Verliebt in einen Weihnachtsmann? - Alissa Sky - E-Book

Verliebt in einen Weihnachtsmann? E-Book

Alissa Sky

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Beschreibung

Nachdem Richard Karnin wegen einer Prügelei mit einem "Weihnachtsmann" zu hundert Sozialstunden verdonnert wurde, kommt er ausgerechnet in einen Wohltätigkeitsverein, der Weihnachtsstimmung bei Groß und Klein verbreitet. Für Richard eine mittlere Katastrophe, wenn da nicht der überaus anziehende Santa-Darsteller Leonhard wäre. Aber ist dieser wirklich der nette Junge von nebenan oder verbirgt er ein Geheimnis, das ihre frisch erblühende Beziehung erschüttern könnte?

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Seitenzahl: 148

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Alissa Sky

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2018

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© drubig-photo – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-263-2

ISBN 978-3-96089-264-9 (epub)

Inhalt:

KAPITEL 1

Eine schöne Bescherung

„Das letzte Wort hat der Angeklagte.“

Die Richterin rückte ihre Brille zurecht. Es war ein recht hässliches, sehr altmodisches Schalenteil, das sie auf jeden Fall tragen wollte, aber nicht musste, weil Richter ja wie dämlich verdienten. Richard hasste es. Am liebsten hätte er es zum nächsten Fenster hinausbefördert. Natürlich hätte er das aber niemals getan. Er hatte seine Emotionen immer im Griff. Immer. Er hatte nicht im Ansatz ein Aggressionsproblem. Jeder Trottel erkannte das.

„Herr, Karnin? Sie haben das letzte Wort, wenn Sie es wünschen. Verpflichtet dazu sind sie nicht. Herr Vogt, hat Ihr Mandant uns noch etwas zu sagen?“

„Nein, Euer Ehren. Wir denken, dass wir im Laufe der …“

„Ich habe in der Tat noch etwas zu sagen!“

Richard sah aus den Augenwinkeln, wie sein Anwalt ihn mit offenem Mund anstarrte. Sein Onkel war bei der letzten Besprechung sehr deutlich gewesen: Sich schuldbewusst und nervös geben, nur reden, wenn man gefragt wurde, und keinesfalls – „Nicht einmal daran denken, Richie!“ – abfällige Kommentare von sich geben.

Aber die Richterin hatte ihn explizit dazu aufgefordert, seinen Senf zu dieser Farce abzugeben. Und der Teufel sollte ihn holen, wenn er nicht das Recht dazu hatte, seine Unzufriedenheit mit diesem Gericht kundzutun!

„Nun, bitte!“ Die Richterin hob eine Hand, als wäre sie die Königin von England und würde einem unwürdigen Diener eine Brotkrume zuwerfen. „Dann machen Sie uns doch die Freude!“

Richard erhob sich und räusperte sich in seine Faust, ehe er die Arme hinter dem Rücken verschränkte und sich breitbeinig hinstellte. Er wollte die Aura eines Soldaten ausstrahlen, was ihm durch Großvater, Vater, einen Onkel und seine ältere Schwester mehr oder weniger in die Wiege gelegt worden war. Welchen Eindruck das auf andere machte, war ihm durchaus klar. Er selbst war als Kind immer davon eingeschüchtert worden und seine Schwester, die im Moment Höchstrangige in der Familie, schaffte es immer noch.

„Wir haben in diesem Gerichtssaal eine Menge gehört“, begann Richard und ließ seinen Blick über ein paar Gesichter streifen. „Vor allem geilen sich die meisten hier auf, weil ich einen ‚Weihnachtsmann‘ k. o. geschlagen habe. Dazu gibt es nur eines zu sagen: Es gibt keinen Weihnachtsmann! Der Säufer mit der roten Nase ist nur ein übergewichtiges Plagiat von dem tatsächlich historisch belegten Sankt Nikolaus! Aber der ist ja ein Heiliger und Gott bewahre, dass Kinder noch mit Religion in Kontakt gebracht werden, wenn es nicht kapitalistischer Geldmache oder dem linksterroristischen Parteibuch dient! Sie zeigen mich an, weil ich einem beschissenen Werbemaskottchen eine gescheuert habe? Aber Kindergärtnerinnen werden raugeschmissen, wenn sie es wagen, einen Nikolaus-Darsteller mit Geschenken für die Kinder einzuladen? Ist das die Zeit, in der wir leben? Ist das die Zeit, in der wir leben wollen? Das ist gelebte Heuchelei und nichts anderes! Und das muss einmal gesagt sein! Danke.“

Richard setzte sich wieder auf seinen Stuhl und zum ersten Mal seit Beginn der Verhandlung fühlte er sich wohl. Er war aber offensichtlich der Einzige, dem es so ging.

