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Aram Mattioli erzählt die Geschichte Nordamerikas zwischen 1700 und 1900 aus der Sicht der »First Peoples«. Eingehend ergründet er die politischen Motive aller Seiten im erbarmungslosen Kampf um den Kontinent, der zur Vernichtung der Lebensformen und der Kultur der Indianer führte. Umfassend erzählt und deutet Aram Mattioli die Geschichte der Indianer und ihrer Vernichtung vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Anschaulich schildert er die globalen Ereignisse vor dem Hintergrund aller zentralen Zeiterscheinungen. Eindringlich beschreibt er den langen und gewaltsamen Prozess der Kolonisierung durch die weißen Siedler. Zugleich bezieht er stets die Sicht der »Besiegten« gleichberechtigt in die Betrachtung mit ein und zeigt eindrucksvoll, wie indianische Nationen ganz unterschiedlich auf die Landnahme reagierten. Daneben kommen die kulturellen Leistungen der Indianer ebenso zur Sprache wie die großen sozialen Umwälzungen und die vielfältigen Lebensformen. In packenden Szenen beschreibt der Autor die entscheidenden Kämpfe und zeichnet treffende Porträts der einfachen Menschen wie der großen politischen Akteure. Ein anregendes und brisantes Buch über die Verwandlung der amerikanischen Welt, das nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart ein neues Licht wirft. »Im deutschsprachigen Raum hat es bis jetzt kein vergleichbares Werk über die Indianer mit dieser Perspektive gegeben.« Pirmin Bossart, Luzerner Zeitung »Der Schweizer Historiker Aram Mattioli hat in seinem Buch ›Verlorene Welten‹ die Geschichte der Indianer Nordamerikas zwischen 1700 und 1910 so aufgeschrieben, dass man das Buch, einmal angefangen, nicht mehr zur Seite legt.« Jochen Siemens, Stern »Aram Mattioli sagt kein Wort zu viel. Er beschreibt nur, was geschah, und das reicht, um sich mit dem Gedanken zu plagen, dass die moderne Welt in ihren Ursprüngen rassistisch ist.« Eberhard Rathgeb, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Aram Mattioli
Verlorene Welten
Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700–1910
Klett-Cotta
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Klett-Cotta
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© 2017, 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
unter Verwendung eines Fotos von © akg-images / WHA / World History Archive
Karten: Rudolf Hungreder, Leinfelden-Echterdingen
Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde
Printausgabe: ISBN 978-3-608-96325-0
E-Book: ISBN 978-3-608-10857-6
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
1.
Einleitende Bemerkungen
2.
Nordamerika in der ersten Kolonialzeit
Geteilte Welt, getrennte Schicksale
Imperiale Rivalitäten und die Zäsur von 1763
Pontiac und der Widerstand der Ohio-Nationen
Die Missachtung des Siedlungsstopps
Der andere Unabhängigkeitskrieg
Eine neue Welt der Gewalt
3.
Die weiße Siedlerrepublik und die »Wilden«
Das Janusgesicht der Republik
»Expansion with honor«
Der Vorstoß in den »Old Northwest«
Thomas Jefferson und die Zukunft der Nation
Lewis und Clark im indianischen Westen
Assimilation oder panindianischer Widerstand?
4.
Die Umsiedlungsära: das Projekt des indianerfreien Ostens
Der Britisch-Amerikanische Krieg als historische Zäsur
Andrew Jackson, der erste Frontier-Präsident
Umsiedlung – die neue, demokratisch legitimierte Indianerpolitik
Die Deportation der Choctaw
Die Tragödie der Cherokee
Der bewaffnete Widerstand der Seminole
5.
Kalifornien in der Goldrausch-Ära
Gesellschaft im Umbruch und »Manifest Destiny«
Der neue Expansionsschub unter James K. Polk
Alta California in der spanischen Kolonialzeit
Die mexikanische Ära: die Zeit der Ranchos
Der Goldrausch und die Invasion der Glücksritter
Frontiergewalt und die Komplizenschaft des Staates
6.
Die Unterjochung der Plains-Nationen
Die Welt der nomadisierenden Bisonjäger
Vorboten der weißen Invasion
Abraham Lincoln und die Erschließung des Westens
Kriegszone der besonderen Art
Der Widerstand der Sioux, Cheyenne und Arapaho
Das letzte Aufbäumen
7.
Die Pulverisierungsmaschine und die Erfindung des »Wilden Westens«
Endstation Reservatsleben
Versuchter Ethnozid: »Töte den Indianer, rette den Menschen«
Der »Dawes Act« und die Privatisierung des Reservatslandes
Wovoka und die Geistertanzbewegung
Sitting Bulls Ende und das Massaker von Wounded Knee
Die Eroberung des Westens in der frühen Massenkultur
8.
Epilog
Dank
Anhang
Literaturverzeichnis
Globale Kontexte
Geschichte und Kultur der nordamerikanischen Indianer
Indianische Selbstzeugnisse
Geschichte der USA
Empire building, Indianerpolitik und Genozidproblematik
Bevölkerungsgeschichte und Epidemien
Koloniales Nordamerika
Amerikanische Revolution und Unabhängigkeitskrieg
Frühe Republik
Der Traum vom indianerfreien Osten: die Umsiedlungsära
Mexikanisch-Amerikanischer Krieg und Kalifornien
Der Verlust des Westens
Frühe Reservatszeit und versuchter Ethnozid
Der »wilde Westen« in der frühen Populärkultur
Anmerkungen
Namensregister
Nationenregister
Zeittafel
Karten
»It’s been seven lifetimes since Europeans first arrived on the shores of North America. Our ancestors, of course, had already lived here for many thousands of years. But as early as that very first encounter, extraordinary events began to occur among us. That initial meeting touched off a shock wave that was felt by Indian people right across the continent. And is still felt to this day.«
Tomson Highway(1), Angehöriger der Cree(1)-Nation, 1989
»The cyclone of civilization rolled westward; the forests of untold centuries were swept away; streams dried up; lakes fell back from their ancient bounds; and all our fathers once loved to gaze upon was destroyed, defaced, or marred, except the sun, moon and starry skies above, which the Great Spirit in his wisdom hung beyond their reach.«
Simon Pokagon(1), Potawatomi(1), »The Red Man’s Rebuke«, 1893
Es gibt Themen, die lassen einen ein Leben lang nicht los, ohne dass man genau zu sagen wüsste, weshalb. Ein solcher Gegenstand war und ist für mich die Zerstörung des indianischen Nordamerikas und die damit einhergehende Beinahe-Ausrottung der First Peoples. Wie viele Jungen meiner Generation wuchs ich mit den »Lederstrumpf«- und »Winnetou«-Verfilmungen auf, mit den »Silberpfeil«-Heften und natürlich den amerikanischen Filmwestern, die in den 70er Jahren zu den besten Sendezeiten über den Bildschirm flimmerten. Früh ahnte ich, dass mit diesen Heldenepen etwas nicht stimmen konnte. Obschon es weiße Trapper, Siedler, Cowboys und Kavalleristen waren, die sich in die »Wildnis« aufmachten, sich fremdes Land aneigneten und »feindliche Indianer« in großer Zahl niedermachten, wurden sie stets als die Guten gezeigt. Die durch das Fernsehen weltweit verbreitete Nachricht, dass militante Anhänger des American Indian Movement den symbolträchtigen Weiler Wounded Knee in South Dakota besetzt hätten, erschütterte im Februar 1973 meine von Comics, Filmen und Büchern genährte Fantasiewelt. Über Wochen lieferten sich Oglala(1) Lakota und ihre Sympathisanten in Pine Ridge Scharmützel mit der schwer bewaffneten Nationalgarde, um auf ihre schwierige Lage im Reservat aufmerksam zu machen. Selbstbewusst engagierten sich die Nachfahren der Besiegten für mehr Selbstbestimmung und nahmen für dieses Ziel den eigenen Tod in Kauf. Dass die untergegangen geglaubten Indianer nach wie vor existierten und sich wieder wehrten, faszinierte mich ungemein.
Als ich einige Zeit später Arthur Penns(1) Spielfilm »Little Big Man« zum ersten Mal sah, ging mir an der fiktiven Figur des Jack Crabb (gespielt von Dustin Hoffman(1)) auf, dass die darin behandelten Ereignisse erst ein paar Generationen zurücklagen und die letzten Zeitzeugen aus dem 19. Jahrhundert noch gar nicht lange tot waren. Wie Hunderttausende andere Menschen in der westlichen Welt las ich bald danach mit Dee Browns(1) Bestseller »Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses« (1972) mein erstes Geschichtsbuch zum Thema. Es öffnete mir die Augen für die Tragödie, die sich zwischen 1860 und 1890 in den Great Plains, aber auch im Südwesten abgespielt hatte. Während meines Studiums an der Universität Basel besuchte ich auch Vorlesungen von Hans R. Guggisberg(1) zur Geschichte der USA und las dessen Standardwerk über die Entstehung und den Aufstieg der atlantischen Modellrepublik, in dem die »Indianerkriege« am Rande behandelt werden. Bis ich selber zum Thema zu forschen begann, sollte noch einige Zeit verstreichen, ungeachtet dessen, dass ich der Geschichte von Massengewalt, Rassismus und Siedlungskolonialismus in meiner eigenen Lehrtätigkeit von Beginn weg einen bedeutenden Platz einräumte. Aus dieser Schwerpunktsetzung ging mein 2005 erschienenes Buch über Benito Mussolinis Expansionsprojekt in Ostafrika (1935-1941) hervor, das mich an meine aktuellen Forschungsinteressen heranführte. Jedenfalls hat sich mein Interesse für die Besiegten der Geschichte, die, obwohl sie sich als Subjekte entschieden dagegen wehrten, von der heraufziehenden modernen Welt zermalmt wurden, über die Jahrzehnte nicht verändert, auch wenn die geografischen Schauplätze sich änderten.
