Urwaldblüten - Heinz Carboni - E-Book

Urwaldblüten E-Book

Heinz Carboni

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Beschreibung

Die gesammelten Erzählungen "Urwaldblüten" sind das Konzentrat aus einer grossen Anzahl an Notizen und Eindrücken, welche der Autor anlässlich verschiedener Reisen und Aufenthalte nach und in Guatemala festgehalten hat. Der Ablauf der geschilderten Begebenheiten ist nicht chronologisch. Deren Zeitrahmen umfasst die Spanne von 1977 bis 1997.

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Seitenzahl: 64

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Bananen, Mayas und Vulkane

Pech und Pannen

Begegnung im Bus

La Rubia

De profundis, domine

Arsch der Welt

Terremoto

Guerilleros

Ai, mi hijos

El matador

Vecinos (Nachbarn)

El barranco

La mordida

El Brujo

Kunst und was dafür gilt

Kulinarische Genüsse

Zum Pazifik

Impressum

Bananen, Mayas und Vulkane

Wer Guatemala sagt, denkt dabei meist in tradi­ti­onellen Touristenclichés. Etwa an den präch­tig blauen Lago Atitlan, an den male­rischen Indianermarkt von Chichicastenango, an unendlich weite, mit schnurgerade ausgerich­teten Reihen von Bananenbäumen bestandene Bananenplantagen. Viel­leicht auch noch an die auf den Übcrlandstrassen allgegenwärtigen, unergründlich blickenden, In­dios mit schweren Kopflastcn, die ihre Waren im Hundetrab über Duttende von Kilometer in die Stadt zu Markte tragen. Doch hinter die­sen malerischen Fotosujels verbirgt sich eine echte Tragödie, eine Kulturkatastrophe, die seit beiläufig vier Jahrhunderten andauert und verantwortlich dafür ist, dass dieses schöne und fruchtbare Land, potentiell das reichste Mittelamerikas, bis jetzt nicht zur Ruhe und auf keinen grünen Zweig gekommen ist.

Guatemala ist, bei ungefähr gleicher Einwohnerzahl, etwas mehr als doppelt so gross wie die Schweiz. Es gilt allgemein als das landschaftlich schönste Land Zentralamerikas, und wer in gewissen Gegenden des Altiplano von hoher Warte über bestellte Äcker und wogende Weizenfelder hin­wegblickt, könnte sich an die Schweiz des Juras erinnert fühlen. Doch im Gegensatz zu unserem Land, das auf zwei Jahrhunderte friedlicher, auch von der Natur nicht gestörter, Entwicklung zurückblicken kann, hat Guatemala eine fast ununterbrochene Reihe natur- oder menschengemachter Desaster hinter sich. Schon die erste Hauptstadt Guatemalas fiel bei einem Erdbeben in Schutt und Asche. Die zweite Hauptstadt — Antigua — fiel 1773 ebenfalls einem Erdbeben zum Opfer. Und Nueva Guatemala, die heutige Hauptstadt, erlebte 1976 schon zum drittenmal nach 1874 und 1918 die Schrecken eines mör­derischen «terremoto». Das Land sitzt auf einer Nahtstelle der so­genannten Kontinentalplatten, de­ren Verschiebungen zueinander sich jeweils in Erdbeben ausdrücken. Zwei bis drei leichtere Erdstösse pro Tag gehören im übrigen zur kaum wahr­genommenen Lebenswürze.

