Vater Matthäus - Fritz Deutsch - E-Book

Vater Matthäus E-Book

Fritz Deutsch

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Beschreibung

2025, zwischen Syrien und der Türkei herrscht endlich Frieden. Bei Ausgrabungen in der türkischen Stadt Antakya findet Peter Pollmann einen alten Kodex. Diese Schrift, ist sie ein früher Kommentar zum Matthäus-Evangelium? Mit jeder Seite, die Peter entziffert, stellen sich ihm neue Fragen zu seinem Beruf, seiner Familie, seiner Kirche, seiner Assistentin. "Vater Matthäus" erzählt auch von zwei Söhnen und ihrer Auseinandersetzung mit ihren Vätern.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt:

Vorwort

Antakya

Der Fund

Text 1

Ordnung

An die Öffentlichkeit

Text 2

Die ferne Familie

Text 3

Bruder Elias

Text 4

Der Vorwurf

Text 5

Ehe

Text 6

Text 7

Zwischen den Frauen

Text 8

Verzeihen

Die Heimreise

Zerstörung

Im Flugzeug

Zurück in Bonn

Antrittsbesuch

Text 9

Gedanken

Klaras Hochzeit

Julias Taufe

Text 10

Monsignore Teitelbach

Noch einmal Irmgard

Peters Traum

Text 11

Text 12

Die Priesterweihe

Die Primiz

Text 13

Das Ende

Palliativstation

Beerdigung

Danke

Vorwort

Herbst 2042, im Zug nach München. Ich komme von der Beerdigung von Dr. Peter Pollmann, Professor der Universität Bonn für alte Sprachen des östlichen Mittelmeerraumes, meines verehrten Lehrers und Freundes, des Mannes, dem ich nach meinen Eltern am meisten zu verdanken habe. Durch ihn bin ich heute da, wo ich immer hinwollte, auf einem Lehrstuhl für alte Sprachen. Ich habe ihn verehrt, habe ihn geliebt. Peter war mein Idealmann. Zusammen waren wir in der Türkei, haben jenen Kodex rekonstruiert, der heute als der früheste Kommentar zum Matthäus-Evangelium gilt. Dann überließ Peter mir unsere Ergebnisse, die die Grundlage meiner Habilitationsarbeit wurden. Peter gab mir alles. Peter war mein Idol.

Vor drei Jahren schrieb er mir, dass er krank sei und nicht mehr aktiv forschen und lehren könne. Er war emeritiert worden. Nun sei es an der Zeit, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Ein Jahr später erhielt ich seine Notizen. Er bat nur, sie zu seinen Lebzeiten nicht zu veröffentlichen. Das könne ihm Schmerz bereiten. Ich erkannte den alten Text wieder, aber Peter hatte fast wie in ein Tagebuch seine Gedanken und Erfahrungen hinzu geschrieben. Danach wurden die Notizen seltener, persönlicher. Warum er sie mir schickte, blieb mir bis heute ein Rätsel.

Erst nach dieser Beerdigung sehe ich klarer. Er wollte seine Aufzeichnungen retten. Seiner Frau konnte er sie nicht geben, sie schien mir verbittert und hätte einiges darin gelesen, das ihre Bitterkeit noch verstärkt hätte. Nach der Beerdigung sagte sie zu mir: „Nun hat er mich zum zweiten Mal im Stich gelassen.“ Ihre Gefühle boten keine Grundlage dafür, seine Aufzeichnungen zu würdigen. Seiner Tochter Klara wollte er sie ebenfalls nicht geben. Mit ihren drei Kindern ist sie im Augenblick mehr als ausgelastet. Bleibt sein Sohn Paul. In der Beerdigungsmesse stand er am Altar. Aber dort stand kein trauriger Sohn, nach Körpersprache und Ausdruck stand dort ein Priester, der sich seines Sieges freute, selbst wenn es ein Sieg durch Tod des Feindes war. Denn Paul war sein Feind geworden. Seit Peters Aufenthalt in der Türkei war das Gespräch zwischen Vater und Sohn immer weiter abgerissen. Peter fand keinen Kontakt mehr zu dem Sohn, auf den er einmal so stolz war. Ihm sollte man den Nachlass seines Vaters anvertrauen?

So hat Peter mir den Text geschenkt. Und hier lege ich ihn vor. Es sind Gedanken eines Mannes, den ich liebte, und sie sollen nicht im Dunkel des Vergessens verschwinden. Der Zug fährt in den Bahnhof von München ein.