Gewidmet ist das Buch dem Andenken von Lucy Pretty Eagle(1), die eigentlich Take the Tail hieß. Zwei Jahre vor der Schlacht von Greasy Grass (Little Bighorn) geboren, nahmen Regierungsbeamte das Lakota-Mädchen(1) im November 1883 ihren in der Rosebud-Reservation lebenden Eltern weg, um sie in die weit entfernte Carlisle Indian Industrial School nach Pennsylvania zu verfrachten. Wie Tausende andere indianische Kinder seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auch sollte sie »amerikanisiert« und radikal umerzogen werden. Nach der Ankunft im Internat ging es Take the Tail, die gesundheitlich schon angeschlagen war, bald so schlecht, dass sie bereits am 9. März 1884 an einer Krankheit starb. Take the Tail war das 32. von insgesamt 190 indianischen Kindern, die zwischen 1879 und 1905 auf dem Schulfriedhof dieses Modellinternats zur letzten Ruhe gebettet wurden. Sie wurde gerade einmal zehn Jahre alt.1
Aram Mattioli, 12. Juni 2016
1.
»Wo sind heute die Pequot(1)? Wo sind die Narragansett(1), die Mohawk(1), die Pokanoket(1), und viele andere einst mächtige Stämme unserer Rasse? Die Habgier und Unterdrückung des weißen Mannes haben sie dahinschwinden lassen wie Schnee an der Sommersonne.«1
Tecumseh,(1) 1811
Die beinahe vollständige Ausrottung der First Peoples gehört zu den zentralen Vorgängen der nordamerikanischen Geschichte. Zusammen mit dem Kollaps der indianischen Kulturen in Mittel- und Südamerika zählt sie zu den großen Menschheitskatastrophen vor dem 20. Jahrhundert.2 Das Ausmaß der Zerstörung lässt sich kaum in Worte fassen und auch durch nackte Zahlen nur andeuten: Während im riesigen Gebiet nördlich des Rio Grande 1492 schätzungsweise fünf bis zehn Millionen Native Americans lebten, waren 1900 bloß noch 237 000 Menschen indianischer Herkunft auf US-amerikanischem Territorium übrig.3 Seit der spanische Konquistador Juan Ponce de León(1) 1513 die Halbinsel Florida entdeckte und dort als erster Europäer seit den Wikingern nordamerikanischen Boden betrat, ging eine unbekannte, niemals mehr exakt ermittelbare Zahl von nordamerikanischen Indianern an Krankheiten, Hunger, Versklavung und staatlicher Vernachlässigung, aber auch in Kriegen, Massakern, Umsiedlungsaktionen, Kopfgeldjagden und an systematischer Kulturzerstörung zugrunde. Bald nach den Erstkontakten mit den Europäern verschwanden schon etliche indianische Völker vom Antlitz der Erde, während die anderen, die den Zusammenprall mit den Newcomern überlebten, teilweise bis in die Gegenwart von den Schockwellen der euroamerikanischen Kolonisierung gezeichnet sind.4
Die in ihrer wahren Dimension bis heute unverstandene Katastrophe wirft beunruhigende Fragen an das »normative Projekt des Westens« (Heinrich August Winkler(1)) auf; sie stellt die noch immer weitverbreitete Ansicht in Frage, die euroamerikanische Inbesitznahme des Kontinents sei für alle dort lebenden Menschen gleichermaßen eine Fortschrittsverheißung gewesen.5 Heute wird immer deutlicher, dass die ebenso rasante wie radikale Umgestaltung der Welt nach 1780 mit der Verdrängung, Unterwerfung und Dezimierung der indigenen Völker einherging. Jedenfalls lösten der Siegeszug der Moderne und die immer stärkere wirtschaftliche Integration der Welt Verdrängungsprozesse von beispielloser Dynamik aus. Im langen 19. Jahrhundert verringerten diese die einstige Vielfalt menschlicher Kulturen und bewirkten einen »Beinahetod des Ureinwohners« (Christopher Bayly(1)). Durch das Abholzen der Wälder, den Abbau von Rohstoffen und das Umpflügen von früheren Graslandschaften veränderten sie überdies die Ökosysteme der außereuropäischen Räume tiefgreifend.6 Die »globale Offensive gegen tribale Lebensformen«7 lässt sich an der Zerstörung des indianischen Nordamerikas aufzeigen. Dafür ist jedoch eine andere Perspektive auf die Geschichte der USA notwendig als die, welche dies- und jenseits des Atlantiks lange Zeit vorherrschte und unser Bild teilweise bis heute prägt.
Bis in die 1960er Jahre hinein schrieben die allermeisten Historiker die US-Geschichte so, als hätten die First Peoples nie existiert, oder sie verkleinerten ihre historische Bedeutung derart, dass sie in ihren Darstellungen bestenfalls als Statisten erschienen.8 Freilich war die Unsichtbarkeit der Native Americans in den Geschichtsdarstellungen das »Nebenprodukt ihrer militärischen Niederlage und ökonomischen Enteignung«9. Im dominierenden Narrativ wurde die nationale Geschichte der USA als einzigartige Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte geschrieben, in der das aufklärerische Freiheitsprinzip frühe Triumphe gefeiert habe und englischstämmige Pioniere die »Wildnis« durch ihrer Hände Arbeit in einen blühenden Garten verwandelt hätten.10 Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts behauptete der Historiker George Bancroft(1), dass der Kontinent, bevor die Euroamerikaner ihn in Besitz nahmen, eine einzige »unproduktive Wüste« gewesen sei, lediglich von ein paar »versprengten Stämmen von kraftlosen Barbaren« bewohnt, welche weder Handel gekannt noch ein bedeutendes Bauwerk errichtet hätten.11
Ohne Respekt für die indigenen Vorbesitzer des Kontinents argumentierte auch Frederick Jackson Turner(1), als er 1893 anlässlich der Weltausstellung von Chicago zum ersten Mal seine Frontier-These vortrug. Wie viele Historiker nach ihm sah Turner die bisherige Geschichte der USA entscheidend durch die dauernde Westexpansion geprägt. »Die Existenz eines Areals freien Landes, sein kontinuierlicher Rückgang, und das Vordringen der amerikanischen Siedlungen westwärts, erklärt die amerikanische Entwicklung«12, lautete die Schlüsselaussage in seinem berühmten Vortrag. An der Frontier hätten »Pioniersiedler« die typisch amerikanischen Eigenschaften (wie Individualismus, Egalitarismus, Freiheitsliebe) ausgebildet und eine frühe Nachbarschaftsdemokratie erprobt, die als Labor des gesamten politischen Systems verstanden werden müsse. Und mehr noch: Im Grenzland seien die Siedler erst zu Amerikanern geworden und hier und nirgendwo sonst liege der Ursprung wichtiger nationaler Traditionen. In der Frontier-These blieben die First Peoples und ihre »primitiven Gesellschaften« gesichtslos und waren überhaupt nur als Kontrast zu »Zivilisation« und »Fortschritt« von Interesse. Tatsächlich sah Turner in ihnen nie mehr als einen Teil einer ungebändigten »Wildnis«; sie hätten eine »allgemeine Gefahr« für die Frontiersiedlungen dargestellt und eine »gemeinsame Aktion« verlangt. Auf diese Weise sei die Frontier auch zu einer »militärischen Trainingsschule« für die junge Nation geworden.13
Mit einem Wort: Amerikanische Geschichte handelte bis um 1970 vorzugsweise davon, wie aus Untertanen Seiner Majestät, des Königs von England, mit Gottes Hilfe tatendurstige »Pionierfarmer« wurden, die wagemutig in die Weiten des Westens vordrangen, diesen besiedelten und dem Land durch ihrer Hände Arbeit zu beispiellosem Wohlstand verhalfen. Der Untergang der indianischen »Steinzeitkulturen« erschien in dieser Meistererzählung als ein letztlich unvermeidbares, ja als notwendiges Kapitel in der Geschichte Nordamerikas.14 Denn diese seien einer Nutzbarmachung der riesigen Landmasse bloß im Wege gestanden.
Allzu lange sahen die meisten Amerikaner über die düsteren Seiten ihres durch kontinuierliche Westexpansion entstandenen Nationalstaats hinweg. »Die Erzählung von der wundersamen Gründung der USA«, hat Manfred Henningsen(1) unlängst festgestellt, kam ganz ohne »Hinweise auf die Ökonomie der Gewalt« aus, die nicht aus der neueren Geschichte Amerikas wegzudenken ist.15 Sie blendete aus, dass die Geschichte der US-Indianerpolitik eine hässliche Angelegenheit war, »markiert durch Tod, zwangsweise Umsiedlung, rassistische Bigotterie und kulturellen Genozid«16. Denn von Beginn an vollzog sich das amerikanische Empire Building keineswegs in einem menschenleeren Land. Das amerikanische Landimperium verdankte sich vielmehr einer erfolgreichen Invasion und war das Ergebnis einer Wiederbesiedlung des Kontinents.17 Neuere Untersuchungen gelangen zu der bitteren Erkenntnis, dass die US-Gesellschaft auf den Gräbern von Hunderttausenden von Indianerinnen und Indianern errichtet wurde.
