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Das Buch enthält kleine Erzählungen aus dem Umkreis der Bibel und anderer kirchlicher Themen, oft mit dem Hintergedanken: "Könnte es nicht so sein?"
Das E-Book Gotteserzählungen wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bibel, Kirche, Religion, Psalmen, Utopie
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Einleitung
Übung Seekarten
Übung Gottesargumente
Psalm
Übung Bilder vom Anfang
Übung Kain und Abel
Übung Abraham
Übung Noch einmal zwei Brüder
Übung Wie über David schreiben
Übung Ein Bischof erlebt Elija
Übung Über Jesus reden
Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus und Lukas
Übung Hanna
Übung Der junge Mann Jesus
Übung Christus in der Hostie
Übung Karfreitag
Übung Osternacht
Übung Sakramente
Übung Über Glauben reden
Übung Dreifaltigkeit
Übung In Sankt Peter
Übung Heute Psalmen beten
Psalm 42/43
Psalm 88
Psalm 151
Übung Flash – Mob
Übung Sehnsucht braucht ein Zeichen
Übung Manche Briefe müssen geschrieben werden
Übung Unter Priestern
Übung Dornröschenmann
Übung Das Interview
Übung Der Fremde
Übung Abende mit Folgen
Übung Auch ein Klima
Übung Die Seuche
Anmerkungen
Ich glaubte an den Nikolaus, damals, sechs Jahre alt. Dann musste ich lernen, dass es den Nikolaus gar nicht gebe. Aber seine Geschichten über die Hilfen für eine hungernde Stadt, für einen Vater, der aus Armut seine Töchter nicht verheiraten kann? Gibt es das nicht, selbstlose Hilfe? Feierten wir ein Phantom in einer kalten, herzlosen Welt? Damals begann etwas in mir, sich für die Geschichten zu öffnen, die eine andere Welt zeigen, als jene der Wirtschaft und Selbstausbeutung. Damals träumte ich davon, einmal ein Buch zu schreiben. Ich wollte erzählen, um die Welt verständlicher werden zu lassen. Sankt Martin, Nikolaus, aber auch Jesus, das waren fortan vor allem Geschichten. Ständig kommen neue Erzählungen dazu. Unaufhörlich ändert sich mit ihnen unser Weltverstehens, zum Guten wie zum Schlechten. Auch Putin und Trump erzählen Geschichten, bilden ihre Narrative. Werde ich es auch können? Und werden meine Geschichten aufbauen oder einreißen?
All das zeigt mir, wie wichtig Erzählungen sind. Was zum Herzen dringen will, das kommt durch die Ohren. Und was nicht mehr erzählt wird, das wird vergessen. Beobachten Sie bitte einmal, wie viel über Fußball erzählt wird, oder auch über europäische Fürstenhäuser. Nur in der christlichen Religion wird kaum noch erzählt. Zu groß scheint die Angst zu sein, etwas Falsches zu sagen. Oder befürchtet man, dass religiöse Themen niemanden mehr interessieren? Lebendige Religion braucht Gefühle, und Gefühle brauchen Musik und – Erzählungen.
Mir ist, als litten vor allem wir Katholiken derzeit an dogmatischer Versteinerung. Die Rede von Petrus, dem Felsen, wirkt wie ein Gegengift gegen allzu flüssige Religion. Dazu kommt: Fake-News, schlampiger Umgang mit den Quellen, pädagogische Absicht, Rechthaberei lassen Erzählungen vertrocknen. Sie verlieren den Kontakt zu lebendiger Erfahrung, verdampfen in Beliebigkeit oder erstarren in Dogmatik. Wenn eine Erzählung nicht mit der Zeit mitwächst, neue Fragen aufnimmt, ihr Inneres immer neu zur Sprache bringt, dann wird sie steril und hört auf, über das Leben zu reden. Bei den religiösen Narrativen habe ich oft diesen Eindruck. Dabei ist Erzählen von Gott immer Antwort auf einen Anruf, der mich heute erreicht, und auf den ich mit heutigem Reden und Tun reagiere.1 In unserer heutigen kirchlichen Krise können wir scheinbar nur noch unsere Dogmen wiederholen, selbst wenn sie kaum noch verstanden werden. Doch neue Erzählungen können die Keime einer Erneuerung enthalten. Kann ich dabei mithelfen?
Aus Erleben entstehen Mythologien, Erzählungen. Doch es ist zuerst nur punktuelles Erleben. Zum Erleben muss sich etwas dazu gesellen. Wenn sich eine Erzählung bildet, dann geschieht das wie bei einem Bettler, der Mülltonnen nach Essbarem durchsucht.2 Hat er dann eine alte Banane gefunden, den Rest einer Pizza, dann zeigt ihm seine Phantasie die Menschen, die das weggeworfen haben, dann entsteht sein Urteil, etwa über „die da oben“, die sich diese Verschwendung leisten können. Hätte er anderes gefunden, wäre seine Erzählung eine andere geworden.
