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Vor mehr als 50 Jahren begann Moshé Feldenkrais die Methode des somatopsychischen Lernens durch Bewegung zu entwickeln, die seinen Namen trägt. Zum ersten Mal werden hier Feldenkrais' sämtliche zwischen 1964 und 1981 verstreut auf Englisch erschienenen Aufsätze und Interviews zusammengefasst. Viele Konzepte, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind heute ebenso wichtig, anregend und radikal wie damals, als sie zum ersten Mal formuliert wurden; das zeigt, wie sehr Feldenkrais mit seinen Ideen seiner Zeit voraus war. Diese bemerkenswerten Texte enthalten einige der stichhaltigsten und komplexesten Argumente, die jemals für die biologische und funktionale Einheit von Geist und Körper benannt wurden. Die Feldenkrais-Schülerin, Begründerin von The Feldenkrais Journal und Aikido-Meisterin Elizabeth Beringer hat die Schriften zu einem sinnvollen Ganzen geordnet und mit Einführungen und Anmerkungen versehen.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2020
Verkörperte Weisheit
Moshé Feldenkrais
Programmbereich Gesundheitsberufe
Moshé Feldenkrais
Verkörperte Weisheit
Gesammelte Schriften
2., unveränderte Auflage
Herausgegeben von Elizabeth Beringer
Aus dem Amerikanischen von Christine Mauch
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Länggass-Strasse 76
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www.hogrefe.ch
Lektorat: Susanne Ristea
Übersetzung: Christine Mauch
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Feldenkrais im Unterricht, 1977. © International Feldenkrais® Federation Archive, Bob Knighton
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Printed in Czech Republic
Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen. Der Originaltitel lautet «Embodied Wisdom – The Collected Papers of Moshé Feldenkrais» von Elizabeth Beringer.
© 2010. North Atlantic Books, Berkeley CA, USA, vertreten durch Agence Schweiger. © 2010 by Somatic Ressources and the Feldenkrais Estate.
2., unveränderte Auflage 2020
© 2020 Hogrefe Verlag, Bern
© 2013 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96065-4)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76065-0)
ISBN 978-3-456-86065-7
http://doi.org/10.1024/86065-000
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Allen Lehrerinnen und Lehrern der Feldenkrais-Methodegewidmet, die Moshé Feldenkrais’ Ideen überall auf der Weltin die Tat umsetzen
Moshé Feldenkrais 1904–1984
David Zemach-Bersin zählte zu Dr. Moshé Feldenkrais’ ersten amerikanischen Schülern. Von 1973 bis 1984 lernte er bei Dr. Feldenkrais in den Vereinigten Staaten, in England und am Feldenkrais-Institut in Tel Aviv. Er ist Mitbegründer von Feldenkrais Resources und des Feldenkrais Institute of New York. Er leitet Ausbildungsprogramme der Feldenkrais-Methode in New York und Washington/Baltimore und gibt Kurse für Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten. Er hat einen Abschluss der Berkeley University, widmete sich weiterführenden Studien im Bereich der physiologischen Psychologie und ist sowohl Ko-Autor von Relaxercise [dt.: Relaxercise. Gesund und beweglich mit Feldenkrais-Übungen], einer beliebten Einführung in die Feldenkrais-Methode, als auch Autor zahlreicher Feldenkrais-CDs. Er ist Mitbegründer der Feldenkrais Research Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung zur Erforschung von Dr. Feldenkrais’ Ideen. Er arbeitet in eigener Praxis in New York und Pennsylvania mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen: Menschen mit schwerwiegenden Bewegungseinschränkungen, chronischen Schmerzen und neurologischen Problemen sowie hochrangigen Musikerinnen und Bühnenkünstlern. David lebt mit seiner Frau Kaethe, einer Kinderbuchautorin und Illustratorin, in Bucks County, Pennsylvania.
Ich bin davon überzeugt, dass die Einheit von Geist und Körper eine objektive Realität darstellt. Das sind keine Einzelteile, die irgendwie miteinander in Beziehung stehen, sie funktionieren als ein untrennbares Ganzes. Ein Gehirn ohne Körper könnte nicht denken … Die Muskeln sind ein wesentlicher Bestandteil unserer höheren Funktionen.Moshé Feldenkrais im Artikel Geist und Körper, 1964
Bewegung ist Leben. Leben ist ein Prozess. Wenn Sie die Qualität des Prozesses verbessern, verbessern Sie die Qualität des Lebens als solches.Moshé Feldenkrais in Bewusstheit durch Bewegung, 1973
Moshé Feldenkrais war einer der originärsten und integrativsten Denker des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit wegweisenden Persönlichkeiten wie Ida Rolf, Heinrich Jacoby, F.M. Alexander und Elsa Gindler wird er als einer der Begründer des Bereichs der somatischen oder psycho-physischen Arbeit betrachtet. Die in Verkörperte Weisheit: Gesammelte Schriften enthaltenen Texte erschienen zwischen 1964 und 1998 ursprünglich in verschiedenen Zeitschriften. Viele Konzepte, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind heute ebenso wichtig, anregend und radikal wie damals, als sie zum ersten Mal formuliert wurden; das zeigt, wie sehr Feldenkrais mit seinen Ideen seiner Zeit voraus war. Diese bemerkenswerten Aufsätze und Interviews enthalten einige der stichhaltigsten und komplexesten Argumente, die jemals für die biologische und funktionale Einheit von Geist und Körper benannt wurden.
Fast das gesamte zwanzigste Jahrhundert hindurch herrschte in der medizinischen und akademischen Welt ein Modell des Gehirns vor, dem zufolge unsere Gewohnheiten festgelegt oder vorprogrammiert sind, jeder Bereich des Gehirns spezialisierte, vorherbestimmte Funktionen übernimmt und das Gehirn eines Erwachsenen täglich sowohl Neuronen verliert als auch die Fähigkeit, neue Fertigkeiten zu lernen. Moshé Feldenkrais stellte diese Sichtweise in Büchern, Artikeln und Vorträgen von 1949 bis 1981 infrage. Er tat dies nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch, indem er innovative Übungen und klinische Anwendungen entwickelte, die wirkungsvoll demonstrierten, dass das Gehirn, selbst wenn es beschädigt wurde, dazu fähig ist, sich rasch zu verändern, neue Fertigkeiten zu lernen und verlorene Funktionen wiederzuerlangen.
Heutzutage besteht im Bereich von Neurowissenschaft, Psychologie und Rehabilitation ein neues Paradigma: Das Konzept von Hirnplastizität oder Neuroplastizität. Es postuliert, dass unser Gehirn unser Leben lang über die Kapazität verfügt, seine Organisation und seine Reaktionen durch Erfahrung und Lernen zu modifizieren. Wäre Feldenkrais noch am Leben, würde er sich durch die derzeitigen Forschungsergebnisse, die der Neuroplastizität den Rücken stärken, wohltuend bestätigt fühlen.
Als ich im April 1973 zum ersten Mal mit Dr. Feldenkrais’ Arbeit in Berührung kam, war deutlich zu sehen, dass er an die Kapazität eines jeden Menschen zu Lernen und Veränderung glaubte. Feldenkrais unterrichtete in Berkeley, wo ich meinen vormedizinischen Studien an der Universität von Kalifornien nachging, ein einmonatiges Seminar. Im Anschluss an meine regulären Kurse schlich ich mich regelmäßig in den Raum, in dem er unterrichtete. Was ich dort sah, war außergewöhnlich.
