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Die gesammelten Erzählungen "Urwaldblüten" sind das Konzentrat aus einer grossen Anzahl an Notizen und Eindrücken, welche der Autor anlässlich verschiedener Reisen und Aufenthalte nach und in Guatemala festgehalten hat. Der Ablauf der geschilderten Begebenheiten ist nicht chronologisch. Deren Zeitrahmen umfasst die Spanne von 1977 bis 1997.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Bananen, Mayas und Vulkane
Pech und Pannen
Begegnung im Bus
La Rubia
De profundis, domine
Arsch der Welt
Terremoto
Guerilleros
Ai, mi hijos
El matador
Vecinos (Nachbarn)
El barranco
La mordida
El Brujo
Kunst und was dafür gilt
Kulinarische Genüsse
Zum Pazifik
Impressum
Wer Guatemala sagt, denkt dabei meist in traditionellen Touristenclichés. Etwa an den prächtig blauen Lago Atitlan, an den malerischen Indianermarkt von Chichicastenango, an unendlich weite, mit schnurgerade ausgerichteten Reihen von Bananenbäumen bestandene Bananenplantagen. Vielleicht auch noch an die auf den Übcrlandstrassen allgegenwärtigen, unergründlich blickenden, Indios mit schweren Kopflastcn, die ihre Waren im Hundetrab über Duttende von Kilometer in die Stadt zu Markte tragen. Doch hinter diesen malerischen Fotosujels verbirgt sich eine echte Tragödie, eine Kulturkatastrophe, die seit beiläufig vier Jahrhunderten andauert und verantwortlich dafür ist, dass dieses schöne und fruchtbare Land, potentiell das reichste Mittelamerikas, bis jetzt nicht zur Ruhe und auf keinen grünen Zweig gekommen ist.
Guatemala ist, bei ungefähr gleicher Einwohnerzahl, etwas mehr als doppelt so gross wie die Schweiz. Es gilt allgemein als das landschaftlich schönste Land Zentralamerikas, und wer in gewissen Gegenden des Altiplano von hoher Warte über bestellte Äcker und wogende Weizenfelder hinwegblickt, könnte sich an die Schweiz des Juras erinnert fühlen. Doch im Gegensatz zu unserem Land, das auf zwei Jahrhunderte friedlicher, auch von der Natur nicht gestörter, Entwicklung zurückblicken kann, hat Guatemala eine fast ununterbrochene Reihe natur- oder menschengemachter Desaster hinter sich. Schon die erste Hauptstadt Guatemalas fiel bei einem Erdbeben in Schutt und Asche. Die zweite Hauptstadt — Antigua — fiel 1773 ebenfalls einem Erdbeben zum Opfer. Und Nueva Guatemala, die heutige Hauptstadt, erlebte 1976 schon zum drittenmal nach 1874 und 1918 die Schrecken eines mörderischen «terremoto». Das Land sitzt auf einer Nahtstelle der sogenannten Kontinentalplatten, deren Verschiebungen zueinander sich jeweils in Erdbeben ausdrücken. Zwei bis drei leichtere Erdstösse pro Tag gehören im übrigen zur kaum wahrgenommenen Lebenswürze.
Weit schwerer als die allgegenwärtige Erdbebendrohung wiegt jedoch ein anderes Verhängnis, nämlich ein solches politisch/sozialer Natur. Es ist dies das noch weitgehend ungelöste Problem einer antiquierten feudalistischen Sozialstruktur. Die Befreiung vom spanischen Joch anfangs des 19. Jahrhunderts änderte keinen Deut an den überkommenen Feudalstrukturcn, welche bewirkten, dass eine zahlenmässig kleine, aber allmächtige Oligarchie Macht und Reichtum eisern in ihren Händen hielt, während die grosse Masse in bettelarmer Rechtlosigkeit dahinvegetierte. Im Gegenteil. Hatten die Indios unter der spanischen Krone noch einen gewissen gesetzlichen Schutz genossen, wurden sie nach der Befreiung erst recht hilflose Objekte oligarchisch/feudaler Ausbeutung. Zum Teil sind sie es bis heute geblieben, wenn auch im Gefolge verschiedener Reformen der letzten Jahre eine merkliche Verbesserung der Situation sowie ein gestärktes Selbstbewusstsein der Urbevölkerung nicht zu übersehen ist. Es ist nämlich eine Tatsache, dass gerade in den letzten Jahren sehr viel für die indianische Bevölkerung getan wurde. Schulen wurden eingerichtet, landwirtschaftliche Beratungsstellen aufgebaut, Landverleilungen in grossem Umfang vorgenommen. Sicher sind, gemessen an europäischen Massstäben und Erfolgserwartungen, die Ergebnisse zum Teil recht kümmerlich. Aber nicht in erster Linie, weil es den Regierenden an gutem Willen mangelt, sondern weil sich hier besonders deutlich jene Kulturkatastrophe manifestiert, die darin besteht, dass in Guatemala zwei Kulturkreise aufeinanderprallten, wie sie verschiedener gar nicht denkbar sind. Hier die aggressiven, besitz- und beutehungrigen, ihrem Wesen nach individualistisch geprägten weissen Eroberer, dort die in einen streng hierarchisch/theokratischen Ameisenstaat eingeordneten Mayas, denen Begriffe wie Gewinnstreben oder individueller Besitz absolut fremd waren. Auch ihren heutigen Nachfahren, eben den Indios, geht häufig jeder Sinn für Besitz und Gewinn, ja selbst für Vorsorge, weitgehend ab. Ihr Streben geht nicht nach Reichtum oder auch nur Wohlstand. Ein Lohn, der über die Deckung der täglichen Bedürfnisse hinausgeht, ist für die meisten nur willkommener Anlass, entsprechend weniger zu arbeiten — eine der ersten Erfahrungen, die meine Familienangehörigen machen mussten, als sie mit viel Idealismus ihr frisch aus Europa importiertes Sozialempfinden in die Tat umsetzen und ihre indianischen Landarbeiter besser als ortsüblich entlöhnen wollten. «Warum noch sechs Tage arbeiten, wo doch jetzt der Lohn von drei Tagen für unseren Lebensunterhalt genügt», war deren aus ihrer Sicht logische Antwort auf dieses gutgemeinte Experiment.
