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Sie wollen sich beruflich oder im Privaten verändern? Sie wollen Ihre Einstellungen oder Ihr Handeln modernisieren, vielleicht sogar beides? Eventuell begleiten Sie auch innere Transformationsprozesse bei anderen Menschen und möchten in Ihrer Rolle als potenzialentfaltende Person Ihre Beratungs- und Coachingkompetenzen optimieren. Wie attraktiv ist dabei Ihr persönlicher Veränderungswunsch? Haben Sie Lust darauf, macht er Sie an? Ist er noch ein Flirt, ein One-Night-Stand, eine Affäre oder bereits eine neue Partnerschaft? Schmeckt Ihr Ziel wie ein Kuss? Haben Sie das nötige Selbstvertrauen und das Verlangen? Kurzum: Sind Ihre Veränderungsvorstellungen sexy genug, um Ihr festes Ziel zu werden? Lassen Sie sich vom vorliegenden "S.E.X.Y."-Format inspirieren und stellen Sie Ihre Veränderungsprozesse auf den Prüfstand. Denn wie schön wäre es, wenn wir uns selbst oder sich die Menschen, die wir begleiten, in Veränderungen verknallen würden. Einfach so!
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Tom Küchler
Systemisch-integratives(Selbst-)Management
2., überarbeitete Auflage
VANDENHOECK & RUPRECHT
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2025 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Die erste Ausgabe ist 2016 unter dem Titel »Veränderung muss S.E.X.Y. sein. Lösungsorientierte Anregungen für das (Selbst-)Management von Veränderungen« im verlag modernes lernen erschienen.
Umschlagabbildung: j.chizhe/Shutterstock
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
E-Mail: [email protected]
ISBN 978-3-525-40056-2 (print)
ISBN 978-3-647-99249-5 (digital) | 978-3-666-40056-8 (eLibrary)
Wie sexy ist das, was Sie tun? · Vorbemerkungen
An wen richtet sich das Buch?
Zum Inhalt und Aufbau
Achtung, sehen Sie meine Ausführungen bitte kritisch!
Begegnung I · Was hindert und fördert uns?
Unser Aufmerksamkeitsfokus
Anlage und/oder Umwelt – was bestimmt unsere Möglichkeiten?
Die Herkunftsfamilie
Gesellschaftliche Faktoren
Die vier Prozessebenen und der systemisch(er)e Blick
Beziehungen kann man nicht küssen, Spielregeln auch nicht
Begegnung II · Theoretische Überlegungen zu Veränderungs- und Motivationsprozessen
Fühlen – Denken – Wollen – Handeln
Die Ebenen der Veränderung – wo kann man stupsen?
Funktionsoptimierung, Musterwechsel und Systemträgheit
Motivation zur Veränderung
Der Dreh – weg vom Problem hin zur Lösung
Zusammenfassung: Die W.A.N.D.E.L.-Prämissen und die Förderung von H3-Vitalität
Die Förderung der »KEV-Vitalität« als Ziel des syntegrativen Ansatzes
Begegnung III · Veränderung muss sexy sein!
S.E.X.Y. statt S.M.A.R.T.
Selbstverantwortung – der Dreh von der Vergangenheit zur Zukunft oder: Selbstbewusstsein macht Sie für Ihren Veränderungswunsch attraktiv!
Drei nützliche und existenzielle Fragen zu Beginn
Wahrnehmung: Inneres Erleben als Richtungsgeber nutzen
Check: Lust und Unlust?
Check: Schade oder schlimm?
Check: Problem oder Krise?
Check: Muster identifizieren – in sich selbst und zwischen den Menschen
Motivationstrias – eine Reiseplanung
Attraktive Ziele (er-)finden oder: Ziele müssen wie Küsse schmecken!
Wunderfrage
Wunderskala
Annika-Pippi-Balance und das gewollte Leben
Somatische Marker und inneres Erleben als Schlüssel zur Zielsetzung
Gesundheit als Metaziel
Ambivalenzen zum Schwingen bringen und Hindernisse reflektieren oder: Ist Ihre Veränderung ein Flirt, ein One-Night-Stand, eine Affäre oder eine neue Partnerschaft?