Als Teil seines Seminars arbeitete Feldenkrais jeden Tag eine Stunde lang mit Edward, einem Mann mittleren Alters, der stark spastisch gelähmt war. Am ersten Tag, an dem ich zusah, war Edward kaum zu verstehen, seine Arme waren stark gebeugt und mit nach innen gedrehten Händen dicht an die Brust gezogen. Er bewegte sich langsam, stockend und unter großen Anstrengungen vorwärts. Edward war seit früher Kindheit bestmöglich physiotherapeutisch und ärztlich betreut worden.
Edward lag auf einer stabilen gepolsterten Liege, während Feldenkrais mit ihm «arbeitete», ihn auf geheimnisvolle Weise, doch stets äußerst sorgfältig, geschickt, klug und überlegt sanft bewegte. Feldenkrais erklärte, er benutze sanfte, funktional orientierte Bewegung, um Edwards Nervensystem zu helfen, die Botschaften, die es an seine Muskeln aussandte, zu verändern. Nach ein paar Wochen war eine Besserung eingetreten, die getrost als Wunder bezeichnet werden konnte. Edward Sprache war leicht verständlich, seine Arme ruhten an den Seiten, und sein Gang war sehr viel müheloser und effizienter. Kurz, seine gesamte Art der Organisation war anders geworden. Ich hatte keine Ahnung, wie sich diese «Heilung» zugetragen hatte, doch das, was ich gesehen hatte, ließ mich aufgeregt und zutiefst bewegt zurück. Als das Jahr zu Ende ging, schloss ich meine Studien in Berkeley ab, reiste nach Israel und klopfte in Tel Aviv an Dr. Feldenkrais’ Tür. Ich wollte verstehen, wie er die «Transformation» zuwege gebracht hatte, deren Zeuge ich in Berkeley gewesen war.
Die bahnbrechenden Konzepte, die den theoretischen Rahmen für Feldenkrais’ Arbeit mit Edward bildeten, werden in Verkörperte Weisheiterläutert. Diese Texte, die ihresgleichen suchen, sind für ganz unterschiedliche Bereiche von Relevanz: Für Neurowissenschaften und Theater, Psychologie und Tanz, Physiotherapie und Musik, Erziehung und Rehabilitation, kindliche Entwicklung und Leistungssport.
Mit diesem Band liegen Feldenkrais’ präziseste und zusammenhängendste Aussagen zur Theorie hinter seiner Arbeit vor, herzlich und im Gesprächston formuliert. Darüber hinaus spricht Feldenkrais über die Anfänge von Judo in Europa und darüber, wie sich seine Ideen auf die Kunst des Schauspiels anwenden lassen. Auch die Transkription einer erhellenden Unterhaltung zwischen ihm und dem bedeutenden israelischen Wissenschaftler Aharon Katzir ist zu lesen.
Feldenkrais – ursprünglich ein in den innovativsten Bereichen der Physik tätiger Wissenschaftler – war äußerst belesen und mit vielfältigen Wissensgebieten befasst. In den hier versammelten Artikeln und Interviews bezieht er sich auf Erkenntnisse in den Bereichen von Physik, Biologie, Embryologie, Psychologie, Semantik und Neurologie; er stellt gewagte Vermutungen über das Gehirn und Lernen an, die von der zeitgenössischen Neurowissenschaft bestätigt werden. Dabei gewährt er uns stets Zugang zu seinem Denkprozess und erlaubt uns, an seiner Logik teilzuhaben, die oft zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führt. Manchmal greift er sich eine hochabstrakte oder theoretische Idee heraus und dreht sie vor unseren Augen wie einen Zauberwürfel, damit wir sie aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten können. Und fast immer weist er uns die alltäglichen, konkreten Implikationen des Konzepts auf. Manche mögen seinen Schreibstil als sokratisch oder gar talmudisch bezeichnen, und beides mag zutreffen, doch in ihm zeigt sich auch Feldenkrais’ Hintergrund als strenger Wissenschaftler. Das wird besonders deutlich, wenn er uns einlädt, seinen kristallklaren Gedankengängen zu folgen, während er so gebräuchliche, alltägliche Worte oder Konzepte wie «Bewusstsein», «Denken», «Selbstbild», «Energie» oder «Verwirklichung» dekonstruiert. In diesen Momenten kommen wir in den Genuss, einen klassisch geschulten, leidenschaftlichen analytischen Geist zu erleben, der uns auffordert, unsere Begriffe präzise zu definieren, und demonstriert, wie uns diese Aufmerksamkeit für Genauigkeit im Detail oft auf Wege führt, die wir andernfalls nicht erkundet hätten.
Allen Artikeln und Interviews dieser ganz besonderen Sammlung gemeinsam ist Feldenkrais’ Optimismus bezüglich der Kapazität eines jeden von uns, ungeachtet unserer Umstände oder Einschränkungen zu wachsen, uns zu verändern, zu verbessern und zu einem selbstbestimmteren menschlichen Wesen zu werden. Dieser hoffnungsfrohe Ausblick ist weniger strategisch, sondern beruht auf der starken Evidenz, dass wir von den hundert Milliarden Neuronen, über die unser Gehirn verfügt, nur einen kleinen Prozentsatz nutzen und der Rest zur Verfügung steht, um neue Weisen von Bewegung, Fühlen, Denken und Handeln zu lernen.
Feldenkrais war mehr als zwanzig Jahre lang Physiker gewesen: Wie kam es, dass er das erforderliche Geschick entwickelte, mit dessen Hilfe Edward lernte, sich zu bewegen, zu sprechen und müheloser zu funktionieren? Große Erkenntnisse erwachsen oft aus großen Herausforderungen, und so litt auch Feldenkrais unter einem zehrenden Problem, für das die Medizin keine Lösung bereithielt. Auf seiner Suche nach einer Antwort auf seine eigenen Schwierigkeiten entwickelte Feldenkrais einige seiner wichtigsten Ideen.
Moshé Pinchas Feldenkrais, Doktor der Wissenschaften, wurde 1904 in einem kleinen Städtchen geboren, das damals zu Russland und heute zur Ukraine gehört. Den mittleren Namen Pinchas erhielt er zu Ehren seines Ur-ur-ur-Großvaters Pinchas von Korets, einem berühmten Rabbiner, der zu den führenden Schüler von Rabbi Israel ben Eliezer zählte, dem Begründer des Chassidismus, der allgemein als Baal Shem Tov bekannt ist.
Im Alter von dreizehn Jahren flüchtete Feldenkrais vor Antisemitismus und Pogromen und reiste zu Fuß von Russland in das unter britischem Mandat stehende Palästina. Dort arbeitete er, ging weiter zur Schule und entwickelte ein Interesse an Techniken zur Selbstverteidigung. 1930 zog er nach Paris, um an der Sorbonne Ingenieurswesen und Physik zu studieren. Neben seinen akademischen Studien lernte er japanische Kampfkunst und war einer der ersten Menschen im Westen, denen ein schwarzer Gürtel im Judo verliehen wurde. Seine Auffassung von Judo wurde erhellt von seinem Verständnis der physikalischen Kräfte in der Bewegung – davon, wie sich die Gesetze von Bewegung und Schwerkraft auf die Mechanik von Bewegung auswirken. 1933 begann Feldenkrais, an seinem Doktortitel zu arbeiten; er war Teil eines Teams von Wissenschaftlern, die unter dem Nobelpreisträger Frédéric Joliot-Curie am Curie-Institut Forschungen durchführten und erste Beiträge zur Kernspaltung veröffentlichten.
