Venedig für Neugierige - Manfred Berger - E-Book

Venedig für Neugierige E-Book

Manfred Berger

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Beschreibung

Venezianische Highlights und geheime Plätze neu entdecken In "Venedig für Neugierige" beschreibt Manfred Berger zehn Spaziergänge durch Venedig, die selbst seine venezianischen Freunde und Venedig-Kenner neue Aspekte entdecken lassen. Neben Klassikern wie Markusplatz, Palazzo Ducale und Rialtobrücke entführen Sie diese Wege zu Plätzen, in kleine Bars, Restaurants und in das Ghetto von Venedig - und all das, ohne mit Jahreszahlen zu langweilen. Schöne alte Geschäfte liegen am Weg, wie der letzte Hersteller der "Forcuola", jener Walnuss-Gabel, mit der die Gondoliere ihre Ruder in der Gondola führen. Zwei Ausflüge bringen Sie an Orte abseits der Touristenströme: einer auf den Lido, nach Malamocco, wo die europäischen Kreuzzüge vor Jahrhunderten ihren Ursprung nahmen, ein weiterer nach Torcello, jener Insel, die heute in der "Laguna Morta", dem nordöstlichen Teil der Lagune liegt. Ein Kapitel ist dem wunderbaren Thema "Hochzeit in Venedig" gewidmet. Mit einer venezianischen Kurzgeschichte der Autorin Eva-Maria Grimm findet der Leser einen amüsanten Ausklang für seine Reise.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Manfred F. Berger

VENEDIG für Neugierige

Manfred F. Berger

VENEDIGfür Neugierige

Spaziergänge

Mit zahlreichen Kartenund Abbildungen

Inhalt

Noch ein Buch über Venedig? Ja, für Neugierige!

1

Warum ist Venedig anders als alle anderen Städte?

2

Die Piazza San Marco – mit einem Abstecher auf die Isola San Giorgio Maggiore

3

Von der Ponte di Rialto zur Scuola di San Rocco – mit wunderbaren kulinarischen Abwechslungen

4

Ein Spaziergang durch das Zentrum Venedigs

5

Ein Besuch des Arsenale, der Giardini und der Biennale

6

Ein romantischer Spaziergang – Hochzeit in Venedig

7

Lieben Sie Glas? Dann sind Sie in Venedig richtig.

8

Mit der Gondel über den Canal Grande zur Basilika Santa Maria della Salute

9

Das Ghetto von Venedig

10

Entspannung am Lido

11

Torcello – zurück an den Ursprung

12

Eine nächtliche Litanei in Venedig Eine Kurzgeschichte

von Inge Maria Grimm

 

 

Anmerkungen

Literatur

Bild- und Textnachweis

Noch ein Buch über Venedig? Ja, für Neugierige!

Wozu ein weiteres Buch über Venedig?, werden Sie sich vielleicht fragen. Was kann man über die Lagunenstadt sagen, was Johann Wolfgang Goethe, Francis Bacon, Guido Lorenzetti, Gerhard Tötschinger und andere nicht bereits gesagt, geschrieben oder gemalt haben?

Vielleicht kennen Sie diese Zeilen aus Goethes »Venezianischen Epigrammen«:

»Müde war ich geworden, nur immer Gemälde zu sehen, | Herrliche Schätze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt. | Denn auch dieser Genuss verlangt Erholung und Muße.«1 – »Seid doch nicht so frech, Epigramme! Warum nicht? Wir sind nur Überschriften; die Welt hat die Kapitel des Buches.«2

Goethe erlebte auch anderes in Venedig:

»Seid Ihr ein Fremder, mein Herr? Bewohnt Ihr Venedig? So fragten zwei Lazerten, die mich in eine Spelunke gelockt.

Ratet – Ihr seid ein Franzos! Ein Napolitaner! Sie schwatzten hin und wieder und schnell schlürften sie Kaffee hinein. Tun wir etwas, sagte die Schönste, sie setzte die Tasse nieder, ich fühlte sogleich ihre geschäftige Hand. Sacht ergriff ich und hielt sie fest; da streckte die zweite zierliche Fingerchen aus und ich verwehrte es auch ihr.

Ach es ist ein Fremder, so riefen sie beide und sie scherzten.«3

Dazu muss man wissen, dass in alten Zeiten, vor Goethes Aufenthalt in Venedig, mehr als tausend Prostituierte dort lebten – viele von ihnen in wunderbaren Palazetti, der kleineren Form eines Palazzos.