Noch ein Wort zur Repression in Guatemala. Natürlich herrscht Repression. Gewalt bei der Austragung sozialer Konflikte ist leider ein typisches Erbe spanischer Kolonisation. Und wie überall, wie auch in der Schweiz, versucht die besitzende Schicht, ihre Privilegien mit allen Mitteln, auch verwerflichen, zu verteidigen. Dass die herrschende Schicht nie zimperlich war, sei gerne zugegeben. Aber erstens ist es reichlich naiv zu glauben, ein Land mit derartigen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegensätzen könne je nach europäisch/demokratischen Normen funktionieren. Und zweitens bleiben sich die Gegenspieler, also die regierende Oligarchie einerseits, die diversen rosa- bis blutroten Oppositionsgruppierungen anderseits weiss Gott nichts schuldig. Die zirka 1‘200 jährlichen Politmorde verteilen sich punkto Urheberschaft ziemlich gleichmässig auf beide Seiten. Im übrigen ist es bezeichnend, dass die Guerillas, die in den frühen Siebzigerjahren sogar in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt ihr Unwesen trieben, sich nicht etwa aus der unterprivilegierten Landbevölkerung rekrutierten. Nein, Hauptreservoir, neben dem städtischen Lumpenproletariat, bildete die bürgerliche studentische Jugend, die es schick fand, im Namen der sozialen Gerechtigkeit übers Wochenende abgelegene Fincas zu überfallen und deren Bewohner zu massakrieren.
Fazit: Es stimmt schon, dass Guatemala einer Reform bedarf, und es ist diesem wunderschönen Land und seiner Ieidgewohnten Bevölkerung sehr zu wünschen, es möge den Weg in eine erspriessliche Zukunft bald finden. Die Lösung kann aber nur in einer langen, mühsamen Aufbauarbeit auf breitester Front, vor allem im Bereich des Bildungswesens, liegen. Sodann in einer Änderung der globalen Wirtschaftsstruktur, welche es dem Land erlaubt, den verhängnisvollen circulus vitiosus zu durchbrechen, welcher darin besteht, dass die das Rückgrat der Wirtschaft bildenden Agrarprodukte auf dem Weltmarkt immer weniger Ertrag abwerfen, die unerlässlichen Einfuhren aus den reichen Industrieländern jedoch immer teurer werden. Denn es ist genau diese kurzsichtige und egoistische Politik der reichen Industrieländer, welche die Entwicklungsländer verelenden lässt. Almosen in Form von Entwicklungshilfe zu spenden anstatt die Märkte für fairen Handel mit Agrarprodukten aus Drittweltländern zu öffnen, ist reine Augenwischerei und eine schäbige Alibiübung zur Beruhigung des schlechten Gewissens noch dazu.
Heutzutage, wo Fliegen so alltäglich geworden ist wie Wasser trinken, kann kaum mehr vorkommen, was ich ebenfalls bei meiner ersten Guatemalareise erlebt habe, nämlich bei drei Starts drei fliegerische Pannen. Die erste Panne beim Start in Frankfurt mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen habe ich an anderer Stelle beschrieben. Etwa eine Woche danach stand ein Abstecher nach Tikal auf meinem Programm. Zur Wahl standen die bequeme und relativ teure Flugreise oder die zweitägige, höchst unbequeme Fahrt im Bus. Optimist der ich nun einmal bin, wählte ich das Flugzeug in der Hoffnung, zweimal werde der Blitz wohl nicht am gleichen Ort einschlagen. Denkste.
Die Luftverbindung mit Tikal besorgten zu jener Zeit alte, klapprige DC 3 aus Restbeständen der amerikanischen Luftwaffe sowie einige nur um weniges jüngere Convairs. Der Inlandflug ab Flugfeld Guatemala Aurora führt in direkter Linie erst über das östliche Hochland, dann weiter über den Dschungel am Oberlauf des Rio Usumacinta bis zur holprigen und damals noch ungeteerten Landepiste der Mayastadt Tikal. Mitten über dem Dschungel, in einer Flughöhe von etwa eintausendfünfhundert Meter über Boden, stieg plötzlich der linke Motor aus. Die Maschine sackte merklich durch, gewann aber wieder an Höhe, als der rechte Motor unter Vollgas zu drehen begann. Übers ganze Gesicht grinsend kam der Captain - ein hünenhafter Schwarzer - aus dem Cockpit und beruhigte uns Passagiere mit den Worten: „liebe Gäste, nur keine Panik. Das passiert uns bei fast jedem Flug. Dafür haben wir ja zwei Motoren, es ist alles unter Kontrolle“. In der Tat landeten wir sanft und fast flugplangerecht in Tikal, wo sich etliche von uns erst einmal eine Stärkung an der nächsten Bar genehmigten.
