Valys - Jon Barnis - E-Book

Valys E-Book

Jon Barnis

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Beschreibung

Komm herbei, herbei! Valys erwartet schon sehnsüchtig seinen neuen Besucher. Noch nie hier gewesen, richtig? Ich bin Gazli, Gazli Wederwandel. Fremdenführerin dieses verfluchten Ortes, nicht die einzige, fürwahr, aber die Beste! Wenn du in die Stadt willst, kommst du an mir nicht vorbei. Der Mandat lässt keine Besucher in seinem Valys frei herumlaufen, ohne erfahrenen Begleiter. Bei aller Bescheidenheit, was für ein Glück für Dich, dass Du gerade an mich geraten bist! Wenn du noch nie hier warst, würdest du ohne mich keine zehn Minuten in Valys überleben. Dabei hat Valys so viel zu bieten. Eine Stadt mit unendlichen Wundern und tausenden Geschichten! Herausgeber: Jon Barnis Autorinnen und Autoren der Anthologie: Alex Pudlich, Alexander Klymchuk, Ulrik van Doorn, Tea Loewe, Leon Baker, Bjela Schwenk, Benetikt Tremp, Casy Paix, Josefine Schwobacher, Nadine Neu, Lyakon, Svantje Koch, Katy J. Michels, Emilia Laforge, Saskia Rönspies, Pauline Dent, Martina Volnhals, Isabell Pons

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

12/2023

 

Valys – Stadt der 1000 Geschichten

 

© by Jon Barnis

© by Hybrid Verlag, Westring 1, 66424 Homburg

 

Umschlaggestalt.: © 2023 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco

Lektorat: Rudolf Strohmeyer

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Paul Lung

 

Coverbild ›Der Pakt der Seherin‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Shevon – Die Flüchtlings-Chroniken I‹

© 2019 by Andrea Gunschera; magi digitalis | media production; www.magi-digitalis.de

Coverbild ›Baronica – Aufbruch zur Letzten Wacht‹

© 2020 by Jon Barnis

Coverbild ›Das Geheimnis von Talmi‘il‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg; Artwork © by Mika Jänisen

 

ISBN 978-3-96741-243-7

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

Printed in Germany

 

 

Valys

 

Stadt der 1000 Geschichten

 

 

 

herausgegeben und mit einer Rahmenhandlung versehen von

Jon Barnis

 

 

 

 

 

 

Anthologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Geschichten aus Valys gibt es auf

variete-valys.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Erbauer und deren unbändige Kreativität, ohne die Valys nie entstanden wäre.

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Prolog

Gazli und ein selten gern gesehener Gast

Veränderung ………………………… von Nadine Neu

Gazli und der Buddler

Sprachen …………………………... von Pauline Dent

Gazli auf dem Friedhof

Der Schwur der Assassine .. von Saskia Rönspies

Gazli im Reich der seltsamen Tiere

Das Gasthaus Zur Toten Hexe ….. von Casy Paix

Gazli – wo alles begann

Das Erbe der Wil’Manur ……..... von Tea Loewe

Gazli und die Stadt im Nebel

Tausend flüsternde Stimmen . v. Emilia Laforge

Gazli und die Bettlerin

Schweigen und Feuer ………… von Svantje Koch

Gazli im Untergrund

Tagebuch einer Fremden ……. von Alex Pudlich

Gazli sucht Verbündete

Der Violette Mann ……………………. von Lyakon

Gazli im Dampf

Neubeginn …………… von Josefine Schwobacher

Gazli und der Graufall

Das Flüsternde Viertel ………… von Leon Books

Gazli auf dunklen Pfaden

Amor Iustitiae …………………. von Bjela Schwenk

Gazli und Ogmund

Die Karten der Stadt ……….. von Joben P. Mert

Gazli im Regen

Ein senkrechtes Problem .. von Ulrik von Doorn

Gazli in der Oberstadt

Martyrium …………….. von Alexander Klymchuk

Gazli und der Hauptmann

Pulverestor Mechanicus ….. v. Martina Volnhals

Gazli und das Tier

Wenn der Schatten erwacht . v. Katy J. Michels

Gazlis Rache

Der Schatz von Dunkelwald … von Isabell Pons

Prolog

 

 

K

ommen Sie herbei, herbei! Valys erwartet schon sehnsüchtig seinen neuen Besucher. Noch nie hier gewesen, richtig? Natürlich nicht, ich würde mich an Ihr Gesicht erinnern, gewiss. An ein solches wie deines auf jeden Fall.«

Die seltsame, hochgewachsene Frau schenkt dir ein süffisantes Lächeln. Du ahnst, dass sie dich in einen langen Monolog verwickeln wird, siehst aber auch keine Chance, dem zu entrinnen.

»Nein, halt! Das war nur halb so despektierlich gemeint, wie es klang. Gäste deiner Art haben wir hier nicht oft, musst du — ach, lassen wir die Förmlichkeiten. Ich bin Gazli, Gazli Wederwandel. Fremdenführerin dieser verfluchten Stadt. Und, mit Verlaub, auch noch die beste!

Wenn du in die Stadt willst, kommst du an mir nicht vorbei. Der Mandat lässt ohne erfahrenen Begleiter keine Besucher in seinem Valys frei herumlaufen. Was für ein Glück für dich, dass du gerade an mich geraten bist!«

Sie klopft dir ermunternd auf den Rücken und scheint des Lächelns immer noch nicht überdrüssig zu sein.

»Schön, schön, gehen wir mal davon aus, du warst noch nie hier. Dann verlangt natürlich meine Neugier nach einer Erklärung, weshalb es dich ausgerechnet auf den Sonnenfels verschlagen hat. Halt, sag nichts, lass mich raten. Wenn ich dich so anschau, wirst du sicher keinen Handel treiben wollen. Niemand würde dir auch nur einen matschverklebten Stein abkaufen. Versteh mich nicht falsch, aber dein Volk genießt hier nicht den besten Ruf. Also muss es andere Gründe geben. Du bist doch nicht auf der Flucht, oder?«

Sie schüttelt den Kopf und tippt sich gegen die Stirn. »Unsinn, Gazli, überleg doch mal, dann würde dein Gast wohl kaum in die bestbewachte Stadt in ganz Farleiden fliehen. Zudem hätte dich die Garde ohne blitzsaubere Papiere nie durchs Tor gelassen. Also musst du ein Reisender sein, ganz eindeutig, und damit bei mir genau an der richtigen Stelle.«

Sie lächelt und reißt dir, ohne zu fragen, dein spärliches Gepäck aus der Hand. Erstaunlich behände wuchtet sie es auf ein seltsames, zotteliges Tier, dessen Gestank deine Nasenhaare zum Erbeben bringt.

»So, nun mal her mit den Sachen, dafür haben wir hier in Valys schließlich die Vanvan. Ich weiß, dass diese Tiere unerträglich stinken und störrischer sind als mein Mann Ogmund vor dem Frühstücksmahl. Aber sie tragen bereitwillig die größte Last, ohne zu murren.

Bevor wir losziehen, muss ich dich noch belehren. Ganz klare Vorschrift vom Hauptmann Kuflinger. Drei einfache, aber wichtige Regeln. Präge sie dir gut ein, du wirst sie ganz sicher brauchen.«

Sie hebt den Zeigefinger und beginnt einen Text zu rezitieren, den sie sicher schon tausende Male so daher gebetet hat.

»1. Entferne dich nie von deinem Harlunden. Also Fremdenführer, ich in dem Fall. In Valys spricht man immer noch die Hochsprache, aber dazu kann ich dir später sicher mehr erzählen. Deine Harlundin heißt Gazli, einfach Gazli, nur für den Fall, dass du es schon wieder vergessen hast. Falls du also verloren gehst, frag einfach nach mir, man kennt mich überall in der Stadt.

2. Die Garde ist dein Freund. Sicher, einigen Gardisten würde ich nicht mal ein Häufchen Vanvan-Kot zur sicheren Verwahrung anvertrauen. Aber der Mandat besteht darauf, klarzumachen, dass man sich immer an seine geliebte Garde wenden kann. Wenn du mich fragst, bist du in Notsituationen selbst bei der Meuchlergilde besser aufgehoben, aber du hast die Regel vernommen. Was du draus machst, ist mir egal.«

Nun rückt Gazli etwas näher, senkt die Stimme und schaut sich misstrauisch um, bevor sie weiterspricht.

»3. Betritt nie das Tempelviertel. Gerade dir sollte klar sein, dass es in Farleiden mit der Religion eine schwierige Sache ist. Eine ganz schwierige. Der Orden ist auch hier stark, stärker noch als irgendwo sonst, und verbittet sich jegliche Einmischung in seine Aktivitäten. Wie immer die auch aussehen mögen. Niemand weiß, was hinter den feuerroten Mauern des Tempel-Viertels vor sich geht, nicht einmal ich und das will was heißen. Der Obertempler Fotram und seine Kuttenkasper machen keine Gefangenen, klar? Und ich habe keine Lust, noch einen Zawendi an die Tempelwache zu verlieren. Auch klar? Ist nicht gut für meinen Ruf. Außerdem bin ich für dich verantwortlich, was auch heißt, wenn du vor Beendigung der Führung abkratzt, muss ich die Sauerei wegmachen. Also lass das gefälligst.«

Sie bemerkt dein Stirnrunzeln, stellt sich wieder aufrecht und pegelt die Stimmlage auf das immer einen Hauch zu laute Normalniveau ein.