Als 1763 der Siebenjährige Krieg zu Ende ging, war Nordamerika noch weitgehend indianisches Land.18 Von den Küstenkolonien am Atlantik, den Landstrichen entlang des Sankt Lorenz-Stroms und einer Handvoll kleiner Siedlungen an den Großen Seen sowie am Golf von Mexiko abgesehen, war die euroamerikanische Präsenz auf der riesigen Landmasse zwischen Appalachen und Pazifik überschaubar. Unzählige indianische Gesellschaften teilten sich in den Besitz des weiträumigen Kontinents und nutzten den amerikanischen Westen für ihr Überleben, trotz des an seinen Rändern schon spürbaren Siedlungsdrucks. Viele Indianer hatten bislang nie einen »weißen Mann« zu Gesicht bekommen.19 Kaum 150 Jahre später hatte sich das Bild vollends gewandelt. Der Vorabend des Ersten Weltkriegs fiel mit dem absoluten Tiefpunkt der indianischen Geschichte in Nordamerika zusammen. Militärisch in die Knie gezwungen und in Reservate gepfercht, enteignet und einer forcierten Kampagne der Zwangsassimilation ausgesetzt, schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die unter US-Herrschaft stark dezimierten Indianer aussterben würden. Diese katastrophale Entwicklung reichte bis in die Anfänge der Kolonisierung im 16. Jahrhundert zurück. Doch erhielt sie 1783 mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Qualität.
Mit der Unabhängigkeit der USA begann für die nordamerikanischen Indianer eine gänzlich neue Ära, die weit mehr als durch einen bloßen Herrschaftswechsel von König Georg III.(1) zu Präsident George Washington(1) markiert war. Denn innerhalb von nur einem Jahrhundert bewirkte die Durchsetzung des amerikanischen Gesellschaftsmodells eine tiefgreifende Transformation Nordamerikas, so dass um 1880 kaum mehr etwas an die Welt des späten 18. Jahrhunderts erinnerte. »Die neue Nation, die in einer blutigen Revolution geboren wurde und sich zur Expansion verpflichtete«, hat Colin G. Calloway(1) hervorgehoben, »konnte Amerika nicht als indianisches Land tolerieren. In zunehmendem Maße sahen die Amerikaner die Zukunft als eine ohne Indianer.«20 Bezeichnenderweise verlief der demografische, kulturelle und militärische Niedergang des indianischen Nordamerikas parallel zum Aufstieg und der Entfaltung des amerikanischen Imperiums, das – als demokratische Republik organisiert – diesseits und jenseits des Atlantiks lange Zeit bloß als ein »aufgeklärt-liberales Utopia«21 Beachtung fand. Wer genau hinsieht, wird erkennen: Die aufklärerische Modellrepublik betrat die Weltbühne immer auch als »expansiver Staat mit imperialen Ambitionen«22, der gegenüber den First Peoples als verdrängende wie unterwerfende Kolonialmacht auftrat.23
Ohne dass dafür ein von Beginn an bis in alle Einzelheiten festgelegter Masterplan existierte, verleibte sich die »imperiale Großrepublik« (Hans-Ulrich Wehler(1)) nacheinander ehemals britische, französische, spanische, mexikanische und russische Gebiete ein – teils durch Kauf, vertragliche Abtretungen oder betrügerische Machenschaften, teils durch kriegerische Eroberung und Annexion.24 In all diesen Territorien traten die Euroamerikaner mit den dort siedelnden First Peoples in einen Verdrängungswettbewerb ein. Über kurz oder lang eigneten sie sich deren Land an, so dass diesen schließlich vom einstigen Alleinbesitz des Kontinents nur mehr 2,3 Prozent der Landfläche verblieben.25 Das amerikanische Empire Building war nie eine Frage von Diplomatie, militärischer Machtentfaltung und territorialer Besitzergreifung allein. Schließlich erprobten die Vereinigten Staaten – im globalen Maßstab gesehen – nichts weniger als ein neues Gesellschaftsmodell, in dem Grund und Boden zu einem gleicherweise begehrten wie handelbaren Gut wurde.26 Besonders die Erwartung, rasch eigenes Land erwerben zu können, war der Magnet, der viele Hunderttausende aus Europa anzog.27 Jenseits des Atlantiks hofften diese Menschen zu finden, was ihnen in ihren Ursprungsländern allzu oft versagt blieb. Erstmals in der Neuzeit gab es in Nordamerika für jene, die den Mut zu einem radikalen Neuanfang aufbrachten, fruchtbares Land in Hülle und Fülle. Seit dem späten 18. Jahrhundert entfaltete sich hier in historisch einzigartiger Weise eine kapitalistische Eigentümergesellschaft, deren Ziel die »transkontinentale Privatisierung des Bodens« (Karl Schlögel(1)) war. Nie zuvor verwandelten sich die Mitglieder einer Gesellschaft so rasch und in so großer Zahl zu Eigentümern von Land, auf dem seit vielen Jahrhunderten andere Menschen gelebt hatten.28 Der amerikanische Landrausch aber wurde erst durch eine Enteignung größten Stils möglich.
Während des langen 19. Jahrhunderts gerieten die American Indians unter eine besondere Form von kolonialer Dominanz, die sich als Siedlerkolonialismus beschreiben lässt.29 In der ersten Zeit ihrer Existenz entfalteten sich die USA als agrarische Siedlergesellschaft, die das, was sie in ihrer Ausdehnung über den Kontinent antraf, zerstörte, um auf den Ruinen eine neue nationale Gesellschaft zu erbauen.30 Zusammen mit der britischen Landnahme in Australien handelte es sich dabei um das erfolgreichste und gewalttätigste Exempel von Siedlerkolonialismus in der Weltgeschichte überhaupt.31 Bis heute tut sich die große Mehrheit der US-Bürger schwer mit der Vorstellung, dass sich der von ihnen lange verklärte »Winning of the West« (Theodore Roosevelt(1)) in imperialen und kolonialen Kategorien beschreiben lässt.32 Denn diese Interpretation passt schlecht zum traditionellen Selbstbild der US-Gesellschaft, die sich als erste selbstbefreite Kolonie der Welt sieht, die sich nur »freies Land« angeeignet habe.
Doch inzwischen vertritt eine Reihe von angesehenen Historikern die Ansicht, dass die USA in ihren von Gouverneuren regierten Territorien eine koloniale Fremdherrschaft über die First Peoples errichteten und ihnen gegenüber bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als kolonisierende Macht auftraten.33 Wie für Siedlerkolonien charakteristisch entschied in diesen Gebieten immer mehr eine landfremde Elite darüber, wie die Native Americans ihr Leben einzurichten hatten, damit sie einen Platz an den Rändern der neu entstehenden Gesellschaft finden konnten.34 Immer stärker fremdbestimmt verloren die indigenen Gemeinschaften im Zuge ihrer kolonialen Unterwerfung weit mehr als ihre angestammten Lebensräume, büßten sie doch neben ihrer politischen Autonomie auch ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit und ihre kulturelle Selbstbestimmung ein. Die koloniale Fremdbestimmung gipfelte im späten 19. Jahrhundert in dem Sozialexperiment, die nunmehr in Reservaten konzentrierten Indianer so vollständig ihrer traditionellen Kultur zu entfremden, bis sie schließlich im Mainstream der US-Gesellschaft auf- und damit untergingen. Freilich war diese Politik der nationalen Binnenhomogenisierung nie ein nur auf die Vereinigten Staaten beschränktes Phänomen. Seit 1880 setzten auch andere westliche Nationalgesellschaften ethnische Minderheiten und soziale Randgruppen einem verstärkten Assimilationszwang aus.35
Die zentrale Herausforderung an jedes Buch zu dieser Thematik stellt die Deutung der demografischen Katastrophe dar, welche die First Peoples ereilte, nachdem sie während des 16. Jahrhunderts in Kontakt mit den euroamerikanischen Einwanderern gekommen waren. Durch eine nicht abreißende Folge von Epidemien und Kriegen brach die Zahl der Native Americans in den ersten 200 Jahren des Kontakts massiv ein. Der demografische Rückgang setzte sich im 18. und 19. Jahrhundert fort. Allein für die Zeit zwischen 1700 und 1910 muss von mindestens 1,3 Millionen weiteren Indianern ausgegangen werden, die den Folgen des unfreiwilligen Kulturkontakts erlagen.36 Bis heute ist die Debatte darüber, auf welche Ursachen und Umstände dieser hohe Blutzoll zurückzuführen ist, keineswegs abgeschlossen. In der Forschung finden sich dazu drei Positionen. Der erste Interpretationsansatz misst dem Thema eine untergeordnete Bedeutung für die Geschichte der USA im 19. Jahrhundert bei. Beim dramatischen Rückgang der indianischen Gesamtbevölkerung hätte es sich um eine unbeabsichtigte Nebenfolge der Westexpansion gehandelt, keinesfalls aber um eine systematische Politik der Extermination, wie sie etwa das nationalsozialistische Deutschland mit der Vernichtung des europäischen Judentums betrieb. »Letztendlich steht das traurige Schicksal von Amerikas Indianern«, hat der Politologe Guenter Lewy(1) die Kernaussage dieses Ansatzes auf den Punkt gebracht, »nicht für ein Verbrechen, sondern für eine Tragödie, die sich aus einer unversöhnlichen Kollision von Kulturen und Werten ergab.«37
Seit dem 500-Jahr-Jubiläum der Entdeckung Amerikas38 etablierte sich in den wissenschaftlichen Debatten ein zweiter Argumentationstyp. Er geht davon aus, dass die nordamerikanischen Indianer seit dem Beginn der europäischen Expansion Opfer eines gezielten und systematisch betriebenen Völkermords wurden. Der Weg nach Auschwitz, so der Historiker David E. Stannard(1) in seinem Buch »American Holocaust« (1992), führe geradewegs durch das indianische Nord- und Südamerika. Und mehr noch: »Die Vernichtung der Indianer in den Amerikas war der bei weitem massivste Akt von Genozid in der Weltgeschichte.«39 Dieser Interpretationsansatz blieb keine Einzelmeinung eines akademischen Außenseiters. Nur wenig später hielt auch der an der Universität Colorado lehrende Ethnologe Ward Churchill(1) fest: »Der Genozid, der an den indigenen Völkern dieses Kontinents verübt wurde, ist eine Erfahrung, die hinsichtlich seiner Reichweite, Größenordnung und seiner Dauer ohne Beispiel ist.«40 In dieser Deutung erscheint die USA als Siedlerdemokratie, die im 19. Jahrhundert bereits viel von dem praktizierte, was die Eruptionen von Massengewalt im Katastrophenzeitalter zwischen beiden Weltkriegen charakterisierte.41 Eine solche Sicht auf die US-Geschichte wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten zu geben vermag. Überdies ist sie einfach zu widerlegen, wenn Völkermord im Sinne der Genozidkonvention vom 9. Dezember 1948 aufgefasst wird. Denn Kriterien für Völkermord sind dann weder die Opferzahl noch die Tötungsart oder die Dauer der Mordaktionen, sondern allein der belegbare Vorsatz einer Regierung und damit die Planmäßigkeit und Systematik der Durchführung.42 Und genau dieses Kriterium lässt sich selbst für die indianerfeindlichsten Administrationen in Washington nicht nachweisen.