Vielleicht haben Sie auch Claude Monets Ausspruch gehört: »Man kann aus Venedig nicht abreisen, ohne sofort wiederkommen zu wollen!«4 Kurz zuvor hatte er seinem Freund, dem Schriftsteller und Kunstkritiker Octave Mirbeau, erklärt: »Venedig … nein …, ich werde nicht nach Venedig fahren« – um dann von dieser Reise 37 neue Bilder mitzubringen.

Anekdoten wie diese gibt es viele über Venedig; sie sind die Würze dieses Buches, das nicht nur eine Liebeserklärung an Venedig sein will. Denn nicht alle Entwicklungen in dieser faszinierenden Stadt sind uneingeschränkt positiv zu bewerten. Venedig wird in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr zu einer bloßen Theaterkulisse. Ein Palazzo nach dem anderen wird zu einem Hotel umgebaut, es gibt nur mehr Restaurants und Geschäfte und damit kaum noch ein »wirkliches« Leben in der Stadt. Das Gros der »Venezianer« lebt heute in Mestre, auf der sogenannten terraferma, dem Festland, und arbeitet nur tagsüber in Venedig. Damit wird die Kunststadt ihren kitschigen Nachbauten, wie dem Little Venice in Las Vegas, im Grunde immer ähnlicher, weil es nicht gelingt, der Stadt eine Funktion jenseits der Touristenattraktion zu geben.

Dieses Buch will Ihnen Venedig näherbringen – sei es für ein Wochenende oder eine ganze Woche oder sei es in Form einer liebevollen Annäherung über einen längeren Zeitraum. Es möchte Sie aber auch zum Nachdenken anregen, wie die Zukunft Venedigs aussehen könnte.

Für mich gab es vier Gründe, oder eigentlich Glücksfälle, die zu diesem Buch geführt haben:

Einer meiner besten Freunde ist der Maler Oskar Stocker. Von ihm ging die wesentliche Anregung aus, dieses anekdotische Buch zu schreiben, und es hat ihn dazu inspiriert, einen eigenen Zyklus dazu zu malen.

Der zweite Glücksfall sind zwei Bücher. Zum einen »Venedig und seine Lagunen« (1924) von Guido Lorenzetti. Auf fast tausend Seiten hat dieser venezianische Kunstexperte seine Stadt so detailliert beschrieben, dass man Jahre in Venedig leben und mithilfe seiner Beschreibungen noch immer neue Facetten entdecken könnte. In einem Antiquariat konnte ich glücklicherweise eine englische Übersetzung erwerben, die Mitte des letzten Jahrhunderts erschienen ist. Die darin beschriebenen Spaziergänge waren eine Bereicherung meines Venedig-Wissens. Das zweite Buch ist »Venedig« (1878) des französischen Schriftstellers Charles Yriarte, das meine Frau auf einer Reise in Dijon in einem Antiquariat entdeckte. Ihm sind die alten Stiche entnommen, welche die Geschichte der Lagunenstadt sehr gut dokumentieren.

Der dritte Glücksfall war meine Freundschaft mit der Marktforscherin Roswitha Hasslinger, deren Mutter, die bekannte Schriftstellerin Inge Maria Grimm, mir eine ihrer Kurzgeschichten zu Venedig überließ. Sie bildet den Abschluss zu diesem anekdotischen Reiseführer.

Diese spannende Geschichte sollten Sie idealerweise an einem nebligen Abend im Café Florian an der Piazza San Marco lesen, bei einer Infusione alla menta, wie der Pfefferminztee italienisch heißt. Wenn Sie jedoch einen Tè alla menta bestellen, bekommen Sie die italienische Form des Rumtees: einen Tee mit einem Schuss Minzlikör. Viele der Plätze, die in dieser Geschichte vorkommen, werden Sie dann, am Ende des Buches, bereits kennen.

Der vierte und schönste Glücksfall war die Hochzeit mit meiner Frau Margit in Venedig mit unseren Kindern, Familien und Freunden. Ein wunderbares Fest, das uns drei Tage lang zu den schönsten Plätzen Venedigs geführt hat.

Viele Geschichten – überlieferte, erzählte und erfundene – über Venedig gipfeln in dem wunderbaren Satz: Also die Geschichte war so … – aber es gibt auch Gerüchte, dass sie eigentlich ganz anders verlaufen sein soll, nämlich so …! Weil auf diese Weise auch Venedig-Kenner immer wieder neue Facetten entdecken können, habe ich den Titel »Venedig für Neugierige« gewählt. Eine der schönsten italienischen Redewendungen wäre der passende Untertitel dazu: »Si non è vero, è ben trovato!« – Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden!