»Ach, natürlich, Zawendi. Ich verstehe nicht, warum euch im Süden die Hochsprache nicht mehr beigebracht wird. Zawendi sind die Besucher, auch wenn das Wort dafür schöner klingt, als es gemeint ist. Seit jeher ist Valys nicht besonders erpicht darauf, Fremde zu empfangen. Ihr bringt Unsicherheit ins ach so schöne, geordnete Gefüge. Schwierigkeiten, Ungemach und womöglich tragt Ihr euren Ärger über die mangelnde Gastfreundschaft der Valysen mit zurück in eure Heimat. Also bedeutet Zawendi einfach nur Eindringling. Na, da fühlst du dich doch gleich viel willkommener hier, oder?«

Ein herzhaftes Lachen entfährt ihr, wobei sie dir erneut auf die Schulter klopft und vermutlich hofft, dein Sinn für Ironie sei noch nicht ganz verkümmert.

»Nun, wo du gerüstet bist für unsere Stadt, lass uns doch mal schauen, was ich dir zuerst zeige. Es gibt tatsächlich mehr sehenswerte Orte hier zu bewundern, als man es landläufig glaubt. Ein paar davon könnten dich verstören wie der rauchende, stampfende Spinnenpalast des Mandaten in der Oberstadt. Andere werden dich belustigen, wenn du auch nur den kleinsten Sinn für Humor hast. Na, daran zweifle ich noch.

Wenn dir danach ist, kann ich dich auch in die Dunkelstadt bringen, zumindest ein paar Schritte weit. Das Schild Betreten auf eigene Gefahr, du Spinner! steht dort nicht umsonst am Tor, wie du dir sicher denken kannst.

Natürlich kommen wir auch nicht um die Felskloffen herum. Du weißt schon, die Felskloffen? Echt nicht? Also komm, selbst in den südlichen Landen sollte man davon gehört haben.«

Sichtlich überfordert und etwas ratlos schaust du deine Harlundin an, die diesen Blick offenbar schon hunderte Male bei ihren Klienten gesehen hat. Sie schiebt dich an und breitet die Arme aus, als wolle sie die komplette Stadt umarmen.

»Na, ich seh schon, du bist so ahnungslos, dass du ohne mich keine zehn Minuten hier in Valys überleben würdest. Eine Schande, ehrlich. Früher war es mal üblich, dass man sich ausführlich über sein Reiseziel erkundigt, bevor man es besucht. Du bist ja schließlich nicht nur hier, um dir den alten Tiergarten anzuschauen, oder? Oder!

Sicher auch sehr sehenswert, aber Valys hat mehr zu bieten, viel mehr. Eine Stadt mit unendlichen Wundern und tausenden Geschichten!«

 

 

 

Gazli und ein selten gern gesehener Gast

 

 

»Bevor wir aber losziehen und ich in meinen üblichen Singsang verfalle —«

Sie rückt wieder etwas näher heran und beugt sich zu dir herunter, wobei dir nicht zum ersten Mal der Duft von Ammenruh-Blüten auffällt. Süßlich, irgendwie betörend und beruhigend gleichermaßen.

»Ich weiß, dass du ein Wil’Manur bist.«

Du blickst sie mit großen Augen an und kannst kaum glauben, dass deine Tarnung schon so früh aufgeflogen ist.

»Keine Angst, ich sage es nicht weiter. Ich bin für dich verantwortlich, das solltest du nie vergessen. Ich werde dafür sorgen, dass du hier nicht deine Hörner verlierst. Aber sag, dir ist bewusst, dass es in Valys eine kleine Gemeinschaft von deinesgleichen gibt?«

Du nickst und ziehst die Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht, sodass deine Hörner und die dunkelblauen Haare vollständig darunter verschwinden.

»Wunderbar! Mit etwas Glück begegnet uns der ein oder andere unterwegs. Nun komm, Hörnchen, ich bringe dich da hin, wo das Leben tobt. Nicht mein Leben. Der Gauklermarkt ist ein wunderbarer Ort, aber für uns Harlunden die Hölle. Man versteht kein einziges Wort! Aber keine Sorge, dort muss ich dir auch nichts erzählen. Tauch einfach ein in diesen atemberaubenden Strudel der Geselligkeit.«

Sie führt dich vom Tor aus eine lange, schmale Straße entlang, die von alten Bäumen gesäumt ist. Links und rechts davon stehen kleine, teilweise sehr ansehnlich geschmückte Häuser. Von weitem wabert ein Klangteppich aus lauten Rufen, Musik und Gelächter herüber. Nicht störend, eher dem Rauschen einer großen Stadt gleich. Du bemerkst, dass an einem der Häuser rechts der Straße ein Schild angebracht wurde und sprichst die Harlundin darauf an.

»Oh, richtig, hier wohne ich. Na, sagen wir, Ogmund wohnt hier hauptsächlich, ich komme nur zum Schlafen her und zum — egal. Hier geht es ja nicht um mich. Ich bin nur das Buch, auf dessen Einband Valys für Anfänger steht. Wer es geschrieben hat und in welcher Ecke der Bibliothek es am Ende des Tages steht, muss niemanden interessieren.«

Gazlis direkter Nachbar heißt Vian und legt offensichtlich mehr Wert auf das äußere Erscheinungsbild seines Hauses. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, geht ein breiter Weg ab, der von unzähligen bunt blühenden Büschen gesäumt wird. Ein hölzerner Bogen überspannt ihn, auf dem Anulen-Pflanzenviertel zu lesen ist. Doch deine Harlundin macht keine Anstalten abzubiegen. Sie hält unbeirrt auf den Gauklermarkt zu, dessen Geräusche immer lauter werden.

»Gazli!«, ertönt plötzlich eine Stimme von links und eine kleine, robust gebaute Frau hält auf euch zu. »Weißt du, wo Vian ist?«

»Weila, ganz ruhig, du bist ja vollkommen aufgelöst.«

»Er ist seit mehreren Tagen nicht aufgetaucht! Ich habe ihm die Zawendi Thali zugeteilt und kurze Zeit später verliert sich seine Spur.«

»Du glaubst doch nicht etwa, er ist mit ihr durchgebrannt?«, will Gazli lachend wissen.

»Das ist mir egal, aber er kann nicht einfach so verschwinden! Er hat Dienst! Das ziehe ich ihm ab.«

Die kleine Frau düst wieder davon und verschwindet in einem Gebäude, auf dem Harlunden Vermittlung steht.

Gazli schüttelt den Kopf, aber ihr Gesichtsausdruck verändert sich und wird nachdenklicher, als sie dich weiter zum Gauklermarkt führt.

 

»Warte einen Moment!«, ruft dir deine Führerin zu, als du ein paar Minuten später an einem Stand vorüberläufst. »Es mag nicht so aussehen, aber gelegentlich findet man hier wahre Meisterwerke.«

Der mürrisch wirkende Verkäufer gibt sich keinerlei Mühe, dir seine Waren schmackhaft zu machen. Ein paar kitschige Bilder, Gemälde von guter bis furchtbar schlechter Qualität. Doch dein Augenmerk liegt auf einem kleinen Kunstwerk, welches sich fast schüchtern hinter den anderen zu verstecken scheint.

»Oh, gute Wahl, ein echter Kezek!« Gazli gesellt sich neben dich und bewundert das unglaublich lebendig wirkende Porträt eines sehr alten Mannes. »Findet man nur noch selten, du solltest es unbedingt kaufen.«

Du gibst zu bedenken, dass es mit Abstand das teuerste am Stand ist.

»Ach, ja, Hörnchen, dafür hast du mich ja.« Sie wendet sich an den Verkäufer. »Sag mal, Berni, da lässt sich doch noch was machen, oder?«

»Nein«, brummt er und mustert dich abschätzig.

»Und wenn ich es kaufen würde?«, fragt die Harlundin.

»Für dich mache ich natürlich einen Vorzugspreis. Du weißt schon, wegen Daria. Fünfzehn Lysta.«

»Hab dafür gesorgt, dass seine Frau ihn verlässt«, flüstert sie dir zu. »War besser für ihn. Und für sie.«

Gazli hält die Hand auf und weist auf deinen Geldbeutel. Du legst ihr fünfzehn Lysta hinein und sie überreicht sie feierlich dem Verkäufer.

»Hey, dann verkaufe ich ja trotzdem an das da!«, beschwert sich der Verkäufer und zeigt auf dich.

Die Harlundin nimmt sich das Bild grinsend aus der Auslage.»Wenn man es genau nimmt, nein, an mich. Mein Zawendi hat mir nur das Geld geliehen.«

Feierlich übergibt sie dir das Bild und während die Welt um dich herum langsam zu verschwimmen beginnt, hörst du, wie sich der Verkäufer erneut beschwert.

»Und was soll das jetzt?«

»Jetzt leihe ich meinem Zawendi das Bild.«

Mehr bekommst du von der Unterhaltung nicht mit, denn das Kunstwerk beginnt unter deinen Fingern zu kribbeln. Deine außergewöhnlichen Sinne spüren, dass sich darin Erinnerungen verborgen halten. Routiniert zupfst du dir ein Haar aus, legst es über den schlichten Rahmen und sofort breitet sich vor dir die Geschichte einer ganz besonderen Künstlerin aus.

