinandersetzungen, ihrer völligen Unfähigkeit, sich aus Schwierigkeiten herauszuhalten, und ihren steinharten Fäusten. Rubys Leben ist eine einzige Katastrophe. Aber eines kann sie richtig gut: Ihr Herz erobern. UNVERFÄLSCHT ist das vierte Buch einer spannenden Krimi-Serie und ein actiongeladener Thriller, der Sie weit über die letzte Seite hinaus begeistern wird. Fans von Spannungsromanen und Cozy-Krimis im Allgemeinen und von Janet Evanovichs Stephanie Plum und Jana DeLeons Miss Fortune im Besonderen werden diese Krimis lieben. Die Reihe rund um Ruby Steele beginnt mit ON THE ROCKS (Buch 1), einem Bestseller mit über 700 Fünf-Sterne-Rezensionen - und einem kostenlosen Download!

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2022

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UNVERFÄLSCHT

(Ein Cozy-Krimi mit Ruby Steele – Buch Vier)

Mia Gold

Die Debütautorin Mia Gold ist Autorin der HOLLY HANDS COSY-KRIMIS, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) bestehen. Dazu die CORA CHASE COSY-KRIMIREIHE, welche aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht, sowie die RUBY STEELE COSY-KRIMIREIHE, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht. Mia freut sich immer, von ihren Fans zu hören, also schau rein unter www.miagoldauthor.com, um kostenlose E-Books sowie die aktuellsten Neuigkeiten zu kriegen, und in Kontakt zu bleiben.

Copyright © 2021 Mia Gold. Alle Rechte vorbehalten. Gemäß dem US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 sowie dem deutschen Urheberrechtsgesetz ist ohne vorherige Genehmigung der Autorin jegliche Veröffentlichung, Vervielfältigung oder Verbreitung sowie die Übertragung in eine Datenbank oder ein Downloadportal untersagt. Dieses E-Book ist nur für Ihre persönliche Nutzung lizenziert. Es darf nicht an dritte Personen weiterverkauft oder unentgeltlich weitergegeben werden. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie für jeden der Begünstigten bitte eine gesonderte Ausgabe. Wenn Sie dieses E-Book lesen, es jedoch nicht käuflich erworben haben, oder es nicht für Sie alleine käuflich erworben wurde, senden Sie diese Ausgabe bitte zurück und erwerben Sie eine eigene. Wir bedanken uns für den Respekt, den Sie der Autorin und ihrer Arbeit entgegenbringen. Jegliche Handlung ist frei erfunden. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und die Handlung sind entweder das Produkt der freien Fantasie der Autorin, oder werden für die Handlung der Geschichte fiktional genutzt. Jegliche Ähnlichkeit mit lebendenoder toten Personen ist rein zufällig. Coverbild Copyright ©nikkytok

BÜCHER VON MIA GOLD

EIN COZY-KRIMI MIT RUBY STEELE

ON THE ROCKS (Buch #1)

EXTRA DIRTY (Buch #2)

FULL BODIED (Buch #3)

UNVERFÄLSCHT (Buch #4)

EIN HOLLY HANDS KRIMI

KNOCKOUT (Buch #1)

RECHTER HAKEN (Buch #2)

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

PROLOG

Marsha Whitaker stöhnte.

Zumindest glaubte sie das. Ihr Kopf pochte so sehr, dass sie sich nicht sicher war, ob das Geräusch aus ihrer eigenen Kehle oder von jemand anderem kam – oder ob sich vielleicht nur ihr Magen meldete oder ihr dehydriertes Hirn ihr Streiche spielte.

Marsha Whitaker hatte den schlimmsten Kater aller Zeiten. Doch die weichen Kissen, die bequeme Matratze und die kühlen Baumwolllaken im Bett ihrer Ferienvilla trugen nichts dazu bei, ihr Leid zu lindern.

Es fühlte sich an, als hätte sie Watte im Mund, und der Blick unter ihren halb geschlossenen Augenlidern war verschwommen. Jeder Muskel schmerzte.

Und dann war da noch ihr Magen.

Oh Mann! Sie wollte nicht an ihren Magen denken. Denn wenn sie das tat, würde sie sich übergeben müssen.

Als sie ihren müden Arm hob, um sich die Schläfen zu reiben, blieb das Laken an ihrer Haut haften und löste sich mit einem schmatzenden Geräusch. Als sie den Arm zum Gesicht führte, bemerkte sie eine halb getrocknete Substanz an ihrer Hand.

Oh, Gott! Hatte sie sich etwa schon übergeben? Sie konnte sich gar nicht daran erinnern. Tatsächlich konnte sie sich überhaupt kaum an etwas erinnern, das nach elf Uhr in der letzten Nacht passiert war. Sie hatte sich mit den Jungs und Mädels in einer Strandbar

getroffen und erst einmal jede Menge Cocktails getrunken, dann waren sie in einen Nachtclub gegangen.

Dort war der Alkohol dann in Strömen geflossen.

Sie erinnerte sich vage daran, gegen Mitternacht zurück ins Hotel gegangen zu sein.  Den anderen hatte sie gesagt, dass sie betrunken sei und schlafen müsse.

Die Villa verfügte über eine Küche, und da ihre Freunde sehr gesellig waren, war es gut möglich, dass sie dort noch weiter getrunken hatten. Es fiel ihr schwer, mit dem Trinken aufzuhören, wenn sie erst einmal angefangen hatte, und falls noch mehr Leute dazu gestoßen wären, war es sehr wahrscheinlich, dass sie sich noch ein paar Drinks gemischt hatte und wie eine Idiotin zwischen den anderen herumgetanzt war.

Sie wünschte, sie könnte sich wenigstens an etwas erinnern. Doch alles, was nach ihrer Ankunft im Hotel geschehen sein mochte, lag im Dunkeln.

Es war sehr wahrscheinlich, dass sie weitergetrunken hatte. Ihr hämmernder Schädel und die geschwollene Zunge in ihrem klebrigen Mund waren Beweis genug.

Mit flatternden Lidern öffnete sie widerwillig die Augen.

Im Bungalow des Resorts war es dunkel. Nur ein schmaler Lichtstreifen drang durch die schweren Vorhänge – nicht annähernd genug, um etwas im Raum zu erkennen.

Sie drehte den Kopf und zuckte zusammen. Ihr Schädel fühlte sich an, als würde er jeden Augenblick platzen. Dann erkannte sie Dans dunkle Umrisse neben sich.

