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Dieses kleine Buch birgt eine Menge an Trost und Ermutigung - nicht nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten von Corona, wo schmerzhafter und leidvoller »sozialer Abstand« von uns gefordert ist. Sondern auch dort, wo wir Zugehörigkeit durch hohe Anpassungsleistungen mühsam zu erwerben suchen, erinnert es uns daran, dass wir eigentlich schon immer ein Teil des Ganzen waren und sind. Jeder kennt jene Erfahrungen, die der Psychologe Abraham H. Maslow als »mystische Erfahrungen« bzw. später als »Gipfelerlebnisse« (»Peak Experiences«) erforscht hat: Momente tiefer Verbundenheit, Momente von unbedingter Zugehörigkeit, Momente der Aufhebung allen Getrenntseins, Momente des Einsseins mit der Welt, Momente tiefsten Glücks. Im ersten Teil dieses Buches veröffentlichen wir seinen enthusiastischen Vortrag, in dem er Anfang der 1960er Jahre zum ersten Mal öffentlich davon berichtete. Im zweiten Teil dieses Buches dokumentieren wir einen weiteren Vortrag, nämlich den Beitrag, mit dem der Benediktinermönch und Psychologe David Steindl-Rast Anfang der 1980er Jahre Maslows bahnbrechenden Entdeckungen zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat. Einfühlsam und anschaulich stellt er diese gerade anhand des obigen Maslow-Vortrags vor. Und weiter spricht er darin über ihre Implikationen für die Erfrischung und Belebung des Religiösen in den Religionen.
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2021
Foto: © Bettmann/Ghetty Images 517324528
Abraham H. Maslow (1908 -1970) lehrte am Brooklyn College und dem »Western Behavioral Science Institute«, leitete das »Department of Psychology« an der »Brandeis University«. Von 1967 bis 1968 war er Präsident der »American Psychological Association«. Er war Fürsprecher der humanistischen »dritten Kraft« in der Psychologie und verfasste viele Fachbücher und Fachartikel.
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Vorwort
Abraham H. Maslow
Was Gipfelerlebenisse uns lehren
David Steindl-Rast
Die Religion religiös machen
Nachwort
Anhänge
»Die Idee, dass Bücher ›auf den aktuellen Stand‹ gebracht werden müssen, ist eigenartig. […] Ideen sind kaum Maschinen, die zwangsläufig überholt werden müssen. Ideen, welche Kernfragen der Seele widerspiegeln, leiden ebenso wenig an Überalterung wie die Seele selbst.«
James Hillman1
1 James Hillman, Die Suche nach Innen: Psychologie und Religion (1967), Einsiedeln 52016.
Dieses kleine Buch birgt eine Menge an Trost und Ermutigung – gerade in diesen außergewöhnlichen Zeiten von Corona. Wo schmerzhafter und leidvoller »sozialer Abstand« dazu beitragen soll, den Verlauf der Pandemie abzuschwächen, erinnert es uns daran, dass wir allesamt viel tiefer miteinander verbunden sind, als wir es oft annehmen.
Jede*r kennt und teilt eine besondere Art von Erfahrungen, die der amerikanische humanistische Psychologe Abraham H. Maslow als »mystische Erfahrungen« bzw. später als »Peak Experiences« (»Gipfelerlebnisse«) erforscht und beschrieben hat: Momente tiefer Verbundenheit, Momente von unbedingter Zugehörigkeit, Momente der Aufhebung allen Getrenntseins, Momente des Einsseins mit der Welt, Momente tiefsten Glücks.
Dieses kleine Buch birgt eine Menge an Trost und Ermutigung – nicht nur in diesen außergewöhnlichen Zeiten von Corona. Auch dort, wo wir Zugehörigkeit durch hohe Anpassungsleistungen an gesellschaftliche Forderungen meinen mühsam erwerben zu müssen, erinnert es uns daran, das wir eigentlich schon immer ein Teil des Ganzen waren und sind. Immer schon verbunden und zugehörig.
Bereits in den 1950er Jahren war Maslow diesen Erfahrungen bei der Erforschung von seelisch gesunden Menschen auf die Spur gekommen. Begeistert davon, forschte er weiter und entdeckte, dass Gipfelerlebnisse praktisch allen gemein sind, auch seelisch »kranken« Menschen. Im ersten Teil dieses Buches veröffentlichen wir seinen enthusiastischen Vortrag, in dem er Anfang der 1960er Jahre zum ersten Mal öffentlich davon berichtete.
Im zweiten Teil dieses Buches dokumentieren wir einen weiteren Vortrag, nämlich den Beitrag, mit dem der Benediktinermönch und Psychologe David Steindl-Rast Anfang der 1980er Jahre Maslows bahnbrechenden Entdeckungen zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat. Einfühlsam und anschaulich stellt er diese gerade anhand des obigen Maslow-Vortrags vor. Und weiter spricht er darin über ihre Implikationen für die Erfrischung und Belebung des Religiösen in den Religionen.