 

Veränderung

Nadine Neu

 

 

H

ört mir zu, ich flehe Euch an!« Trotz ihres humpelnden Ganges gelang es der Alten, mit meiner Mutter und mir Schritt zu halten. Wir schlängelten uns durch das Menschengewimmel auf dem Marktplatz und versuchten seit geraumer Zeit erfolglos, die aufdringliche Frau abzuschütteln. Ihre schmutzige Hand krallte sich in meinen nicht minder schmutzigen Umhang. Meine Mutter schlug auf den dürren Arm ein. »Verschwinde! Lass uns in Frieden! Wir wollen deine Dienste nicht und können sie auch nicht bezahlen.«

Ich drehte mich um meine eigene Achse, um der Frau den Umhang zu entwinden, aber sie ließ nicht locker und das zerschlissene Kleidungsstück riss mit einem in meinen Ohren höchst unangenehmen Geräusch.

Der Umhang war mir längst zu kurz. Geld für einen neuen hatten wir nicht. Mutter würde toben. Doch zu meiner Überraschung schob sie mich nur hinter ihren Rücken in dem anrührenden, aber nutzlosen Versuch, ihren schmächtigen Körper wie einen Schutzschild vor mich zu stellen.

Obwohl kaum dem Knabenalter entwachsen, überragte ich sie um mehr als Haupteslänge und so starrte mir die unheimliche Alte über Mutters Kopf hinweg direkt ins Gesicht.

Eine einzelne schlohweiße Strähne entwand sich ihrem schwarzen Schleier und kroch wie eine Schlange ihren Arm hinunter. Die grünen Augen, die überraschend hell aus ihrem runzligen Gesicht funkelten, wanderten flink über meines. Sie schienen mich abzutasten und ohne mein Zutun auch das zu ergründen, was unter der Oberfläche lag.

Unter ihrem Blick nahm meine Körpergröße ab. Mein Kopf zog sich zwischen die Schultern, mein Rückgrat schrumpfte, bis ich mich kaum größer fühlte als ein Kaninchen, das bewegungslos vor einem Raubtier kauert.

Die Stimme der Alten, samtig und weich, holte mich in die Wirklichkeit zurück. Sie fixierte mich weiter, sprach aber zu meiner Mutter. »Ich will kein Geld von Euch, gute Frau. Es geht um Euren Sohn. Ich habe etwas gesehen, das er wissen muss. Es ist von großer Bedeutung für seine Zukunft.«

»Verschone mich mit deinem Geschwätz, altes Weib. Wenn es mir nicht bald gelingt, in dieser gottlosen Stadt Arbeit zu finden, wird es keine Zukunft für uns geben. Ihr Seherinnen seid doch alle gleich. Erst schwafelt Ihr von Gold und Reichtum und dann raubt Ihr einem die Taschen aus. Scher dich zum Teufel! Bei uns ist nichts zu holen.« Sie spuckte vor der Alten auf den staubigen Boden.

»So hört mich doch an, es wird Euer Schaden nicht sein.« Ihr eindringlicher Tonfall brachte meinen Körper zum Zittern.

»Euer Sohn wird zu einigem Ruhm gelangen, doch da ist noch mehr.« Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Als sie die Hand erneut nach mir ausstreckte, trat ich zu meiner eigenen Überraschung hinter meiner Mutter hervor, um mich dem zu stellen, was sie mir zu sagen hatte.

Ihre knochigen Finger legten sich kühl auf meine Stirn. Mutter wollte erneut dazwischen fahren, doch meine Hand hob sich wie von selbst in einer stummen Geste und hielt sie zurück. Der Druck der dürren Finger verstärkte sich und ein Blitz fuhr in meinen Schädel …

 

Mit einem Ruck schreckte Kuflinger auf. Er brauchte nicht erst mit den Händen nach den Laken zu tasten, um zu wissen, dass sie schweißgetränkt waren. Mit jagendem Puls schwang er in einer ruckartigen Bewegung die Beine über die Bettkante. Immer wieder dieser elende Traum! Wenn er nur wüsste, wie er ihn loswerden sollte. Doch selbst ewig zurückliegende Erinnerungen ließen sich niemals ganz abschütteln.

Kuflinger sprang auf die Füße. »Genug davon! Ich bin nicht mehr dieser Junge. Ich bin der Hauptmann der Valyser Garde und ich habe zu arbeiten.«

Mit geübten Handgriffen legte er seine Uniform an und flüchtete aus dem leeren Haus. Krachend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

 

***

 

Valtozas war schon halb zur Tür draußen, als ihn Schneidermeister Jakub zurückrief: »Valt, warte!«

»Nicht noch ein Auftrag heute, Meister Jakub! Meine Finger sind ganz wund und zerstochen von der vielen Näherei.« Mit einem Augenzwinkern hob Valtozas seine völlig unversehrten Hände in die Luft.

»Nein, für heute ist es genug, Valt. Wenn du weiter so fleißig lernst, läufst du mir bald den Rang als bester Schneider der Stadt ab.« Jakub legte seinem Lehrling gönnerhaft eine Pranke auf die Schulter.

»Warum hast du mich dann zurückgepfiffen?«

»Du musst morgen früh in den Palast.«

Valt pfiff durch die Zähne. »In den Palast?«

»Ja, der Mandat erwartet seinen neuen Anzug und ich selbst kann hier nicht weg, weil Magnus, der alte Halsabschneider, morgen neue Stoffe liefert. Der haut uns übers Ohr, wenn ich nicht persönlich mit ihm verhandele. Also muss ein anderer den Anzug in den Palast bringen. Da dachte ich an dich. Traust du dir das zu?«

Valt lachte schallend. »Warum nicht? Auch wenn ich zugeben muss, dass der Palast einer der wenigen Orte in Valys ist, an dem ich noch nicht war. Also dann, bis morgen früh.«

»Sei pünktlich, der Mandat wartet nicht gern.«

Doch das hörte Valt nicht mehr.

 

Obwohl er Zeit seines Lebens daran gewöhnt war, fiel ihm auf dem Nachhauseweg einmal mehr auf, wie schnell sich die Gegend in Valys innerhalb weniger Straßenzüge änderte. Die Menschen im Handwerkerviertel, wo er seine Ausbildung machte, ließen sich kaum als wohlhabend bezeichnen und doch wirkten ihre Häuser ordentlich, die Höfe aufgeräumt und selbst die Straßen waren sauber. Sobald er seinen Fuß in das Bleicherviertel setzte, das ihm, seit er denken konnte, als Heimat diente, nahm die Umgebung eine grauere Farbe an. Die Armut und das Elend manifestierten sich in einer Vielzahl von Ratten und dem unvermeidlichen Gestank nach Unrat. Trotzdem fühlte sich Valt hier wohl. Die Bleicher waren zurückhaltende, freundliche Menschen und Gerda und Mathes behandelten ihn wie ihr eigenes Kind.

 

Valt setzte über das braune Rinnsal in der Straßenrinne hinweg und schreckte dabei eine Ratte auf. Ohne dem Tier Beachtung zu schenken, stieß er gegen die Tür der bescheidenen Kate, die quietschend aufschwang.

»Ma, wo steckst du?« Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Zieheltern anders anzusprechen als mit Ma und Pa. Er war kurz nach seiner Geburt vor deren Tür ausgesetzt worden, warum oder von wem wusste er nicht und es interessierte ihn auch nicht besonders. Gerda und Mathes hatten ihn ohne zu zögern aufgenommen und trotz ihrer Armut mangelte es Valt an nichts.

»Ich bin oben«, drang Gerdas Stimme gedämpft vom Dachboden herunter.

Er durchquerte den spärlich möblierten Raum und kletterte die Leiter hinauf. Gerda saß unter dem Dachfenster und besserte ein paar Hosen aus. Valt drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er griff unter seine Schlafmatratze und zog eine zerbeulte Blechbüchse hervor.

»Ich muss gleich nochmal los. Ich habe Kezek versprochen, ihr heute das Geld aus dem Verkauf ihrer Bilder zu bringen.«

Wie erwartet runzelte Gerda die Stirn. »Du willst jetzt noch zu den Atalakito?«

»Die Atalakito sind Menschen wie du und ich, das hatten wir doch schon tausendmal.«

»Sieht man mal von ihren — nun, sagen wir — Besonderheiten ab. Es bereitet den Leuten halt Unbehagen, dass niemand weiß, wie diese Wandler in Wirklichkeit aussehen.«

»Ist das Aussehen denn so wichtig?« Er wusste, dass Gerda im Grunde nichts gegen die Atalakito hatte. Sie wiederholte einfach nur, was viele Einwohner der Stadt dachten.

»Nein, aber es ist schon spät. Es ist sicher nicht gerne gesehen, wenn du jetzt noch zu den Atalakito gehst.«

»Ma, du weißt so gut wie ich, dass es mich noch nie interessiert hat, was andere denken. Ich mache schon immer, was ich will. Und ich gehe hin, wohin ich will. Daran sind doch alle hier gewöhnt. Ich habe noch nie verstanden, warum es in dieser Stadt so viele unsichtbare Grenzen und ungeschriebene Regeln gibt.«

»Solange du klein warst, hat sich ja auch niemand daran gestört, wenn du überall herumgestromert bist, aber jetzt bist du bald ein Mann.« Mit besorgter Miene sah sie zu, wie Valt Kezeks Geld aus der Büchse holte. Nach kurzem Zögern nahm er einen weiteren Lysta heraus. Sein Lohn als Schneiderlehrling war zwar nicht gerade üppig, aber er und seine Familie wurden stets satt. Kezek konnte das Geld eher brauchen. Die Wandler waren gezwungen, ihren Lebensunterhalt durch Anbau von Getreide, Gemüse und Obst zu bestreiten. Obgleich sie geschickte Handwerker waren und erstaunliche Dinge herzustellen vermochten, verbot ihnen eines der zahlreichen Gesetze in Valys, Handel zu betreiben. Wollten sie etwas verkaufen, mussten sie die beschwerliche Reise in die weiter entfernten Weiler auf sich nehmen, in denen man ihre Andersartigkeit nicht fürchtete und die nicht der Gesetzgebung des Valyser Mandats unterlagen.

