Zieh fort - Fritz Deutsch - E-Book

Zieh fort E-Book

Fritz Deutsch

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Beschreibung

Karl Meister steht vor dem Ende seiner Ehe mit Liese. Da liest er die Geschichten über Abraham und entdeckt, dass auch er weiterziehen muss um da anzukommen, wo er sich längst am Ziel wähnte. Karl bricht auf. Und wie Sara mit Abraham, so zieht auch Liese mit ihrem Mann. Am Ende finden sie: Ihr Leben stand unter dem unausgesprochenen Motto: Zieh fort!

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt:

Vorrede

Manchmal muss es eine Katastrophe sein

Und dann schickt Gott einen Engel

Abram hört die Stimme

Zweierlei Jugend

Krieg

Die Wallfahrt nach Klausen

Kriegsende und Neubeginn

Die Ordnung des Melchisedek

Manchmal muss man Gott anklagen

Das große Lachen

Wir werden Eltern

Die verkaufte Frau

Ein erster Blick nach vorne

Der Neuanfang

Altäre bauen

Das neue Haus

Abendgespräche

Die Kinder werden älter

Nichts der Mama sagen

Die Kinder werden erwachsen

Die Romreise

Ein Brief von Anna

Henriette geht weg

Das Fest

Im Alter

Erinnerung

Das Ende

Danke

Dramatis personae:

Karl Meister

Liese Meister, seine Frau

Ansgar, ihr erster Sohn

Bernd, ihr zweiter Sohn

Henriette, ihre Tochter

Christian, ihr jüngstes Kind

Johann und Maria Jünger, Lieses Eltern

Fritz, Helmut, Christiane, Lieses Geschwister

Maria, Josef, Manfred, Karls Geschwister

Getrud, Ansgars Frau, mit den Kindern Martin, Johanna und Henriette

Emil, Freund von Karls Tochter Henriette

Laura, Lebensgefährtin von Karls Tochter Henriette

Pater Romminger, ein Jesuit

Pastor Benemann, der Pfarrer in Bonn

Gretchen, Lieses Freundin

Schwester Anna, eine Nonne und gute Freundin

Hilde, beinahe Lieses Konkurrentin

und viele andere ...

Vorrede

Ansgar: Liebe Kinder, Martin, Johanna, Henriette!

In letzter Zeit habe ich oft in den Heften gelesen, in denen Euer Großvater alles Mögliche aufgeschrieben hat. Es ist so eine Art von Tagebuch, nur viel ungeordneter. Wie ein Puzzlespiel liegt sein Leben vor meinen Augen, man muss es nur noch zusammensetzen. Ungezählte Male habe ich dann Eure Großmutter gefragt, wie sie die Zeit erlebt habe, und sie hat mir erzählt, stundenlang. So fand ich mich in den Aufzeichnungen meines Vaters zurecht. Aber zuletzt wurden seine Eintragungen immer seltener. Doch diese Zeit habe ich schon selbst erlebt.

Eines Tages sagte Eure Großmutter dann: „Ansgar, lies diese Briefe. Es steht nichts darin, dessen wir uns schämen müssten.“ Dann hat sie mir die Briefe gegeben, die sie und mein Vater sich während des Krieges geschrieben hatten. Sie hatte alle aufbewahrt. Und dazu gab sie mir ihr eigenes Tagebuch, das sie nach dem Umzug nach Bonn begonnen hatte. Doch meistens, wenn wir sie in den letzten Jahren besucht haben, hat sie erzählt. Für Euch war es oft langweilig, für mich aber war es die notwendige Ergänzung zu den Erinnerungen meines Vaters, Eures Opas. Deshalb schreibe ich nun diese Geschichte auf. Aber keine Angst, ich liefere nicht das ganze ungeordnete Puzzle, ich habe alles schön zusammengelegt und werde es mit meinen Worten erzählen, werde aufschreiben, wie sich das damalige Geschehen aus der Sicht Eures Großvaters darstellt, aber ebenso aus der Sicht Eurer Großmutter. Auch die biblischen Geschichten, die Opa in seinen Heften erwähnt, will ich Euch erzählen, so wie er sie sich damals wohl auch selbst erzählt hat. Denn sie haben ihm wichtige Schritte in seinem Leben erklärt. In seinen Heften finden sich dazu nur Stichworte, und ich muss die Geschichten rekonstruieren. Deshalb stehen sie auch nicht in der biblischen Reihenfolge, sondern da, wo sie nach den Heften hinpassen.

Gelegentlich werden noch andere Leute zur Sprache kommen. Irgendwann muss ich sogar von mir und meinen Geschwistern schreiben. Das fällt mir nicht leicht. Denn auch meine Lebensrolle wird durch die Erzählungen meines Vaters anders gedeutet, als ich sie mir selbst erkläre. War ich etwa ein Opfer meiner Eltern, so wie Isaak das Opfer Abrahams war, ehe Gott ihn im letzten Augenblick rettete? Ihr werdet Euch selbst Euren Reim darauf machen. Wenn Ihr dann als Erwachsene fragt, wo Ihr herkommt, dann lest diese Geschichte. Von diesen Eltern und Großeltern, Karl und Liese Meister, stammen wir ab.

Damit Ihr euch in der Geschichte zurechtfindet, habe ich das, was meine Eltern erzählen, in normaler Schrift aufgeschrieben, und ich schreibe es oft in Ich-Form, als ob ich dieser Karl Meister oder diese Liese Meister wäre. Was ich allein von meiner Mutter gehört habe, schreibe ich meistens in der Sie-Form, aber es gibt Ausnahmen. Was von mir oder anderen Personen stammt, schreibe ich kursiv. Aber immer schreibe ich vor jeden Abschnitt, aus welcher Sicht gerade erzählt wird. Die Geschichten von Abraham, oder Abram, wie er zuvor hieß, stehen in einer schlichten Schriftart.

Ich habe diese Geschichte „Zieh fort“ genannt, denn es ist die Erzählung von zwei Menschen, die zuerst äußerlich, dann innerlich aufbrechen und neu beginnen mussten. Bei Eurem Opa war dieser Aufbruch vor allem der Wechsel aus seinem Heimatdorf nach Bonn, bei eurer Oma waren das schreckliche Erleben ihrer Fehlgeburten und später die Reise nach Rom Anstöße zu innerem Neubeginn. Erst nach dieser Reise erlebte ich die Beiden so, wie auch Ihr sie kennengelernt habt. Doch es war nicht nur ein Umzug, ein Einleben in einen neuen Ort. Mehr noch war es der Umbau einer unfreien Religiosität zu einer freien und erwachsenen. Auch deshalb erzähle ich Euch die Geschichten von Abraham und von Euren Großeltern. Der Weg meiner Eltern war nicht immer einfach, aber wenn ich darauf zurücksehe, dann bin ich stolz auf sie.

