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Verborgenes Leid, Schreien aus tiefster Not, ohnmächtiges Verstummen, Traumatisierung, aber auch therapeutische Empathie, Helfen und Heilen, Ich-Stärkung, Symbolisierung als Traumaverarbeitung, integriertes Selbst – Ausblicke und Wege in "freundliche Weiten" (Balint). Diesem Problemspektrum gewidmet sind die hier versammelten 13 Studien der Analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Heide Rohse (1939–2021), deren Perspektive fachübergreifend mitgeprägt ist aus Erfahrungen in schulischer und universitärer Lehrtätigkeit. Sie untersuchte nicht nur Beispiele therapeutischer Praxis, sondern auch Szenarien aus Weltliteratur und Bibel aus psychoanalytischer Perspektive – von Romanen Fontanes ("Effi Briest"), Gontscharows ("Oblomow"), Moritz' ("Anton Reiser") über Erzählungen von Kaschnitz ("Adam und Eva") und Andreas-Salomé, der ersten Göttinger Psychoanalytikerin, bis hin zu biblischen Passions- und Auferstehungstexten (Kreuzigung als Trauma?) und Luther ("Aus tiefer Not …"). Eine nicht nur für therapeutisch-psychologische Fachkreise, sondern auch literarisch und theologisch Interessierte informativ anregende, provokant spannende Lektüre.
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Seitenzahl: 455
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Heide Rohse
Psychoanalyse in Literatur, Theologie und therapeutischer Praxis
GESAMMELTE STUDIEN
Herausgegeben von Eberhard Rohse
Vandenhoeck & Ruprecht
Unseren Töchtern Andrea und Bettina und den Enkelkindern Felix, Pauline, Moritz, David und Lilly
Mit 5 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2023 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Bettina Rohse, Amrum-Landschaft (2004, Privatbesitz)
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99368-3
Zur Einführung
Eberhard Rohse
Erster Teil – Problemfelder und Beispiele psychotherapeutischer Praxis
Ich-Stärke und Entscheidungsfähigkeit. Überlegungen zu Erziehungszielen und Erziehungsstilen aus psychoanalytischer Sicht
Probleme der modernen Familie im Spiegel therapeutischer Praxis. Ein Erfahrungsbericht
Zwangsneurose und Adoleszenz. Der therapeutische Prozess bei einer jugendlichen Patientin mit Zwangsneurose
»Zerbrochener Spiegel« – Sexueller Missbrauch
Zweiter Teil – Psychoanalyse und Literatur
Literaturpsychologie – methodische Aspekte psychoanalytischer Literaturinterpretation
»Arme Effi«. Widersprüche geschlechtlicher Identität in Fontanes »Effi Briest«
Die unsichtbaren Tränen. Psychoanalytische Gedanken zu Iwan A. Gontscharows »Oblomow«
Abgespaltene Trauer. Die Perspektive des leidenden Kindes und »strategische Adoleszenz« in K. Ph. Moritz’ Roman »Anton Reiser«
»Sieh, ich bin mal so«. Die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé zwischen Literatur und Psychoanalyse
Dritter Teil – Im Dialog mit biblisch-theologischer Tradition
Erinnern – Erzählen – Trauern. Marie Luise Kaschnitz’ Geschichte »Adam und Eva« und die biblische Erzählung von Paradies und Vertreibung
Zur Bedeutung religiöser Themen in der Psychotherapie [Fragment, ca. 2000]
Die Kreuzigung – ein Trauma? Psychoanalytische Überlegungen zu Passions- und Auferstehungstexten
»Aus tiefer Not schrei ich zu dir«. Luthers Botschaft – auch für heute?
Quellenverzeichnis (chronologisch)
Personenregister
Eberhard Rohse
Psychoanalytisch engagiert und fachübergreifend schlagen die posthum hier versammelten Studien der Göttinger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Heide Rohse (1939–2021) aus einem Entstehungszeitraum von rund 40 Jahren einen thematisch weiten Bogen. Fragt die erste der Studien (1975) gleich eingangs, im Interesse wirklichen Kindeswohls, sozialisations- und erziehungskritisch: »Was geschieht in der Erziehung dem Kind zugute?«, so formuliert deren letzte (2017) als theologisch-kritisches Diskursfazit und alltagspraktisches Postulat (zum Thema »Luthers Botschaft – auch für heute?«) zugespitzt existenzorientiert: »[…] angesichts unserer Ängste und Hoffnungslosigkeit […] müssen wir nicht an sich wandelnde Gottesbilder glauben, sondern an Gott allein. Das genügt.«
Thematisch verortet in überraschend kontrastivem Spannungsfeld dieses Rahmens untersuchen die insgesamt 13 Beiträge des Sammelbandes ein brisant vielfältiges Themen- und Problemspektrum psychisch störungsanfälliger Lebens-, Identitäts- und Leidensszenarien – exemplarisch vorgestellt im Blickwinkel nicht nur langjährig-therapeutischer Praxiserfahrung, sondern darüber hinaus auch psychoanalytisch perspektivierter literarischer wie biblischer Textinterpretation. Anders gesagt: Verborgenes Leid, Schreien aus tiefster Not, ohnmächtiges Verstummen, Traumatisierung, aber auch Helfen und Heilen, Befreiung aus inneren Qualen und Zwängen, therapeutische Empathie, Ich-Stärke und integriertes Selbst, Ausblicke in »freundliche« Weiten … Dem allen (und mehr) gilt das Interesse sowohl der Fallstudien und Reflexionen aus therapeutischer Praxis als auch der Textinterpretationen signifikanter Szenarien aus Literatur und Bibel: von Romanen Fontanes (»Effi Briest«), Gontscharows (»Oblomow«), Moritz’ (»Anton Reiser«) über Erzählungen von Kaschnitz (»Adam und Eva«) und Andreas-Salomé, der ersten Göttinger Psychoanalytikerin, bis hin zu biblischen Passions- und Auferstehungstexten (»Kreuzigung – ein Trauma?«) und Luther (»Aus tiefer Not …«).
So kommt es zum Buchtitel: »Verborgenes Leid und Empathie. Psychoanalyse in Literatur, Theologie und psychotherapeutischer Praxis«.
Nachhaltig vor- und mitgeprägt ist die hier sich spiegelnde Verbindung von therapeutischer Professionalität und fachübergreifendem Weitblick, problemreflexiver Sensibilität und lebenspraktischem Engagement aus vielseitig gefächerter Erfahrung Heide Rohses in schulischer Lehrtätigkeit (1963–1974) wie auch als Lehrbeauftragte für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Göttingen (1974–1984). Prägend vor allem aber und diskursiv-erkenntnisleitend bleiben psychoanalytische Arbeitserfahrung und Grundorientierung als Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (seit 1975) und Mitarbeiterin am Therapiezentrum der Stadt Göttingen (in freier psychotherapeutischer Praxis), dazu als Dozentin, Supervisorin und Kontrollanalytikerin am Lou-Andreas-Salomé-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Göttingen (Kontrollanalysen bis 2019).
Nicht nur ihr beruflicher Werdegang, sondern auch die entstehungsgeschichtlich-publizistische Verortung und Adressierung ihrer Veröffentlichungen bezeugen die von Anfang an entschieden interdisziplinäre Offenheit und Kommunikation der Verfasserin. Vorab zu nennen ist hier eine schon frühe – in vorliegender Aufsatzsammlung nicht aufgenommene – Buchpublikation der Autorin, die den Übergang von der Lehrtätigkeit als Religionslehrerin an Grundschulen zur theologisch-religionspädagogischen Universitäts-Lehrbeauftragten im Fachbereich Erziehungswissenschaft thematisch signifikant dokumentiert – das aus eigener Unterrichtspraxis erwachsene Lehrbuch zum Religionsunterricht an Grundschulen: »Palästina. Vom Leben der Menschen zur Zeit Jesu. Ein Arbeitsbuch für das 3./4. Schuljahr« (Vandenhoeck & Ruprecht/Benzinger, Göttingen 1978, 2. Aufl. 1981). Das »für die Hand des Schülers und des Lehrers« gedachte Arbeitsbuch (so der Klappentext) »zeigt in Bildern und kurzen Erzählungen, wie die Menschen damals miteinander lebten, wie sie wohnten, glaubten, feierten. An exemplarischen biblischen Texten werden die Reden Jesu und zugleich sein Verhalten in Anknüpfung und Widerspruch zu den Lebenszusammenhängen seiner Zeit dargestellt«. Womit nicht nur ein »erstes Bekanntwerden mit der menschlich-geschichtlichen Gestalt Jesu« erschlossen, sondern insbesondere auch – zugleich historisch-kritische Forschung zum Neuen Testament aktualisierend – in historischem Kontext »sozialer und religiöser Zwänge das Verhalten Jesu als befreiend« vergegenwärtigt wird. Hermeneutisch-didaktisch folgt die Auswahl der biblischen Textbeispiele ausschließlich (so die »Hinweise zur Benutzung des Buches«) den Kriterien »Verständlichkeit für das Grundschulkind und theologischer Relevanz« – bei zugleich psychologisch sensiblem »Verzicht auf theologisch schwierige (z. B. Jesu Rede vom ›Reich Gottes‹, Auferstehungstexte) und theologisch unspezifische Jesusüberlieferung (Wundergeschichten) sowie die konsequente Beschränkung auf solche Texte, die Jesu Reden und Verhalten vorwiegend als Herausforderung an den Status quo geltender religiöser Traditionen verdeutlichen (z. B. Sabbatfrage).«
Schon 1975, drei Jahre vor diesem Arbeitsbuch, im Jahr des Beginns ihrer Ausbildung als Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, publiziert Heide Rohse, seit kurzem erst Wissenschaftliche Assistentin für Evangelische Theologie und Religionspädagogik im Erziehungswissenschaftlichen Fachbereich der Universität Göttingen, den ersten ihrer Aufsätze – mit bereits professionell fachübergreifendem Titel: »Ich-Stärke und Entscheidungsfähigkeit. Überlegungen zu Erziehungszielen und Erziehungsstilen aus psychoanalytischer Sicht« – in sogar zwei religionspädagogischen Fachzeitschriften gleichzeitig: sowohl (als Teilabdruck mit leicht verändertem Titel) in »Der Evangelische Religionslehrer an beruflichen Schulen« wie auch in »Theologia Practica. Zeitschrift für Praktische Theologie und Religionspädagogik«. Während 1992 dann, im Erfahrungshorizont der längst als Kinder- und Jugendlichentherapeutin Tätigen (seit 1982), die dokumentarisch breit gefächerte Studie »Probleme der modernen Familie im Spiegel therapeutischer Praxis. Ein Erfahrungsbericht« – nach wie vor religionspädagogisch adressiert – im »Jahrbuch der Religionspädagogik (JRP)« erscheint, gelangen zwei spezifisch exemplarische Fallstudien – nahezu gleichzeitig – in psychoanalytisch namhaften Fachorganen zur Publikation: 1989 die Studie »Zwangsneurose und Adoleszenz. Der therapeutische Prozess bei einer jugendlichen Patientin mit Zwangsneurose« in »Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie« (hrsg. von R. Adam, A. Dührssen, E. Jorswieck, M. Müller-Küppers, F. Specht) sowie 1998 als Buchbeitrag: »›Zerbrochener Spiegel‹ – Sexueller Mißbrauch« in »Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Ein psychodynamisches Fallbuch« (hrsg. von M. Schulte-Markwort, B. Diepold, F. Resch. Georg Thieme Verlag Stuttgart/New York).
