Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Streben führt zur Erlösung. Diese Behauptung schnappt Henry zufällig auf und sie beschäftigt ihn. Er steckt in einer Lebenskrise und fährt für ein paar Tage nach Frankfurt am Main, um Weggefährten aus seinen Studentenjahren zu besuchen. Die Gespräche mit seinen Freunden sind begleitet von Unmengen an Bier und Zigaretten. Wie im Rausch treibt Henry durch dieses Scheusal einer Großstadt. Hier ist er vor Jahren gescheitert und hat eine Angststörung entwickelt, die bis heute Teil von ihm ist. Sie wird jetzt wieder mächtig und Henry muss sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen. Und dann gibt es da auch noch Bea. Henry hat sie das letzte Mal vor zwölf Jahren gesehen. Er macht sich auf die Suche nach ihr.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Streben führt zur Erlösung. Diese Behauptung schnappt Henry zufällig auf und sie beschäftigt ihn. Er steckt in einer Lebenskrise und fährt für ein paar Tage nach Frankfurt am Main, um Weggefährten aus seinen Studentenjahren zu besuchen. Die Gespräche mit seinen Freunden sind begleitet von Unmengen an Bier und Zigaretten. Wie im Rausch treibt Henry durch dieses Scheusal einer Großstadt. Hier ist er vor Jahren gescheitert und hat eine Angststörung entwickelt, die bis heute Teil von ihm ist. Sie wird jetzt wieder mächtig und Henry muss sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen. Und dann gibt es da auch noch Bea. Henry hat sie das letzte Mal vor zwölf Jahren gesehen. Er macht sich auf die Suche nach ihr.
Matthias Amberger, geboren 1981, wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Nach dem Abitur zog es ihn in die Metropole Frankfurt am Main. Hier studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. 2010 schloss er das Studium mit dem Magister ab. Im Anschluss hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Seit fünf Jahren arbeitet er im sozialen Bereich. In den letzten zehn Jahren war er künstlerisch aktiv. Bisher schrieb er Erzählungen und den Roman, der Ihnen jetzt vorliegt. Matthias Amberger lebt mit seiner Lebensgefährtin etwas außerhalb von Frankfurt am Main.
Für Michaela
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Ich sitze im Zug nach Frankfurt am Main. Die Landschaft zieht am Fenster vorbei. Äcker, Wälder, Städte. Der Sitzplatz neben mir ist nicht besetzt. Trotzdem fühle ich mich eingeengt. Wenig Platz für die Beine. Ich habe mich damit abgefunden und bin in Gedanken.
Es sind Fetzen, Bruchstücke, die aufkommen, mich kurz beschäftigen und dann abgelöst werden von einer neuen Assoziation. Gedanken kommen und gehen. Ständig. Ähnlich, wie die Landschaft am Fenster vorbeizieht. Nur bin ich kein unbeteiligter Beobachter. Ich bin verfangen im Gestrüpp des Denkens. Meine Stimmung ist gedrückt.
Ein paar Plätze weiter quengelt ein kleines Kind. Das nervt. Die Mutter versucht es zu beruhigen, was nicht gelingt. Eine ältere Dame schaltet sich in das Geschehen ein und spricht freundlich lächelnd auf den Jungen ein.
»Musst doch nicht weinen.«
»Wie heißt er denn?«, fragt sie die Mutter.
Es entwickelt sich ein Gespräch. Ich sehe wieder aus dem Fenster. Ich bin 38 Jahre alt. Es geht mir nicht gut. Es mag Menschen geben, denen das Leben leichtfällt. Bei mir ist das nicht so. Das lässt sich nicht mehr ändern. Daran zu glauben, dass es einfacher wird - dafür bin ich zu alt.
Das kleine Kind ein paar Plätze weiter schreit seit einigen Minuten. Mich verwundert, wie kraftvoll und mit welcher Vehemenz es seinen Missmut zum Ausdruck bringt. Kleine Kinder sind wahnsinnig, bis sie erzogen sind.
Es ist zwanzig Minuten vor 11 Uhr. Es ist ein Dienstag im Frühling. Ich bin seit gut zwei Stunden unterwegs. In einer halben Stunde müssten wir Karlsruhe erreichen. Da muss ich umsteigen. Ich habe Lust auf ein Bier. Das macht den Tag leichter. Eigentlich kann ich mir das nicht erlauben. Morgens zu trinken. Arbeit und Pflichten verbieten es. Aber jetzt habe ich Urlaub. Vierzehn Tage. Und ich bin auf einer Reise.
Ich stehe auf und gehe den Gang runter in den Speisewagen. Als ich an der Toilette vorbeilaufe, bekomme ich Lust auf eine Zigarette. Im Bahnhof in Karlsruhe ist ein Raucherbereich.