Das gilt auch für die Geschichten in diesem Buch. Keine verkündigt nur eine einzige Wahrheit, einige wollen Erfahrungen mit Gott zur Sprache bringen, indem sie den Sinn der biblischen oder lehrhaften Themen mit heutigem Denken anreichern. Andere Erfahrungen würden andere Erzählungen erzeugen. Ich wünsche mir eine geistige Erzählkultur, die jeglicher Einseitigkeit vorbeugt. Erst wenn wir wieder lernen, auch hinter schlichten Worten eine ganze Vielfalt an Bedeutungen zu entdecken, erst dann kann auch unser Glaube wieder aufblühen. Dieses Entdecken will geübt werden. Zu lange sind wir an die einseitige Diät theologischer Haferflocken gewöhnt worden. Gönnen wir uns die Entdeckung geistiger Näschereien. Erzählen wir also.
Jene Augenblicke, die man als Gotteserfahrung deutet, seiner Nähe wie seiner Ferne, erzeugen in der Religion Geschichten. Die Geschichten um Moses und Jesus sind so entstanden. Doch auch Erlebnisse mit den Priestern und ihren Kulten werden weiter erzählt. Zusätzlich gibt es in der Religion wie im Krieg Behörden, Propagandaministerien, Glaubenswächter, die über unsere Geschichten wachen, damit nichts erzählt wird, das sie nicht gutheißen können. Das erzeugt dann sterile Geschichten, von geringer Glaubwürdigkeit, denen es auch nicht hilft, wenn sie in offiziellen Veranstaltungen vorgetragen werden.
Erzählen ist immer ein Risiko. Ich verrate womöglich von mir, was ich mir selbst nicht eingestehen will. Der Hörer füllt die Erzählung mit seiner Erfahrung und hört eine völlig andere Geschichte, als sie mir vorschwebte. Die Wächter über unser Reden rümpfen die Nasen.
Die Geschichten, die aus meiner Phantasie stammen, fordern von mir zu erzählen, alte Geschichten neu aufleben zu lassen, Haltungen in Erinnerung zu rufen, von denen ich nicht weiß, ob wir sie einmal brauchen werden. Hier gilt: „Man müsste“ wieder häufiger die alten Legenden erzählen, die von Martin und Nikolaus. „Man müsste“ aus der Bibel erzählen. „Man müsste“? Ich verlasse das, was man spöttisch „rheinische Müsstik“ nennt, jene Form der Rede, in der jeder zweite Satz die Floskel enthält „man müsste“, und beginne zu erzählen. Es werden Übungsstücke religiösen Erzählens, freundliche, traurige, auch ironische. Vorbild sind dabei nicht die zeitlosen Kunstwerke eines Bach oder Beethoven, es sind eher die Etüden eines Bertini oder Czerny, schlichte, kleine Stückchen, die dennoch die gewünschte Kunst einüben. Und wenn es vielleicht einmal nach Scott Joplin klingt, auch gut. Ich nenne die Geschichten „Übungen“, sie beanspruchen keine Meisterschaft, sie wollen ein neues Reden einüben.
Doch wäre es schade, wenn ich der einzige Erzähler bliebe. Ein Hauptanliegen dieses Buches ist es, meine Leser zu eigenem Erzählen anzuregen. Denn nur aus einem Kranz vieler einzelner Erzählungen kann sich etwas bilden, das einer zukünftigen Gottesrede den Weg weist. Gerade die derzeitige Krise des Christentums braucht das gemeinsame Bemühen, wieder eine neue, und dabei eine bessere, und das bedeutet auch eine glaubwürdigere Gott-Rede zu schaffen.
Zum Inhalt: Die ersten beiden Geschichten benennen das Problem: Wie gelingt das religiöse Reden. Danach alttestamentlich geprägte Erzählungen über die Schöpfung, Kain und Abel, Jakob und Esau, David, Elija. Es folgen Versuche, von „Jesus“ zu erzählen.
Nach den Geschichten zur Bibel dürfen Übungen zur Dogmatik nicht fehlen, zu Eucharistie, Karfreitag, Ostern, zum Sakrament allgemein, zur göttlichen Dreifaltigkeit. Es folgen Übungen zum christlichen Reden über Gott, Versuche, Psalmen in die heutige Zeit zu sprechen.
Wir kommen in der heutigen Kirche an: „Flash-Mob“ und „Sehnsucht braucht Zeichen“, meine Träume von Möglichkeiten, die noch zu viele für unmöglich halten. Den derzeitigen Zustand der Ökumene erzählt „Manche Briefe müssen geschrieben werden“.
Dann zwei Geschichten, wie ich als Laie, mir das Erleben von katholischen Priestern vorstelle, eine ironische, in der das Gespräch zweier alter Priester belauscht wird, „Unter Priestern“, und eine bittere „Dornröschenmann“, der Versuch zu verstehen, wie es zu Missbrauchshandlungen kommen konnte. Auch „Das Interview“ erzählt eine höchst klerikale Geschichte. „Abende mit Folgen“ sind eine längere Erzählung und eher abstrakt, denn es sollte kein Buch werden. Den Abschluss bilden „Auch ein Klima“ und „Die Seuche“.
