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Warum werden Lieder verboten oder zensiert? Der norwegische Musiker Moddi macht sich auf die Suche – und auf eine Reise über fünf Kontinente Im Laufe der Jahrhunderte haben Tausende von Musikern Zensur, Verfolgung und gewalttätige Unterdrückung erlebt. Oft bleiben ihre Geschichten unerzählt. Wer waren sie? Wer sind sie? Was können wir von ihnen lernen? Nachdem er aufgrund einer Einladung nach Israel gewissermaßen zwischen die Fronten des Nahostkonflikts geraten war, machte sich der norwegische Musiker Moddi auf die Suche nach verbotenen Liedern in der ganzen Welt, trug auf fünf Kontinenten Songs zusammen und besuchte Musiker und Zeitzeugen, um die Lieder mit ihnen zusammen oder mit seiner Band aufzunehmen. Als Ergebnis dieser Reise in die Welt zensierter Musik gab Moddi 2016 das international gelobte Album "Unsongs" heraus, mit Klassikern wie "Strange Fruit" von Billie Holiday und "Army Dreamers" von Kate Bush; aber auch einem samischen Volkslied und dem "Punk Gebet" von Pussy Riot. In diesem Buch erzählt er die Geschichten hinter diesem Projekt: zehn Schicksale von Gewalterfahrung und Unterdrückung. Auf seinen Reisen wurde er begleitet von dem Fotografen Jørgen Nordby, dessen Bilder das Buch illustrieren. Die verbotenen Lieder und Stationen der Reise: • Norwegen/Israel – Birgitte Grimstad, "Eli Geva" (1982) • Chile – Víctor Jara, "Our Worker" (1971) • Mexiko – Los Tucanes de Tijuana, "Parrot, Goat and Rooster" (1995) • Sápmi/Norwegen – "The Shaman and the Thief" (ca. 1830) • Libanon –Marcel Khalife / Mahmoud Darwish, "Oh My Father, I am Joseph" (1999) • Israel – Izhar Ashdot, "A Matter of Habit" (2012) • Vietnam – Viêt Khang, "Where is my Vietnam?" (2011) • England – Kate Bush, "Army Dreamers" (1980) • Russland – Pussy Riot, "Punk Prayer" (2012) • USA – Billie Holiday, "Strange Fruit" (1939)
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Pål Moddi Knutsen
10 Geschichten von 5 Kontinenten
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Karoline Hippe
Die Originalausgabe des vorliegenden
Buches erschien unter dem Titel
Forbudte Sanger bei Aschehoug, 2017
Diese Übersetzung wurde mit
finanzieller Unterstützung durch
NORLA veröffentlicht.
Alle Fotos © Jørgen Nordby,
mit Ausnahme von S. 191: © Tom Rose,
S. 225: © Pål Moddi Knutsen
Das Gedicht von Mahmoud Darwish
ist zitiert nach der deutschen
Übersetzung von Stefan Weidner aus:
Mahmoud Darwish,
Wir haben ein Land aus Worten,
© 2002 Ammann Verlag & Co., Zürich.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
D- 22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten
© Edition Nautilus GmbH 2018
Deutsche Erstausgabe März 2019
Umschlaggestaltung:
Maja Bechert, Hamburg
www.majabechert.de
ePub ISBN 978-3-96054-189-9
Teil I – Ein neues Kapitel
House by the Sea
Eli Geva
Unsongs
Teil II – In verbotenen Fußstapfen
Our Worker
Parrot, Goat and Rooster
The Shaman and the Thief
Oh my father, I am Joseph
A Matter of Habit
Where is my Vietnam?
Teil III – Release
Army Dreamers
Punk Prayer
Strange Fruit
Danksagung
»Du warst mal mein Lieblingsmusiker. Ich dachte, du hättest Rückgrat.«
Das war keineswegs die erste derartige Nachricht, die mich erreichte, doch die Worte trafen mich immer wieder aufs Neue. Mein Telefon piepte unaufhörlich. Es war jedes Mal ein anderer Absender, aus einer anderen Ecke dieser Welt.
»Du befürwortest einen Staat, der gewaltsam und auf Grundlage von Rassentrennung errichtet wurde«, schrieb jemand. »Hast du kein Gewissen?«, fragte jemand anderes.
»Hast du das Geld wirklich so dringend nötig, dass du dich an die Zionisten verkaufst?«
Das war ungewohnt harter Tobak für mich. Eigentlich war ich doch immer derjenige, der gegen irgendetwas protestierte. Und jetzt wurde plötzlich gegen mich protestiert. Mit jedem Mal, das ich wieder auf mein Telefon sah, waren neue Nachrichten gekommen. Und sie alle enthielten dieselbe Aufforderung: Sag dein Konzert in Israel ab!
2013 war ein langes Jahr gewesen, in dem ich zwei Alben veröffentlicht hatte, durch Stadt und Land getourt war und mit »House by the Sea« meinen ersten wirklichen Hit hatte landen können. Ich hatte 130 Konzerte gespielt, von Istanbul bis Spitzbergen. Die Konzertanfragen kamen von nah und fern, und meine einzige Sorge war, wie ich das alles schaffen sollte. Das Abschlusskonzert der Tournee sollte in Israel stattfinden, so weit weg von zu Hause wie nie zuvor, in einem Land, in dem ich noch nie zuvor gewesen war. An den 1. Februar 2014 werde ich mich wohl mein Lebtag erinnern, aber nicht aus den Gründen, die ich zunächst vermutete.
Mir war bewusst, dass sich viele Künstler weigerten, in Israel aufzutreten. Unzählige Organisationen hatten sich für einen Boykott des Landes ausgesprochen, um eine Lösung des nun schon mehr als fünfzig Jahre anhaltenden Konflikts mit den Palästinensern zu erzwingen. Ich jedoch hatte keinerlei Intention, mich in den Nahostkonflikt einzumischen. Ich wollte ein ganz normales Konzert geben, wie ich es auch schon in Berlin, London und Prag getan hatte. »House by the Sea« wäre mein letzter Song an diesem Abend gewesen, dann hätte ich mich beim Publikum bedankt und wäre wieder nach Hause in den Norden gereist.
Der Konflikt war mir nicht egal – das war es nicht. Aber dieser Krieg war nicht mein Krieg. Ich hatte schon Konzerte in der Türkei gespielt, die die kurdische Minderheit in ihrem eisernen Griff hielt, in Russland, wo Homosexuelle verprügelt werden, während die Polizei wegschaut. Ein Liedermacher auf Tournee kann da wenig ausrichten. Was aber möglich sein sollte, dachte ich, war, mit meiner Musik einen Raum im Alltag der Menschen zu schaffen, die verzweifelt nach einer Ablenkung suchten.