Fachübergreifend erstmals als Begegnung von Literatur und Psychoanalyse – in nach wie vor psychoanalytischem Publikationskontext – kommt 1997 die Textinterpretation »Die unsichtbaren Tränen – Psychoanalytische Gedanken zu Iwan A. Gontscharows Roman ›Oblomow‹« in der »Zeitschrift für psychoanalytische Psychotherapie« (in noch vorläufiger Kurzfassung) zum Abdruck. Und 2004 erscheint – unter dem Titel »›Sieh ich bin mal so‹. Die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé zwischen Literatur und Psychoanalyse« – die zugleich literarische und psychoanalytische Würdigung der Namenspatronin des Göttinger Lou-Andreas-Salomé-Instituts zu dessen 50-jährigem Bestehen im Vortrags- und Jubiläumsband »Innere Welt und Beziehungsgestaltung. Göttinger Beiträge zu Anwendungen der Psychoanalyse« (hrsg. von H. Staats, R. Kreische, G. Reich. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen).
Einen eigenen Kommunikations- und Publikationsschwerpunkt 1997–2003 bilden die psychoanalytischen Literaturinterpretationen der Verfasserin in den »literaturpsychologischen« Forschungs- und Tagungsbänden »Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse« (hrsg. von J. Cremerius, G. Fischer, O. Gutjahr, W. Mauser, C. Pietzker. Königshausen & Neumann, Würzburg). So die Romaninterpretationen »Abgespaltene Trauer. Die Perspektive des leidenden Kindes und ›strategische Adoleszenz‹ in K. Ph. Moritz’ Roman ›Anton Reiser‹« (Bd. 16: Adoleszenz, 1997), »›Arme Effi‹ – Widersprüche geschlechtlicher Identität in Fontanes ›Effi Briest‹« (Bd. 17: Widersprüche weiblicher Identität, 1998) und, textvergleichend (bei zugleich biblisch-theologische Problematik): »Erinnern – Erzählen – Trauern. Marie Luise Kaschnitz’ Geschichte ›Adam und Eva‹ und die biblische Erzählung von Paradies und Vertreibung« (Bd. 22: Trauer, 2003).
Hinzu kommt, hier anknüpfend und weiterführend, die bereits 2000 erschienene eigene Sammelpublikation der Autorin, ihr Buch: »Unsichtbare Tränen. Effi Briest – Oblomow – Anton Reiser – Passion Christi. Psychoanalytische Literaturinterpretationen zu Theodor Fontane, Iwan A. Gontscharow, Karl Philipp Moritz und Neuem Testament« (Königshausen & Neumann, Würzburg). Diese literarisch- bzw. auch biblisch-textinterpretative literaturpsychologische Buchpublikation vereint nicht nur die bisherigen »Effi Briest«- und »Anton Reiser«-Studien mit der (seit der Erstveröffentlichung 1997 erheblich erweiterten) Interpretation des Gontscharow-Romans »Oblomow«, sondern bietet, theologisch ebenso brisant wie forschungsgeschichtlich innovativ, zugleich den Versuch einer psychoanalytischen Interpretation neutestamentlicher Textüberlieferung: »Die Kreuzigung – Ein Trauma? Psychoanalytische Überlegungen zu Passions- und Auferstehungstexten«.
Befragt zur Bedeutung Luthers heute, anlässlich des Jubiläumsjahrs 500 Jahre Reformation, erscheint 2017 ihre letzte Publikation »›Aus tiefer Not schrei ich zu dir‹. Luthers Botschaft – auch für heute?« als Beitrag im Gemeindebrief der Kirchengemeinden Roringen und Herberhausen »Kartoffelstein« (Nr. 127) in psychoanalytisch wie theologisch unverändert kritischer Optik und Empathie.
Die Wiedergabe der fachübergreifend vielseitig oszillierenden, hier nun vereinigten Beiträge und Studien erfolgt, in jeweils thematischer Fokussierung und chronologisch geordnet, insgesamt dreiteilig: Problemfelder und Beispiele psychotherapeutischer Praxis (I), Psychoanalyse und Literatur (II), Im Dialog mit biblisch-christlicher Tradition (III). Einführend, von diesem Blick aufs Ganze her, sei nachfolgend hier näher beleuchtet und hervorgehoben, was das konzeptionell Herausragende, sachlich und methodisch Innovative, thematisch jeweils Besondere und lesenswert Interessante dieser Studien eigentlich ausmacht. So galt es, bereits einleitend Inhaltlich-Wichtigem, kontextuell aufschlussreichen Detailbezügen und der Stimme der Verfasserin selbst, in Wortlaut (und Tonfall) jeweils zentraler Textzitate, informativ und blickschärfend immer wieder auch Raum zu geben. Lohnend schon hier zu erkennen, in lediglich vorläufigem Vorausblick auf das reiche Themen- und Problemspektrum der Schriften Heide Rohses: ihr geistiges Profil und genuin facettenreiches Erkenntnisinteresse im Interpretationshorizont konventionell eher ungewohnter, oft überraschend investigativer Beobachtungen und Einsichten.
Lesen lässt sich die erste – noch religionspädagogische – Aufsatzpublikation »Ich-Stärke und Entscheidungsfähigkeit« (1975) als bereits psychoanalytische Beantwortung der seit Ellen Key (1902) pädagogisch entscheidenden Grundfrage »Was geschieht in der Erziehung dem Kind zugute?«. In kritischer Analyse zeittypisch gängiger Erziehungsziele und -stile demonstriert sie vergleichend, dass die alternativen Sozialisationsmodelle Erziehung zum Gehorsam (meist christlich-moralisch, normativ-autoritär, bis hin zu NS-»Gehorsam« à la Eichmann) einerseits und Erziehung zum Ungehorsam (»Antiautoritäre Erziehung«, Berliner Kinderläden, autoritäre Durchsetzung antiautoritärer Normen) andererseits, in, obgleich inhaltlich konträrer, strukturell durchgängiger neurotisierender »Zwanghaftigkeit« kindgerechter Entwicklung gleichermaßen zuwiderlaufend, lediglich »Variationen eines Grundkonfliktes« (stets nur »Machtkampf um Durchsetzung des eigenen oder eines fremden Willens«) und somit eine »falsche Alternative« darstellen. In diesem Sinne alternativ »auf psychoanalytischer Grundlage« erläutert sie ein die »psychischen Gesetzmäßigkeiten« kindlicher Entwicklung adäquat und konsequent berücksichtigendes Sozialisationskonzept: Erziehung zu Ich-Stärke und Entscheidungsfähigkeit. Wobei es »nicht primär um die Erziehung des Kindes«, sondern die »Erziehung des Erziehers« geht – primär also, im Blick zumal auf »jene Erlebniskatastrophen, die wir Neurose nennen«, um erzieherisch verstehendes, empathisches wie zugleich psychoanalytisch sensibilisiertes »wohlwollendes, anteilnehmendes Interesse«. Unabdingbar zudem, objektivierend »verdinglichten« Normen und Werten gegenüber, bleiben zwei Grunderfordernisse von Entscheidungsfähigkeit und Ich-Identität: die »Rückorientierung aller Entscheidungen« an der individuellen »inneren Realität« (»Introspektionsfähigkeit«) wie ebenso, dem Spannungsfeld Individuum/Gesellschaft geschuldet, dass die »Wahrheit der Werte« (weder normativ »objektivierbar« noch begründbar als »Explikation der Triebansprüche« oder »Vorgabe gesellschaftlicher Anforderungen«) sich wesentlich im »Kontext kommunikativer Lebenspraxis« als ihre »Lebendigkeit und ihr Beziehungsreichtum« ereigne: »Diese Auffassung trifft sich mit der christlichen Überzeugung, dass die Wahrheit von Werten immer etwas mit Liebe zu tun hat.« Bemerkenswert außerdem: Religionspädagogisch kontextualisiert, argumentiert die Verfasserin schon hier kinder- und jugendlichenpsychotherapeutisch in fachübergreifend einschlägigem Rückgriff auf psychoanalytisch maßgebliche Fachliteratur (z. B. Dührssen, Schultz-Hencke, Mitscherlich, Freud) sowie kritisch-sozialpsychologische (Israel, Adorno, Horkheimer, Lorenzer) und kritisch-theologische Reflexion (Dorothee Sölle).