Um den Text nicht zu überfrachten, wurden Zitate und Hinweise auf Bibelstellen in den Anhang gesetzt.
Nun wünsche ich viel Freude beim Lesen und: Versuchen Sie e auch selbst die Gottespoesie. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. Vielleicht entdecken Sie dabei ein kleines Wort, bisher unbeachtet, das doch Ihr Leben bereichert. Vor allem aber kann ich bestätigen: Es macht Freude.
Bonn, Januar 2023 Fritz Deutsch
Religion ist wie ein Atlas, dessen Karten uns durch die Gefahren des Lebens leiten sollen. Aber es gibt in diesem Atlas brauchbare und weniger brauchbare Karten. Deshalb dieses Gleichnis von einem Kartenhändler aus einer anderen Zeit:
Vor zwei Jahren besuchte ich in S. einen Religionslehrerkongress, und nach zwei anstrengenden Tagen beschloss ich, über die Stranddüne nach L. zu wandern. Anfangs ging ich allein, dann traf ich ihn, gemeinsam gingen wir weiter, plauderten, und er erzählte von seinem Beruf: er handele mit Seekarten, und wer an dieser Küste zur See fahre, der brauche schon eine gute und zuverlässige Seekarte, zu gefährlich sei die Küste, zu viele Klippen und Untiefen berge sie und unvorhersehbare Strömungen. Ohne gute Karte habe man gar keine Chance, ja selbst mit der besten Karte sei die Fahrt voller Gefahren, "aber den jungen Leuten heute können die Karten nicht mehr einfach genug sein, nur nicht zu viele Details, das verwirre sie, da verlassen sie sich lieber auf ihr Lot, und am Ende stecken sie in der Falle, wie dieser Kutter da", und er wies voraus auf ein Wrack, das erst kürzlich gestrandet zu sein schien, denn man sah noch etliche Leute sich zwischen Ufer und Wrack bewegen.
"Ja, ja, da wollte wohl wieder einer allzu klug sein, sehen sie, so sind die Jungen, nur keine komplizierte Karte. Und manche Karten sind in der Tat mit Angaben so vollgestopft, dass man den Überblick verlieren kann. Den Reedern, müssen sie wissen, kann nämlich nicht genug eingezeichnet sein, damit ihren Schiffen nur ja nichts passiert. Kaum erzählt ein Matrose, vor L. habe man den Klabautermann gesehen, oder vor S. habe es eine Windhose gegeben, schon kommen sie an und verlangen Eintragungen in alle Karten, um ihre Kapitäne vor dem Klabautermann und der Windhose zu warnen. Und ich kenne alte Karten, die stecken solcherart voller Unsinn, dass die wirklich gefährlichen Stellen darin untergehen. Ja, ja, es ist schon eine Last, wenn man es allen recht machen will."
"Aber es soll doch jetzt eine amtliche Kartenkontrolle geben", warf ich fragend ein.
"Ja, zu unserem Unglück gibt es die auch noch. Da stellte die Obrigkeit so eine Landratte als Seekartenkontrolleur ein, damit wir nur noch Karten benutzen, die von den alten Seekarten abgezeichnet sind, als würde sich die Küste niemals ändern. Zur See ist der Kerl nie gefahren, aber wehe dem Kapitän, der keine offizielle Karte vorweisen kann, der muss dann eine heftige Buße zahlen. Tja, und die guten Kapitäne haben seither zwei Karten, eine genehmigte, so mit schwarzem Stempel, und eine, nach der sie fahren, aber die zeigen sie nicht, und man muss schon in ihre Kneipe gehen, um die neuesten Eintragungen und Änderungen zu erfahren. Und die erscheinen in keiner genehmigten Karte. Es ist eine Schande. Wissen sie, seither macht mir der Kartenhandel keine Freude mehr. Nicht mehr Qualität ist gefragt, sondern dieser dumme Stempel, die Karte muss nicht mehr das wirkliche Meer zeigen, sondern das Abbild jener uralten Musterkarten. Es ist ein Jammer."
"Und es besteht keine Chance, die offiziellen Karten zu verbessern?"
"Wir dürfen sie vereinfachen, und die Reeder haben für einige zusätzliche Eintragungen die Erlaubnis erwirkt, aber es sind alles belanglose Dinge. Der Küstenverlauf aber mit seinen Klippen und Untiefen, der wird gezeichnet wie vor zweihundert Jahren."
"Nun, einige Klippen werden ja auch geblieben sein", fragte ich weiter.