Oh Gott, Dan war hier? Dann musste es eine Wahnsinnsparty gewesen sein. Sie wünschte, sie könnte sich daran erinnern. Die Uhr auf dem Nachttisch hinter ihm zeigte 11:32.

Mit flauem Gefühl im Magen drehte sie sich in die andere Richtung und tastete nach dem Lichtschalter. Sie schloss ein Auge und kniff das andere zusammen, denn sie wusste, dass das Licht wie ein Eispickel durch ihre Netzhaut fahren würde. Aber sie musste sehen, was genau sie angerichtet hatte. Vielleicht konnte sie das Schlimmste beseitigen, bevor Dan aufwachte.

Schließlich fand sie den Schalter und betätigte ihn. Ein stechender Schmerz ließ sie zusammenzucken, als der Raum in gleißendes Licht getaucht wurde.

Sie schloss die Augen. Der Schmerz überwältigte sie.

Sie musste wirklich mit dem Trinken aufhören. Sie konnte es sich nicht leisten, fett zu werden, denn dann würde Dan sie nicht mehr mögen. Es war schlimm genug, dass ihr Mann Oliver seit drei Jahren kein Interesse mehr daran hatte, sie zu berühren. Wenn sie Dan auch noch verlor, würde sie niemanden mehr haben.

Marsha lag eine Minute lang da und wartete, bis sich ihre Augen unter den geschlossenen Lidern an das grelle Licht gewöhnt hatten, dann öffnete sie sie langsam. Es tat weh, aber es war erträglich.

Sie drehte sich wieder zu Dan.

Und schrie.

Dan lag mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund da – er war blutüberströmt. Sein Gesicht, sein Hals und sein nackter Oberkörper waren mit Stichwunden übersät.

Er war bis zur Unkenntlichkeit entstellt und sein ganzer Körper mit klebrigem, halb getrocknetem Blut bedeckt.

Die Laken waren blutverschmiert, die zuvor weiße Wand blutbespritzt, und auch sie selbst war voller Blut.

KAPITEL EINS

Ruby Steele holte tief Luft und versuchte, sich einzureden, dass sie bereit war. Sie wollte endlich ihren Vater anzurufen.

Es war ihr freier Abend und sie saß im Wohnzimmer ihres heruntergekommenen Bungalows in Nassau. Das Kapuzineräffchen Zoomer – das Maskottchen der Bar – saß mit gelangweilter Miene neben ihr auf der Couch. Eigentlich würde sie lieber arbeiten. Sich hinter der Bar von The Pirate's Cove mit kotzenden Betrunkenen und gewalttätigen Touristen auseinanderzusetzen, war besser als das hier.

Zoomer würde auch lieber an der Bar sein. Dort gab es Schnaps.

Ruby hatte seit über einem Jahr nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen, und die Schuldgefühle, die sie deswegen plagten, hatten sie in jeder Minute des letzten Jahres innerlich zerfressen.

Ihre Mutter war gestorben, als Ruby noch klein war, und da sie keine Geschwister hatte, gab es nur sie und ihren Vater.

Eine engere und liebevollere Beziehung konnte man sich nicht vorstellen.

Er war immer für sie da gewesen, hatte sie ermutigt, bei Schulsportwettkämpfen angefeuert und ihr bei den Hausaufgaben geholfen. Später, als sie Interesse für Daddys Boxstudio entwickelt hatte, war er ihr Trainer und Coach geworden.

Gemischte Kampfsportarten sind nicht gerade die typische außerschulische Aktivität für ein Mädchen im Teenageralter, aber Ruby war auch nie ein typisches Mädchen im Teenageralter gewesen. Sie war zwar kein kompletter Wildfang, aber sie hatte Sparring den Puppen und das Fitnessstudio dem Friseur vorgezogen. Manchmal hatte sich ihr Dad Sorgen gemacht, sie zu sehr unter Druck zu setzen, und dann liebevoll gefragt: „Bist du sicher, dass du kein Kleid statt einer Jeans tragen willst?“ oder „Du kannst das Training heute Abend ausfallen lassen, wenn du lieber mit deinen Freunden ausgehen möchtest.“

Daraufhin hatte Ruby stets gelächelt, ihren Vater umarmt und ihr Leben so gelebt, wie sie es für richtig hielt. Irgendwann hatte er aufgehört, sie zu fragen.

Das Training wurde intensiver. Bald ging sie vom Sparring in der Turnhalle zu Semiprofi-Kämpfen über und dann wurde sie Profi. Dad, der schon viele männliche Kämpfer trainiert hatte, fand sich nun als Trainer einer Frau wieder. Er hatte selbst eine kurze Boxkarriere hinter sich und den schwarzen Gürtel in Jiu-Jitsu, allerdings hatte er es nie zu etwas Großem gebracht und setzte daher seine Hoffnungen und einen großen Teil seiner Energie in seine Schützlinge.

Seine Tochter lag ihm dabei ganz besonders am Herzen. Sie waren ein Team – das Wayne-Team – wobei sie Rubys richtigen Namen benutzten, den Nachnamen, den sie ihr ganzes Leben lang getragen hatte, bis sie auf die Bahamas floh.

Dann kam der Titelkampf zwischen ihr und Teresa Klein in Las Vegas.

Ein enger Ringkampf, ein loser Gurt – Kleins Handschuh fällt herunter und für den Bruchteil einer Sekunde bemerkt es niemand.

Ein Bruchteil einer Sekunde. Mehr war nicht nötig gewesen.

Ein harter rechter Haken landet auf Rubys Kopf. Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass sie mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus aufwachte und ihre Karriere damit beendet war.

Ruby gab sich die Schuld an allem. Ihr Traum von einem internationalen Titel war geplatzt. Sie würde nie wieder kämpfen können. Sie hatte ihren Dad im Stich gelassen.

Natürlich hatte ihr Dad das nicht so gesehen. Ihm ging es nur darum, dass sein kleines Mädchen wieder gesund wurde. Er hatte sie unterstützt und ermutigt, doch Rubys Schuldgefühle waren geblieben und belasteten von nun an die Beziehung zu ihrem Vater.

Nach ihrer Genesung nahm sie eine Stelle als leitende Leibwächterin an und sorgte für die Sicherheit einer Reihe hochrangiger Leute, bis sie schließlich für Senatorin Wishbourne arbeitete. Das machte einen Umzug nach Washington, D.C. erforderlich. Obwohl Ruby ihren Vater vermisste, war sie doch insgeheim erleichtert, dass sie durch seine Nähe nicht ständig an ihr Versagen erinnerte wurde.