Psychoanalytisch konkreter noch anhand vielfältiger Fallbeispiele unbewältigter Konflikte, Krisen, Traumatisierungen verfahren die Studien aus späterer Praxiserfahrung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen jeweils in Einzeltherapie. Als Behandlungsfazit dazu (»meine therapeutische Perspektive«): »Mir begegnen eher die an den Risiken moderner Lebensformen Leidenden, die Verlierer, nicht die Gewinner. Dass sie ihr Scheitern und das daraus entstehende Leid aber erkennen und nach Hilfe suchen, macht sie beinahe schon wieder zu Gewinnern.« So die Verfasserin in ihrer Studie »Probleme der modernen Familie« (1989), einem kasuistisch informationsreichen »Erfahrungsbericht« über inneres Leid, Verzweiflung, Verlustängste, Selbstopfer, emotionale Desintegration junger Patientinnen aus zeittypisch-aktuellen Familienverhältnissen mit »Problemkreisen« wie Trennung der Eltern/Scheidungsfamilien, Wohngemeinschaften, Berufstätigkeit der Mutter in frühem Lebensalter, Väterabwesenheit, Kleinfamilien mit emotional erdrückenden Ansprüchen der Eltern, Loyalitätskonflikte bei Elternstreit und -entfremdung, Überbehütung/innere Verwahrlosung, ideologisch-antiautoritäre Erziehungsstile, Wertewandel in der Familie (»Recht« des Einzelnen auf Bedürfnisbefriedigung, Selbstverwirklichung), fehlende Verlässlichkeit und Geborgenheit. Diese Bestandsaufname erbringt die doppelte Einsicht: dass vorwiegend eher »Trennungen« (statt sog. »intakte Familien«) die »Probleme der modernen Gesellschaft« spiegeln (und Trennung zur Chance »mögliche Konfliktlösung« wird) sowie außerdem, dass gerade für Kinder, angesichts traumatisierender Verlusterlebnisse und innerer Aussichtslosigkeit bei Trennung der Eltern, mehr als nur professionelle Hilfe konkret gebraucht wird (»nicht therapeutisch, aber im Sinne des Verstehens und Da-Seins«) und somit »alle gefordert« sind – ob »eine Großmutter, ein Großvater, eine verständnisvolle Tante oder Lehrerin, ein Lehrer oder sonst ein Freund aus dem sozialen Verkehrskreis der Familie«.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der für das Verhältnis Therapeutin/Patientin therapeutisch konstitutive Aspekt der Gegenübertragung, wie er in den zwei Fallstudien »Zwangsneurose und Adoleszenz« (1989) und »Zerbrochener Spiegel – Sexueller Missbrauch« (1998) – individuell extrem unterschiedlich – eindringlich erkenntnisreich veranschaulicht wird. So geht es im ersten der Beiträge, untertitelt »Der therapeutische Prozess bei einer jugendlichen Patientin mit Zwangsneurose«, im Behandlungskontext einer »Übertragungsbeziehung« (einer »Über-Ich-Übertragung«) darum, über die emotionale Psychodynamik von Übertragung (unbewusster Gefühle der Patientin auf die Therapeutin) und Gegenübertragung (innere Resonanz der Therapeutin) den – sprachlich unmöglichen – inneren Kontakt der Zwangspatientin zu den isolierten, verdrängten »schlimmen« Gefühlen des einstigen Kindes wiederherzustellen und »erlebbar« zu machen (»das eigentliche Leid und die Schmerzen der Kindheit erneut zu fühlen«), ebenso zugleich um die »zentrale Angst«, mit eben diesen Gefühlen – flagrant aktualisierten aggressiven und sexuellen Wünschen – verurteilt zu werden, aber auch um die »zentrale Hoffnung«, damit doch noch angenommen und geliebt zu werden – letztlich basierend auf der »Erfahrung«, dass die Therapeutin in verlässlicher und gleichbleibend freundlicher, wohlwollendend-schützender Zugewandtheit durch Aggressionen und »böse« Wünsche »nicht zu zerstören, nicht zu gefährden oder zu zwingen ist«. Mit sukzessiver Auflösung der in begleitender »Gegenübertragung« resonanzreich erspürten »Über-Ich-Übertragung«, die die emotionale Integration der isolierten und verdrängten Triebrepräsentanten ermöglichen konnte, beginnt die Auflösung der Zwangssymptomatik und eröffnen sich Entwicklungsmöglichkeiten zu »integriertem Selbst«.
Zum Thema der Gegenübertragung, in wiederum therapeutischer »Übertragungsbeziehung«, eindringlicher erhellend noch (und bewegend) ist der Buchbeitrag »›Zerbrochener Spiegel‹ – Sexueller Missbrauch«, worin es – in einer von »Entsetzen« und »Unsagbarem« extrem belasteten Traumatherapie – um »traumatisierte Gegenübertragung« geht. Erst in der Gegenübertragung und deren emotionaler Resonanz wird für die Therapeutin das sprachlich nicht mitteilbare Dilemma der Patientin (sowohl »die im Trauma erstarrte Fähigkeit zu fühlen« als auch »der unsagbare Schmerz über das Geschehene«) erkenn- und spürbar gespiegelt: »[…] spürte ich lange Zeit das Entsetzen in mir, fühlte das Grauen an Stelle der Patientin, bis sie sich ihre Fühlfähigkeit zurückerrungen hatte«. Überaus wichtig für die Patientin wird hier ihre künstlerische Begabung und Kreativität, die ihr hilft, die »verbalem Ausdruck nicht zugänglichen« Angst-, Wut- und Ohnmachtsgefühle in Bildern, die sie begleitend malt, symbolisch gestaltend zum Ausdruck zu bringen und im Dialog darüber zu therapeutischem Gelingen beizutragen. Wozu die Therapeutin resümierend vermerkt, dass »sowohl meine traumatisierte Gegenübertragung als auch die Bilder der Patientin orientierende Führer waren«. Insbesondere achtsam und dokumentarisch sensibel verfährt sie als Verfasserin in der Darstellungsweise des Therapieverlaufs auch insofern, als sie die Patientin dafür gewinnt und ermutigt, »als Subjekt ihrer Geschichte [statt als therapeutisches ›Objekt‹ der Therapeutin] ihre Therapie selbst auf(zu)schr(ei)ben« und, unter Wahrung absoluter Anonymisierung, als Mitautorin (»Bericht der Patientin«) für die vorliegende Studie beizusteuern, die somit – neben dem Abdruck zugleich einiger Bilder der Patientin als symbolischer Spiegelung psychisch-existenzieller Traumadynamik – besondere Eindringlichkeit und Authentizität gewinnt.
Die diesem Themenkomplex einleitend vorgeordnete Problemskizze »Literaturpsychologie – methodische Aspekte psychoanalytischer Literaturinterpretation« erörtert zwei texthermeneutisch zentrale Verfahrens- und Erkenntnisprämissen. Erstens: Einem vielfach begegnenden interpretatorischen Reduktionismus psychoanalytischer Textinterpretation – sei es von Psychoanalytikern (in fachspezifisch meist eindimensionaler, methodisch fast naiver »Reduktion« von Literatur zu einseitig »realen«, meist nur »pathologischen« Fallbeispielen) oder auch Literaturwissenschaftlern (Textdeutung mit den Mitteln bloß »intellektuellen« psychoanalytischen Wissens, bar jeder therapeutischen Eigenerfahrung) – setzt die Verfasserin ein integrativfachübergreifendes Interpretationskonzept entgegen, das professionell-praktische eigene Erfahrung in therapeutischen Prozessen ebenso voraussetzt (und ausdrücklich einbezieht) wie sachadäquate Berücksichtigung literaturwissenschaftlicher Grundkenntnisse, Kategorien und Einsichten – jeweils unter Beachtung literarischer Spezifik und Eigenbedeutsamkeit dichterischer Werke als poetisch-fiktionaler Texte und sprachlicher Kunstwerke, ihrer geistigen Profilierung, Ästhetik und kontextuellen (autorspezifischen, werkgenetischen, historisch-zeittypischen) Realitätsbezüge. Und zweitens: Methodisch unverzichtbare Voraussetzung literaturpsychologischer Textinterpretation sei ebenso auch die in therapeutischer Praxiserfahrung bewährte »spezifische Handhabung von Übertragung und Gegenübertragung« als psychoanalytisch-emotionaler »Erkenntnisquelle«. So lasse das »Zusammenspiel zwischen Text und Leser« sich erfassen »als Übertragungs-/Gegenübertragungsgeschehen«, wobei praxistherapeutisch wie literaturhermeneutisch gilt: »Wir gehen in der Psychoanalyse auf Grund der unbewussten systemischen Vernetzung in Beziehungen davon aus, dass emotionale Antworten auf einen Text keine zufällig subjektivistischen Erscheinungen sind, sondern […] latent mit dem Text korrespondieren und ihn – wenn diese Verbindung bewusst wird – in einer Bedeutungsschicht auslegen, die anders schwer wahrnehmbar wäre.«
Spürbar erkenntnisleitend ist dies für die nachfolgenden Romaninterpretationen. Textinterpretatorische Genauigkeit, Empathie und Würdigung des Menschlichen – im Umgang zumal mit verborgenem Leid, innerem Elend, beschädigtem Leben in erzählkünstlerisch vielseitig konfigurierten Lebenswelten der Beispieltexte (als Spiegel nicht selten auch persönlicher Autorproblematik) – bezeugen die psychoanalytisch wie literaturwissenschaftlich gleichermaßen wohlfundierte Qualität und sprachkulturelle Signatur jeder dieser Romaninterpretationen, wobei die methodische Verbindung von Gegenübertragungsanalyse, literarischer Strukturanalyse und sachlichem Problemdiskurs fachübergreifend ergebnisreiche Interpretations- und Erkenntnisperspektiven erschließt.
Literaturpsychologisch bemerkenswert in der Untersuchung »›Arme Effi‹ – Widersprüche geschlechtlicher Identität in Fontanes ›Effi Briest‹« (1998) ist das interpretatorisch doppelte Augenmerk: sowohl auf die Romanheldin selbst (und ihren »Schmerz darüber, aus einer unbarmherzigen Gesellschaft ausgestoßen zu sein«) als auch den Romanautor Fontane, dessen »depressive Lebenskrise« während der Arbeit am Roman zu einer »Kette von Abschieden« in existenziell anrührender wie literarisch außerordentlicher Spätwerkproduktion führt – zum Abschied von »Jugend« und »Bild der idealen Geliebten« (in »Effi Briest«), zum Abschied von »Kindheit und Elternbildern« (autobiographisch in »Meine Kinderjahre«), zum Abschied schließlich »von sich selbst« (im letzten Roman »Der Stechlin«). Interpretatorisch vielschichtig weiterhin: der Blick auf die »Textfigur Effi« im Wechsel zweier Verständnisebenen – zum einen der Ebene des Zeit- und Gesellschaftsromans als Gestaltung historisch-zeittypischer »Widersprüche von heiler Natürlichkeit der Frau und gesellschaftlicher Unterdrückung der Natur« (Effi als »›Naturkind‹ […] glücksfähig und beglückend«; Zerstörung ihrer Existenz und Krankheit nicht Folge »innerer Konflikte«, sondern »moralischer Verurteilung« und »sozialer Ächtung«), zum anderen der Ebene imaginativer Projektion, auf der sich der »Widerspruch geschlechtlicher Identität« darin erweist, dass Effi – unter dem Erwartungsdruck »projektiver« Sehnsüchte, »ideal« weiblich sein zu müssen – »im idealen Bild gefangen« bleibt und so zugleich zum »Opfer der Glückssuche von Autor, Leser und Romanfiguren« wird, wohingegen »Autonomie und Eigenleben« in dieser »poetischen Konstruktion« nicht vorgesehen sind, letztendlich aber das »zum Opfer bestimmte Objekt« von allen »Widersprüchen menschlicher Bilder« gleichwohl »erlöst« wird: durch Regression in die unendlich »freundliche Weite« der Natur – eine auch für Autor und Leser mögliche »Freiheit«, die erlaubt, eigene »Projektionen zurückzunehmen«, weil sie »keine Bedeutung mehr« haben.
