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Journalismus, der Lebenshilfe gibt und Entscheidungen erleichtert, kommt bei Lesern und Zuschauern gut an. Verbrauchern werden heute mehr Entscheidungen abverlangt als früher. Wer im Alter seinen Lebensstandard halten will, muss privat vorsorgen. Neue Handys, Tablet-PCs, Fernseher oder Autos kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt. Daher sind Orientierung und unabhängige Produkttests gefragter denn je. Barbara Brandstetter zeigt kenntnisreich und anhand zahlreicher Beispiele, wie Journalisten Verbraucher kompetent und unterhaltsam informieren können: Welche Themen eignen sich für die Berichterstattung? Welche Quellen liefern seriöse Daten und wie sollen Journalisten mit dem wachsenden Einfluss der PR umgehen? Wie müssen Produkttests und Vergleiche konzipiert sein, damit sie rechtlich unangreifbar sind? Die Autorin geht auch ausführlich auf die Sprache, Gestaltung und den Aufbau von Texten mit Nutzwert ein. Abbildungen, Tipps und Checklisten machen dieses Fachbuch zu einem nützlichen Ratgeber für Journalisten. Mit weiteren Informationen auf www.verbraucherjournalismus.de.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Barbara Brandstetter, Prof. Dr., lehrt Wirtschaftsjournalismus an der Hochschule Neu-Ulm und unterrichtet Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucherjournalismus an verschiedenen Journalistenschulen. Sie verfügt über jahrelange Berufserfahrung im Verbraucherjournalismus, u. a. als Redakteurin bei WELT, WELT ONLINE und BERLINER MORGENPOST.
Vorwort
1 Was ist Verbraucherjournalismus?
1.1 Verbraucherjournalismus – eine Definition
1.2 Steigende Relevanz von Verbraucherthemen
1.3 Attraktivität von Verbraucherthemen für Verlage
1.4 Eckpfeiler für guten Verbraucherjournalismus
2 Verbraucherjournalismus in verschiedenen Medien
2.1 Zeitungen und Zeitschriften
2.2 Hörfunk und Fernsehen
2.3 Internet
2.4 Kundenzeitschriften
3 Themen finden
3.1 Nachrichtenwerttheorie
3.2 Zielgruppen
3.3 Aktuelle Ereignisse
3.4 Saisonale und wiederkehrende Themen
3.5 Einbeziehen von Leserreaktionen
4 Recherche und Quellen
4.1 Recherche
4.2 Qualität von Quellen
4.3 Umgang mit dem wachsenden Einfluss der PR
4.4 Telefonaktionen und Vermögenschecks
4.5 Einsatz Sozialer Medien in der Recherche
5 Formate
5.1 Artikel
5.2 Ratgeberseiten
5.3 Serien und Beilagen
5.4 Crossmediale Aufbereitung
5.5 Vergleiche und Produkttests
5.6 Zusammenarbeit mit Tabellenlieferanten
6 Textsorten
6.1 Textsorten im Verbraucherjournalismus
6.2 Meldung und Bericht
6.3 Feature
6.4 Magazingeschichte
6.5 Interview
6.6 Crossmediale Darstellungsformen
7 Sprache
7.1 Verständlichkeitsforschung
7.2 Tipps für gutes Schreiben
7.3 Überschrift und Einstieg
7.4 Texten für Online
8 Rechtliche Fragen
8.1 Grundlagen
8.2 Produkttests
8.3 Haftung
8.4 Leserbriefe
9 Praktische Tipps
9.1 Eigenmarketing
9.2 Fragen an …
9.3 Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten
9.4 Journalistenpreise und Stipendien
Ausblick
Literatur
Empfohlene Literatur
Zitierte Literatur
Bildnachweis
Index
Leser und Fernsehzuschauer schätzen ihn: den Journalismus, der Verbraucher mit Ratschlägen zu allen möglichen Lebenslagen versorgt. Wie lassen sich am besten Steuern sparen? Wo gibt es besonders schöne Strecken für Mountainbiker und was taugt das neue Smartphone, das derzeit stark beworben wird?
Verlage und Sender publizieren heute Lebenshilfe für beinahe jeden Bereich und geben Tipps für Freizeit und Hobbys. Inhalte, die über die eigentliche Nachricht hinausgehen, liefern schließlich Argumente, Geld für Zeitungen oder Zeitschriften auszugeben oder eine Sendung einzuschalten. Doch so sehr Verbraucherjournalismus von Lesern, Verlagen und Sendern geschätzt und gefordert wird – in Redaktionen ist dieser unbeliebt. Schließlich macht er Arbeit. Er verlangt klassische Tugenden des Journalismus wie akribische Recherche, die Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten und eine ansprechende, leicht verständliche Darstellung. Doch gerade diese Tugenden sind durch den personellen Kahlschlag in Redaktionen bedroht.
In der Ausbildung bleibt der Journalismus, der Hilfe zu Steuererklärung, Diäten oder innovativen Krebstherapien bietet, oft unberücksichtigt. Fortbildungen in diesem Bereich sind rar, die wenigen Bücher oft sehr theoretisch. Als Finanzredakteurin fragte ich mich oft, warum es für diesen Bereich keine spezielle Schulung gab. Verbraucherjournalisten stehen schließlich vor besonderen Herausforderungen, die spezifische Kenntnisse erfordern. Wie erstellen sie beispielsweise Vergleiche oder Produkttests, die juristisch wasserdicht sind? Wo erhalten sie Tabellen von unabhängigen Anbietern? Wie gehen sie mit der Flut von Leserreaktionen um? Wie mit dem wachsenden Einfluss der PR?
Wer Vergleiche oder Produkttests nicht nachvollziehbar gestaltet, macht sich angreifbar. Ärger ist programmiert, wenn ein relevanter Anbieter im Vergleich nicht berücksichtigt wird oder Testkriterien nicht nachvollziehbar sind. Zwar scheint es auf den ersten Blick einfach, Vergleichstabellen, etwa zu Versicherungen oder Geldanlage, von einem der inzwischen zahlreichen Anbieter zu beziehen. Sie liefern schnell und kostenlos jede gewünschte Tabelle. Doch eine seriöse Lösung ist das oft nicht. Oft erhalten die Portale Provisionen oder berücksichtigen lediglich einen Bruchteil der angebotenen Tarife.