Um sich ihren Schuldgefühlen nicht stellen zu müssen, rief sie immer seltener zu Hause an, wodurch ihre Gewissensqualen nur noch größer wurden. Es wurde immer schwieriger, anzurufen.

Dann wurde die Senatorin ermordet; Ruby stand unter Tatverdacht und musste flüchten.

Eine Zeit lang wurde es unmöglich, sich bei ihrem Dad zu melden. Dann hatte sie einfach weiterhin so getan, als ob es nicht möglich sei.

Doch damit machte sie sich nur selbst etwas vor. Sie verfügte über ein Burner-Phone – ein Wegwerf-Handy. Und ein Grasdealer, der regelmäßig in die Bar kam, hatte ihr jemandem vorgestellt, der ihr zeigte, wie man einen verschlüsselten Telefondienst nutzt, der wie VPN funktioniert. Seitdem waren Telefonate möglich, ohne dass man ihr Gespräch zurückverfolgen konnte.

Dennoch konnte sie sich nicht dazu überwinden. Sie wollte sich ihrer Vergangenheit nicht stellen – und dem Gefühl versagt zu haben. Aber sie musste es tun. Ruby hatte es einem guten Freund versprochen – eigentlich sogar mehreren Freunden. Doch auch ohne dieses Versprechen war es längst an der Zeit, ihr Ego zurückzustellen.

Das Wegwerf-Handy lag vor ihr auf dem ramponierten gebrauchten Couchtisch.

Also gut, dachte sie. Du hast es mit Menschenhändlern, MMA-Kämpfern und Mördern aufgenommen. Dann schaffst du das mit Links.

Nein, ich kann das nicht.

Tu es trotzdem.

Als sie nach dem Telefon griff, begann es in ihrer Hand zu klingeln.

„Gott!“, sie zuckte zusammen. Zoomer kreischte erschrocken auf.

Einen Moment lang glaubte sie, ihr Vater würde sie anrufen, doch dann wurde ihr klar, dass das unmöglich war. Er wusste nicht einmal, in welchem Land sie sich befand – wie sollte er ihre Telefonnummer kennen?

Dann öffnete sie das billige Klapphandy und erkannte die Nummer.

Ruby stöhnte. The King. Ein lokaler Mafia-Boss, der Bare-Knuckle-Kämpfe – Kämpfe mit bloßer Faust – veranstaltete. Er hatte es geschafft, einen großen Teil ihres Lebens für sich einzunehmen.

Ruby starrte auf das Telefon, das bereits das zweite Mal klingelte. Sie konnte so tun, als sei sie auf der Arbeit, doch The King kannte ihren Dienstplan inzwischen. Er wusste eine Menge über sie. Zu viel. Sie könnte sich eine andere Ausrede einfallen lassen.

Aber auch das würde nicht lange gutgehen. Selbst wenn sie das Gespräch jetzt nicht entgegennahm; eines Tages würde sie es tun müssen. So konnte sie ihn wenigstens davon abhalten, einen seiner vielen Überraschungsbesuche zu machen.

Und wenn sie das Gespräch annahm, dann brauchte sie ihren Vater nicht anzurufen.

Mit einer Mischung aus Angst und Schuldgefühlen hob sie nach dem fünften Klingeln ab. Es war besser, nicht sofort ranzugehen. Das würde ihn nur noch bestärken. Passive Aggressivität war alles, was sie einem Kerl wie ihm entgegenzusetzen hatte.

„Wie geht es meiner besten Kämpferin heute Abend?“, fragte The King ohne jegliche Einleitung. Sein sanfter Bariton strotzte nur so vor falscher Freundlichkeit.

„Die gebrochenen Rippen tun immer noch weh.“ Wenigstens das stimmte.

„Du solltest aufhören, dich außerhalb des Rings zu prügeln, Mylady. Und warum legst du dich mit dem Hafenmeister an? Du solltest dir genauer überlegen, wen du dir zum Feind machst“, schimpfte The King.

Ruby blieb der Mund offenstehen. „Du weißt davon?“

Dumme Frage. Natürlich wusste er von ihrem letzten Fall. Es gab nur sehr wenig, was The King nicht wusste. Und diese Sache hatte große Wellen geschlagen.

„Du hast dich in große Gefahr gebracht, und das gefährdet deinen Aufstieg bei mir. Bitte versuche, dich auf die Kämpfe im Ring zu beschränken und wenn es schon sein muss, dann vertreib gelegentlich einen Betrunkenen aus der Pirate's Cove. Damit habe ich kein Problem. Das festigt deinen Ruf auf der Straße.“

„Was weißt du über den Hafenmeister?“, fragte Ruby. Wenn sie schon mit diesem Ganoven reden musste, konnte sie genauso gut versuchen, etwas über ihren mächtigsten Feind in Erfahrung zu bringen.

Mächtigsten Feind? Bei weitem nicht. Zumindest ihr größter Widersacher in Nassau.

Aber das kam darauf an, wie man an die Sache heranging. Der Hafenmeister war ihr mächtigster Gegenspieler. The King war der Feind mit der größten Macht über sie.

Warum musste das Leben nur so verdammt kompliziert sein?

„Er kontrolliert den Großteil des Schmuggels in Nassau – Luxusgüter – “, erklärte The King, „die kleineren und wertvolleren Ladungen, die von den Yachten kommen, die in seinem speziellen Hafen anlegen.“

Ruby nickte. Der Hafenmeister war für den größten Yachthafen der Stadt für private Schiffe zuständig. Die Frachtschiffe liefen in einen anderen Hafen ein. Vermutlich war der Hafenmeister dort für den Schmuggel größerer illegaler Fracht zuständig.

„Das wusste ich schon“, antwortete Ruby. „Vielleicht hast du mir etwas Besseres zu bieten: irgendeine Information, die mich am Leben erhält.“

„Oh, bisher weiß er nicht, wer du bist. Er weiß nur, dass eine Amerikanerin dabei geholfen hat, einen seiner besten Geschäftspartner zu schnappen, diesen Kokainhändler, der ihm mit seinen Schmuggelgeschäften so viel Geld eingebracht hat.“

„Früher oder später wird er herausfinden, dass ich dahinterstecke.“

„Ja, das wird er. Aber keine Sorge, ich würde nicht zulassen, dass meiner Star-Kämpferin etwas passiert. Wie kommst du mit Marleys Kindern voran?“

Ruby unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte ein paar Kinder aus einem der ärmsten Viertel von Nassau mit Essen versorgt. Ihr selbst ernannter Manager – Bob Marley – hatte von der Sache Wind bekommen. Den Namen hatte sie ihm gegeben, da er ständig dieses T-Shirt trug, auf dem der Reggae-Star abgedruckt war. Indem er sich der Sache angenommen hatte und The King über ihre Aktivitäten informierte, versuchte er, sich bei dem Mafia-Boss beliebt zu machen. Dass The King dieses Detail nun erwähnte, war seine Art, sie daran zu erinnern, dass er sie und die Kinder im Auge behalten würde und wenn nötig am längeren Hebel saß.