Statt Sie mit Jahreszahlen zu quälen, will ich Ihnen die kleinen Geschichten zur großen Geschichte erzählen und Ihnen zeigen, wie Sie den Touristenströmen ein wenig entkommen können. Ich will Sie zu Plätzen führen, an denen das Faszinosum Venedig in seinem historischen Kontext ebenso wie in seiner geschäftigen Gegenwart für Sie lebendig wird, mit Tipps für Restaurants, Bars, Läden. Auf zehn Spaziergängen können Sie sich diese Stadt in ihrer unglaubliche Vielfalt erschließen – je nach Zeitbudget, je nach Jahreszeit, je nach Lust und Laune. Keinesfalls müssen Sie alle Spaziergänge absolvieren, um den kulturellen Reichtum der Serenissima zu verstehen. Schon ein Spaziergang wird vielleicht genügen, um Sie mit dem Bacillus venezianus anzustecken … und Sie werden immer wiederkommen wollen – so wie ich.

Manfred F. Berger

Venedig, im Frühjahr 2013

 

Unvergesslich: eine Fahrt im Taxiboot vom Flughafen, in der Abendsonne, vorbei am Markusplatz

1

Warum ist Venedig anders als alle anderen Städte?

Man kann aus Venedig nicht abreisen, ohne sofort wiederkommen zu wollen. Das sagte einer, der seinen Garten in Frankreich eigentlich gar nicht verlassen wollte, weil er mit seinen Seerosen völlig ausgelastet war – bzw. mit der laufenden Perfektionierung in deren Abbildung: Claude Monet.

War man einmal vor Ort, hat man die Atmosphäre, das Licht zu verschiedenen Tages- und sogar Jahreszeiten erlebt, versteht man den Satz von Friedrich Torbergs Tante Jolesch: »Alle Städte sind gleich, nur Venedig is a bissl anders …« Ein Satz, der auch Gerhard Tötschinger zu einem wunderbaren Buch über Venedig inspiriert hat.

Warum ist Venedig wirklich anders als alle anderen Städte auf dieser Welt? Es gibt keine andere Stadt, die wie Venedig in den letzten tausend Jahren in ihrer Struktur und in ihren Umrissen gleich geblieben ist. Das sind im Wesentlichen die Rialto-Inseln, auf denen dieser Stadtstaat gegründet wurde und aus denen er noch heute besteht.

Dazu passt der Spruch des amerikanischen Schriftstellers Henry James: »Wahrlich, der Tag, an dem etwas Neues über Venedig zu berichten wäre, der wäre ein trauriger Tag im Weltgeschehen.«5 Sollten Sie Venedig als »Fluchtort« gewählt haben, sind Sie, historisch betrachtet, in sehr guter Gesellschaft.

Die Lagune von Venedig ist eigentlich ein großer Binnensee, der über drei Öffnungen in die Adria verfügt, mit einer Vielzahl von Inseln. Viele dieser Inseln sind nur bei Ebbe sichtbar, bei Flut liegen sie etwa 20 cm unter Wasser.

Die Lagune wird auf der einen Seite von der terraferma, dem Festland, und auf der anderen Seite von schmalen Inseln (sogenannten Lidi, der Mehrzahl von Lido) begrenzt, deren bekannteste der venezianische Lido ist, die anderen sind der Lido von Jesolo und die Halbinsel Cavallino, deren Bezeichnung bereits auf die Pferdezucht hinweist, die hier Tradition hat.

Die Lagune wurde seit undenklichen Zeit von der lokalen Bevölkerung als Jagd- und Fischerei-Revier genutzt. Wie der Name der Veneter entstanden ist und woher sie kommen, ist nicht genau überliefert. Angeblich gibt es eine Verbindung zu Attila, dem Hunnenkönig, doch finden sich Reste der venezianischen Ursprache in Ortsnamen wie Axams und Matrei auch in der Gegend um Innsbruck, Nordtirol, wieder.6 Die Orte und in der Folge die Städte in der Lagune von Venedig entstanden wohl im Zuge der Völkerwanderung. Den Venetern, die sich hier ansiedelten, schien das Leben auf den Inseln und auf dem Wasser offenbar sicherer als auf dem Festland.