„Richie!“, murmelte Onkel Bernhard und rieb sich die Stirn.

„Ich habe nur gesagt, wie es ist!“, brachte er gerade noch heraus, ehe die Richterin erneut das Wort ergriff. Das Schöffengericht zog sich nun also zurück, um über das Strafausmaß zu verhandeln. Richard war das nur recht. „Holen wir uns irgendwo ein Bier?“

„Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee. So stark wie möglich.“

Sie marschierten also nach draußen und verschwendeten ein paar Euro für die minderwertige Brühe, die man dort aus dem Automaten bekam. Tante Liesl, eine waschechte Wienerin aus Leidenschaft, hätte sich wohl eher in der Damentoilette erhängt, als dieses Zeug runterzuschlucken. Sein Onkel sippte aber sofort an seinem Becher, sobald er ihn in die Hand bekam – obwohl er noch dampfte und damit viel zu heiß dafür sein musste. Richard bemerkte erst in diesem Moment, dass seine Finger zitterten. Wow! Dieser Witz von einem Prozess nahm seinen Onkel ganz schön mit. Einen Moment fühlte sich Richard fast so etwas wie schuldig. Dann aber auch wieder nicht. Immerhin war sein Onkel jahrelang als Anwalt tätig gewesen.

Er kam nicht dazu, diese Erkenntnis anzusprechen, denn sie wurden überraschend schnell wieder in den Verhandlungssaal gerufen. Das bestärkte Richard nur in seinem Verhalten. Wenn das Urteil so schnell gefällt worden ist, kann es nur gut für mich aussehen, dachte er mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen. Da blieb es auch so lange, bis er wieder bei der Anklagebank ankam und er zumindest Anteilnahme an dem Geschehen heucheln musste. Er schaffte es sogar, bis die Richterin die ersten Floskeln heruntergerattert hatte. Danach lächelte er wieder überlegen vor sich hin.

Die alte Frau schaute ihn direkt durch ihre hässliche Brille an, ließ sich von seiner Art aber nicht im Geringsten ablenken. Sie sprach, ohne mit der Wimper zu zucken, weiter: „Da Herr Mayer selbst von einer Anzeige abgesehen hat …“

Das alleine war schon Beweis dafür, dass er seine Zeit in diesem Gericht verschwendete. Nicht einmal der Typ, den er niedergeschlagen hatte, wollte ihn vor einem Richterstuhl sehen. Das ist aber auch das Mindeste, dachte Richard mit aufkommender Wut. Immerhin hatte dieser Mistkerl mit seinem Freund geschlafen! Der Dreckskerl hatte seine Beziehung zerstört und seine ganze Lebensplanung noch dazu! Er hatte mehr verdient als einen gezielten Schlag auf die Nase! Zumindest sah der Männerdieb seine Schuld wohl ein und hatte deswegen auf die Anzeige verzichtet, die ihm der übereifrige Kaufhausmanager eingebrockt hatte. Wahrscheinlich, um Werbung für das miese, überschätzte, uralte Einkaufszentrum am Stadtrand zu machen, damit wenigstens ein paar hippe Kids den Namen mal lasen.

Richard hörte gar nicht richtig zu, als ihm die Richterin den Tagessatz für seine Geldstrafe vortrug. Er war so geladen, er konnte es noch immer nicht fassen und sich deswegen auch nicht konzentrieren. Seine Fäuste ballte er inzwischen so fest, dass seine manikürten Nägel sich in die Handballen gruben. Es war nicht zu fassen! Ein Schlag … ein einziger Faustschlag ins Gesicht dieses freundestehlenden Mistkerls und er wurde verurteilt? Was war nur aus den Männern dieser Welt geworden? Wo waren die Typen geblieben, mit denen man sich fast totgeprügelt hatte, nur um danach zusammen ein Bier zu trinken und es auf sich beruhen zu lassen?

Onkel Bernhard gab ihm einen Stoß in die Seite.

Richard bemühte sich, seine Finger zu entspannen und seinen Mörderblick zumindest auf sein Was-soll-der-Scheiß-Starren herunterzufahren. Es klappte wahrscheinlich nicht so ganz.