Viel Freude beim Lesen wünscht Euch

Euer Vater.

Manchmal muss es eine Katastrophe sein

Karl: In einer kleinen Stadt am Rand der Eifel lebten wir, die Meisters, Liese, ich und unsere vier Kinder: Ansgar, Bernd, Henriette und Christian. Vier sind es erst seit diesem Jahr 1958, in dem Christian zur Welt kam, man sollte wohl sagen, in dem Christian durch einen Kaiserschnitt zur Welt genötigt wurde. Denn Lieses Schwangerschaft war schon schwer, voller Übelkeiten, Schmerzen, Kraftlosigkeit. Dann die Operation. Ich war lange den Flur auf und ab gewandert, in den Operationssaal ließ man mich nicht hinein. Dann zeigte man mir mein Kind, winzig, blassbläulich, mehr Wurm als Mensch, ein kleines blasses Bündel Verantwortung. Lebte es überhaupt? Ich sah den kleinen Jungen durch eine Glasscheibe, dann wurde der weggebracht und ich wanderte weiter über den Flur, wartete, dass meine Frau aus der Narkose erwachen würde, wanderte und grübelte, was ich mit dieser Schwangerschaft meiner Frau angetan hatte. Aber war es nicht Gottes Gebot, immer neue Kinder zu zeugen. Die Liebe zu Liese sagte mir, ich solle es lassen, die Pfarrer predigten, man müsse es tun. Und niemand sagte mir, was ich, Karl Meister, nun zu tun hatte.

Schließlich durfte ich zu Liese in ihr Krankenzimmer. Sie wartete schon auf mich. Als ich zu ihr kam, strahlte sie ein müdes Lächeln. Nach der Geburt strahlen fast alle Mütter, ging es mir durch den Sinn. Das vergeht.

„Wie geht es den anderen?“ Ich hatte sie in den Anspannungen der letzten Stunde vergessen. Nun rief die Pflicht.

„Ich werde sofort bei Gretchen anrufen. Wahrscheinlich ist sie schon um dich besorgt.“

Gretchen war Nachbarin und Freundin. Seit heute früh bewachte sie meine drei Kinder, eine gute, eine fromme Frau. Sie war nicht verheiratet und führte ihrem priesterlichen Onkel den Haushalt. Aber oft zeigte sie mehr praktischen Sinn als manche langgediente Ehefrau. Wahrscheinlich betete sie jetzt mit den Kindern, dass Gott ihre Mutter in dieser schweren Stunde beschützen möge. Mein Zwiespalt weitete sich. Da lernt man als Junge, dass die Geburt für die Mutter lebensgefährlich ist, und gleichzeitig, dass es Pflicht christlicher Eheleute ist, die Frau in diese Gefahr zu schicken. Ich war ratlos. Ein wenig beneidete ich meinen Pfarrer, der ohne Frau und Kind vor dieser Entscheidung bewahrt blieb.

Wir hatten uns Kinder gewünscht, Liese und ich, aber der Weg dahin erwies sich als steinig. Das erste Kind wurde eine Fehlgeburt, dann kamen Ansgar und zwei Jahre danach Bernd. Wieder eine Fehlgeburt. Lieses Frauenarzt riet zu sexueller Enthaltsamkeit, doch das war leichter geraten als getan. Nach einiger Zeit kam Henriette, danach gab es eine Pause, bis dann Christian kam, der Nachkömmling, dem man ansah, dass er eigentlich gar nicht hätte kommen sollen. Vor seiner Geburt monatelanges Bangen um das Kind, weil die Plazenta irgendeine Unregelmäßigkeit aufwies. Danach verbot der Frauenarzt uns endgültig, weitere Kinder zu zeugen.

Ansgar: Achtzehn Jahre waren meine Eltern inzwischen verheiratet. Sie hatten vier Kinder. Doch seit der Geburt ihres Jüngsten lebten sie zusammen, als seien sie sich fremd geworden. Karl fühlte sich als Mann und durfte es doch nicht sein, fühlte sich als Vater, aber erlebte sich im Alltag in dieser Rolle gänzlich überflüssig. Auch beruflich steckte er in einer Sackgasse, ein kleiner Angestellter in einer Drogerie, Verkäufer. In der Familie seiner Eltern, Bauernleuten, waren Verkäufer kaum besser angesehen als Zigeuner. Mit denen, die er für seine Freunde hielt, konnte er nach Feierabend ein Bier trinken oder zwei, manchmal auch mehr, manchmal auch Cognac. Dann wurde Karl zornig, auf sich, auf die ganze Welt, wieder zuhause auch auf seine Frau, sagte ihr Dinge, die ihrer Ehe nicht guttaten, war am nächsten Tag zerknirscht, spürte die ängstlichen Blicke der Kinder, die vorwurfsvollen seiner Frau, fühlte sich noch erbärmlicher als sonst. An diesen Tagen war der Tod kein ungeliebter Gedanke. Aber kein Gott erlaubte ihm zu sterben. Früher hatte er von seinem Chef bisweilen eine Gehaltszulage bekommen, auch die blieb jetzt aus, sein berufliches Auftreten war korrekt, aber nicht einladend. Welche Frau, die kosmetische Beratung suchte, wollte schon von einem grauen Mann bedient werden, einem Hänfling, einem Leidensmann? Karl hatte es auch mit dem Beten versucht, ebenso vergeblich. So erfüllte er alle seine Pflichten, die echten und die eingebildeten, und wartete, was geschehen würde.

Seit der letzten Fehlgeburt hatte Liese kein Vergnügen mehr am Sex. Nicht als ob sie vorher viel Vergnügen gezeigt hatte, dafür war sie zu prüde erzogen worden. Aber immerhin schien es ihr ein wenig Spaß zu machen, und ihrem Mann gönnte sie wohl auch seine Freude daran. Aber nach dieser Fehlgeburt war sie wie ausgewechselt. Jetzt aber, nach der Geburt des kleinen Christian, hatte ihr Frauenarzt verboten, weitere Kinder zu zeugen. Und Sexualität, ohne dabei Kinder zeugen zu wollen, war eine Todsünde.