Ein Jahr später ist das Werk druckreif. In diesem Jahr habe ich noch manches gelernt, was Peter anging. Auch sein Sohn Paul hat mir aus seinem Tagebuch vorgelesen. Wenige Zeilen habe ich selbst am Ende dieses Manuskripts hinzugefügt. Auch sie werfen ihr Licht auf das Leben von Peter Pollmann. Ihm übergebe ich nun das Wort.

München 2043 Dr. Irmgard Nolten

Der Fund

Ein Donnerstag im Mai 2025, Antakya, Türkei. Irmgard und ich stiegen in den Jeep, mit dem uns Ali zu unserem Laborzelt an der Ausgrabungsstätte bringen sollte. Ali war unser Chauffeur, Helfer, Bewunderer, Aufmunterer. Ohne Ali waren wir in diesem staubigen Land, das noch die Narben des türkisch-syrischen Krieges trug, verloren.

„Hallo, Ali!“

„Hallo, Ali!“

„Hallo Miss Irmgard! Hallo Mister Peter! Guter Tag heute. Sie hoffentlich finden schöne Bilder. Dann bauen Sie ein Museum, viele Gäste kommen aus ganzer Welt, und Ali kann viele schöne Lira verdienen. Mister Peter, finden Sie heute ein schönes Bild!“

Wir würden heute wieder kein schönes Bild finden, und doch sollte der Fund dieses Tages sowohl mein als auch Irmgards weiteres Leben prägen.

Trotz Alis Fahrkünsten war es eine unangenehme Autofahrt, ehe wir im Grabungslager ankamen, einem primitiven Zeltdorf vor der Stadt, in das sich nur ein Mensch verirrt, der auf wichtige archäologische Funde hofft. Der einzige Lichtblick in diesem Lager war meine Assistentin Irmgard, deren Optimismus weder durch Sand noch durch Ungeziefer zu trüben war. Und von beiden gab es hinreichend viel in unserem Laborzelt.

Ich war als Spezialist für alte Sprachen in die Türkei gekommen, um alle bei einer Ausgrabung gefundenen Texte gleich vor Ort zu lesen und zu interpretieren. Irmgard war meine Assistentin, seit dem letzten Jahr war sie Frau Doktor. Als ich sie gefragt hatte, ob sie mit mir in die Türkei komme, um die neuen Ausgrabungen zu begleiten, hatte sie sofort zugesagt. Nach Jahren der Unzugänglichkeit wieder in diesem Gebiet nahe der Grenze zu Syrien forschen zu können, das wollte sich wohl niemand entgehen lassen. Nicht so freudig reagierten meine Frau und meine Kinder auf den Plan, für einige Zeit in die Türkei zu gehen. Helen wurde dadurch mit einem Mal alleinerziehende Mutter zweier pubertierender Kinder. Es würde für sie keine einfache Zeit werden. Dazu kannte sie Irmgard und wusste, welche Wirkung diese Art Frau auf mich haben kann.

Aber noch war bei dieser Ausgrabung nicht viel mehr Text gefunden worden als hier und da eine alte Inschrift, deren Übersetzung ich meiner Assistentin anvertrauen konnte. Man kann nicht sagen, dass mich die Arbeit überlastet hätte, eher der Staub und die Sonne und der niederdrückende Zustand dieser Gegend nach dem Krieg. So hatte ich viel Zeit, zu viel Zeit, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, wie meine Frau am Telefon meinte. Abends pflegte ich im Gästehaus unseres Archäologenteams, das sich stolz „Hotel“ nannte, Heimweh und Langeweile, tagsüber lungerte ich bei den Ausgrabungen herum in der Hoffnung, dass sich endlich etwas ereigne, wozu man mich brauchen würde.

Man schien mich im Grunde nicht zu brauchen. Das änderte sich vor zwei Wochen. Seitdem gab es täglich neue Scherben, manche mit Zeichen und Symbolen. Es ist, als hätten wir ein christliches Haus aus dem ersten Jahrhundert angegraben: Einige Steine trugen Zeichen, einen Davidstern oder das Bild einer Buchrolle, eines Fisches, eines Brotes. Und dann die Überraschung. Wir fanden einen Tontopf, und –

er war verschlossen. Das treibt einem Archäologen den Puls in die Höhe. Der Topf wurde an seinem Fundort vermessen, fotografiert. Dann, langsam, ganz langsam lösten wir ihn aus dem Untergrund und brachten ihn in unser Laborzelt. Dann standen alle darum herum, als es galt ihn zu öffnen.