1940, als die deutsche Wehrmacht in Paris einmarschierte, floh Feldenkrais nach England, wo er während des Krieges militärische Forschungen für die britische Regierung durchführte. In dieser Zeit konnte er aufgrund von Knieverletzungen, die er im Verlauf der Jahre erlitten hatte, nur mit Schmerzen und unter großen Schwierigkeiten laufen. Damals gab es noch keine modernen arthroskopischen Operationstechniken, und die angesehenen englischen Chirurgen, die Feldenkrais aufsuchte, konnten ihm kaum Hoffnung auf eine Besserung durch einen medizinischen Eingriff machen. Feldenkrais beschloss, das Problem selbst zu lösen.
Mit der Genauigkeit eines Wissenschaftlers begann er, funktionale Anatomie zu studieren. Er wandte die Gesetze von Physik und Bewegung auf alltägliche menschliche Bewegung an und erforschte den Prozess, durch den wir unsere grundlegenden motorischen Funktionen ursprünglich erwerben. Schließlich gelangte er zu der bemerkenswerten praktischen Erkenntnis, dass unserer ganzen Entwicklung Lernen zugrunde liegt. Er dachte, wenn er verstehen könnte, wie Lernen tatsächlich geschieht, wäre er in der Lage, alte Muster der Gewohnheit zu verändern und verloren gegangene Funktionen, wie seine eigene Fähigkeit zu gehen, wiederherzustellen. Diese Frage sollte den Verlauf seines beruflichen Lebens verändern.
Anders als die meisten Säugetiere kommen wir mit einem Gehirn zur Welt, das im wesentlichen eine «Tabula rasa» ist; von den grundlegendsten physiologischen Funktionen und Trieben abgesehen, sind wir zum Zeitpunkt unserer Geburt noch nicht «verschaltet». Für nahezu alles, was wir schließlich als Erwachsene zu tun in der Lage sind, benötigen wir eine Phase des Lernens. Die meisten Kinder brauchen beispielsweise zehn bis vierzehn Monate, bis sie laufen können, und bevor Laufen möglich ist, müssen sie erst lernen, sich umzudrehen, sich aufzusetzen, zu krabbeln, zu stehen usw. Aus Feldenkrais’ Sicht muss jedes Kind auf unabhängige und organische Weise lernen, wie konkrete physikalische Herausforderungen wie Schwerkraft, Stabilität und Instabilität, Impuls, Gleichgewicht usw. zu bewältigen sind.
Wüchsen wir in vollständiger Isolation heran, würden sich die Funktionen, die wir als spezifisch «menschlich» bezeichnen, nicht herausbilden. Anders als die meisten anderen Spezies benötigt der Mensch mehr als nur Luft und Nahrung. Wir brauchen eine menschliche soziale Welt, in der sich im Laufe der Zeit Absicht und erfolgreiches Handeln entwickeln, um bedeutende Ziele in einem sozialen Kontext mit anderen zu verwirklichen.
Feldenkrais entwickelte einen Standpunkt, der dem Nervensystem und der Bewegung den Vorrang einräumt. Er stellt die kühne Behauptung auf, das Nervensystem nehme über das Medium der Bewegung die Unterscheidungen vor, die zu Vorlieben oder der Wahl von bestimmten Handlungen oder Verhaltensmustern führen.
Der Vorteil eines größtenteils nicht vorverschalteten Nervensystems besteht für den Menschen darin, dass es eine enorme Flexibilität in Bezug auf Verhaltensoptionen erlaubt. Anders gesagt: Wir können lernen, uns an eine unbegrenzte Zahl von kulturellen Umgebungen, Sprachen, Klimazonen usw. anzupassen. Doch nicht zu idealer Bewegung, idealer Haltung oder idealem Verhalten vorprogrammiert zu sein, bedeutet umgekehrt auch die Gefahr, dass wir Wahlen treffen, die für uns nicht wirklich günstig sind. Unter Umständen sind Optionen, die wir als Kind wählen, unseren Interessen auf lange Sicht nicht zuträglich und führen zu neuromuskulären Beschwerden wie Rücken- und Nackenschmerzen, neurotischen Neigungen, Depression und einem unzureichenden Selbstbild.
Feldenkrais gelangte zu der Erkenntnis, dass sich psycho-soziale und motorische Entwicklung nicht voneinander trennen lassen. In unserer Kindheit werden unsere psycho-emotionalen Muster bzw. Verhaltensweisen und unser wachsendes Bewegungsrepertoire nicht nur gleichzeitig gelernt, sondern auch im Moment als integriertes Ganzes durch die Muskulatur umgesetzt. Um diese Erkenntnisse geht es in Feldenkrais’ ersten beiden Büchern Der Weg zum reifen Selbst: Phänomene menschlichen Verhaltens und Das starke Selbst: Anleitung zur Spontaneität.
In einem auf ideale Weise herangereiften Körper, der sich ohne schwerwiegende emotionale Störungen entwickelt hat, neigt die Bewegung dazu, den mechanischen Anforderungen der Umwelt nach und nach zu entsprechen. Das Nervensystem hat sich unter dem Einfluss dieser Gesetze herausgebildet und ist an sie angepasst. Indem wir in unserer Gesellschaft jedoch große Belohnung oder empfindliche Strafe in Aussicht stellen, verzerren wir die ebenmäßige Entwicklung des Systems derart, dass viele Handlungen ausgeschlossen oder nur eingeschränkt möglich sind.Moshé Feldenkrais, Der Weg zum reifen Selbst
In der festen Überzeugung, dass dem erwachsenen Gehirn eine Fülle an Potential für Lernen zur Verfügung steht, fragte Feldenkrais, unter welchen Bedingungen ein Nervensystem – oder, besser gesagt, eine Person – am einfachsten, am erfolgreichsten lernen kann. Mithilfe einer gewagten und originellen Synthese fand er die Antwort auf diese Frage in einer kaum bekannten Entdeckung im Bereich der Psychophysik (dem Vorläufer der modernen experimentellen Psychologie), die aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt und als «Weber-Fechner-Gesetz» oder «Gesetz der eben erkennbaren Unterschiede» bezeichnet wird.
Im Allgemeinen besagt das Weber-Fechner-Gesetz, dass zwischen der Größe eines Reizes (zum Beispiel Klang, Licht, muskuläre Arbeit usw.) und der Veränderung in diesem Reiz, die erforderlich ist, damit ein Mensch einen Unterschied bemerkt, ein konstantes Verhältnis besteht. Praktisch gesehen bedeutet das: Je größer oder stärker der Reiz, desto größer muss die Veränderung sein, damit wir einen Unterschied erkennen können. Oder umgekehrt: Nimmt die Intensität des Reizes ab, dann verringert sich der Grad der Veränderung, die erforderlich ist, damit ein Unterschied erkennbar ist, mehr und mehr.
Feldenkrais erkannte, dass die Genauigkeit der kinästhetischen Empfindung zunimmt, wenn die muskuläre Anstrengung verringert wird. Der Mensch kann feine Unterscheidungen vornehmen in Bezug auf das, was er tut, und unbewusster oder unbekannter Aspekte seiner körperlichen Organisation, Bewegung und Handlung gewahr werden.