Das Bordbistro. Es ist nicht viel Betrieb. Vereinzelt stehen und sitzen da ein paar Passagiere. Das Bier ist kalt und gut. Zwei Tische weiter sitzt ein Mann. Ich schätze, er ist in meinem Alter. Er trägt einen braunen Anzug und wirkt gut situiert. Er liest Zeitung und hat seine Beine übereinandergeschlagen. In der rechten Hand hält er eine Pfeife. Er hält sie wahrscheinlich aus Gewohnheit in der Hand. Dieser Mann wirkt ziemlich arrogant auf mich. Er ist mir nicht sonderlich sympathisch, aber ich muss immer wieder zu ihm rüber sehen. Er macht mich neugierig.
Sein Handy klingelt, er geht ran, sagt seinen Namen und schweigt dann. Er hört seinem Gesprächspartner zu und lächelt dabei. Ich sehe aus dem Fenster und versuche, ihn zu ignorieren. Es will mir nicht gelingen. Er faltet während des einseitigen Gesprächs seine Zeitung zusammen. Irgendwann sagt er etwas, wie: »Der Mensch muss streben, das war schon immer so. Nur das Streben führt zur Erlösung.«
Dieser Satz macht mich stutzig. Was für ein seltsames Gespräch! Ich überlege, was sein Gesprächspartner gesagt haben muss, dass es zu so einer Antwort kommt. Ich kann mir nichts vorstellen. Der Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen, aber er will mir nicht aus dem Kopf gehen.
Ich sehe auf die Uhr. Wir müssten bald in Karlsruhe ankommen. Mein Bier ist noch halb voll. Ich trinke es in einem Zug aus und gehe zurück zu meinem Platz. An der Toilette vorbei. Die Lust auf eine Zigarette ist größer geworden. Jacke an, Rucksack auf den Rücken. Der Zug wird langsamer und kommt bald zum Stehen. Ich lächle kurz der jungen Mutter mit dem schreienden Kind zu und steige aus.
Den Bahnhof kenne ich von früher. Ich überlege, was sich verändert hat. Aber aus meinen blassen Erinnerungen lässt sich kein Vergleich zu heute anstellen. Der Zug nach Frankfurt hat Verspätung. Ich rauche eine zweite Zigarette und denke an den Mann mit der Pfeife aus dem Bordbistro. Streben führt also zur Erlösung? Ich bin nicht einverstanden.
Mein Zug kommt. Die Hoffnung auf einen ruhigen, abseitigen Sitzplatz zerschlägt sich. Es ist voll. Ich ergattere einen Platz neben einer jungen Frau, die Kopfhörer aufhat und auf ihr Handy starrt. Wieder die engen Sitze. In zwei Stunden bin ich in Frankfurt.
Streben führt zur Erlösung. Meine Erfahrung ist eine andere. Ich strebe und kämpfe mich durch dieses Leben, seit ich denken kann. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Von Erlösung keine Spur. Es gibt keine Erlösung. Es geht einfach immer weiter. Und alle sinnstiftende Hoffnung ist eine blanke Lüge.
Wo hat mich mein Streben hingeführt? In eine immer kleiner werdende Welt. Eine Welt aus zerbrochenen Träumen, eine Welt aus Kompromissen und Grenzen.
Mein Kiefer verkrampft, weil ich die Zähne aufeinanderbeiße. Ich massiere mit der Hand das Kinn. Die junge Frau mit ihren Kopfhörern und den aschblonden Haaren sieht zu mir rüber.
Der Zug fährt in Frankfurt ein. Vom Gleis laufe ich in die Bahnhofshalle. Viel Betrieb. Schlangen vor den Imbissständen. Menschenmassen wabern und schieben sich durch die Halle. Geschäftiges Treiben. Hier ist niemand langsam. Hier wollen alle möglichst schnell von A nach B. Hier wollen alle möglichst schnell wieder weg.
Ich greife in die Hosentasche und spüre den Schlüssel, den mir Bernd geschickt hat. Es ist der Schlüssel zu seiner Wohnung. Die Adresse habe ich auch. Aber wie ich dort hinkomme, weiß ich nicht. Es ist lange her, dass ich in Frankfurt gelebt habe. Ich bin überfordert, ich bekomme Angst und ich stehe unschlüssig und deplatziert da. Um mich herum ist alles so hektisch und selbstverständlich. Ich höre meinen Herzschlag im rechten Ohr. Ein Passant rempelt mich an. Im Vorbeigehen dreht er sich zu mir um.
Leise sage ich: »Entschuldigung«.
Immer wenn die Angst kommt, stelle ich mir einen alten haarigen Affen vor, der dann auf meiner Schulter sitzt. Gefühle und Gedanken sind schlagartig verändert. Sie werden bösartig und kränkend. Mein Denken peitscht wie rasend davon.
»Komm Junge, es ist nur Angst.« Das sage ich mir und ich nehme die Angst an. Das macht sie schwächer. Gegen die Angst anzukämpfen, führt zu nichts. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Die ist schnell und flach.
»Ruhig Junge, ruhig.« Ich reibe mir mit der flachen Hand die Brust. Versuche langsam zu atmen. Das Pochen im Ohr wird lauter und schneller. Ich spüre mein Herz im Brustkorb schlagen. Ich sehe an mir herunter, greife nach dem Rucksack.