„Es läuft gut“, sagte Ruby und versuchte, lässig zu klingen. „Wir werden Sonntag wieder zusammen Mittag essen.“

Es hatte keinen Sinn, es ihm zu verschweigen. Er würde es sowieso von diesem Plappermaul erfahren.

„Perfekt! Ich hoffe, du kannst dich dann vor den Kids sehen lassen.“

Ruby drehte sich der Magen um. Obwohl sie die Antwort bereits ahnte, fragte sie trotzdem:

„Warum sollte ich nicht?“

„Weil du kommenden Freitag einen Kampf hast.“

Jetzt musste Ruby wirklich stöhnen. Es war Mittwochabend.

„Meine Rippen sind immer noch nicht verheilt“, protestierte sie.

Sie hatte sich vor einiger Zeit bei einem der illegalen Kämpfe von The King ein paar Rippen gebrochen. Dass sie bei ihrem letzten Auftrag ein paar Tritte abbekommen hatte, war für den Heilungsprozess nicht gerade förderlich gewesen.

Natürlich würde ein Verbrecher wie er, diese Ausrede nicht gelten lassen. Sie schuldete ihm noch einen Kampf als Gegenleistung für die Hilfe, die er ihr bei einem Fall gewährt hatte. Und The King forderte seine Schulden immer ein. Auf die eine oder andere Weise.

„Ich weiß“, sagte The King, „Und ich bitte vielmals um Entschuldigung. Es ist nur so, dass wir einen Besucher haben, den Toro del Diablo aus Mexiko.“

„Den Stier des Teufels?“

„Interessanter Name, nicht wahr? Du wirst es verstehen, wenn du ihn kennenlernst. Ein großer, massiger Mann, der gern frontal auf seine Gegner losgeht. Ziemlich einschüchternd. Er ist in ganz Lateinamerika bekannt, und es ist schon ein kleiner Coup, ihn in unserem bescheidenen kleinen Ring zu haben.“

„Kannst du ihn nicht gegen einen der männlichen Kämpfer antreten lassen?“

„Oh, er hat von dir gehört. Er möchte dich kennenlernen.“

„Wir könnten uns zum Mittag verabreden.“

The Kings tiefes Lachen schallte durchs Telefon. „Du bist wirklich lustig, Ruby. Es ist immer ein Vergnügen, mit dir zu sprechen. Toro del Diablo hat gehört, dass du in dem Ruf stehst, männliche Gegner auszuschalten, und nun möchte er dich unbedingt selbst fertigmachen. Das hat etwas mit mexikanischem Machismo zu tun. Er kann den Gedanken an eine erfolgreiche Kämpferin in einem von Männern dominierten Sport nicht ertragen.“

„Na toll“, brummte Ruby.

„Also fang an zu trainieren. Wenn es zum Kampf kommt, konzentriere dich darauf, deine Rippen zu schützen. Ich bin mir sicher, dass du gut abschneiden wirst.“

Wenn ich meine Rippen schütze, bleibt mein Kopf ohne Deckung, und wenn ich am Kopf getroffen werde, sterbe ich.

Ruby wusste, dass es keinen Unterschied machen würde, ihn auf dieses Detail hinzuweisen, und sie wollte nicht, dass sich ihre Schwäche in der Stadt herumsprach. Bei den ganzen Feinden, die sie sich gemacht hatte, könnte das tödlich enden.

The King fuhr fort: „Ich bin wirklich froh, dass du dich dazu bereit erklärst. Ich und meine Männer stehen dir jederzeit zur Verfügung. Solltest du etwas brauchen, zögere nicht, mich anzurufen.“

Du musst aus meinem Leben verschwinden, dachte Ruby.

„Ähm, danke. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Ruby. Trainiere fleißig.“

The King legte auf.

Ruby ließ das Telefon auf den Couchtisch fallen und stieß langsam die Luft aus. Sie ließ sich auf die bequeme Couch zurückfallen, schloss die Augen und rieb sich die Schläfen. Sie brauchte dringend einen Drink.

Als sie hörte, wie etwas über den Tisch krabbelte, öffnete sie die Augen. Zoomer hockte mit weit aufgerissen Augen und geöffnetem Mund auf dem Tisch, den Blick starr auf die Haustür gerichtet.

Ruby überkam ein eiskalter Schauer. Der Affe hatte ein besseres Gehör als jeder Mensch. Irgendetwas war da draußen. Etwas, das ein Geräusch machte, das Zoomer verdächtig vorkam.

Und dann nahm sie es auch wahr.

Ein leichtes Knarren der verzogenen Bretter auf der Veranda.

Ein so leises Geräusch, dass sie es ohne Zoomers Warnung nicht einmal bemerkt hätte.

Jemand war auf ihrer Veranda. Jemand, der nicht gehört werden wollte.

Der Attentäter, den die Saudis geschickt hatten, um sich zu rächen? Nein. Sie hatte ihn zu übel zugerichtet, als dass er schon wieder auf den Beinen sein konnte. Vielleicht hatte er einen seiner Freunde geschickt?

Oder jemand, der im Auftrag des Hafenmeisters handelte. Vielleicht hatte er mittlerweile herausgefunden, wer sie war.

Oder es war jemand von einem der Kartelle, die einen großen Teil des Tourismus auf der Insel abwickelten. Sie hatte sich viele Feinde gemacht, und alle wollten sie tot sehen.

Außerdem könnte es sich auch um das Außenministerium handeln, das sie endlich aufgespürt hatte.

Oder es könnte jemand ganz anderes sein, der es auf sie abgesehen hatte. Sie hatte den Überblick über all die Leute verloren, die sie tot sehen wollten.

Ich sollte dringend etwas an meinem Lebensstil ändern, dachte Ruby.