Karl: Ermüdend waren unsere Gespräche, wenn Liese sagte: „Ich möchte nicht noch ein Kind ins Unglück stürzen.“ An Verhütung war nicht zu denken, nicht in meiner katholischen Familie. Was sollte ich dazu sagen? Und so lebten wir nebeneinander hin, gerade wie Maria und Josef in kitschigen Geschichten. Eine ‚Josefsehe‘ nannte das der Pfarrer, und bei manchen Katholiken galt sie als erster Schritt zur Heiligkeit. Ich habe nicht geahnt, wie frustrierend dieser Weg zur Heiligkeit sein kann. In meiner Fantasie versuchte ich, mich in den heiligen Josef einzufühlen. Ob er näher als Armeslänge an Maria herandurfte? Durfte sie ihm wenigstens die müden Schultern nach der Arbeit massieren, gar ihm die Mitesser ausdrücken. Oder war sein Körper für seine Frau genauso tabu, wie der Körper Mariens es für ihn war, wenn man den alten Geschichten glauben mag? Unsere Religion war schon eigenartig: Da schuf ein Gott die Lust der Körper zueinander, und die höchste Tugend ist es, dieser Lust nicht nachzugeben. Wir durften keine Kinder mehr zeugen. Das war mir klar. Aber daneben gab es noch so viele Möglichkeiten. Auf die eine oder andere dieser Möglichkeiten hätte ich mit Liese wohl große Lust gehabt, ich spürte es nur zu deutlich, aber für sie war es keine Wahl. Andere Frauen schienen zu bemerken, dass ich erotisch im Leerlauf lief, ihre Angebote waren fast nicht zu übersehen. Claudia, ich kannte sie seit der Grundschule, bekam jedes Mal verliebte Augen, wenn sie mich sah. Sie war durchaus attraktiv, und ihre Komplimente konnten nur schwer ihre Wünsche verbergen, die doch an meinem freundlichen „Danke schön“ enden mussten.

Für mich gab es nur Liese. Was sollte ich mit einer anderen Frau. Wenn wir darüber gesprochen hätten, dann hätten wir womöglich andere Formen der körperlichen Intimität entdeckt. Aber wir redeten nicht darüber. Über Sex zu reden war schmutzig, das durfte man einer Frau nicht antun. Nur im männlichen Freundeskreis wurde über Sex geredet, aber nicht über den eigenen, der war tabu. Es wurde halt kräftig gesauigelt. Nach der dritten Runde Schnaps begann meistens die erste Runde der Zoten.

Wie an jedem Freitag, so traf ich mich auch an diesem Abend nach der Arbeit mit meinen Freunden. Da konnte es schon einmal spät werden. Und an diesem Freitag wurde es nicht nur viel zu spät, ich hatte auch viel zu viel getrunken. Hans hatte etwas zu feiern und dann ging es in munterem Treiben über Bier und Cognac her. Als ich schließlich gegen ein Uhr nach Hause wankte, denn gehen konnte man das schon lange nicht mehr nennen, da war mir hundeübel. Ich verfluchte das Saufen und die ganze Welt und schleppte mich mehr recht als schlecht in unsere Wohnung. Der Tag war böse gelaufen. Und noch ahnte ich nicht, dass all das nur das Vorspiel zu noch Schlimmerem war.

Als ich in unsere Küche mehr hineinfiel als hineintrat, saß Liese am Tisch. Sie hatte den Kopf in die Hände gestützt und weinte und schluchzte.

„Nicht einmal heute Abend konntest du dein Saufen lassen und zu mir kommen!“

„Iss ja gut. Mir geht es schlecht.“

„Du weißt gar nicht, welchen Tag wir heute haben?“

„Egal, will nur noch ins Bett.“

„Egal, egal. Besoffen bist du auch noch.“

Ihr Schluchzen ging in eine schrille, vorwurfsvolle Schelte über.

„Ich kann den ganzen Tag arbeiten. Und wenn ich mich dann abends auf meinen Mann freue, dann lässt er mich sitzen, kommt nicht einmal nach Hause. Warst wohl wieder bei einem deiner Flittchen.“

„Lass mich. Mir ist schlecht.“

Liese stand auf, trat auf mich zu. Ihre Augen funkelten vor Wut.

„Ja, ja, mir ist schlecht, mir ist schlecht. Saufen, huren, und dann den kranken Mann spielen. – Man hatte mich gewarnt, aber ich wollte ja nicht hören, wollte unbedingt den Karl heiraten, diesen Versager. Jeden Groschen muss ich zweimal herumdrehen, so wenig bringt er nach Hause. Aber für seinen Schnaps und für seine Schnepfen hat er Geld.“

„Jetzt hör auf!“

„Nein. – Du bist ein Versager, ein Drecksack. Machst mir vier Kinder und bist dann weg. Ich kann ja sehen, wie ich klarkomme.“

Nun brach das Ungewitter mit voller Lautstärke über mir zusammen.

„Lass doch!“

„Nein! Ich lass mich nicht länger beschwätzen. Du bist ein Nichts. Wie deine ganze Familie. Was bist du denn, das ich nicht aus dir gemacht habe, nichts. – O, wie konnte ich nur!“

Nun hielt es auch mich nicht länger. Der Suff war dem Erschrecken gewichen, dass meine Ehe kurz davorstand, zu zerschellen.

„Und du? Eine frigide Geiß bist du, ja eine frigide Geiß. Was soll ich denn bei dir. Du lässt mich doch schon lange nicht mehr an dich heran. Sei doch froh, wenn ich weg bin. Dann kannst du dich in deinen Muttergefühlen suhlen. Die Kinder sind dir doch schon lange wichtiger als ich.“

„Wie ich dich verachte. Du kotzt mich an.“

Sie sah mir gerade in die Augen und sagte: „Du verdammter Hurenknüppel!“ Sie spie mir das Wort entgegen.

Da verlor ich die Beherrschung und schlug sie mitten ins Gesicht. Ihr Schimpfen endete. Sie sah mich nur an. Jäh wurde mir klar, was ich da getan hatte. Aber es war zu spät.

„Liese, das wollte ich nicht!“

Ich ging auf sie zu, sie wich zurück. „Rühr mich ja nicht an!“

„Verzeih mir Liese, das wollte ich nicht. Es ist einfach passiert.“

Keine Antwort.

„Bitte, Liese, ich wollte dich nicht schlagen.“

„Jammerlappen.“

Ich hörte die Tür zum Zimmer der Kinder aufgehen. Ansgar stand in der Tür.

„Was streitet ihr?“

„Dein Vater hat mich geschlagen.“

„Ja, und es tut mir schrecklich leid.“

„Er hat mich geschlagen, verstehst du.“

„Du darfst die Mama nicht schlagen!“ Der junge Mann griff neben sich, ergriff einen Kochlöffel: „Wenn du die Mama noch einmal schlägst, dann schlage ich dich tot. Dann bringe ich dich um.“

Was war mit dem Jungen geschehen? Seine Mutter wollte er verteidigen. Das war mir klar. Aber dahinter spürte ich einen Hass, der war mir unheimlich.