Der Faktencheck
Die Entscheidungswaage
Das Tetralemma
Die Kraftfeldanalyse – eine Form von Ressourcen- und Hindernismanagement
Mentales Kontrastieren – ein Hindernis mit einem Veränderungsplan woopen
Ressourcen vitalisieren und Handlungsoptionen eröffnen oder: Veränderung braucht Selbstvertrauen, Libido und Potenz!
Ressourcen – Lösungen in der Gegenwart
Das soziale Umfeld
Reframing – ein anderer Rahmen
Perspektivenwechsel mit dem Meta-Mirror
Ausnahmen und Bewältigungsstrategien – Lösungen in der Vergangenheit
Glaubenssätze überprüfen und einen anderen Umgang damit finden
Die fünf Superressourcen
Drei gute Gründe
»Rückfälle« sind Vorfälle: Nutzen Sie sie als Lernfenster!
Begegnung IV · Abschließende Gedanken
Was ich mir für Sie wünsche …
Was ich mir von den professionellen Menschenbegleiterinnen und -begleitern wünsche …
Literatur
Sie wollen sich verändern? Vielleicht im Beruf, im Privatleben oder im körperlichen Bereich? Sie wollen Ihr Fühlen, Denken oder Ihr Handeln verändern – oder gleich alles?
Sie begleiten Veränderungsprozesse bei anderen Menschen? Sie möchten, in Ihrer Rolle als »potenzialentfaltende Veränderungsbegleitung«, Ihre Führungs-, Beratungs- und Coachingkompetenzen verändern?
Wenn diese Fragen Sie ansprechen, dann könnte dieses Buch für Sie anregend sein.
Veränderungen sind meistens sehr mühsam. Wie schön wäre es, wenn wir uns oder sich die Menschen, die wir begleiten, einfach so in ihre Veränderung verlieben oder zumindest »verknallen« würden. Einfach so! Vielleicht lassen Sie sich einmal folgende Fragen vor diesem Hintergrund auf der Zunge zergehen:
Wie attraktiv ist eigentlich Ihre Veränderung? Haben Sie Lust darauf, macht es Sie an? Schmeckt Ihr Ziel wie ein Kuss? Ist Ihre Veränderung von der Art her noch ein Flirt, ein One-Night-Stand, eine Affäre oder bereits eine neue Partnerschaft? Haben Sie das nötige Selbstvertrauen und das Verlangen? Sind Sie attraktiv genug für Ihren Veränderungswunsch, für Ihr Ziel?
Lassen Sie sich inspirieren. Ja, Veränderung kann sexy sein! Stellen Sie Ihre Veränderungsprozesse auf den Prüfstand und checken Sie das S.E.X.Y.-Format, das wir in den einzelnen Kapiteln erarbeiten und vertiefen werden. Vielleicht werden Sie sich ja in Ihre Veränderung einfach so »verknallen«?
S.E.X.Y. – das bedeutet, sich selbstverantwortlich zu sehen, Erotik im Sinne von anziehenden Zielen zu entwickeln, gewisse X-Faktoren zu managen und mit einem klaren »Yes!« die Zukunft zu gestalten. Erst wenn Veränderung nicht nur notwendig, sondern auch reizvoll ist, entsteht echte Begeisterung. Erotik und Veränderung haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Beide leben von Anziehung, Spannung und dem Spiel mit Möglichkeiten. Ohne Verlangen bleiben sie leblos – genauso wie Veränderungen ohne emotionale Anziehung oft im Sollen stecken bleiben. Nur wenn uns etwas emotional packt, uns reizt oder eine bessere Zukunft verspricht, sind wir bereit, alte Muster zu verlassen. Veränderung ist oft ein Spiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verlangen nach dem Neuen und dem Zögern vor dem Unbekannten. Wer mit dieser Spannung umgehen kann, statt sie zu fürchten, erlebt Veränderung als reizvolles Abenteuer. Menschen, die sich weiterentwickeln, Herausforderungen annehmen und anziehende Ziele verfolgen, strahlen oft eine besondere Energie aus – eine Art erotische Anziehung durch Selbstwirksamkeit. Veränderung ist dann sexy, wenn sie nicht zur Pflicht, sondern zur Verführung wird. Denn was uns wirklich reizt, dem können wir kaum widerstehen.