Verbraucherjournalisten werden bei kritischer Berichterstattung oft unter Druck gesetzt. In den Jahren als Redakteurin und Teamleiterin habe ich das häufig selbst erlebt. Die Unternehmen beschwerten sich nicht bei mir persönlich, sondern bevorzugt an höherer Stelle, gerne direkt bei der Chefredaktion. Ausgaben für Anzeigen können an entsprechender Stelle ein gewichtiges Argument gegen allzu kritische Berichterstattung sein – selbst wenn sie inhaltlich korrekt ist.
Der wachsende Druck ist das eine. Die PR hat den Verbraucherjournalismus aber ohnehin längst als Einfallstor entdeckt. Die Texte und Hörfunkbeiträge, die PR-Agenturen erstellen, sind gut gemacht. Zusatzmaterial wie Fotos, Grafiken oder Tabellen liefern die Agenturen gleich mit – und das zum Nulltarif. In ausgedünnten Redaktionen mit geringem Budget ist die Versuchung groß, bei diesen Angeboten zuzugreifen. Immer mehr Journalisten übernehmen Inhalte eins zu eins. Viele Telefonaktionen werden von Agenturen organisiert – die passende Berichterstattung inklusive. Finanziert wird die Aktion von Verbänden oder Unternehmen.
Eine besondere Herausforderung ergibt sich auch aus der Flut von Leserbriefen, die Nutzwertthemen nach sich ziehen. Wie gehen Redakteure mit den zahlreichen Leserreaktionen um? Wie können sie diese nutzen? Je nach Nutzwertthemen, die in WELT AM SONNTAG, DIE WELT und BERLINER MORGENPOST veröffentlicht wurden, landeten schnell Dutzende Anrufe, Mails oder Briefe bei mir. Diese sollten selbstverständlich beantwortet werden. Doch inwiefern können Journalisten für Fehler in ihren Ausführungen haftbar gemacht werden? Wann kommen sie in Konflikt mit dem Rechtsdienstleistungsgesetz?
Diese und viele andere Fragen beantwortet dieses Buch. Es gibt Nutzwertjournalisten wertvolle praktische Tipps an die Hand. Es ist aber auch ein Plädoyer dafür, Nutzwert nicht lieblos auf Ratgeberseiten zu verbannen. Vielmehr sollten sich Journalisten bei jedem Thema die Frage stellen, welche Konsequenzen sich daraus für die Leser ergeben und Tipps liefern, wie diese das Beste für sich herausholen können. Der Fokus des Fachbuches liegt auf Print und den crossmedialen Aufbereitungsmöglichkeiten von Verbraucherthemen. Das Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es basiert auf jahrzehntelangen Erfahrungen, die ich in verschiedenen Redaktionen im Verbraucherjournalismus gesammelt habe.
Der Aufbau des Buches orientiert sich dabei am Vorgehen von Verbraucherjournalisten bei ihrer Arbeit. Zunächst erhalten Leser Tipps, wie sie spannende Themen finden und entwickeln. Anschließend erfahren sie, was sie bei Recherche, Produkttests und Vergleichen beachten müssen. Sind alle Fakten zusammengetragen, sollten sich Journalisten Gedanken über die Darstellung, die passende Textsorte sowie eine verständliche Schreibe machen. Daneben liefert das Buch wertvolle rechtliche Hinweise, Praxistipps sowie Informationen zu potenziellen Arbeitgebern.
Zielgruppe des Ratgebers sind angehende Journalisten, Studierende und Profis, die sich mit dem Thema näher befassen wollen. Es richtet sich aber auch an Pressestellen, die ihre Arbeit optimieren wollen. Ich hoffe, dass Leser dieses Buches viele Punkte gewinnbringend in der Praxis umsetzen können. Aktuelle Informationen zum Verbraucherjournalismus sowie Übungen und Beispiele zum Buch finden Sie im Internet unter www.verbraucherjournalismus.de. Im Buch weist Sie ein Icon jeweils darauf hin. Die Quellen für gelungene Beispiele, die ich ausgewählt habe, finden Sie im Bildnachweis am Ende des Buchs.
Da ich dieses Buch und den Blog hierzu weiterentwickeln möchte, freue ich mich über Anmerkungen, Beispiele oder Kritik. Gerne können Sie mir diese mailen: [email protected].
Mein Dank gilt meinen Freunden und journalistischen Kollegen, die in zahlreichen Gesprächen wertvolle Tipps und Hinweise geliefert haben. Beim Verfassen der rechtlichen Hinweise für Nutzwertjournalisten hat mich Rechtsanwältin Christine Möhrke-Sobolewski von der Kanzlei CSM in Berlin (www.diemedienrechtskanzlei.de) mit ihrer fachmännischen Expertise unterstützt. Werner Zedler, Hermann-Josef Tenhagen, Niels Nauhauser, Siegfried Bauer und Michaela Roth danke ich für ihre Sichtweisen auf den Verbraucherjournalismus. Besonderer Dank gebühren Bettina Tillmanns und Jessica Schmalhofer für ihre Tipps sowie Steffen Range für sein unermüdliches Gegenlesen, seine wertvollen Anmerkungen, Fragen und Korrekturvorschläge.
Mein besonderer Dank gilt meinen Eltern, denen ich dieses Buch widme.
Neu-Ulm, im Oktober 2014
Barbara Brandstetter
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Tipp
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Unter www.verbraucherjournalismus.de finden Sie weitere Informationen, Beispiele und Übungen zu diesem Buch.
Jeder liest sie, viele schätzen sie: die Tipps zur Steuererklärung, zu Krebstherapien oder Kindererziehung. Verbraucherthemen sind gefragt. Das belegen zahlreiche Leseranalysen und die Klickraten im Internet. Während ein Artikel zum Thema Burnout auf großes Leserinteresse stößt, werden Quartalszahlen von Unternehmen – in die Wirtschaftsressorts nach wie vor viel Energie investieren – von den wenigsten beachtet.
Aussagen verschiedener Politiker oder die Entwicklungen an den Weltbörsen sind zwar relevant, aber eben längst nicht alles. An politischen Informationen sind nach Angaben der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse 21,1 Prozent der Bürger interessiert, an Wirtschaftsthemen gerade einmal 12,3 Prozent. Deutlich stärker interessieren sich die Befragten für Themen wie Urlaub und Reisen (41,8 Prozent), lokale Ereignisse (40,9 Prozent), Musik (36,2 Prozent) und gesunde Lebensweise (36 Prozent) (AWA 2014).