„Finden wir jetzt den großen Schatz?“ Irgendein Mitarbeiter musste eine solche Bemerkung machen.

Ausgräber wie wir hoffen immer auf den großen Schatz, träumen von einer Karriere wie der des Howard Carter, als er das Grab des Tut Ench Amun fand, und finden doch meistens nur Alltag.

Unser Ausgrabungsleiter selbst löste den Deckel und sah in den Topf. Darin steckte, verklebt und verbacken, ein dünner Kodex, eher ein Heft, wie sie damals die Händler benutzten, um ihre Geschäftsnotizen aufzuschreiben. Es waren etliche Bogen Papyrus, anscheinend mit ungelenken griechischen Buchstaben beschrieben. „Peter, das ist nun Ihre Arbeit, geben Sie sich dran, vielleicht enthält das Papier noch einige Hinweise. Ich bin gespannt, was auf diesen Bogen steht.“

Mit einem solchen Fund hatte ich nicht gerechnet, als ich vor über einem Jahr nach Antakya in die Türkei kam, in das antike Antiochia. Und jetzt sind alle aufs äußerste gespannt, was diese Bogen enthalten. Haben wir endlich Textzeugnisse aus der frühesten Zeit des Christentums? Die Schicht, in der der Tontopf lag, konnten wir auf ungefähr 120 nach Christus datieren. So nahe kamen wir noch selten an die Anfänge der christlichen Kirche. Jetzt kommt es darauf an, was wir auf den Bogen finden. Aber ein Laborzelt war nicht der geeignete Ort, um einen so bedeutsamen Kodex zu entpacken. Hier waren die Bedingungen eher geeignet, den Papyrus zu verderben.

Unverzüglich mieteten wir in Antakya einen Raum und richteten ihn als Labor ein, um dort den Papyrus zu untersuchen. Um es genau zu sagen: Ali besorgte uns einen geeigneten Raum und wir brachten unsere Ausrüstung dahin. Erst danach konnte unsere Arbeit beginnen.

„Dann wollen wir dem alten Topf zu Leibe rücken!“

Ich löste von dem alten Papyrus langsam die erste Seite ab und begann zu lesen. Irmgard sah mir zu. Und was ich dann las, das war eine Sensation.

„Irmgard, du glaubst nicht, was ich hier habe.“

„So aufgeregt, wie du klingst, sicher Rechnungen über einen antiken Möbelkauf? Hast du den Nachweis gefunden, dass IKEA damals im antiken Syrien erfunden wurde?“

Wenn ich allzu aufgeregt wurde, kam von ihr diese Art von Humor.

„Blödsinn. Sieh einfach! Wenn es das ist, was ich vermute, dann haben wir hier einen Bericht über die Entstehung eines Evangeliums. -

Bist du bibelfest? Weißt du, welcher Evangelist hier in dieser Gegend geschrieben hat?“

Irmgard sah sich die Seite an, die ich schon herausgelöst hatte.

„Matthäus.“

In den folgenden Tagen begannen wir damit, den Kodex, also das Heftchen aus Papyrus, Seite für Seite frei zu legen, eben soweit es noch möglich war. Es war eine mühsame und langsame Arbeit. Vieles war nicht mehr zu lesen, doch war genug übriggeblieben, um wenigstens einige Hauptgedanken zu erkennen. Den Rest mussten wir ergänzen. Wir lasen und staunten. Wird man die Theologie neu schreiben müssen? Schrieb hier jemand, der den Evangelisten Matthäus genau kannte? Sein Sohn?

Text 1

Als Vater unser Haus betrat, spürte man seinen Zorn, noch ehe man ihn selbst sah. Ich hörte Mutter sagen: „Wenn dich der neue Weg dieser Galiläer so sehr schmerzt, warum verlässt du ihn nicht einfach und gehst deinen eigenen Weg?“ Vater sagte nur: „Nicht der neue Weg, der gerade nicht, aber was einige daraus machen.“ Mutter schwieg.

Später fragte ich ihn, was denn einige aus dem neuen Weg machten. „Es ist kein neuer Weg mehr.“ und dann: „Was neu sein wollte, das verbiegen sie so lange, bis es wieder der alte Weg ist. Allen Menschen sollte der Weg zum Himmelreich offenstehen, so soll der Rabbi Jesus gelehrt haben, und jetzt reden sie wieder von Beschneidung, von koscherem Essen, von Tallit und Tefillin. Und die ganz Frommen fragen schon wieder nach der Abstammung von Abraham, und dann beten sie einem die ganze Liste ihrer Vorväter herunter.“

Wenn ich heute nach all den Jahren daran zurückdenke, dann beschleicht mich ein banges Gefühl, was wohl wäre, wenn man eines Tages diese Abstammung von Abraham gegen uns wenden würde? Was in die eine Richtung geht, das läuft auch in die andere.