In meinem Krieg ging es um unsere Umwelt. Um Konsum, Klima, Ölgewinnung und Plastik. Seit meiner Kindheit, seit meine Mutter mich im Umweltdetektiv-Club Blekkulf (Tintenfisch-Ulf) angemeldet hatte, träumte ich davon, einmal ein echter Umweltschützer zu werden. Mein Vater besaß ein Fischerboot, mit dem er uns oft mit hinaus auf die vielen kleinen Schären nahm, die vor der Insel Senja lagen, auf der ich aufgewachsen bin. Dort mussten wir mit ansehen, wie Müll und Schrott jahrzehntelang im Watt liegen blieben und so manches Leben dort eingehen ließen. Später half ich bei den Säuberungsaktionen unserer Gemeinde. Wir sammelten mehrere LKW-Ladungen mit Fischernetzresten von den Steinen im Watt und zogen poröse Planen und lange Tauenden aus dem Strandsand. Der Müll verschwand, das Watt war wieder sauber, und wir bekamen so viel warmen Johannisbeersaft und Hot Dogs, wie wir nur wollten.
In der Schule waren meine Lieblingsfächer Naturkunde und Mathe. Ich liebte es, mit Saughebern, Magneten und Zahnrädern zu spielen und konnte Das Schlaue Buch von Donald Ducks Neffen auswendig. Gleichzeitig nahm ich Klavierunterricht, spielte Trompete in der Schulkapelle und rief ein Rap-Duo ins Leben, das nach einiger Zeit sogar für bezahlte Auftritte gebucht wurde. Auch wenn ich der Musik viel Zeit widmete, war sie für mich eher ein Hobby als eine mögliche Karriere. Ich wollte Naturforscher oder Windkraftingenieur werden, und große, nachhaltige Gerätschaften bauen.
Als ich nach Finnsnes zog, um dort aufs Gymnasium zu gehen, traf ich zum ersten Mal Gleichgesinnte. Wir riefen eine Vielzahl von Organisationen ins Leben, von Astronomen gegen Worttrennungen bis SOS Rassismus. Ich übernahm eine Führungsposition bei der Organisation Natur & Ungdom (Natur & Jugend) in meiner Heimatregion in Nordnorwegen. Wir verfassten zornige Leserbriefe an die Regionalzeitung Folkebladet, hielten Vorträge über den Klimawandel und ließen Ölplattformen aus Pappmaché auf dem Finnsnessee treiben, um den Leuten klarzumachen, dass die Ölbosse vor nichts Halt machten. Zur gleichen Zeit kaufte ich meine erste Gitarre, eine dunkelblaue mit Stahlsaiten, auf der ich jeden Abend spielte. Meine Vorbilder waren Damien Rice, Joanna Newsom und Radiohead. Ihre Lieder waren leicht nachzuspielen, aber längst nicht so leicht zu verstehen. Mir war, als würden sie mit Absicht kryptische Texte schreiben, damit jeder sie auf seine Weise interpretieren und sich selbst darin wiederfinden konnte. So auch ich.
Als Achtzehnjähriger begann ich, meine eigenen Songs zu schreiben. Die ersten paar waren zahme Versuche, der stummen Natur eine Stimme zu verleihen. Meine Inspiration zog ich aus Büchern, Computerspielen und meinen musikalischen Vorbildern, und ich spielte die neuen Lieder bei den Wochenendversammlungen von Natur & Ungdom, spätabends, wenn die Diskussionsrunden vorbei und die Gruppenleiter ins Bett gegangen waren. In abgeschiedenen Treppenhäusern und über Nacht abgesperrten Duschräumen hielt ich kleine Mitternachtskonzerte für diejenigen von uns, die zu viel Energie hatten, um früh schlafen zu gehen. Meine Texte hallten nach, sowohl im Mauerwerk als auch in den Gedanken meiner Zuhörer.
Meine Karriere bei Natur & Ungdom war nur von kurzer Dauer, aber ich beschloss, weiter Musik zu machen. In den Jahren nach dem Gymnasium gab ich den Plan auf, Ingenieur zu werden, um mich voll und ganz der Musik zu widmen. Ich übernachtete bei Freunden, spielte Konzerte gegen Kost und Logis und lebte so sparsam wie möglich. Ich hatte nur mich und meine Gitarre zu versorgen, also konnte ich fast überall hinreisen, wo ich wollte; alles was ich brauchte, waren ein Raum und ein Publikum. Meine Texte spiegelten mein eigenes entwurzeltes Leben wider. Ich schrieb über Heimweh, unerwiderte Liebe und über das Gefühl, nirgendwo richtig zu Hause zu sein. Die Musik wurde zum Kanal der schwierigsten Dinge in meinem Leben, für die ich nicht so leicht Worte fand, die sich aber oft mit Klängen beschreiben ließen.
Mit einundzwanzig Jahren zog ich nach Oslo, um Soziologie zu studieren. Hier traf ich andere junge Musiker in den Startlöchern ihrer musikalischen Karriere. Ich wohnte im Keller meiner Großeltern und überwies den Großteil meines Studienkredits direkt auf ein Sparkonto, während ich die Lieder für mein erstes Album zusammenstellte. Nachdem ich über fünf Jahre hinweg all mein Geld, einige Lieder und das nötige Selbstbewusstsein zusammengekratzt hatte, veröffentlichte ich im Jahr 2010 mein Debütalbum Floriography. Auf den ersten Titel, »Rubbles«, ein Song aus meiner Zeit bei Natur & Ungdom, bin ich nach wie vor sehr stolz.
Noch im gleichen Jahr erschien mein Name landesweit in der Presse, allerdings nicht wegen des Albums, sondern wegen meines Engagements als Umweltaktivist. Ich hatte ein Statoil-Stipendium in Höhe von 800 000 Kronen abgelehnt und war daraufhin einem Telefonansturm ausgesetzt, dessen Ausmaße ich mir nie erträumt hätte. Die Medien waren neugierig, das Volk tuschelte. In den Kommentarspalten wurde ich immer wieder der Heuchelei und Scheinheiligkeit beschuldigt. Geld abzulehnen war anscheinend das Kontroverseste, was sich ein norwegischer Musiker erlauben konnte. Doch ich bewahrte Ruhe. Ich vertrat meinen Standpunkt.
Der Umweltschutz war ein angenehmer Kampf. Nur selten musste man darüber nachdenken, was richtig und falsch war. Die Klimaforscher ließen keinen Zweifel daran, dass unsere Gesellschaft sich dramatisch ändern müsse, wenn wir die Zerstörung unseres Planeten verhindern wollen. Manchmal war es nicht so leicht, nach seinen eigenen Prinzipien zu leben, die Frage nach Richtig oder Falsch war aber immer leicht zu beantworten.
Der Kampf für die Umwelt mag leicht gewesen sein, mein Engagement führte allerdings dazu, dass ich mich auf vieles andere nicht einließ. Ich lehnte höflich ab, wenn Tierschutz, Friedensbewegungen, Flüchtlingshilfe und Gewerkschaften bei mir anklopften, und redete mich damit heraus, dass ich meine Energie und meine Zeit nur meiner Herzensangelegenheit, der Umwelt, widmen wolle. Die Wahrheit war: Ich hatte eine Heidenangst davor, Stellungen zu Themen zu beziehen, die sich gegen jemanden richteten. Für mich war es leichter, mich voll und ganz auf den Kampf für die Umwelt zu konzentrieren und anderen andere Kriegsschauplätze zu überlassen.