»Ruhig, ruhig.« Mir wird schwindlig. »Jetzt nur nicht zusammenklappen.«
Neben einem Fahrkartenautomaten gewinne ich wieder an Fassung. Die Angst nimmt ab. Sie weitet sich nicht zur Panik aus. Das spüre ich und das beruhigt mich. Meine Atmung normalisiert sich. Das Pochen im Ohr wird langsamer und leiser.
Ich verlasse die Bahnhofshalle und das Gedränge. Auf dem Bahnhofsvorplatz setze ich mich auf eine Bank. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und da sind unheimlich viele Tauben. Angst ist anstrengend. Es dauert, bis eine Attacke abklingt.
Ich strecke die Beine weit von mir und nehme einen Schluck Wasser. Meine Hände sind zittrig. Ich halte die Wasserflasche mit beiden Händen.
Nach einer Weile lade ich mir die Straßenbahn App aufs Handy. Es ist nicht schwierig, eine Verbindung zu Bernds Wohnung zu finden. Die liegt im Gallusviertel. Das hatte Bernd gesagt. Es ist nicht weit von hier. Ein paar Stationen mit der Straßenbahn.
Bernd wohnt in einem riesigen, heruntergekommenen Gebäudekomplex. Gegenüber liegt eine Trinkhalle. Da stehen einige Männer und trinken Bier. Der Aufzug ist kaputt. Ich muss die Treppe nehmen. In den vierten Stock.
Bernd kommt nächste Woche wieder. Ich freue mich darauf, ihn zu sehen, aber jetzt bin ich erst einmal allein. Beim Aufschließen der Wohnungstür mache ich mir Gedanken, wie die Wohnung wohl aussehen wird. Bernd hatte nie Wert gelegt auf ein wohnliches Zuhause.
Während ich den Schlüssel im Schloss drehe, wird die Tür von innen aufgezogen. Eine junge Frau steht mir gegenüber. Sie trägt eine Jeans und eine schwarze Bluse. Sie zieht gerade einen Mantel über.
»Sie sind wohl an der falschen Tür«, sagt sie bestimmt.
»Ach so, nein. Ist das die Wohnung von Bernd Haller?«
»Das ist die Wohnung von Bernd Haller und Susanne Klotz. Das bin ich.«
»Oh«, sage ich irritiert.
Die junge Frau, sie ist vielleicht Anfang zwanzig, mustert mich. Sie wirkt entnervt und gestresst.
»Bernd ist nicht da.«
»Ja, das weiß ich. Er hat mir den Schlüssel gegeben.«
»Unmöglich, echt!«
Susanne greift an die Hosentasche, zieht einen Schlüsselbund hervor, betrachtet ihn, um ihn dann zurückzustecken.
»Bernd hat kein Wort gesagt, dass da jemand kommt. Unmöglich, echt.«
»Ja, ich weiß auch nicht. Ich dachte, er lebt allein.«
Susanne nimmt ihre Tasche vom Boden und hängt sie um. Sie macht den Reißverschluss auf, sieht hinein, kramt in der Tasche herum und macht den Reißverschluss wieder zu.
»Pass auf. Wir haben hier eine klare Trennung. Mein Zimmer ist tabu. Für die Küche bin ich zuständig. Wenn du da kochst, wird das bitte weggeräumt. Ich will das nicht zweimal sagen. Die unteren zwei Fächer im Kühlschrank sind von Bernd. Der Rest ist meins. Das ist tabu. Sind wir uns einig?«
Susanne hat Durchsetzungsvermögen. Ich bin verlegen.
»Okay, alles klar. Dann weiß ich Bescheid.«
»Und im Bad wird auch keine Sauerei gemacht.«
Susanne zieht den Reißverschluss der Tasche ein zweites Mal auf, sieht hinein und zieht den Reißverschluss wieder zu.
»Gut, ich muss los. Grüße an Bernd, wenn ihr sprecht. Das ist echt mal wieder unmöglich.«
Sie drängt sich an mir vorbei und huscht die Treppe runter. Ich schließe die Wohnungstür und drücke auf den Lichtschalter. Es riecht gut in der Wohnung. Die Tür zum Badezimmer ist auf. Es riecht nach Shampoo und Parfum. Im Badezimmer ist es ordentlich. Da stehen viele Kosmetikfläschchen und Hygieneartikel. Ich überfliege die Szenerie und als ich bemerke, dass es hier keinen Hinweis auf Bernd gibt, muss ich schmunzeln.
Die Küche ist ebenfalls sauber und aufgeräumt. Kein Hinweis auf Bernd. Ich mache den Kühlschrank auf. Da sind Obst und Gemüse und ein paar Verpackungen. Alles fein säuberlich eingeräumt.
In den unteren zwei Fächern, den Fächern von Bernd, liegt fast nichts. Ein angebrochenes Marmeladenglas und ein braun öliger Plastikbeutel, von dem ich nicht wissen will, was da drin ist. Eine Dose Heringe in Tomatensauce ist da noch. Das Grün an der hinteren Fachwand ist vermutlich Schimmel.