»Ich werde vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein, sorge dich nicht um mich.« Valtozas stieg die Leiter hinunter. Kurz bevor auch sein Kopf verschwand, fing er Gerdas Blick auf.

»Dann halte dich wenigstens von der Garde fern. Und vor allem von Kuflinger. Ich traue ihm nicht.«

 

Während Valt auf die Brücke zuhielt, die ihn auf die andere Seite des Flusses und somit ins Viertel der Atalakito führen würde, dachte er darüber nach, ob Gerdas Bedenken hinsichtlich des Gardehauptmanns gerechtfertigt waren. Sicher, Kuflinger war ein komischer Kauz, undurchsichtig und machtbesessen, jeglicher Veränderung abgeneigt und stets darauf bedacht, sämtliche Regeln des Mandats peinlich genau einzuhalten. Obwohl Valt schon immer quer durch die Stadt gestreift war, geriet er in letzter Zeit öfter mit dem Hauptmann aneinander. Kuflinger missfiel es, dass ein fast erwachsener Mann, noch dazu von der wenig geachteten Zunft der Bleicher, überall ein- und ausging, wie es ihm beliebte. Doch da Valtozas sich nie etwas zuschulden hatte kommen lassen, war es bisher bei Ermahnungen geblieben. Kuflingers Hass auf die Atalakito war in der Stadt ein offenes Geheimnis. Aber ob der Mann wirklich gefährlich war? Valt tat er eher leid. Trotz oder gerade wegen seiner einflussreichen Stellung kam ihm der Hauptmann einsam und ausgegrenzt vor.

 

***

 

Kuflinger beobachtete, wie Valtozas die Brücke überquerte. Dieser Bleicherjunge war ihm seit Kindesbeinen ein Dorn im Auge. Irgendetwas an ihm machte ihn argwöhnisch. Valtozas war kein Atalakito, also stellte er keine Gefahr für ihn dar. Das Wandler-Balg, vor dem die Seherin gewarnt hatte, war tot. Dennoch …

Auf jeden Fall trieb ihn die Selbstverständlichkeit, mit der sich der Junge über sämtliche Konventionen hinwegsetzte, regelmäßig zur Weißglut. Regeln und Gesetze waren unter allen Umständen zu beachten. Was, wenn noch mehr dem Beispiel dieses Nichtsnutzes folgten? Nicht auszudenken, was das für die sichere Struktur der Stadt zur Folge hätte. Außerdem war es ihm ein Rätsel, wie es Valtozas geschafft hatte, einen Ausbildungsplatz bei Schneidermeister Jakub zu erhalten. Bleicher waren Bleicher und blieben dies gefälligst auch. Doch Valtozas schien — im Gegensatz zu ihm selbst — überall willkommen.

Am meisten störten ihn die häufigen Besuche des Jungen bei den Atalakito. Niemand ging freiwillig zu diesem Pack, der Großteil der Valyser machte völlig zu Recht einen großen Bogen um die Wandler. Nicht nur wegen der Weissagung der unheimlichen Seherin war ihm das Volk zuwider. Es war einfach nicht richtig, dass sie kein eigenes Aussehen besaßen. Nichts war unheimlicher und zugleich abstoßender, als wenn ihre Gesichter zerflossen und sich in kürzester Zeit zu einem perfekten Abbild ihres Gegenübers zusammensetzten. Es war, als sähe man in einen Spiegel. Sobald sie jemand anderes ansahen, begann die Prozedur von Neuem. Einfach widerlich!

 

Valtozas war mittlerweile hinter dem unscheinbaren Torbogen des Wandlerviertels verschwunden. Was der Junge nur immer dort zu suchen hatte? Entschlossen kämpfte er den Drang nieder, ihm zu folgen, um es herauszufinden. Nie wieder würde er einen Fuß in dieses Viertel setzen. Das hatte er sich damals geschworen, als er sich dort mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass das Atalakito-Kind aus der Prophezeiung tatsächlich tot war.

Er drehte sich um und schlurfte mit hängenden Schultern nach Hause, wo ihn leere Räume erwarteten.

 

***

 

Beschwingt lief Valt durch das Viertel der Wandler, das aus ungefähr einem Dutzend Häusern bestand, kaum mehr als Holzhütten, aber so gepflegt wie die sie umgebenden Gärten. Die Atalakito waren trotz ihres schlechten Rufs anständige Leute und im Gegensatz zu den meisten Valysern störte sich Valt nicht im Mindesten an deren wandelbaren Gesichtern.

Er erreichte Kezeks Hütte und machte sich mit einem Pfiff bemerkbar. Ihr Vater streckte den Kopf zum Fenster heraus, seine Züge zerflossen und er sah Valt lächelnd mit dessen eigenem Gesicht entgegen. »Guten Abend, Valt. Wenn du Kezek suchst, sie ist bei ihrer Lieblingsbeschäftigung.«

Valt nickte. »Na, dann weiß ich ja, wo ich sie finde.« Grüßend tippte er sich an die Stirn, umrundete die Hütte und stieg den Hügel hinauf, den tausende Gänseblümchen wie ein weißer Teppich bedeckten. Seine Freundin beugte sich unter einem Apfelbaum über ihre Zeichenmappe.

»Hallo, Valt. Moment, ich bin gleich fertig«, rief sie, ohne aufzusehen. Konzentriert setzte sie einige letzte Striche auf das Papier.

»Schau, wie findest du es?« Sie drehte sich um und hielt ihm die Zeichnung entgegen. Sofort zerfloss ihr Gesicht zu seinem, aber ihre ganze Gestalt drückte ein Strahlen aus, wie immer, wenn sie sich mit Malen beschäftigte.

Das Bild zeigte ein Kätzchen, das geduckt einem Schmetterling auflauerte. Beim Betrachten bekam man den Eindruck, der Schmetterling flattere tatsächlich und man wartete darauf, dass die Katze in die Höhe hüpfte. Kezek verstand es, mit ihren Bildern Menschen und Tiere zum Leben zu erwecken.

»Großartig! Hast du noch andere fertig? Ich muss morgen für Meister Jakub in den Palast und auf dem Weg könnte ich sie auf den Markt bringen. Hier dein Geld vom letzten Mal.«

Staunend griff sie danach. »So viel?« Ihre Miene bewölkte sich. Valt beobachtete, wie die Freude über den Verdienst aus dem Abbild seines Gesichts wich und einer stillen Traurigkeit Platz machte.

»Ich wünschte, ich könnte auch einmal dabei sein, wenn die Leute meine Bilder kaufen und so viel Geld dafür ausgeben«, flüsterte sie.

»Das verstehe ich. Es ist so unsinnig, dass Ihr die Stadt nicht betreten dürft. Meinen Vorschlag, dich unter einem Schleier versteckt einzuschmuggeln, lehnst du immer noch ab, nehme ich an.«

»Wenn wir entdeckt würden … Nein, das geht nicht. Ich brächte auch dich in Gefahr. Die Leute haben Angst vor meinesgleichen und Hauptmann Kuflinger hasst mein Volk, warum auch immer.« Sie seufzte. »Er lässt keine Gelegenheit aus, Stimmung gegen uns zu machen.«

 

***

 

Wie jeden Morgen trug Kuflinger bereits vor Sonnenaufgang seine Uniform und machte einen Rundgang durch die Stadt. Er kontrollierte, ob die Wachhabenden an den Stadttoren ihren Dienst taten (allzu oft erwischte er sie beim Würfelspiel oder sonstigem Müßiggang), scheuchte Bettler aus den Gassen und überprüfte die Marktstände auf dem Gauklermarkt. Die Händler bestückten zu dieser frühen Stunde schon emsig ihre Stände und immer wieder versuchten sie, Gegenstände unter ihre Waren zu mischen, deren Verkauf der Mandat untersagt hatte.

Während Kuflinger mit hinter dem Rücken verschränkten Händen die Reihen abschritt, bemerkte er den Bleicherjungen, wie er an einem Marktstand ein neues Paket dieser erstaunlichen Zeichnungen abgab. Wo der Kerl die herhatte, gab ihm seit einiger Zeit Rätsel auf, doch der Verkauf von Bildern war legal und so blieb ihm keine Handhabe.

Heute trug der Junge noch ein weiteres, weitaus größeres Bündel auf seinem Rücken, das jedoch offenbar nicht für den Markt bestimmt war. Der Händler klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und Valtozas schickte sich an, den Platz zu verlassen, das unförmige Paket im Arm. Alle grüßten ihn erfreut und manch einer wechselte ein paar Worte mit ihm. Dem Hauptmann hingegen schenkte kaum einer Beachtung, bestenfalls nickte man ihm unsicher zu.

Der Bleicherjunge verließ den Platz und verschwand hinter einer Häuserecke. Die Kirchturmuhr schlug sieben. Kuflinger blieb keine Zeit, herauszufinden, wohin Valtozas unterwegs war. Der Mandat erwartete ihn zur täglichen Morgenbesprechung und nicht ein einziges Mal während seiner Dienstzeit war der Hauptmann zu spät gekommen.