Er erkannte, dass seine Unfähigkeit zu gehen nicht allein eine Frage der unzureichenden strukturellen Integration seiner Knie war, sondern auch von der «Art und Weise» seines Gehens abhing. Mit anderen Worten: Seine erlernten Bewegungsgewohnheiten trugen zu seinem Problem bei. Später bezeichnete er das als das allgemeine Problem «fehlerhaften Lernens». Er erkannte, dass er – sollte es ihm gelingen, eine Form zu entwickeln, das Weber-Fechner-Gesetz praktisch anzuwenden – die Mittel hätte, die Bedingungen für Lernen, Verbesserung und Rehabilitation zu optimieren.
Eine grundsätzliche Veränderung in den motorischen Mustern wird daher das Denken und auch das Fühlen aus der Verankerung in den Mustern ihrer festgelegten Routine lösen. Die Gewohnheit hat ihre wichtigste Unterstützung, die der Muskeln, verloren und ist einer Veränderung zugänglicher.Moshé Feldenkrais, Bewusstheit durch Bewegung
Feldenkrais fuhr fort, seine Entdeckungen zu verfeinern, und war schließlich wieder in der Lage zu gehen. Im Verlauf dieses Prozesses entwickelte er zwei originäre und unterschiedliche Verfahren, seine Ideen umzusetzen: eine Form der Einzelarbeit, die er später als «Funktionale Integration» bezeichnen sollte, und eine Gruppenmethode, die heute als «Bewusstheit durch Bewegung» bekannt ist. Bei Bewusstheit durch Bewegung wurden seine Entdeckungen in feinst strukturierte Erkundungen des eigenen Selbst oder geleitete Lernexperimente übersetzt. Beide Vorgehensweisen nutzen grundlegende oder synergistische neuromuskuläre Bezüge, um gesündere und effizientere Bewegungs- und Haltungsmuster zu fördern.
1949 kehrte Feldenkrais nach Israel zurück, um am Weizmann-Institut physikalische Forschungen durchzuführen und die Leitung der Abteilung für Elektronik der Israelischen Streitkräfte zu übernehmen. Gleichzeitig fuhr er fort, Gruppenstunden zu unterrichten und Techniken zu entwickeln, mit denen er seine Erkenntnisse zur Beziehung zwischen Körper und Geist praktisch anwenden konnte. Chaim Weizmann, ein wissenschaftlicher Kollege und der erste Präsident Israels, sagte zu Feldenkrais: «In der Physik gibt es viele, die das wissen, was du weißt, aber kein anderer versteht den Körper so wie du.» Feldenkrais’ Arbeit und ihre Wirksamkeit wurden so bekannt, dass dieser schließlich Mitte der 1950er-Jahre die Welt der physikalischen Forschung verließ und eine Praxis eröffnete, um Menschen mit den unterschiedlichsten Schwierigkeiten ebenso zu helfen wie darstellenden Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Fähigkeiten verbessern wollten.
Feldenkrais sagte oft, Bewusstheit durch Bewegung undFunktionale Integration seien zwei Seiten derselben Münze. Diese zwei Formen der Anwendung leiten sich aus derselben, beide überspannenden Theorie ab. Feldenkrais testete beide Verfahren unentwegt und entwickelte sie beständig weiter. Allem voran stand stets seine These, dass die Verknüpfung von Lernen, Bewusstheit und Bewegung das direkteste Mittel bereitstellt, das Befinden eines Menschen zu verbessern.
In den nächsten dreißig Jahren entwickelte Feldenkrais durch seine tägliche klinische Praxis wirksame, geniale und innovative Strategien, nahezu jede menschliche Funktion zu verbessern oder wiederherzustellen. Er arbeitete mit international bekannten Schauspielern, Musikern und Tänzern wie den Theaterregisseuren Peter Brooks und Jacques Lecoq oder den Musikern Yehudi Menuhin, Narciso Yepes und Igor Markevitch. Seine Zeit war mit Unterricht und klinischer Praxis derart ausgefüllt, dass er nur eine einzige ausführliche klinische Studie veröffentlichte: Abenteuer im Dschungel des Gehirns: Der Fall Doris. Glücklicherweise wurden fast zweihundert Stunden seiner Arbeit in Funktionaler Integration auf Film aufgezeichnet, und die mehr als tausend vom ihm geschaffenen erfahrbaren Lektionen in Bewusstheit durch Bewegung legen schriftlich Zeugnis ab davon, welchen Verlauf die Entwicklung von Feldenkrais’ Denken genommen hat.
Die erste Ausbildung von Praktikerinnen und Praktikern seiner Methode, die Feldenkrais durchführte, fand in Tel Aviv statt und wurde 1971 mit der Zertifizierung der dreizehn Teilnehmer abgeschlossen. In den frühen 1970er-Jahren fing Feldenkrais an, im Ausland – sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten – zu unterrichten. Bekannte Intellektuelle und darstellende Künstler zeigten Interesse an seinen Ideen, darunter die Politiker David Ben-Gurion und Moshé Dayan, die Anthropologin Margaret Mead, die Neurowissenschaftler Paul Bach-y-Rita und Karl Pribham, der Physiologe Elmer Green und der Psychologe Will Schutz. Im Zuge der zunehmenden internationalen Aufmerksamkeit begann Feldenkrais 1975 in San Francisco sein zweites Ausbildungsprogramm, an dem sechzig Personen teilnahmen. 1980 fing sein drittes Ausbildungsprogramm in Amherst, Massachusetts, an, mit mehr als 230 Schülerinnen und Schülern aus fünfzehn verschiedenen Ländern. Seitdem hat sich seine Arbeit beständig weiter verbreitet; derzeit gibt es fast zehntausend Lehrerinnen und Lehrer der Feldenkrais-Methode in mehr als fünfzig Ländern.
Als ich im Frühjahr 1974 unangekündigt an seine Tür klopfte, erlaubte Feldenkrais mir großzügig, viele Monate lang in seiner Praxis zu sitzen und zu beobachten, wie er mit seinen Schülerinnen und Schülern arbeitete. Er benutzte nie das Wort «Patient»; er war der Meinung, dieses Wort würde den Schwerpunkt auf die Pathologie eines Menschen legen, wohingegen er ihr Potential zu lernen betonen wollte. Was ich in diesen Monaten zu sehen bekam, war nicht weniger erstaunlich als das, was ich ein Jahr zuvor in Berkeley beobachtet hatte: eine Frau mit Multipler Sklerose, die nicht länger auf ihren Stock angewiesen war, ein junger Amerikaner mit einer schweren Rückenmarksverletzung, der seinen Rollstuhl verlassen und sich auf Krücken fortbewegen konnte, ein siebenjähriger israelischer Junge, der sein linkes Auge noch nie hatte öffnen können und nun lernte, beide Augen gleichzeitig zu öffnen und zu schließen, ein deutscher Cellist, der einen Schlaganfall erlitten hatte und lernte, den Arm, der den Bogen führte, wieder zu benutzen, und ein junges Mädchen aus Österreich mit Zerebralparese, das laufen lernte. Ich hatte das Privileg, bis zu seinem Tod im Jahr 1983 in Tel Aviv bei Feldenkrais zu lernen, und seine Ideen haben für mich bis heute nichts von ihrer faszinierenden und anregenden Wirkung verloren.