Weit schwerer als die all­gegenwärtige Erdbebendrohung wiegt jedoch ein anderes Verhäng­nis, nämlich ein solches politisch/sozialer Natur. Es ist dies das noch weitge­hend ungelöste Problem einer antiquierten feudalistischen Sozial­struktur. Die Befreiung vom spani­schen Joch anfangs des 19. Jahr­hunderts änderte keinen Deut an den überkommenen Feudalstrukturcn, welche bewirkten, dass eine zahlenmässig kleine, aber all­mäch­tige Oligarchie Macht und Reich­tum eisern in ihren Händen hielt, während die grosse Masse in bettelarmer Rechtlosigkeit dahin­vege­tierte. Im Ge­genteil. Hatten die Indios unter der spanischen Krone noch einen gewissen gesetzlichen Schutz genossen, wurden sie nach der Befreiung erst recht hilflose Objekte oligarchisch/feudaler Aus­beutung. Zum Teil sind sie es bis heute geblieben, wenn auch im Ge­folge verschiedener Reformen der letzten Jahre eine merkliche Ver­bes­serung der Situation sowie ein gestärktes Selbstbewusstsein der Urbevölkerung nicht zu übersehen ist. Es ist nämlich eine Tatsache, dass gerade in den letzten Jahren sehr viel für die indi­anische Bevölkerung getan wurde. Schulen wurden eingerichtet, landwirt­schaftl­iche Beratungs­stellen aufge­baut, Land­­verlei­lun­gen in grossem Umfang vorgenom­men. Sicher sind, gemessen an europäischen Mass­stäben und Erfolgserwartungen, die Ergebnisse zum Teil recht küm­merlich. Aber nicht in erster Linie, weil es den Regierenden an gutem Willen mangelt, sondern weil sich hier besonders deutlich jene Kulturkatastrophe mani­festiert, die darin be­steht, dass in Guatemala zwei Kulturkreise auf­einanderprallten, wie sie verschie­dener gar nicht denk­bar sind. Hier die aggressiven, besitz- und beu­te­hungrigen, ihrem Wesen nach in­dividualistisch geprägten weissen Eroberer, dort die in einen streng hierarchisch/theokratischen Amei­sen­­staat eingeordneten Mayas, denen Begriffe wie Ge­winnstreben oder individueller Besitz ab­solut fremd waren. Auch  ihren heutigen Nach­fahren, eben den Indios, geht häufig jeder Sinn für Besitz und Gewinn, ja selbst für Vorsorge, weit­gehend ab. Ihr Streben geht nicht nach Reichtum oder auch nur Wohlstand. Ein Lohn, der über die Deckung der täglichen Be­dürfnisse hinausgeht, ist für die meisten nur will­kommener Anlass, entspre­chend weniger zu ar­bei­ten — eine der ersten Erfahrungen, die meine Familienangehörigen ma­chen mussten, als sie mit viel Idea­lismus ihr frisch aus Europa impor­tiertes So­zialempfinden in die Tat umsetzen und ihre in­di­anischen Landarbeiter besser als ortsüblich ent­löhnen wollten. «Warum noch sechs Tage ar­bei­ten, wo doch jetzt der Lohn von drei Tagen für unseren Lebens­unterhalt genügt», war deren aus ihrer Sicht logische Ant­wort auf dieses gutge­meinte Expe­riment.

Noch ein Wort zur Repression in Guatemala. Natürlich herrscht Repression. Gewalt bei der Austragung sozialer Konflikte ist leider ein typi­sches Erbe spani­scher Kolonisation. Und wie über­all, wie auch in der Schweiz, ver­sucht die besitzen­de Schicht, ihre Privilegien mit allen Mitteln, auch verwerflichen, zu verteidigen. Dass die herrschende Schicht nie zim­perlich war, sei gerne zugegeben. Aber erstens ist es reichlich naiv zu glauben, ein Land mit derarti­gen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegen­sätzen könne je nach europäisch/demokratischen Normen fun­k­ti­onieren. Und zweitens bleiben sich die Ge­gen­spieler, also die regieren­de Oligarchie einer­seits, die di­versen rosa- bis blutroten Oppo­siti­ons­grup­pierungen anderseits weiss Gott nichts schuldig. Die zir­ka 1‘200 jährlichen Politmorde ver­teilen sich punkto Urheberschaft ziemlich gleichmässig auf beide Seiten. Im übrigen ist es bezeich­nend, dass die Guerillas, die in den frühen Siebzigerjahren sogar in unmittelbarer Nähe der Haupt­stadt ihr Unwe­­sen trieben, sich nicht etwa aus der unterprivilegierten Landbe­völ­kerung re­kru­­tierten. Nein, Haupt­reservoir, neben dem städ­ti­schen Lumpen­proletariat, bildete die bür­gerliche studentische Jugend, die es schick fand, im Namen der sozialen Gerechtigkeit übers Wochenende abgelegene Fincas zu überfallen und deren Bewohner zu massakrieren.