Viele Verlage und Sender setzen daher im Kampf gegen sinkende Auflagen und Einschaltquoten verstärkt auf Verbraucher- und Servicethemen. Dabei ist die journalistische Lebenshilfe nicht neu. DIE GARTENLAUBE, eine Familienzeitschrift, die ab 1853 erschien, gab schon damals Tipps für eine gesunde Lebensführung. Und Publikumszeitschriften haben immer schon klassischen Nutzwert zu unterschiedlichen Bereichen wie Gesundheit, Erziehung, Geldanlage oder Sport geliefert. Inzwischen haben die meisten Tageszeitungen fest etablierte Ratgeberseiten. Zudem bereiten viele Redaktionen auch jenseits dieser Seiten Themen »nutzwertig« auf. Es reicht heutzutage nicht mehr, zu berichten, dass das Bundesverfassungsgericht die neuen Regelungen zur Pendlerpauschale kippt. Es gehören zwingend Erläuterungen dazu, welche Konsequenzen sich daraus für die Leser ergeben und Tipps, was sie machen müssen, um das Beste für sich herauszuholen. Mittlerweile veröffentlichen sogar Medien Nutzwerttipps, die sich jahrelang dieser Form der Berichterstattung widersetzt haben. So findet sich beispielsweise im Wirtschaftsteil der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG durchaus Nutzwertiges zu Versicherungen. Selbst der SPIEGEL hebt inzwischen immer öfter klassische Nutzwertthemen zu Gesundheit und Erziehung auf den Titel – mit Erfolg. Die Titelgeschichten »Achtung! Eltern!« und »Natürlich künstlich« verkauften sich 2013 an den Kiosken überdurchschnittlich gut (SPIEGEL 33/2013, 31/2013, Meedia-Cover- Check). Im Fernsehen gibt es neben klassischen Verbrauchersendungen wie wiso im ZDF oder plusminus in der ARD auch zahlreiche Sendungen wie etwa Raus aus den Schulden oder Helena Fürst – Kämpferin aus Leidenschaft bei RTL, in denen Lebenshilfe unterhaltsam dargeboten wird – und das mit guten Einschaltquoten.
Verbraucherthemen sind gefragt, Verlage und Sender bieten sie daher verstärkt an. Unter Journalisten ist dieser Bereich jedoch extrem unbeliebt. Nutzwert hat nichts mit Glamour, sondern mit solidem Handwerk zu tun. Verbraucherjournalisten fungieren in erster Linie als Dienstleister. Sie bieten Mediennutzern Lebenshilfe in leicht verständlicher Form. Wer als Verbraucherjournalist arbeitet, wird sich nicht auf roten Teppichen tummeln, um Brad Pitt und andere Hollywoodgrößen zu befragen. Während Ihr Kollege den Vorstandsvorsitzenden der Allianz interviewt, zerpflücken Sie mit einem der Produktmanager des Konzerns die Konditionen des neuen Angebots. Im Verbraucherjournalismus ist es auch nicht damit getan, zu einem Thema zwei Meinungen einzuholen – Sie müssen sich oft zunächst akribisch in komplexe Zusammenhänge einarbeiten. Während Kollegen auf Pressereisen in 5-Sterne-Hotels logieren, kommen Sie gar nicht erst in die Verlegenheit, solche Angebote anzunehmen: Es gibt sie in der Regel nicht.
Ihre Ansprechpartner sind Experten, die in der zweiten oder dritten Reihe agieren und sich oft verquast ausdrücken. Leute, die in der Lage sind, mit Ihnen Finanzprodukte auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen, die die Auswirkungen der Steuerreform für einzelne Gruppen berechnen oder für Sie die Seriosität einer Studie einschätzen, dass Schokolade glücklich mache. Verbraucherjournalismus macht – sofern ernsthaft betrieben – Arbeit, erfordert Akribie und bringt in Redaktionen weniger Anerkennung als ein Leitartikel. Verbraucherjournalisten müssen wie kaum einer ihrer Kollegen klassische journalistische Standards penibel erfüllen: Sie müssen sorgfältig recherchieren, ihre Zielgruppe im Blick haben und das Thema verständlich aufbereiten.
Verbraucherjournalismus impliziert schließlich eine besondere Kommunikationssituation: Der Leser oder Zuschauer könnte nach den Empfehlungen im Beitrag handeln. Daher ist die Verantwortung, ausgewogen zu recherchieren und inhaltliche Fehler zu vermeiden, größer als in anderen journalistischen Bereichen. Wenn Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel ein falsches Geburtsdatum zuschreiben, mag das einige Leute ärgern. Vielen wird es aber gar nicht erst auffallen. Geben Sie dem Leser jedoch eine falsche Information, wo er sein Geld sicher anlegen kann, verliert dieser – sofern er Ihrem Ratschlag folgt – im schlimmsten Fall Geld. Daher gibt es im Verbraucherjournalismus bestimmte rechtliche Kriterien, die Sie beachten sollten (s. Kapitel 8 Rechtliche Fragen).
Nutzwertjournalismus hat auch viele positive Seiten. So haben es Verbraucherjournalisten etwa leicht, exklusive Meldungen zu schreiben oder Gesprächsstoff zu liefern und etwas zu verändern. Es reicht schon, wenn Sie beispielsweise Konditionen von Dispozinsen vergleichen und das Ergebnis über Agenturen verbreiten. Dass Nutzwertjournalisten oft den Nerv der Leser und Zuschauer treffen, verdeutlicht die Flut von Leserreaktionen: Sie erhalten mehr Leserbriefe, Anrufe und Mails als Ihre Kollegen. Klickraten im Internet zeigen: Ihre Texte werden gelesen. Sie können davon ausgehen, dass mehr Leute Ihren Artikel zu den Dispozinsen in der Region beachten als den zur Jahresbilanz der Münchener Rück oder das Interview mit dem Allianz-Chef.
Wer sich gerne in komplexe Zusammenhänge einarbeitet und Spaß an der Herausforderung hat, diese leicht verständlich aufzubereiten, ist im Verbraucherjournalismus richtig aufgehoben. Aber auch alle anderen Journalisten, die Artikel für die Leser attraktiv darstellen wollen, sollten sich damit beschäftigen, wie sie diese mit Nutzwert versehen können. Das bedeutet nicht automatisch, dass Autoren Tabellen und Produktvergleiche erstellen müssen. Vielmehr sollten sie über die eigentliche Nachricht hinaus denken und im Beitrag potenzielle Fragen der Leser beantworten. Die Meldung »Bundestag beschließt Einführung des Betreuungsgelds« und die politischen Diskussionen darüber sind zweifelsohne interessant. Sie erzeugen bei Ihren Lesern jedoch eine größere Aufmerksamkeit, wenn Sie in Ihrem Beitrag auf mögliche Fragen eingehen. Wer bekommt das Betreuungsgeld? Wie hoch fällt es aus? Ab wann kann man es beantragen? Das erfordert allerdings auch Recherche, da Nachrichtenagenturen diese Informationen häufig nicht mitliefern.