Das Vermächtnis von Dr. Moshé Feldenkrais hat das Potential, Millionen Menschen zu helfen, die unter Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und schwerwiegenden neurologischen Problemen leiden; es kann Künstler und Sportler unterstützen, die ihre Fähigkeiten steigern möchten. In diesem Vorwort kamen längst nicht alle Implikationen und mögliche Anwendungen von Feldenkrais’ Arbeit zur Sprache. Ich bin der festen Überzeugung, die Bereiche der physikalischen Medizin, der Physiotherapie, der Erziehung und der Psychologie könnten viel von Feldenkrais’ Theorien und Methoden lernen. Ich hoffe, die Veröffentlichung dieses wichtigen und längst überfälligen Buches trägt dazu bei, seinen unverwechselbar originären und innovativen Ideen die Anerkennung und die kritische Analyse zu verschaffen, die sie verdienen, und die Leserinnen und Leser wissen diesen schmalen Band, der so viel Ausblick und Vision bereithält, zu schätzen.
David Zemach-Bersin
Feldenkrais-Institut New York und Doylestown, Pennsyslvania
März 2010
Moshé Feldenkrais’ letztes Buch trägt den verlockenden Titel The Elusive Obvious (dt. Titel: Die Entdeckung des Selbstverständlichen). Der Titel verweist darauf, wie schwer es ist, die Bedeutung unserer erlernten Selbstorganisation zu erfassen, bevor der von Feldenkrais vorgeschlagene Wechsel der Perspektive sie offensichtlich macht. Der Übergang von «schwer fassbar» zu «offensichtlich» wäre auch eine zutreffende Beschreibung für dieses Buchprojekt. Als mir die Idee kam, diese Artikelsammlung zu veröffentlichen, war sofort offensichtlich, dass dieses Buch Sinn machte. Die Artikel waren bisher nicht allgemein verfügbar, obwohl einige von Feldenkrais’ zugänglichsten Schriften zu ihnen zählen. Dieses Buch versammelt alle Artikel und Interviews von Feldenkrais, die in Bezug auf die Feldenkrais-Methode® auf Englisch veröffentlicht worden sind.1 Sie umfassen den Zeitraum zwischen 1964 und 1981. Obwohl einige Interviews später erschienen sind, wurden die tatsächlichen Gespräche innerhalb dieses Zeitraums geführt. Ich habe jeden Text mit einer kurzen erklärenden Einleitung versehen und – sofern das relevant war – die jeweiligen Herausgeber und Interviewer vorgestellt. Zudem habe ich die Artikel um Anmerkungen ergänzt, die weitere Hintergrundinformationen enthalten.
In den hier gesammelten Schriften verweist Feldenkrais auf zahlreiche Persönlichkeiten, manchmal Berühmtheiten aus Politik, Kunst oder Wissenschaft, an anderen Stellen Zeitgenossen, die der spezifischen Subkultur, die er damals unterrichtete, bekannt waren. Als ich Feldenkrais im Jahr 1976 das erste Mal begegnete, gab es in unserer Feldenkrais-Ausbildungsklasse niemanden, dem G.I. Gurdjieff, F.M. Alexander oder Jean Houston kein Begriff gewesen wäre – Menschen, die für Feldenkrais große Bedeutung hatten. Wenn ich diese Namen heute meinen Schülerinnen und Schülern gegenüber erwähne, haben sie von ihnen meist genauso wenig gehört wie von den anderen Persönlichkeiten, die zu meiner Zeit von zentraler Bedeutung für mich waren.
Die verwirrende Erfahrung, dass die kulturellen Größen der eigenen Zeit in der nächsten Generation nahezu verschwunden sind, verweist mich zurück auf das Jahr 1983. Ich war nach Israel gegangen, um bei Feldenkrais zu lernen. Damals hatte er sich gerade von einem Schlaganfall erholt und arbeitete nur einen Teil des Tages; jeden Tag kamen zwei bis drei Schüler zur Funktionalen Integration (Einzelunterricht über individuelle Berührung). Zudem schrieb er an seiner Autobiographie. Er verfasste seine Aufzeichnungen handschriftlich, und ich tippte sie später ab. Viele Namen, die er erwähnte, hörte ich zum ersten Mal und musste mich oft zur Klärung an ihn wenden. Er war sehr überrascht, dass mir viele der geschichtlich bedeutenden Personen, die er erwähnte, nicht bekannt waren. Ich war damals Mitte zwanzig; ein Altersunterschied von mehr als fünfzig Jahren – und eine Menge Lebenserfahrung – lagen zwischen uns. Dennoch schien ihn diese Lücke in meinen Kenntnissen zu beunruhigen. Nachmittags kamen andere Studenten der Ausbildung, und Feldenkrais, der vor seiner Bücherwand an einem Tisch saß, hielt Hof. So habe ich ihn in Erinnerung: Er zog ein Buch aus dem Regal, um ein Argument zu belegen, führte Telefongespräche in vier Sprachen, stritt sich mit mir genüsslich über jede Position, an der ich zu sehr festhielt, und war dabei unausgesetzt in Bewegung, selbst wenn er scheinbar nur ruhig dasaß … Durch meine Geschichtslücken neugierig geworden, befragte er einige andere Studenten zu den gleichen Personen seiner eigenen Vergangenheit und stellte fest, dass ich nicht die Einzige war, die sie nicht kannte. Danach erklärte er sich widerwillig dazu bereit, mit mir zu arbeiten, um die historischen Persönlichkeiten, von denen in seiner Autobiographie2 die Rede war, in einen breiteren Kontext zu setzen.
Die Zeit schreitet voran, und der Gigant einer Generation kann zur Fußnote der nächsten werden. Beim Überarbeiten dieses Bandes erlebte ich eine Art Déjà vu, denn es schien, als setzte ich einen Prozess fort, der vor langer Zeit mit Feldenkrais in Tel Aviv begonnen hatte, während ich gleichzeitig die Schritte der Zeit im Rücken spürte, da nun auch einige der Größen meiner eigenen Jugend mit Fußnoten versehen werden mussten.
Verkörperte Weisheitenthält Feldenkrais’ prägnanteste Beschreibungen der Feldenkrais-Methode. Die beiden ersten Artikel – «Der körperliche Ausdruck» und «Geist und Körper» – sind besonders umfassend; sie decken viele Aspekte der Feldenkrais-Theorie klar und anschaulich ab und sind durchzogen von kleinen Übungen zur körperlichen Umsetzung der Ideen. In «Der körperliche Ausdruck» entwickelt Feldenkrais seine Überlegungen zum Selbstbild, einem Grundpfeiler seiner Lehre. Der Artikel diskutiert darüber hinaus das Konzept der Umkehrbarkeit im Hinblick auf Bewegung so ausführlich wie keine seiner anderen Schriften. In «Geist und Körper»legt Feldenkrais seine Argumente für die Integrität von Körper und Geist dar und erläutert seine Arbeit in diesem spezifischen Zusammenhang. Alle Artikel kehren zum Thema «Lernen» zurück, dieser menschlichen Fähigkeit, die sowohl unsere größte Herausforderung als auch unsere größte Hoffnung darstellt. Lernen ist das Hauptthema des Interviews «Bewegung und Geist» von Will Schutz und des transkribierten Vortrags «Der Mensch und die Welt». Diese zwei Texte nähern sich dem Thema Lernen aus verschiedenen Winkeln, doch beide erkunden die eindrückliche Fähigkeit des menschlichen Nervensystems, sich anzupassen und zu lernen. Der Artikel «Über das Primat des Hörens» vertieft sich hingegen in einen Aspekt des Lernprozesses und untersucht die Beziehung zwischen Hören und der Entwicklung von räumlicher Orientierung.