Das Zimmer von Susanne ist nicht abgeschlossen. Es erinnert mich an ein Büro. Ein großer Schreibtisch, viele Ordner und Akten. PC und Drucker. Ein großes Regal mit Büchern. Drei Zimmerpflanzen mit grünen Blättern. Im hinteren Teil des Zimmers ein breites Bett und ein großer Fernseher. Auf dem Bett liegen ein paar Stofftiere. Ich sehe mir das Bücherregal an. Hauptsächlich wissenschaftliche Fachliteratur. Psychologie. Viel in Englisch. Ich stoße mit der Hüfte gegen den Schreibtischstuhl und fühle mich ertappt. Wie ein Einbrecher.
Bernds Zimmer hat einen deutlich anderen Stil. An der einen Wand stehen eine Menge Kartons, in denen anscheinend unberührt Bernds Habseligkeiten verpackt sind. Zwei Holzpaletten mit einer Matratze darauf bilden das Bett. Ein kleiner Holztisch steht am Fenster. Vor dem PC-Monitor türmen sich gebrauchte Pfannen, Teller und ein paar volle Aschenbecher. Bernd hat nicht aufgeräumt, bevor er gefahren ist. Da ist ein Holzschrank ohne Türen mit Klamotten darin und ein breiter zerschlissener Ledersessel.
So hat Bernd auch gehaust, als wir zusammengelebt haben. Hier in Frankfurt. Während des Studiums in der WG. Ich drehe die Heizung auf, nehme mir ein Bier aus dem halbleeren Kasten und setze mich in den Sessel. Der ist bequem und das Bier schmeckt frisch und herb. Es ist nicht zu warm. Ich rauche ein paar Zigaretten. Ich habe schließlich Urlaub.
Mein Handy surrt. Eine Nachricht von Wolfgang. Er fragt kurz, ob es bei dem Treffen übermorgen bleibt. Ich antworte ebenfalls kurz, dass ich schon in Frankfurt bin und dann, wie abgemacht, Donnerstagmorgen zu ihm komme. Er schickt mir seine Adresse.
Dann überlege ich, was ich mit dem Rest des Tages anfange. Ich bin müde, bis hier war es anstrengend. Ich bin ausgelaugt von den letzten Wochen und Monaten. Erschöpfung und Entkräftung sind meine ständigen Begleiter. Ich weiß nicht mehr, wie lange schon.
Bald wird es dunkel. In der Küche liegt eine Einkaufstasche aus Stoff. Die nehme ich und schließe die Wohnungstür hinter mir ab. Die Treppen runter. Vier Stockwerke. Die Trinkhalle auf der anderen Straßenseite ist gut besucht.
Ich sehe mir auf dem Handy die Wegbeschreibung zum nächsten Supermarkt an. Auf dem Weg dorthin denke ich darüber nach, was ich heute Abend essen will. Ich könnte mir in der Küche eine Kleinigkeit kochen. Der Supermarkt ist ein gutes Stück weg.
Mit dem sperrigen Einkaufswagen durch die Regale. Der Markt ist voll. An den zwei Kassen sind lange Schlangen. Ich habe alle Lust verloren am Einkaufen. Ich denke an die zwanzig Minuten Fußweg zurück. Unmotiviert stoße ich mit dem Einkaufswagen ständig an das Kühlregal. Der Wagen hat irgendwie einen Linksdrall. Ich zwänge mich an der Kasse vorbei zum Ausgang und stelle den Einkaufswagen ab.
Vor dem Supermarkt ist direkt die Straßenbahnhaltestelle. Zehn Minuten bis zur nächsten Bahn in die Innenstadt. Nach kurzem Überlegen entledige ich mich der Einkaufstasche aus Stoff. Ich werfe sie in den Mülleimer. Dann warte ich auf die Bahn.
Der Messeturm ragt wie ein großer Bleistift in den rötlichen Abendhimmel. Am Hauptbahnhof muss ich umsteigen. Dabei sehe ich die rote, grüne und orangene Leuchtreklame des Rotlichtviertels. Ich gehe in die entgegengesetzte Richtung, hin zum Bahnhofsgebäude.
Hier, vor dem Bahnhofsgebäude, saß ich vor ein paar Stunden auf der Bank. Zittrig und ängstlich. Die Angstattacke scheint fern und unwirklich.
Die S-Bahn fährt alle paar Minuten. Unter der Erde, im S-Bahn-Tunnel, durchquere ich die Innenstadt Frankfurts. Von Westen nach Osten. Ich steige aus und laufe ein paar Schritte durch die Altstadt von Sachsenhausen.
Eine schöne, traditionsreiche Wohngegend. Altbauwohnungen und Grünflächen. Belebte Straßen. Ein Ausgehviertel, das jetzt langsam mit der Dunkelheit wach wird. Wenn die Nacht kommt, treibt es die Leute in die Apfelweinstuben und Kneipen und Kinos.
Die Leute sind gesellig und entspannt. Das bin ich nicht, ich fühle mich nervös, ob der vielen Eindrücke. Ich fühle mich aufgewühlt und fahrig. Ich habe heute kaum etwas gegessen. Hunger habe ich nicht.