Heute beschäftigen viele Unternehmen – besonders Banken und Versicherungen – Experten, die es verstehen, komplexe Themen leicht verständlich für Verbrauchernewsletter aufzubereiten. Die Relevanz von Verbraucherthemen in Redaktionen und Pressestellen wird weiter steigen. Inzwischen gibt es für Nutzwertjournalisten einige wenige spezielle Ausbildungen wie beispielsweise das Volontariat für Verbraucherjournalisten, praxis4 (s. Kapitel 9 Praktische Tipps).
Es gibt bislang wenige Definitionen für die journalistische Lebenshilfe, da die Wissenschaft diesen Bereich trotz seiner steigenden Relevanz stiefmütterlich behandelt. Die Begriffe Ratgeber-, Service-, Verbraucher- und Nutzwertjournalismus werden häufig synonym gebraucht. Weit verbreitet sind in Redaktionen die Begriffe »Service« und »Nutzwert«.
Die Schwierigkeit einer konkreten Zuordnung liegt darin begründet, dass es bei der journalistischen Lebenshilfe keine Beschränkung auf eine bestimmte Darstellungsform oder einen bestimmten Sachbereich gibt. Zum Nutzwertjournalismus gehört der anspruchsvolle Vergleich der Immobilienpreise in Deutschland ebenso wie praktische Informationen und Empfehlungen, wenn der Bundestag neue Gesetze verabschiedet oder eines der obersten Gerichte ein relevantes Urteil fällt. Auch die wöchentliche Tabelle mit den Call-by-Call-Telefonpreisen, den Preisen für Schlachtschweine, die Seite mit den Aktienkursen oder den Veranstaltungstipps gehören in diesen Bereich. Zudem kommen für den Verbraucherjournalismus alle journalistischen Darstellungsformen wie Feature, Bericht oder Interview in Betracht. Gemeinsam ist den Beiträgen jedoch eine bestimmte Funktion: Sie geben Lebenshilfe, weisen auf Probleme hin und versorgen Leser mit Informationen, so dass sie für sich eine optimale Entscheidung treffen können. Der folgende Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über einige Definitionen des serviceorientierten Journalismus. Walter Hömberg und Christoph Neuberger haben 1995 den Begriff »Ratgeberjournalismus« definiert:
»Ratgeberjournalismus thematisiert Probleme, von denen die Rezipienten bereits in relativ großer Zahl betroffen sind oder deren Eintrittswahrscheinlichkeit hoch ist. Er leistet ›Hilfe zur Selbsthilfe‹ für ein überwiegend aus Laien bestehendes Publikum.« (Hömberg/Neuberger 1995, 13)
Andreas Eickelkamp reflektiert die Begriffe Ratgeber-, Service-, Verbraucher- und Nutzwertjournalismus (Eickelkamp 2004, 2011). Für Eickelkamp sind kurze Servicebeiträge wie beispielsweise Staumeldungen oder Tabellen mit günstigen Telefontarifen »Servicejournalismus«. Die Bezeichnung »Ratgeberjournalismus« lehnt er ab, da diese die Ratgeberfunktion zu sehr in den Vordergrund stelle. Schließlich habe diese Form des Journalismus neben der Ratgeber- auch eine Orientierungs- und Hinweisfunktion. Die Bezeichnung »Verbraucherjournalismus« greift seiner Meinung nach zu kurz, da sich diese ausschließlich auf Lebenshilfe für Verbraucher bezieht. Bereiche wie beispielsweise Erziehungstipps wären somit ausgeschlossen. Eickelkamp (2004, 14 ff.) plädiert daher dafür, für journalistische Lebenshilfe den Begriff »Nutzwertjournalismus« zu verwenden:
»Das maßgebliche Unterscheidungsmerkmal des Nutzwertjournalismus gegenüber anderen journalistischen Formen ist seine dominierende Kommunikationsabsicht, die den Rezipienten in einer Handlungsabsicht unterstützt.« (Eickelkamp 2004, 16)
Volker Wolff (2011, 238) rät dagegen, den Begriff »Service« zu verwenden. Da letztendlich jeder Artikel dem Leser einen Nutzen bieten sollte, sei die Bezeichnung »Nutzwert« zu unspezifisch. Der Begriff »Verbraucherjournalismus« schränkt seiner Meinung nach das Themenfeld zu sehr ein, da auch Wetterinformationen oder die Bewertung von Aktien zu dieser Form des Journalismus gehören. Meines Erachtens bietet sich für den serviceorientierten Journalismus die folgende Definition an:
Serviceorientierter Journalismus bzw. Nutzwertjournalismus weist auf Sachverhalte, Probleme oder Missstände hin und versorgt den Leser mit ausgewogenen Informationen und gegebenenfalls Handlungsempfehlungen, die ihn befähigen, zu seinem Vorteil zu handeln.
Weniger geeignet für den serviceorientierten Journalismus ist die Bezeichnung »Ratgeber«. Zwar haben inzwischen zahlreiche Zeitungen Ratgeber-Seiten eingeführt. Doch der Begriff schränkt den Bereich deutlich ein. Letztendlich geht es im Verbraucherjournalismus nicht nur darum, Tabellen und Produktvergleiche zu erstellen, die dann auf speziellen Seiten gedruckt werden. Wichtig ist, Nutzwertjournalismus auch als eine Möglichkeit zu betrachten, die tägliche Berichterstattung attraktiver zu gestalten, indem Journalisten die Relevanz von Ereignissen für die Leser herausarbeiten.
Die Bezeichnung »Verbraucherjournalismus« schränkt – wie Wolff und Eickelkamp zu Recht anmerken – den Bereich ein. Nichtsdestotrotz kann ein Großteil der serviceorientierten Beiträge dem Verbraucherjournalismus zugerechnet werden. In diesem liegt der Fokus darauf, dem Leser Tipps und Informationen an die Hand zu geben, damit er als Verbraucher im Wirtschaftsleben das Beste für sich herausholen kann. Dazu gehören nicht nur Produktvergleiche und generelle Informationen zu Geldanlage, Versicherungen oder Rechts- und Steuertipps. Redakteure müssen auch aktuelle Themen nutzwertig aufbereiten. Wenn die Regierung ein neues Gesetz verabschiedet, der Großstadtflughafen in Berlin nicht wie geplant eröffnet oder eines der obersten Gerichte ein Urteil fällt, sollten Journalisten mögliche Konsequenzen und Handlungsmöglichkeiten für die Leser herausarbeiten. Wer die Tücken des Verbraucherjournalismus kennt, findet sich leicht in sämtlichen Nutzwertthemen zurecht.