Bevor ich die Einladung nach Tel Aviv annahm, hatte ich Freunde und Familie um Rat gebeten. Meine Großmutter hatte in den achtziger Jahren in Israel gelebt und war später Mitglied der TIPH-Beobachtertruppe der besetzten Stadt Hebron. Sie hatte sowohl israelische als auch palästinensische Freunde und fand die gesamte Situation sehr besorgniserregend. Damals lebten knapp hunderttausend Israelis im Westjordanland, und die internationalen Friedensabkommen einer zukünftigen Zweistaatenlösung bewegten sich scheinbar in die richtige Richtung. 2013 hatten sich über eine halbe Million Israelis auf palästinensischem Boden niedergelassen und alle Versuche, eine friedliche Lösung zu finden, schienen gescheitert. Jedes Mal, wenn meine Großmutter dem Westjordanland einen Besuch abstattete, waren die israelischen Grenzposten weiter in die Gebiete der Palästinenser vorgedrungen.
Dennoch war sie der Meinung, es wäre richtig von mir, dorthin zu fahren. Ein Konzert in einem Land zu geben, bedeute nicht, dessen Regierung zu befürworten, meinte sie beharrlich. Statt zu boykottieren, müsse man die israelische Friedensbewegung und die positiven Kräfte des Landes unterstützen. Und ich freute mich darauf, das Land zu bereisen, von dem meine Großmutter mir so oft erzählt hatte. Doch das war, bevor die Nachrichten auf mich einprasselten.
»Moddi, du solltest dich schämen!«, lautete ein Kommentar bei Facebook. »Wärst du etwa auch unter dem Apartheid-Regime in Südafrika aufgetreten?«, fragte ein anderer. »Es ist so unglaublich wichtig, dass du nicht dorthin fährst«, bat mich ein Mitglied des norwegischen Palästinenserkomitees nach einer Tirade von Argumenten, warum man sowohl ökonomische als auch kulturelle und akademische Bande zu Israel kappen sollte.
Ich las jede einzelne Nachricht, die mich erreichte, antwortete aber nur auf vereinzelte. Mit jedem neuen Absender wurden die Worte härter. Apartheid. Kriegsverbrecher. Völkermord. In jedem Einzelnen brannte eine Wut, die ich nicht annehmen konnte. Warum sollte ein Boykott helfen? Ich beharrte auf meinem Standpunkt, wollte ein Musiker für alle sein. Es liegt nicht in der Natur der Musik, Grenzen zu ziehen – ich wollte Brücken bauen.
Nach der ersten Nachrichtenwelle kam schon bald die zweite. Diesmal waren es palästinensische Jugendliche, die sich an mich wandten. Briefe aus dem Gazastreifen, in gebrochenem Norwegisch. »Wir lieben Musik, aber die Musik wurde uns weggenommen. Seit Jahren blockiert Israel den Import von Musikinstrumenten.« In einem anderen Brief schrieb ein Austauschschüler in Ramallah, dass er ein großer Fan von »House by the Sea« sei, und er dieses Lied besonders oft anhöre, wenn er Heimweh habe. Und er schrieb von seinen palästinensischen Freunden, die an einem sonnigen Tag die weißen Strände in der Ferne sehen konnten, jedoch nie die Möglichkeit hätten, selbst ans Meer zu fahren. Wellen und Salzwasser würden für sie immer nur ein ferner Traum sein, schrieb er. Ein paar Tage darauf erfuhr ich von einem dreijährigen Mädchen, das bei einem israelischen Luftangriff ums Leben gekommen war.
Diese Geschichten erreichten mich mit einer ganz anderen Wucht als die harten Schlagworte der Boykottbewegungen. Es waren keine heftigen Vorhaltungen über Rassentrennung und Völkermord, sondern kleine, persönliche Erzählungen. Sie trugen nicht dieselbe Wut in sich, sondern waren still, trostlos, ohne Hoffnung oder Aussicht auf Besserung. Auf einige dieser Mails antwortete ich. Ich bedankte mich für die Geschichten, bestätigte, dass ich sie alle gelesen habe, aber nicht wüsste, was ich dem entgegnen solle.
In mir wuchs die Unruhe. Wie konnte ich zeigen, dass ich der Situation nicht gleichgültig gegenüberstand? In meinen Liedern ging es ja nicht um den Nahostkonflikt. Egal was ich auf diesem Konzert spielen würde, es würde sich nur wie ein Ablenkungsmanöver anfühlen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto bizarrer kam es mir vor, mit »House by the Sea« an einem Ort aufzutreten, der nur ein paar Kilometer von einem ganzen Volk entfernt lag, das das Meer vielleicht niemals sehen würde.
Die Hand um den Gitarrenhals, setzte ich mich an den Schreibtisch. Wenn meine Lieder nichts mit Israel zu tun hatten, musste ich eben neue schreiben. Ich wollte den Jugendlichen aus Palästina eine Stimme verleihen. Aber nichts geschah. Es kamen ein paar Akkorde und Melodien, doch wenn ich den Mund öffnete, war es, als wäre ich verstummt. Ich versuchte, die Eindrücke der letzten Wochen in kurzen Strophen zu sammeln, aber nichts passte wirklich zusammen. Die Gedanken und Bilder ließen sich nicht zu Strophen und Refrains formen. Jede Geschichte war so einzigartig, dass sie nicht mit einer anderen gleichgestellt werden konnte. Nichts reimte sich, der Rhythmus stockte. Es war, als würden sich die Worte gegen mich sträuben.
Am nächsten Tag versuchte ich es nochmal, stieß aber an dieselben Grenzen. Was auch immer ich versuchte – es fühlte sich falsch an, Musik zu schreiben, die auf der Verzweiflung anderer basierte. Ich musste einsehen, dass diese Worte nicht die meinen waren. Die Geschichten waren mit mir geteilt worden, miterlebt hatte ich sie aber nicht. Mit welchem Recht konnte ich auf einer Bühne in Tel Aviv stehen und über Menschen singen, die mich darum gebeten hatten, die Show abzusagen? Fast einen Monat lang ließ ich meine Gitarre in der Ecke stehen.
An einem Vormittag in der Vorweihnachtszeit lud ich mich selbst zum Kaffee bei Erik Hillestad ein, dem Leiter der Kirchlichen Kulturwerkstatt, einer Plattenfirma, die viele internationale Künstler repräsentiert. Erik hielt unter anderem bei dem Projekt Make me a channel of your peace, in dem palästinensische und israelische Musiker sich zu gemeinsamen Friedensgebeten getroffen hatten, die Fäden in der Hand. Ende der Neunziger war man noch voller Optimismus gewesen. Das kurz zuvor unterzeichnete Oslo-Abkommen hatte die Hoffnung geweckt, dass irgendwann Frieden in der Region einkehren würde.