"Klar, ganz schlecht sind diese Karten nicht, aber kein guter Kapitän vertraut ihnen noch. Ich sagte es ja, der Kartenkontrolleur ist 'ne alte Landratte. - Nein, nein, das Geschäft macht keine Freude mehr. Aber der Aufseher braucht nur eine meiner guten Karten zu finden, die haben ja alle keinen Stempel, dann bin ich das Geschäft sowieso los. Alles nur eine Frage der Zeit.“
Unterdessen hatten wir die Stelle erreicht, an der das Wrack lag, ein schöner neuer Kutter, der hier auf eine Klippe gelaufen war. Emsig waren einige Leute damit beschäftigt, alles und jedes aus dem Wrack zu bergen, ehe das Meer es verschlingen würde. Ein Schwarzhaariger kam grinsend auf uns zu:
"Tag Kartenhändler."
"Du kennst mich?"
"Klar, ich hab‘ euch früher manche schöne Karte verkauft, die so ein Wrack auf die Küste gespuckt hatte. Ach, dieser Kutter hatte ja auch eine", und er lief zu einem hohen Stapel Bergegut, suchte und kam zurück.
"Hier ist sie, sehen Sie, eine schöne, neue Karte, und ganz amtlich, mit großem schwarzem Stempel, die können Sie mir doch abkaufen."
"Zeig her", sagte der Kartenhändler, und ich fragte ihn:
"Diese Klippe hier ist dann wohl nicht auf dieser Karte verzeichnet?"
"Doch", sagte er, "schauen Sie, hier ist sie, gerade hier unter dem Stempel, ja, ja, da übersieht man sie leicht."
Wir redeten noch über dies und das, nicht mehr über Karten.
Am nächsten Tag wollte ich den Kartenhändler in S. besuchen, aber ich fand seinen Laden nicht. Auf meine Frage nach guten Seekarten wies man mich zum 'Amt für Seekarten', einer großen, dreistöckigen Behörde. Dort gab es die einzige authentische und amtliche Seekarte, und der Beamte, der mir die Karte verkaufte, nannte mir ein Lokal. Er habe gehört, dort verkehrten erfahrene Kapitäne, bei denen könne ich auch eine brauchbare Karte erhalten, hier gebe es nur noch die amtliche, und dann bat er mich, ihn nicht zu verraten.
Ich verließ das Amt für Seekarten mit einem glücklichen Gefühl, dass ich kein Kapitän, sondern nur Religionslehrer bin.
Ich betrat den Philosophie-Kursraum der Jahrgangsstufe 11, sah eine schlecht geputzte Tafel, einen Lehrerstuhl zu weit von den Schülern entfernt, sah 16 Augenpaare auf mich gerichtet. An meiner Schule war Religionsunterricht Pflicht, also saßen hier keine Schüler, die das Fach Religion abgewählt hatten und deshalb Philosophie lernen sollten. Hier sah ich nur Schüler, die Philosophie lernen wollten. Es war ein Privileg, einen solchen Kurs unterrichten zu dürfen. Ich rückte das Lehrerpult etwas näher zu den Schülern und setzte mich darauf.
„Dann wollen wir einmal weiter philosophieren. Das heißt, wir wollen sehen, ob wir unser Denken nicht ein Stückchen weiter über seine bisherigen Grenzen hinausschieben können. Deshalb reden wir heute von Gott.“ Ich mache eine kurze Pause, dann:
„Von Aristoteles stammt folgender Gedanke: Alles Irdische hat eine Ursache. Wenn man sich nicht in eine unendliche Kette von Ursachen verlieren will, dann muss es eine erste Ursache geben, die selbst keine Ursache mehr hat. Thomas von Aquin nimmt im Mittelalter diesen Gedanken auf und nennt diese unverursachte Erstursache „Gott“. Oder kurz gesagt: Gott, das ist die denknotwendige Erstursache alles Irdischen.“
Schweigen, dann Gerda: „Wenn alles Irdische eine Ursache hat, dann ist Gott nichts Irdisches, und doch ist er Ursache alles Irdischen?“
„Sie sagen es. Und deshalb nennen wir alles, was zur irdischen Welt gehört, ‚immanent‘, Gott aber nennen wir ‚transzendent‘.“ Ich schreibe die Worte an die Tafel.
„Jetzt haben wir ein Wort gefunden, mit dem wir die Eigentümlichkeit Gottes beschreiben können, aber viel hilft es uns noch nicht. Die Welt als Ganzes könnte diese Erstursache sein, - oder die Welt als Ganzes ruht innerhalb dieser Erstursache, - oder aber da ist etwas ganz außerhalb der Welt und doch kausal mit ihr verbunden.“
Dabei schreibe ich die Wörter ‚Pantheismus‘, Panentheismus‘ und ‚Theismus‘ an die Tafel. Wie es scheint, steht unser Denken vor einer Gabelung und weiß nicht, wohin sich wenden.