Dieses Buch ist damit eine Kampfansage an die Demotivation und den Widerstand und würzt Veränderungsprozesse mit »Sexyness«. Sowohl in meinen eigenen Selbstmanagementprozessen als auch in der Begleitung von Menschen in deren Veränderungsprozessen habe ich mich mit dem Thema befasst. Ich habe mich oft gefragt: Warum fangen Menschen nicht mit Veränderungen an? Was ist eigentlich der »Schweinehund«? Weshalb hält Veränderung oft nicht lange an, und warum fallen Menschen wieder in alte Muster zurück? Wieso kommen Menschen oft schwer oder nie bei ihren Zielen an? Wer definiert eigentlich die Ziele?
Unter Kolleginnen und Kollegen fielen oft Sätze wie »Die wollen nicht«, »Er ist beratungsresistent«, »Sie zeigt Widerstand« oder »Die sind so unmotiviert und einsilbig«. Ich sage Ihnen: Ich hab es satt! Ich will von diesen Konstruktionen nichts mehr wissen. Es gibt keine beratungsresistenten, widerständigen und unmotivierten Menschen! Was es jedoch geben kann, sind beratungsresistente, widerständige und unmotivierte Prozessbegleitende. Ich halte mich in diesem Fall treu an Steve de Shazer, von dem man sagt, dass er den Widerstand im Garten hinter seinem Haus begraben hatte.
Wenn es so etwas wie »Widerstand« geben würde, zeigt dieser einerseits eine normale menschliche Schutzfunktion und andererseits signalisiert es dem Prozessbegleitenden, dass er oder sie die Strategie ändern sollte. Kommunikation ist eben keine Einbahnstraße.
Fakt ist: Menschen sind kooperativ und motiviert, wenn sie sich selbstbewusst und autonom erleben und die Veränderung sexy ist.
Natürlich sind mir auch die »guten Gründe« für »widerständiges Verhalten« klar und manchmal »sind« eben Menschen, wie sie »sind« – in diesem Buch tun wir mal so, als ob es nicht so wäre …
Das Buch richtet sich an zwei Gruppen:
Im Grunde soll und kann dieses Buch für jede Person nützlich sein, die sich mit dem Wesen oder dem Unwesen von menschlichen Veränderungsprozessen befassen möchte. Ziel soll es sein, einen kleinen Überblick über das »Systemisch-integrative (Selbst-)Management von Veränderungen« zu schaffen. Dabei möchte ich lediglich Anregungen geben und mich nicht in die Reihe der Ratgeber einreihen. Ich denke: »Ratschläge sind auch Schläge« (Radatz, 2013) – Sie allein haben die Expertenschaft in Ihrem Leben und niemand anderes!
Darüber hinaus richtet sich das Buch an Führungskräfte, pädagogische Fachkräfte, Lehrende, Sozialarbeitende, Therapeutinnen und Therapeuten, Supervidierende und Coachs – also an alle, die andere Menschen in Veränderungsprozessen begleiten.
Es ist mir wichtig, das Folgende immer wieder anzumerken, darum sei hier erwähnt: In meiner Arbeit vertraue ich stark auf die Selbsthilfepotenziale der Menschen, mit denen ich arbeite, da ich davon ausgehe, dass alle notwendigen Ressourcen zur Lösung eigener Anliegen bereits vorhanden sind. Gleichzeitig bin ich mir als professionelle Begleitung bewusst, dass Unterstützung manchmal Abhängigkeiten schaffen oder Ungleichgewichte erzeugen kann. Daher gebe ich so wenige Impulse wie möglich, weil ich daran glaube, dass jeder gut für sich sorgen und eigene Lösungswege finden kann. Oft reicht dafür schon Selbstreflexion – beispielsweise mit den (Frage-)Techniken aus diesem Buch. Falls das jedoch nicht oder nur eingeschränkt funktioniert, möchte ich ermutigen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Externe Beratung kann helfen, dranzubleiben, neue Perspektiven zu entwickeln und hilfreiche Fragen zu stellen. Also: Falls es mit diesem Buch nicht klappt – einfach einen anderen Weg ausprobieren!