Liese hatte ihre Tränen in ihre Schürze gewischt. Sie war auf einmal ganz ruhig: „Ansgar, geh jetzt in dein Bett. Morgen fahren wir zu den Großeltern.“

Und dann zu mir: „Ich fahre mit den Kindern zu meinen Eltern. Wann ich zurück komme, weiß ich noch nicht. Ich muss über unsere Ehe nachdenken. Da habe ich einiges zu entscheiden.“

Ich schlief in dieser Nacht in unserer Küche, unbequem, aber ich hielt es für so etwas wie Buße. Das heißt, Schlafen konnte man diese körperlichen und seelischen Qualen kaum nennen. Ich hatte sie um Vergebung gebeten. Aber mir war klar geworden, Liese würde mir nie vergeben. Viel zu spät erinnerte ich, dass gestern unser Hochzeitstag war. Hochzeitstag? Gestern, das war wahrscheinlich das Ende unserer Ehe. Liese ließ sich nicht umstimmen, dafür kannte ich sie zu gut. Mir blieb nur noch, zu ertragen, was auch kommen möge, und zu hoffen, dass ihr Stolz mir wieder eine Chance gab. Geschiedene Frauen hatte sie immer verachtet.

Am nächsten Tag fuhr Liese mit den Kindern zu ihren Eltern. Ich blieb allein in unserer Wohnung zurück. Einmal noch hatte ich versucht, mit ihr zu reden, vergeblich. Nun saß ich da, verkatert an Leib und Seele, und mir fiel nichts Besseres ein, als Mundharmonika zu spielen.

Wenn ich traurig bin, spiele ich Mundharmonika. Als Kind hat sie mich getröstet, im Krieg wohl mein Leben gerettet, wenn die Umstände keinen Ausweg mehr zeigten. Nun musste sie mich über den drohenden Verlust meiner Familie trösten. Wenn Liese die Scheidung wollte, kein Richter würde sie ihr verweigern. Ich war gegen meine Frau gewalttätig geworden. Da half kein Herausreden. Und meine Kinder würde ich auch verlieren. So allein in meiner Wohnung überfiel mich die Einsicht, wie sehr auch ich die Kinder brauchte. Nicht nur Liese hatte Muttergefühle, auch ich fühlte als Vater.

Die ganze Woche lebte ich allein, arbeitete tagsüber und räumte abends die Wohnung auf, putzte, machte alles schön, falls sie doch noch einmal wiederkommen würde. Alkohol kam kein Tropfen über meine Lippen.

Liese: Liese war nun seit drei Tagen mit den Kindern im Haus ihrer Eltern. Es wurde nicht viel gefragt, warum und wieso. Man freute sich aneinander. Die Kinder waren bei den Großeltern glücklich. Liese war auffallend still. Doch nach einigen Tagen nahm ihr Vater sie mit auf einen Spaziergang durch die Felder.

„Du bist nicht zufällig gekommen.“

„Nein.“

„Krach mit Karl?“

„Er hat mich geschlagen.“

„Und?“

„Verstehst du, er hat mich geschlagen!“

„Das habe ich verstanden. Und dann nimmst du die Kinder und läufst weg?“

„Niemand darf mich schlagen!“

„Und wie soll es weiter gehen?“

„Ich weiß es nicht. Ich denke darüber nach.“

„Und dann entscheidest du, du ganz allein, und was aus den anderen wird, das wird sich zeigen.“

Sie schwiegen lange. Für Liese klangen die Worte ihres Vaters wie ein Vorwurf. Doch was sollte sie tun. Sollte sie einfach darüber hinweggehen, von ihrem Mann geschlagen zu werden? Nein, sie wollte auch an die Kinder denken, doch hier und heute fielen die Gedanken hart ein, schwarz und weiß, ohne Grautöne, entweder – oder.

„Warum hat er dich geschlagen?“

„Er war besoffen.“

„Im Suff tut man vieles, was man nüchtern bereut.“

„Auch im Suff darf er mich nicht schlagen!“

„Das hab‘ ich verstanden. Und was hast du vorher zu ihm gesagt?“

„Was meinst du?“

„Niemand schlägt ohne Anlass, auch ein Besoffener nicht. Was waren deine drei letzten Sätze, bevor er dich geschlagen hat?“

„Wenn du es schon wissen willst, ich sagte ihm, dass ich ihn verachte, dass er mich ankotzt und dass er ein verdammter Hurenknüppel sei.“

„Hat er eine andere Frau?“

„Ich weiß es nicht.“

„Aber du hast es ihm vorgeworfen. Und hast seine Selbstachtung in den Boden getreten. Besoffen oder nicht, das lässt keinen Mann kalt. Und wenn einer sich nicht mehr zu wehren weiß, dann schlägt er eben. Und nun bist du im Recht. Er ist es ja, der das Falsche getan hat. Haben es die Kinder auch mitbekommen?“

„Ja, der Ansgar. Deshalb bin ich auch froh, dass er hier bei euch so fröhlich ist.“

Wieder schwiegen sie lange.

„Und was soll ich denn machen?“

„Hat er versucht, sich bei dir zu entschuldigen?“

„Meinst du, mit ein paar Worten wäre das aus der Welt?“

„Nein. Aber ohne ein paar Worte wird es eine Katastrophe. So wie du es sagst, hat er versucht, mit dir zu reden, aber du wolltest nicht mit ihm sprechen. Für dich ist Karl gestorben. “

„Ja.“

„Nun, wenn du ihm das nicht verzeihen kannst, dann bleibt wohl nur die Scheidung. Ihr könnt vorerst bei uns wohnen.“

„Und dann?“

„Dann bist du eine geschiedene Frau. Was das hier auf dem Land bedeutet, das weißt du selbst. Du solltest dann in die Stadt ziehen. Mit vier Kindern beruflich zu arbeiten, das wird nicht gehen. Sein Gehalt muss dann eben zwei Haushalte ernähren. Üppig ist es nicht. Aber vielleicht findest du ja einmal einen besseren Mann.“

Liese hatte bisher noch nicht über die möglichen Folgen ihrer Entscheidung nachgedacht. Als ihr Vater es nun so deutlich ausdrückte, wurde ihr schwindelig. Wollte sie das? Was wollte sie überhaupt? Hätte jemand sie das gefragt, so hätte sie wohl geantwortet: Ich will meinen Karl, aber einen, der abends nach Haus kommt, nicht trinkt, und der mich nie, nie schlägt. Aber niemand fragte sie. Stattdessen hatte ihr Vater sie gefragt, was sie zu Karl gesagt hatte. Langsam, ganz langsam gewann der Gedanke Gestalt, dass sie Karl zwar nicht geschlagen, aber mindestens genauso verletzt hatte. Sollte sie sich am Ende noch bei ihm entschuldigen? Nein! - Der Gedanke musste noch warten.

Sie waren still weiter gegangen. Gelegentlich hatte ihr Vater ihr den Zustand der Ackerpflanzen erklärt, wie weit sie waren, welche Ernte er erwartete, und wie manche verkümmert waren. Nicht alles in der Natur gedieh so, wie der Bauer es wollte.