Eine der spannendsten Beschreibungen der Gründung und des Aufbaus Venedigs finden wir in der »Geschichte der Republik Venedig« des französischen Grafen Pierre Daru, der im Auftrag Napoleons, als dieser die Lagunenstadt besetzt hielt, eigentlich eine kritische Geschichtsschreibung verfassen sollte, aber nicht umhin konnte, die Leistung der Gründer zu würdigen:

»Nicht selten sehen wir, wie große Flüchtlingsströme ein Land besetzen, sein Antlitz verändern und der Geschichte eine neue Epoche eröffnen. Etwas anderes ist es, hier eine Handvoll Heimatloser zu erblicken, die sich auf einer Sandbank von einigen Hundert Metern niederlassen, dort einen Staat gründen und ihm ein Territorium erobern. Und dann kommt eine zahlreiche Bevölkerung und besiedelt den schwankenden Boden, ohne Pflanzenwuchs noch Trinkwasser noch Raum zum Bauen. Sie schaffen Industrien, festigen den Grund unter ihren Füßen und geben den Nationen Europas das erste Beispiel einer geregelten Staatsführung. Und aus diesem Sumpfland ziehen immer neue Scharen von Schiffen aus, überrennen ein großes Reich und erobern die Schätze des Ostens. Dann wieder halten die Nachkommen jener Flüchtlinge das politische Gleichgewicht Italiens, beherrschen die Meere, zwingen andere Völker ins Vasallentum und vernichten alle Anstrengungen eines gegen sie verbündeten Abendlandes. Hier finden wir wahrhaft eine menschliche Intelligenz, die würdig ist, sie zu studieren.«7

Dem morbiden Charme der feuchten Mauern der venezianischen Palazzi kommt man bei einer Gondelfahrt am nächsten.

Als Christoph Kolumbus nach Indien wollte, dann aber Amerika entdeckte, stützte er sich im Wesentlichen auf die Aufzeichnungen des Venezianers Marco Polo. Eine Kopie von dessen Reisebericht »Il Milione« mit den handschriftlichen Anmerkungen von Kolumbus ist noch heute in Spanien erhalten. Und als es Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts erstmals gelang, die Ostküste Indiens auf dem Seeweg zu erreichen, waren es venezianische Adelige, die als Reaktion auf diese Entwicklung den Bau des Suez-Kanals vorschlugen.8

Man spricht zwar immer von den Inseln in der Lagune, aber eigentlich wurde Venedig, ganz wie die historischen Pfahlbauten, ins Wasser gebaut, denn selbst bei Ebbe waren die meisten der über 100 Inseln damals leicht überflutet. Auch gab es eine Reihe von Kanälen unter Wasser. Die heutige Form Venedigs ergab sich letztendlich dadurch, dass man die »Inseln« mit Holz befestigte, das aus Istrien stammte – was zu dem bekannten Ausspruch führte, dass Venedig eigentlich auf dem istrischen Wald stehe.

Noch immer findet man in Venedig auch wertvolle Masken.

Auf diesen Holzpfählen wurden zu Beginn nur Holzbauten errichtet. Die Basilica di San Marco war lange Zeit der einzige Steinbau der Stadt. Nach mehreren Bränden wurde aus der Pfahlstadt ab dem 12. Jahrhundert dann allmählich eine stolze Steinstadt.

Das erste politische Zentrum der Lagune war Torcello. Bevor der Regierungssitz nach Venedig selbst verlegt wurde, war Malamocco auf dem venezianischen Lido der Sitz des Dogen. Venedig war die erste Föderation, die aus dem Klerus, den Noblen und dem Volk bestand. Die Bezeichnung Doge für das gewählte Oberhaupt Venedigs geht auf die lateinische Bezeichnung Dux (»Anführer«) zurück.

Der hl. Markus wurde der Schutzheilige Venedigs in der Nachfolge des hl. Theodors, der auf die Griechen zurückgeht. Das Problem mit dem hl. Markus waren nur seine Gebeine, denn diese ruhten in Alexandria. Dass sie ihren Weg nach Venedig fanden und der Basilika bzw. dem Markusplatz den Namen gaben, ist angeblich zwei beherzten Seeleuten, Buono da Malamocco und Rustico di Torcello, zu verdanken.

Eine der Inseln, die in der Lagune aus dem Watt ragte, wurde Rivo alto genannt. Auf diese Bezeichnung geht Rialto zurück, das ab dem 12. Jahrhundert das wirtschaftliche Zentrum der Lagunenstadt wurde. Bis ins 15., 16. Jahrhundert hatten dort Banken und Händler ihren Sitz, die den Aufstieg Venedigs unterstützten.