Einen Ausweg zwischen Beschönigung und schwarzer Legende weist der dritte Interpretationsansatz. Er geht davon aus, dass weder die These von der unbeabsichtigten Tragödie noch eine pauschale Völkermordbehauptung vor der historischen Wirklichkeit standzuhalten vermögen. Während der Kontinentalexpansion der USA erlitten die First Peoples unterschiedlichste Formen der Massengewalt. Todesmärsche während Umsiedlungsaktionen, Auslöschung von Winterlagern und Massaker gehörten ebenso dazu wie Kopfgeldjagden, Unterversorgung in Reservaten, Vergewaltigung von Frauen, Kindswegnahmen und zwangsweise Umerziehung in Internaten. So viele Indianer an diesen Gewaltformen auch zugrunde gingen, bewegten sich die meisten von ihnen unterhalb der Schwelle von Völkermord.43 Längst nicht alle tödlich endenden Gewaltakte verübten Organe der Staatsmacht. Weit häufiger als reguläre Militäreinheiten traten sich selbst ermächtigende Siedler und ihre Milizen als Gewaltakteure in Erscheinung, so dass ihre antiindianischen Untaten oft mehr regional als national orchestrierte Phänomene waren. Jedenfalls stellte die physische Ausrottung aller Native Americans zu keinem Zeitpunkt das Ziel der Bundesregierung in Washington dar. Keine Administration verfolgte jemals eine Politik, die darauf zielte, restlos alle Indianer physisch zu vernichten, und keine gab entsprechende Befehle an die Kommandeure der Frontierarmee aus.44 Und doch spielte Gewalt bei der Eroberung des Westens eine unübersehbare Rolle.
Um unzulässige Generalisierungen zu vermeiden, plädieren die Vertreter der dritten Richtung dafür, Fallstudien auf der regionalen Ebene zu erstellen.45 Sie erklären den Kollaps des indianischen Nordamerikas mit einem Ursachengeflecht, für das neben Kriegen und Massakern auch Epidemien, Hunger, Zwangsumsiedlungen, staatliche Vernachlässigung in den Reservaten und die Folgen forcierter Assimilation verantwortlich waren.46 Zunehmende Beachtung schenken sie überdies allen Formen der versuchten kulturellen Auslöschung, in den wissenschaftlichen Diskussionen heute oft »Ethnozid« genannt. Ethnozid meint die vorsätzliche, von Staats wegen betriebene Zerstörung indigener Kulturen, also die systematisch angestrebte Zersetzung von traditionellen Sozialorganisationen, Subsistenzformen, Wertvorstellungen, Sprachen und Religionen, ohne die Indianer physisch auszulöschen. Solche Ideen waren in der politischen Elite schon in der Gründungszeit der USA präsent; doch erst nach 1880 machten sie die US-Administrationen systematisch zum Programm ihrer Indianerpolitik.
Dem dritten Ansatz folgt auch die hier vorliegende Synthese. In ihr wird zu zeigen versucht, dass die US-Indianerpolitik im langen 19. Jahrhundert nicht auf einen alles erklärenden Nenner zu bringen ist. Vielmehr kannte sie unterschiedliche Phasen mit ihren je eigenen Zielsetzungen und Methoden. Bekanntlich war die amerikanische Westexpansion ein 120 Jahre dauernder Prozess, der in Hunderte von Einzelereignissen auf dem Territorium von schließlich 48 Bundesstaaten zerfiel.47 An ihr wirkten zahlreiche staatliche und nichtstaatliche Akteure mit: das offizielle Washington mit seinen wechselnden politischen Mehrheiten, die Bundesstaaten, die US-Armee und die Milizen in den Territorien, das Bureau of Indian Affairs mit seinen regionalen Agenturen, aber auch die Trapper und Siedler an der Frontier, dazu die Missionare der diversen christlichen Denominationen, die Inhaber von Handelsposten und später die Eisenbahngesellschaften. Wenngleich die unterschiedlichen Gruppen der neuen Siedlergesellschaft letztlich dasselbe Ziel verfolgten, zogen sie in der Frage, wie die indigenen Amerikaner am besten Platz zu machen hätten, längst nicht immer am gleichen Strang. Umgekehrt existierte auf dem Territorium, das sich die Vereinigten Staaten aneigneten, nie nur eine einzige indianische Großnation, sondern Hunderte von unterschiedlichen, untereinander oft uneinigen Völkern, die alle ihre eigene Geschichte, Kultur und Interessen besaßen und keineswegs einheitliche Beziehungen zu Washington unterhielten.48 Schon deshalb ist es ratsam, von einer Vielzahl indianischer Erfahrungen unter der US-Kolonialherrschaft auszugehen.
Die hier vorliegende Synthese erhebt keinen Anspruch auf eine lückenlose Darstellung der Ereignisse auf dem riesigen Staatsgebiet der USA. Um Wiederholungen zu vermeiden, setzt sie stattdessen auf die Erklärungskraft von exemplarischen Gebietsstudien, die sich aber dennoch zu einem aussagekräftigen Mosaik fügen sollen.49 Dabei ist sie stets bestrebt, die übergreifenden Entwicklungen im Auge zu behalten und diese, wenn immer dies sinnvoll scheint, globalgeschichtlich einzuordnen. Folgende Schauplätze stehen im Vordergrund: der Nordosten in der ersten Kolonialzeit und den Gründungsjahren der Vereinigten Staaten von Amerika (1700–1809); der Südosten während der Umsiedlungsära (1815–1839); das ursprünglich spanische, dann mexikanische und schließlich amerikanische Kalifornien in den Goldrausch-Jahren (1848–1860) sowie die Konflikte in den Great Plains (1840–1890). Dazu kommt als letzter Themenschwerpunkt die erste Zeit des versuchten Ethnozids (1880–1909). Mit dieser Fokussierung wird ein problemorientierter Gesamtüberblick über die beiden Jahrhunderte zwischen 1700 und 1910 angestrebt, auch wenn zum Beispiel die Geschichte des einstmals spanisch geprägten Südwestens, die des pazifischen Nordwestens oder Alaskas nicht oder lediglich am Rande behandelt werden.