„Triff deine Entscheidung. Wir stehen hinter dir.“

„Danke, Vater.“

„Was wirst du den Kindern sagen, wenn sie nach ihrem Vater fragen?“

„Was werde ich sagen?“

„Sie werden fragen, und sie brauchen eine Antwort. Also: ‚Kinder, euer Vater ist ein Monster.‘ Oder etwas Ähnliches.“

„Ich weiß es nicht.“

„Jedes Mal, wenn du streng mit einem von ihnen bist, werden sie denken: Wenn Mutter schon so streng ist, was für ein Ungeheuer muss erst Vater sein.“

„Hör auf!“

„Gerne. Ich will dich nur davor bewahren, alles ganz allein von dir her zu beurteilen. Wenn du glaubst, nicht anders zu können, dann musst du deinen Weg gehen. Und ich sagte dir, deine Eltern werden dich unterstützen. Wenn es aber Alternativen gibt, dann musst du nachdenken.“

„Soll ich etwa zu ihm fahren, ihm um den Hals fallen und um Vergebung bitten?“

„Meine stolze Tochter. - Aber du könntest auch warten, bis er zu dir kommt.“

„Glaubst du, nach dem, was ich zu ihm sagte, wird er noch einmal kommen?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wenn jetzt einer von euch beiden darauf besteht, alles ganz allein zu entscheiden, dann ist eure Ehe am Ende. Verheiratet ist man eben nur zu zweit.“

„Hattest du mit Mutter auch einmal solch einen Krach?“

Vater lachte.

„Einmal? – Aber ihr Kinder habt es nie bemerkt, das war uns wichtig.“

„Ansgar hat unseren Streit aber mitbekommen.“

„Hat er zugesehen?“

„Nein, ich habe es ihm gesagt.“

„Und wenn ihr wieder zusammen seid, dann soll er diesem Schläger vertrauen? Das wird schwer.“

Sie hatte es Ansgar nicht nur gesagt, er hatte gesehen, wie verletzt sie gewesen ist. Und sie hatte gespürt, welchen Hass ihr Sohn auf einmal gegen seinen Vater entwickeln konnte. Für die drei anderen war es eher wie der Bericht über einen Klaps, den man einem ungezogenen Kind gibt. Doch ihr Reden stand nun wie eine Klippe vor ihren Wünschen. Was sollte sie den Kindern sagen, wenn sie ihre Ehe beendete? was, wenn sie mit Karl zusammenzog, als sei nichts geschehen? Sie hatte nie geschlagen, doch ihre Worte zu Karl, manchmal auch zu den Kindern, erwiesen sich mit einem Mal als ebenso verletzend wie Schläge. Nach dem Gang mit ihrem Vater ging Liese in ihr Zimmer. Dort standen noch immer zwei ihrer Puppen auf einer Kommode, dort war ihr Bett, in dem sie so viel über ihr künftiges Leben geträumt hatte. Nun saß sie da, das Denken ausgeschaltet, saß und spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen, unfähig zu einer Entscheidung. Ihr Krach hatte seit diesem Spaziergang zwei Seiten, und an einer war auch sie selbst schuld. Noch konnte sie nur weinen.

Nach zwei Tagen war sie mit ihrer Schwester Christiane allein.

„Große Schwester. Zwischen dir und Karl ist Schluss, oder?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sieht aber ganz so aus. Geht mich ja nichts an, was zwischen euch vorgefallen ist.“

„Richtig. Geht dich nichts an.“

„O je. – Aber wenn du ihn nicht mehr willst, kannst du ihn ja mir geben.“

Christiane hatte es nur so nebenhin gesagt, aber Liese wurde gewahr, dass Karl für ihre Schwester vielleicht mehr war als nur ein Schwager. Ob Karl ihre Schwester auch so sah? Christiane war noch unverheiratet, und manchmal meinte Liese, ihr sei kein Mann gut genug. Aber es schien doch Männer zu geben, die sie akzeptiert hätte. Ihr Bild von ihrer kleinen Schwester, die sich nicht für Männer interessierte, bekam einen ersten Riss. Sie musste lächeln ob ihrer Gedanken. Doch das machte die Not ihrer Entscheidung nicht kleiner.

Karl: Das nächste Wochenende war schrecklich. Sollte ich zu ihr fahren? Sie hatte sich noch nicht gemeldet. Wenn ich dann von ihr weggejagt würde, dann wüsste ich nicht mehr weiter. Besser schien es, das Risiko zu meiden. Also noch eine Woche allein. Dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich fuhr zu ihr hin, hatte ein paar Rosen gekauft, und wollte sie fragen, ob sie wieder zu mir zurückkäme.

Als ich zum Haus der Schwiegereltern kam, liefen mir die beiden Kleinen entgegen.

„Papa ist da. Papa ist da.“

Liese trat aus dem Haus. „Was ruft ihr? Ist was?“

Dann sah sie mich, wie ich verlegen auf der Straße stand, den Rosenstrauß in beiden Händen. Ich stand da, regungslos. Was jetzt kommen würde, lag nicht mehr bei mir.

„Steh nicht so herum. Was sollen die Leute denken. Komm herein.“

Ein Stein fiel von meinem Herzen. Wer ins Haus gebeten wird, mit dem will man reden, der erhält eine Chance. Danach hatten wir viel zu reden. Und dann fuhren wir mit dem letzten Bus nach Hause, in unsere Wohnung. Nur Ansgar sprach noch nicht mit mir, schaute mich nur immer wieder von der Seite an. In ihm hatte ich etwas vom Bild des idealen Vaters zerstört.

Liese hatte den Kindern erzählt, dass ich sie geschlagen habe. Jetzt sollen sie mir wieder vertrauen. Vor allem Ansgar war verwirrt. Zuerst bin ich den Fragen der Kinder ausgewichen, wusste nicht, wie ich mit ihnen darüber reden sollte. Ich wollte ihre Mutter nicht vor ihnen schlecht machen, aber wie sollte ich ihnen einen Vater erklären, der anscheinend völlig grundlos um sich schlägt? Ich beschränke mich darauf, ihnen bei Gelegenheit zu sagen, wie leid es mir tut, wie sehr ich meine Unbeherrschtheit bereue, erzähle auch, dass ich zu viel getrunken habe. Doch nun befürchte ich, dass die Kinder mich verachten, weil ich in ihren Augen mich nicht im Griff habe. Und an diesem Vorwurf ist ja etwas dran. Am leichtesten scheint es Bernd zu nehmen. Er hatte schon immer einen Zug aus der Familie heraus zu seinen Freunden. Nun hat er den ultimativen Grund dazu. Henriette dagegen scheint es noch nicht ganz zu verstehen. Bei manchem Puff und Knuff, den sie von ihren Brüdern erhält, ist es doch nur natürlich, wenn auch Mutter schon einmal etwas von Vater abbekommt. Und wie sie es ihren Brüdern zurückzahlt, so wird wohl auch Mutter es Vater zurückzahlen. So ist das Leben. Nur Christian, unser Nesthäkchen, wird nun noch mehr von seiner Mutter verwöhnt. Irgendwie ist er für sie der beste Mann, den es auf der Erde geben kann. Er braucht sie, er gehorcht, er strahlt, wenn er sie sieht, einfach ideal. Leider wird auch er älter.