Benedikt: „Im Religionsunterricht hat Pater Thomas gesagt, es gebe ein Dogma, dass jeder Mensch mit dem Licht der natürlichen Vernunft Gott zweifelsfrei erkennen könne. Ist das der Weg der natürlichen Vernunft?“
„Gut gesagt, Benedikt. Aber was erkennen wir zweifelsfrei?“
Gerda: „Wir erkennen nur, dass unser Denken auf eine erste Ursache stößt. Aber wenn Sie gleich drei Theorien an die Tafel schreiben, dann scheint mir das nicht so ganz zweifelsfrei zu sein.“
Mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet. Meine Argumentation fühlte sich an wie eine Sackgasse. Ich will einen neuen Anlauf versuchen:
„Es wäre also schön, wenn es nicht nur im Denken sondern in der Wirklichkeit solch eine Erstursache gäbe. Vielleicht denkt unser Denken aber über die Wirklichkeit hinaus. Hier kommen wir im Augenblick nicht weiter. -
Lassen Sie mich also ein anderes Argument betrachten: Anselm von Canterbury sagte, auch im Mittelalter, Gott sei das, über das hinaus Größeres nicht denkbar sei. Was halten Sie von diesem Argument?“
Es entsteht eine leichte Unruhe im Kurs, Gemurmel. Bin ich zu schnell vorangegangen? Ich warte ab.
Paul fragt in das Gemurmel hinein: „Und was soll das sein, über das hinaus Größeres nicht denkbar ist?“
„Eben Gott.“
Paul: „Das ist mir zu abstrakt.“
„Ich mag diese Definition sehr, denn sie zeigt, was alles nicht Gott sein kann. Nehmen Sie irgendetwas Materielles und sagen, es sei Gott. Dann verdoppeln sie es in Gedanken. Sehen Sie, es kann nicht Gott sein. Nehmen Sie das ganze Universum und dann die Theorie der Paralleluniversen. Bitte jetzt keine astronomische Debatte. Aber Sie sehen an dieser Definition, das Universum kann nicht Gott sein. Das Kriterium des Anselm ist hervorragend dazu geeignet, falsche Götter, also Götzen zu entlarven.“
Christine: „Aber etwas Abstraktes, etwas das man nicht verdoppeln kann, das könnte Gott sein?“
„Probieren wir es aus! Man darf es nicht nur nicht vergrößern oder gar verdoppeln können, man darf nichts Größeres darüber hinaus denken können.“
„Und was soll das sein?“
„Das frage ich Sie!“
Wieder eine Runde Gemurmel. Der Kurs hat angebissen. Jetzt muss ich nur darauf achten, dass wir die Richtung nicht verlieren.
Benedikt: „Pater Thomas sagte einmal, in der Bibel stünde: ‚Gott ist die Liebe‘. Meinen Sie so etwas?“
„Ja, das steht so in der Bibel. Also wollen wir es untersuchen. Wie stellen Sie sich denn einen Gottesdienst vor für einen Gott, der die Liebe ist?“
Paul: „Klasse, ein Bums-in.“
„Paul, man kann das auch vornehmer sagen. Doch so ganz abwegig ist Ihre Idee nicht, denn einige Religionen kennen die Tempelprostitution, ...“
Paul: “Sag ich‘s doch!“
„ ... wir sind aber vornehmer und unterscheiden die ‚Liebe zwischen Freunden‘, die ‚sorgende Liebe‘, die ‚geschlechtliche Liebe‘. Und in der Bibel ist die Rede von der ‚sorgenden Liebe‘, griechisch ‚agape‘.“
Georgina: „Und Gott ist nur die sorgende Liebe?“
„Ja.“
„Dann ist es nicht Gott, denn ich kann mir Größeres denken, eine Liebe eben, die auch die Erotik einbezieht.“
„Da haben Sie Recht. Nehmen wir einmal die Liebe in ihrer ganzen Fülle. Kann das Gott sein?“
Richard: „Sie meinen also, die Liebe so ganz allgemein genommen, das ist dann Gott?“
„Ob ich das meine, weiß ich noch nicht, aber wir wollen es prüfen.“
Und diese Prüfung erwies sich als bedeutend aufwändiger, als ich es geplant hatte. Vor allem stolperten wir immer wieder über den Stein, die Liebe selbst nicht genau beschreiben zu können.
„Denken Sie bitte an den nächsten Tagen einmal darüber nach, oder reden Sie mit jemandem darüber. Dann wollen wir in der nächsten Stunde sehen, wie wir mit unserer Untersuchung weiterkommen.“
Die nächste Stunde kam, das Thema hatte uns wieder.