So leise sie konnte, erhob sie sich von der Couch und schlich durch die Küche zur Hintertür. Zum Glück hatte sie das Licht in der Küche und im Hinterhof nicht eingeschaltet. Die Dunkelheit gab ihr etwas Deckung.

An der Hintertür hielt sie inne. Was, wenn auch dort jemand auf der Lauer lag?

Zoomer sprang auf den Küchentisch und spähte durch das Fenster. Er sah nicht nervös aus. Das gab ihr ein wenig Zuversicht.

Sie entriegelte die Tür, öffnete sie einen Spalt breit und schlüpfte hindurch. Zoomer tat es ihr gleich.

Sie schloss die Tür so leise wie möglich und bewegte sich geduckt durch den Hinterhof. Bei Ms. Strapp von nebenan brannte Licht. Eine neugierige Nachbarin, die sich lautstark danach erkundigte, warum Ruby mitten in der Nacht durch ihren eigenen Garten schlich, war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Und es wäre nicht das erste Mal. Diese Frau würde sie eines Tages noch umbringen.

Ruby gelangte zu dem klapprigen alten Holzzaun, der ihren Garten umgab, und kletterte hinüber. Es gab keine Möglichkeit, das leise zu tun. Das Ding knarrte und wackelte unter ihrem Gewicht.

Ich sollte das wirklich reparieren lassen, wenn ich ab jetzt öfter aus meinem eigenen Haus schleichen muss.

Zum Glück war Ms. Strapp nicht am Fenster erschienen, um ihr hinterherzurufen. Vielleicht sah sie sich gerade eine Gameshow oder Ähnliches an. Ruby joggte um ihren Block mit Zoomer auf den Fersen. Nur wenige Leute hielten sich um diese Zeit draußen auf, nur ein paar Familien genossen die wohlige Wärme der tropischen Nacht auf ihren Veranden. Sie würdigten die weiße Frau, die mit einem Affen um die Häuser joggte, keines Blickes. Sie hatten das alles schon ein paarmal gesehen. Bis auf Ms. Strapp schien niemand in der Nachbarschaft mehr Notiz von ihr zu nehmen.

Als sie die Straßenecke erreichte, die zu ihrem Haus führte, hielt sie inne.

KAPITEL ZWEI

Ruby blieb im Schatten einer Palme, den die Straßenlaterne warf, stehen. Sie wohnte in einer ärmeren Gegend, in der die Laternen nur einen schwachen Lichtschein warfen und sehr weit auseinander standen. Doch wenn sie einfach auf dem Bürgersteig entlang ging, würde jeder sie sehen können.

Sie beobachtete ihre eigene Veranda: ein pechschwarzes Rechteck, das durch ihr Hausdach von der nächsten Straßenlaterne abgeschirmt wurde. Zoomer starrte stumm über ihre Schulter.

„Siehst du was, Kumpel?“, flüsterte sie. „Ich sehe nämlich gar nichts.“

Moment mal. War das eine Bewegung? Ein Schatten, der sich in einem anderen Schatten bewegte?

Ein kalter Adrenalinstoß schoss durch ihre Adern. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und ohne es zu bemerken, nahm sie eine Kampfposition ein. Ihre stets geschärften Sinne schalteten auf höchste Alarmbereitschaft und nahmen alles um sie herum deutlich wahr.

Ruby entdeckte die fast geschlossene Reihe geparkter Autos auf der anderen Straßenseite. Als sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete, duckte sie sich und kroch neben den Fahrzeugen entlang, um vor der Person in Deckung zu gehen, die sich auf ihrer Veranda befand. Zoomer verhielt sich ruhig und huschte neben ihr her, wobei auch er sich von der Veranda fernhielt.

Bei meinem Glück kommt sicher einer der Nachbarn vorbei, dachte sie. Wir werden ein verdammt lustiges Bild abgeben.

Gott sei Dank kam niemand, doch als sie bereits die Hälfte des Weges bis zu ihrem Haus zurückgelegt hatte, ließ sie eine Lücke in der Schlange geparkter Autos innehalten.

Ihr Nachbar, der drei Häuser weiter wohnte, arbeitete in einer Diskothek. Er würde erst in ein paar Stunden nach Hause kommen. Und wie es der Zufall wollte, hatte ihm niemand den Parkplatz weggeschnappt.

Ruby lugte hinter dem vorderen Kotflügel des letzten Wagens hervor, der ihr den Weg versperrte. Sie konnte ihre Veranda jetzt deutlicher erkennen. Ein massiger Schatten stand neben ihrer Tür. Ein leises Klopfen drang an ihre Ohren, übertönt vom Rascheln der Palmen in einer leichten Brise.

Würde ein Attentäter klopfen?

In den letzten Monaten waren ihr zu viele merkwürdige Dinge widerfahren, als dass sie den Gedanken ausschließen konnte.

Sie wartete, bis die Gestalt wieder leise klopfte, und nutzte die Tatsache, dass er der Tür zugewandt war, um durch den offenen Raum zwischen den beiden Autos zu huschen. Zoomer hüpfte hinter ihr her.

Als sie wieder in Deckung war, hielt sie einen Moment inne und wagte dann einen Blick über die Motorhaube. Jetzt versuchte die Gestalt, bei der es sich eindeutig um einen Mann handelte, durch das vordere Fenster zu spähen. Sie hatte die Angewohnheit, die Jalousien unten zu lassen. Von einem Profikiller in ihrem eigenen Wohnzimmer beschossen zu werden, hatte ihr Sicherheitsbewusstsein geschärft.

Jetzt fehlten nur noch zwei Autos bis zum Ziel. Sie schlich sich so leise wie möglich zum letzten Wagen, der direkt vor ihrem Haus geparkt war. Jeder wusste, dass sie kein eigenes Fahrzeug besaß.

Zeit für eine direkte Annäherung, sagte sie sich und nahm all ihren Mut zusammen.

Sie stand auf und schlich auf Zehenspitzen, so leise sie konnte, die Straße entlang.

Wieder klopfte der Mann an die Tür, diesmal etwas lauter.

Kurze Zeit überdeckte das Klopfen das Geräusch ihrer Schritte, aber nicht lange. Sie hatte noch nicht einmal ein Drittel des Weges zu ihrer Veranda zurückgelegt, als die Gestalt herumwirbelte.

Ruby sprintete auf den Mann zu, legte die letzten Meter zurück und sprang innerhalb einer knappen Sekunde auf die Veranda.

„Warte!“, rief der Mann.