„Stammen wir von Abraham ab?“

„Junge, das ist eine sinnlose Frage. Vielleicht, vielleicht nicht. Der Rabbi Jesus legte darauf wohl keinen sonderlichen Wert. Nicht, wo man herkommt, zählt, sondern wo man hingeht.“ 1

„Und was willst du jetzt machen?“

„Ich werde aufschreiben, wie Jesus diesen Weg sah, alles, was man mir erzählt hat. Wenn man hier die Unbeschnittenen in der Gemeinde an den Rand drängt, kann ich es nicht ändern. Aber vielleicht kommt einmal eine Zeit, dann wird man wieder nachdenken, dann wird man wieder fragen. Hier und heute kann man nur noch resignieren. Vielleicht werden deine Kinder einmal nachfragen. Dann gib ihnen meine Antwort.“

Ich musste lachen, als Vater meine Kinder erwähnte. Daran dachte ich damals noch nicht, obwohl mir schon die Hannah gefiel, aber sie durfte es auf keinen Fall bemerken, und erst recht nicht meine Eltern. Selbst jetzt noch überkommt mich ein Lächeln, wenn ich auf meine vielen Jahre mit Hannah zurückblicke, aber das ist eine andere Geschichte.

Vater kaufte sich damals also Papyrus und begann zu schreiben. Abendelang saß er da und schrieb, ging zwischendurch im Zimmer auf und ab und sagte vor sich hin, was er schreiben wollte.

„Es muss eine gute Ordnung haben“, das war seine Antwort, wenn ich nach seinen Selbstgesprächen fragte.

Dann kam der Tag, an dem ich ihn fragte:

“Warum ist Ordnung so wichtig?“

„Als der Ewige die Erde erschuf, da lag eine riesige Unordnung vor ihm. Und der Geist Gottes schaute herab auf diese Unordnung. 2 Wir reden hier Griechisch, aber unsere alten Schriften sind in Hebräisch geschrieben, und da ist der Geist ein weibliches Wort. Und was wird sie wohl gesagt haben, die Gottesgeist?“ Etwas Schalkhaftes blitzte bei dieser Frage in seinen Augen.

„Was hätte Mutter wohl gesagt? Na?“

„Hier muss dringend einmal aufgeräumt werden.“

„Siehst du, und deshalb räumte der Ewige dieses ganze Chaos auf. Was wir Schöpfung nennen, das war ein einziges großes Aufräumen und Ausschmücken. Alles sollte seine gehörige Ordnung haben. Deshalb schuf er auch zwei Standbilder, die zeigen sollten, dass er alles gut geordnet hatte und dass er alles gut regierte, eben den Mann und die Frau. Als seine lebenden Bilder sollten sie die ganze Schöpfung beschützen und regieren. Das ging auch lange gut. Aber wir Menschen machten wieder Unordnung.“

„Wieso?“

„Am sechsten Tag wurden die Tiere und dann die Menschen gebildet, aber schon bald erklärten die Menschen, was am Nachmittag geschaffen sei, sei wichtiger als das am Vormittag Geschaffene. Und dann erzählten sie, wie Gott aus der Seite des Menschen ihm eine Gehilfin gemacht habe, doch nun sagen sie, was zuerst da gewesen sei, das sei das Wichtigere. Siehst du, immer produzieren sie ein System der Herrschaft und Überordnung, oder ein System der Ausgrenzung. Ein Nebeneinander scheint keine Ordnung für die Menschen zu sein.“

„Du sprichst von Mann und Frau, und dass der Mann sich für wichtiger hält als die Frau?“

Hielt ich mich für wichtiger als Hannah? Ich glaube nicht. Aber die Leiter unserer Gemeinde sagten, dass es immer so sei. Was hatten sie erlebt, dass sie heute so dachten?

Vater hatte wieder das Blitzen im Auge:

„So sagen sie. Aber sag selbst, ist deine Mutter mir untergeben?“

Wir lachten. Vielleicht gab es zu allen Zeiten zwei Sorten Menschen, diejenigen, die einander beherrschten und unterwarfen, und die Liebenden, wie meine Eltern. Es gab Tage, da klang es aus einem Haus auf der anderen Seite unserer Straße gerade so, als gehörten sie zur ersten Sorte.