Als er kurz darauf auf den Palast zuhielt, sah er gerade noch, wie das Tor hinter dem Jungen ins Schloss fiel.

 

***

 

Valt betrat zum ersten Mal in seinem Leben den Palast von Valys. Meister Jakub hatte sein Kommen dort angekündigt und die Palastwachen am Tor ließen ihn problemlos passieren. Mächtige Säulen flankierten die Eingangshalle zu beiden Seiten, überall standen goldene Skulpturen und Statuen aus Marmor und die weit über ihm aufragende Decke zierten farbenprächtige Gemälde. Sicher hatte vor ihm nie ein Bleicher einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt, doch Valt zeigte sich angesichts des ihn umgebenden Prunks unbeeindruckt. Äußerlichkeiten oder Besitztümer waren nichts als Blendwerk und sagten nicht das Geringste über den charakterlichen Wert des Eigentümers aus.

Am Ende der Halle wandte er sich nach rechts und eilte den tunnelartigen Gang entlang, von dem in regelmäßigen Abständen Türen abzweigten. Hinter der letzten würde ihn der Leibdiener des Mandats erwarten, den neuen Anzug in Empfang nehmen und ihm Meister Jakubs Lohn aushändigen, so hatten es ihm die Wachen am Tor erklärt.

Er passierte die vorletzte Tür, als er aus dem dahinter liegenden Raum eine Stimme hörte. Unverkennbar eine weibliche und ungeheuer aufgebrachte Stimme.

»Hinaus mit Euch! Und lasst Euch hier ja nie wieder blicken. Ein Maler wollt Ihr sein? Eine Schande für Eure ganze Zunft, das seid Ihr! Hinaus!«

Die Tür flog auf und ein dürres Männchen hastete an ihm vorbei, die Arme voller Pinsel und Malutensilien. Valt warf vorsichtig einen Blick in das Zimmer.

»Oh nein, was für eine Tragödie!«, schluchzte die Frau, ohne ihn zu bemerken. »Da sitze ich diesem Tölpel nun Tag um Tag Modell und auf diesem … diesem Gemälde, ach, was sag ich … Geschmiere … sehe ich aus wie eine Witzfigur.« Sie heulte laut auf.

Valt erkannte in der händeringenden Frau die Gattin des Mandats, die er bei zahlreichen Paraden an der Seite ihres Mannes gesehen hatte. Ohne zu zögern, ergriff er die Chance.

»Verzeiht, edle Dame«, sprach er sie an. »Ich wollte sicher nicht lauschen, aber ich kam gerade vorbei und mir scheint, als hätte ich die Lösung für euer Problem …«

 

Es kostete ihn einiges an Überredungskunst, aber zwei Tage später saß Kezek im Palast und porträtierte die Mandatsgattin. Ein Schleier aus fließendem, silbernem Stoff bedeckte ihr Gesicht. Falls sich die Dame darüber wunderte, ließ sie sich nichts anmerken, so begeistert war sie von Kezeks Talent. Diesmal hatte sie das Bild bereits nach wenigen Pinselstrichen auf seine Tauglichkeit überprüft und es vor Begeisterung mit offenem Mund angestarrt. Seitdem saß sie selig lächelnd auf ihrem Hocker und bewegte sich nicht mehr. Valt lehnte still in einer Ecke und beobachtete zufrieden, wie sich Kezeks anfängliche Nervosität legte. Sie war durch und durch eine Künstlerin in ihrem Element. Stolz auf ihr Können durchflutete ihn, vor allem aber Stolz, weil sie es gewagt hatte, sich über das unsinnige Verbot hinwegzusetzen und ihn in den Palast zu begleiten. Wäre das Porträt erst fertig, würde es niemand mehr wagen, seine Freundin aus der Stadt zu weisen.

Die Tür zur Kammer öffnete sich und das Stadtoberhaupt persönlich trat ein. Automatisch deutete Valt eine Verbeugung an und auch Kezek senkte das Haupt und knickste unbeholfen. Doch der Mandat kam gar nicht dazu, die beiden zu beachten, da seine Frau ihn sofort mit Beschlag belegte.

»Sieh nur, welch vortreffliches Gemälde sie von mir anfertigt, Schatz! Auch wenn es noch nicht ganz fertig ist, gleicht es mir wie mein Spiegelbild. Es wirkt kaum wie ein Bild, es sieht so lebendig aus. Sieh nur! Sie ist wahrhaft ein Genie!« Ihre Wangen röteten sich. Während sie sprach, zog sie ihren Gatten zu Kezek an die Staffelei, um gemeinsam mit ihm das halbfertige Porträt zu betrachten.

»Ich werde sie allen meinen Freundinnen empfehlen. Sie wird sich vor Aufträgen kaum mehr retten können.«

»Das Gemälde ist wirklich jetzt schon eine Meisterleistung«, stimmte ihr Mann zu. »Doch wer ist diese Künstlerin? Zeig uns dein Gesicht, werte Malerin, damit wir wissen, wer über eine so außergewöhnliche Begabung verfügt.«

Kezek erstarrte und noch bevor sie in irgendeiner Weise reagieren konnte, streckte er die Hand aus und zog den Schleier zur Seite. Sofort verschwammen Kezeks Züge und der Mandat blickte in sein eigenes, erstauntes Gesicht.

»Eine Atalakito! Und das unter meinem Dach! Wachen!«, rief der Mandat.

Endlich erwachte auch Valt aus seiner Starre und sprang vor seine Freundin. »Herr Mandat, es ist meine Schuld«, setzte er an, doch die Reaktion seines Gegenübers ließ ihn verstummen. Erschrocken wich dieser zurück bis zur Wand und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. »Du auch? Du bist auch einer von denen?«

Erst jetzt merkte Valt, wie sich sein Gesicht auf seltsame Weise bewegte. Er fasste an seine Nase, die sich eindeutig nicht mehr wie die seine anfühlte. Er wendete den Blick der Mandatsgattin zu. Wieder spürte er ein Prickeln auf den Wangen. Die Form seiner Nase änderte sich unter seinen Händen, sie wurde klein und spitz wie die der Frau. Im Gang erklangen polternde Schritte und Hauptmann Kuflinger stieß die Tür auf. »Herr Mandat.« Er salutierte kurz und entdeckte im gleichen Moment Valtozas, der immer noch schützend vor Kezek stand. »Wie … was ist hier los?«

Valts Gesicht vibrierte erneut und der Hauptmann keuchte.

»Du? Ein Wandler?« Kuflinger wurde blass und er taumelte zurück.

Valt nutzte die Gelegenheit und stieß Kezek Richtung Fenster. »Schnell, da hinaus«, rief er ihr zu, sprang hinterher und prallte draußen hart auf die Knie. Kezek hatte sich schon wieder aufgerappelt und sprintete los.

»Lasst die beiden in Frieden, sie haben uns doch nichts getan!«, hörte er die Mandatsgattin rufen. Doch Kuflinger schickte sich bereits an, ebenfalls durch das Fenster zu klettern. Valt rannte hinter seiner Freundin her, ohne sich noch einmal umzublicken.

 

***

 

Dem Tempo der beiden Jüngeren war Kuflinger nicht gewachsen. Weit würden sie nicht kommen. Er kehrte in den Palast zurück und befahl seinen Leuten, die Stadttore zu schließen. Als der Hauptmann sich weitere Anweisungen einholen wollte, waren der Mandat und seine Gattin in ein Gespräch vertieft, und man verwies ihn des Zimmers. Vor den Kopf gestoßen trottete Kuflinger davon, einzelne Wortfetzen wie freundliche Wesen, künstlerische Begabung und Gesetze überdenken hallten hinter ihm her.

Das Blut kroch noch immer wie Eis durch seinen Körper. Der Bleicherjunge — ein Wandler! Es gab in Valys nur wenige dieser absonderlichen Wesen und das Alter passte. Es konnte sich durchaus um den Jungen aus der Weissagung handeln. Der, der das Leben des Hauptmanns unweigerlich verändern würde. Aber wie war das möglich? Er hatte sich doch vor 17 Jahren davon überzeugt, dass das in der besagten Nacht geborene Wandler-Balg kurz nach der Geburt gestorben war. Er hatte den leblosen Säugling mit eigenen Augen gesehen und beobachtet, wie sie den Leichnam nach Atalakito-Sitte dem Fluss anvertraut hatten. Zwillinge … das musste es sein! Den zweiten hatten sie bei den Bleichern ausgesetzt, um sein Leben zu retten. Doch Valtozas hatte bisher nie sein Gesicht verändert. Wusste der Junge womöglich gar nicht, was er in Wirklichkeit war? Hatte nur die Gefahr, in die er seine Freundin gebracht hatte, zu der Verwandlung geführt?

 

***

 

»Im Namen der Stadtgarde: Kommt heraus!« Kuflingers Befehl klang wie Donner, der sich über der armseligen Bleicherhütte entlud.

Gerda trat ans Fenster. »Wen auch immer Ihr sucht, Hauptmann, hier werdet Ihr nicht fündig«, sagte sie mit fester Stimme.

»Es hat keinen Sinn, ich muss mich stellen«, flüsterte Kezek, die neben Valt auf dem Dachboden kauerte und durch einen Riss in der Wand nach draußen starrte.

»Du hast völlig recht. Wir werden uns stellen. Das Ganze ist eine Farce, damit muss endlich Schluss sein.« Er zog seine Freundin auf die Beine und kletterte mit ihr die Leiter hinunter.