Zu spät; Ruby holte bereits zum Schlag aus.

Der Mann blockte sie überraschend schnell ab, und einen Sekundenbruchteil später glaubte Ruby, seine Stimme zu erkennen.

Sie trat nach seinen Beinen und brachte den Mann ins Straucheln. Er wich zur Seite aus und hob die Arme zur Verteidigung.

„Ruby, ich bin es.“

Nun war sie sich ganz sicher. Erleichterung und Verlegenheit überkamen sie zugleich.

„Tim, es tut mir so leid! Du hast mich zu Tode erschreckt. Was machst du denn hier?“

„Das ist eine gute Frage!“, kreischte Ms. Strapp von ihrem Fenster aus. „Zu jeder Tageszeit klopfen Männer an deine Tür, und dann streitest du dich mit ihnen. Was ist nur los mit dir? Ich war kurz davor, die Polizei zu rufen.“

„Tut mir leid, Ms. Strapp. Es ist nur ein alter Freund.“

„Begrüßt man so etwa einen alten Freund?“, wollte ihre Nachbarin wissen.

„Da hat sie recht“, sagte Tim.

„Entschuldigung“, wiederholte Ruby und wandte sich dann an Tim. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du kommst?“

„Ich habe in letzter Minute einen Platz im Flugzeug bekommen. Außerdem wollte ich dich überraschen.“ Er senkte die Stimme, damit die alte Frau, die sich aus dem Nachbarfenster lehnte, ihn nicht hörte. „Außerdem weiß ich nicht genau, wie sicher dein Telefon ist.“

„Komm rein. Dir ist doch niemand gefolgt, nicht wahr?“

„Nein. Außerdem denke ich, deine Nachbarin hätte uns sicher darauf hingewiesen.“

„Ja, wer braucht schon einen Wachhund, wenn man eine neugierige Nachbarin hat.“

„Das habe ich gehört!“

Grinsend gingen sie hinein, Zoomer sprang auf Rubys Rücken.

„Du hast Glück, dass Zoomer dir nicht die Augen ausgekratzt hat“, sagte Ruby.

„Er muss sich an mich erinnert haben und wusste, dass ich ein Freund bin.“

„Tut mir leid“, sagte Ruby, die den Vorwurf in seiner Stimme gehört hatte. „Warum war das Licht auf meiner Veranda aus?“

„Ich habe es abgeschraubt, falls uns jemand beobachtet. Man kann nicht vorsichtig genug sein, nicht nachdem, was ich herausgefunden habe.“

Sie setzten sich, Ruby auf die Kante ihres Sessels. Wenn Tim den weiten Weg auf sich genommen hatte, nur um sie mit neuen Informationen zu versorgen, dann musste es etwas Wichtiges sein.

Zoomer kletterte hinter Tim auf die Couch und begann, sein Haar zu untersuchen und es mit seinen kleinen Fingern zu scheiteln.

„Ich habe keine Läuse, Kumpel“, sagte er lachend.

Ruby lächelte ihn herzlich an, betrachtete sein kräftiges Äußeres und den muskulösen Körper des trainierten Kämpfers. Der Kampf auf der Veranda wäre um einiges härter ausgefallen, wenn er sich tatsächlich gewehrt hätte.

Tim Harris, ihr ehemaliger Kollege. Es fühlte sich gut an, ihn wiederzusehen, so gut wie seit langem nicht mehr. Er lächelte zurück, und das brachte sie noch mehr zum Grinsen.

In den Staaten hatten sie einmal eine Affäre gehabt, und sie hatte gehofft, dass daraus etwas Ernstes werden könnte.

Der Aufenthalt in verschiedenen Ländern hatte dem einen Dämpfer verpasst, aber nun waren sie ja beide am selben Ort.

„Hast du noch etwas über Scheich Omar ibn Hussein in Erfahrung bringen können?“, erkundigte sie sich und schob ihre Gedanken beiseite, um zur eigentlichen Sache zu kommen.

Tim hatte Beweise dafür, dass der Scheich hinter der Ermordung von Senatorin Wishbourne steckte. Wenn sie das belegen könnten, würde das nicht nur der verstorbenen Senatorin Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern auch ihre eigene Unschuld beweisen.

„Er kommt in ein paar Tagen. Ich wollte vor ihm hier sein, um mich vorzubereiten. Außerdem gibt es noch etwas, das ich dir sagen wollte.“

Ruby verspürte einen Stich der Enttäuschung, weil er nichts davon gesagt hatte, dass er sie vermisste. Aber dieses Gefühl wurde schnell von Neugierde verdrängt. Seine Neuigkeiten klangen wichtig.

Ruby beugte sich vor. „Was?“

„Ich habe endlich jemanden außerhalb der Staaten ausfindig machen können, der den USB-Stick knacken kann, den die Senatorin dir hinterlassen hat. Und er ist hier auf den Bahamas.“

Ruby wurde hellhörig. „Wirklich? Kann man ihm trauen?“

„Ganz recht. Ich habe bereits mit ihm zusammengearbeitet. Er ist Freiberufler und ein Hardcore-Libertärer. Er arbeitet für jeden, solange er keiner von den Bösen ist. Er hat seinen eigenen Moralkodex. Er sieht das zwar etwas lockerer als die meisten Leute“, sagte Tim grinsend, „aber er arbeitet nicht mit Menschenhändlern oder Kartellen oder solchen Leuten zusammen. Er arbeitet hauptsächlich für die Leute im Dark Web.“

„Ähm, in Ordnung. Kann man ihm trauen?“

Tim hob beschwichtigend die Hand. „Was ich damit sagen will, ist, dass er ein Neutraler ist. Sein Ruf beruht darauf, dass er der bestinformierte und wortkargste Hacker ist, den es gibt.“

Ruby nickte. Sie kannte auch so jemanden hier in Nassau. Goldzahn. Ein Taxifahrer, der einen überall hinfuhr, ohne Fragen zu stellen. Und wenn man nicht wusste, wo man hinmusste, um das zu bekommen, was man wollte, brachte er einen trotzdem hin.