In einem urigen Restaurant bestelle ich mir ein Bier und eine Haxe mit Bratkartoffeln. Das Bier macht mich nicht ruhiger. Die Wirtschaft füllt sich weiter. Da wird erzählt und gelacht. Es ist laut. Da wird gegessen und getrunken. Und dann bin da ich. Blass und schlapp und angeschlagen. Weit weg von allem heiteren Beisammensein. Weit weg von tröstender Gesellschaft.
Die Kellnerin schwatzt mit den Gästen. Mir stellt sie nur den Teller hin und sagt:
»Guten Appetit.«
Ich zerkleinere mit dem Messer das Fleisch. Esse ein paar Bratkartoffeln. Es ist mir peinlich, dass ich keinen Appetit habe. Ich sehe nicht vom Teller auf. Versuche das rege Treiben um mich herum auszublenden. Es gelingt mir nicht. Das Schlucken fällt schwer.
»Gut«, sage ich mir, »dann ist das jetzt so.«
Ich kann es nicht ändern, aber ich kann versuchen meine Sichtweise darauf zu ändern. Wenn ich mich nicht gut fühle, dann fühle ich mich eben anders.
Diese Gedanken sind jetzt gut. Ich lege das Besteck hin und winke der Bedienung zu, ob sie mir das bitte einpacken könne. Sie ist freundlich, lacht mich an, als sie »Natürlich« sagt. Ich warte auf die Rechnung und verlasse die Wirtschaft und das Viertel.
In der S-Bahn, die wieder durch den unterirdischen Tunnel rast, sehe ich aus dem Fenster und sehe nur mich, weil sich die Scheiben in der Dunkelheit spiegeln.
Der Weg zur Wohnung ist anstrengend. Dann die vier Stockwerke nach oben. Ich gehe in Bernds Zimmer. Von Susanne ist weit und breit nichts zu sehen. Wahrscheinlich sitzt sie mit irgendwelchen Kommilitonen in einer Bar und ist sehr ausgelassen.
Ich mache mir ein Bier auf und setzte mich in den Ledersessel, den ich inzwischen zu schätzen weiß. Ich bin müde. Ich fühle mich einsam und allein. Ein Gefühl, das keiner haben will. Ich bin, hier in diesem stillen Zimmer, nicht mehr unruhig und nervös. Aber ich bin isoliert und fühle mich leer. Ich fühle mich unbeteiligt, mir selbst gegenüber.
Ich versuche mir den Satz, den ich heute Morgen aufgeschnappt habe, ins Gedächtnis zu rufen.
Streben bringt Erlösung. Ich bin nicht einverstanden. Aber der Versuch, mir Gedanken darüber zu machen, führt zu nichts. Die Bierflasche kippt mir aus der Hand. Das Bier läuft aus und es bildet sich ein feuchter Fleck auf meiner Hose. Ich trinke den Rest des Bieres aus und dämmere, im Sessel sitzend, weg.
Ich schlafe unruhig. Wache häufig auf, mehrmals in der Stunde. Bin dann wach, bis ich wieder einnicke, um kurz darauf wieder hochzuschrecken. Ich träume wirr und zusammenhanglos.
Als ich aufstehe, ist es noch dunkel draußen. Kurz nach sechs Uhr. Ich gehe unter die Dusche, rasiere mich dann und putze die Zähne. Ich ziehe eine frische Hose an und setze mich in die Küche. Ich koche Kaffee. Die Maschine röhrt, da kommt Susanne ins Zimmer.
»Jetzt bin ich auch wach! In dieser Wohnung hört man jeden Schritt. Und die Küchentür bitte zu, wenn die Kaffeemaschine läuft. Danke.«
Susanne verschwindet im Bad. Ich gieße mir einen Kaffee ein. Im Kühlschrank steht ein Tetrapak Milch. Aber in Susannes Fach. Ich trinke den Kaffee lieber schwarz.
Wolfgang hat nachts geschrieben. Er fragt, ob ich am Donnerstag Lust auf einen Spaziergang habe.
»Klar«, schreibe ich zurück, ohne weiter darüber nachzudenken.
Nach einer Weile kommt Susanne aus dem Bad. Sie hat nasse Haare und hält ein Handtuch in der Hand.
»Hast du das benutzt?«
»Ja, schon«, erwidere ich.
»Ich habe vergessen eins einzupacken und dachte, ich nehme das von Bernd.«
»Das Handtuch ist rosa«, sagt Susanne ungläubig.
»Glaubst du, Bernd hat rosa Handtücher?«
»Es ist ein Handtuch von dir?«, frage ich.
»Unmöglich«, schimpft Susanne, während sie wieder ins Bad geht.
Ich bleibe irritiert zurück. Sie sieht adrett aus, mit den Jeans und dem dunklen Oberteil und den nassen Haaren. Ich bin ein wenig eingeschüchtert von ihrer Art und ihrem Auftreten. Sie macht mich unsicher. Ich höre den Föhn im Badezimmer rauschen, während ich den Kaffee trinke.