„Der Ewige, immer wieder versuchte er es aufs Neue mit den Menschen, und immer wieder machten sie seine Ordnung zunichte. Dann versuchte er es einmal mit nur einem einzigen Menschen. Der hieß Abraham, und Gott versprach ihm, ihn zu einem großen Volk zu machen. Ich stelle mir vor, wie sich der Ewige ganz behaglich gefühlt hat, wenn er den Abraham sagen hörte ‚Mein Gott‘, wenn er die Opfer sah, die Abraham ihm brachte. Abraham, das war sein Freund, das war der neue Anfang. Aber auch Abraham verstand die Ordnung Gottes nur halb. Stell dir vor, eines Tages glaubte er, Gott einen Gefallen zu tun, wenn er ihm seinen eigenen Sohn als Opfer schlachtete. Wenn Gott nicht schnell eingegriffen hätte, wäre es um dieses Kind geschehen gewesen, und damit auch um das ganze Volk.“

Sein eigenes Kind opfern, seit ich ihn zum ersten Mal hörte bis auf den heutigen Tag erschaudere ich bei diesem Gedanken. Als Junge wusste ich noch nicht, wie häufig gerade das vorkommt, dass Menschen meinen, Gott einen Gefallen zu tun, wenn sie etwas zerstören. –

Meine Eltern kamen mir zwar immer als sehr fromm vor, aber so etwas würden sie sicher nicht tun. Damals dämmerte mir zum ersten Mal, wie zerstörerisch selbst Frömmigkeit sein kann.

Vater scheint mein Erschrecken nicht bemerkt zu haben, denn er fuhr fort:

„Na ja, so groß wurde dieses Volk dann nicht, aber es hatte einen Bund mit Gott, es kannte seine Weisungen. Es hätte alles so schön ordentlich werden können. Aber dann kam einer auf den Gedanken, dass die Leute aus diesem Volk besser seien als die anderen Menschen. Andere widersprachen und meinten, die Aufgabe des Abraham-Volkes sei es, allen Menschen ein Vorbild zu sein. Am Ende zankten sie mit einander und ebenso mit allen anderen. Da kamen die Römer und zerstörten ihr Land, ihren Tempel, und zerstreuten sie in die ganze Welt. Das hatten sie davon.“

„Gehören wir zu diesem Volk?“

„Ja. - Aber in unseren Tagen machte der Ewige wieder einen Neuanfang.“

„Du meinst das mit diesem Jesus?“

„Ja.“

„Und werden die Menschen sich dieses Mal an die Gottesordnung halten?“

„Ich glaube nicht“, Vater klang resigniert, „vielleicht Einige, vielleicht ein paar mehr als beim letzten Mal.“

„Und für die schreibst du alles auf?“

„Mein gescheiter Sohn, ja, genau für die. Es darf nicht sein, dass am Ende nur die Stimme der Unter- und Überordnung überlebt.“

Vater schrieb also weiter, Abend für Abend. Er schrieb nicht nur über die neue Ordnung Gottes, er schrieb alles auf, was er über den Rabbi Jesus gehört hatte. Jesus war sein Freund, ihn wollte er verstehen, und das war oft nicht einfach.

1 Siehe Mt 3,9.

2 Siehe Gen 1,2.

Ordnung

Wer kann eine alte Schrift lesen, ohne darüber nachzudenken? Seit ich in dem Kodex gelesen hatte, dass Gott die Erde aufgeräumt habe, ging mir dieser Gedanke nicht aus dem Kopf. Ein Gang zum Markt zeigte mir die ganze Wuseligkeit orientalischen Lebens. Das sollte Ordnung sein?

Irmgard schien es ähnlich zu ergehen, denn abends fragte sie mich:

„Hat Gott die Welt wirklich geordnet?“

„Unser Autor glaubt es zumindest. Du meinst aber, es gebe noch zu viel Unordnung?“

„Manchmal scheint es mir so zu sein. Aber dann sehe ich: Selbst die Unordnung hier hat etwas von einer heimlichen Ordnung an sich. Hier gibt es viel Chaos, damit kann man fest rechnen. Doch selbst das Chaos ist irgendwie geordnet.“

„Man müsste wissen, welche Ordnung Gott meinte, als er die Welt ordnete.“

Das Gespräch machte eine Pause. Welche Ordnung? Auch der Bazar hatte seine Ordnung. Selbst das Gefälligkeitswesen war geordnet, du gibst, du bekommst. Es gab hier nicht die Regelung unserer deutschen Gesellschaft, hier gab es orientalische Ordnung. Welche Ordnung war besser?