„Und er ist hier auf den Bahamas?“

„Ja. Er wohnt in einem Bungalow am Strand von Great Inagua.“

„Great Inagua? Das ist auf der anderen Seite des Landes! Ich müsste mir mindestens ein paar Tage frei nehmen.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber er ist der Beste. Er ist ein niederländischer Auswanderer, der wegen der Sonne, dem Surfen und der fehlenden gesetzlichen Kontrolle hierhergezogen ist. Wenn jemand den Stick knacken kann, dann er. Er hat bereits vor ein paar Jahren einen Job für mich erledigt.“

Plötzlich wurde Ruby misstrauisch. „Einen Job? Was für einen Job?“

„Einer meiner Kunden wurde erpresst. Diesem Niederländer ist es gelungen, sich in den Computer des Erpressers zu hacken und seine Festplatte zu löschen, so dass die Dateien, mit denen er meinen Kunden bedroht hat, verschwunden sind.“

„Klingt charmant.“

„Ja, es war eine hässliche Angelegenheit. Aber es hat bewiesen, dass man meinem Kontakt trauen kann. Er hätte diese Informationen nutzen können, um eine eigene Erpressungsaktion zu starten und weit mehr Geld zu bekommen, als mein Kunde ihm für den Auftrag geboten hat. Wir müssen ihm unbedingt den USB-Stick zukommen lassen.“

„Klingt nach einem guten Anhaltspunkt. Ich werde darüber nachdenken.“ Das ging alles so schnell. „Erzähl mir von Scheich Omar ibn Hussein. Du hast gesagt, dass er hier ein Anwesen besitzt und in ein paar Tagen kommt.“

„Das habe ich zumindest gehört. Die Information stammt von einem Freund eines Kontakts und ist somit nur aus dritter Hand. Dem Scheich gehört das Blue Skies Resort und er wohnt immer im Penthouse, wenn er kommt.“

Ruby blinzelte. „Hast du gerade Blue Skies Resort gesagt?“

„Ja. Es ist ein großer Komplex, wie ich gehört habe. Warum?“

„Es ist eines der größten und exklusivsten Resorts auf der Insel. Ich habe eine Freundin, die dort arbeitet.“

Tim lehnte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Seine Berührung löste ein Kribbeln in ihr aus, als er begeistert rief: „Was für ein Glücksfall! Vielleicht kann sie uns von Nutzen sein.“

„Keine Ahnung. Deseray arbeitet nur als Zimmermädchen dort.“

Deseray war auch Stammkundin in der Pirate's Cove und eine gute Freundin. Ruby würde sie lieber aus der Sache heraushalten. Sie hatte ihre Freunde in letzter Zeit viel zu oft in Gefahr gebracht.

„Noch besser“, sagte Tim. „Ein Zimmermädchen fällt nicht auf, und sie haben überall Zugang.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, sie mit da reinzuziehen. Der Scheich scheint ein übler Kerl zu sein.“

Ruby schaute auf Tims kräftige Hand hinunter, die auf dem Kissen ruhte. Gott, seine Berührung fühlte sich so gut an. Es war eine unbedachte Geste gewesen, die aus dem Eifer heraus geschah, aber sie zeugte von einer Vertrautheit, die sie schon lange gespürt hatte, jedoch nicht in Worte fassen konnte.

Sie schaute wieder zu Tim und stellte fest, dass auch er auf ihre Hände schaute. Einen Moment später sah er ihr wieder in die Augen, errötete ein wenig und zog die Hand weg. Sein Lächeln blieb.

„Das ist eines der Dinge, die ich an dir bewundere, Ruby. Du bist eine treue Freundin. Wir stehen kurz davor, den Mörder der Senatorin zu fassen, und du sorgst dich um deine Freunde.“

„Ich will nicht, dass einer von ihnen getötet wird“, antwortete sie und schloss sich dem Themenwechsel an, da sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. „Ich habe schon genug damit zu tun, selbst am Leben zu bleiben.“

„Das sehe ich, wenn man bedenkt, wie herzlich du mich an der Haustür empfangen hast.“

„Das tut mir leid“, sagte Ruby lachend. „Man schleicht sich nicht an ein Mädchen wie mich heran.“

„Ich werde versuchen, das im Hinterkopf zu behalten.“ Er sah sie an, und sein Gesicht wirkte besorgt. „Bist du in Schwierigkeiten, ich meine, in irgendwelchen Schwierigkeiten, von denen ich nichts weiß?“

Ruby wandte den Blick ab. Sollte sie ihm von The King erzählen? Oder von ihren Auseinandersetzungen mit den Kartellen oder dem Hafenmeister?

Nein. Er würde ihr nur helfen wollen, und er hatte schon genug für sie getan.

„Es geht mir gut“, sagte sie, doch ihr Ton klang nicht überzeugend. „Wie erfahren wir, wann der Scheich in die Stadt kommt?“

„Mein Kontaktmann wird es mir sagen, aber ich fürchte, er ist nicht sehr zuverlässig.“

„Warum nicht?“

„Er arbeitet in einem der Unternehmen des Scheichs in Saudi-Arabien und ist nicht so hochrangig, wie ich es gerne hätte. Er erfährt nichts direkt, sondern nur über die Gerüchteküche.“

„Das ist vielleicht nicht gut genug.“

„Nein. Deine Freundin wäre eine große Hilfe.“ Als er Rubys unwilligen Blick sah, fügte er schnell hinzu: „Sie braucht nichts zu tun. Sie muss nur das Penthouse oder die Orte im Blick behalten, an denen er sich gewöhnlich aufhält und uns über seine Ankunft informieren.“

„Das könnte sie wahrscheinlich tun. Ich werde es mir überlegen. Warum kommt er hierher?“

Tim zuckte mit den Schultern. „Ich bin mir nicht sicher. Natürlich will er seine Geschäfte hier im Auge behalten, aber da er so viele Unternehmen hat, ist das vielleicht nicht der einzige Grund. Abgesehen davon, dass er einer der Hauptaktionäre von Aramco ist, besitzt er Immobilien in drei verschiedenen Golfstaaten, in London, München, Thailand – wer weiß, warum – und das Resort hier. Ihm gehört auch eine Reederei.“

Das hörte sich interessant an. „Was transportieren die?“

„Vorgeblich Fracht. Sie fungieren als Schifffahrtsmakler. Das ist ein Vermittler, der Leute, die etwas verschiffen wollen, an Frachter vermittelt, die nach Ladung suchen. Ich habe mich umgehört, ob das legal ist oder nicht. Bis jetzt hat sich alles als sauber erwiesen.“