In über tausend Jahren haben sich die Rialto-Inseln in ihrer grundsätzlichen Struktur nicht verändert. Andere Zentren in Europa haben sich dagegen im gleichen Zeitraum aus kleinen, meist burgartigen Kernen mit immer neuen Randbezirken ringartig erweitert. So sind Metropolen mit Millionen von Einwohnern entstanden, während Venedig in seinen Umrissen gleich blieb und sich die Anzahl seiner Bewohnern sogar dramatisch zurückentwickelt hat: Waren es etwa Ende des 14. Jahrhunderts noch weit über 200.000, so zählt Venedig heute gerade mal etwas über 58.000 Einwohner! Daran zeigt sich, dass das Leben in der Lagunenstadt für die lokale Bevölkerung immer schwieriger wird.

Diesen Schrumpfungsprozess dokumentiert Andrea Morelli auf einer digitalen Anzeige an seiner Apotheke am Campo San Bartolomeo, neben dem Aufgang zur Rialto-Brücke. 2008 wurden dort noch über 60.000 Einwohner vermeldet.

Die Venezianer selbst sehen ihre Stadt seit Langem kritisch: »Nach einer anstrengenden Studie über die Bauwerke Venedigs bekannnte der englische Maler, Schriftsteller und Philosoph John Ruskin bereits im 19. Jahrhundert, dass sich nur wenige Venezianer an dem Anblick ihrer Stadt erfreuen, diesem schönsten urbanen Wandteppich der Welt.«9

In Venedig fehlt eine Form des Individualverkehrs, die das Aussehen aller anderen Städte geprägt hat, völlig – der Automobilverkehr. Wenn Sie per Auto angereist sind, müssen Sie Ihren Wagen am Tronchetto, der künstlichen Parkinsel, in Mestre oder, wenn Sie gut bei Kasse sind, am Piazzale Roma in einer der Parkgaragen abstellen.

Dabei kann man interessante Erfahrungen machen. Bei der Einfahrt in ein Parkhaus wurden wir einmal aufgrund unseres Kennzeichens sofort als Touristen klassifiziert und auf den ultimo piano verwiesen. Das ist in Venedig, speziell in den Wintermonaten, nicht sehr praktisch, da das letzte Stockwerk eine offene, ungedeckte Terrasse ist. Ich wählte also stattdessen den dritten Stock, il terzo piano. Nach der Einfahrt landeten wir vor dem Parkwächter, der Zeitung lesend in einem kleinen Glasverschlag saß. Als er das Motorgeräusch vernahm, senkte er nur kurz die Zeitung, schüttelte den Kopf und vertiefte sich sogleich wieder in seine »Gazzetta dello Sport«. Ich ließ die Scheibe hinunter und hielt meine Hand mit einigen Geldscheinen deutlich sichtbar vor die Wagentür. Weil der Motor weiterlief und ich keine Anstalten machte, weiterzufahren, senkte unser Parkwächter nochmals seine Zeitung. Die Geldscheine in meiner Hand zauberten ein Lächeln auf sein Gesicht, er faltete die Zeitung zusammen, kam freundlich auf uns zu, nahm die Geldscheine an sich und gab uns einen Parkplatz in seiner Sichtweite. »Il signore è molto gentile!« Damit bedankte er sich. Dieser Satz hat sich seither als stehende Redewendung in meinem Freundeskreis etabliert …

Unsere Städte sind inzwischen verschandelt von unzähligen Ge- und Verbotsschildern, die das Zusammenspiel von Fußgängern, Fahrrädern, Autos, Bussen und Straßenbahnen regeln. In den 1960er-Jahren gab es einmal eine Ampel in Venedig, an einer Kreuzung am Canal Grande, die inzwischen wieder demontiert wurde. Und auch für Boote gibt es durchaus Einbahnen. Die Absenz des Autoverkehrs macht Venedig so wohltuend anders. Die Segnungen des städtischen Verkehrs, mit immer neuer Tangenten, Unterführungen, Fahrradwegen und Parkgaragen, die wir von jeder anderen Stadt kennen, gehen an Venedig spurlos vorüber.

So sehen ein perfekter cappuccino und ein caffè latte mit biscotti am Markusplatz aus.

Das zentrale Verkehrsmittel ist und bleibt das Boot. Da gibt es zum einen das Vaporetto als öffentliches Verkehrsmittel. Das Wort stammt aus dem Französischen (von vapeur