„Darüber hinaus denke ich, dass es mit einer Geldstrafe nicht getan sein wird.“

Was? Moment mal! Was redete die alte Frau da bitte? Es ging doch niemand für einen Schlag ins Gesicht ins Gefängnis! Zugegeben, er hatte mit aller Kraft zugelangt und den Typ zum Glück – für ihn! – gleich mit dem ersten Schlag ausgeknockt … Aber was wollte die böse Schneekönigin denn noch? Man musste die Kirche auch mal im bayrischen Bergdörfchen lassen!

„Sie werden zusätzlich hundert Sozialstunden ableisten … und zwar diesen Dezember bei der ‚Weihnachten für Alle‘-Organisation. Dort werden Sie hoffentlich erkennen, dass es bei deren Auftritten nicht um ‚kapitalistische Hirnwäsche der US-Großkonzerne‘, sondern tatsächlich um Hilfe für ärmere Familien hier bei uns geht …“

Die Richterin redete noch mindestens zwei Minuten weiter und genoss das wahrscheinlich auch noch. Richard bekam davon aber nichts mehr mit, denn er starrte nur noch seinen Onkel an und schwor sich, niemals mehr ein Familienmitglied mit irgendeiner Aufgabe zu betrauen.

KAPITEL 2

Ein Schneemann wie ein Gletscher

So fand sich Richard ein halbes Jahr später widerwillig aber doch im Gemeindezentrum wieder, in dem sich die Organisation mit dem einfallslosen Namen „Weihnachten für Alle“ eingefunden hatte, um die nächsten Auftritte zu besprechen. Eine hübsche Schwarzhaarige mit gigantischen Locken, die bei jedem Schritt hin- und hersprangen, gab den Ton an und führte ihn auf gewaltigen Stöckelschuhen im Gebäude herum. Das Klick-Klack der Absätze ging Richard schon nach den ersten fünf Minuten auf die Nerven, aber er riskierte nicht, für den Aufwaschdienst eingeteilt zu werden. Noch machte er gute Miene zum bösen Spiel und folgte Frau Laimner wie ein braves Entchen seiner Mutter von einem ihm völlig unbedeutenden Fleckchen zum nächsten. Irgendwann reichte es ihm aber doch und er räusperte sich bestimmt, ehe er schroff fragte: „Frau Laimner, könnten wir erst mal besprechen, welche Aufgaben ich hier zu erledigen habe? Ich muss nicht das ganze Gemeindezentrum auswendig kennen, wenn ich nur den Abwasch machen oder die Kostüme bügeln soll.“

Die junge Frau blieb sofort stehen und drehte sich ihm auf den Absätzen zu. Es sah fast cool aus. Natürlich hätte er sich das aber nie eingestanden. Soweit sollte es noch kommen, dass er seine Sklaventreiberin spannend fand!

Die Schwarzhaarige konnte seine Gedanken zum Glück nicht lesen und stützte ihre Hände in die Seiten. „Nicht Frau Laimner. Juliane reicht auch. Die Einteilung macht allerdings Dottie. Da rede ich ihr nichts rein. Ich spiele nur Reiseleiterin, weil sie noch etwas Wichtiges zu erledigen hat und sich etwas verspätet. Oh! Wenn man vom Teufel spricht!“

Hinter ihm erklangen Schritte. Richard drehte sich also um und entdeckte eine hübsche, aber etwas untersetzte Person, die die Stufen zu ihnen heraufgelaufen kam. Sie trug immer noch ihre Jacke und ihre Wangen waren von der Kälte draußen rot geworden. Irgendwie machte sie einen sympathischen Eindruck. Vielleicht kam das aber nur daher, weil sie der Version der Frau Holle aus seinem Lieblingskinderbuch ähnlich sah.

Na bravo!

„Da seid ihr ja! Ich habe euch schon im ganzen Zentrum gesucht!“ Die junge Frau blieb eine Stufe unter ihm stehen und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Dorothea, aber alle sagen Dottie zu mir. Ich leite zwar unsere Aktionen, aber ich bin auch das Mädchen für alles. Bei Problemen und Fragen einfach immer zu mir kommen.“

„Und wenn mir das alles zu doof wird und ich einfach ganz lieb um die Unterschrift bitte, dass ich die Stunden hier abgeleistet habe? Komme ich dann auch zu Ihnen?“

„Nein, natürlich werden hier keine Strafen erlassen. Das dürfen wir auch nicht. Immerhin hat ein Gericht das Urteil gefällt. Und wie gesagt: Ich bin Dottie. Wir alle duzen uns hier. Das bessert die Stimmung.“

Damit habe ich ein Problem, dachte Richard.