Ich erinnere eines Spaziergangs mit Helen. Im Wald gerieten wir an einen kleinen See, in einer Senke, umgeben von Felsen voller Moos und Farn. Vor uns lief Wasser einen der Felsen herab, fiel kleine Strecken, rieselte durch Moosbärte, murmelte, platschte, sammelte sich endlich in dem See, blieb aber nicht dort, sondern floss in einem flachen Bächlein weiter zu Tal. Alte Buchen hüllten den Platz in zartgrünes Licht. Wäre jetzt eine Fee, ein Faun erschienen, es hätte mich nicht verwundert. Helen war ganz leise. Meine Gefühle an diesem Ort könnte ich religiös nennen. Es waren keine theologischen Gefühle, sondern eine Andacht, die von dem Ort ausging, als sagte einer: „So ist es gut.“

Als Helen eine Weile zur Seite ging, schaute ich dem Wasser im kleinen Bächlein zu. Da sah ich es: Hinter einer Biegung bildete sich ein Wirbel, drehte das Wasser im Kreis, nahm ab und zu ein Blättchen Laub mit, drehte sich – und verschwand. Nun floss das Wasser wieder geraden Weges seine Bahn, bis nach wenigen Atemzügen sich wieder ein Wirbel bildete, sich drehte und drehte und wieder verschwand. Minutenlang sah ich dem Spiel des Wassers zu, dass immer an derselben Stelle einen Wirbel bildete und ihn wieder auflöste. Hier sah ich eine Ordnung besonderer Art, die Ordnung des Lebens, das keinen Stillstand kennt, aber auch keine Gleichförmigkeit.

Erst jetzt ging mir auf, dass selbst die Felsen, die den kleinen See umstanden, ihre Ordnung hatten. Ihre Bänderung zeigte sie an, eine kristallene Ordnung, fest wie für die Ewigkeit – wenn es nicht das Wasser gäbe, das selbst den Stein wieder verändert nach ordentlichen Regeln und Gesetzen.

„Ich glaube, wir müssen Ordnung anders denken.“

„Wie meinst du, ordentliche Unordnung?“ Es klang ein wenig ironisch.

„Ja, das ist das Wort. Es ist die Ordnung des Lebendigen, die Gott immer wieder schafft. Die Starre des Kristalls gehört den Steinen, das Tosen der Brandung dem Wasser, den Menschen gehört die Ordnung des Lebens, weder Chaos noch Starre.“

„Also eine Gesellschaft zwischen Unordnung und Zwangsordnung, zwischen Bürgerkrieg und Diktatur. Aber sind es nicht gerade Religionen, die nicht satt werden, feste Ordnungen zu fordern?“

„Ja. Aber wenn sie ihren Anhängern eine zu harte Ordnung auferlegen, wenn sie bestimmen wollen, wo eines jeden Platz ist, dann brechen die Leute früher oder später aus dem religiösen Korsett aus. Erleben wir das nicht in unserer Zeit? Du bist doch katholisch. Orientierst du deine Lebensentscheidungen an den Geboten deiner Bischöfe?“

„Selten, aber ich treff auch keine willkürlichen Entscheidungen. Es sind die unausgesprochenen Regeln, die Vieles in meinem Leben entscheiden.“

„Die Ordnung des Wassers. Strudel bilden sich und vergehen, Wellen entstehen und verlaufen wieder, selbst der Wasserfall ist kein Chaos, und ein tropfender Wasserhahn hat einen Rhythmus.“

„Jetzt wirst du kryptisch. Machen wir Schluss für heute und gehen durch die Unordnung des Straßenverkehrs, die doch eine heimliche Ordnung sein soll, in unser Grand-Hotel.“ Sie klang wieder etwas spöttisch. Ihr fehlte halt die Lichtung, der Felsen, der See. Hier in Ankyra erwartete ich weder Fee noch Faun. Aber morgen wartete wieder ein Text auf mich, vor langer Zeit geschriebene Gedanken, die neu in unsere Zeit strömten, in meinem Kopf wirbelten, ehe sie weiter flossen, hinter sich kaum merkbare Spuren, solange man in unserer Zeitskala denkt.