Diese Darstellung baut auf den Einsichten der neueren Forschung auf, die den Blick auf das Nordamerika des 18. und 19. Jahrhunderts entscheidend veränderte, ohne dass davon bislang allzu viel über den Atlantik nach Mitteleuropa drang. Seit Anfang der 1970er Jahre hat sich in den USA, Kanada und England eine überaus lebendige Forschungslandschaft entwickelt, die im Zeichen eines grundlegenden Paradigmenwechsels steht.50 Immer mehr Forscherinnen und Forscher befreiten sich im Zuge dieses Perspektivenwandels von traditionellen, stets auch ideologisch aufgeladenen Narrativen und nahmen die variantenreichen Interaktionen von sehr unterschiedlich gearteten Kulturen in den Blick. (Ethno-)Historiker wie James Axtell(1), James Merrell(1) oder Richard White(1) haben der indianischen Geschichte seither nicht nur zu ihrem eigenen Recht verholfen, sondern auch aufgezeigt, wie begrenzt unser Wissen war, bevor die Geschichte nicht auch von der anderen Seite beleuchtet wurde.51 Ihr Hauptverdienst liegt sicher darin, die Native Americans als eigenständige Akteure der Geschichte sichtbar gemacht zu haben. In der Tat stieß den indigenen Amerikanern die Westexpansion der USA und die daraus hervorgehende Kolonialherrschaft nie einfach nur zu. Wie alle Menschen gestalteten sie ihre Gegenwart unter nicht selbst gewählten Umständen selber mit. Trotz aller erlittenen Gewalt gelang es den Native Americans als selbstständig handelnde Subjekte, das Überleben vieler ihrer Gemeinschaften bis heute zu sichern.52
Anders als frühere Historikergenerationen glauben machten, erschöpft sich die neuzeitliche Geschichte Nordamerikas nicht in der Westwanderung der USA. Tatsächlich muss diese Sicht durch neue Blickrichtungen ergänzt werden, wenn man wichtige Entwicklungen der indianischen Geschichte verstehen will. Colin G. Calloways(2) Meisterwerk »One Vast Winter Count« (2003) zum Beispiel, in dessen Zentrum die Kulturgeschichte des indianischen Nordamerikas von seinen Anfängen bis ins Jahr 1800 steht, blickt nicht so sehr vom Atlantik zum Pazifik. Es steht vielmehr im Zeichen einer innovativen Süd-Nord-Betrachtung. In dieser magistralen Darstellung wird die Bedeutung von aus Mexiko stammenden »Neuerungen« wie dem Maisanbau und dem Pferd betont, aber auch der aus Mittelamerika stammenden Pockenepidemie große Beachtung geschenkt, die zwischen 1775 und 1782 das indianische Nordamerika verheerte und damit den Westen schon während der Amerikanischen Revolution für die spätere Eroberung durch die USA ausdünnte.53
Die indianische Seite ernst zu nehmen, bedeutet, die Geschichte Nordamerikas neu zu denken. Die meisten unserer Vorstellungen über die Indianer, noch immer stark durch Karl May(1) und die Hollywood-Western geprägt, sind wenig hilfreich und erweisen sich als von Grund auf revisionsbedürftig. Streng genommen haben die Indianer zu keinem Zeitpunkt der Geschichte existiert. Denn vergebens wird man nach einer gemeinsamen Sprache und Spiritualität, einer durchgehend gleichbleibenden Sozialorganisation, einer für alle Völker charakteristischen Lebensweise und bis in die Zeit vor 1970 nach einem gemeinsamen panindianischen Bewusstsein suchen.54 »Es gibt keinen Einheitsindianer«, hat es der Lakota-Gelehrte(2) Vine Deloria(1) Jr. 1973 auf den Punkt gebracht. »Denn die einzige gemeinsame Erfahrung war die Invasion ihrer Heimat durch den Mann aus Europa.«55 Nordamerikas indigene Kulturen waren und sind mindestens ebenso verschieden wie jene Europas.56
Heute besteht die Aufgabe darin, die nordamerikanische Geschichte konzeptionell und terminologisch zu dekolonisieren.57 So gilt es, die Native Americans als Subjekte der Geschichte ernst zu nehmen und die »Sicht der Besiegten« (Miguel León-Portilla(1)) möglichst gleichberechtigt in die Betrachtung einzubeziehen. Allerdings ist dies weit leichter gesagt als getan. Denn traditionell kannten Nordamerikas indianische Kulturen keine alphabetische Schrift und basierten auf mündlicher Überlieferung, die ihrer eigenen Logik folgte. Gerade für entfernte Jahrhunderte aber ist die Mündlichkeit für die Forschung noch weit unzuverlässiger, als es das geschriebene Wort ist.58 Außerdem waren bis 1850 die allerwenigsten von Nordamerikas Indianern des Schreibens kundig. Die allermeisten Schriftquellen über sie stammen folglich aus der Feder von kulturell Außenstehenden, zuweilen auch von feindselig gesinnten Fremden, welche die Ereignisse durch eine koloniale Brille lasen.59 Es führt kein Weg an der bitteren Erkenntnis vorbei, dass die Quellenlage zur Zerstörung des indianischen Nordamerikas äußerst lückenhaft ist und es auch in Zukunft bleiben wird, so dass die Geschichte nicht in all ihren Facetten ausgeleuchtet werden kann. Insbesondere diejenigen, welche die nordamerikanische Kolonialgeschichte erlitten, haben bis ins späte 19. Jahrhundert nur ganz ausnahmsweise direkte Zeugnisse hinterlassen. Wer die indianische Seite gleichberechtigt in sein Narrativ integrieren will, stößt deshalb auf fast unüberwindbare Schwierigkeiten.
Es bleibt nur zu versuchen, die vorhandenen Quellen gegen den Strich zu lesen und soweit dies überhaupt möglich ist, mit indianischen Augen sehen zu lernen. Selbst wenn diese Versuche ethnologisch angeleitet sind, wird immer ein schönes Stück von Nicht-verstehen-können bleiben. Schon vor mehr als 80 Jahren machte der Oglala(2) Luther Standing Bear(1) dies an einem eindrücklichen Beispiel deutlich. Luther Standing Bear kannte beide Welten, da er als Kind die letzten Jahre der freien Sioux(1) in den Great Plains erlebte, bevor er 1879 auf eine Internatsschule in Carlisle, Pennsylvania, kam. In seinen Erinnerungen »Land of the Spotted Eagle« (1933) hielt er fest, dass die Lakota(3) ihren angestammten Lebensraum auf den Great Plains nie als »wild« empfunden hätten: »Nur dem weißen Mann erschien die Natur als eine ›Wildnis‹ und nur ihm erschien sie als mit ›wilden‹ Tieren und ›unzivilisierten‹ Völkern bevölkert. Wir erlebten sie als friedlich. Die Erde war freigiebig und wir waren umgeben von den Segnungen des großen Mysteriums. Erst als der haarige Mann aus dem Osten kam und mit brutaler Raserei Ungerechtigkeiten über uns und die Familien brachte, die wir lieben, wurde sie ›wild‹ für uns.«60
Seit den 1980er Jahren gibt es eine nach wie vor unabgeschlossene Debatte darüber, wie die nordamerikanischen Indianer korrekt zu bezeichnen sind. Als Oberbegriff ist »indigene Völker« inzwischen allgemein und auch von der UNO akzeptiert. So verabschiedete die UNO-Generalversammlung am 13. September 2007 eine »Allgemeine Erklärung der Rechte der indigenen Völker«.61 In dieser Resolution erkannte die Weltgemeinschaft nicht nur die Menschenrechte der »Ureinwohner« explizit an, sondern bekräftigte auch deren Recht auf Selbstbestimmung und erkannte die Verfügungsgewalt über ihr Land und die dort liegenden Bodenschätze an. Mit »Survival International«, der führenden Nichtregierungsorganisation in diesem Bereich, werden unter indigenen Völkern jene außereuropäischen Ethnien verstanden, die durch Kolonisierung ihre frühere politische Autonomie weitestgehend einbüßten, ja die von landfremden Invasoren aus ihrem ursprünglich bewohnten Land vertrieben, zwangsweise assimiliert und oft auch physisch vernichtet wurden.62
Darüber hinaus teilen indigene Völker einige wesentliche Charakteristika: so ihre überschaubare Größe, die existenzielle Verbundenheit mit ihrem Land und dem Wertesystem der Ahnen, ihre Selbstversorgungsökonomie, ihre weit verstreut liegenden Dörfer und ihren kulturellen Konservatismus.63 Um den problematischen Terminus »Stamm« zu vermeiden, wird in diesem Buch häufig von indianischen Nationen gesprochen. Heute umschreibt »Nation« nicht nur eine verbreitete Selbstsicht der First Peoples, um die eigene, durch Verwandtschaft und Kultur geprägte Gemeinschaft von den anderen indigenen Kollektiven in Nordamerika zu unterscheiden. Der Begriff findet auch im neueren ethnologischen Sprachgebrauch zunehmend Verwendung.64 Eine indianische Nation setzte sich aus wirtschaftlich selbstversorgenden, politisch autonomen Lokalgruppen (»bands«) zusammen, die auf die jeweiligen Ressourcen ihres Umlands angewiesen waren.65 Es handelte sich um klanbasierte, über »Dörfer« verstreute Subsistenz- und Überlebensgemeinschaften, die wie viele andere indigene Gemeinschaften auf dem Globus meistens über keine Zentralgewalt verfügten, vorstaatlich organisiert waren und doch in Ratsversammlungen selbstbestimmt über ihre wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung entschieden.
Weniger bekannt ist, dass der schillernde Terminus »Nation« bereits in der englischen Kolonialzeit verwendet wurde. Im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnete er eine fremde, nicht staatlich organisierte Ethnie und das Territorium, auf dem sie lebte.66 So waren die Ethnien der Irokesenföderation(1) seit 1722 als die »Six Nations«, bestehend aus Mohawk(2), Oneida(1), Onondaga(1), Cayuga(1), Seneca(1) und Tuscarora(1), bekannt. Außerdem kam der Begriff »Nation« in derselben Bedeutung bis 1871 selbst im offiziellen Sprachgebrauch der USA vor. 1831 definierte der Supreme Court unter Bundesrichter John Marshall(1) die indianischen Gemeinschaften als »heimische abhängige Nationen« (»domestic dependent nations«) und erkannte sie damit zwar nicht als souveräne, aber immerhin als autonome Rechtssubjekte an.67 Jedenfalls schlossen die USA zwischen 1779 und 1871 mehr als 400 rechtsgültige Verträge mit indianischen Nationen ab, von denen der Senat 370 ratifizierte. Ein Ende damit hatte es erst 1871, als der Kongress nicht mehr länger der »grausamen Farce« Vorschub leisten wollte, dass die indianischen »Stämme« nationale Unabhängigkeit genießen würden.68 Fortan wurden sie als »Mündel« der US-Regierung behandelt. Darin drückte sich eine reale Verschiebung der Machtverhältnisse aus.
Begriffe und Namen sind nie unschuldig, besonders dann nicht, wenn sie wie im Fall der USA Teil der Herrschaftsgeschichte sind.69 Fast alle Begriffe, die sich für die Native Americans (»savages«, »barbarians«, »heathens«, »redskins«, »tribesmen«, »injuns« etc.) im allgemeinen Sprachgebrauch der euroamerikanischen Invasoren einbürgerten, setzten herab und spiegelten eine wie selbstverständlich in Anspruch genommene »zivilisatorische Überlegenheit« der Eindringlinge wider. Aus anderen Gründen problematisch ist der Begriff »Indianer«, der schon von Kolumbus(1) in die Welt gesetzt worden ist. Denn die indigenen Völker Nordamerikas haben sich lange Zeit über nie als Mitglieder eines einzigen indianischen Großkollektivs gesehen und in ihren Sprachen auch keine Worte für die Gesamtheit der First Peoples gehabt. Ihr Bezugspunkt blieb immer die eigene Nation, das, was sie in ihren Sprachen selber oft einfach nur »das Volk« oder »die Menschen« nannten. Von einem Reporter des »New York Herald« 1877 im kanadischen Exil gefragt, ob er ein Indianer sei, antwortete Sitting Bull(1): »Ich bin ein Sioux(2).«70 Jedenfalls weckt der Begriff »Indian« bei vielen indigenen Amerikanern bis heute unangenehme Erinnerungen an eine lange Geschichte von Verdrängung, Unterdrückung und gewaltsamem Tod. Überdies ist er nicht nur geografisch falsch, sondern auch doppeldeutig, weil er im Englischen bekanntlich auch Inder bedeuten kann.