Ich bin hungrig. Gestern habe ich kaum etwas gegessen. Ich überlege kurz, ob es an der Trinkhalle um diese Uhrzeit belegte Brötchen gibt. Aber im Kühlschrank liegt noch das Essen von gestern Abend. Ich bin zu faul es warm zu machen und esse hastig.
Es wäre nicht so gut, wenn mich Susanne dabei ertappt, wie ich morgens um sieben Uhr kalte Haxe mit kalten Bratkartoffeln esse. Ich will ihr keine Angriffsfläche bieten. Aber der Föhn im Badezimmer rauscht weiter. Susanne hat lange Haare, denke ich mir, als ich die Wohnungstür hinter mir schließe.
Wieder in die Straßenbahn. Es ist voll. Männer in Anzügen und mit Aktentaschen. Frauen in Kleidern oder Hosenanzügen. Auch mit Aktentaschen. Die Leute wollen zur Arbeit. Menschen sehen morgens anders aus als abends. Die Gesichtszüge wirken angespannter. Sie werden den Anforderungen des kommenden, langen Tages gerecht. Die Leute sind bei sich, jeder für sich allein.
Irgendwo steige ich aus. Erst kaufe ich mir Zigaretten, dann gehe ich in ein kleines Café. Hunger habe ich keinen mehr. Aber ich trinke einen Espresso.
Ich fühle mich gerädert von der letzten Nacht. Die erste Nacht in einer neuen Umgebung ist nie gut. Jetzt geht es darum, den Tag trotzdem zu gestalten.
Ich bestelle mir einen zweiten Espresso. Diesmal einen doppelten. Was kommt da auf mich zu? In den nächsten Tagen? Hier in Frankfurt? Ich habe diesen Urlaub geplant, habe mich mit Freunden verabredet, die ich seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir hatten sporadisch Kontakt. Der Gedanke an diese Treffen macht mich nervös, aber auch neugierig.
Und ich denke an Bea. Werde ich sie wiedersehen? Wie wird das sein? Es ist alles zu lange her. Irgendwie fühlt es sich falsch an, jetzt hier zu sein. Aber Gefühlen kann man nicht immer trauen.
Ausserdem werde ich zur Uni fahren. Davor habe ich Angst. Aber da kenne ich zumindest den Grund.
Ich zahle und streife durch die Stadt. Eine fremde Stadt erkundet man am besten zu Fuß. Frankfurt war mir so vertraut, als ich hier gelebt habe. Jetzt fühle ich mich fremd. Ich fühle mich abgestoßen von diesem Untier einer Stadt. Frankfurt wirkt auf mich abscheuerregend. Die Häuserschluchten, die Bankentürme, der Dreck. Ich finde mich nicht zurecht. Ein eigenartiges und befremdliches Gefühl.
Es ist zu früh für den Heimweg. Lustlos laufe ich weiter durch die Einkaufsmeile Frankfurts. Hier fahren keine Autos, es ist eine breite Fußgängerzone, in der sich Geschäft an Geschäft reiht.
Hier ist unheimlich viel los. Mittwochnachmittag, die Leute haben Feierabend. Ein Strom aus Menschen fließt die Straße runter. Die Menschen haben Einkaufstaschen in den Händen und unter den Armen.
Ich fühle mich erinnert an die Bahnhofshalle, gestern bei meiner Ankunft in Frankfurt. Da war auch so ein Gedränge. Aber ich habe keine Angst, so wie gestern. Vielmehr spüre ich einen Unwillen und ein Unbehagen der ganzen Situation gegenüber. Ich fühle mich fast angeekelt von diesem Schauspiel der sich bewegenden Menschenmenge.
Wie Ameisen wuseln die Leute durch die Fußgängerzone. Wie Bienen, nur dass sie nicht für eine Königin da sind, sondern für sich. Das Geschiebe, das Gedränge, es ist mir in diesem Moment zuwider.
Ich setze mich für ein paar Minuten auf eine Bank. Mir kommt wieder der Mann mit der Pfeife in den Sinn. Der aus dem Bordbistro. Er hat gesagt, dass der Mensch streben muss und dass ihn das Streben zur Erlösung führt. Diese kurze Rede will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich denke darüber nach.
Ich bin mir sicher, dass das nichts als ein schlechter Witz ist, und ich spüre, dass ich keine Lust mehr habe auf das Spiel des Strebens und die Hoffnung auf Erlösung. Streben mag eine clevere Antwort auf den Irrwitz des Daseins sein. Eine einfache Formel, die den Sinn des Lebens greifbar macht. Die alles erklärt.
Aber es ist doch ein Ammenmärchen, dass alles gut ist, sobald man sich nur Mühe gibt und es versucht. Ein Hirngespinst, ein Erklärungsversuch, der heilsam sein mag. Aber nicht wahr.