Wir versuchten einen Neuanfang. Es war schwerer als ich geahnt hatte. Was ich auch sagen wollte, immer schwebte die Drohung über mir, dass Liese wieder mit den Kindern ausziehen könnte, und dann wäre es wohl für immer. Wir sprachen über das, was vorgefallen war, Liese deutete einmal sogar an, vielleicht hätte sie mich mit ihren Worten zu sehr gekränkt. Das tue ihr leid.

Ich war aber der berufliche Versager, der seine Wut an seiner Frau auslässt. Und Liese war die Frau, die litt. In diesen Wochen begann ich zu lernen, welche gewaltige Macht aus dem Leiden erwachsen kann. Wir Männer agieren zu schnell, dann sind die Gefühle verraucht. Wenn wir leiden könnten, lange leiden mit einem Ausdruck, als erfülle sich gerade darin Gottes Wille, dann brauchten wir weniger Gewalt, dann könnten wir uns völlig korrekt behaupten, selbst wo es uns nicht zustünde.

Zärtlichkeiten zwischen Liese und mir waren selten geworden. Eines Tages begann ich wieder mit ganz kleinen Gesten, einem Streicheln, einem Küsschen, immer in der Angst, sie würde es ablehnen. Aber sie schien es zu genießen. Ich wurde mutiger. An manchen Tagen schienen wir beinahe wieder ein normales Ehepaar zu sein. Einmal hörte ich Bernd zu einem Freund sagen:

„Deine Eltern küssen sich ja. Bäh, ekelhaft! Meine brauchen das nicht mehr, die sind ja verheiratet.“

Welches Vorbild gaben wir unseren Kindern, wenn der Ausdruck von Zuneigung für sie ekelhaft war?

Für Liese war es wichtiger, dass ich nach einiger Zeit eine neue Wohnung fand. Sie war größer als unsere alte, und das brauchten wir bei nun vier Kindern. Liese räumte mit Begeisterung unsere neue Bleibe ein. Am Ende war alles nicht nur größer, es kam uns auch viel schöner vor. Ich sagte es ihr. Am Abend unseres Umzugs war es das erste Mal, dass Liese mich wieder küsste. Die Kinder schliefen bereits, niemand musste sich ekeln.

An einem Donnerstag kam Christiane zu Besuch. Die beiden Schwestern fielen sich um den Hals, als hätten sie sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Dabei war es gerade einmal drei Wochen her, dass wir das letzte Mal meine Schwiegereltern besucht hatten, also auch Lieses Bruder Helmut, dessen Frau Lisbeth und eben Christiane. Doch nun besuchte sie uns und wollte gleich eine Woche lang bleiben. Sie konnte in unserem Wohnzimmer schlafen, in dem auch das Bett von Henriette stand. Denn vor einem halben Jahr hatten wir die neue Wohnung bezogen. Die war immer noch zu klein, aber mehr als eine Küche, zwei Schlafzimmer und ein kleines Wohnzimmer konnten wir uns bei meinem Einkommen nicht leisten. Das Wohnzimmer würde bald das zweite Kinderzimmer werden. Die Küche war groß genug für uns alle, und eine sogenannte ‚gute Stube‘ überstieg unsere Finanzkraft.

„Ich hatte mir alles etwas größer vorgestellt.“

„Ja. Du kanntest doch unsere alte Wohnung. Dagegen ist es schon ein Fortschritt, meinst du nicht?“

„Immerhin stinkt es hier nicht so nach Ammoniak wie in eurer alten Wohnung.“ Die alte Wohnung war über einem früheren Stall gelegen, der inzwischen als Lagerraum diente, aber immer noch die Bewohner mit seinem Geruch störte. Man würde das Haus über kurz oder lang abreißen müssen.

„Und ihr wohnt ja immer noch in eurem Dorf. Also ich wäre wohl in die Stadt gezogen.“

Ich konnte mir nicht verkneifen zu antworten: „Wenn Vater dir dort eine Wohnung bezahlt! Wir können uns keine Stadtwohnung leisten.“

Der Blick, mit dem sie ihr tiefes Bedauern auf Liese warf, die halt unbedingt einen Drogerieverkäufer hatte heiraten müssen, konnte selbst mir nicht verborgen bleiben. Dabei schien ich ihr als Person alles andere als unsympathisch zu sein. Nur ein etwas höheres Einkommen hätte es schon sein dürfen.

„Nein. Ich bleibe bei den Eltern. Bei denen ist zwar nicht viel los, aber ich weiß sie wenigstens gut aufgehoben. Und Helmuts Kinder sind auch eine Freude. Lisbeth und Helmut halten nichts von den modernen Erziehungsmethoden. Ihre Kinder haben noch Höflichkeit gelernt und Achtung vor den Alten.“

„Sie sind also zu dir höflich, das ist schön. Aber sie sind es doch wohl nicht, weil sie dich für alt halten?“

„Das fehlte gerade noch. Aber für sie bin ich so ein Zwischending von Tante und älterer Schwester. Aber euer Ansgar mag mich doch auch sehr.“

„O ja“, Liese, „und das tut uns gut. Denn weißt du, er ist ein stiller Junge. Es würde mich nicht wundern, wenn er einmal Priester werden wollte. Und wenn sein Frauenbild dann nicht von geckigen kleinen Mädchen, sondern von seiner Tante, also einer reiferen Frau gebildet würde, das wäre schon beruhigend.“

Hatte ich etwas übersehen? Schmachtete Ansgar seine Tante an? Ich fände es nicht unnatürlich, denn Christiane war eine schöne, junge Frau. Warum sollte er sich nicht zu ihr hingezogen fühlen? Ich weiß noch, welchen Eindruck die älteste Schwester meines Freundes Fritz auf mich gemacht hatte, als ich in Ansgars Alter war.

Christiane: „So, so. Du hättest also gerne einen Priester in der Familie. Wäre wohl auch ganz praktisch, wenn sich jemand in unserer Sippe darum kümmerte, dass wir alle einen guten Platz im Himmel bekommen.“ Sie lachte. Wir haben dieses Thema nicht vertieft, aber ich möchte demnächst einmal mit Liese darüber reden, ob sie einen Sohn als Priester wünscht. Bei ihrer Frömmigkeit konnte ich mir das gut vorstellen.