Verbraucherjournalismus weist auf Sachverhalte, Missstände oder Probleme hin, versorgt den Leser mit ausgewogenen Informationen und gegebenenfalls Handlungsempfehlungen, die ihn befähigen, in seiner Funktion als Verbraucher im Wirtschaftsleben zu seinem Vorteil zu handeln.
In den Redaktionsräumen spielt die Unterscheidung zwischen Nutzwert-, Verbraucher-, Ratgeber- und Servicejournalismus keine Rolle. In der journalistischen Praxis werden meist die Begriffe »Nutzwertjournalismus« und »Service« verwendet. Sie decken den großen Bereich des serviceorientierten Journalismus adäquat ab. Die Artikel haben eine Gemeinsamkeit: Sie bieten Lebenshilfe und erleichtern den Lesern Entscheidungen im Alltag. In diesem Buch werden Nutzwert- und Verbraucherjournalismus wegen der besseren Lesbarkeit synonym verwendet.
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Redaktionelle Lebenshilfe ist gefragt, wird zunehmend angeboten und findet sich immer öfter auf Titelseiten. So fokussiert beispielsweise die MÜNCHENER ABENDZEITUNG auf Nachrichten in und um München und auf Nutzwert. Überregionale Zeitungen wie DIE WELT oder die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG haben im Finanzenteil der Zeitung feste Seiten für Verbraucherberichterstattung reserviert. Viele Regionalzeitungen bieten regelmäßig Ratgeberseiten an. Hörfunk und Fernsehen warten mit Tipps für ihre Zuhörer und Zuschauer auf. Neben plusminus in der ARD und wiso im ZDF bieten die dritten Programme eine große Palette an Verbrauchersendungen wie beispielsweise die Servicezeit im WDR. Aber auch Sendungen wie Raus aus den Schulden oder Helena Fürst – Kämpferin aus Leidenschaft auf RTL verpacken Lebenshilfe in Unterhaltungsformaten.
Inzwischen gibt es für jedes Hobby und jedes Problem die passende Zeitschrift. Regionalzeitungen preisen Restaurantvergleiche und Behördentests an, BILD klärt auf dem Titel auf: »So teuer wird Ihre Krankenkasse «. Die Absatzzahlen von Magazinen mit Nutzwert auf dem Titel zeigen, dass diese Themen den Nerv der Leser treffen: Sie verkaufen sich gut. So haben etwa 2013 die Leser bei den Focus-Titelgeschichten »Schlank ohne Stress« und »Schneller und besser denken« am Kiosk besonders oft zugegriffen (FOCUS 52/2013, 10/2013, Meedia-Cover-Check).
Doch warum sind Nutzwertthemen gefragt? Darauf gibt es eine lapidare Antwort: Das Leben ist komplexer geworden, es stehen immer mehr Angebote und Informationen zur Verfügung. Der Staat zieht sich aus verschiedenen Bereichen zurück. Die Menschen können mehr Entscheidungen selbstständig treffen. Daher ist Orientierung gefragt. Die zunehmende Komplexität hat im Wesentlichen fünf Ursachen:
mehr Eigenverantwortung,
liberalisierte Märkte,
kürzere Produktlebenszyklen,
Individualisierung,
Informationsflut.
Eigenverantwortung – Bürger müssen in mehr Bereichen Eigenverantwortung übernehmen. So sollten sie sich heute beispielsweise – anders als noch frühere Generationen – um ihre Altersvorsorge kümmern. 2001 hat die Regierung mit dem neuen Alterseinkünftegesetz die staatlich geförderte Altersvorsorge eingeführt. Gleichzeitig haben die Politiker beschlossen, das Niveau der gesetzlichen Rente in den kommenden Jahren zu senken. Wer im Alter seinen Lebensstandard halten möchte, muss demnach privat vorsorgen und sollte sich über die Möglichkeiten informieren. Welche Vorsorgeform passt zu mir? Soll ich eine Riester-, eine Rürup- oder eine Betriebsrente abschließen? Oder ist eine Immobilie bei den niedrigen Zinsen vielleicht doch die bessere Anlage? Bei der Vielzahl an Möglichkeiten und Produkten sind Beiträge gefragt, die Vor- und Nachteile verschiedener Vorsorgewege aufzeigen und die einzelnen Produkte unter die Lupe nehmen.
Marktliberalisierung – Die Regierungen haben in den vergangenen Jahren einige Märkte wie den Telekommunikations-, den Strom- und den Gasmarkt liberalisiert. Das führt zum einen zu mehr Wettbewerb und in der Regel zu sinkenden Preisen für die Verbraucher. Zum anderen verkompliziert es das Leben. In den 70er-Jahren mussten die Kunden lediglich entscheiden, ob sie das Telefon der Bundespost in kieselgrau, farngrün oder doch lieber in ockergelb mieten wollten. Denn bis in die 80er-Jahre gab es lediglich die Bundespost, ein Telefon in verschiedenen Farben und einen Tarif. Heute gibt es in Deutschland eine Vielzahl an Telekommunikationsanbietern und unterschiedlichen Tarifen – und das Internet. Wer nicht zu viel zahlen möchte, muss sich über Anbieter und Preise informieren und sich letztendlich für ein Telefon entscheiden. Daher freuen sich Leser über Produkttests, Tarifvergleiche und über Tipps, wie sie im Ausland ihre Handykosten möglichst gering halten können.
Produktlebenszyklen – Es kommen stetig neue Produkte auf den Markt, die Produktlebenszyklen werden kürzer. Haben Fernsehhersteller früher noch alle zehn Jahre ein neues Modell präsentiert, kommen heute viel schneller neue Geräte und neue Techniken wie HD, Ultra HD, Plasma oder LED auf den Markt (Scheimann 2011). Die Bürger nehmen die Innovationen an und kaufen inzwischen nach vier bis sechs Jahren einen neuen Fernseher. Früher ließen sie sich dafür zehn bis zwölf Jahre Zeit. Noch kürzer sind die Produktlebenszyklen bei Smartphones. Seit dem ersten iPhone 2007 präsentiert Apple jedes Jahr ein neues Modell. Daher sind Produkttests gefragt: Was bietet das neue Samsung Galaxy oder das neue iPhone, was der Vorgänger noch nicht hatte? Und wo liegen die Stärken und die Schwächen der einzelnen Smartphones? Was unterscheidet den Samsung-Fernseher vom Panasonic-Gerät?