Die Zusammenarbeit unter den Musikern hinterließ so manche denkwürdige Erinnerung, doch die Friedensgespräche wurden immer seltener. Zeitgleich flackerte die Feindschaft der beiden Nachbarvölker von Neuem auf, sodass die musikalische Zusammenarbeit kaum noch zu rechtfertigen war. Während die Musik weiterhin versuchte, Versöhnung und Annäherung zu vermitteln, war die Realität für die meisten Palästinenser eine völlig andere. Die israelische Okkupation nahm neue Formen an, allein im letzten Jahrzehnt ließen sich Hunderttausende israelische Siedler in palästinensischen Gebieten nieder. Während die Politiker von Frieden sprachen, verleibten sie sich das Land des palästinensischen Volkes Meter für Meter ein. Zum Schluss brach auch Erik die Zusammenarbeit ab.
»Hätte Israel nur den Willen gezeigt, in einen Dialog einzutreten, wäre ein Boykott nie nötig gewesen«, erklärte Erik. »Prinzipiell bin ich gegen jeden Boykott, aber in einem Boykott geht es nicht um Prinzipien, sondern um Konsequenzen.«
Viele Israelis befürworten die Expansionspolitik, erzählte Erik. Man erkennt das an ihrem Handeln, wenn sie es auch oft gar nicht laut äußern. Es bringt nicht viel, über den Frieden zu reden, während israelische Bulldozer palästinensische Häuser dem Erdboden gleichmachen.
»Aber ich verstehe es trotzdem noch nicht«, sagte ich. »Warum kann ich kein normales Popkonzert spielen, darum schert sich doch kein Mensch?«
»Du wirst feststellen, dass dein Konzert trotzdem jemandem von Nutzen sein wird«, entgegnete Erik.
Ich sollte schon bald verstehen, was er damit meinte. Ich hatte von einigen Musikern gehört, die sich lautstark davon distanzierten, Partei für eines der Völker zu ergreifen, und dann doch als Israelfreunde gefeiert wurden, nachdem sie in Tel Aviv oder Jerusalem aufgetreten waren. Nicht zu boykottieren wurde bereits als eine politische Botschaft verstanden. Das Gegenteil geschah mit Musikern, die ihre Konzerte absagten. Sie wurden von politischen Bewegungen missbraucht, die sich an der Grenze zum Antisemitismus befanden. Wofür ich mich auch entschied, es wäre falsch.
»Kann ich nicht einfach auch ein Konzert für die Palästinenser spielen? Ein Benefizkonzert in Ramallah zum Beispiel, damit alle verstehen, dass ich für niemanden Partei ergreifen will?«
»Da liegt vielleicht das größte Problem. Es ist nicht möglich, beides miteinander zu verbinden. Wenn du erst einmal in Tel Aviv gespielt hast, wird niemand auf der palästinensischen Seite mit dir zusammenarbeiten wollen. Es ist tatsächlich schwarz-weiß.«
»Gibt es wirklich keine Möglichkeit, ein Konzert im Nahen Osten zu geben, ohne dass es zu einem Politikum wird?«
»Darum bist du doch hier, oder? Sich in einem Konflikt neutral zu verhalten, bedeutet automatisch, die stärkere Seite zu wählen. Schweigen wäre auch ein Zeichen.«
Nach dem Gespräch mit Erik war ich nur noch verwirrter. Wäre es wirklich von Vorteil, das Konzert abzusagen? Zu Hause wartete schon ein glühender Computer auf mich, denn inzwischen meldete sich auch noch die Seite zu Wort, die mich in Israel willkommen heißen wollte. Davor hatte man mich gewarnt. Alle, die in Israel auftreten wollten, wurden zunächst mit Ermahnungen und Absageforderungen überschüttet, dann folgte eine Welle der Befürwortung.
Ein Absender zitierte die Bibel. Wer Israel segnet, wird ebenfalls gesegnet. Andere wiederum berichteten voller Enthusiasmus, wie sehr sie sich auf das Konzert freuten. »Musik ist das Instrument des Friedens und der Harmonie«, schrieb der Konzertveranstalter in einer beharrlichen Mail. Er war es gewohnt, dass Musiker mit Boykottforderungen bombardiert wurden.
Viele plädierten für die versöhnende Kraft der Kunst, und dass mein Konzert zu den Friedensprozessen in der Region beitragen würde. »Musik ist ein Dialog, der nicht abbrechen darf«, schrieb eine amerikanische Künstlerorganisation, und forderte mich dazu auf, es Paul McCartney gleichzutun, der sein Konzert in Tel Aviv durchführte.
»Ich trage die Botschaft des Friedens weiter und bin der Meinung, dass diese Region genau das benötigt«, sagte er damals in einem Interview. Weltstars wie Elton John, Leonard Cohen, Madonna, U2 und Red Hot Chili Peppers wollten allesamt in Israel auftreten, um ihre Friedensbotschaften zu verbreiten, doch trotz all der schönen Worte von Brückenbauen und Toleranz erwähnte keiner von ihnen Palästina auch nur mit einem Wort. Niemand kommentierte die Belagerung des Gazastreifens oder die Besiedlung des Westjordanlandes. Für den Frieden zu spielen, war gleichbedeutend damit, die Klappe zu halten.
Ich las die Mail der amerikanischen Künstlerorganisation noch einmal durch. Wir sind für dich da, wir werden dich unterstützen, schrieben sie, und fügten eine lange Liste mit Musikern an, die den Boykottforderungen getrotzt hatten und in Israel aufgetreten waren. Sie forderten mich dazu auf, meine Kunst nicht zu einem Politikum werden zu lassen und klangen dabei wie ein Echo der Mails, die ich in den letzten Tagen bekommen hatte. Musik habe universell zu sein. Kunst sei für alle da. Sie solle keinen Standpunkt einnehmen. Nicht verurteilen. All das klang schön, machte mich aber nur wütend. Waren da draußen wirklich Musiker, die sich Unterstützung von Leuten wünschten, für die Musik nicht mehr als reine Unterhaltung war? Die nichts dagegen hatten, über Frieden und Harmonie zu singen, während über der Nachbarstadt Bomben abgeworfen wurden?
Viele der Nachrichten bestätigten nur, was Erik bereits erwähnt hatte: Es half nicht, über Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis zu sprechen, wenn die Situation vor Ort mit jedem Tag schlimmer wurde. Mit jeder Mail über Frieden und Harmonie wurde ich mir meiner Sache sicherer. Es war nicht nur komplett sinnlos, dieses Konzert zu spielen, es könnte alles noch schlimmer machen.
In der Nacht zum 3. Januar verfasste ich eine Erklärung, warum ich mein Konzert in Tel Aviv absagen müsse. Unter dem Titel »Wenn die Kunst zu kurz kommt« erklärte ich, dass ich mir bewusst sei, wie sehr ich sowohl den israelischen Veranstalter, mein Publikum vor Ort als auch meine Großmutter und mich selbst mit der Absage enttäuschte. Dass ich aber trotzdem so handeln müsse. Die Entscheidung sei gefällt.