»Nicht, Valt!« Gerda stellte sich ihnen in den Weg und zog sie vom Fenster weg. »Er wird euch ins Gefängnis werfen, alle beide.«

»Hab keine Angst, Mutter. Ich werde das klären. Jetzt!«

Er stieß die Tür auf und trat nach draußen. In der schmutzigen Gasse drängten sich Neugierige dicht an dicht hinter dem Hauptmann und seiner Garde. Valts Gesicht war ein einziges Zerfließen und Verfestigen, als er seinen Blick über die Menge gleiten ließ. Verwirrt ob dieser ungewohnten Eigenschaft, hielt er sich schließlich an Kuflingers wutverzerrter Miene fest und merkte, wie sich sein Gesicht beruhigte. Er spürte Kezeks Atem unmittelbar hinter sich.

Der Hauptmann trat einen Schritt nach vorne. »Kezek aus dem Volk der Atalakito …« — er sprach das Wort mit Ekel in der Stimme aus — »… und Valtozas aus der Gilde der Bleicher …« Er hielt inne. »Oder was auch immer du bist … Ihr seid verhaftet!«

»Was werft Ihr uns vor, Hauptmann? Welchen Verbrechens bezichtigt Ihr uns?«

»Des Verstoßes gegen die Gesetze der Stadt Valys! Kein Wandler darf die Stadt unaufgefordert betreten.«

»Was soll dieses Gesetz bezwecken? Wann hätte je ein Wandler etwas Unrechtes getan? Die Atalakito … wir Atalakito«, verbesserte er sich, »sind friedliebende Menschen.«

Zustimmendes Gemurmel erklang aus der Menge.

»Das steht hier nicht zur Debatte«, donnerte Kuflinger. »Gesetz ist Gesetz!«

»Auch wenn dieses Gesetz unsinnig ist? Wie so viele Vorschriften in dieser Stadt?«

Kuflinger straffte die Schultern. »Dir werfe ich außerdem arglistige Täuschung vor. Du hast uns allen deine wahre Herkunft verschwiegen.«

In die Menge kam Bewegung. Einige traten daraus hervor und stellten sich schützend neben Valtozas, darunter Meister Jakub.

Nach dem ersten Schreck über seine plötzliche Verwandlung hatte Valt keine Zeit gefunden, sich Gedanken über seine Wurzeln zu machen. Das konnte warten. Er war noch immer Valtozas — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Er holte tief Luft. »Wie Ihr wisst, bin ich ein Findelkind. Bis vor ein paar Stunden habe ich nicht das Geringste von meiner Abstammung geahnt. Ich hielt mich immer für ein Kind der Bleicher, die mich freimütig aufgenommen haben, ohne zu fragen, obwohl sie selbst zu den Missachteten dieser Stadt gehören — nur weil sie arm sind.«

Nun traten auch seine Zieheltern neben ihn.

Im Gesicht des Hauptmanns zuckte es. »Du bist kein Bleicher! Du bist der Junge aus der Weissagung der alten Hexe. Geboren in der Nacht des Vollmondes vor 17 Jahren«, kreischte er.

Valt hatte nicht die geringste Ahnung, wovon der Hauptmann sprach. »Mir scheint, Ihr wisst mehr über meine Herkunft als ich.«

Kuflinger zitterte jetzt am ganzen Körper, selbst seine eigenen Wachleute sahen ihn irritiert an. »Ich dachte, du wärst tot, die Gefahr wäre gebannt. Aber sie haben mir vor 17 Jahren deinen toten Zwilling gezeigt. DU bist es, der mein Leben verändern wird. Das werde ich nicht zulassen! Ergreift ihn! Ab in den Kerker mit ihm!« Einige Wachen machten Anstalten, Valt zu packen, doch ebenso viele Bürger hielten sie entschlossen zurück. Bürger aus den unterschiedlichsten Vierteln der Stadt.

Der Kopf des Hauptmanns lief rot an, er riss die Arme in die Luft und ließ sie wieder sinken. Plötzlich teilte sich die Menge. Die Menschen bildeten einen Durchlass und senkten die Häupter vor dem Mandat und seiner Frau. Kuflinger stand wie erstarrt, die Wachen der Stadtgarde sanken auf die Knie.

»Erhebt Euch«, sagte der Mandat. Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Befehl. »Und auch Ihr …« Er wandte sich an seine Bürger. »Hebt Eure Köpfe und hört mir zu.«

Seine Gattin stellte sich ohne Zögern neben Kezek und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm.

»Aber …«, begann Kuflinger mit heiserer Stimme.

»Lasst gut sein, Hauptmann. Diese jungen Leute haben nichts Unrechtes getan. Ganz im Gegenteil. Mich als Stadtoberhaupt trifft mehr Schuld als die beiden. Ihr beherztes Handeln hat mir die Augen geöffnet — und nicht zuletzt auch der Rat meiner Gattin«, fügte er mit einem liebevollen Blick in Richtung seiner Frau hinzu. »Viel zu lange habe ich an den althergebrachten Gesetzen dieser Stadt festgehalten — ohne mir Gedanken über sie zu machen.«

Ein Raunen ging durch die Menge, die bisher reglos den Worten ihres Oberhauptes gelauscht hatte.

Mit fester Stimme fuhr der Mandat fort. »Unsichtbare Grenzen ziehen sich durch unsere Stadt. Es gibt viele verschiedene Viertel und die soll es auch weiterhin geben. Aber die Menschen darin sind doch alle gleich — wir alle sind Bürger von Valys! Es ist an der Zeit, die alten Gesetze zu überarbeiten.«

Die Umstehenden brachen in Jubel aus, nur Kuflinger wirkte hilflos und verloren, wie er da stand, mit hängenden Schultern und verständnislosem Gesicht.

Der Mandat hob die Arme und verkündete: »Lasst uns zum Gauklermarkt gehen und diesen Tag feiern — alle gemeinsam!«

Freudig setzte sich die Menge in Bewegung und floss in respektvollem Abstand um den immer noch starr dastehenden Kuflinger. Valt machte einen Schritt auf ihn zu und durchbrach so die unsichtbare Barriere, die ihn zu umgeben schien. Er legte einen Arm um den Obersten der Garde.

»Kommt mit, Hauptmann.«

»Wohin?«

»Na, zum Fest natürlich.«

»Wie … was … ich auch?«, stotterte Kuflinger.

»Natürlich, Hauptmann. Auch Ihr seid doch einer von uns«, antwortete Valt und griff mit der freien Hand nach der Kezeks.

Lächelnd trat der Mandat neben sie. »Mir scheint, als hätte dieser Junge tatsächlich Euer Leben verändert, Hauptmann Kuflinger.« Er wandte sich um und machte sich an der Seite seiner Frau auf den Weg zum Gauklermarkt, gefolgt von den Valysern.

 

Gazli und der Buddler

 

 

»Vian kann doch nicht einfach verschwinden!«, hörst du Gazlis Stimme aus der Ferne.

Die Bilder vor deinem inneren Auge verschwinden und du findest dich auf dem Vanvan sitzend am Rande des Gauklermarktes wieder. Kezeks Kunstwerk hältst du noch immer fest umklammert, was nur bedeuten kann, dass dich die Harlundin hier hinauf gehievt hat. Nicht schlecht, so viel Kraft hättest du der hochgewachsenen, aber schmächtigen Frau gar nicht zugetraut. Sie steht ein paar Schritte entfernt und diskutiert mit einem kleinen Mann mittleren Alters.

»So ist es leider, seine Spur verliert sich im alten Tierpark. Meine Leute suchen weiter und auch ich werde mich noch an anderen Stellen umhören.«

»Verdächtig, sehr verdächtig. Gut, mach das und halte mich auf dem Laufenden.« Dann wendet sich Gazli an dich. »Na, wieder da? Lass mich raten, du hast gesehen, wie Kezek zur Berühmtheit geworden ist?«

Du nickst und übergibst ihr das Bild, welches sie sogleich sorgsam in ein Tuch einschlägt und bei deinem Gepäck verstaut.

»Ich habe acht Bilder von ihr, weißte? Sie malt nicht so viel, aber wenn, ist das Ergebnis nicht lange auf dem Markt zu finden. Man sagt, ihre Erlöse würden das ganze Atalakito-Viertel versorgen. Na, man redet so viel. Ich sage jetzt auf geht’s, da gibt es einen Ort, den ich dir zeigen muss. Also nicht nur einen, hunderte, aber diesen wirst du mögen. Er ist das Gegenteil des Gauklermarktes. Hier feiert man das Leben und dort huldigt man dem Tod.«

 

Friedhofsregeln:

Nicht laut schreien oder weinen — nicht rennen — keine elektronischen Geräte — keine Tiere — keine Garde.

 

»Ja, du hast richtig gelesen. Keine Garde«, bestätigt Gazli, als du durch das schmiedeeiserne Tor trittst. »Der alte Friedhof ist neutrales Gebiet. Hier beerdigen die Reichen aus der Oberstadt genauso ihre Toten wie die Ärmsten aus den Bleicherhütten. Hier liegen die drei Gildemeister der Dunkelstadt neben berüchtigten Meuchlern und Hexen.«

Eine riesige, mit uralten Bäumen bestückte Fläche breitet sich vor dir aus. Kein streng geometrisch angelegtes Terrain, hier verschwinden kleine Wege hinter hohen Hecken und führen zu abgelegenen Gruften. Man kann sich gut vorstellen, dass der Bereich früher nur aus einer Handvoll Gräbern bestand und nach und nach erschlossen wurde. Ein riesiges Labyrinth, in dem es wohl nur einer schafft, sich nicht hoffnungslos zu verirren.