Nein, ich will nicht mehr. Ich stand in meinem Leben nie in einem besonders guten Verhältnis zur Welt und zu mir. Ich habe Außen- und Innenwelt als konflikthaft empfunden. Ich gehe auf die vierzig zu, die Zeit, in der man im Leben angekommen sein sollte. So wie ich jetzt hier sitze, fühle ich mich nirgendwo angekommen. Weder in meinem Selbst noch in dieser Welt. Und ich glaube nicht mehr daran, dass sich das ändern wird.
Was wäre verloren, wenn ich einfach aufhöre. Aufhöre zu streben und zu wollen. Wenn ich alle Aussicht und Hoffnung begrübe. Würde ich damit nicht alles verlieren? Ist es nicht eine Art Bankrotterklärung auf halber Strecke? Vielleicht. Aber was würde ich verlieren? Ein Leben, das nicht allzu viel hergibt, das nicht allzu viel Sinn macht. Wahrscheinlich ist es besser, nicht darüber nachzudenken.
Ich habe genug von dem fiebrigen, zuckenden Menschenauflauf. Ich habe genug von Frankfurt und nehme die Bahn zurück in meine Unterkunft. Es ist Abend und ich kaufe mir an der Trinkhalle gegenüber ein paar Bier. Da stehen sie und trinken stoisch. Die stehen da vermutlich immer.
Dann quäle ich mich die vier Stockwerke bis in Bernds Wohnung hoch. Ich sehe kurz in Susannes Zimmer. Sie ist nicht da und ich setze mich wieder in den zerschlissenen Ledersessel. Es ist dunkel, aber ich mache das Licht nicht an. Die Glut meiner Zigarette leuchtet rot in der Dunkelheit. Ich achte darauf, das Bier nicht zu verschütten.
Donnerstagmorgen. Ich bin früh wach, draußen wird es gerade hell. Meine Verfassung ist gut. Ich nehme mir aus dem Kleiderschrank ein Handtuch und gehe in Boxershorts und T-Shirt auf dem Weg ins Bad an der Küche vorbei. Susanne sitzt am Küchentisch, liest Zeitung und trinkt Kaffee.
»Guten Morgen«, sage ich knapp.
»Guten Morgen«, erwidert Susanne.
Ich stehe etwas unschlüssig in der Küchentür. Susanne mustert mich.
»Gott, siehst du scheiße aus«, sagt Susanne.
»Dankeschön«, denke ich mir. Ich frage: »Auch schon wach?«
Susanne zieht die Augenbrauen hoch, während sie auf ihre Kaffeetasse starrt.
»Natürlich. Von nichts kommt nichts.«
»Natürlich«, erwidere ich und gehe ins Bad.
Ich frage mich, wie Bernd mit ihr klar kommt. Er war nie sehr konfliktscheu und das ist Susanne auch nicht. Eine gelungene Kombination, denke ich mir und diese Überlegung heitert mich auf. Ich habe mich eben ganz gut geschlagen. Susanne hat kein Wort mehr zum Handtuch verloren.
Ich dusche und ziehe mich an. Beim Zähneputzen kommt Zahnpasta auf den Pullover. Mit Wasser wasche ich den Fleck aus. In der Küche sitzt immer noch Susanne. Ich frage, ob ich mir eine Tasse Kaffee nehmen kann.
»Tu dir keinen Zwang an«, antwortet sie kurz.
Ich trinke den Kaffee lieber wieder schwarz und setze mich besser nicht zu Susanne an den Küchentisch.
Susanne fragt mich: »Sag mal, hier lag doch immer eine grüne Stofftasche. Hast du die gesehen?«
»Grüne Stofftasche? Weiß ich gerade gar nicht.«
»Was heißt, weißt du nicht? Hast du sie gesehen oder nicht?«
»Ich glaube nicht, nein«, entgegne ich kurz und gehe in Bernds Zimmer.
Ich setze mich in den zerschlissenen Ledersessel und trinke den Kaffee.
In zwei Stunden bin ich mit Wolfgang verabredet. Er wohnt etwas außerhalb, aber es gibt eine direkte Straßenbahnverbindung dorthin. Ich sitze noch einige Minuten in Bernds Zimmer. Ich höre, wie in der Küche das Wasser läuft. Susanne spült vermutlich ab. Auf Bernds Schreibtisch türmen sich immer noch Teller, Pfannen und volle Aschenbecher.
Ich ziehe keine Jacke an, dafür wird es heute zu warm, und mache mich auf den Weg. Dann kann ich unterwegs etwas essen. In der Straßenbahn sitzend sehe ich aus dem Fenster.
Ich bin nervös. Wolfgang habe ich gute zehn Jahre nicht mehr gesehen. Seit dem Studium. Hat er sich verändert? Schwer vorstellbar. Wolfgang war ein eigenwilliger Sonderling. Wie wir alle. Aber ihm hat man es sofort angesehen. Er trug ausschließlich schwarze Kleidung. Zu jeder Jahreszeit. Einen schwarzen Mantel, schwere, schwarze Stiefel und Pullover mit Musikband Aufdrucken. Er hörte harten, brutalen Metal. Eine Musikrichtung, die mir nie gefallen hat. Insgesamt war er ein umgänglicher Kerl.