Im Beitrag »Die unsichtbaren Tränen – Psychoanalytische Gedanken zu Iwan A. Gontscharows ›Oblomow‹« (2000) unternimmt die Verfasserin – unter bereits interpretatorisch fokussierender Titelgebung »Die unsichtbaren Tränen« (als romanintern zugleich leitmotivisch bedeutsamem Literaturzitat aus N. Gogols Roman »Die toten Seelen«) – eine intensiv gründliche Interpretation des realistischpsychologisch wie erzählstrukturell als Figurenroman angelegten Romans »Oblomow« (1859), dessen gleichnamige Zentralfigur als »Urbild des passiven Träumers« und »Bruchstück-Mensch« (mit scheiterndem »Lebensideal« angesichts »reizloser« Lebenswirklichkeit, ungeachtet auch hilfreicher Freundschafts- und Liebesbeziehungen) seiner psychischen »Lebenslähmung«, seinem Lebensthema – dem »Verlöschen des Lebens von Anfang an« – unentrinnbar und todbringend ausgesetzt bleibt. Die Untersuchung der »psychischen Problematik« des Romanhelden im Spiegel epischer Gestaltungskunst Gontscharows zeigt und erörtert szenisch ereignisreich die »Psychodynamik von Depression« als menschliche (innere) Grundbefindlichkeit und als »Krankheit« Oblomows, wie sie sich in seinen Beziehungen erst zu Olga (der Geliebten), dann zu Agafja (der Haus- und Ehefrau) als »narzisstische bzw. orale Kollusion« konstelliert und wie vollends, entgegen »bewusstem« Wollen, die »Wiederkehr des Verdrängten« seine Versuche einer »Heilung durch Liebe« irreversibel verhindert. Hinter der »Fassade« von Passivität, Bequemlichkeit, Faulheit geht es, wie gezeigt wird, um »verborgenes Leid« – um (leitmotivisch gesprochen) »unsichtbare Tränen«. Wobei sich als »Wirkung der Romangestalt auf den Leser« – gerade auch im Interpretationshorizont der Gegenübertragungsanalyse der Studie – ein »nicht verurteilender, sondern verstehender Zugang« zum »Bruchstück-Menschen« Oblomow erschließt und darin zugleich, über das erzählerisch dokumentierte »Krankheitsbild« hinaus, die in Gontscharows Romangestalt eindringlich »verkörperte Bruchstückhaftigkeit des Lebens überhaupt«.
Um traumaspezifische Gegenübertragung als »Erkenntnisquelle« von nicht sprachfähigem (traumatischem) Erleben in psychoanalytischer Interpretation eines »autobiographischen« Entwicklungs- bzw. Bildungsromans des 18. Jahrhunderts (4 Bde. 1785–1790, mit Untertitel: »Ein psychologischer Roman«) geht es im Beitrag: »Abgespaltene Trauer. Die Perspektive des leidenden Kindes und ›strategische‹ Adoleszenz in K. Ph. Moritz’ ›Anton Reiser‹« (1997). Texthermeneutisch wie zugleich beziehungs- und psychodynamisch kaum treffender als mit den Worten der Verfasserin lässt sich die kompliziert-komplexe Gesamtproblematik auf den Punkt bringen: »Hier führt die traumaspezifische Gegenübertragung sowohl zum Verständnis der Textperson Anton als auch des Autors Karl Philipp Moritz sowie der Beziehung zwischen beiden. In der Gegenübertragung des Lesers werden jene Gefühle belebt, die Anton nicht fühlen darf und die deshalb keine Sprache haben. Sprachlos sprechend kann der Autor Moritz nur intellektualisierend beobachten. An seiner Statt bestimmt er den Leser, Ohnmacht und Schrecken Antons zu fühlen. Das Unsagbare wird zwischen Text und Leser inszeniert.« Analysiert (und empathisch nachvollzogen) wird Antons Entwicklung als körperlich wie psychisch extreme Traumatisierung von frühester Kindheit an: Abspaltung von »Gefühlen« (Trauer, Schmerz) und Verlust eines »integrierten Selbst« (um seelisch zu überleben«), »narzisstische Selbstregulation« in zirkulär sich wiederholenden »Größenphantasien und Entwertungen«, »strategische« Nutzung aller Objektbeziehungen in Außenwelt (Lehrer, Geistliche, Theatertruppen) und Lesephantasien (Identifikation mit poetischen, religiösen, philosophischen Idealfiguren und -autoren) zu stets illusionär neuer vergeblicher »Reparation« des »brüchigen Selbst«, sodass »eine eigentliche Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen« gerade nicht stattfindet und so »der erste ›psychologische‹ Bildungs- und Entwicklungsroman in deutscher Sprache« einen Menschen darstellt, der »ohne Entwicklung, gefesselt im Wiederholungszwang, ruhelos in sich selber kreist.« Forschungsgeschichtlich hervorhebenswert – gegenüber 1998 bereits zahlreichen, insbesondere psychologischen bzw. auch psychoanalytischen Moritz-/»Reiser«-Publikationen – nicht zuletzt auch zwei innovative Untersuchungsaspekte: zum einen (methodisch) erstmals die Verknüpfung von traumaspezifischer Gegenübertragungsanalyse und literarisch textgerechter Analyse der Erzählstruktur; zum anderen (inhaltlich) erstmals, traumaanalytisch folgerichtig und evident, die Erkenntnis der präödipalenFrühstörungsproblematik der Textfigur bzw. ihres Autors – statt bislang primärursächlich fehldiagnostizierter ödipaler Konfliktproblematik.
Die Schriftstellerin und erste Göttinger Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937), die in ihrem Haus am Hainberg ihre therapeutische Praxis führte (seit 1913), würdigt – als letzter Beitrag zum Themenkomplex »Literatur und Psychoanalyse« – der Göttinger Jubiläumsvortrag »›Sieh, ich bin mal so‹. Die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé zwischen Literatur und Psychoanalyse« (2004). Entgegen dem gängigem »Klischee der Muse« bedeutender Männer (Nietzsche, Rilke, Freud) geht es, auf dem Hintergrund biographisch provokanter »Erlebnis«- und Denk-Stationen als nonkonformistisch autonome (auch feministisch nicht vereinnahmbare) »mutige Frau«, vielmehr um die geistige Spannweite ihres Schriftstellertums – von philosophischer Analyse (»Friedrich Nietzsche in seinen Werken«) über Romane, Erzählungen, Novellenzyklen (insbes. »Menschenkinder«, »Im Zwischenland«, »Die Stunde ohne Gott«, »Zurück ans All«) sowie psychoanalytisch-theoretische Schriften (»Narzißmus als Doppelrichtung«, »Die Erotik« usw.) bis hin zu autobiographischen Rückblicken (»In der Schule bei Freud«, »Lebensrückblick«). Das dem Beitrag vorangestellten Zitat »Sieh, ich bin mal so« (aus der Novelle »Zurück ans All«) wird begriffen als »existenzieller Kern« und zugleich »Lebenspathos« ihrer Autorschaft: narzisstisch bewusste »Selbstthematisierung«, sowohl als Zumutung »vorbehaltloser Selbstakzeptanz« wie ebenso, ihre Person und ihre »literarisch-psychologischen Vervielfältigungen« auszuhalten. Hinzu kommen als Grundthemen ihres Denkens und Schreibens weiterhin: das Erleben frühen Gottesverlustes (»Gottesentschwund«) und Allverbundenheit (»Grundempfindung unermeßlicher Schicksalsgenossenschaft mit allem, was ist«), die psychoanalytisch zentrale Doppelbegegnung mit Spinoza (»der Philosoph der Psychoanalyse«) und Freud (»[…] als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte«) sowie, über Freud hinaus, ihre eigene Theorie des Narzissmus als »Ursprung und Vollendung des Lebens« und »Kraftpotenzial« auch religiöser und künstlerischer Kreativität. Dem allen entspricht der interpretatorische Grundansatz dieser Studie: von der Philosophie Spinozas her Lou Andreas-Salomés nachhaltig denk- und lebensprägende Begegnung mit ihm als dem »Philosophen der Psychoanalyse« interpretatorisch so zu verdeutlichen, wie sie es in ihrem »Dank an Freud« selbst formuliert: »Man begegnet ihm (Spinoza), wie er wartend und bereit immer am Wege steht.« Wobei ihr Bekenntnis zu individueller Allverbundenheit sich trifft mit Spinozas berühmtem Satz deus sive natura (»Gott oder die Natur«).