Gerda: „Ich habe mit meinem Vater darüber gesprochen ... (O Gott, der Vater ist Theologe, ich mache mich auf alles gefasst.) ... und er meint, bevor wir Gott definieren oder die Liebe, sollten wir erst einmal darüber nachdenken, wie wir überhaupt über Gott und so reden können.“
Christine: „Was meinst du damit, darüber reden zu können?“
„Die Dinge dieser Welt können wir beschreiben. Aber können wir Gott beschreiben?“
Benedikt: „Pater Thomas sagt immer, von Gott könne man nur anbetend reden.“
„Und was könnte er damit meinen?“
Richard: „Ja, so stell ich mir das vor. Wenn man von Gott redet, dann muss man erst ein Kerzchen anzünden, sich hinknien und ein Kreuzzeichen machen. Und ein Jude setzt dazu eben seine Kippa auf und spricht das ‚Höre Israel‘.“
Paul: „Omm ...!“
„Was willst du damit sagen? Die Buddhisten sprechen ihr ‚Om‘, und jede Kultur hat ihre eigene Form der Anbetung, doch was hilft uns das?“
„Da gebe ich Paul Recht. Die äußere Form des Sprechens ist nicht entscheidend. Wenn wir aber auf den Inhalt sehen, was können wir dann über Gott aussagen? Wir können nur so über Gott reden, dass wir ihn dabei als Gott anerkennen, ausdrücken, dass er ganz anders ist als alles. Sehr viel können wir dann nicht über Gott sagen.“
Gerda: „Und doch müssen wir eine Sprache finden, in der wir über Gott sinnvoll reden können, auch wenn es keine Beschreibung sein kann.“
„Machen wir es uns leichter. Suchen wir zuerst einmal eine passende Sprache, um über die Liebe zu reden.“
Die nächste Viertelstunde ging in den Versuchen unter, über die Liebe zu reden, nicht ohne dass Paul die eine oder andere Bemerkung einfließen ließ, die nicht alle als passend empfanden. Doch dann waren wir uns einig: Die Sprache über die Liebe ist die Poesie. Erotische, sorgende, freundschaftliche Gedanken kann man alle poetisch ausdrücken, sogar Enttäuschung an der Liebe und Trauer, wenn sie verloren wurde. Vielleicht ist es mit Gott ähnlich. Wenn man ihn schon nicht beschreiben kann, kann man doch in der Poesie von ihm sprechen.
„Können wir uns darauf einigen, dass ‚Gott‘ dasjenige ist, an dem wir unsere Liebe, unsere Hoffnung, unser Vertrauen verankern können?“
Der Kurs schien damit einverstanden.
Benedikt: „Pater Thomas sagt doch immer, dass Gott dreifaltig sei, Vater, Sohn und Geist. Ist das keine Beschreibung Gottes?“
„Ich glaube, Pater Thomas hält es für eine Beschreibung. Für mich ist es aber ein erster Schritt in die Poesie über Gott hinein. Wir bewundern seine Vielfachheit, und lassen ihm doch seine ganze Andersheit. Sehen Sie, mit dem Denken über Gott haben wir auch die Grenze des Denkbaren wieder erweitert. Wenn die verschiedenen Religionen dann ihre Gottesgeschichten erzählen, so soll uns das zeigen, wie reich dieser Gottesbegriff ist. Mehr können wir als Philosophen nicht dazu sagen. Wenn Sie mehr wissen wollen, fragen Sie besser den Pater Thomas.“
Wenn es dich gäbe, Gott, sag mir, zu wem sollte ich beten?
Wenn es dich gäbe, wie den Stein,
was hinderte mich, dich zu werfen;
wenn es dich gäbe, Gott, wie meine Schmerzen,
was hinderte mich, dich zu betäuben,
wenn es dich gäbe, wie die Alten lehren,
was hinderte mich, dich zu vergessen.
Wenn es dich gäbe, Gott,
wenn du nichts anders wärst als alles, was es gibt,
sag mir, warum?
Sag mir, warum es mich dann gibt,
wenn keine Hoffnung ist auf den, der anders wartet,
wenn keine Sehnsucht ist nach dem, der anders hört?
Was sollte ich denn schreien meine Not,
wenn nur ein Stein, ein Fühlen, eine Wahrheit
mich meine Not zu Berge wälzen lassen im ewigen Kreislauf.
Hier sitze ich, warte, auf dich,
der niemals kommen wird,
dem ewig meine Sehnsucht brennt,
dem meine Lieder singen,
dass hinter allem, was es gibt, doch einer wartet,
der anders ist.
Es ist still im Forst, ich höre nur den Schnee unter meinen Schritten. Überall Schnee. Im Sommer ist der Weg schön asphaltiert, aber jetzt nur Weiß in Weiß. Nichts, woran sich die Gedanken festhalten können. Das Denken gleitet zurück, gleitet bis zum Anfang. Damals schuf Gott Himmel und Erde, aber er musste lange aufräumen, bis diese Ruhe einkehrte, dieser siebte Tag, an dem Gott seinen ersten Spaziergang im Schnee machte. Ich weiß, die Alten erzählen es anders, aber sie wissen doch auch nicht, wie sie es sagen sollen, also erzählen sie es gleich zweimal. Und hier ist eben die dritte Version: Als Gott alles geschaffen hatte, deckte er es mit tiefem Schnee zu. Und dann wartete er, bis Tauwetter käme und junge Knospen und neues Leben und Vögel, die sängen, und Menschen, die stellten Schilder auf, „Verlassen der Wege verboten“. Und Gott fragte sich: „Wollte ich das?“
Im nächsten Herbst plane ich eine Vortragsreihe über „Bilder vom Anfang“. Es geht nicht anders, der erste Abend handelt von den ersten Kapiteln des ersten Buches der Bibel, des Buches „Im Anfang“.3 Denn da erzählt man sich den Anfang von allem. Ich aber, hier auf dem geraden Weg durch den Forst stapfend, ich suche Ideen, wie mein Vortrag anfangen soll. Aber um mich her ist alles viel zu weiß, als dass sich Bilder einstellen könnten.