„Damit habe ich echt ein Problem!“, sagte er schließlich auch. Besser, die Fronten waren von Anfang an geklärt.

„Wer sich nicht mit der Philosophie der Organisation anfreunden kann, darf jederzeit gehen.“

„Ich darf nicht jederzeit gehen“, erinnerte er seine Vorgesetzte auf Zeit an die Tatsachen.

„Eben!“, erwiderte sie mit einem Lächeln, das nicht zu der immer freundlichen Mimik einer sogenannten Weihnachtselfe passte. Dieses kleine, verschlagene Miststück! „Also weiter! Wir haben erst die Hälfte unserer Führung durch!“

Während sie das letzte Stockwerk zusammen durchgingen, zog sich Dorothea die Jacke aus und präsentierte damit auch den Rest ihres Kostüms. Richard fand es immer noch seltsam, dass die Chefin eines Vereins sich unter die einfachen Mitglieder mischte, aber ihm war nicht nach Smalltalk, also ließ er sie einfach reden und reden und reden … Er hörte ohnehin nur mit einem Ohr zu, während er sich die Trostlosigkeit anschaute, die das Gemeindezentrum ihrer Stadt darstellte.

„So, damit hätten wir die letzte Station unserer Tour erreicht“, verkündete Dorothea irgendwann und hängte ihre Jacke an einen Kleiderhaken, der sich in einer Umkleide befand, die verdammt an die eines Schulturnsaals erinnerte. Das Licht flackerte allerdings unheimlich und auch die Fenster waren nur schmale Schlitze. Das perfekte Ambiente für einen Horrorfilm, dachte Richard und knirschte mit den Zähnen. Seine Führerin schien das anders zu sehen, denn sie war immer noch guter Stimmung. Ihre Stimme klang sogar fröhlich. „Das ist der wichtigste Ort für dich. Hier kommst du zu den zugeschickten Uhrzeiten her, sprichst dich mit mir oder einem der anderen Mitglieder ab und ziehst dich um. Wenn du als Erster hier bist, wartest du bitte genau hier auf den Ersten von uns. Sollte aber ohnehin nicht zu oft vorkommen.“

Darauf konnte sie Gift nehmen. Nichts auf der Welt konnte ihn dazu bringen, hier auch noch früher als verlangt aufzuschlagen.

„Umziehen …“, wiederholte Richard plötzlich, als er das Wort so richtig registriert hatte. „Du meinst ausziehen … meine Jacke und meinen Schal … ehe ich bei der Büroarbeit helfe?“

„Ach Quatsch.“ Dorothea lachte und klopfte ihm auf die Schulter. Auf kameradschaftlichen Körperkontakt mit Fremden konnte er verzichten. „Du bist mit uns direkt an der ‚Front‘. Ich bin sicher, das erfreut einen echten Kerl wie dich.“

Ihr Schleimen konnte sie sich auch sparen. Vor allem, weil es nicht wie Einschmeicheln, sondern Verarsche rüberkam.

„Ich bin ideal für Zahlen- und Büroarbeiten. Am besten könnte man mich also an der Spitze einsetzen.“

„Das ist schon mein Job und ich habe ein eigenes System, das dir zu erklären mehr Arbeit machen als mir helfen würde. Nein, wir brauchen vor allem bei den Darstellern Männer. Schau mal nach rechts! In den Kisten dort drüben befinden sich die Kostüme für die Elfen, Schneemänner und natürlich unseren Santa. Da steht er übrigens auch schon! Nur noch ohne seinen österreichischen Anzug.“

Seine Gesprächspartnerin schaute ihn erwartungsvoll an. Er verstand den Witz mit dem Rot-Weiß-Rot auch durchaus. Ihm war nur nicht nach Lachen zumute. Und er würde bestimmt nicht aus Solidarität über einen derartigen Scherz lachen. Soweit kam’s noch! Stattdessen konzentrierte er sich auf das Wesentliche: „Der Zwerg ist euer Weihnachtsmann? Da sehen die Elfen im Vergleich ja wie Riesen aus.“

„Tja, der letzte Santa von ansehnlicher Größe wurde letztes Jahr in einem Einkaufszentrum ausgeknockt.“

Na klasse! Jetzt machte sie ihm auch noch ein schlechtes Gewissen. Es war aber logisch, dass man den Mitarbeitern von „Weihnachten für Alle“ Bescheid gegeben hatte, wieso er sie mit seiner unfreiwilligen Anwesenheit beehrte.