Der diesen Themenkomplex eröffnende Beitrag »Erinnern – Erzählen – Trauern. Marie Luise Kaschnitz’ Geschichte ›Adam und Eva‹ und die biblische Erzählung von Paradies und Vertreibung« (2003) lässt sich lesen nicht nur als Dialog der Verfasserin mit biblisch-theologischer Tradition aus psychoanalytischer Sicht, sondern als intertextueller Dialog auch zwischen Kaschnitz-Text in Form einer Kurzgeschichte (1952) und biblischem Ursprungstext (Gen 2,4–3,24). Als »weltliche Kontrafaktur« zum Genesistext (mit Schlange, Verführung, Gebotsübertretung, Vertreibung, Strafe Gottes) erzählt die Kurzgeschichte eher tröstlich-heiter von Leben, Altwerden und erinnerungsreich imaginierter (letztlich gemeinsamer) Paradieses-Zukunft der einst Vertriebenen. Unter dem Aspekt »Erinnern – Erzählen – Trauern« aber, über die Ebene inhaltlicher Vergleichbarkeit hinaus, gerät zugleich die Erzähl-Ebene beider Texte in Blick. Während im Kaschnitz-Text die kontrapunktisch zum trauernden Adam aufgebaute weibliche Textfigur Eva es übernimmt, den depressiv Verstörten (in Selbstverlust und Erkenntnisschock: »wir müssen sterben«) kraft erinnernd symbolisierter Paradiesespräsenz in den »Gaben der Engel« – ihr zugeworfen aus dem Garten Eden (Reben, Feuerlilie, funkelnder Stein) – aus traumatischer Eindimensionalität zu befreien, ist es im Genesistext das Erzählen selbst (des »jahwistischen« Textredaktors, Theologen und Erzählers), das »Trost und Hoffnung« des vom Lande Juda und vom Tempel in Jerusalem getrennten (6. Jh. v. Chr.) Volkes Israel, inmitten traumatisiender Verlusterfahrung und Trauer während des babylonischen Exils (»An den Wassern Babylons saßen wir und weinten …«, Ps 137,1), erinnernd lebendig hält. Resümierend dazu, in einem (im vorliegenden Buch nicht abgeduckten) »Abstract«, erläutert die Verfasserin:
»Beide Texte könnten auf der Inhaltsebene unterschiedlicher nicht sein. Im Kaschnitz-Text geht es um das Zurückfinden in die primäre Geborgenheit des Paradieses angesichts des Bewusstseins, sterben zu müssen, im Genesistext dagegen um die Übertretung eines Gebotes – nicht also um narzisstische, sondern ödipale Konflikte. Entsprechend erleben die Textfiguren Scham, Angst und Schuld; ihr Sterbenmüssen steht im Zusammenhang mit ihrer Urschuld und ist seine Folge. Doch auch dieser Text spendet Trost und Hoffnung, weil er im Erzählen den Ursprung der Geschichte mit Gott vergegenwärtigt. Für beide Texte, der Kaschnitz-Erzählung wie der biblischen, kommt dem Erinnern im Trauerprozess erlösende und befreiende Kraft zu. Einzig darin sind beide vergleichbar.«
Erkenntnisstiftend vor allem kommen in dieser Studie erinnerungs- und traumabezogene psychoanalytische Grundkategorien (Übergangsobjekt, »gutes« Objekt, Objektkonstanz, intermediärer Raum,symbolische Repräsentanz im Sinne Winnicotts) als Interpretationskategorien zur Anwendung. So ergibt sich: Was Kaschnitz’ Eva-Figur für den depressiv trauernden Adam leistet – enttraumatisierende Erinnerungsarbeit dank der »Gaben« der Engel als Übergangsobjekten in symbolischer Repräsentanz des verlorenen »guten symbiotisches Objektes« Paradies (unter Bewahrung symbolischer »Objektkonstanz« bei realem Getrenntsein in »intermediärem Raum«) –, eben das leistet in traumatisch erlittener historischer Verlustsituation der biblische Jahwist als Erzähler für das trauernde Israel: Erinnerungsarbeit als »Trauerarbeit mittels Erzählen« von der Geschichte des Volkes Israel mit Jahwe selbst (dem »absolut guten Objekt« als »Grund von Welt und Geschichte«) und darin gründender religiöser Identität und Zukunftshoffnung – leistet das »Erzählen selbst« in der »Funktion des Übergangsobjekts« in »intermediärem Raum«: Objektkonstanz im Symbolisierungsprozess des Erzählens als »Verwandlung des verlorenen Objekts in symbolische Repräsentanz«.
Exkursartig dem »Dialog mit biblisch-theologischer Tradition« als Allgemeinreflexion zuzuordnen ist ein unveröffentlicht gebliebenes Aufsatzprojekt der Verfasserin zur »Bedeutung religiöser Themen in der Psychotherapie« (fragmentarisch, ca. 2004) – ein aus persönlich wie fachübergreifend längjähriger Motivation und Berufserfahrung heraus erwachsenes Untersuchungsprojekt (»immer wieder, wenn es in Therapien um religiöse Fragen ging«) mit dem Impuls und »Wunsch […], nach einer Pause von zwanzig Jahren an mein Studium der Religionspädagogik und Theologie und mein späteres Unterrichtsfach an Schule und Hochschule, wieder anzuknüpfen.« Wobei sich allerdings, in durch therapeutische Arbeit verändertem Blickwinkel, das Dilemma Religion in heutiger Zeit – zwischen kirchlichem Traditionalismus, säkularer Negation und doch auch latenter Omnipräsenz – ergibt und damit die Frage, was eigentlich »religiöse Themen« seien: Fragen nach dem »Sinn des Lebens«? Vorstellungsinhalte aus christlicher Sozialisation? »ozeanische« Gefühle? Paradiesessehnsüchte? allgemeines religiöses Bewusstsein? – bis hin zum einzig konsensfähigen »religiösen« Thema in psychotherapeutisch-kollegialer Diskussion (bei desgleichen meist eher unklarem Religionsverständnis, trotz durchweg christlicher Sozialisation): psychotherapeutisch, außer als »Religionskritik, Religion als illusionäre Wunscherfüllung«, spiele das Thema »Religion« keine Rolle. Von dieser Ausgangssituation her – vehement widersprechend (»Davon kann jedoch keine Rede sein«) und »ein heißes Eisen anfassen(d)« – wagt die Verfasserin die »Hypothese«: Die mit Religion assoziierten Inhalte seien auf Grund ihres »Symbolcharakters« einer »ähnlichen Entfremdung ausgesetzt, wie es der Traum ist, wenn man ihn auf eine faktische Ebene zerren würde, auf der dann Träume Schäume sind.« Und erläutert: »Religiöse Symbole« leben wie andere Symbole auch von der »Bedeutung, die sie in einem lebendigen geschichtlichen Kontext haben, in dem sie verstanden und auf den sie bezogen werden.« Zentrale christliche Symbole wie »Kreuz und Auferstehung, Paradies, Sünde, Erlösung, Rechtfertigung« würden in den Kirchen und im Religionsunterricht, einer »religiösen Sonderwelt« zugehörig, ohne Übersetzung in eine der Lebenserfahrung der Menschen adäquate Sprache »vom wirklichen Leben abgekoppelt« und »ihres Symbolcharakters beraubt« – wobei es diesen Symbolen nicht anders als dem Traum ergeht: »Er ist erst dann verstanden, wenn er in den Lebenshorizont des Träumers, aus dem er kommt, integriert werden […] kann. Als nur intellektuelle Aneignung seines manifesten Inhaltes bleibt er unverständlich […] niemand kann erkennen, was er mit seinem tatsächlichen Leben zu tun hat und ihm mitteilen kann. Da ist es nicht verwunderlich, wenn bei den meisten Analytikern keine wirkliche Vorstellung von Religion vorhanden ist.« Mit dem verblüffenden wie logischen Fazit: »Unter Psychoanalytikern würde es niemandem einfallen, so mit einem Traum umzugehen. Mit religiösen Symbolen tun wir das aber sehr wohl.«
Blickschärfend von hier aus zu bedenken seien zwei Aspekte religiöser bzw. symbolischer Therapieproblematik: Einerseits, angesichts weithin lebensfeindlicher, den Menschen »verdächtigender« Einstellung kirchlicher Religion (und weithin üblichem »Unverständnis der Symbole«), das Krankheitsbild »ekklesiogener Neurose« – des ohne »Lebensfreude« aussichtslos »sich selbst Bekämpfenden«, dem natürliche Wünsche nur »Egoismen« sind, dem unter Verleugnung von »Sexualität, Lust und Liebe« und aggressiv vermittelter »Durchsetzungs- und Geltungsabsichten« nur bleibt, sich zum Opfer der »bösen Welt« zu machen, auf die nun Egoismus und Aggressivität verschoben sind – wobei gerade diese therapeutisch häufige »fatale« Wirkungsgeschichte christlicher Religion das Gegenteil dessen bezeichnet, was eigentlich in den christlichen Symbolen gemeint sei, die doch allesamt von »Befreiung, Freude und Bejahung des Lebens« handeln. Andererseits, zum Religionsverständnis selbst, sei es kategorial sinnvoll, sich »auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Religionen« zu beziehen, wie ihn »der Rückbezug des Menschen auf ein nicht einfach in der Welt der Erscheinungen sichtbares Göttliches darstellt, das die Lebensrätsel warum bin ich hier, was ist der Sinn, weshalb muss ich sterben? beantworten soll«; so dass zu sagen möglich ist: »das Bedürfnis des Menschen, diese Fragen aus einer anderen als einer ›weltlichen‹ Perspektive zu beantworten, hebt sie damit auf eine neue Ebene – die symbolische.« Dies zu tun, sei ein religiöses Bedürfnis. In dieser Hinsicht bedenkenswert sind auch die dem Aufsatzfragment vorangestellten Verse Johann Gottfried Herders über Raum, Zeit und Ewigkeit.