»Hey, Zawenditreiberin!«, hörst du einen riesigen Mann erfreut rufen.

Sofort kommt er herüber, bewaffnet mit einer gigantischen Heckenschere, mit der man ganze Büsche mit einem Schnitt abrasieren könnte.

»Der Buddler, schau an, was macht die Arbeit? Kommt viel rein?«

Er umarmt sie und es wirkt so, als würde sein massiger Körper die eher zierliche Frau verschlingen wollen.

»Ja, grad viel zu tun. Hast bestimmt gehört von den Monstern in der Dunkelstadt? Die versorgen mich gut mit Arbeit. Ganz miese Sache.«

Gazli nickt und schlendert weiter, sodass Buddler ihr notgedrungen folgen muss.

»Weißt du etwas darüber?«

»Ich? Für wen hältst du mich? Ich sehe nur die furchtbar zugerichteten Körper. Will gar nicht wissen, was die durchmachen mussten.«

»Aber dein Bruder Keuler ist doch jetzt ein hohes Tier dort. Er … weiß von nichts?«

»Ach, wir trennen Beruf und Privatleben strikt. Er weiß zu viel, was mich interessiert und ich kenne zu viele Geheimnisse, die ihm nützlich wären. Viel zu gefährlich, damit könnte man den halben Rat zu Fall bringen.«

Die Harlundin führt dich in eine ruhigere Ecke des Friedhofs, hält kurz inne, blickt auf dich zurück und lässt ein kleines Lächeln über die Lippen huschen.

»Das ist ein ganz besonderer Ort, Hörnchen. Also versteh mich richtig, der ganze Friedhof ist ein ganz besonderer Ort.«

Buddler nickt eifrig zustimmend, während sie fortfährt.

»Aber dieser hier ist ein wenig magisch. Selbst ich, die nachweislich keine Wil’Manur ist, spüre, dass hier ganz besondere Menschen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Na ja, und ich weiß es, schließlich kam ich früher oft hierher, um mit — na, du wirst ihn sicher gleich kennenlernen. Setz dich einfach auf seine Bank und du wirst es auch spüren.«

Sie weist auf eine dünne, etwas klapprig wirkende Parkbank, die Buddler gerade mit einem nicht ganz so sauberen Lappen vom Morgentau befreit. Der Bank gegenüber liegen zwei Gräber, eins schon recht alt und eins offenbar erst vor wenigen Monaten angelegt.

»Und Buddler, wärst du so nett — du weißt schon? Ich hab jetzt etwas Freizeit und Ogmund hat vergessen, für Frühstück zu sorgen.«

Gazli holt ein kleines Tuch aus ihrem Rucksack, legt es auf die Sitzfläche und nimmt neben dir auf der Bank Platz. Bevor du dich beschweren kannst, warum du nicht auch ein Tuch bekommst, beginnt der Ort schon seine Magie zu entfalten. Wieder zupfst du dir eines deiner Haare heraus, hältst es fest zwischen den Fingern, legst die Hand auf die Sitzfläche neben dich und deine Gedanken reisen zurück in eine gar nicht so ferne Vergangenheit.

 

 

Sprachen

Pauline Dent 

 

 

E

in Nachmittag im Spätsommer. Die Friedhofsmauern werfen lange Schatten auf die ordentlich gemähte Wiese und die Reihen grauer Grabsteine. Wie kleine Galionsfiguren stehen sie da, stocksteif, in Reih und Glied und bewachen die schmalen Schotterwege, auf denen Verwandte und Angehörige ihre verstorbenen Mitmenschen besuchen können. Gerade ist allerdings nicht viel los. Obwohl die Sonne scheint, vielleicht das letzte Mal dieses Jahr, sind die Wege leer. Nur der Gärtner streift mit seiner Schubkarre umher und schneidet den verblühten Narzissen vom Frühling die Köpfe ab.

Doch, da ist noch jemand. Auf einer Bank, dicht an der hinteren Mauer, dort, wo das Gras nicht mehr ganz so sorgsam gemäht wird und die Grabsteine nicht mehr glänzen, sitzt ein Mann. Er muss alt sein, denn er sitzt, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, über einen langen Gehstock gebeugt. Er starrt auf ein Grab direkt vor sich. Ein grober, dunkelgrauer Stein, neben dem ein schmales, durchlöchertes Holzrohr in der Erde steckt. Es muss schon lange dort stecken, denn es hat tiefe Furchen und ist von einer dünnen Moosschicht überzogen.

Der Mann seufzt. Das ist das erste Geräusch, das er seit Stunden von sich gegeben hat. Wie um ihm zu antworten, wirft eine knorrige Eiche, die kaum zwei Meter von der Bank entfernt steht, eine ihrer Früchte ab und lässt sie auf das Grab kullern. Erst jetzt fällt auf, dass hier keine Narzissen gepflanzt sind. Aber das ist auch nicht nötig, denn die Natur hat sich selbst dieser Aufgabe angenommen. Die Randmarkierungen des Grabes sind — falls es jemals welche gegeben haben sollte — völlig unter einem Meer aus Gänseblümchen, Löwenzahn und Butterblumen verschwunden. Wer weiß, vielleicht kommt in ein paar Monaten auch ein kleiner Eichenstrauch dazu.

Zumindest hofft der Mann darauf. Er hat den Aufprall der Eichel auf der Erde gehört. Er drückt dem kleinen Ding die Daumen, denn seiner Frau hätte so ein Strauch sicher gefallen. Seiner Frau gehört das Grab. Ihre Leiche war es, die man vor zehn oder mehr Jahren dort verbuddelte. Ihr Name wurde in den groben Fels über ihr gehauen, das weiß der Mann, obwohl die Schrift nun schon so zugewachsen ist, dass man sie nicht mehr hätte entziffern können.

Der Mann starrt weiter auf das Grab. Nein, nicht direkt auf das Grab, auf den Stein? Nein, auch nicht. Er sieht in die Richtung, aber sein Blick hat etwas Diffuses, Unscharfes. Er sieht nicht richtig hin. Es scheint eher, als sähe er etwas vor seinem inneren Auge, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Aber seine Gedanken sind bei ihr. Seine Gedanken sind da, wo er sie kennengelernt hat.

 

Das Phoxigon. Eine riesige Spieluhr am Rand des Automatenviertels. Na ja, damals war sie noch nicht riesig. Damals war sie noch gar nichts so richtig außer einer Baustelle. Harry konnte sich vorstellen, dass sich Fremde, die den überraschend großen, hallenartigen Raum zum ersten Mal betraten, noch nicht so richtig vorstellen konnten, wie daraus mal ein Musikinstrument werden sollte. Fremde, die nicht wie er seit zwei Jahren daran bauten. Harry wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Es war Hochsommer und die Sonne brannte gnadenlos auf das dunkelrote Giebeldach herunter. Über seinem Kopf hörte er die Schuhe eines Mitarbeiters über den Boden schaben. In seiner Haut wollte Harry nicht stecken, dort oben musste man sich fühlen wie in einem Brutkasten.

Die Orgel war in mehreren Etagen angelegt: dem Erdgeschoss und zwei Zwischenböden, sodass drei Stockwerke entstanden. Diese Stockwerke reichten jedoch nur in den hinteren Teil des Gebäudes, nach vorn endeten sie an der Spieluhr in einer etwa einen Meter hohen Brüstung. So konnten Besucher, die später eintreten würden, um ihrem Spiel zu lauschen oder zuzusehen, wie die Klappen und Ventile der Orgelpfeifen arbeiteten, die ganze Orgel betrachten, die praktisch unter der Decke schwebte. 429 Orgelpfeifen, die jetzt, noch in Holzkisten verpackt, im Lagerraum hinter der Spieluhr standen. Drei verschiedene Klangfarben, jeweils elf Oktaven. Sie beinhalteten Frequenzen, die Menschen zum Teil gar nicht mehr wahrnehmen konnten. Harry beflügelte die Vorstellung, Klänge zu erzeugen, die für die Ohren ganz anderer Wesen bestimmt waren, nicht für seine.

»Entschuldigung, was machen Sie da?«, eine Stimme riss ihn aus den Gedanken. Er drehte den Kopf ein wenig. Es war die Stimme einer Frau, vielleicht 23 oder 24 Jahre alt, jedenfalls nicht viel älter als er.

»Ich baue an einer Spieluhr«, sagte er.

Ein schleifendes Geräusch, als sie sich neben ihn auf den Boden setzte.

»Das sehe ich, aber was genau?«

Er hatte mit dem Gesicht zur Brüstung am Rand der mittleren Etage gesessen und einen hölzernen Ring von ca. einem Meter Durchmesser mit dünnem, seidigem Stoff ausgekleidet. Jetzt drehte er sich zu ihr, damit sie sein Werkstück betrachten konnte.