Wolfgang trank Unmengen an Bier und das eigentlich immer. Überhaupt war er immer da, auch wenn er nicht in der WG gelebt hat. Er hatte einen Sandwichmaker in unserer Wohnung deponiert und wir aßen häufig Sandwiches mit Käse und Salami.
Wolfgang hatte vierzig Kilo zu viel auf den Rippen und ich hatte den Eindruck, dass es immer mehr wurde. Außerdem ließ seine Körperhygiene zu wünschen übrig. Er hatte stets fettige Haare und ab und zu roch er streng. Er hatte eine zurückhaltende, ruhige Art. Irgendwann nach dem zehnten Bier wurde er dann ausfallend, was zur allgemeinen Belustigung beitrug. Ein Sonderling. Wie wir alle.
Google Maps führt mich von der Straßenbahnstation zu seiner Adresse. Ich komme an einer Bäckerei vorbei und kaufe mir einen Kaffee und ein Brötchen. Ich bitte die Kassiererin, mir viel Milch in den Kaffee zu schenken. Endlich wieder ein Kaffee mit Milch. Für ein paar Minuten setze ich mich in die Sonne und esse das Brötchen.
Wolfgang wohnt in einem großen Mehrfamilienhaus. Ich zähle vier Stockwerke und hoffe, dass er im Erdgeschoss wohnt. Direkt neben dem Haus ist ein Elektrogeschäft.
Ich klingle bei ihm. Kein Türsummer. Ich klingle ein zweites Mal. Wieder nichts. Dann sehe ich auf meine Uhr. Kurz bekomme ich einen Schreck. Liege ich richtig? Sind wir jetzt verabredet? Es ist zehn Uhr morgens am Donnerstag, den 26. April. Ich liege richtig und ich schreibe Wolfgang eine kurze Nachricht, dass ich vor seiner Tür stehe.
Dann sehe ich mir das Schaufenster des Elektrogeschäftes an. Mein Handy surrt. Es ist Wolfgang.
Fünf Minuten, schreibt er.
Ich zünde mir eine Zigarette an und warte. Ein paar Minuten später hält Wolfgang mit seinem Fahrrad direkt vor mir. Er grinst mich an.
»Rauchen ist ungesund. Ich habe längst aufgehört. Kann ich nur empfehlen.«
Würde ich jetzt nicht vor seiner Wohnung stehen und auf ihn warten, ich hätte ihn nicht erkannt. Er hat kurze Haare, der Schweiß läuft ihm über das Gesicht. Er hat kräftige Oberarme und Waden. Wolfgang trägt ein knallbuntes Oberteil und eine enge Radlerhose. Er trinkt einen Schluck aus der Radsporttrinkflasche. Wolfgang ist schlank und durchtrainiert.
»Fünfzehn Kilometer runtergestrampelt! Und das vor dem Frühstück«, sagt er, während er mich in den Arm nimmt. Er ist nass und klebrig vom Schweiß.
»Komm rein, mein Freund«, grinst er mich an und schließt die Tür auf. Er schultert sein Rad, als wäre es federleicht.
»Wir müssen in den vierten Stock. Ich wohne direkt unterm Dach.«
»Aja«, entgegne ich gehemmt. »Wie bei Bernd, der wohnt auch im vierten Stock und der Aufzug ist kaputt.«
»Aufzug haben wir hier keinen. Da muss man sportlich ran gehen.«
»Das dürfte für dich ja kein Problem sein«, sage ich und bin froh, etwas Humor bewiesen zu haben.
Die Wohnung ist ordentlich und lichtdurchflutet.
»Ich springe kurz unter die Dusche. Bin gleich bei dir. Mach es dir bequem.«
Wolfgang hängt sein Fahrrad an einer Halterung an der Wand auf und verschwindet im Bad. Ich setze mich in der offenen Küche an den Tisch und kämpfe darum, meinem Erstaunen und der Verblüffung Herr zu werden.
»Jetzt erstmal Frühstück. Hast du Hunger?«, fragt er.
»Hält sich in Grenzen. Hab gerade ein Brötchen gegessen«, entgegne ich.
»Ein Brötchen? Das ist doch mehr was für den hohlen Zahn. Ich mache uns einen Joghurt mit Früchten und Nüssen. Musst du probieren. Das gibt Energie für den ganzen Tag. Naja, für den halben.«
Wolfgang wäscht Weintrauben, einen Apfel und Blaubeeren in der Spüle. Er stellt mir ein Brettchen mit den Früchten hin.
»Klein schneiden.«
Ich mache das, er zerkleinert so lange einen Berg Walnüsse und bestreut einen Biojoghurt damit. Er stellt mir ein Glas Orangensaft hin und mixt sich eine gelbliche Flüssigkeit aus Pulver und stillem Wasser. Wir frühstücken.
»Das ist ein Proteinshake. Macht satt und gibt Energie.«
»Du hast abgenommen«, sage ich trocken.
»Richtig, das sieht man, oder?«, erwidert er ebenfalls trocken.