Seit den 1970er Jahren haben sich in der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft, aber auch unter den Betroffenen selber, immer stärker die Begriffe »Native Americans«, »American Indians«, »First Peoples« und »First Americans« durchgesetzt, ohne dass »Indian« allerdings vollständig aus der Alltagssprache verschwunden wäre.71 Um auf diese Entwicklung zu reagieren, finden in diesem Buch öfters die neuen englischen Bezeichnungen Verwendung – synonym zum Wort »Indianer«, das in der deutschen Sprache anders als im Amerikanischen nicht grundsätzlich negativ konnotiert ist. Strikt vermieden werden im Text selbstredend Begriffe, die untrennbar mit kolonialen oder rassistischen Denkmustern (»Wildnis«, »freies Land«, »Pionier«, »Zivilisation«, »Fortschritt«, »untergehende Rasse«, »Stamm«, »Ureinwohner«, »Eingeborene«, »Steinzeitkulturen«, »Wilde«, »Heiden«, »Voll- und Halbblut« etc.) verquickt sind, außer es handelt sich dabei um Ausdrücke, die in den Quellen auftauchen. In diesen Fällen werden sie stets durch Anführungs- und Schlusszeichen kenntlich gemacht.
In einer zeitgemäßen Geschichtsschreibung ist ein reflektierter Wortgebrauch äußerst wichtig. Wenn immer möglich werden deswegen die indianischen Eigennamen den Fremdbezeichnungen vorgezogen und damit die Eigenbenennung den oft abschätzigen Außensichten (»Fox«, »Snake«, »Gros Ventres«, »Sioux(3)«). Leider funktioniert das nicht durchgängig, weil manche Namen wie Haudenosaunee(2) (für die Irokesen), Nimi (für die Shoshone(1)), Lenni Lenape (für die Delaware(1)), Absarokee (für die Crow(1)), Numunuu (für die Comanche(1)) oder Diné(1) (für die Navajo) keinen Wiedererkennungseffekt hätten, nur Verwirrung stiften und die Lektüre unnötig erschweren würden. Rigider Sprachpurismus übersieht, dass unserem Denken, unserer Sprache und auch unseren wissenschaftlichen Diskursen allen selbstkritischen Bemühungen zum Trotz stets ein »basaler Eurozentrismus« (Wolfgang Reinhard(1)) eingeschrieben bleibt: »Viele weltgeschichtliche Phänomene lassen sich nämlich gar nicht anders als aus eurozentrischer Perspektive zur Sprache bringen. Das gilt für den […] Begriff »die Anderen« oder »die Nichteuropäer«, ebenso für »Entdeckung«, für »Neue Welt«, für »West-Indien«, für »Indianer« und erst recht für »Amerika«, das den Namen eines »Amerigo Vespucci(1)« verewigt …72 Unweigerlich stoßen wir hier an die Grenzen der postkolonialen Kritikmöglichkeit.
2.
Das indianische Nordamerika existierte bereits viele Jahrtausende, bevor es vor 525 Jahren in den Gesichtskreis der Europäer geriet. Es war eine Welt voller Geschichte und Kultur, die keinen Vergleich mit der von anderen Erdteilen zu scheuen brauchte. Verstreut über die vergleichsweise dünn besiedelten Weiten zwischen Pazifik und Atlantik, der Hudson Bay und dem Rio Grande existierte ein buntes Mosaik von mehr als 500 indigenen Nationen.1 Auf der »Schildkröteninsel«, wie manche von ihnen den Kontinent nannten, hinterließen sie alle ihre Spuren, im subarktischen Norden und an der Pazifikküste ebenso wie rund um die Großen Seen, im wüstenartigen Südwesten, entlang des Atlantiks oder am Golf von Mexiko.2 Entgegen eines sich bis heute haltenden Vorurteils handelte es sich bei diesen Gesellschaften keinesfalls um Steinzeitkulturen, gründeten viele von ihnen doch auf dem Anbau von Mais, Bohnen und Kürbissen. Einige dieser Ackerbau-Gesellschaften waren hoch entwickelt.
Auf dem zerklüfteten Colorado-Plateau, in und um den Chaco Canyon, bauten die Anasazi(1) zwischen 700 und 1300 unzählige Pueblos in die Felsen, kultivierten auf terrassierten Feldern Mais und legten ein weitläufiges Straßensystem an.3 Weiter im Osten, am Mittellauf des Mississippi, lag die Handelsstadt Cahokia mit ihren 120 von Menschenhand aufgeschütteten Erdpyramiden (»mounds«), die größte Stadt nördlich von Mexiko, in der um 1200 mehr Menschen wohnten als zur selben Zeit in London. Cahokia gelangte als Handelszentrum zur Blüte.4 Obwohl die Völker Altamerikas grundsätzlich Selbstversorgergesellschaften waren, standen sie in intensivem Kontakt mit ihren jeweiligen Nachbarn. So legte sich ein weitgespanntes Handelsnetz über fast ganz Nordamerika. An zentralen Handelsorten, in die fest etablierte, oft Hunderte von Meilen lange Routen führten, wechselten begehrte Waren ihren Besitzer.5 Kurz, das alte Nordamerika war sich selbst genug und wartete nicht darauf, von Europäern »entdeckt« und »zivilisiert« zu werden.
Als die Spanier um 1500 an dessen Küsten aufkreuzten, standen dem Kontinent die dramatischsten Veränderungen seiner Geschichte bevor. Kaum ein Stein sollte in den folgenden Jahrhunderten auf dem anderen bleiben. Es ist nicht falsch zu behaupten, dass Kolumbus(2)’ Landung auf Guanahani am 12. Oktober 1492 den Lauf der Menschheitsgeschichte für immer veränderte.6 Doch liegt die Bedeutung dieses Ereignisses nicht darin, dass der genuesische Seefahrer in spanischen Diensten eine »Neue Welt« entdeckte, wie die Geschichtsschreibung zu lange glauben machte. Kolumbus und seine Nachfolger verknüpften vielmehr zwei Kontinente und ihre Menschen, die zuvor nichts voneinander gewusst hatten, immer enger und brachten die vormals isolierten Räume in immer intensiveren und rascheren Austausch miteinander – bis zum heutigen Tag.7 Kolumbus’ Seereisen machten den Atlantik nicht nur zu einer »Art Binnenmeer«, sondern ließen bis 1750 auch eine Atlantische Welt entstehen.8 Überdies löste seine legendäre Erkundungsfahrt in Nordamerika selber Kettenreaktionen und Schockwellen aus, die alle daran beteiligten Zivilisationen grundlegend veränderten.9
Durch die europäische »Invasion« (Francis Jennings(1)) entstand in Nordamerika nach und nach eine zwischen Indianern, Europäern und afrikanischen Sklaven geteilte Welt, die nur noch wenig mit der des präkolumbischen Amerika gemein hatte. Die Neuankömmlinge, die seit dem frühen 17. Jahrhundert in immer größerer Zahl über den Atlantik segelten, trafen auf eine ebenso bunte wie kleinteilige Welt, die aus Hunderten von indianischen Gemeinschaften mit jeweils eigener Kultur, Sprache und Wirtschaftsweise bestand. So unterschieden sich die Nationen des nordöstlichen Waldlandes, für die eine gemischte Ökonomie charakteristisch war, stark von den Wildbeutern in Kalifornien und diese wiederum von den Lachsfischern des Pazifischen Nordwestens oder den sesshaften, mit Wasserarmut kämpfenden Pueblo-Kulturen(1) des Südwestens.10 Der mannigfaltigen Topografie und den klimatischen Unterschieden Nordamerikas entsprechend – und folglich so verschieden – lebten die indigenen Völker perfekt angepasst an ihre natürliche Umwelt.11 Angesichts bitterkalter Winter und oft drückend heißer und trockener Sommer erbrachten sie erstaunliche Überlebensleistungen.