Individualisierung – Die Gesellschaft spaltet sich in immer kleinere Gruppen, die unterschiedliche Interessen haben. Der Schweizer Soziologe Peter Gross sprach bereits 1994 von einer »Multioptionsgesellschaft«. Daher ist Lebenshilfe in allen Bereichen gefragt, auch bei vielen Hobbys. So möchte der Eisenbahn-Fan informiert werden, wo sich Fanclubs regelmäßig treffen, der Mountainbike-Freak interessiert sich für die attraktivsten Strecken in den Bergen und der Angler für die beste Ausstattung zum Dorsch-Angeln. Die Interessen der pluralistischen Gesellschaft werden vor allem von der steigenden Zahl an Publikums- und Special-Interest-Zeitschriften bedient.
Informationsflut – Die neuen Medien ermöglichen, eine Vielzahl an Informationen zu nutzen. Es wird immer schwerer, relevante von irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Daher ist Orientierung gefragt. Im Internet ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, woher die Inhalte stammen. Oft stecken beispielsweise hinter Selbsthilfegruppen Pharmakonzerne und hinter vermeintlich unabhängigen Vergleichsrechnern Makler, die für den Abschluss einer Police über das Portal Geld kassieren. Wenn es um Themen wie Gesundheit, Geldanlage oder Erziehung geht, bevorzugen Mediennutzer unabhängige, vertrauenswürdige Hinweise. Diese liefert seriöser Verbraucherjournalismus. Journalisten sind Gatekeeper. Sie trennen seriöse von unseriösen und wichtige von unwichtigen Informationen.
Viele Verlage und Sender sehen im Anbieten von Verbraucherthemen eine Antwort auf den Medienwandel. Seit Jahren argumentieren Chefredakteure und Berater, Tageszeitungen müssten sich zu einem täglichen Magazin wandeln – weg von der Verbreitung von Agenturmeldungen und Neuigkeiten, die so auch in der Tagesschau verkündet werden, hin zu erläuternden Hintergrundgeschichten und Nutzwert. Dass Chefredakteure Nutzwert zumindest in der Wirtschaftsberichterstattung ausbauen wollen, belegt eine Studie der Universität Hohenheim. Danach will die Mehrheit der Befragten zunehmend Berichte aus der Perspektive von Verbrauchern aufbereiten und sich durch eine gründliche Recherche abheben (Mast 2011, 43).
Wirtschaftsberichterstattung – wohin steuern die Zeitungen?
(Mast 2011, 43)
Medienhäuser sind auf der Suche nach neuen Erlösquellen. Die Einnahmen gedruckter Medien sinken. Anzeigenerlöse im Internet reichen oft nicht aus, um den Redaktionsapparat zu finanzieren. Daher führen immer mehr Medien im Internet eine Bezahlschranke ein, eine sogenannte Paywall. Doch sowohl für Print als auch für Online gilt: Wer Nutzer davon überzeugen möchte, Geld für ein Medienprodukt auszugeben, muss weit mehr bieten als die bloße Nachricht. Die Information, dass Bayern die Studiengebühren abschafft, entdecken Nutzer in Sozialen Netzwerken, im Internet oder spätestens abends im Fernsehen. Für diese Nachricht zu bezahlen, ergibt keinen Sinn. Sie würden ja auch kein Geld für ein Brot ausgeben, wenn Sie um die Ecke eines geschenkt bekämen.
Insofern liefert Nutzwert einen Mehrwert und eine gute Möglichkeit für Verlage, Nutzer an sich zu binden und zum Zahlen zu animieren. Gerade bei Informationen zu Versicherungen, Gesundheit oder Ernährung ist entscheidend, dass Leser der Quelle vertrauen können. Daher können Zeitungen, Zeitschriften und Sender sowohl in Print als auch online mit ihrer Marke punkten. Denn aller Kritik zum Trotz – aktuelle Studien zeigen, dass die Glaubwürdigkeit von Journalisten zumindest in der Wirtschaftsberichterstattung noch vergleichsweise hoch ist:
»Mehr als 60 Prozent bzw. 50 Prozent der Menschen halten Journalisten aus dem Rundfunk bzw. der Presse für glaubwürdig. […] Ihren Aussagen vertrauen sie. Damit stehen Journalisten der klassischen Medien an dritter und vierter Stelle des Glaubwürdigkeitsranking der Informationsquellen zum Geschehen in der Wirtschaft – direkt hinter der Wissenschaft und gesellschaftlichen Organisationen, z. B. Gewerkschaften und Verbraucherschutzorganisationen.« (Mast 2012, 23)
Glaubwürdigkeit von Journalisten aus Sicht der Bevölkerung
(Mast 2012, 23)
Leser gehen schließlich davon aus, dass Artikel im SPIEGEL, in der SÜDDEUTSCHEN oder auf ZEIT.DE nach journalistischen Grundsätzen recherchiert wurden. Kurzum: dass sie bei Verbraucherthemen ein ausgewogen recherchierter Beitrag erwartet und keine verdeckte PR (s. Kapitel: 4.3: Umgang mit dem wachsenden Einfluss der PR). Dass Verbraucher bereit sind, für seriös recherchierte Produkttests auch online Geld zu zahlen, zeigt das Beispiel der Stiftung Warentest. Die Stiftung verdient im Internet Jahr für Jahr mehr mit Testberichten. 2012 lag der Umsatz online bei 2,7 Millionen Euro. 2013 waren es 3,6 Millionen.
Da sich Verbraucherthemen an eine spezielle Zielgruppe richten, bieten diese auch ein attraktives Umfeld für Anzeigenkunden. Wandermagazine sind voller Werbung für Schuhe und atmungsaktive Outdoor-Kleidung. Serien oder Beilagen in Tageszeitungen, etwa zum Immobilienmarkt, werden von entsprechenden Anzeigen flankiert. Wichtig ist hierbei, dass der journalistische Inhalt unabhängig von der Werbung erstellt wird. Ein »anzeigenfreundliches Umfeld« schließt eine allzu kritische Berichterstattung aus. Bis zur Finanzkrise 2008 gab es in vielen Zeitschriften und Zeitungen dicke Beilagen zu Zertifikaten. Nicht, weil sich die Kunden so sehr für diese schwer verständliche Form der Geldanlage interessiert hätten, sondern weil es für Verlage mit den Anzeigen der Anbieter viel Geld zu verdienen gab. Medienhäusern ging es mit den Beilagen in erster Linie darum, ein »anzeigenfreundliches Umfeld« zu schaffen. Für den Umfang der Beilagen waren nicht die journalistischen Inhalte, sondern Zahl und Größe der Anzeigen entscheidend.