»Wenn man wieder den Dialog sucht, um den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu lösen, hoffe ich, endlich mein erstes Konzert in Israel spielen zu dürfen«, schrieb ich. »Bis dahin ist Schweigen mein stärkstes Instrument.«
Am nächsten Morgen war diese Pressemeldung beim norwegischen Sender NRK. Nur wenige Minuten später klingelte das Telefon. Die Nachrichtensendung Dagsnytt 18 lud mich zu einer Debatte ein. Die Tageszeitung Dagbladet veröffentlichte einen halbfertigen Artikel mit kaum zusammenhängenden Sätzen. Mein Mail-Postfach erwachte erneut zum Leben. Diesmal erreichten mich hasserfüllte Nachrichten. »Es ist eine Schande, dass in uns das gleiche norwegische Blut fließt«, war einer der ersten Kommentare, die mich auf den sozialen Medien erreichten. »Hör auf, so ein heuchlerisches Arschloch zu sein. Deine Musik ist mit ziemlicher Sicherheit Scheiße«, schrieb ein anderer. Und kurz darauf: »Moddi ist nur ein Lakai der Faschisten. Er hätte auch Amerika boykottiert und wäre für Hitler aufgetreten«, dazu ein Bild von mir mit einem Hakenkreuz und einer Gruppe Araber, die den Hitlergruß zeigten. Ein amerikanischer Journalist kontaktierte meine Plattenfirma und erkundigte sich, wie sie zu Künstlern stünden, die rassistische Gesinnungen verbreiteten, und vermutete hinter der Konzertabsage einen doch eher mäßigen Kartenverkauf.
Nun verstand ich das volle Ausmaß dessen, was Erik mit Propagandamaschinerie gemeint hatte. Der Journalist benutzte eine anonymisierte Mailadresse, und seinen Namen konnte ich in keiner Redaktion ausfindig machen. Über die IP-Adressen der Absender fand ich aber heraus, dass die meisten Kommentare von amerikanischen Organisationen mit Hauptsitz in Manhattan kamen, nicht etwa von den israelischen Privatpersonen, als die sie sich ausgaben. Viele Nachrichten wurden von falschen Profilen verschickt, die nur dazu dienten, Palästinenser und deren Unterstützer im Internet zu schikanieren. Die meisten dieser Profile wurden nach wenigen Wochen wieder gelöscht. Es schien, als hätten sie nur die Aufgabe, Unruhe zu stiften.
Teilen Sie dieses Bild. Verbreiten Sie es im Internet. Schande über diesen kleinen Rassisten, der sich als Künstler ausgibt.
Und diese Aufforderung wurde tatsächlich erhört. Ein ehemaliger Vizerepräsentant der konservativen Volkspartei Høyre im norwegischen Parlament teilte das Nazibild, unterschrieben mit den Worten »noch einer dieser einfältigen Idioten im Dienste des Antisemitismus«. Die norwegische Bloggerin Suzanne Aabel schrieb einen Beitrag in der Zeitschrift NATT & DAG mit dem Titel »MAHATMA MODDI«, in dem sie mich dazu aufforderte, meinen stillen Protest auf das nächste Level zu heben und einfach die Fresse zu halten. »Unser süßer kleiner Nordland-Elf, Moddi, bekannt für seine feinfühligen Barfußkonzerte, ist mit einer Piepsstimme und dem Talent gesegnet, Gitarre, Akkordeon, Klavier und Trompete zu spielen. Gesegnet ist er auch mit einem stumpfsinnigen Urteilsvermögen«, schrieb sie, ohne näher zu erläutern, warum ein Vergleich mit Gandhi eine Beleidigung sein sollte. Einige Tage später erreichte mich die Nachricht des nordnorwegischen Folksängers K.M. Myrland, der mir nur mitteilen wollte, er habe »keineswegs etwas gegen diesen Israelstandpunkt, aber ich hab dann mal deine Platten in den Müll geworfen«. So sollte es mehrere Wochen gehen.
Doch ich erhielt auch Unterstützung. Von nah und fern erreichten mich Dankesworte von Menschen, die selbst in Palästina gelebt hatten, oder jemanden von dort kannten. Auf Facebook trudelten mehrere tausend Kommentare, Herzen und Likes ein. Mir wurden humorvolle Heiratsanträge gemacht, falls ich denn nach Gaza ziehen wolle. Ich lehnte höflich ab. Um ehrlich zu sein, war mir nicht zum Scherzen zumute. Ich war erschöpft von anderthalb Monaten intensiver Überlegungen, Grübeleien und Zweifel. Wie konnten die Menschen in einem Konflikt, der so komplex ist und so tiefsitzt, so sicher Stellung beziehen? Der Ansturm der Mails riss nicht ab, sodass ich irgendwann begann, alle ungelesen zu löschen. Für mich war das Thema beendet. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das Studium, das ich sechs Jahre zuvor aufgenommen hatte. Vielleicht könnte ich meinen Beitrag in dieser Welt leisten, indem ich Deichanlagen zeichnete oder Windmühlen konstruierte? Meine Gitarre blieb unberührt in der Ecke stehen.
Einige Tage später rief die Tageszeitung Aftenposten an. Ich hatte keine Lust, sie an mein Presseteam zu verweisen, und beantwortete mürrisch ihre Fragen. Erzählte, dass ich von mir selbst enttäuscht sei, voller Naivität geglaubt zu haben, mich im Nahostkonflikt neutral verhalten zu können. Und dann räumte ich ein, zum ersten Mal in meinem Leben die Kontrolle über meine eigene politische Botschaft verloren zu haben. Am folgenden Tag stand alles schwarz auf weiß in der Zeitung. Die Niederlage war komplett.
An einem Sonntagvormittag, eine knappe Woche nach der Konzertabsage, erhielt ich noch eine Mail. In der Betreffzeile stand das Gleiche wie in fast allen anderen Mails, die ich in der letzten Zeit bekommen hatte: Israel.
Von: Birgitte Grimstad <[email protected]>
An: Moddi <[email protected]>
Datum: 12. Januar 2014, 13:09
Hi MODDI!
Überall lese ich von deinem Auftritt in Israel. Da kam ich auf die Idee, dir etwas zu schicken, das schon seit Jahren bei mir rumliegt – vielleicht wird mal eine Biografie daraus, wenn ich dazu komme. Du hast vielleicht Interesse, es zu lesen?
Vor dir liegen noch viele gute Jahre!
Ich hatte Birgitte schon ein paar Mal getroffen – nicht selten vor dem Parlamentsgebäude, wo wir an denselben Demonstrationen teilnahmen, sie vertrat die Klimaaktion der Großeltern, ich Natur & Ungdom. Birgitte war eine bekannte Figur in der norwegischen Liedermacherszene. Als frisch ausgebildete Schauspielerin war sie Ende der Fünfziger nach Norwegen gekommen und hatte in der Folge einige sehr erfolgreiche Alben veröffentlicht. Sie sang norwegische Folklore, amerikanische Folk Songs, französische Chansons, dänische Wiegenlieder und Kinderlieder aus aller Welt. Ende der Siebziger gründete sie die Gruppe Ballade!, bestehend aus Åse Kleveland, Lars Klevstrand, Lillebjørn Nilsen und ihr selbst. Sie vermischten ihre ernsten Texte mit den verrücktesten Revue- und Kabarettnummern und wurden zu einer der beliebtesten Gruppen Norwegens. Als sich die Wege der Mitglieder von Ballade! nach und nach trennten, hatten sie ein wichtiges Stück norwegische Musikgeschichte geschrieben.