So überrascht es nicht, dass sich die indigene Bevölkerung sehr ungleich über den Kontinent verteilte. Die dichtesten Bevölkerungskonzentrationen wiesen die vom Klima begünstigten, an Nahrung reichen Küstenregionen am Atlantik, in Kalifornien und entlang des Golfs von Mexiko auf. Vor der Verbreitung des Pferdes gehörten die weiten, im Sommer glühend heißen, im Winter tief verschneiten Graslandschaften der Great Plains dagegen zu den am dünnsten besiedelten Lebensräumen – ähnlich wie die arktischen und subarktischen Regionen Kanadas. Das indianische Nordamerika war eine auf Klans basierende »Welt der Dörfer« (Richard White(2)), aber alles andere als ein statischer Kulturraum, sondern einer, in dem die einzelnen Nationen in regem Austausch mit ihren Nachbarn standen. Fast über den ganzen Kontinent spannten sich Handelsnetze, so dass der Austausch von Waren wie Kupfer, getrocknetem Fleisch, Töpferwaren, Muscheln, Fellen, Körben und Kanus und von indianischen Gefangenen schon in voreuropäischer Zeit florierte.12
Bis ins frühe 18. Jahrhundert hatte die Mehrzahl der nordamerikanischen Indianer noch nie einen Europäer zu Gesicht bekommen. Dennoch lebten die meisten Native Americans bereits in Verhältnissen, in der die Begleiterscheinungen der europäischen Invasion sehr deutlich, wenn oft erst indirekt spürbar waren.13 Nach der Gründung von St. Augustine (1565), Santa Fe (1607), Jamestown (1607) und Québec (1608), den ersten von Europäern und Europäerinnen dauerhaft bewohnten Siedlungen in Nordamerika, war innerhalb weniger Jahrzehnte eine »neue Welt für alle« (Colin G. Calloway(3)) entstanden – für die First Peoples ebenso wie für die spanischen, englischen, französischen und holländischen Neuankömmlinge. Tatsächlich führten die Fremden zahlreiche Dinge und Ideen mit über den Atlantik, welche die indigenen Lebenswelten nachhaltig und schließlich irreversibel veränderten.14 Die europäischen Kolonisten brachten nicht nur Güter wie Metallwaren, Stoffkleider und Pferde in die neue Welt, sondern auch Gewehre, Pulver und den Alkohol. Religiöser Eifer, eurozentrische Vorurteile und Landhunger gehörten zu ihrem mentalen Gepäck. Und zu allem Übel schleppten sie bis dahin unbekannte Krankheitserreger ein.15
Schon bevor sich jenseits des Atlantiks feste europäische Neusiedlungen etablieren konnten, nahm in Nordamerika eine der schlimmsten biologischen Katastrophen der Menschheitsgeschichte ihren Lauf. Vermutlich setzten der französische Seefahrer Jacques Cartier(1) und seine Mannschaft, die 1535 den Sankt Lorenz-Strom hinauf bis zum Irokesen-Dorf(3) Hochelaga segelten, wo sich heute Montréal befindet, und spanische Konquistadoren am Golf von Mexiko die zerstörerische Entwicklung in Gang.16 Bereits im 16. Jahrhundert brach die Gesamtzahl der (1)Mi’kmaq, die in den maritimen Provinzen des heutigen Kanada als eine der ersten indianischen Nationen überhaupt mit europäischen Walfängern, Dorschfischern und Pelzhändlern in Kontakt gekommen waren, dramatisch von 12 000 auf 3000 Menschen ein.17 Verhängnisvoll wirkte sich auch die spanische Expedition aus, die von 1539 bis 1543 über Tausende von Meilen durch den Südosten der späteren USA führte. Auf der Suche nach Gold durchstreifte Capitán Hernando de Soto(1) als erster Konquistador dieses weitläufige Gebiet – begleitet von einem Tross von 600 Mann und einer großen Herde von Schweinen, die als Schlachtvieh mitgeführt wurden. Von einer Bucht an der Westküste Floridas aufgebrochen stieß er bis ins heutige North Carolina vor, überquerte danach die Appalachen in westlicher Richtung und erreichte 1542 den Mittellauf des Mississippi. De Sotos Zug war nicht nur durch blutige Zusammenstöße mit den dort lebenden Nationen geprägt, er löste unter den Caddo(1) und Coosa(1) auch ein durch die mitgeführten Schweine verursachtes Massensterben aus.18
Eingeschleppte »Fieber« wie Pocken, Masern, Typhus, Diphterie und Influenza, die sich ihre Opfer bald in überregionalen Zügen holten, führten im östlichen Nordamerika in nur knapp 200 Jahren zu einem demografischen Kollaps unter den First Peoples.19 Besonders stark betroffen waren die städtischen Zentren der Mississippi-Kulturen, die gänzlich von der Landkarte verschwanden. Eurasien und Amerika hatten Jahrtausende lang isoliert voneinander gelebt, so dass die Native Americans keine Resistenz gegen Krankheiten besaßen, die sich aus dem engen Zusammenleben mit Haustieren entwickelt hatten.20 Gespenstige Seuchenzüge entvölkerten ganze Landstriche, noch bevor deren Bewohner je einen Europäer getroffen hatten. Um sich massenhaften Tod in ihre Gemeinschaften zu holen, reichte es aus, dass ein einzelner Indianer, der sich fern seines Dorfes angesteckt hatte, während der Inkubationszeit nach Hause zurückkehrte, bevor die Krankheit bei ihm ausbrach. Ganz ohne Immunschutz fiel den Infektionskrankheiten oft mit einem Schlag die Hälfte der Dorfbewohner zum Opfer. In den betroffenen Gemeinschaften wirkte sich das große Sterben auf alle Aspekte des sozialen Lebens aus. Es ließ die herkömmlichen Aktivitäten der Subsistenzsicherung erlahmen und führte in der Folge oft zu Hunger und monatelanger Not.21 Überdies traumatisierte das unerklärliche Geschehen viele Indianer und untergrub ihr Weltvertrauen, weil sich auch ihre Heiler mit ihren traditionellen Methoden als machtlos erwiesen.
Bis ins Jahr 1700 schrumpfte die indianische Gesamtbevölkerung in Nordamerika von ursprünglich 5 bis 10 Millionen auf 1,5 Millionen Menschen zusammen. Hinter dieser Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes verbarg sich unermessliches menschliches Leid.22 Die klaffenden Lücken, welche die neuen Krankheiten in die indianischen Gesellschaften rissen, verschafften den zunächst nur kleinen Gruppen von europäischen Einwanderern enorme Vorteile. Sie trugen dazu bei, attraktive Siedlungsräume von ihren Vorbesitzern zu entleeren und Vorstöße in diese Gebiete zu erleichtern. So betrachtet wirkten die eingeschleppten europäischen Krankheitserreger entscheidend an der Eroberung Nordamerikas mit.23 Der Kontakt mit den Europäern brachte den Indianern jedoch nicht nur neue Krankheiten und massenhaften Tod.
Von Beginn an zogen sie auch Nutzen aus bislang unbekannten Waren, Pflanzen und Tieren. Nichts revolutionierte die indigenen Lebensweisen im Herzen des Kontinents mehr als das Pferd, das sich seit dem frühen 17. Jahrhundert von Süden her langsam über die Great Plains verbreitete. Die Reittiere stammten aus den nördlichsten Siedlungen des Vizekönigreichs Neuspanien, wo sie entlaufen oder gestohlen worden waren.24 Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die nordamerikanischen Indianer die Weiten des Kontinents zu Fuß durchstreift und waren auch so auf die Jagd gegangen. Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelten sich die meisten Gemeinschaften im Herzland des Kontinents von Fußgängern in nomadisierende Reitervölker. Erst das Pferd ermöglichte es ihnen, die Bisonjagd zur alleinigen Lebensgrundlage zu machen. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts breitete sich die berittene Bisonjägerkultur von Nation zu Nation bis in die kanadischen Prärieprovinzen aus. Die Bisonjagd vom Pferderücken aus kam einer »großen kulturellen Transformation« (Donald W. Meinig(1)) gleich, die bis in das alltägliche Leben hineinreichte.25
Vielleicht noch einschneidender als die Verbreitung des Pferdes wirkte sich der Pelzhandel auf die indianischen Gesellschaften aus, vor allem auf die, die östlich des Mississippi lebten. Im 17. Jahrhundert stieg in Europa die Nachfrage nach Pelzen derart, dass in Nordamerika daraus ein lukrativer Geschäftszweig entstand. Nichts trug in der frühen Kontaktzeit mehr dazu bei, die »Wildnis« in Nordamerika für Unternehmer attraktiv zu machen, wie die kommerzielle Jagd auf Biber, Waschbären, Marder, Füchse, Bären, Nerze, Otter und Bisamratten.26 Diese erforderten keine größeren Investitionen. In der Massenausbeutung der Pelztierbestände waren alle kolonialen Mächte engagiert, am intensivsten Franzosen, Holländer, Russen und Engländer, am wenigsten die Spanier. Rasch gelang es Händlern aus Europa, die Indianer in ihrem Umkreis dazu zu bewegen, für sie auf die Jagd zu gehen. Denn so gut wie sie beherrschte niemand das tödliche Handwerk. In Handelsstationen, die oft an Flussläufen (wie dem Sankt Lorenz, dem Ottawa, dem Hudson oder auch dem Connecticut und Delaware(2)) lagen, tauschten sie die Pelze der erlegten Tiere gegen europäische Waren ein. Auf diese Weise wurden sie immer enger in das entstehende atlantische Wirtschaftssystem integriert.27
Zunächst im Mündungsgebiet, dann auch entlang des mächtigen Sankt Lorenz-Stroms begannen die (2)Mi’kmaq, Montagnais(1) und Abenaki(1) mit den Franzosen Handel zu treiben. In Tadoussac, wo der Saguenay in den Sankt Lorenz mündet, entstand um 1580 das früheste überregional bedeutsame Handelszentrum. Schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts weitete sich der Pelzhandel (Biber, Otter, Hermelin) von Québec bis an die Großen Seen aus, wo unter anderem die Huronen(1), Algonkin(1), Ojibwa(1), Ottawa(1) und Potawatomi(2) in ihn einbezogen wurden. Französische Waldläufer (»coureurs des bois«) und die Compagnie de la Nouvelle France machten sich die unter den Indianern bereits etablierten Handelsnetzwerke zunutze. Geschickt ließen sie sich auf ein friedliches Geben und Nehmen ein. Nachdem sie ihre indianischen Partner mit Geschenken bedacht hatten, tauschten sie aus Europa mitgebrachte Eisenäxte, Kupferkessel, Messer, Feuerwaffen, Schnaps und Glasperlen gegen Biber-, Waschbären- und Otterpelze ein.28 Schließlich beeinflusste dieses interkulturelle Austauschsystem beinahe alle Aspekte indigenen Lebens.29 Eisenbeile und metallene Messer zum Beispiel erleichterten den Bau von Langhäusern, aber auch das Hacken von Feuerholz und das Zerlegen von Tieren, machten jedoch auch Zweikämpfe mit Feinden tödlicher. Rasch setzte ein Rennen auf europäische Waffen ein, die denen, die sie besaßen, einen deutlichen Vorteil verschafften.30
Anfangs profitierten die Indianer noch vom Pelzhandel mit den »bärengleichen Wesen«, die auf »schwimmenden Inseln« über das »große Wasser« gekommen waren.31 In den undurchdringlichen Wäldern des östlichen Amerika jagten und erlegten sie immer mehr Tiere, zogen ihnen die Felle ab und ließen diese – auf spezielle Gestelle gespannt – an der Sonne trocknen. Mit dem Kanu paddelten sie schließlich zu Handelsposten wie Tadoussac, Trois-Rivières, Québec oder Montréal, wo sie von den »Eisenleuten«32, wie die Huronen(2) die Franzosen bezeichnenderweise nannten, mit den begehrten Waren bezahlt wurden. Der einträgliche Fellhandel etablierte sich im 16. Jahrhundert auch außerhalb des französischen Einflussbereiches: rund um Nieuw Amsterdam und Fort Orange im Hudson-Tal, wo die Niederländer das Sagen hatten, und auch in den meisten der britischen Kolonien an der Atlantikküste. In diesem Teil des östlichen Nordamerika waren die »Fünf Nationen« der alten Irokesenföderation(4), von Holländern und Engländern mit Feuerwaffen und Pulver ausgestattet, führend an ihm beteiligt.