Einer der kürzesten Texte dieses Buches ist «Über die Gesundheit», ein wunderbarer Beitrag dazu, was es Feldenkrais zufolge bedeutet, im weitesten Sinne gesund zu sein. Die darin anklingenden Themen werden in «Selbstverwirklichung durch organisches Lernen», einem weitgefassten, von Mark Reese kunstvoll redigierten Vortrag, aufgegriffen und detaillierter ausgeführt. Ein weiteres umfassendes Thema, das im vorliegenden Band wiederholt auftaucht, ist die Bedeutung und Definition von Bewusstheit. Die Diskussion mit Aharon Katzir gibt uns Gelegenheit, Feldenkrais’ frühe Überlegungen zu Bewusstheit und Lernen nachvollziehen; dieser Beitrag wurde von Carl Ginsberg kundig überarbeitet. Später werden diese Themen in einem Interview von Edward Rosenfeld aus dem Jahre 1973 verhandelt: «Das Vorderhirn: Schlaf, Bewusstsein, Bewusstheit und Lernen».
Während Feldenkrais’ Leidenschaft für seine Arbeit das ganze Buch über spürbar ist, mag es für den Leser, der keine Erfahrung mit der Feldenkrais-Methode hat, nicht einfach sein, aus den Aufsätzen herzuleiten, wie die Methode in der Praxis aussieht. Aus diesem Grund wurden den Texten Fotos hinzugefügt, die Feldenkrais bei der Arbeit zeigen. Zudem schlägt der erste Aufsatz dem Leser spezifische Bewegungsexperimente vor, mit deren Hilfe die besprochenen Überlegungen körperlich umgesetzt werden können. Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich die Zeit für diese Experimente zu nehmen; diese frühen Erfahrungen werden für den gesamten Rest des Buches hilfreich sein. Zwei Texte, die spezifischer auf die Praxis der Methode eingehen, sind «Bewusstheit durch Bewegung» und «Ein Gespräch mit Moshé Feldenkrais». Der erste ist eine Version eines Faltblatts, mit dem Feldenkrais an seinem Institut in Tel Aviv neuen Schülerinnen und Schülern einen ersten Überblick über seine Methode vermittelte. Das Gespräch mit der New Sun fand statt, nachdem die Interviewer gerade einer Einzelsitzung zugesehen hatten. Viele Fragen zielen daher auf Feldenkrais’ gedanklichen Prozess während einer Sitzung in Funktionaler Integration ab.
Zwei Interviews widmen sich der Relevanz von Feldenkrais’ Überlegungen für das Theater. Richard Schechner, ein bekannter Regisseur, spricht in «Bild, Bewegung und Schauspieler: Das Wiederherstellen von Potentialität» mit Feldenkrais über Selbstbild, Neutralität und Umkehrbarkeit im Hinblick auf die Schauspielkunst. Als ich während der Vorbereitungen zu diesem Buch mit Schechner Kontakt aufnahm, übersandte dieser eine herrliche Erinnerung an die Zeit seiner Begegnung mit Feldenkrais, die nun am Ende seines Beitrags zu finden ist. Das Interview «Feldenkrais revisited: Spannung, Talent und das Vermächtnis der Kindheit», das die Schauspieldozentin Joanna Rotté führte, nimmt einen anderen, gleichermaßen interessanten Verlauf und widmet sich unter anderem dem Talent und seiner Entwicklung.
«Die außergewöhnliche Geschichte, wie Moshé Feldenkrais zum Judo kam» – das Gespräch mit Dennis Leri – ist der Beitrag, in dem Feldenkrais’ Persönlichkeit vielleicht am deutlichsten zutage tritt. Leri kannte Feldenkrais gut und gab ihm Raum, seine Geschichte auszuführen. Das Ergebnis ist eine großartige Erzählung und gibt einen Einblick in Feldenkrais im entspannten Setting eines lockeren Gesprächs.
In ihrer Gesamtheit sind die Artikel und Interviews mehr als die Summe ihrer Einzelteile und bilden ein vielfältiges und texturiertes Ganzes. Dieses Buch bietet denjenigen, die mit den Überlegungen Feldenkrais’ nicht vertraut sind, zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten des Zugangs und versorgt gleichzeitig den ernsthaften Schüler der Feldenkrais-Arbeit mit einem weiten Feld für eingehende Studien.
Dieses Projekt umfasste die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Menschen, die ihre Expertise und ihre Zeit großzügig zur Verfügung stellten. Ich möchte vor allem David Zemach-Bersin danken, dessen Kenntnisse spezifischer Details des Lebens und der Arbeit von Moshé Feldenkrais für die Entstehung des Buches von unschätzbarem Wert waren und der mich durch das Projekt begleitet hat. Auch Dennis Leri, der stets zur Unterstützung bereit war und mich mit Informationen zu einer breiten Palette von Themen und Anliegen versorgte, war eine riesige Hilfe. Lea Wolgensinger hat viele wunderbare Fotos ihres Vaters großzügig zur Verfügung gestellt; sie bereichern das Buch enorm.
Ich möchte Michél Silice Feldenkrais gedenken, der die Anfangsphase dieses Projekts vor seinem tragischen und frühzeitigen Tod unterstützte. Ich möchte auch seiner Witwe Zipora Mandel Silice für ihre freundliche Beteiligung danken. Weiteren Dank schulde ich der «Internationalen Feldenkrais Federation (IFF)» für die Erlaubnis, Fotografien von Bob Knighton zu benutzen.
Für unterschiedliche Formen von Hilfe und Ratschlägen danke ich: Arlyn Zones, Miriam Pfeffer, Eleanor Criswell, Carl Ginsburg, Carol Kress, Kaethe Zemach-Bersin, Donna Ray, Cathie Krieger, Bruce Silvey, Joanna Rotté, Sasha du Lac und Falk Fedderson.
Weiterhin möchte ich Deirdre O’Shea danken für ihre kundige redaktionelle Hilfe und Hisae Matsuda, der für das Projekt verantwortlichen Lektorin bei North Atlantic Books, für ihre Geduld und ihr Verständnis. Und schließlich gilt mein Dank meinem Ehemann Rafael Núñez und meiner Tochter Aliana Núñez-Beringer für die kuschelige Welt, in die ich am Ende eines langen Arbeitstages zurückkehren konnte.
Elizabeth Beringer
San Diego, Kalifornien
Mai 2010
Aspects d’une technique: l’expression corporelle erschien 1964 bei Éditions Chiron, dem Verlag aller französischsprachigen Bücher von Feldenkrais, als fünfzehnseitige Monografie. Thomas Hanna, der Herausgeber von Somatics, übersetzte den Aufsatz 1988 ins Englische und druckte ihn unter dem Titel Bodily Expressions über zwei aufeinander folgende Ausgaben der Zeitschrift ab. Der hier wieder zu einem Stück zusammengefasste Text stellt eine der frühesten Schriften der vorliegenden Sammlung dar; es ist zudem die ausführlichste Erklärung von Feldenkrais’ Arbeit in der Kurzform eines Artikels. Wie in Somatics sind dem Text Fotografien von Michael Wolgensinger1, einem bekannten Schweizer Fotografen, beigefügt. Michael Wolgensinger und seine Frau Luzzi waren fast vierzig Jahre lang eng mit Feldenkrais befreundet.
Das Verhalten des Menschen ist fest in dem Selbstbild verankert, das dieser sich aufgebaut hat. Wenn jemand also sein Verhalten ändern möchte, wird es notwendig sein, dieses Bild zu verändern.