„Ich ziehe auf keinen Fall einen Weihnachtsmannanzug an!“, stellte Richard bestimmt klar, ehe die „Weihnachtselfe“ noch auf den Gedanken kam, dass er sich mit seiner Bemerkung freiwillig als Santa meldete.

„Du würdest auch keinen anziehen dürfen, wenn du der einzige Mann im Team wärst. Der muss immerhin ein Gespür für Leute und vor allem auch Kinder haben.“

„Ich kann gut mit Kindern“, log er, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Das glaube ich ungefragt“, kommentierte sie seine Lüge mit einer eigenen. Nein, sie würden nicht mehr warm miteinander werden. „Komm gleich mal mit! Ich zeige dir deine Arbeitskluft für die Sozialstunden.“

Dottie war eine Frau der Tat, was den kindlichen Spitznamen nur noch unpassender machte. Sie hievte einen Karton von den anderen und stellte ihn neben Richard auf die Sitzbank, ehe sie ihn öffnete und den gewaltigen Kopf eines Kostüms anhob.

„Was …?“

„Das ist unser Snowy. Snowy der Schneemann.“

„Schneemann?“ Das meinte die kleine Blondine doch hoffentlich nicht ernst. Er würde sich zum Volldeppen machen, wenn er damit durch überfüllte Einkaufshäuser zog. Wenn ihn Kollegen so zu sehen bekämen, würde er zum Gespött im ganzen Gewerbe.

„Die Kinder lieben Snowy besonders und das Krankenhaus fragt manchmal sogar speziell wegen ihm an. Wir haben nur leider so selten Teilnehmer, die groß genug für ihn sind.“

„Schneemann“, wiederholte Richard ein zweites Mal. „Das ist doch jetzt wieder ein Scherz, oder? Ich bin ein großer Mann und der Rest von euch sind ein Zwerg und Frauen! Ich würde wie ein Gletscher aus eurer Truppe herausragen!“

„Wirst.“

„Was?“

„Wirst! Du wirst wie ein Gletscher aus unserer Gruppe herausragen.“ Dottie grinste ihn zwar von unten an, aber sie schaute doch auch von ganz weit oben auf ihn herab. Das stank Richard so sehr! Und dann setzte sie auch noch einen drauf! „Und damit das auch richtig schön zur Geltung kommt, werde ich heute noch einen super großen Zylinder ausleihen gehen, damit du gleich noch größer wirkst! Oh, übrigens! Hast du weiße Schminke für dein Gesicht oder soll ich sie dir bereitstellen?“

KAPITEL 3

„Bring es einfach hinter dich!“

„Ich muss da raus! Berni, du musst mich da rausholen! Schminke! Die wollen mich wie eine beschissene Transe verunstalten! Da hört bei mir echt der gute Geschmack auf!“

„Jetzt komm mal wieder runter!“, befahl Renée scharf wie beim Militär. „Erstens, kann dich niemand dazu zwingen, genau diese Aufgabe zu übernehmen, und zweitens, sei doch froh, dass du dir die Visage unter Schminke verstecken darfst. Das ist gut für die Allgemeinheit, vor allem aber für dich selbst! So erkennt dich wenigstens niemand, wenn du mit einem Schneemannanzug durch die Stadt ziehst. Oder legst du es darauf an, dass dir alle Kunden abspringen, wenn sie dich so sehen?“

Sie waren Geschwister und natürlich gab es deswegen ein liebevolles Necken zwischen ihnen, aber dass seine Schwester nicht einmal in einer solchen Lage auf ihn Rücksicht nehmen konnte, machte Richard wütend. Es half auch nichts, dass sie einen Moment später wieder Partei für ihn ergriff.

„Wie ist es überhaupt so weit gekommen? Ich dachte, du warst so gut als Anwalt, Berni? Da müsste es doch ein Klacks gewesen sein, Richie vor größeren Unannehmlichkeiten zu schützen!“

„Es ist nicht meine Schuld, dass diese Strafe dabei rausgekommen ist“, verteidigte sich Onkel Bernhard beinahe beleidigt. „Du hast seine abschließenden Worte ja nicht gehört! Die Richterin hätte ihm wegen Missachtung des Gerichts gleich noch eine Strafe aufbrummen können! Davon abgesehen, hat mir Richie ja nicht erlaubt, meine Verteidigung auf dem tatsächlichen Sachverhalt aufzubauen.“