Fangen wir mit den Inhalten und Quellen an, die mich in diesem Buch leiten. Nicht alles, was Sie in diesem Buch finden, sind meine eigenen Ideen. Die meisten Gedanken und Konstrukte stammen von zahlreichen anderen Kolleginnen und Kollegen, die ich meinen Studierenden, Seminarteilnehmenden, meinen Kundinnen und Kunden in Beratung, Coaching, Supervision und Therapie und jetzt letztendlich auch Ihnen weitergebe. Ich habe mir diese Gedanken quasi »zusammengeklaut«, verdichtet und mit eigenen Konstruktionen versehen, und das eine oder andere Modell habe ich selbst kreiert. Mich inspirieren sehr die lösungsfokussierten Konzepte von Insoo Kim Berg, Steve de Shazer, Peter Szabó, Ben Furman, Jürgen Hargens und Co., Elemente aus der motivierenden Gesprächsführung von Miller und Rollnick, die vielfältigen Ideen aus systemischen Konzepten und Gerald Hüther mit seinen Anregungen aus der Hirnforschung. Ebenso fließen Ansätze aus anderen Selbstmanagement- und Beratungsschulen mit ein wie beispielsweise das Zürcher Ressourcenmodell (ZRM) oder die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT).
Es kann sein, dass den Lesenden manches aus meinem Buch »HIRNgeküsst« (2023) bekannt vorkommt. Das liegt daran, dass das S.E.X.Y.-Buch schon vorher existierte und für die Neuauflage beschlossen wurde, bestimmte Aspekte, Tools und Konzepte auch im zweiten Durchgang beizubehalten – sie sind schlicht unverzichtbar.
Hier wird schon sichtlich, dass ich viele verschiedene Ansätze zusammenführe. Jedoch tue ich dies auf einer systemtheoretischen Grundlage. So ist über die Jahre mein systemisch-integrativer Ansatz entstanden, den ich mit dem Kurzwort SYNTEGRATIV versehen habe.
https://www.potenzialentfaltung.org/syntegrativ/
In allen Kapiteln werden theoretische Konstrukte vorgestellt und mit Zitaten und Fragen zur Selbstreflexion für eigene Veränderungsprozesse gekoppelt. Somit kann das Buch ein individuelles Selbst-Coaching dafür sein, um einen neuen Weg in Ihrem Leben einzuschlagen. Die reflexiven Fragen werden mit diesem Donut-Symbol versehen. Dies soll quasi eine Gedanken-Leckerei für Sie sein. Sollten Sie professionell in der Beratung tätig sein, können Sie diese Fragen und Tools nutzen, um mit Ihren Kundinnen und Kunden zu arbeiten.
Manchmal verweise ich auch auf Internetseiten oder auf Videos bei Youtube; diese markiere ich dann mit dem QR-Code. Nutzen Sie Ihr Smartphone und erfahren Sie mehr.
https://de.wikipedia.org/wiki/QR-Code
Das Buch gliedert sich in vier Teile, die ich liebevoll »Begegnungen« nenne: In der I. Begegnung werden die inneren und äußeren »Kräfte«, »Antreiber« und »Begrenzer« unserer Potenziale in den Blick genommen, um damit die Möglichkeiten, Grenzen und Einflussgrößen von menschlichen Veränderungsprozessen zu beschreiben. Ein wesentlicher Punkt wird dabei unser Aufmerksamkeitsfokus sein. In unserer II. Begegnung werden theoretische Konstruktionen zum Kontext »Veränderung und Motivation« vorgestellt. Ich werde mich dabei auf einige für mich wesentliche Aussagen beziehen und gegebenenfalls weiterführende Literatur benennen. In unserer III. Begegnung – dem Kern dieses Buches – sollen dann einige dieser oben genannten Aspekte gebündelt, konkretisiert und mit Sexyness gewürzt werden.
Gleichfalls werden einige Methoden, Tools oder Denkrichtungen angeboten, die für Ihre Veränderungswünsche nützlich sein könnten.
Die vier Schwerpunkte des S.E.X.Y.-Veränderungsformats sind:
Wie wichtig Selbstverantwortung für Ihre Veränderung ist.Wie Sie Ziele (er-)finden können.Wie es Ihnen gelingt, Entscheidungen zu treffen, Ambivalenzen ins Schwingen zu bringen und Hindernisse zu managen.Wie Sie Ihre Ressourcen erkennen, vitalisieren und Zuversicht gewinnen, um damit Handlungsoptionen zu ermöglichen.In einem kurzen, abschließenden IV. Begegnungs-Teil werde ich eine kleine Zusammenfassung wagen und einige Gedanken zum Ende vornehmen. Gleichfalls werde ich einige Wünsche an professionelle Menschenbegleiterinnen und -begleiter richten.