Fazit: Es stimmt schon, dass Guatemala einer Reform bedarf, und es ist diesem wunder­schönen Land und seiner Ieidgewohnten Bevöl­ke­rung sehr zu wünschen, es möge den Weg in eine er­spriessliche Zukunft bald finden. Die Lö­sung kann aber nur in einer langen, mühsamen Auf­bauarbeit auf breitester Front, vor al­lem im Be­reich des Bildungswesens, liegen. Sodann in einer Ände­rung der globalen Wirtschaftsstruktur, welche es dem Land erlaubt, den ver­hängnis­vollen circulus vitiosus zu durchbrechen, wel­cher dar­in besteht, dass die das Rückgrat der Wirtschaft bildenden Agrarpro­dukte auf dem Weltmarkt immer we­niger Ertrag abwerfen, die unerlässlichen Einfuhren aus den rei­chen Industrie­ländern jedoch immer teurer werden. Denn es ist genau die­se kurzsichtige und egoistische Politik der reichen In­dustrieländer, welche die Entwick­lungs­länder verelenden lässt. Almo­sen in Form von Entwick­lungshilfe zu spenden anstatt die Märkte für fairen Handel mit Agrarprodukten aus Dritt­weltlän­dern zu öffnen, ist reine Augen­wischerei und eine schäbige Alibiübung zur Be­ruhigung des schlech­ten Ge­wissens noch dazu.

Pech und Pannen

Heutzutage, wo Fliegen so alltäglich geworden ist wie Wasser trinken, kann kaum mehr vorkommen, was ich ebenfalls bei meiner ersten Guatemalareise erlebt habe, nämlich bei drei Starts drei fliegerische Pannen. Die erste Panne beim Start in Frankfurt mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen habe ich an anderer Stelle beschrieben. Etwa eine Woche danach stand ein Abstecher nach Tikal auf meinem Programm. Zur Wahl standen die bequeme und relativ teu­re Flug­reise oder die zweitägige, höchst un­bequeme Fahrt im Bus. Optimist der ich nun einmal bin, wählte ich das Flugzeug in der Hoffnung, zweimal werde der Blitz wohl nicht am glei­chen Ort einschlagen. Denkste.

Die Luftverbindung mit Tikal besorgten zu jener Zeit alte, klapprige DC 3 aus Rest­be­stän­den der amerikanischen Luftwaffe sowie einige nur um weniges jüngere Convairs. Der Inlandflug ab Flugfeld Guatemala Aurora führt in direkter Linie erst über das östliche Hochland, dann weiter über den Dschungel am Oberlauf des Rio Usumacinta bis zur holprigen und damals noch un­ge­teerten Landepiste der Mayastadt Tikal. Mitten über dem Dschungel, in einer Flughöhe von etwa eintau­sendfünf­hundert Meter über Boden, stieg plötzlich der linke Motor aus. Die Maschine sackte merklich durch, gewann aber wieder an Höhe, als der rechte Motor unter Vollgas zu drehen begann. Übers ganze Gesicht grinsend kam der Captain - ein hünenhafter Schwarzer - aus dem Cockpit und beruhigte uns Passagiere mit den Worten: „liebe Gäste, nur keine Panik. Das passiert uns bei fast jedem Flug. Dafür haben wir ja zwei Motoren, es ist alles unter Kontrolle“. In der Tat landeten wir sanft und fast flugplangerecht in Tikal, wo sich etliche von uns erst einmal eine Stärkung an der nächsten Bar genehmigten.