Zurück nochmals zur schon früheren »Arbeitsbuch«-Publikation vom »Leben der Menschen zur Zeit Jesu« (1978) über biblische Jesusüberlieferung im Kontext zeitgeschichtlich-sozialer Alltags- und Lebenswelt: Ging es dort darum, Rede und Verhalten Jesu als Botschaft einer »Freiheit« begreiflich zu machen, die (befreiend von religiös-lebensfeindlichen Wert- und Normvorstellungen) für ihm Vertrauende zu existenziell entscheidendem »situations- und menschenbezogenem Denken und Handeln« führt, so wird nunmehr – die Frage der Bedeutung der »menschlich-geschichtlichen Gestalt Jesu« für die ihm Nahestehenden final weiterbedenkend – mit der Studie »Die Kreuzigung – ein Trauma? Psychoanalytische Überlegungen zu Passions- und Auferstehungstexten« (2000) textinterpretatorisch erstmalig eine mit der Kreuzigung Jesu historisch und psychologisch offensichtliche Erfahrung schwerwiegender Traumatisierung untersucht. Gemeint ist ein »zweifaches Trauma«: sowohl die Kreuzigung Jesu – als »wirklich erlebtes« ein »Realtrauma« (da er »das Trauma nicht überlebt hat, wissen wir nicht, wie er es verarbeitet hätte«), als auch die traumatisierende Erfahrung derer, die als »Jesusanhänger« (Frauen, Jünger, sonst Nahestehende) die traumatischen Szenen grausam-aggressiver Gewalt qualvoll ohnmächtig miterlebt und zu verarbeiten haben, dabei überdies annehmen müssen, dass mit Jesu Tod ihre Hoffnung auf das Reich Gottes zunichte wird: »Mit Jesus (so die Verfasserin) stirbt nicht nur ein Mensch eines grausamen Todes, sondern mit ihm droht seine Botschaft vom nahen Reich Gottes zu sterben. Analytisch müsste man sagen: Gott als das umfassende ›gute Objekt‹ erscheint bedroht.« Unter Beachtung der in psychoanalytischer Traumaforschung bekannten Folgen einer »Vernichtung des guten menschlichen Objekts«, speziell die Wirkung traumaspezifischer Abwehrstrukturen, welche »seelisches Überleben« retten, wenn »das Ich mit Angst überflutet« wird (z. B. wenn Eltern sich in Gewalttäter verwandeln, denen zu entrinnen unmöglich ist) und die Ich-Funktionen eine »Verarbeitung des Erlittenen« nicht leisten können, sei die »Kenntnis traumaspezifischer Abwehrstrukturen« ähnlich sachklärend anwendbar auch auf biblische Passions- und Auferstehungsüberlieferung – im Hinblick nämlich auf die »Frage, wie die Jesusanhänger die Zerstörung ihrer Hoffnung auf das Reich Gottes, letztlich auf die Macht des guten Gottes-Objekts, verarbeitet haben«. Schon die Beobachtung, dass beim Lesen oder Hören »grausamer« Passionserzählungen »wir keine traumaspezifische Gegenübertragung (empfinden)«, z. B. Entsetzen, Erschütterung, Schmerz, sondern im Gegenteil der »Anblick des Kreuzes« vor allem »Freude«, das »Gefühl von Befreiung und Rettung« auslösen sollen, lasse Affektverkehrung ins Gegenteil als Grundmuster traumaspezifischer Abwehr erkennen, wobei in der »emotionalen Kommunikation zwischen Text und Leser« der Leser zwar zum »Zeugen des Traumas« gemacht, doch »von der traumatischen Erfahrung ausgeschlossen wird«. Ausgehend vom »unlösbare(n) Dilemma«, dass das »Trauma des Todes Jesu nicht wirklich sein darf und zugleich wirklich bleiben muss« und somit traumaspezifische Abwehr- und Bewältigungsprozesse geradezu »erzwingt«, wird nachfolgend, mit jeweils biblischen Textbezug und Zitaten aus Kirchenliedern Luthers und Paul Gerhardts, ein Repertoire biblisch-narrativer Traumaverarbeitung und -bewältigung facettenreich expliziert. So zunächst, strukturbildend als Abwehr- und Überlebensstrategien (bis hinein noch in die spätere Geschichte des sich entwickelnden Glaubens) eher desintegrierend und destruktiv sich auswirkenden Formen: Derealisation als Schock-Abwehr realer Todeswirklichkeit (Auferstehung als »Beweis«, apokalyptische Weltuntergangsangst); Verkehrung ins Gegenteil als Verarbeitung von Erniedrigung, mit Ausbruch latenten Aggressionspotenzials in späterer Kirchengeschichte (Erniedrigte als Herrschende, Verfolgte als Verfolger, Eroberer, Vernichter); weiterhin Spaltungsabwehr als Versuch, Gutes von Bösem abzuspalten (z. B. »böse Welt«; Engel/Teufel, Gläubige/Sünder, Christen/Juden, Heilige/Hexen); ferner Personifizierung als Möglichkeit, »Böses« zu kontrollieren und, in späterer Täter/Opfer-Umkehrung, zu bekämpfen (Hexen, Dämonen, Juden, Ungläubige) und Doubting als Versuch, unbegreifbares Geschehen als real zu begreifen. Demgegenüber integrierende Formen der Traumaverarbeitung (zur »Erhaltung des guten Objekts, um sich seines Schutzes zu vergewissern«) in den Evanglientexten durch Symbolisierung: Gegenüber den »spaltenden« Abwehren vermag der im »Erzählen« durch »Übergang von nichtmetaphorischer zu metaphorischer Rede« gewonnene Symbolisierungsprozess – in »intermediärer« narrativer Verschränkung von Historisch-Realem und Symboltranszendenz – zu »integrieren und in eine heilende Dimension zu führen« (Gott als »gutes Objekt«, selbst im Trauma des Todes – die eine Wirklichkeit, die Leben und Tod umfasst).
Der letzte Beitrag des Buches zur Frage »Luthers Botschaft – auch heute?« (2017), unter dem Lutherzitat-Obertitel »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« als Gemeindebrief-Beitrag publiziert im Umfeld fast inflationärer Luther-Diskussion zum Jubiläumsjahr 1517–2017: 500 Jahre Reformation, erfrischt durch thematisch unpathetische, theologisch-sachkritische, psychoanalytisch klärende Prägnanz und Empathie. Der Blick der in lesernaher »Heute«-Perspektive und »wir«-Stil verfassten Überlegungen gilt zunächst dem durch »Teufel, Engel, Dämonen, Himmel und Hölle« seit jeher angsterregend geprägten (derart »auch Gott« einschließenden) religiösen Weltbild der Zeit Luthers, das auch das seine ist – wobei es sich, wie aus heutigem Wissen begreiflich, um Spiegelungen »innerer Ängste und auch Wünsche in Bildern« handelt, die, der »seelischen Welt der Menschen« entstammend und bei gleichbleibender »menschlicher Natur«, als »archaische Kräfte im zeitlosen Unbewussten« sich in zeitabhängig veränderter sozialer Ausdrucksform auch in heutiger Welt als »Zerstörungswut, Habsucht, Rücksichtslosigkeit, Egozentrik, sexuelle und orale Gier« manifestieren. Auch Luther, noch mittelalterlich geprägt, misstraue der als »sündhaft« erlebten eigenen Natur, den »bei Höllenstrafe« verbotenen »Trieben« (Aggressivität, Sexualität), die »Körper und Seele nach dem Tod« in Verdammnis und ewige Qualen zu stürzen drohen – vermeidbar nur durch seinen »Eintritt ins Kloster«, um mit extremer Frömmigkeit und »guten Taten« das »ewige Leben«, den »Himmel« zu verdienen. Von hier aus ergibt sich der Blick auf die existenzielle Dimension eines »inneren Dramas« zwischen »innerer Ausweglosigkeit« und »Freiheit eines Christenmenschen« als Grunderfahrung Luthers seit dem Kloster-Eintritt – mit Todes- und »Gewissensangst«, Sündenqual und Vergeblichkeit allen Tuns, im Gericht Gottes (im Sinne eines kirchlich wie elterlich-strengen »Gottesbildes«) bestehen zu können – bis hin endlich zur »befreienden« Begegnung mit der biblischen Botschaft, »daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm 3,28) als Rettung in eine andere Dimension: die »Dimension des Glaubens«, die ihn aus der »Verstrickung in sein religiös-soziales Gruppengewissen« löst, ihm die »Weite eines anderen, nicht mehr von den Eltern bestimmten Gottesbildes« öffnet. Eine Erfahrung geschenkten Lebens (»allein durch Glauben«, »allein durch Gnade«) und existenzieller Freiheit, weil »Leben vor aller Leistung von Gott angenommen und bejaht« sei und – ganz im Geist seiner »Aus tiefer Not«-Verse (»Bei dir gilt nichts, denn Gnad und Gunst,/die Sünde zu vergeben …«) – auf neuer Verstehens-Ebene »Angst vor Gott durch Vertrauen auf ihn« überwunden werde.
Wichtig also sei »heute«, in Zeiten gesellschaftlich zunehmender »Ängste« (z. B. vor sozialem Abstieg, Umweltzerstörung, atomarer Bedrohung, Sinnlosigkeit des Lebens) und weithin ohne »christliches Gottesbild«, dass »wir Luthers Botschaft übersetzen«, als existenzielle Botschaft, die die »Grundfragen des Lebens überhaupt« betrifft, sprachlich neu fassen und verstehen – gipfelnd in Formulierungen der Verfasserin wie »Nicht wir sind Hersteller unseres Lebens, sondern Leben ist geschenkt. Es rechtfertigt sich nicht durch Leistungen, sondern ist von Anfang an schon bejaht durch den, der es gibt und nimmt.« Oder auch; »Nennen wir Gott – in Anlehnung an Joh 14,6: ›ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben‹ – mit seinem schönsten Namen Leben …«, wobei »Sünde«, schon für Luther absolut tödlich, als »Beschädigung und Missachtung des Lebens« begreifbar werde: »Gott loben heißt, das Leben loben; Sündigen heißt, das Leben, wie es uns gegeben ist, verurteilen, ablehnen, zerstören.« In der Auseinandersetzung mit Luther wäre (selbst ohne religiöse »Gewissensangst«) erkennbar, dass wir »sehr wohl in ungeheurem Ausmaß vor dem Leben schuldig werden, weil wir es nicht schützen, achten und bewahren, sondern im Gegenteil in unserer Zerstörungswut und Bemächtigungslust dieses Leben vernichten, das gerettet werden müsste.« Da könne Luthers befreiende Botschaft damals auch für uns befreiend sein. Keineswegs »Herren über Leben und Tod«, könnten (und sollten) »wir als Bewahrer und Gestalter« des Lebens auch dessen »Liebhaber« sein. Dafür, so das lapidare wie adhortativ luzide Schlussfazit, »müssen wir […] angesichts unserer Ängste und Hoffnungslosigkeit […] nicht an sich wandelnde Gottesbilder glauben, sondern an Gott allein. Das genügt.«
Abschließend einige Hinweise noch zur redaktionellen Konzeption und drucktechnischen Einrichtung der vorliegenden Textedition. Der Wiederabdruck sämtlicher Beiträge erfolgt, von drucktechnisch wie verlagsseitig notwendigen (formalen) Umstrukturierungen abgesehen, unter editorisch strikter Wahrung der ursprünglichen originalen Textstruktur, der zugleich historischen Dokumentarqualität der Texte aus gut vier Jahrzehnten Entstehungszeit von 1975 bis 2017. Zu verändern war lediglich deren Zitierweise, so dass (statt bibliographisch vollständiger Zitatbelege bisher in Fußnotenform) eingeklammerte Quellenkurznennungen nunmehr im laufenden Text selbst auf ein bibliographisch exaktes Literaturverzeichnis jeweils am Ende des Beitrags verweisen. Wissenschaftsgeschichtlich – verschiedentlich auch wissensinnovativ – spiegeln die Studien den fachspezifisch jeweils repräsentativen Forschungsstand ihrer Entstehungszeit; um dies zu dokumentieren, wurde in der Regel (von punktuellen Ausnahmen abgesehen) auf ergänzende Information zu entsprechend neuerer Forschungsentwicklung verzichtet. Bibliographisch aktualisiert und präzisiert hingegen wurden (soweit nicht bereits vorhanden) die den einzelnen Beiträgen folgenden Literaturverzeichnisse. Sofern im Anmerkungsbereich überdies, zur Erläuterung klärungsbedürftiger Sachverhalte, Herausgeberanmerkungen ergänzend notwendig waren, wurden diese eckig eingeklammert [Anm. d. Herausgebers:] markiert. Zur Rechtschreibung und Schreibweise: Korrigiert wurden offensichtliche Verschreibungen und inhaltliche Fehler. Die Schreibweise sämtlicher Beiträge und Studien wurde der neuen deutschen Rechtschreibung vorsichtig angepasst. Sprachlich nicht modernisiert hingegen wurden sämtliche (literarische, biblische, fachwissenschaftliche etc.) Textzitate als Originaltexte prinzipiell zu respektierender zeittypisch gültiger Rechtschreibung. Auch erübrigt sich sprachlich aktualisierter Umgang mit Gender, da die Aufsatztexte in Schreibart und Stil ihrer Entstehungszeit selber als bereits historische Textzeugnisse qualifiziert sind (z. B. heißt es: Leser, Jesusanhänger; statt: Leser*innen, Jesusanhänger*innen); im Sinne gendersensibler Sprache mögen sich bitte alle hier mitgemeint fühlen. Um die Vielfalt geistiger Bezüge und Vernetzungen des Buches, wie sie dem Inhaltsverzeichnis nur ansatzweise entnehmbar sind, informativ übersichtlicher erschließen zu helfen, ist abschließend ein Personenregister beigefügt.