Ich öffnete den Anhang in Birgittes Mail und begann zu lesen. Sie erzählte von einer Episode, die sich Anfang der Achtziger zugetragen hatte, nachdem Ballade! ihre letzten Konzerte gespielt hatte und Birgitte auf dem Höhepunkt ihrer Karriere gewesen war.
Eines Tages erhielt ich einen Brief aus Israel. Der Absender war Zwi Peleg, ein junger Kulturarbeiter, der mich nach Israel einlud, um dort Konzerte zu spielen. Wie spannend!
Zwi buchte mich für zwei Konzerte in Tel Aviv, für mehrere Auftritte in verschiedenen Kibbuzzen und sogar für einen im Israelmuseum in Jerusalem. Nach den Konzerten fuhren wir durch das Land, nach Jericho, fast den gesamten Jordan entlang zu den Golanhöhen und wieder gen Süden via Haifa bis nach Eilat, wo wir Tauchen gingen und die ulkigsten Fische sahen. Die ganze Zeit erzählte Zwi mir von der Geschichte des Landes, von der politischen Situation und von all seinen Freunden, den israelischen und den palästinensischen. Er war sich sicher, dass ein friedliches Miteinander möglich ist.
Einige Jahre später, 1982, war ich bereit für eine neue Israeltournee. Es war das Jahr, in dem die Israelis Beirut in Schutt und Asche gebombt hatten. Ich erinnere mich gut an eine Panoramafotografie im Time Magazine, auf der Beirut in Flammen stand. Dieses Bild brannte sich in mir fest. Wir liehen uns israelische Zeitungen von unseren Nachbarn, um das Geschehen zu verfolgen. Dort lasen wir die Geschichte des israelischen Offiziers Eli Geva, der sich weigerte, mit seinen Bodentruppen in Beirut einzumarschieren, und daraufhin zum einfachen Soldaten degradiert wurde.
Mir wurde geraten, nicht nach Israel zu fahren, da die Reise als Befürwortung von Israels kopfloser Kriegsführung im Libanon verstanden werden könnte. Doch ich hatte keine Lust, meine Konzerte abzusagen. Ich wusste, dass es eine große Opposition gegen die Regierung gab. Ich wollte unbedingt fahren, aber ich musste etwas mitnehmen, das meinen Standpunkt verdeutlichte.
Durch die Außenkorrespondenz des Dagbladet erhielt ich glücklicherweise detailreiche Informationen zu Oberst Geva und fragte beim Liedermacher Richard Burgess an, ob er sich vorstellen könne, ein Lied über diesen Oberst zu schreiben, über das, was wir hier oben im kalten Norden über ihn und seine Taten erfahren hatten. Folgenden Songtext hat er mir geschrieben:
ELI GEVA
The dogs of war are loose again
Cold blows the wind to me
And widows weep for fallen men
for fallen men they weep again
Cold blows the wind to me.
Again the ravens rule the skies
Cold blows the wind to me
With hacking beaks and hungry cries
With hungry cries they wheel the skies
Cold blows the wind to me.
We heard the march of army boots
Cold blows the wind to me
Until they stopped outside Beirut
Outside Beirut we heard them shoot
Cold blows the wind to me.
But a colonel who served in that army
The finest in all of the land
Said: »If they send orders for taking the town
I cannot obey their command.«
So when at last the order came
Cold blows the wind to me
The world knew Eli Geva’s name
The world knew Eli Geva’s name
stood up against that cold, cold wind
come blow his name to me.
Dieser Text wurde zu einer riesigen Schlagzeile im Dagbladet, mit der Folge, dass Gerüchte über dieses Lied bis nach Israel gelangten. Zu meinem Konzert in Jerusalem kam eine Vielzahl von Künstlern, Theaterleuten und Diplomaten. Sie sprachen über das berüchtigte Lied, von dem sie gelesen hatten, und ein Angestellter der Botschaft teilte mir ganz direkt mit, dass der norwegische Botschafter im Protest das Konzert verließe, sollte ich dieses Lied singen.
Ich steckte in einem fürchterlichen Dilemma, lief auf und ab und fühlte mich mit der Entscheidung schrecklich allein gelassen. Ich entschloss mich, das Lied an diesem Abend nicht zu spielen. Mir wurde klar, dass ich als Außenstehende die Konsequenzen nicht absehen könne. Wieder zu Hause, wurde ich im Dagbladet als Memme und Idiotin verschrien. In dieser kleinen norwegischen Zeitung wissen sie immer ganz genau, was sich gehört und was nicht.
Birgitte hatte keine Audiodatei angehängt, doch das war gar nicht nötig. Es kam mir vor, als würde die Melodie aus ihrem Brief hervorsteigen – eine Melodie, die seit drei Jahrzehnten darauf gewartet hatte, gesungen zu werden. Ich lief hinaus in mein Wohnzimmer, um das Aufnahmegerät zu holen. Meine Hände wühlten fieberhaft in dem Chaos in meinem Tourneekoffer, und als ich es endlich zwischen Gitarrenkabeln und dreckigen Socken fand, war die Batterie leer. Panik ergriff mich für einen Augenblick, bevor mir bewusst wurde, dass ich diese Melodie so schnell nicht wieder vergessen würde. Sie hatte 32 Jahre gewartet. So schnell würde sie nicht wieder verschwinden. Die Musik war zurück.
Noch am selben Abend setzte ich mich mit meiner Gitarre auf die Arbeitsplatte in meiner kleinen Küche und spielte die Demoversion von »Eli Geva« ein. Der Akkordwechsel war sachte und die Intonation der Wörter etwas abgehackt. Trotzdem fühlte es sich gut an, den Text zu singen. Er erzählte die Geschichte einer anderen Person auf eine Art und Weise, wie ich es selbst nie zustande gebracht hätte. Ich stellte mir den Offizier vor, der sich im Jahr 1982 geweigert hatte, in Beirut einzumarschieren. Ich wusste fast nichts über diesen Krieg, oder über den Libanon, wurde jedoch von einer Neugierde erfüllt, die noch nie zuvor ein Lied in mir ausgelöst hatte. Ich schickte meine Aufnahme an Birgitte, zusammen mit einem hoffnungsvollen »Wie findest du es?« – und bekam keine Antwort.