„Das heißt aber nicht, dass dem auch so ist.“

Tims Gesicht wurde grimmig. „Nein, das heißt es nicht. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass er die legale Seite des Waffengeschäfts war. Als Senatorin Wishbourne ihr Versprechen ihm gegenüber nicht einhielt und in einem ihrer Senatsausschüsse dafür stimmte, den Verkauf von Mittelstreckenraketen an die Saudis zu unterbinden, war das förmlich ein Schlag ins Gesicht. Er hatte gegenüber der saudischen Königsfamilie mit seinen Beziehungen in Washington geprahlt.“

„Ja, und dann macht Wishbournes eigener Mann einen illegalen Deal für ebendiese Raketen.“

„Und Scheich Omar ibn Husseins größter Feind, Scheich Abdullah ibn Salman, führt den Auftrag für ihn aus, indem er die Ware liefert, die er versprochen hatte.“

„Und du glaubst, Omar war wütend genug, um eine US-Senatorin zu töten, nur um sein Gesicht zu wahren?“

„Ich kann mir keinen besseren Verdächtigen vorstellen. Das Attentat geschah nur ein paar Wochen später.“

„Aber die Senatorin steckte bis zum Hals in Korruption. Sie muss sich eine Menge Feinde gemacht haben“, sagte Ruby voller Bitterkeit. Ruby hatte zu dieser Frau aufgesehen, sie als Mentorin in ihrer neuen Karriere betrachtet. Oberflächlich gesehen war Senatorin Wishbourne eine Verfechterin der Menschenrechte und eine Hüterin des Gesetzes. In Wahrheit war sie jedoch die politische Drahtzieherin für die schmutzigen Geschäfte ihres Mannes im Hinterzimmer.

„Da hast du recht“, sagte Tim und sein Gesichtsausdruck spiegelte Rubys Gefühle wider. „Vielleicht führt uns der USB-Stick auch in eine andere Richtung. Das werden wir in ein paar Tagen wissen.“

„Warte. Ich muss morgen arbeiten. Und übermorgen bin ich, ähm, beschäftigt. Und am Sonntag organisiere ich ein kostenloses Mittagessen für ein paar Kinder aus einer der armen Gegenden. Ich kann nicht nach Great Inagua fliegen.“

Tim legte den Kopf schief und lächelte. „Du hast eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet?“

„Ja. Es gibt viele Kinder in Nassau, die keine richtige Mahlzeit bekommen.“

Ruby spürte einen Anflug von Stolz auf das, was sie erreicht hatte. Seit sie ihren Vater verlassen hatte, fühlte sie sich unglücklich, und seit ihrer Flucht auf die Bahamas hatte sie nicht mehr viel aus ihrem Leben gemacht. Diesen Kindern zu helfen, hatte ihr Selbstwertgefühl wirklich gestärkt.

Dieses Gefühl wurde von Sorgen getrübt. The King und Bob Marley versuchten, die Wohltätigkeitsorganisation für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

Das konnte sie nicht zulassen. Wenn sie nur wüsste, wie sie sie aufhalten könnte.

Tims Arm legte sich um ihre Schultern. „Du erstaunst mich immer wieder. Hungrige Kinder füttern? Mit dem Gehalt einer Barkeeperin? Das ist großartig.“

Na ja, mit dem Barkeeper-Gehalt, ein paar Geldern aus aufgeklärten Morden und meinen Gewinnen aus illegalen Kämpfen.

Tim drückte ihre Schulter und sagte: „Es gibt nur einen Flug pro Woche nach Great Inagua. Er geht morgen früh. Ich habe schon ein Ticket. Das Flugzeug kommt erst in sieben Tagen zurück, also werde ich ein Boot nehmen. Die Fähren fahren im Zickzack über die Inseln, aber ich werde etwa einen Tag benötigen, um zurückkommen. Angenommen, er schafft es in weniger als vierundzwanzig Stunden, dann könnte ich mit etwas Glück übermorgen zurück sein. Gerade rechtzeitig, um mit dem Scheich fertig zu werden.“

„Warte. Das bedeutet, dass ich dir den USB-Stick geben muss.“

Die Worte sprudelten einfach so aus ihr heraus. Doch kaum hatte sie sie ausgesprochen, bereute sie es auch schon. Tim warf ihr einen verletzten Blick zu.

„Warum sollte das ein Problem sein?“, fragte er.

„Nun, es ist nur, ähm, ich habe ihn so lange beschützt. Ich wollte mich eigentlich selbst darum kümmern.“

Er zuckte unbeteiligt mit den Schultern. „Sag deine anderen Verpflichtungen ab und begleite mich.“

Ruby dachte einen Moment lang nach. Sie konnte sich von der Arbeit freimachen. Ihr Chef Neville war daran gewöhnt, dass sie sich frei nahm, um mit ihren persönlichen Dramen fertig zu werden. Den Kampf hingegen wagte sie nicht zu schwänzen. Er war bereits angekündigt worden. Und das Mittagessen am Sonntag würde auch stattfinden müssen. Wenn sie für ein paar Tage auf die andere Seite der Bahamas flog, würde Bob Marley die ganze Show leiten, bis sie zurückkam.

Bedauernd schüttelte Ruby den Kopf.

„Dann werde ich allein gehen“, sagte Tim. „Keine Sorge, ich werde den Stick mit meinem Leben beschützen.“

Ruby hielt inne, schaute in seine strahlend blauen Augen und spürte den warmen Arm um ihre Schulter.

Warum zögerte sie? Er war einer ihrer ältesten Freunde. Hatten sie die dunklen Machenschaften auf den Bahamas so sehr mitgenommen, dass sie nicht einmal mehr Tim Harris vertrauen konnte?

Sie stieß einen Seufzer aus, stand auf und ging zu ihrem Bücherregal, wo sie einen alten Taschenbuchroman herauszog. Als sie ihn aufschlug, kam ein Hohlraum zum Vorschein, den sie in die Seiten geschnitten hatte. Er war gerade groß genug, um den USB-Stick zu verbergen.

Sie nahm ihn heraus, hielt einen Moment lang inne und betrachtete ihn. Es hatte so lange gedauert, dieses kleine Stück aus Metall und Schaltkreisen zu finden, und es hatte sie so sehr frustriert, weil er ihr ohne das Passwort den Zugriff versperrte.

Jetzt, da sie die Chance hatte, den Code zu knacken, musste sie diese ergreifen.

Aber ihn einfach so aus der Hand zu geben …

Komm schon, es ist Tim!

In Zeitlupe ging sie zur Couch zurück. Tim lächelte und streckte seine Hand aus.

Ruby zögerte eine Sekunde lang, dann ließ sie den Stick in seine geöffnete Handfläche fallen.

KAPITEL DREI