Der Abschluss dieser Arbeit ist noch einmal ein Abschied. Heide Rohse ist am 22. Mai 2021 im Alter von 81 Jahren verstorben. Sie litt an einer zu spät diagnostizierten, nicht mehr zu heilenden Krebserkrankung. Meine erneute und intensive, sehr bewegende Lektüre ihrer Schriften bedeutet mir – als nahe Verbundenem seit gemeinsamen Göttinger Studienzeiten, nun auch als Herausgeber und Witwer – zugleich Trauerarbeit, Erinnerung, großen Dank: als Liebe zur Sache – eine Sache der Liebe.
Diesen Prozess sachlicher wie zugleich emotionaler Arbeit – in gewissen Sinne auch hier als Verarbeitung eines Traumas – umfangen zu wissen in familiärer Einbettung und liebevoller Geborgenheit durch unsere Töchter Dr. Andrea Meuser und Bettina Rohse und ihre Familien, bedeutet für mich einen wichtigen Halt.
Sehr dankbar bin ich unserer Tochter Bettina für inspirative Begleitung bei Entstehung und Konzeption der Buchpublikation für nicht nur gesprächsweise vielseitig anregenden Ideenreichtum, sondern für wesentliche Mitgestaltung auch des Buchcovers mit ihrem Gemälde einer (als »Seelenlandschaft« von Heide Rohse sehr geliebten) Amrum-Landschaft (entstanden 2004, Öl auf Leinwand, 60 × 80 cm). Mein herzlicher Dank gilt zugleich Gisela Baethge, langjähriger Kollegin, Freundin und Gesprächspartnerin der Verstorbenen, für anteilnehmend ebenso hilfreich-ermutigende wie konstruktiv-kritische Gespräche zum aktuellen Buchprojekt und Möglichkeiten seiner Publikation im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Nicht zuletzt hier also herzlichen Dank auch an den Verlag selbst, von Anfang an mit Rat und Tat kooperativ und ideenreich vertreten durch Günter Presting (Programmleitung Psychologie, Schule, Pädagogik, Soziale Arbeit, Gemeinde) und insbesondere Ulrike Rastin (Projektmanagement Lektorat Psychologie), die Gesamtkonzeption, Layout, Arbeitsproblematik und Fortgang des nun vorliegenden Buches thematisch sachkundig, gestalterisch prägend und überaus geduldig begleitet hat.
Göttingen, im Februar 2022
Überlegungen zu Erziehungszielen und Erziehungsstilen aus psychoanalytischer Sicht
Was geschieht in der Erziehung dem Kind zugute? Diese Frage deutet etwa seit Ellen Keys »Das Jahrhundert des Kindes« (Key, 1902), bis hin zur Theorie und Praxis antiautoritärer Erziehung, das erkenntnisleitende Interesse pädagogischer Reflexion an. Diese Frage ist für pädagogisches Fragen konstitutiv. Ihre unmittelbare Evidenz macht sie zu einem Kriterium, das geeignet ist, die pädagogische Qualität pädagogischer Theorien auszuweisen.
Es zeigt sich jedoch bei näherer Betrachtung, dass die Beantwortung dieser pädagogischen Grundfrage von komplexen anthropologischen Vorentscheidungen einerseits und von gesellschaftstheoretischen Prämissen andererseits abhängig ist. Das bedeutet, dass die jeweils zu Grunde liegende inhaltliche Bestimmung des Verhältnisses Individuum-Gesellschaft die pädagogische Antwort auf ihre eigene Grundfrage determiniert. Wird der Mensch als von Natur aus gut angesehen, geht es nur darum, seine Kräfte zu entfalten und zu pflegen, dann hat die Gesellschaft sich nach seinen Bedürfnissen auszurichten. Wird dagegen durch Erziehung eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse erstrebt, dann ist dieser Zielbestimmung die individuelle Entwicklung untergeordnet.
An einem für die Pädagogik zentralen Thema, dem Thema der Erziehung zum Gehorsam –Erziehung zum Ungehorsam, soll dieser Sachverhalt konkret entfaltet werden.
Die Fragwürdigkeit einer Erziehung zum Gehorsam wurde öffentlich ins Bewusstsein gehoben im Zuge der Diskussion um die antiautoritären Kinderläden. Der Beginn der sog. antiautoritären Erziehung (Neill, 1969), die unter dem Slogan »Erziehung zum Ungehorsam« (Bott, 1969; Bott, 1970) Eingang in die Massenmedien fand, steht im Zusammenhang mit den politischen Zielen der Studentenbewegung. Im Rahmen des von ihr vertretenen Gesellschaftskonzepts hat die Erziehung zum Ungehorsam die Funktion, die Nicht-Anpassung an eine kapitalistische Gesellschaft einzuüben mit dem Ziel, diese im Sinne der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu verändern (Autorenkollektiv Berliner Kinderläden, 1971). Wie bestimmt nun das Konzept der Erziehung zum Ungehorsam das Verhältnis von Individuum und kapitalistischer Gesellschaft? Diese Gesellschaft erscheint als extrem veränderungsbedürftig. Ihre profit- und leistungsorientierte Wirtschaftsordnung entfremdet das Individuum von sich selbst, seinen Mitmenschen und den Produkten seiner Arbeit. Selbstverwirklichung und soziale Gerechtigkeit sind in ihr nicht möglich, deshalb muss eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung geschaffen werden, in der mehr Humanität verwirklicht werden kann. J. Israel nennt diese Theorie »individual-orientiert« (Israel, 1972, S. 26), weil die Zielrichtung nicht auf Anpassung des Individuums an die bestehende Gesellschaft gerichtet ist, sondern die Gesellschaft organisiert werden soll nach den Bedürfnissen aller in ihr lebenden Individuen. Diese knappe Skizze muss strittige Fragen offen lassen. Zu nennen sind hier nur: Wie werden die Bedürfnisse der Individuen ermittelt? Wer bestimmt die wahren und falschen Bedürfnisse? Welche Aspekte von Selbstverwirklichung sind angesprochen? Wer zeigt den eigentlichen Zustand des Menschseins an, dem der Mensch entfremdet ist?
Hierzu ist zu bedenken, dass gerade wünschenswerte gesellschaftliche und politische Ziele im Prozess ihrer Verwirklichung in ihr Gegenteil umschlagen können. Gerade mit dem Engagement für eine Gesellschaft mit mehr Menschlichkeit lässt sich vortrefflich hassen; und mit dem Programm der sozialen Gerechtigkeit für alle lässt sich massive Unterdrückung betreiben, die nun von den richtigen Zielen her legitimiert erscheint. Antiautoritäre Ziele können autoritär verfolgt werden und werden es auch. Im Rahmen dieser Überlegungen muss gefragt werden, wie das Konzept einer Erziehung zum Ungehorsam die pädagogische Grundfrage: »was geschieht in der Erziehung dem Kind zugute« beantwortet? Die Überzeugung ist, so könnte zusammenfassend gesagt werden, es geschieht dem Kind für sein späteres Leben als Glied einer Gesellschaft zugute, dass es lernt, sich aggressiv gegen bestehende gesellschaftliche Ordnungen, Autoritäten und Wertsysteme zur Wehr zu setzen und diese, wo nötig, zu destruieren, jedenfalls aber zu verändern im Sinn der oben angegebenen Ziele.
Es ist eindeutig, dass das, was dem Kind zugute geschehen soll, von einer konkreten Gesellschaftsutopie her bestimmt wird, die zunächst als Diskrepanztheorie (Israel, 1972, S. 26) auftritt, d. h. sie bestimmt das, was jeweils sein soll von dem her, was ist, aber nicht sein soll. Das Kind wird sozialisiert im Widerspruch zur bestehenden gesellschaftlichen Realität, die es erlebt. Einen zentralen Stellenwert für seine Sozialisation bekommt deshalb die Verheißung einer besseren Gesellschaft und die Hoffnung auf Veränderung der Realität.
Nicht gefragt wird in dieser Erziehungskonzeption nach dem Kind und den Determinanten seiner psychischen Struktur sowie den psychosomatischen Entwicklungsbedingungen. Die unglaublich naive und tendenziöse Rezeption psychoanalytischer Theorien (Autorenkollektiv Berliner Kinderläden, 1970) belegt den Notstand in der Kenntnis psychischer Gesetzmäßigkeiten in der kindlichen Entwicklung. Davon soll später genauer gehandelt werden. Soviel ist jedenfalls deutlich, dass ein Kind von der erzieherischen Intention her im Widerstand fixieren (und sei er auch politisch »richtig«) bedeutet, ihm die Programmierung der Anti-Haltung vermitteln. Gerade dieses psychische Programm stärkt nun aber nicht die produktive Kraft für sinnvolle Veränderungen, sondern erschöpft sich in der Reaktivität des Widerspruchs. Das bedeutet in psychoanalytischen Kategorien gesprochen, es werden mit dem Erziehungsziel Erziehung zum Ungehorsam, entgegen der erklärten politischen Absicht, Menschen erzogen, mit zwangsstrukturiertem Charakter in einer und wieder für eine zwangsstrukturierte Gesellschaft.