Verbraucherthemen bieten eine gute Möglichkeit, Leser an das Blatt zu binden. Redaktionen können beispielsweise Telefonaktionen oder Chats zu bestimmten Themen wie Erben und Vererben, Baufinanzierung oder Darmkrebsvorsorge anbieten, so dass Leser die Möglichkeit haben, ihre Fragen Experten zu stellen. Pluspunkte sammeln Redaktionen bei den Lesern, wenn sie Leserbriefe und Mails beantworten (s. Kapitel 8 Rechtliche Fragen).
Ähnlich groß wie die Chancen von Nutzwerttexten sind auch die Risiken. Leser können sehr wohl erkennen, ob es sich um einen aufwändig recherchierten Beitrag oder um oberflächliches, mit PR gespicktes Material handelt. Wer in Verbraucherartikeln häufig Fehler macht oder PR- Texte kopiert, verliert schnell seine Glaubwürdigkeit und damit auch Leser. Schließlich handeln einige Mediennutzer danach, was Verbraucherjournalisten in ihren Artikeln schreiben. Anders als bei anderen journalistischen Darstellungsformen ist es dann mit dem lapidaren Kommentar »Das versendet sich« nicht getan, wenn der Leser dem Tipp gefolgt ist und Geld verloren hat.
Ein Blick in einen Zeitschriftenladen zeigt: Verbraucher werden mit Lebenshilfe überflutet. Ob sie von Lesern goutiert wird, entscheidet die Qualität. Die Nutzwert-Berichterstattung auszubauen und gleichzeitig Personal und Honorare von Freien zu kürzen, kann nicht funktionieren. Nutzwert ist eine Form des Journalismus, die eine sorgfältige Recherche verlangt. Es ist deutlich aufwändiger, die Kosten für das Girokonto bei 20 Banken abzufragen, als einen Text von einer Nachrichtenagentur ins Blatt zu heben. Doch Redakteuren bleibt immer weniger Zeit für die Recherche (Weischenberg et al. 2006, 80). Freie Journalisten können sich eine ausführliche Recherche oft nicht leisten, wenn Aufwand und Ertrag nicht in einem eklatanten Missverhältnis stehen sollen. Viele von ihnen machen inzwischen nebenbei auch PR, um über die Runden zu kommen. Wenn Redakteure im Verbraucherjournalismus journalistische Standards vernachlässigen, Fehler und PR auftauchen, steht die Glaubwürdigkeit des Mediums schnell auf dem Spiel.
Wer Nutzwertjournalismus macht, muss klassische journalistische Standards einhalten. Dazu gehören eine gründliche und ausgewogene Recherche sowie eine leicht verständliche Darstellung des Sachverhalts in einer einfachen Sprache. Insgesamt gibt es fünf Eckpfeiler, an denen sich Nutzwertjournalisten orientieren sollten:
Kenntnis der Zielgruppe,
akribische Recherche,
verständliche Darstellung,
crossmediale Aufbereitung,
Nachhaltigkeit.
Kenntnis der Zielgruppe – Verbraucherjournalisten sollten ihre Zielgruppe kennen. Wo wohnen die Leute, wofür interessieren sie sich, wie viel Geld verdienen sie? Nur mit diesem Wissen können Sie Themen entwickeln, die für einen Großteil der Leser interessant sind. Angenommen, Sie schreiben eine Seite zu den Rechten von Hartz-IV-Beziehern und geben Tipps, was bei Ärger mit dem Amt zu tun ist. Dann liefern Sie perfekten Nutzwert. Wenn in Ihrer Leserschaft jedoch kaum Bezieher von Arbeitslosengeld II zu finden sind, wird der Großteil der Leser die Seite überblättern. Die Kenntnis der Zielgruppe ist nicht nur relevant, um Themen zu finden, die viele Leser interessieren. Wichtig ist die Information auch, um relevante Beispiele im Artikel einsetzen zu können. Oft ist es sinnvoll, komplexe Sachverhalte anhand von Musterfällen zu erläutern. In diesen sollte sich ein großer Teil der Leser wiederfinden. Sonst wird der Text nicht gelesen. Oder Sie bekommen – bei unrealistischen Vorgaben – zahlreiche Leserreaktionen. Wer in seinem Beispiel mit einem Bruttoeinkommen von 300.000 Euro im Jahr operiert, muss sich nicht wundern, wenn Leser erbost fragen, wer überhaupt so viel verdient (s. Kapitel: 3.2: Zielgruppen).
Nur wer seine Zielgruppe kennt, kann Verbraucherjournalismus machen, der die Leser bewegt.
Akribische Recherche – Im Verbraucherjournalismus ist die Recherche das A&O. Autoren müssen so lange recherchieren, bis sie den Sachverhalt durchdrungen haben. Das kostet bei komplexen Themen wie Betriebsrenten, Steuern oder Therapiemöglichkeiten bei Krebs Zeit. In der Regel reicht es nicht, ein, zwei Telefonate mit einer Verbraucherzentrale oder Bank zu führen, um die Riester-Rente zu verstehen. Doch nur, wenn Journalisten den Sachverhalt erfasst haben, können sie einen ausgewogenen und inhaltlich korrekten Beitrag schreiben. Diese beiden Kriterien sind im Nutzwertjournalismus elementar: Schließlich könnte der Leser nach der Lektüre des Smartphone-Tests losrennen und sich im nächsten Elektronikmarkt den Testsieger kaufen. Umso schlimmer, wenn Journalisten wegen eines Fehlers im Testdesign ein besonders schlechtes Gerät angepriesen haben (s. Kapitel: 5.5: Vergleiche und Produkttests).
Werden Sie Experte für ein Themengebiet. Die Einarbeitung in komplexe Verbraucherthemen kostet viel Zeit – aber als Spezialist sind Sie gefragt und profitieren von Ihrem Wissen.