Was ist ein Selbstbild? Meiner Ansicht nach handelt es sich dabei um ein Körperbild, um die Form und die Beziehung der Körperteile zueinander, und das umfasst sowohl räumliche und zeitliche Bezüge als auch kinästhetische Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Alle diese Bestandteile bilden ein zusammenhängendes Ganzes.
Wie entsteht ein Selbstbild? Jeder empfindet seine Art zu gehen, zu sprechen und sich zu verhalten als unveränderlich und unverkennbar zu ihm gehörig. Wir identifizieren uns voll und ganz mit unserem Verhalten, so als wären wir damit geboren. Die Art und Weise, wie wir Gegenstände im Raum sehen, unsere Art, Bewegungen zu verfolgen, die Art, wie wir unseren Kopf neigen und Dinge betrachten, scheint angeboren zu sein, und wir halten es für unmöglich, irgendeines dieser Dinge zu ändern – abgesehen vielleicht von ihrer Geschwindigkeit, Intensität oder Dauer.
Ungeachtet dieser Überzeugung wird alles, was für das menschliche Verhalten wesentlich ist, erst durch eine lange Phase des Lernens erworben: Gehen, Sprechen, das dreidimensionale Sehen einer Fotografie oder eines Gemäldes. Unsere Bewegungen, unsere Sprache und unsere Einstellungen wurden allein den zufälligen Umständen unseres Geburtsortes und unseres Umfelds entsprechend erworben.
Wenn wir eine zweite Sprache erlernen, sprechen wir diese daher immer mit einem Akzent: Früheres Lernen steht neuem Lernen immer im Weg. Es ist schwierig, so zu sitzen wie Japaner oder Hindus, denn frühere Gewohnheiten stehen uns im Weg. Unabhängig von den zufälligen Umständen unserer Geburt hat die Schwierigkeit, die wir erfahren, wenn wir versuchen, mentale oder physische Gewohnheiten zu verändern, demnach wenig mit Vererbung zu tun, sondern vielmehr mit der allgemeinen Problematik, eine bereits erworbene Gewohnheit zu verändern.
Diese Schwierigkeit beruht offensichtlich nicht auf der Gewohnheit an sich, sie hat vielmehr mit zu tun, dass diese zufälligen Gewohnheiten zu einem früheren Zeitpunkt gebildet wurden. Es wird also deutlich, dass unser Selbstbild rein zufällig entstanden ist. Daraus ergibt sich die Frage, ob es möglich sein könnte, neue gewohnheitsmäßige Muster frei zu wählen, die angemessener sind und besser zur individuellen Persönlichkeit passen.
Sie müssen verstehen, dass es hier nicht darum geht, eine Verhaltensweise einfach durch eine andere zu ersetzen. Das wäre eine rein statische Veränderung. Ich spreche von einer Veränderung in unserer Verhaltensweise, die auf einen dynamischen Wandel im gesamten Prozess des eigenen Handelns abzielt. Lassen Sie uns ein kurzes Experiment durchführen, bevor wir das weiter verfolgen, um diese Möglichkeit fühlen zu können, anstatt sie nur zu verstehen.
Wenn Sie sich auf den Bauch legen und das rechte Knie anwinkeln, so dass der Unterschenkel nach oben zur Decke weist, werden Sie feststellen, dass das Verhältnis zwischen Fuß und Bein von Person zu Person stark variiert. Alle halten den Fuß in einer anderen Stellung. Das wird offenkundig, wenn wir ein Buch auf die Fußsohle legen: Die Ebene des Buches wird höchst wahrscheinlich nicht parallel zur Decke verlaufen, sondern eine gewisse Neigung aufweisen, die von Person zu Person variiert. Wir können sehen, dass die muskulären Kontraktionen von Bein und Fuß eine bestimmte Beziehung zueinander aufweisen. Selbst wenn die Muskulatur kein Gewicht trägt, befindet sie sich nicht in einem neutralen Muster. Sie folgt einem Muster, das vom eigenen Selbstbild vorgegeben wird. Dieses unverwechselbar individuelle Muster fühlt sich subjektiv sowohl völlig natürlich als auch unausweichlich an, da gewohnheitsmäßige Muster ins Nervensystem eingeschrieben sind. Das Nervensystem reagiert auf äußere Stimulation mit diesem gewohnheitsmäßigen vorgefertigten Muster, weil ihm kein anderes Muster der Antwort zur Verfügung steht. Um den dynamischen Wandel zu bewirken, um den es uns geht, müssen diese zwanghaften Muster aus dem Nervensystem entfernt werden, damit dieses frei handeln oder reagieren kann – nicht aus Gewohnheit, sondern der vorliegenden äußeren Situation entsprechend.
Schon etwa zwanzig äußerst langsame Bewegungen, bei denen die Aufmerksamkeit sowohl auf die Bewegungsbahn des Fußes als auch auf dessen unterschiedliche Bestandteile gerichtet ist, verändern die Dynamik dieser Beziehung zwischen Fuß und Bein. Beugen und strecken Sie den Fuß, und achten Sie dabei zum Beispiel auf die Bewegung der Ferse. Versuchen Sie, diese Bewegung weiter zu verfolgen und gleichzeitig die Bewegung des großen Zehs und – eine nach der anderen – auch der restlichen Zehen wahrzunehmen. Tun Sie das alles so sanft wie möglich; die Intensität der Bewegung zu verringern, trägt zu der Veränderung bei, die sich allmählich einstellen wird.
Wenn Sie auf die Bewegung der einzelnen Zehen im Raum achten, wird es Ihnen individuell unterschiedlich schwer oder leicht fallen, diese Teile des Fußes zu spüren. Etwaige Schwierigkeiten beruhen auf der Tatsache, dass unterschiedliche Grade an Klarheit eine Diskontinuität im Fluss der Bilder bewirken, die wir von diesen Körperteilen haben.
Versuchen Sie ein anderes Bewegungsmuster mit dem Fuß: Bewegen Sie die Fußspitze im Kreis, während Sie gleichzeitig versuchen, die entsprechende Bewegung Ihrer Ferse zu spüren. Halten Sie unvermittelt in der Bewegung inne, und nehmen Sie wahr, wie überraschend schwierig es in manchen Positionen ist, genau zu wissen, wo sich die Ferse befindet, während es in anderen Positionen verhältnismäßig leicht ist.
Machen Sie die Bewegung nun ganz, ganz langsam, beschreiben Sie dieses Mal eher kleine Bögen als einen vollständigen Kreis. Halten Sie an verschiedenen Stellen inne, und versuchen Sie erneut, die genaue Position der Fußspitze und der Ferse im Verhältnis zur Achse des auf dem Boden liegenden Beins zu spüren.
Versuchen Sie dann, die Fußspitze nach links und rechts zu bewegen, während Sie gleichzeitig die gegenläufige Bewegung der Ferse verfolgen. Sie werden merken, dass die Ferse keiner horizontalen Linie folgt und sich am äußersten linken und rechten Ende ihrer Bewegungsbahn ziemlich unterschiedlich verhält.