Stattdessen sprachen wir an diesem Abend über Politik. Vor dem Krieg hatten Lieses Eltern das Zentrum gewählt, jetzt wählten sie die CDU. Fast ihr ganzer Ort wählte CDU, bis auf wenige Außenseiter. Selbst die früheren Nazis wählten jetzt CDU. Nach dem Krieg hatte Adenauer genau jene Mischung aus demokratischer und autoritärer Führung geboten, die ihn für alle Seiten wählbar machte. In letzter Zeit drängte zwar die SPD an die Macht, aber deren Selbstzähmung würde wohl noch dauern. Und wie ein Willi Brandt die Pastöre dazu bewegen würde, nicht mehr die CDU zu empfehlen, das blieb vorerst sein Geheimnis. Am Wahlsonntag wurde für die CDU gepredigt, der gottlose Sozialismus wurde verdammt, dann sangen wir „Zieh an die Macht, du Arm des Herrn“, gingen nach der Messe zum Frühschoppen und später mit der ganzen Familie zur Wahl, in bestem Sonntagsstaat, denn es war ja ein staatstragender Ritus. Dahin ging man nicht in Arbeitskleidung. Und spät am Abend hörten wir im Südwestfunk, wie die Wahl wohl ausgegangen sei. Wie sie in unserem kleinen Ort ausgegangen ist, das wussten wir schon vorher.

Dennoch blieb die Zeit nicht stehen. Papst Pius war gestorben. An einen anderen Papst konnte ich mich nicht erinnern. Er war das Gesicht Gottes in der Welt, asketisch, aristokratisch, klug. Und nun folgte ihm ein kleiner, dicker Papst, der mehr etwas von einem lieben Großvater als von einem Papst an sich hatte. Begann damit eine neue Zeit, dass die Herrscher nicht mehr wie Herrscher aussahen? Wollte er am Ende gar kein Herrscher mehr sein?

Dann brach das Konzil aus. Der Papst habe es einberufen, so hieß es. Für uns aber war es eher so etwas wie ein unberechenbares Naturereignis. Wann hatte man je gehört, dass der Papst die Bischöfe zu einer Beratung eingeladen hatte?

„Der Bischof von Köln soll auf dem Konzil ja mächtig Dampf gemacht haben“, so Christiane.

„Wie meinst du das?“

„Hast du nicht gelesen, dass er sich mit anderen Bischöfen gegen die Pläne der Kurie aufgelehnt hatte?“

„Und der Papst?“

„Es heißt, er habe sich zurückgehalten, und dann hätte man das ganze Konzil neu geplant.“

„Aber geht das denn, alles zu ändern?“

„Immerhin ist der Frings ein Bischof und Kardinal. Der wird dann schon einiges dürfen. Mal sehen, was da noch kommt. Schon jetzt lesen sie in der Messe die Lesung und das Evangelium auf Deutsch. Das durften früher nur die Protestanten. Und es heißt, demnächst könnte unter Umständen die ganze Messe auf Deutsch gelesen werden.“

„Nein. Das ist doch dann keine Messe mehr“, Liese war entrüstet. „Werden sie dann die heiligen Wandlungsworte auch auf Deutsch sprechen? Wo bleibt dann das Geheimnis? Dann meint am Ende jeder, da könne er auch mitbeten. Und wozu soll man dann noch Priester brauchen?“

Da war es wieder, das Thema „Priester“. Ich weiß nicht, wie es Liese sah. Mir erscheint alles so, als dürfe nur ein solcher Mann den Umgang mit Gott pflegen, der dazu mit besonderen Gnaden ausgerüstet war. Dazu diente wohl auch die Priesterweihe. Und seine besonderen Gnaden erkannten die Leute an seiner Lebensform. Ohne Frau und ohne Familie lebte er so, wie wir Leiblichen es sicher nicht könnten. Vielleicht Christiane, die doch auch unverheiratet war. Aber ich glaube nicht, dass sie sich nun auch zum Priestertum berufen fühlte. Priestertum ist Männersache. Tante-Sein ist ehrenhaft, sie erwirbt sich damit vor Gott sicher viele Verdienste, aber es ist kein Priestertum. Nur der Gedanke, ein Leben ohne Sexualität sei unmöglich, der leuchtete mir nicht mehr ein. War mein Leben denn anders?

„In den Großstädten machen jetzt neue Drogerien auf. Solche großen Handelsketten. Wäre da nicht etwas für dich drin?“ Ich hatte dem Gespräch eine Weile nicht zugehört und war überrascht, direkt angesprochen zu werden.

Liese: “Ich glaube nicht. Karl hängt sehr am Althergebrachten, nicht war, Karl? Und wenn er in eine große Stadt zöge, dann müssten wir hier alles zurücklassen. Auch Dich und die Eltern könnte ich nicht mehr so oft besuchen. Nein, das ist wohl nichts für uns.“

Was sollte ich noch sagen, sie hatte alles entschieden.

„Aber du könntest dann auch selbst etwas arbeiten und ihr könntet euch eine größere Wohnung leisten.“

„Und wer ist für die Kinder da?“

„Du sollst nicht arbeiten, solange sie klein sind, aber einmal kommt auch das Jüngste in die Schule. Willst du dann ganz allein hier zu Hause leben mit keiner anderen Aufgabe als Hausputz und Kleiderwaschen?“

„Mir wird schon etwas einfallen.“ Liese schien das Thema unangenehm zu sein.

Ansgar war inzwischen eingetreten. „Tante Christiane, kommst du mal mit, ich will dir etwas zeigen.“

Wie er sie dabei anstrahlte, das hatte schon etwas von Verliebtheit. Eine Weile waren beide im Zimmer der Jungen, dann kam Christiane heraus.

„Ansgar hat ein Radio gebaut. Er ist riesig stolz darauf. Man hört zwar nicht viel und nur einen einzigen Sender, aber für ihn ist es sehr wichtig. Ihr müsst es Euch unbedingt zeigen lassen.“

Wir konnten nicht übersehen, wie unser kleiner Sohn Ansgar, inzwischen 13 Jahre alt, seine Tante anhimmelte. Nach einigen Tagen sagte er nicht einmal mehr „Tante Christiane“, sondern nur noch „Christiane“. Waren sie inzwischen so vertraut miteinander. Christiane schien das mächtig zu gefallen. Zwischen ihnen schien nichts geschehen zu sein, wie Liese sagte, nachdem sie beim Bettenmachen Ansgars Laken kontrolliert hatte. Wir würden auf unseren Ältesten achtgeben müssen.

Am Abend zeigte er auch mir sein Radio. Er nannte es einen Detektor-Empfänger. Ja, es gefiel mir, dass mein Sohn auch technischen Verstand zeigte. Vielleicht war das mit dem Priestertum doch eher der Wunsch seiner Mutter. Ich jedenfalls konnte ihn mir gut als Ingenieur vorstellen.