Verständliche Darstellung – Nur, wenn Sie das Thema genau verstanden haben, sind Sie in der Lage, den Sachverhalt leicht verständlich darzustellen. Sie können dann überlegen, welche Formate sich eignen. Das Problem ließe sich in einem Feature darstellen, Zahlen könnten in Infokästen ausgelagert werden. Und vielleicht bietet sich noch eine Infografik an, um komplexe Sachverhalte leicht verständlich und übersichtlich zu präsentieren. ZEIT ONLINE stellt beispielsweise die Entstehung von Malaria in einer Infografik dar und liefert im Text Informationen zum Kampf gegen die tückische Krankheit:
Wer den Sachverhalt nicht verstanden hat, neigt dazu, Fachjargon und Passagen aus Pressemitteilungen zu übernehmen. Denn bevor Journalisten etwas Falsches schreiben, kopieren sie lieber das Kauderwelsch aus der Pressemitteilung. Das geht jedoch zu Lasten der Verständlichkeit und der Unabhängigkeit der Berichterstattung. Kryptische Texte sind oft ein Zeichen dafür, dass der Autor den Sachverhalt nicht richtig durchdrungen hat oder zu faul war, Mühe in eine verständliche Aufbereitung zu investieren (s. Kapitel: 7.1: Verständlichkeitsforschung).
Akribische Recherche ist die Voraussetzung für die verständliche Aufbereitung eines Themas.
Crossmediale Aufbereitung – Verbraucherthemen eignen sich perfekt für die multimediale Aufbereitung. In Print ist der Platz begrenzt. Daher lohnt es sich, zu überlegen, wie das Thema im Internet weiter gesponnen werden kann. Ein Beispiel: Sie schreiben über Diäten. Dann können Sie zum einen die neueste Diät in einem Text vorstellen. Sie können aber auch Tests anbieten, mit denen Leser beispielsweise ihren »Body Mass Index« (BMI) ermitteln oder feststellen können, ob sie essgestört sind. STERN.DE bietet im Schwerpunkt zum Thema Abnehmen Artikel, interaktive Tests sowie ein Gewinnspiel an:
Das Internet ermöglicht, individualisierten Nutzwert zu bieten. Bei einem Vergleich von Berufsunfähigkeitsversicherungen können in Zeitungen und Zeitschriften lediglich die besten Policen für 30-jährige Männer und Frauen abgebildet werden. Diese Information ist zwar für Leser dieses Alters perfekt. Wer älter oder jünger ist, könnte mit Hilfe eines Online-Rechners einfach ermitteln, welcher Tarif für ihn oder sie das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet (s. Kapitel: 5.4: Crossmediale Aufbereitung).
Überlegen Sie schon bei der Recherche, wie sich das Thema multimedial darstellen lässt.
Nachhaltigkeit – Verbraucherjournalisten sollten Lesern Orientierung bieten. Dies gelingt jedoch nur mit klaren Aussagen und einer nachhaltigen Berichterstattung. Das bedeutet, dass sich Redaktionen Gedanken darüber machen sollten, wie ihre Haltung zu einem bestimmten Sachverhalt ist. Nichts ist verwirrender für Verbraucher, als wenn die Zeitung in der einen Woche das Produkt in den Himmel lobt und wenig später explizit davor warnt. Ein Phänomen, das sich oft beobachten lässt, wenn man beispielsweise die Berichterstattung einzelner Medien zur privaten Altersvorsorge analysiert. Da preisen einige Artikel die Vorzüge der Riester-Rente an, während andere dringend von dieser Form der staatlich geförderten Altersvorsorge abraten. BILD ist nur ein Beispiel für dieses Vorgehen:
Ähnlich widersprüchlich sind oft Artikel zum Thema Bausparen. Ist Bausparen nun per se sinnvoll oder schlecht oder kommt es nicht – wie bei der Riester-Rente – auf Produkt und Rahmenbedingungen an? Wer ständig seine grundsätzliche Haltung zu einem Produkt, einer Diät oder einer Vorsorgeform ändert, verwirrt den Leser und lässt ihn allein. Eine sehr gute nachhaltige Berichterstattung bietet beispielsweise FINANZTEST. Die Redaktion findet etwa die Riester-Rente seit ihrer Einführung grundsätzlich gut. Das Hin und Her in der Berichterstattung zu dieser Form der staatlich geförderten Altersvorsorge gibt es bei FINANZTEST nicht.
Eickelkamp, Andreas (2011): Der Nutzwertjournalismus. Köln: Halem Verlag.
Wolff, Volker (2011): Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus. Konstanz: UVK.
Ganz gleich ob Zeitung, Zeitschrift, Online, Fernsehen oder Hörfunk: Medien bieten immer öfter Nutzwert an. Grundsätzlich wächst mit dem Angebot an Lebenshilfe die Zahl potenzieller Auftraggeber oder Abnehmer. Inwiefern freie Autoren mit ihren Beiträgen gefragt sind, hängt jedoch vom jeweiligen Medium ab. Gerade Fachleute haben als Freie gute Chancen, weil festangestellte Redakteure zunehmend mit organisatorischen Aufgaben und der Verwaltung von Inhalten befasst sind. Insbesondere Publikumsmessen bieten gute Möglichkeiten für Aufträge. Denn Medien stellen regelmäßig Trends und Neuheiten vor, die auf diesen Messen präsentiert werden. Und gerade Regionalzeitungen haben oft nicht ausreichend Personal oder Geld, Redakteure auf die zahlreichen Messen zu entsenden. Intensiv berichtet wird beispielsweise über die Internationale Funkausstellung (ifa) in Berlin, die Cebit in Hannover, die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt, den Caravansalon in Düsseldorf, die Eurobike und die Outdoor in Friedrichshafen, die Anuga oder Photokina in Köln – um einige zu nennen. Doch auskömmlich ist die Berichterstattung nur für Autoren, die ihre Artikel mehrfach verwerten oder hin und wieder für Zeitschriften oder Kundenzeitschriften schreiben. Denn diese zahlen besser als Zeitungen. Journalisten sollten die Spielregeln der unterschiedlichen Medien kennen – denn sie entscheiden darüber, wie Nutzwertbeiträge zu gestalten sind. Im Folgenden werden einige potenzielle Arbeitgeber vorgestellt sowie die Besonderheiten einzelner Medien angerissen.
Zeitungen und Zeitschriften haben entscheidende Vorteile gegenüber audiovisuellen Medien: In Print lassen sich Verbraucherthemen zum einen schnell realisieren. Sie müssen nicht erst ein Kamerateam organisieren oder sich Gedanken über die Bebilderung des Themas oder die Beschaffung