»Das soll mal einen Geigenbogen nachstellen. An die linke Seite kommt dann ein kleiner Turm aus insgesamt acht Violinen, rechts das gleiche, nur mit zwei Kontrabässen. Dieser Ring wird dann drauf gesetzt und dreht sich im Kreis. Wie ein unendlicher Bogen.«

»Und das funktioniert?«

»Das hoffe ich. So was Ähnliches habe ich mal in einem Instrumentenladen gesehen, also muss es wohl möglich sein.«

»Baut Ihr auch Blasinstrumente ein?«

»Nicht direkt, aber zumindest etwas, das mit Luft funktioniert. Der Grundstein für das ganze Gebilde ist eine Orgel. Hast du schon mal eine gesehen?«

»Nicht in echt, aber auf Bildern.«

Eine kurze Pause trat ein. Für einige Sekunden waren nur die dumpfen Arbeitsgeräusche der anderen Handwerker und ihr leises Gemurmel zu hören, das von der hohen Decke abprallte und als verschwommener Singsang zurückkehrte.

»Wie heißt du eigentlich?« fragte Harry.

»Sarah. Und du?«

»Harry.«

»Dann viel Erfolg, Harry. Ich muss jetzt wieder an die Arbeit.«

Er wollte sich bedanken, aber da hörte er schon die Treppe zum Erdgeschoss knarzen.

 

Das nächste Mal kam sie früher. Zwei Tage waren vergangen und es war 8:00 Uhr morgens.

»Mein Unterricht ist ausgefallen«, sagte sie und setzte sich neben ihn.

Er saß wieder an der Brüstung, diesmal näher an der Wand und mit dem Rücken zum Geländer und arbeitete am unendlichen Bogen.

»Unterricht?«, fragte er.

Schnallen schnappten und ein Geräusch von Holz auf Holz. Dann drückte sie ihm einen hölzernen Stab in die Hand. Er war glatt, circa 60 Zentimeter lang und hatte fingernagelgroße Löcher in regelmäßigen Abständen. Aus dem Gewicht schloss Harry, dass es sich um ein Rohr handelte.

»Du spielst Flöte?«

Stille mit Luftzug. Sicher ein Nicken.

Er drehte den Gegenstand in der Hand und fuhr mit den Fingerspitzen daran entlang. Er hatte kein Mundstück im eigentlichen Sinne, nur einen Holzstopfen an einem Ende und einen Ring, der von der geschlossenen Seite aus betrachtet bei einem Drittel der Länge angebracht war.

»Wie funktioniert das? Sie ist ja oben zu.«

»Nicht ganz. Seitlich am Kopf ist ein Loch, da kann man drüber pusten wie bei einer Flasche.«

»Und da soll ein Ton raus kommen?«

»Ja, ein ziemlich schöner sogar. Finde ich jedenfalls.«

Sie nahm ihm das Instrument wieder ab und kaum eine Sekunde später erfüllte ein klarer, luftiger Ton die Halle.

Er schüttelte den Kopf.

»Dafür gibt es Lehrer in Valys?«

»Ja, eigentlich ist das eine ziemliche Seltenheit. Die Welt hat unsereins noch nicht so richtig entdeckt.«

»Und wie kamst du dann darauf?«

»Mein Vater hat mir mal eine geschenkt. Irgendein Händler hat welche verkauft und weil ich von allem, was mit Musik zu tun hatte, total begeistert war, hat er gedacht, er bringt sie mir mal mit. Die meisten Instrumente sind ja ziemlich teuer, die nimmt man nicht einfach mal mit, aber so eine Traversflöte ist im Prinzip ganz simpel. Eigentlich nur ein Rohr mit Löchern. Ich fand sie dann so toll, dass ich ein paar Jahre später eine richtige bekommen hab. Und Unterricht am anderen Ende der Stadt.«

»Sag mal, meinst du, ich könnte mir diesen Unterricht mal anschauen? Also, anhören?«

»Klar, wieso nicht.«

»Wann ist denn das nächste Mal?«

»Morgen. Ich gehe dreimal die Woche hin.«

»Das ist ja ambitioniert.«

»Muss es auch sein. Ich will nächstes Jahr im Opernhaus vorspielen. Eine Querflöte ist für die Sponsoren auch neu, der Überraschungseffekt ist also auf meiner Seite. Einfach wird es aber trotzdem nicht.«

»Heißt das, du willst das zum Beruf machen?«

»Bei so viel Zeit, wie ich da reinstecke, ist es schon fast ein Beruf, nur dass ich noch kein Geld verdiene.«

»Das ist mutig. Ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde.«

»Was hast du denn vor?«

»Keine Ahnung. Erstmal dieses Ding hier fertig bauen«, er deutete mit dem Kinn in Richtung des Phoxigons, »aber danach …«

So richtig hatte er tatsächlich noch nicht darüber nachgedacht. Seine Eltern fragten nie, schließlich hatte er die Schule abgeschlossen und jetzt einen Job.

Ein paar Minuten lang saßen sie da, jeder in seine Gedanken vertieft. Ohne es zu bemerken, hatte Harry aufgehört, an dem Holzgestell herumzubasteln und es irgendwo neben sich gelegt. Als er danach zu tasten begann, hörte er ein Klappern vor sich und dann etwas Festes an seinem Bein. Das Mädchen, Sarah, wie er sich in Erinnerung rief, hatte den Ring aufgehoben und hielt ihn ihm nun hin.

»Danke«, sagte er und tastete sich daran entlang, um herauszufinden, wo er aufgehört hatte.

»Gern geschehen. Was ist das für ein Stoff?«

»So was Ähnliches wie Seide, aber nicht von Raupen, sondern von Spinnen.«

»Warum Spinnen?«

»Ein Spinnenfaden ist aufgebaut wie eine lange, dünne Feder. Dadurch ist der Stoff elastisch und viel stabiler als normale Seide. Ein Kokon muss schließlich nicht besonders dehnbar sein, aber ein Spinnennetz schon.«

»Verstehe.«

Wieder schwiegen sie einen Moment, dann sagte Sarah: »Ich gehe noch ein bisschen in die Stadt. Morgen hab ich nachmittags Unterricht, soll ich dich um halb zwei hier abholen?«

»Das wäre gut.«

 

»Bist du bereit?«

Sie schien ein bisschen aufgeregt. Der Weg dauerte zu Fuß etwa 40 Minuten, aber da es ein schöner Tag war, störte Harry sich nicht daran. Er hatte seinen Mitarbeitern Bescheid gegeben und freute sich über ein wenig Abwechslung.

Am Anfang unterhielten sie sich, dann gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her und irgendwann begann sie leise zu summen. Die Melodie sagte Harry nichts, aber er vermutete, dass sie im richtigen Kontext Sinn ergab.

Er fühlte sich wohl. Die Sonne wärmte seinen Rücken und seine um den Gehstock gelegte Hand, die Geräusche der Stadt wurden leiser, als sie auf einen schmalen Feldweg einbogen. Er roch Mais und Getreide. Erst jetzt wurde ihm so richtig bewusst, wie lange er nicht mehr draußen gewesen war.

Von irgendwo hinter den Feldern drang ein Geräusch zu ihnen durch. Erst als sie sich näherten, konnte er bestimmen, aus welcher Richtung es kam.

»Ist das die Musikschule?«, fragte er.

»Was?« Sie schien irritiert.

»Das Geräusch.«

»Ach so. Ja, wahrscheinlich.«

Eine seltsame Antwort. Aber es war die Musikschule. Als sie näher kamen, konnte Harry langsam verschiedene Instrumente heraushören, zwei schiefe Geigen, ein Klavier und jemanden, der sang. Immer wieder kleine Fetzen, unterbrochen von tadelnden Lehrern, hier und da eine Melodie, die ihm bekannt vorkam.

»So kenne ich das gar nicht«, sagte er nachdenklich.

»Hm?«

»Alle möglichen Instrumente durcheinander.«

»Aber du spielst doch ein Instrument, oder?«

»Ja, nur nicht in einer Musikschule. Ich hatte früher Klavierstunden bei einem Freund meiner Mutter.«

»Tja«, ihr Schritt wurde schneller, als sie sich dem Eingang näherten, »ich kenne es nur so.«

Die Musikschule war ein kleines, altes Gebäude mit steilen Treppen und knarrenden Böden. Es roch nach Holz und Schmierfett. Sarahs Raum lag im ersten Stock, hinter einer Tür, von der die Farbe abblätterte. Die Lehrerin war eine freundliche Dame, die sicher schon zu Zeiten des Ordens hier gesessen und Kindern das Flötenspiel beigebracht hatte.

Als erstes spielte Sarah einige lange Töne, dann allein eine Etüde und schließlich ein Duett mit ihrer Lehrerin. Obwohl die Stücke für Harrys Geschmack zu hektisch waren, beeindruckte ihn die Leichtigkeit, mit der Sarah die Noten umher hüpfen ließ. Die Melodie, die sie auf dem Weg gesummt hatte, erkannte er nicht wieder.

 

Als sie sich auf den Rückweg machten, war es bereits leiser ums Haus geworden und die letzten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die Blätter der vereinzelten Bäume. Obwohl Harry sie nicht sehen konnte, spürte er die frühherbstliche Abendstimmung.

Sarah redete wie ein Wasserfall. Den gesamten Fußmarsch über erzählte sie von verschiedenen Arten, die Flöte an den Mund zu setzen und wie schwer es sei, dabei richtig zu intonieren.

Aber Harry gefiel das. Er lauschte ihr aufmerksam und sie schien sich nicht daran zu stören, dass er kaum Antworten gab. Als der Stadtkern näher rückte, hielt sie kurz inne und fragte dann: »Hast du Lust, noch etwas trinken zu gehen?«

Natürlich hatte er. Also kehrten sie in einer kleinen Gaststätte auf dem Rotpflaster ein.

---ENDE DER LESEPROBE---