Im Mai war ich bereit für eine neue Tour, diesmal ging es mit dem Zug durch Frankreich, Deutschland, Tschechien und Russland. Auf einigen Konzerten testete ich das Lied über Eli Geva vor Publikum. Es war ein kurzes, einfaches Lied, doch die Leute waren auf eine ganz andere Weise ergriffen als von meinen eigenen Songs. Sie spitzten die Ohren, als ich von meiner Konzertabsage in Israel berichtete und von dem Brief von Birgitte Grimstad erzählte, die dazu gedrängt worden war, dieses Lied auf ihrem Konzert in Jerusalem nicht zu spielen. Allerorts schien das Publikum fasziniert zu sein. Nach den Konzerten wollten sie nur über ein Lied sprechen: »Eli Geva«.
In diesem kleinen Lied steckte viel Kraft. Als ich es später bei einem Privatkonzert in Oxford spielen wollte, verließ ein Mann schon bei der Vorstellung des Liedes den Raum. Danach kam er zu mir, um mir mitzuteilen, dass er der Meinung sei, Musiker sollten sich aus dem Nahostkonflikt heraushalten. Ein paar Tage später glaubte ich, in einer ähnlichen Situation zu stecken, als eine Frau um die vierzig aus dem Saal stürmte. Doch als das Konzert vorbei war, stand sie mit einem Strauß roter Rosen hinter der Bühne, vor Dankbarkeit den Tränen nahe. Sie selbst war in der israelischen Friedensbewegung aktiv gewesen, bis sie irgendwann nach Großbritannien gezogen war, weil die öffentliche Stimmung in Israel es nicht mehr zugelassen hatte, gegen die Besatzungsmacht zu argumentieren.
Als ich wieder zu Hause in Norwegen war, nahm Birgitte mit mir Kontakt auf. Sie war begeistert, dass dem alten Lied neues Leben eingehaucht worden war, und lud mich zu sich nach Hause ein, um mir die ganze Geschichte zu erzählen. Dass es eine schwere Entscheidung gewesen sei, das Lied nicht zu spielen. In Israel war sie in mehreren Kibbuzzen, im staatlichen Fernsehen und bei einem Verein für Kriegsveteranen aufgetreten, doch überall war ihr angeordnet worden, das Lied über Eli Geva nicht zu spielen. Zwi hatte sie gewarnt, sie könnte erschossen werden, wenn sie sich dem widersetzte. Als sie von dieser Tournee wieder nach Hause zurückkehrte, hatte sie das Lied nur ein paar wenige Male gespielt, und immer nur vor Leuten, die ihre Auffassung über den Krieg teilten. Danach ist sie kaum noch mit diesem Song aufgetreten. Über die Hauptperson ihres Liedes wusste sie nur wenig. Eli Geva hatte sich nach seiner kontroversen Entscheidung aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und nicht kommentiert, warum er so gehandelt hatte.
Birgitte gab mir Richard Burgess’ Telefonnummer. Als ich kurze Zeit später mit ihm Kontakt aufnahm, war auch er erfreut darüber, dass sein altes Lied entstaubt worden war. Er erinnere sich gut an die damalige Zeit, erzählte er. Er war Student, gerade erst nach Norwegen gezogen, zwanzig Jahre jünger als Birgitte und ein unbeschriebenes Blatt in der norwegischen Musikszene. Er hätte vorher noch nie ein Auftragslied geschrieben, aber natürlich nicht Nein sagen können, wenn eine der bekanntesten Sängerinnen ihm eine konkrete Idee anvertraute. Birgitte hatte ihm einen Stapel Zeitungsausschnitte und Medienberichte über den israelischen Offizier besorgt und war selbst auf die Idee zu dem Kehrreim »Cold blows the wind to me« gekommen, inspiriert von den düsteren Nachrichten, die jeden Tag vom Schlachtfeld im Libanon zu uns kamen. Das Lied wurde in kürzester Zeit fertiggestellt, bevor Birgitte nach Israel aufbrach. Danach hatte er nichts mehr von ihr gehört, bis er ein paar Wochen später im Dagbladet lesen musste, dass Birgitte das Lied auf ihrer Tournee nicht gesungen hatte.
Auch Richard hat den Song über Eli Geva nicht mehr gesungen. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass der Text solch starke Reaktionen hervorrief. Nur seine Melodie nutzte er weiterhin für Wiegenlieder für seine Kinder. Den Text könne ich sehr gern verwenden, sagte er.
Richard Burgess
In diesem Sommer passierte sehr viel. Ich wurde als Masterstudent am Zentrum für Entwicklung und Umwelt zugelassen und freute mich auf ein etwas sesshafteres Leben. Außerdem hatten wir ein Studio in Schweden gebucht, um neue Songs aufzunehmen. Seit meinem letzten Album war ein Jahr vergangen, und es war an der Zeit, neues Material einzuspielen. Ich kam in meinem Schreibprozess allerdings nur langsam voran. Immer ging es in meinen Songs um Zugfahrten, Kaffee und Bücher – flüchtige Augenblicke aus dem Tourleben, das ich in den letzten Jahren gelebt hatte. Mein Alltag verblasste vor den Geschichten, die mir über die Jugendlichen aus Palästina erzählt wurden, oder vor dem Kreuzfeuer, in das ich geraten war, als ich mein Konzert in Tel Aviv abgesagt hatte. Verglichen damit erschien mir alles andere als unwichtig. Brauchte die Welt wirklich noch mehr Songs von einem weißen melancholischen Mann aus der Mittelschicht, wenn da draußen Leute waren, die echte Geschichten zu erzählen hatten? Die Lieder, an denen ich zu schreiben begonnen hatte, ließ ich halbfertig liegen. Als der August und somit die Zeit im Studio näher rückte, hatte ich kaum einen Song fertiggestellt.
Wir kamen entsprechend langsam voran, nahmen einige der halbfertigen Melodien auf, mussten schließlich aber einsehen, dass es keinen Sinn machte, mit etwas anzufangen, das wir nicht fertig machen würden. Die Stimmung war gedämpft. Nach zwei Wochen war von den Songs kaum noch etwas übrig. Einzig das Lied über Eli Geva war einigermaßen fertig eingespielt. Ich flehte die Plattenfirma an, diesen Song als Single herausgeben zu dürfen, um die Reaktion des Publikums zu testen. Nach dem ganzen Lärm um die Konzertabsage in Israel rechnete ich damit, dass der Titel viel Aufmerksamkeit bekommen würde, doch als er am 31. Oktober 2014 erschien, hielten sich die Reaktionen in Grenzen. Die Tageszeitung Klassekampen widmete dem Song eine kleine Randnotiz, bestehend aus zwei Sätzen, eine andere Zeitung druckte die Pressemeldung ohne Änderung ab. Ansonsten blieb es still. Es sah nicht danach aus, als interessierten die Menschen sich für eine 32 Jahre alte Geschichte, deren Hauptperson untergetaucht war.