Wie beglückend, tragend und verbindend die Erinnerung an unsere persönlichen Gipfelerlebnisse und das gemeinsame Gespräch darüber sein kann, konnten wir nachdrücklich auf einer von mir veranstalteten Online-Tagung im September 2020 erleben. Der Tagungstitel hat dem Buch titel Pate gestanden: Verbunden trotz Abstand – Dialogische Gestalttherapie in den Zeiten von Corona.2
Ganz herzlich danken möchte ich an dieser Stelle Bruder David Steindl-Rast für seine spontane Zusage zu der Wiederveröffentlichung seines Vortrags, dem Herausgeber Rainer Kakuska für seine freundliche Genehmigung und Klaudia Menzi-Steinberger von der »Bibliothek David Steindl-Rast«3 für ihre Unterstützung.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich eine berührende und bereichernde Lektüre!
Schließlich: Wenn Sie mir Ihre eigenen Gipfelerlebnisse mitteilen möchten, würde ich mich sehr darüber freuen. Weitere Informationen dazu finden Sie im Anhang dieses Buches.4
Erhard Doubrawa,
Gestalttherapeut
und Herausgeber der gikPRESS
2www.verbunden-trotz-abstand.eu
3www.bibliothek-david-steindl-rast.ch
4 siehe Seite →
Worüber ich heute Abend sprechen werde, ist eine Erkundung der Psychologie der Gesundheit oder der besten Seite des Menschen. Ich berichte von einem Weg, von einer Aufgabe, die noch nicht vollbracht ist, eine Art Aufbruch ins Unbekannte, bei welchem ich mich wissenschaftlich sehr verletzlich gemacht habe. Das sei eine Warnung an jene unter Ihnen, die nach vollbrachten Aufgaben Ausschau halten. Diese ist noch nicht vollbracht.
Als ich die Psychologie der Gesundheit zu erforschen begann, nahm ich die besten, gesündesten Menschen, die besten Exemplare der Menschheit, die ich finden konnte, und studierte sie, um zu sehen, was sie auszeichne. Sie waren sehr anders, in gewisser Weise verwirrend anders als der Durchschnitt. Der Biologe hatte Recht, der bekannt gab, er habe das fehlende Bindeglied zwischen Menschenaffen und zivilisierten Menschen gefunden. »Das sind wir!«7
Von diesen Menschen lernte ich viel. Aber eins ist jetzt vor allem unser Anliegen. Ich fand heraus, dass diese Menschen dazu tendierten, von mystischen Erfahrungen zu berichten, von Augenblicken großer Ehrfurcht, Augenblicken des intensivsten Glücks oder sogar der Verzückung, Ekstase oder Glückseligkeit (weil das Wort »Glück« zu schwach sein kann, um diese Erfahrung zu beschreiben). Diese Augenblicke waren das reine, das positive Glück. Alle Zweifel, alle Ängste, alle Hemmungen, alle Spannungen, alle Schwächen wurden zurückgelassen. Sogar das Bewusstsein ihrer selbst verlor sich. Alle Getrenntheit und Entfernung von der Welt schwanden. Sie wurden eins mit der Welt, verschwammen mit ihr, gehörten ihr wirklich zu und an, statt außen vor zu bleiben und nur hineinzuschauen. (Eine Versuchsperson sagte zum Beispiel: »Ich fühlte mich wie das Mitglied einer Familie, nicht wie ein Waisenkind.«)
Vielleicht das wichtigste in diesen Erfahrungen war vor allem aber der Bericht über das Gefühl, dass sie wirklich die ultimative Wahrheit, das Wesen der Dinge, das Geheimnis des Lebens gesehen hätten, als wäre ein Schleier beiseite gezogen worden. Alan Watts hat dieses Gefühl als »Das ist es!« beschrieben,8 als sei man endlich dort angekommen, als ob das gewöhnliche Leben angestrengt irgendwohin strebe und dies war die Ankunft, das »Being There«, das Ende der Anstrengung und des Strebens, die Erfüllung des Begehrens und der Hoffnung, die Antwort auf die Sehnsucht und das Seufzen. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, etwas zu wollen und nicht zu wissen, was es ist. Diese mystischen Erfahrungen fühlen sich an wie die ultimative Antwort auf die vagen, unbefriedigten Seufzer. Sie sind wie ein plötzliches Stolpern in den Himmel; wie das Wunder, das geschehen ist, wie die schließlich erlangte Vollkommenheit.9
Dabei hatte ich hier schon etwas Neues gelernt. Das Wenige, was ich jemals über mystische Erfahrungen gelesen hatte, band sie an Religion mit ihren übernatürlichen Visionen. Und wie die meisten Wissenschaftler hatte ich sie ungläubig abgetan und hielt sie für Unsinn, möglicherweise für Halluzinationen, möglicherweise für Hysterie, fast immer für pathologisch.