Muss nun die Konsequenz aus diesen Überlegungen ein Plädoyer für eine Erziehung zum Gehorsam sein? Tatsächlich ist die Praxis der Erziehung in Familie und Schule bis heute eine Gehorsamserziehung gewesen. Die theoretische Rechtfertigung dieser pädagogischen Praxis leitet sich historisch u. a. aus der Wertschätzung des Gehorsams als Tugend her, wie sie vor allem in der christlichen Ethik gepriesen wird. »Für Kinder gibt es keine andere Sittlichkeit als den Gehorsam« heißt es bei Schleiermacher (Schleiermacher, 1843; zit. nach Schumann, 1958, S. 1264); und noch in der 3. Aufl. der RGG 19581 hat – zum Stichwort »Gehorsam« – sich an dieser Einschätzung des Gehorsams nichts geändert: »In der Tat hat ja im Bereich des christl. Glaubens der Gedanke des Gehorsams schlechthin Mittelpunktsbedeutung« (Schumann, 1958, S. 1265). Das mit solcher Einschätzung des Gehorsams verfolgte Erziehungsziel wird paradoxerweise »Freiheit« genannt. »Gehorsam ist ein unentbehrliches Mittel für die Erziehung zur Freiheit« (Schumann, 1958, S. 1265). Damit wird eine weitverbreitete, nichtsdestoweniger falsche und gefährliche Auffassung vertreten, die glauben machen will, dass aus Zwang und Unterdrückung des kindlichen Eigenwillens das Gegenteil entstehen soll, nämlich Freiheit und Selbstbeherrschung, während, wie in der Wirkungsgeschichte dieser Gehorsamserziehung ablesbar, nichts als wieder Zwang, Unfreiheit und Gehemmtheit den eigenen Willensimpulsen gegenüber entsteht.
D. Sölle (1968) hat in ihren »Überlegungen zu einer künftigen christlichen Ethik«, so der Untertitel ihrer Schrift »Phantasie und Gehorsam«, die individuellen und politischen Konsequenzen dieser Gehorsamserziehung deutlich gemacht. »In keinem Bereich haben die Verhärtungen der Tradition so schwere Folgen gehabt wie im Bereich der Bildung des Gewissens. Unter der Diktatur festlegender Normen und Verhaltensschemata geht die Sensibilität des Gewissens ein wie eine Pflanze ohne Wasser; selbst die bedürfnislosesten Kakteen können eine Behandlung dieser Art nicht jahrhundertelang überstehen. Der Punkt, der die Versteinerung ermöglichte […] ist der Gehorsam gewesen« (Sölle, 1968, S. 9).
In der Folgegeschichte der Versteinerung des Gewissens wurde politisch die massenhafte Ermordung von Menschen möglich, deren Mörder sich – wie z. B. Adolf Eichmann – mit ihrer Erziehung zu unbedingtem Gehorsam rechtfertigten (Sölle, 1968, S. 11). Die gelungene Gehorsamsdressur hat aber auch für den politischen Alltag katastrophale Folgen. Durch die Übersozialisierung gerät der Mensch in den ausweglosen Zwang zur Anpassung an bestehende politische und soziale Forderungen und Verhältnisse. Die lebendige Kraft zu menschgengerechter Veränderung individueller wie gesellschaftlicher Realität ist abgetötet durch die Schaffung des mechanischen Reaktionsmusters »Gehorsam«, das das Ergebnis eines ungleichen Machtkampfes ist. Es ist deutlich, dass das Verhältnis Individuum und Gesellschaft bei der Erziehung zum Gehorsam genau umgekehrt proportional zu dem der Erziehung zum Ungehorsam bestimmt wird. Die Gesellschaft, ihre Werte und Ordnungen erscheinen als quasi naturgegeben und relativ unveränderbar, während das Individuum als fast unbegrenzt plastisch, veränderbar und veränderungsbedürftig gesehen wird. Die Sozialisation des Kindes vollzieht sich auf der Grundlage von Gehorsam und Anpassung und wird deshalb beschrieben als ein Hineinwachsen in die Gesellschaft. Joachim Israel nennt die zu Grunde liegende Gesellschaftstheorie »gesellschaftsorientiert« (Israel 1972, S. 26). Die Erziehung des Individuums und sein Leben richten sich aus nach den Normen, Werten und der sekundären Bedürfnisstruktur der jeweiligen bestehenden Gesellschaft.
Die Kulturaneignung (Freud 1930/1953) des Menschen hängt dann in der Tat davon ab, wieweit er die Werte und Normen einer Gesellschaft zu verinnerlichen in der Lage ist. In der gesellschaftlichen Norm sein, heißt optimal sozialisiert sein. Auf diesem Weg in die Normalität hat die Erziehung zum Gehorsam hervorragende Bedeutung. Insbesondere das mit ihr gesetzte Angstdressat den als übermächtig erscheinenden Autoritäten gegenüber schafft die schier unauflösliche Verbindung von Angst und Autorität, Angst und Macht. Die Mechanisierung in der Bewältigung dieses Konflikts wird durch Gehorsamserziehung garantiert.2
Fragt man nun, was in der Erziehung zum Gehorsam der Intention nach dem Kind zugute geschehen soll, so ließe sich zusammenfassend antworten: das Kind soll lernen, seinen eigenen Willen und seine eigenen Wünsche einem anderen Willen und fremden Notwendigkeiten unterzuordnen. Die erlernte Unter- und Einordnung soll ihm erlauben, eine lebensgeschichtliche Kontinuität zu den vorgefundenen Normen und Werten einer Gesellschaft herzustellen. Die durch Gehorsamsforderungen erreichte Internalisierung der in der Gesellschaft geltenden Werte und Normen soll das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihr vermitteln und dem Individuum ermöglichen, in Übereinstimmung mit den wesentlichen Werten seiner Gesellschaft zu leben. In dieser pädagogischen Theorie wird das, was dem Kind zugute geschehen soll, bestimmt von dem her, was in der Gesellschaft, in die das Kind hineingeboren wird, immer schon gilt. Die Geltung dessen, was immer schon gilt, wird nirgends in Frage gestellt, im Gegenteil: der unbefragten gesellschaftlichen Realität gilt es, sich in allen Sozialisationsschritten anzupassen. Das Ausmaß der katastrophalen Folgen dieser Anpassungserziehung wird erst deutlich, wenn man die Kinder- und Menschenfeindlichkeit unserer gesellschaftlichen Realität bedenkt. Nicht das, was einem Kind gut tut, und das lässt sich nicht allgemein bestimmen, entscheidet über das Erziehungsziel, sondern die in der Gesellschaft brauchbaren und verwertbaren Eigenschaften, z. B. Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit, Mündigkeit etc.
Die ist kein Affront gegen Erziehungsziele überhaupt. Es ließe sich wohl paradox formulieren: Obwohl sie alle falsch sind, sind sie doch alle nötig. Sie sind alle falsch, weil sie dem antinomischen Charakter (Schultz-Hencke, 1968, S. 20 ff.) menschlicher Bedürfnisse nicht gerecht werden, und sie sind alle nötig, weil sie eine Orientierung ermöglichen, die das Woraufhin einer Erziehung transparent macht.
Zusammenfassend ist festzuhalten: Obwohl beide Konzepte – Erziehung zum Ungehorsam wie Erziehung zum Gehorsam – in ihren politischen Konsequenzen extrem gegensätzlich erscheinen, bezeichnen sie doch nur Variationen eines Grundkonfliktes. Er besteht in dem Machtkampf um die Durchsetzung des eigenen oder eines fremden Willens. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung stellen persistierender Widerspruch (Ungehorsam) oder angepasste Gefügigkeit (Gehorsam) falsche Alternativen dar. Beide Erziehungsziele – Gehorsam und Ungehorsam – schaffen jene Sozialfassade, die dem Kind nicht zugute kommt. Mit ihr ist für das Kind (den Menschen) immer eine Form von Angstdressat verbunden, so sein zu müssen – gehorsam oder ungehorsam – wie es die Sozialfassade verlangt, aber nicht sein zu dürfen, wie es wirklich ist, d. h. wie ihn wirklich zumute ist.
Wenn es so ist, dass die Erziehung zum Ungehorsam eine falsche Alternative zu der Erziehung zum Gehorsam darstellt, muss nach einer Möglichkeit gesucht werden, die zu beiden Konzepten eine Alternative aufzeigt. Von ihr ist zu fordern, dass sie in größerem Maße die psychischen Determinanten der kindlichen Entwicklung berücksichtigt und damit das erkenntnisleitende Interesse ernsthaft auf die Frage konzentriert ist: Was geschieht im fortlaufenden Prozess dieser Entwicklung dem Kind zugute?
Mit Hilfe der psychoanalytischen Forschung, die in dieser Frage grundlegendes Wissen vermittelt hat, und in Rahmen der psychoanalytischen Entwicklungstheorie soll die gesuchte Alternative ermittelt werden. Drei Fragestellungen sollen die Erörterung leiten:
1. Wo hat das Problem Gehorsam – Ungehorsam seinen Sitz im Leben?
2. Welche Entwicklungsvorgänge begünstigen die Entstehung von Gehorsam bzw. Ungehorsam?
3. Welche Bedeutung hat die Art des erzieherischen Umgangs mit Ungehorsam für die Ich-Entwicklung der Menschen?
Die Klärung dieser Fragen bereiten
4. den Versuch vor, Erziehung zur Entscheidungsfähigkeit als Alternative zur Erziehung zum Gehorsam bzw. Ungehorsam darzustellen.
Es ist sicher eine simple Feststellung zu sagen: Es geht bei dem Problem Gehorsam – Ungehorsam immer mindestens um zwei Menschen, um einen, der Gehorsam verlangt, und einen, der dieser Forderung entspricht bzw. widerspricht. Das Ereignis findet statt im Rahmen der Kommunikation von Partnern. Dieses Faktum hat weittragende Konsequenzen in Bezug auf den Fluchtpunkt, der die Perspektive des Problems bestimmt: Das Problem Gehorsam – Ungehorsam stellt sich als Problem nur innerhalb der Kommunikation von Menschen, sie ist sein Sitz im Leben. Das bedeutet, die Phänomene Gehorsam – Ungehorsam können nicht an und für sich betrachtet werden. Sie sind Strukturierungselemente von Kommunikation. Beherrschen die patterns