Probieren Sie ein weiteres Bewegungsmuster: Drehen sie die Fußspitze nach innen, wodurch die Ferse zur rechten Seite nach außen bewegt wird; drehen Sie dann die Fußspitze zurück nach außen, indem Sie einen kleinen Halbkreis beschreiben, dessen Bogen mal über oben, mal über unten verläuft. Machen Sie diese Bewegung extrem langsam, bis Sie sie in ein vollständiges Kreisen der Ferse verwandeln können, während Sie sich die ganze Zeit über der entsprechenden Bewegung der Fußspitze bewusst sind. Präzisieren Sie das Verfolgen der Fußspitze, indem Sie nacheinander auf den großen Zeh, den zweiten Zeh, den dritten, den vierten und den kleinen Zeh achten. Kehren Sie den Kreis von Zeit zu Zeit um, und machen Sie solange weiter, bis die räumlichen Muster einfach, schlicht und klar werden, d.h. bis sich die räumlichen Muster so anfühlen wie die normalen Bewegungen, die Teil unseres Selbstbilds sind, und die gleiche Schlichtheit, Klarheit und Leichtigkeit aufweisen.
Führen Sie diese Bewegungen ohne jede Anstrengung aus, und versuchen Sie in keinster Weise, sie schwierig zu machen. Wenn Sie verwirrt sind, hören Sie einfach auf und fangen noch mal von vorn an.
Sie werden merken, dass jedes Mal eine Veränderung in Ihrer Atmung auftritt, wenn Sie an eine Stelle kommen, an der es Ihnen schwer fällt, die Bewegung zu verfolgen. Halten Sie bei jeder Verwirrung inne, warten Sie, bis sich Ihre Atmung allmählich wieder normalisiert. Nach einiger Zeit werden Sie merken, dass der Fluss der räumlichen Bilder von Ferse und Zehen umso einfacher wird, desto beständiger Ihre Atmung bleibt. Und es wird Sie überraschen, wie rasch dann die Zeit verfliegt.
Wenn Sie nun das rechte Bein ausstrecken, wird es Ihnen länger vorkommen. Sie werden eine Veränderung in den kinästhetischen Empfindungen erfahren, nicht nur in den Muskeln und Gelenken des rechten Fußes, sondern auf der gesamten rechten Körperseite. Das rechte Auge wird Ihnen offener erscheinen und tatsächlich offener sein. Die gesamte rechte Gesichtshälfte wird tatsächlich länger und die Muskeln entspannter sein.
Wenn Sie aufstehen, werden Sie deutliche Veränderungen in der Bewegung des rechten Fußes feststellen; auch der Kontakt mit dem Boden wird sich anders anfühlen. In der gesamten rechten Körperhälfte werden sich verschiedentliche Veränderungen feststellen lassen. Der Kopf wird sich leichter und weiter nach rechts drehen lassen als nach links. Wenn Sie den rechten Arm langsam nach oben über den Kopf heben, nach unten sinken lassen und dann das Gleiche mit dem linken Arm wiederholen, wird sich Ihr rechter Arm wahrscheinlich leichter anfühlen.
In der gleichen Weise können Sie diese Übungsreihe mit dem Kopf anstelle der Ferse durchführen: Neigen Sie den Kopf, bringen Sie ihn dann in die Aufrechte zurück, während Sie auf seine räumliche Ausrichtung im Verhältnis zu verschiedenen Bereichen der linken Körperhälfte achten, zum Beispiel im Bezug zur Schulter, zum Schlüsselbein, zur Wirbelsäule usw. Sie werden eine ähnliche Veränderung feststellen: Eine Veränderung im Tonus der Muskulatur der gesamten linken Seite bis hin zu den Zehen.
Angesichts dieser Beobachtungen liegen ein paar wichtige Schlussfolgerungen nahe:
Obwohl beide Seiten des Körpers am Neigen und Aufrichten des Kopfes gleichermaßen beteiligt waren, wies nur die Seite, die einer bewussten sorgfältigen Beobachtung unterzogen wurde, Veränderungen im Muskeltonus, größere Leichtigkeit in der Bewegung und ein gesteigertes Wohlbefinden auf. Das bedeutet, dass Bewegung an sich – abgesehen von einer gewissen Verbesserung der Zirkulation und anderen geringfügigen körperlichen Vorteilen – nur wenig Bedeutung zukommt. Die Veränderung, die bei zwei sich identisch bewegenden Seiten auftrat, beruhte demnach auf der bewussten Aufmerksamkeit auf eine Seite und der Klärung ihrer räumlichen Ausrichtung. Es ist von signifikanter Bedeutung, dass sich die Veränderung nur auf der Seite zuträgt, auf die der Fokus gerichtet war: Es weist darauf hin, dass die Veränderung über extrapyramidale Bahnen des Nervensystems vollzogen wurde.Da die Veränderung die gesamte Seite betraf, auf die unsere Aufmerksamkeit gerichtet war, müssen wir davon ausgehen, dass sie sich im Nervensystem selbst zugetragen hat.Diese Veränderung wird sich nicht sofort auflösen, sondern – je nachdem, wie lange die Übung gemacht wurde und wie klar die räumlichen Bezüge vergegenwärtigt wurden -zwischen mehreren Stunden bis zu einigen Tagen anhalten.Die Signifikanz dessen, was diese Technik im zentralen Nervensystem auslöst, wird unterstrichen von der Tatsache, dass die gleichen Veränderungen auf der gegenüberliegenden Körperseite durch eine rein mentale Anstrengung erzielt werden können, bei der wir, ohne die geringste äußere Bewegung, unsere Aufmerksamkeit für die kinästhetischen Empfindungen systematisch von der einen Seite des Körpers zur anderen lenken. Während mehr als eine halbe Stunde nötig war, um die ursprünglichen Veränderungen auf der ersten Seite zu erzielen, wird die zweite Seite innerhalb weniger Minuten die gleichen Veränderungen aufweisen, allein durch das systematische, schrittweise und bewusste Überprüfen der Unterschiede zwischen beiden Seiten von Kopf bis Fuß.
Feldenkrais in den späten 1960er-Jahren
Nach einem solchen Prozedere ist vielleicht besonders wichtig hervorzuheben, wie befriedigend es ist, die eigenen gewohnheitsmäßigen Arten und Weisen des Gebrauchs von Kopf oder Füßen zu verändern. Diese Veränderung lässt uns erkennen, wie weit unsere üblichen Gewohnheiten der Selbstkontrolle entfernt sind davon, was sie sein könnten, zu was sie wirklich gedacht sind. Wir werden im Folgenden versuchen, das zu verdeutlichen.
Es zeigt sich, dass diese Übung in bewusster Aufmerksamkeit in bestimmten Bereichen des Selbstbilds eine besonders große Wirkung erzielt. Das bedeutet, es gibt ein System von Prioritäten, das solche Übungen leichter und methodischer machen kann.
Unterstützend dazu ist anzumerken, dass ein Neugeborenes seine erste Beziehung mit der Außenwelt über den Mund eingeht. Der Gebrauch des Mundes erfordert von Anfang an eine besondere Ausrichtung des Kopfes im Raum. Die Entwicklung unserer telerezeptiven Sinne (Hören, Sehen, Riechen) erfordert nach und nach spezielle Bewegungen des Kopfes.
Die telerezeptiven Sinne, die in gleichmäßigem Abstand zueinander paarig angelegt sind, können die Richtung und die Entfernung von Objekten nur durch ein Bewegen des Kopfes korrekt einschätzen. Hör-, Seh- und Geruchssinn haben komplexe neurologische Funktionen, die eine Rotation des Kopfes erfordern, damit die ausgeglichene Stimulierung der paarigen Sinnesorgane das Gesicht direkt zur Quelle dieser Stimulation hin ausrichten kann. Der Kopf dient als eine Art Periskop des zentralen Nervensystems, um sensorische Information ins Gehirn zu leiten.