Ich habe in der Neuauflage einige Aspekte entfernt. Der I. und II. Begegnungs-Teil des Buches wurde intensiver verändert. Im III. und IV. Begegnungs-Teil gibt es Ergänzungen und Änderungen.
Ich bin gegen Generalisierungen und Dogmen. Ich finde es nicht nützlich, (ungefragt) Menschen (gut gemeinte) Tipps und Ratschläge zu geben. Fakt ist, wie bereits erwähnt: »Ratschläge sind auch Schläge« (vgl. Radatz, 2013), und ich sehe mich nicht als Experte für Ihre Probleme und Lösungen. Das sind Sie selbst! Ich kann nur eines ganz gut, ich kann Menschen einen guten Rahmen bieten, in dem sie selbst Lösungen kreieren können. Betrachten Sie dieses Buch nicht als »Heilmittel« oder als das »einzig Wahre«. Wahrheit bzw. Wirklichkeit ist immer individuell und wird von jedem Menschen, konstruktivistisch gesehen, eigenständig erzeugt. Ich wünsche mir, dass Sie dieses Buch benutzen, um über Veränderungsprozesse nachzudenken und zu reflektieren. Meine Ausführungen sind daher eher ein Betriebssystem als ein Programm. Also bitte glauben Sie mir nicht alles!
Wenn wir uns mit Veränderungen und deren Potenzialen befassen, landen wir schnell bei den Fragen: Was ist genetisch quasi vorbestimmt? Was ist »so, wie es eben ist«, und was ist veränderbar? Welche Rolle spielen die Erziehung und die Gesellschaft? Und warum muss bzw. will ich mich eigentlich verändern, was regt mich dazu an bzw. was bremst mich? Ich möchte versuchen, einige dieser Fragen zu beantworten und einige Aspekte ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu benennen. Vielleicht können Sie die folgenden Überlegungen nutzen, Ihre »Bremser« und »Beschleuniger« oder vielleicht schon das eine oder andere Veränderungsziel für Ihren Veränderungsprozess zu identifizieren.
»In jedem Moment stehen wir auf einer Kreuzung (im Hier und Jetzt), um welche sich die vier Quadranten um uns herum aufspannen, und wir entscheiden, wohin wir blicken oder gehen.«Tom Küchler
Ich lade Sie ein, sich Folgendes vorzustellen. Sie stehen mitten auf einer Kreuzung. Die Straße hinter Ihnen führt in die Vergangenheit, und die Straße vor Ihnen führt in die Zukunft. Nach links geht es in die Welt der schönen und angenehmen Dinge, und nach rechts führt es Sie in die Gebiete der schwierigen, belastenden und befürchteten Aspekte.
Durch diese Kreuzung tun sich dann quasi vier Regionen (bzw. Quadranten, vgl. Moon, 2018; siehe Abbildung 1) auf – und es ist unsere Entscheidung, wohin wir blicken, nämlich in:
die positive und beste Vergangenheit (V+);
die belastende Vergangenheit (V-);
die befürchtete Zukunft (Z-);
die beste Zukunft (Z+).
Abbildung 1: Die Lösungskreuzung (dialogische Quadranten)
Wo schauen Sie hin? Wo intensivieren (oder verlieren) Sie Ihre Energie? Fühlen Sie sich als »Opfer Ihrer Vergangenheit« oder als Gestalterin bzw. als Gestalter Ihres Lebens? Schauen Sie auf die »positiven« oder auf die »negativen« Aspekte Ihres Daseins? Kommen Sie eher in Schwung, wenn »das Negative« zu groß ist, oder geraten Sie in Bewegung, weil eine positive Zielrichtung anziehend auf Sie wirkt?
»Laufe nicht der Vergangenheit nach und verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben ist hier und jetzt.«Siddhartha Gautama
In der Mitte der Kreuzung befindet sich das »Hier und Jetzt«. Wie gut sind wir im Hier und Jetzt? Dieser Raum hat die Funktion, die als »Achtsamkeit« beschrieben wird.
Achtsamkeit ist demnach eine bestimmte Form, welche
absichtsvoll (quasi nicht im »Autopilot unterwegs«) ist,sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft) undnicht wertend (sondern nur erfahrend/wahrnehmend) ist.Eine (gestalttherapeutische) Perspektive besteht in der Annahme, dass sich Veränderung dann zeigt, wenn der Mensch sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, zu sein, was er ist. Dies meint, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen.