Der Anfang dieses ersten Buches ist so genial einfach: Gott sprach, und es wurde. Und dann sagte er: „Lasst uns Menschen machen, als Bild unserer Herrschaft.“ Wie ein Fürst im Zweistromland stellte Gott sein Bild auf, stellte Menschen auf, damit jeder sehe, er ist Gott. Fühlte sich Gott so machtlos, dass er in jedes Haus sein Bild stellen musste? Oder war der Mensch so mächtig, dass ihm nur noch ein kleines fehlte, er wäre selbst ein Gott geworden?
Meine Gedanken finden eine erste Spur: Mann und Frau als Bild Gottes. Warum nicht der Papst? Warum kein Kaiser? Nur Mann und Frau. Ich schweife ab: Wir bauen Schneemänner, keine Schneepaare, nur Männer mit Kohlenaugen und langer Karottennase. Mehr Mann darf man den Kindern nicht zumuten. Aber Schneemänner sind nicht wie wir, schon bald tauen sie, am Ende finden wir eine verschrumpelte Karotte und zwei Kohlenstücke auf der Erde. Eigenartig, zu einem Schneemann gehören Augen aus Kohle, aber es gibt fast keine Kohle mehr. Bald gibt es auch keine Schneemänner mehr. „Macht euch die Erde untertan.“ Das soll er gesagt haben, wir haben es dann gemacht. Die Folgen, keine Kohlen mehr für Schneemänner, bald auch kein Schnee mehr. Da hat uns ein Gott so seiner ähnlich gemacht, dass wir die ganze Welt umbauen können, nur können wir oft am Ende des Tages nicht sagen: „Und es war gut.“
Die ganze Geschichte mit den sieben Tagen und dem rhythmischen: „Und Gott sprach – und es geschah – und Gott sah, dass es gut war.“ Das ist nicht nur Lob Gottes, das ist auch die Fast-Vergöttlichung des Menschen. Da muss man dann eine zweite Geschichte erzählen, die Geschichte von diesem „fast“.
Da steht der Erdling, Mensch möchte man ihn noch nicht nennen, denn er ist noch allein. Kein Mensch ist allein. Aber er ist schon so nahe an Gott, dass ihm die Tiere keine Kameraden mehr sind. Man pflückt zwar das gleiche Obst, wühlt die gleichen Wurzeln aus dem Boden, aber das ist dann genug der Gemeinsamkeit. Jahrtausende später werden sich Menschen fürchterlich aufregen, wenn einer sagt, auch der Mensch entstamme dem Tierreich. Nein, dafür ist er dann doch zu nahe an Gott. Wenn da nicht dieser kleine Unterschied noch wäre zwischen dem Menschen und Gott.
Und dann schenkt Gott ihm die Frau. Jetzt sind sie Mann und Frau, vollständige Menschen. Und jetzt sind sie Gott noch ein Stück ähnlicher, denn jetzt können sie sogar ihre Nachkommen selbst hervorbringen. Jetzt hat Gott das Bild seiner Herrschaft fertig. Aber unter der Hand wird es mehr Bild von Herrschaft als Bild Gottes, denn der Mann beginnt sofort, über die Frau zu herrschen. „Meine Rippe gehört mir!“, so könnte sein Slogan gelautet haben. Das Modell wird Zukunft haben.
Was aber tun diese Menschen? Sie wollen sein wie Gott. wollen wissen, was gut und was bös ist. Hat ihnen niemand gesagt, dass sie doch längst ihrem Gott so ähnlich sind, dass sie ihm nicht noch ähnlicher werden können? Allerliebst die Geschichte mit der Schlange. Ich hätte wohl eher von einem sprechenden Schneemann geschrieben, einem mit ganz langer Möhrennase. Aber was soll’s. Sie wollten erkennen, was gut und was bös ist, und genau das bekamen sie. Ich blicke von meinem Weg zur Seite, aus dem weißen Schnee ragen einzelne verwitterte Baumreste, schwarze Stümpfe, die in dem unschuldigen Weiß an den Tod und seine Dunkelheit erinnern. Ja, so muss es ihnen ergangen sein. Zuerst sehen sie nur, dass sie nackt sind. Wenn der Herbst kommt, ist Nacktheit bös, dann braucht man Kleidung. Dann aber erkennen sie, dass in jedem Guten überall ein kleines Böses haust, Arbeiten macht nicht nur Freude, es ist oft sehr beschwerlich, Kinderkriegen, der Anfang und das Endprodukt sind ja gut, sehr gut, aber dazwischen liegt die Schwangerschaft, am Ende die Geburt mit all den Lasten und Mühen. Und was die Herrschaft angeht. Die Frau entdeckt, dass sie nur allzu oft unter der Macht des Mannes steht. Das fängt schon damit an, dass dieser Erdling schreit: „Sie war’s, sie hat angefangen, sie hat mich verführt.“ Und unzählige Mächtige in Staat und Kirche werden es ihm nachschreien.