Aber die Leute, die mir mündlich oder schriftlich von diesen Erfahrungen berichteten, waren nicht solche Menschen, sie waren die gesündesten Menschen! Da hatte ich etwas gelernt! Und ich darf hinzufügen, dass ich etwas erfuhr über die Grenzen des kleinen (nicht des großen) orthodoxen Wissenschaftlers, der Informationen nicht als Wissen oder als Realität anerkennt, die nicht in die bereits vorhandene Wissensstruktur passen. (»Ich bin der Direktor dieses Colleges; was ich nicht weiß, ist kein Wissen.«)
Diese Erfahrungen hatten meist nichts mit Religion zu tun, zumindest nicht im normalen übernatürlichen Sinne. Sie entstammten den großen Augenblicken von Liebe und Sex, den großen ästhetischen Augenblicken (insbesondere Musik), den Ausbrüchen von Kreativität und kreativem Furor (der großen Inspiration), den großen Augenblicken der Einsicht und der Entdeckung, bei Frauen dem Erleben einer natürlichen Geburt – oder der bloßen Liebe zu den Kindern, den Augenblicken der Verschmelzung mit der Natur (im Wald, an einer Küste, auf den Bergen, etc.), gewissen sportlichen Erfahrungen wie Schnorcheln, Tanzen, etc.
Die zweite große Lektion, die ich gelernt habe, lautete, dass dies eine natürliche, keine übernatürliche Erfahrung war, und ich gab die Bezeichnung »mystische Erfahrungen« auf und nannte sie »Gipfelerlebnisse«. Sie können wissenschaftlich untersucht werden. (Ich habe begonnen, dies zu tun.) Sie befinden sich innerhalb der Reichweite des menschlichen Wissens, sind keine ewigen Geheimnisse. Sie befinden sich in der Welt, nicht außerhalb der Welt. Nicht bloß Priester machen sie, sondern die ganze Menschheit. Sie stellen nicht länger Gegenstände des Glaubens dar, sondern öffnen sich der menschlichen Erforschung und des menschlichen Wissens. Man beachte, in welcher Weise die Worte »Offenbarung«, »Himmel«, »Erlösung«, etc. einen auch natürlichen Sinn haben. Die Geschichte der Wissenschaften erzählt, dass die Wissenschaften den Geltungsbereich der Religion Stück für Stück an sich gerissen haben. Jetzt scheint das wieder zu geschehen. Oder, um das alles anders auszudrücken: Gipfelerlebnisse können als wahrhaft religiöse Erfahrungen im besten und tiefsten, universellsten und humanistischsten Sinne des Wortes gelten. Es kann sich herausstellen, dass die wichtigste Konsequenz aus dieser Arbeit darin besteht, die Religion in den Geltungsbereich der Wissenschaft eindringen zu lassen.
Die nächste große Lektion, die ich gelernt habe, war, dass Gipfelerlebnisse weitaus häufiger vorkommen, als ich jemals erwartet hatte: Sie waren nicht auf gesunde Menschen beschränkt. Diese Gipfelerlebnisse hatten auch durchschnittliche und sogar psychisch kranke Menschen. In der Tat vermute ich jetzt, dass sie bei praktisch allen auftreten, allerdings unerkannt oder nicht als das genommen, was sie sind.
Denken Sie für einen Augenblick daran, wie verrückt diese Erkenntnis in ihren Auswirkungen ist. Ich habe lange gebraucht, sie zu realisieren. Praktisch jeder berichtet von Gipfelerlebnissen, wenn auf sie angesprochen und befragt und in der richtigen Weise ermutigt wird. Ich habe auch gelernt, dass es reicht, darüber zu reden, wie ich es jetzt tue, um aus den Tiefen geheime Erinnerungen an Gipfel zu lösen, die man niemandem je zuvor enthüllte, vielleicht nicht einmal sich selbst gegenüber. Warum sind wir so schüchtern angesichts ihrer? Wenn uns etwas Wunderbares widerfährt, warum verschweigen wir es? Jemand wies einmal darauf hin: »Einige Leute haben Angst zu sterben, aber andere haben Angst zu leben.«10 Vielleicht ist es das.
Es gibt erhebliche Überschneidungen zwischen den Eigenschaften des Gipfelerlebnisses und den Eigenschaften der psychischen Gesundheit (stärker integriert, lebendiger, individueller, weniger gehemmt, weniger ängstlich, etc.), so bin ich versucht, das Gipfelerlebnis als eine punktuelle Episode des Übergangs zur Selbstverwirklichung oder zur Gesundheit zu bezeichnen. Wenn diese Vermutung sich als richtig erweist, läuft sie darauf hinaus, dass fast alle, auch die kränkesten Menschen, psychisch zeitweise gesund sein können.
Eine weitere Lektion, derer ich mir mittlerweile sehr sicher bin: Gipfelerlebnisse sprudeln aus vielen, vielen Quellen und jede Art Mensch kann sie haben. Meine Liste von Quellen wird immer länger, je mehr ich mich mit diesen Forschungen