Eine der wenigen, deren Interesse wachgerüttelt worden war, war eine Journalistin des Radiosenders P2, Zofia Paszkiewicz. Sie fragte mich, wie viel ich eigentlich über Eli Geva wisse und ob er überhaupt noch am Leben sei, aber weder ich noch Birgitte konnten ihr eine Antwort darauf geben. Der Offizier hatte selbst keine Interviews gegeben, weder damals noch heute, und das Internet spuckte nur vereinzelte Informationen aus. Er musste inzwischen Ende sechzig sein. Aber wo er sich befand oder ob er von dem Lied gehört hatte, wusste niemand.
Zofia ließ sich davon nicht aufhalten. Über das Netzwerk der NRK-Auslandskorrespondenten trieb sie Informationen über Eli Geva auf. Der Nahostkorrespondent Odd Karsten Tveit hatte den Offizier in den Achtzigern mehrmals getroffen und wusste, dass er noch am Leben war. Seit den Geschehnissen im Jahre 1982 lebte er zurückgezogen. Trotzdem konnte Zofia die Telefonnummer des ehemaligen Offiziers ermitteln.
»Hast du Lust, mit ihm zu sprechen?«, fragte Zofia mich an einem Abend im November am Telefon. Ich zögerte. Immerhin hatte ich das Lied ohne die Einwilligung des Offiziers veröffentlicht, und ohne zu wissen, wie viel von dem Text wirklich der Wahrheit entsprach. Was, wenn er die Entscheidung von damals bereute, oder der Text gar nicht widerspiegelte, was damals wirklich geschehen war? Im schlimmsten Fall konnte er ein Verbot des Liedes einfordern. Außerdem machte mich der Gedanke nervös, mit einem ehemaligen Heerführer eines Landes zu sprechen, das ich eben noch boykottiert hatte.
Dennoch war ich neugierig darauf zu erfahren, was für ein Mensch der Offizier war. Konnte seine Geschichte mich mit meiner Entscheidung versöhnen, das Konzert in Tel Aviv abgesagt zu haben? Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wuchs der Wunsch, mehr über Eli Geva zu erfahren, trotzdem traute ich mich nicht, ihn anzurufen. Ich hatte Angst, die verbitterte Stimme eines alten Mannes zu hören, der mich darum bitten würde, meine Nase aus Dingen herauszuhalten, die ich nicht verstand. Ich wollte mein Bild des tapferen Helden, über den Birgitte 1982 gesungen hatte, nicht zerstören.
Da ich mich selbst nicht dazu durchringen konnte, nahm Zofia die Sache selbst in die Hand. Sie rief den ehemaligen Offizier an und erreichte ihn gleich beim ersten Versuch. Er wimmelte sie nicht ab, sondern wirkte – ganz im Gegenteil – interessiert. Er hatte weder von Birgitte Grimstad noch von dem Lied gehört, fand das alles aber sehr spannend. Noch am selben Tag erreichte mich eine Nachricht von Zofia: »Hast du Lust, ihn zu treffen? In Israel?«
Dieses Mal zögerte ich keine Sekunde. Wenn Eli Geva selbst einverstanden war, mich zu treffen, würde ich nicht Nein sagen. Die Chance, die Hauptperson des Liedes zu treffen, das mir 32 Jahre nach seiner Entstehung neue Hoffnung auf die Macht der Musik gegeben hatte, konnte ich mir nicht entgehen lassen.
In dieser Zeit stellte ich mir zum ersten Mal die Frage, ob es da draußen möglicherweise noch andere Lieder gab, die aus irgendwelchen Gründen nicht gespielt wurden – Lieder, die zu kontrovers waren, um gesungen zu werden? Wenn ein derart kurzes Lied so viele Fragen aufwerfen konnte, welche Kraft hätten dann mehrere solcher Songs? An einem Dezemberabend, kurz vor Weihnachten, setzte ich mich an den Computer und tippte »zensierte Musik« in das Suchfeld – und erhielt mehrere Millionen Treffer. Ich klickte auf den ersten Artikel und begann zu lesen. Noch bevor der Abend zu Ende ging, hatte ich eine lange Liste.
In den darauffolgenden Monaten suchte ich weiter. In Plattensammlungen, Büchern, Musikarchiven und Internetforen. Überall tauchten neue Geschichten auf, über Verbrecher, Volkshelden, ganz gewöhnliche Menschen, denen aus dem einen oder anderen Grund das Singen verboten worden war. Einige von ihnen kamen von weit her, andere waren erschreckend nah, sowohl zeitlich als auch räumlich. Es war, als hätte sich mir eine komplett neue Welt eröffnet – eine Welt voller verbotener Gedanken, Wörter und Gefühle. Mit jedem Lied, das ich fand, wuchs mein Wissensdurst. Und während ich immer neue verbotene Lieder aus der ganzen Welt sammelte, organisierte Zofia ein Treffen mit Eli Geva, Birgitte Grimstad und mir in Israel.
Moddi in Tel Aviv
Der Saal ist größer, als ich gedacht hatte. Er gibt Platz für sechshundert Menschen, mehr als bei den Konzerten, die ich in Europa gebe. Die hohen Absperrungen vor der Bühne zeugen davon, dass es unter den glitzernden Kronleuchtern hoch hergehen kann. Hier also hätte mein erstes Konzert in Israel stattfinden sollen. Ein Jahr ist seither vergangen, aber es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen.
Ich springe auf den Rand der Bühne und sehe mich um. Der Saal ist groß, aber trotzdem irgendwie gemütlich, dafür sorgen die niedrige Decke, die Sitzgruppen an den schwarz gestrichenen Wänden und der Kronleuchter in der Mitte des Zuschauerbereichs. Unten steht Zofia, das Mikrofon bereit, sollte ich etwas Denkwürdiges sagen, aber ich bleibe still. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, hier ein Konzert zu geben. Wer würde kommen? Wahrscheinlich vor allem Studenten, die kommen immer, sie sind neugierig und daran gewöhnt zuzuhören. Dann Männer in den Vierzigern, Schallplattensammler, die nach dem Konzert bereitstehen, um sich ein Autogramm zu sichern. Einige würden meine Musik vielleicht sogar kennen, andere nur kommen, weil hinter dem Namen im Programm ein (NO) steht.
Während Birgitte im Hotel entspannte, hatten Zofia und ich uns Fahrräder geliehen, um uns Tel Aviv anzuschauen und das Barby zu besuchen, in dem ich im letzten Jahr hätte spielen sollen. Der Saal ist wirklich einladend und voller Seele. Der Abstand zum Publikum ist nicht zu groß, der Saal lang genug für eine gute Akustik. Trotzdem bereue ich meine Entscheidung nicht. Im Grunde ist es ein ganz normaler Veranstaltungsort, und sicher wäre es auch ein ganz normales Konzert geworden.
Auf dem Rückweg zum Hotel radeln wir durch den südlichen Teil von Tel Aviv. Zehntausende afrikanischer Flüchtlinge haben sich hier in den letzten Jahren eingefunden und eine heftige Debatte ausgelöst. Soll Israel, eine Nation gegründet von Flüchtlingen, andere Flüchtlinge aufnehmen? Die heruntergekommenen Blocks bilden einen grellen Kontrast zu dem reichen Nordteil der Stadt, in dem unser Hotel liegt.