Diese Idee der Kreuzung und der darin aufgehenden Quadranten habe ich für meine Arbeit nutzbar gemacht. Mit meinem Tool, das ich Solution-Loop (oder manchmal auch Lösungskreuzung) nenne, arbeite ich mit Einzelpersonen und Teams.
https://solution-loop.com
Wir werden in diesem Buch durch all diese Räume schreiten und reflexiv darin arbeiten. Ich werde Sie mit kleinen Bildern immer wieder einladen, sich bewusst zu machen, wo wir uns innerhalb der Quadranten bewegen. Also seien Sie gespannt.
»Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.«Arthur Schopenhauer
Wenn es um Veränderung geht, stellt sich, wie eingangs erwähnt, oft die Frage, ob sich der Mensch grundsätzlich verändern kann. Doch was ist eigentlich »grundsätzlich«? Schnell sind wir in dieser Debatte bei der Frage nach der »genetischen Vorbestimmung«. Die Wissenschaft argumentiert mit unterschiedlichen Sichtweisen. Da ich ja in der Regel nichts von Dogmen und »eindeutigen« und einengenden Wahrheitskonstruktionen halte, beantworte ich die Frage danach damit, dass ich glaube, dass sowohl genetische als auch soziale Gegebenheiten auf den Menschen einwirken und somit Veränderungsprozesse beeinflussen.
Auf der Suche nach Antworten zu dieser Frage stößt man relativ schnell auf die Entwicklungspsychologie. Der Kinderarzt Remo Largo, der durch seine Veröffentlichungen »Babyjahre« oder »Schülerjahre« bekannt ist und von vielen Expertinnen und Experten als »Institution« betrachtet wird, wenn es um die Entwicklung von Kindern geht, beantwortet diese Frage ebenso eindeutig. Fakt ist: Anlage und Umwelt haben Einfluss! Die Anlage, also die Genetik oder auch die »Erbmasse« beider Eltern, schafft die Grundvoraussetzung dafür, dass sich überhaupt Fähigkeiten und Verhalten ausbilden können. Aus sich heraus bringt die Anlage allein jedoch keine Fähigkeiten und Verhalten hervor, dazu braucht es die Umwelt. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Anlage lediglich das »Entwicklungspotenzial« festlegt. Die Umwelt/das Umfeld und die darin enthaltenen Bedingungen bestimmen und beeinflussen dagegen, wie viel vom angelegten Entwicklungspotenzial realisiert bzw. ausgeschöpft werden kann. Das heißt in der Konsequenz, dass selbst »optimale Umweltbedingungen« nur das fördern können, was genetisch angelegt wurde.
Aus dieser Sicht heraus wird deutlich, dass Anlage und Umwelt sich nicht gegenseitig kompensieren können, da sie Unterschiedliches zur Entwicklung und Veränderung beitragen. Die Umwelt ist eher »die Nahrung« für das Wachstum und sie sollte die notwendigen Bedingungen vorhalten, damit die Menschen sich ihrer Anlage entsprechend entwickeln können (vgl. Largo u. Beglinger, 2010, S. 23 ff.).
»Der stärkste Baum verkümmert, wenn er keine Wurzeln hat.«Peter Amendt
Die Zukunft wurzelt im Gestern. Wer wir sind und woher wir kommen, kann ebenfalls unsere Ressourcen und Potenziale beeinflussen. Viele Rollen, Werte und Normen werden in unserer Herkunftsfamilie vorgelebt und geprägt, und diese wirken ein Leben lang mehr oder weniger auf uns. Unsere Ahnen haben uns über Generationen hinweg vielfältige Denk- und Verhaltensmodelle mitgegeben. Manche machen uns stark, fördern uns, und manche begrenzen und behindern uns auch. Es lohnt sich manchmal auch ein Blick zurück! Dieser Blick kann uns nutzen, um neue Ideen zu entwickeln bzw. von vorherigen Generationen zu übernehmen. Manchmal werden wir beim genauen Hinschauen in die gesellschaftliche Wirklichkeit von damals davon überrascht, welche Handlungsideen und Wünsche unsere Vorfahren hatten, wie sie diese ausgelebt haben, zum Teil trotz widriger Umstände oder gerade deshalb. Trotz all dieser positiven
