Venedig im Regen - Conny Habbel - E-Book

Venedig im Regen E-Book

Conny Habbel

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Beschreibung

Conny Habbel suchte auf der diesjährigen Biennale in Venedig vergeblich nach Kunst, die die Welt bewegt. Sie fragt sich, wie es dazu kommen konnte, dass sich die politische Kunst heute selbst entmachtet. Der Kunstbegriff, der hinter dieser Biennale steht, glaubt nicht an die Kraft der Form, an Glam oder Poesie. "Diese Begriffe sind den Vertretern der dezidiert politischen Kunst suspekt. Form, Spiel, Magie: Sie würden von der Ernsthaftigkeit des Anliegens ablenken, es verklären. Dabei vermögen es doch gerade diese Dinge, Großes zu bewirken."

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Seitenzahl: 24

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Conny Habbel Venedig im Regen

Politisches Engagement und Widerstand in der Kunst

In einer eisigen Herbstnacht steige ich in den EuroNight der Österreichischen Bundesbahn von Wien nach Venedig. Mein Schlafabteil begrüßt mich mit einer in die Jahre gekommenen Reproduktion von Klimts »Kuss« unter kaltem Neonlicht, im Format DIN A4 (das Original ist eigentlich quadratisch). Das Bild wurde hinter getrübtem Plexiglas in die graue Plastikwand meiner Kapsel versenkt. Was hier hängt, verweist nur im Entferntesten auf Klimts auratisches Jugendstilgemälde: schillernd, virtuos, visuell mächtig, kleinteilige, golden schimmernde Flächen, zwei Figuren, in inniger Umarmung, die zarte Blässe der Gesichter gerahmt von den floralen Ornamenten ihrer Kleider. Auch dort, wo ich hinfahre, wird es Kunst zu sehen geben, ob schillernd, verstaubt, konzeptionell oder ganz anders.

Die Biennale von Venedig, eines der weltweit wichtigsten Kunstereignisse, fällt diesmal in eine Zeit, in der ich an meinen behüteten Wohnorten, Wien und München, mit der Flüchtlingskrise eine weltpolitische Notlage deutlicher mitbekomme als je zuvor. Im österreichischen Erstaufnahmelager Traiskirchen, sozusagen vor meiner Haustür, müssen fiebernde Kinder bei niedrigen Temperaturen im Regen schlafen. Auf einer Autobahn im Burgenland werden 71 Leichen aus einem luftdicht verschlossenen Kühlwagen geborgen. Auf Facebook ist ein Video zu sehen, das Menschen zeigt, wie sie, zum Teil schreiend vor Schmerz, durch einen halb gefrorenen Fluss an der slowenischen Grenze waten. Tag für Tag die Untätigkeit der europäischen Politik, Tag für Tag neue schreckliche Nachrichten. Die Ereignisse machen mich rasend wütend und unfassbar traurig. Manchmal stehe ich mitten in der Nacht auf, in meiner gemütlichen, beheizbaren Wohnung, und streichle meinen schlafenden Sohn.

Als Künstlerin frage ich mich: Welche Kunst kann in dieser Zeit sinnvoll sein? Ist es überhaupt noch legitim, Kunst zu machen, die solche politischen Missstände nicht reflektiert? Ich bringe Spenden zu den Notunterkünften in Wien und überweise Geld an Flüchtlingsorganisationen. Doch in meinen künstlerischen Arbeiten beschäftige ich mich mit biografischer Erinnerung und der Suche nach einem Platz in unserer narzisstischen Gesellschaft mit ihrem Appell zur Selbstverwirklichung. Wann beginnt das »wirkliche Leben« und worauf warten wir eigentlich? Zu weltpolitischen Themen habe ich mich bisher nie geäußert. Geliebt habe ich immer spielerische Kunst, wie die Arbeiten des Künstlerduos Fischli und Weiss oder die inszenierten Fotografien und das Rollenspiel von Cindy Sherman; Kunst, die um psychologische Themen kreist, etwa die Werke Sophie Calles, und solche, die formal stark und magisch ist wie die Malerei Michaël Borremans, die Skulpturen Ron Muecks oder die Fotografien Rineke Dijkstras. Diese Kunst macht mein Leben reicher, mein Denken flexibler und mein Empfinden feiner. Und doch: Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, mich mit politischeren Ausdrucksformen auseinanderzusetzen.

Wie berührt Kunst unser Denken?