Doch dieser Besuch hatte etwas in mir losgetreten. Weder Liese noch Christiane trauten mir zu, mich zu verändern, dabei gab es ringsum Veränderung, wohin man sah. Selbst die Kirche änderte sich. Und sie war einmal das Musterbeispiel eines Felsens, auf dem nichts wanken konnte, geschweige denn sich ändern. Am Horizont deutete sich an, dass auch die Politik sich ändern würde. Neue Geschäftsmodelle kamen auf. In eine große Stadt ziehen, für eine größere Firma arbeiten, so ganz konnte ich es mir noch nicht vorstellen. Und hatte nicht Liese klargestellt: „Das ist wohl nichts für uns.“ Ich schob den Gedanken, mich beruflich zu verändern, ganz hinten in meinen Kopf, in jenen Hirnwinkel, aus dem nur selten Gedanken wieder ans Tageslicht dringen. Ich ahnte nicht, wie bald der Gedanke sich wieder zeigen würde.

Dennoch war so viel in meinem Leben in Unordnung, vor allem aber meine Gefühle, dass ich dringend mit jemandem darüber sprechen musste. Mit Liese? Aber die war doch Partei. Mit unserem Pfarrer? Er schien mir nicht kompetent. Mit wem also?

Ansgar: Hier möchte ich etwas erklären. Hatte mein Vater Recht? Wie sah ich meine Tante? Was soll ich sagen, ich habe meine Tante Christiane verehrt. Für mich war sie eine schöne, junge Frau, sie war ja deutlich jünger als meine Mutter, aber was wichtiger war, sie war die erste Frau, die mich als einen jungen Mann ernst nahm. Wenn ich etwas sagte, dann hörte sie zu, als ich ihr mein Radio vorstellte, beachtete sie es, wie sie auch sonst alles beachtete, was ich ihr zeigte. Dazu war sie immer gut gekleidet, auf jeden Fall besser als die Mädchen in meiner Schulklasse. Ich muss gestehen, ich war etwas in meine Tante verliebt. Und sie schuf das Idealbild einer Frau, den Typ, der mich ein Leben lang anzog. Aber zurück zur Geschichte: In das Leben von Liese und Karl kam eine Veränderung. Zuerst war sie noch sehr klein, aber sie wuchs.

Und dann schickt Gott einen Engel

Karl: Mit wem hätte ich reden sollen? Alle waren Partei. Also ging ich in unserer kleinen Stadt zu einem Kloster der Jesuiten und dort, natürlich, in einen Beichtstuhl. Der Pater hörte sich geduldig an, was ich zu erzählen hatte. Ich glaube, es war mehr ein Von-der-Seele-Reden als eine Beichte. Dennoch gewährte er mir die Lossprechung meiner Schuld. Dann aber:

„Wenn Sie wollen, können wir morgen Nachmittag noch einmal über Sie reden.“

„Wann wäre das? Ich arbeite bis halb sieben.“

„Gut, dann um sieben. Melden Sie sich an der Klosterpforte. Mein Name ist Romminger.“

Am nächsten Tag, fünf Minuten vor neunzehn Uhr, Ignatiushaus. Ich läute an der Klosterpforte. In einem Fensterchen erscheint ein Gesicht, alterslos, lächelnd: „Zu Pater Romminger?“

„Ja.“

„Gehen Sie hinten über den Hof und dann rechts die Treppe hoch. Sie werden ihn leicht finden.“

Über den Hof. Vor der Mauer rechts wächst eine Bauernrose. Danach kommt eine Holztreppe. Ich steige hinauf, klopfe an die Tür am Ende der Treppe.

„Herein!“

„Guten Abend Pater Romminger. Mein Name ist Meister. Sie hatten mich gestern eingeladen zu kommen.“

„Schön, dass Sie da sind, Herr Meister. Nehmen Sie Platz.“ Der Pater wies auf eine kleine Sesselgruppe, setzte sich dann mir gegenüber, ein kleiner, schlanker Mann in etwas verschlissenem Anzug, dunkle hellwache Augen, ein leises Lächeln im Gesicht. Er kam gleich zur Sache:

„Ich hatte gestern den Eindruck, dass Sie Fragen haben, die über ein Beichtgespräch hinausgehen. Dem Fragenden sollen Antworten werden. Aber nur, wenn Sie das auch selbst wollen. Fühlen Sie sich durch nichts genötigt.“

„Täte schon gut, einmal über mich zu reden. Dachte schon, vielleicht sollte ich einmal einen Seelendoktor aufsuchen. Aber ich kenne keinen.“ Wieso stottere ich und bringe kaum noch ganze Sätze hervor?

„So hab‘ ich mir das gedacht.“ Der Pater lachte. „Und wissen Sie was, ich bin nicht nur Pater, ich bin auch Seelendoktor. Wenn Sie also wollen, dann können wir uns einige Male treffen, reden über Ihr Leben und was Sie so vorhaben. Nur erhoffen Sie sich nicht, dass ich die Lösungen Ihrer Probleme kenne. Für Ihre Probleme sind Sie selbst der Fachmann. Ich bin nur eine Art seelischer Abflussreiniger, der sorgt, dass es besser läuft. Was dann läuft, das bestimmen Sie.“

Ich fühlte mich erleichtert. Dieser Pater wollte mich nicht mit kirchlichen Anordnungen abspeisen. Wie ich schon während des Beichtgesprächs vermutet hatte, interessierte er sich für meine eigene Sicht der Dinge.

„Ja, das wäre schön. Und wieso wollen Sie mir nicht ins Gewissen reden?“

Das Lachen im Gesicht Pater Rommingers wurde breiter:

„Schon mein Ordensgründer sagte, man solle nicht gleich jede Meinung eines anderen verurteilen, sondern ihm helfen, sie gut zu verstehen. Wenn er sie aber gut versteht, weiß er auch, was er tun soll. Und das ist seit einiger Zeit mein Geschäft: Hilf den Fragenden, sich selbst zu verstehen. Denn auch wir Priester sind nur Fachleute für unser eigenes Leben. Für das Leben der anderen sind sie selbst die Fachleute.“

Er ließ mir Zeit, über das Gehörte nachzudenken. Hatte er mir da Kompetenz über mein eigenes Leben zugesprochen?

„Und was kostet es, wenn ich einige Male zu Ihnen komme?“

„Zahlen Sie Kirchensteuer?“

„Ja.“

„Dann ist das schon abgegolten. Es kostet kein Geld. Es kostet Ihre Zeit und Mühe. Denn Sie sollen schon zwischen unseren Treffen darüber nachdenken, was wir so besprechen. Vielleicht gebe ich Ihnen auch Hausaufgaben auf.“ Ich muss verdattert dreigesehen haben, denn er fuhr fort: „Nicht so, wie in der Schule. Aber wir wollen unsere Zeit gut nutzen, nicht wahr?“

Ich konnte nur nicken.

„Und jetzt erzählen Sie einmal von sich.“ Pater Romminger lehnte sich behaglich in seinem Sesselchen zurück. Jetzt war ich an der Reihe.