Vor mir sehe ich neben dem Weg ein Jägerhäuschen, orange Mauern unter einem Dach aus Schnee. Hier haben einmal Fürsten ihr Jagdpicknick abgehalten. Fürsten waren sie und Bischöfe, also noch göttlicher als dieses arme Paar im Garten Eden nur hätte sein können. Aber sie sind vergangen, was blieb ist ein Waldhäuschen mit einer Bank davor. Im Sommer kann man sich mit seinem Mädchen darauf setzen usw. Jetzt ist es zu kalt.
So ein ganz Schlauer erzählte später von der Sünde des Adam, so nannte man den Erdling in unserer Gegend. Er wollte wie Gott sein und dafür musste er bitter bestraft werden, nicht nur er, auch alle seine Nachkommen. Dabei wollte der doch nur sein, was er längst war, ein Standbild Gottes. Aber jener Fürstbischof, der in diesem Häuschen vesperte, der war sicher mehr als so ein Adam, der war das eigentliche Bild Gottes. Aber der wurde nicht bestraft, dem baute man einen schönen Dom, ein feines Schloss, einen neuen Paradiesgarten. Und niemand lachte. Noch heute erzählen die, die Gott besonders gut zu kennen behaupten, da gebe es einen riesigen Unterschied zwischen Mann und Frau, so groß, dass die Frau unmöglich Gott vertreten könne. Nur gut, dass die Frau auch von der Erkenntnis-Frucht gegessen hat und unterscheiden kann, was gut und was bös ist, was klug und was nur dumm.
Mir wird kalt, ich mache mich auf den Rückweg. Kalt, das ist bös, zuhause ist es warm, das ist gut. Hier bin ich allein, das ist zum Nachdenken gut aber als Dauerzustand bös, zuhause wartet meine Frau, das ist meistens gut, außer wenn sie geputzt hat und ich aus dem Forst komme mit schlammigen Schuhen, die ich nie hinreichend abtreten kann. Und weil ich das einsehe, diesen Unterschied von gut und bös, bin ich deshalb ein altes Sündenaas, zu dessen Rettung aus ewiger Verdammnis nur ein Menschenopfer ausreichend war? Etwas stört mich an diesem Satz. Ich werde darüber nachdenken müssen. Eines hatte Gott vergessen zu sagen, als er damals sagte, alles sei gut, nämlich: „aber es ist wahnsinnig kompliziert.“ Wir Menschen haben noch einen Unterschied lernen dürfen, den zwischen Ideal und Wirklichkeit. Die Bibel erzählt eben zwei verschiedene Geschichten, wie bei der Erschaffung der Welt.
Wie soll ich meine Vorträge planen? Zwei Regeln werden mich leiten:
1. Wenn Gott etwas sagt, dass für alle Menschen bedeutend ist, dann sagt er es so, dass auch alle Menschen es verstehen können.
2. Wenn Gott etwas sagt, dass für alle Menschen bedeutend ist, dann sagt er es so, dass es in der Welt eines jeden Menschen die Bedeutung für diesen Menschen entfalten kann.
Aber um nach diesen Regeln meine Vorträge zu planen, muss ich üben zu erzählen. Ich will von vielen Anfängen erzählen, besonders von denen, über die Gott sagt, es sei gut.
Am Donnerstag soll ich bei einem „biblischen Abend“ in meiner Gemeinde zu der Erzählung von Kain und Abel sprechen.4 Wer kennt die Geschichte nicht von den beiden ungleichen Brüdern, deren einer offensichtlich Erfolg bei Gott hat, deren anderer durch seinen Misserfolg bei Gott zum Mörder wird, gerichtet von einem Gott, der den Mord immerhin nicht verhinderte, und beschützt von Gott, der an ihm nicht selbst zum Mörder werden will. Eigentlich kannte ich diese Geschichte zu gut, um noch etwas Neues zu finden. Doch dann schaue ich sie mir immer genauer an, rede darüber, suche die Brüche und Ungereimtheiten, und plötzlich ist es eine ganz andere Geschichte geworden, mit Abgründen, die ich nicht erwartet hätte.
Zwei Fragen sind es, die mich immer wieder einhalten lassen: Was ist das für ein Gott, der auf das eine Opfer schaut, auf das andere aber nicht? Und was ist das für ein Gott, der das Mordopfer nicht schützt, wohl aber den Mörder? Und mit jeder kleinen Erkenntnis die noch drängendere Frage: Wie kann ich das weitersagen? Wen interessiert das überhaupt? Oder muss ich die Frage anders stellen: Was traue ich meinen Zuhörern zu? Je länger ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich, die neue Fremdheit des Textes schlägt um in die Fremdheit der Situation, der Text holt mich ein. Aber bin ich Abel? Bin ich Kain?