Die aktive Teilnahme am atlantischen Austauschsystem wirkte sich für die Indianer schon während des 17. Jahrhunderts folgenschwer aus.33 Bald beanspruchte die einträgliche Jagd den Großteil ihrer Zeit. Darüber vernachlässigten viele von ihnen die traditionellen Methoden der Subsistenzsicherung und gerieten in stärkere Abhängigkeit von europäischen Importwaren.34 Die unersättliche Nachfrage nach Pelzen bewirkte, dass viele Gebiete schon nach wenigen Jahren überjagt und einige Tierarten (wie der Biber und der Otter) regional ausgerottet waren.35 Immer stärker fachte der Wettbewerb um Pelze die innerindianischen Rivalitäten an. Als ihre angestammten Reviere leer gejagt waren, drangen irokesische Krieger der Mohawk(3), Oneida(2) und Seneca(2) immer tiefer in die Jagdgründe der mit den Franzosen verbündeten Nationen (wie der Ottawa(2), Nipissing(1), Huronen(3), Mahican(1), Erie(1), Susquehannock(1)) ein. Blutige Konflikte waren die Folge. Die brutal ausgetragenen »Biberkriege« verwandelten das östliche Nordamerika zwischen 1640 und 1701 in eine Kriegszone. Irokesische Kriegertrupps machten den Raum zwischen den Großen Seen, Québec und Neuengland unsicher und verbreiteten unter ihren indianischen Nachbarn Angst und Schrecken.36
Ursprünglich südlich des Ontariosees beheimatet, weitete die Irokesenliga(5) das von ihnen kontrollierte Gebiet weit nach Westen und in den Süden aus. Sie brachte sich damit in den Besitz immer neuer Biberbestände, die in ihrem angestammten Lebensraum ausgerottet waren. Um die Großen Seen vernichtete sie einige ihrer indianischen Rivalen – wie etwa die Huronen(4) und Erie(2) – oder verdrängten andere indianische Gemeinschaften über den Mississippi. Die »Biberkriege« stürzten den Nordosten in einen Zyklus der Gewalt, der das Leben der Native Americans und der mit ihnen verbündeten Europäern für viele Jahrzehnte prägte. Über die Motive der Irokesen wird in der Forschung seit Längerem gerätselt. Mittlerweile steht fest, dass es in ihren Verwüstungszügen gegen ihre indianischen Nachbarn nicht bloß um Pelze und damit um ökonomische Interessen ging, sondern immer auch um ihr Überleben.37 Der Kontakt mit Europäern hatte auch in ihren Dörfern schwere Epidemien ausgelöst und klaffende Lücken unter ihren Bewohnerinnen und Bewohnern gerissen. Bezeichnenderweise machten Seneca(3), Cayuga(2), Onondaga(2), Oneida(3) und Mohawk(4) auf ihren Kriegszügen Hunderte von Gefangenen, die sie in ihre Gemeinschaften adoptierten, bevorzugt Frauen und Kinder. Die irokesischen Krieger folgten damit dem Ruf ihrer Klan-Mütter, die auch über Leben und Tod der Entführten entschieden. In diesen so genannten Trauerkriegen diente der systematische Menschenraub dazu, die gelichteten eigenen Reihen aufzufüllen.38
Die »Biberkriege« zeichneten die Machtverhältnisse im Nordosten neu. Einige indianische Nationen verschwanden in deren Verlauf ganz aus der Geschichte, andere erlebten in veränderter Gestalt, wenn sich die Überlebenden verschiedener Gemeinschaften zusammentaten, eine Wiederauferstehung. Umgekehrt ließ die ständige Blutauffrischung die Irokesenliga(6) zum entscheidenden Machtfaktor in der Nordostecke des Kontinents werden. Zur Ruhe kam die Region erst wieder mit dem Großen Frieden von Montréal, der am 4. August 1701 zwischen fast 40 indianischen Nationen und Neufrankreich geschlossen wurde. In einer feierlichen Zeremonie außerhalb Montréals, an der 1300 Indianer und Repräsentanten der Kolonialmacht teilnahmen, setzten die indianischen Chiefs das Zeichen ihrer Nation – meistens ein Tiersymbol – unter den Friedensvertrag. In ihm verpflichteten sich die ehemaligen Kontrahenten dazu, ihre Feindseligkeiten untereinander und gegen Neufrankreich einzustellen.39 Im Gegenzug für das irokesische Versprechen, sich künftig in Kriegen zwischen europäischen Mächten neutral zu verhalten, erhielten die »Fünf Nationen« Zugang zu französischen Handelswaren. Überdies wurde ihnen erlaubt, nördlich der Großen Seen zu jagen.40 Der Große Frieden von 1701 brachte eine »Pax Gallica« in den Nordosten und sicherte Frankreich dort für ein halbes Jahrhundert die Vorherrschaft.41 Diese Dominanz sollte erst durch die französische Niederlage im Siebenjährigen Krieg, im angelsächsischen Raum als »French and Indian War« (1754–1763) bekannt, entscheidend gebrochen werden – mit weitreichenden Folgen für die weitere Entwicklung in Nordamerika.
Das Ende des Siebenjährigen Krieges wirkte sich für die nordamerikanischen Indianer in Form einer tiefgreifenden Zäsur aus. Mit seinem Triumph über Frankreich begründete Großbritannien sein erstes Empire, das um einiges größer war als das Imperium des antiken Rom. Als Folge davon verschwand Neufrankreich, das Akadien, Kanada (die heutige Provinz Québec), das Pays d’en Haut und Louisiana umfasste, von der Landkarte. Nun trat das Vereinigte Königreich das Erbe von Frankreichs nordamerikanischem Kolonialreich an. Die britischen Besitzungen erstreckten sich fortan vom Atlantik bis zum Mississippi und von der Hudson Bay bis zum Golf von Mexiko. Jenseits des Mississippi blieb nur Spanien als imperialer Player übrig. Mit dem Frieden von Paris änderte sich in Nordamerika nicht nur die imperiale Mächtegeografie entscheidend, sondern wechselte auch ein halber Kontinent seinen Besitzer, ohne dass die auf ihm lebenden Indianer auch nur um ihr Einverständnis gefragt worden wären.42 Im Jahr 1763 fanden Entwicklungen, die sich seit einem halben Jahrhundert abgezeichnet hatten, ihren Höhepunkt.
Von seinen Rändern abgesehen war Nordamerika um 1700 noch weitgehend indianisches Land. Es existierten zwar bereits etliche europäische Siedlungsinseln, Handelsposten, Missionsstationen und militärisch genutzte Forts, doch aufs Ganze gesehen handelte es sich bloß um Exklaven. Noch immer stellten die durch Epidemien und Kriege bereits stark dezimierten indianischen Gemeinschaften um 1700 die Bevölkerungsmehrheit auf dem Kontinent. Doch im Verlauf des 18. Jahrhunderts begann sich die demografische Balance immer deutlicher zu Gunsten der europäischen Invasoren zu verschieben, bis die First Peoples am Ende des Jahrhunderts schließlich zu einer bedrängten Minderheit auf dem eigenen Kontinent wurden.43 Zahlenmäßig nicht allzu stark ins Gewicht fiel in diesem Prozess der von Spaniern dünn besiedelte Südwesten und Neufrankreich, wo 1760 geschätzte 75 000 Franzosen lebten, die mit Abstand meisten davon entlang des Sankt Lorenz-Stroms in der heutigen kanadischen Provinz Québec.44
Einen entscheidend anderen Verlauf nahm die Entwicklung jedoch in den britischen Siedlungskolonien an der Atlantikküste. Im Jahr 1700 lebten dort rund 250 000 englische Kolonisten. Seit diesem Zeitpunkt verdoppelte sich die Bevölkerung jedes Vierteljahrhundert, so dass 1725 bereits 500 000, 1750 1,25 Millionen und bei Ausbruch der Amerikanischen Revolution (1775) immerhin schon 2,5 Millionen Menschen nichtindianischer Herkunft, darunter neben Engländern auch Iren, Schotten und Pfälzer, die in Atlantiknähe siedelten.45 Während des 18. Jahrhunderts erlebten die britischen Küstenkolonien eine regelrechte »Bevölkerungsexplosion«46, die sich nach der Gründung der Vereinigten Staaten verstärkt fortsetzte. Unterschiedlich verlief nicht nur die Bevölkerungsentwicklung in Neufrankreich und den sich immer weiter gegen die Appalachen ausdehnenden britischen Küstenkolonien.47 Von Anfang an pflegten die beiden Neu-Europas jenseits des Atlantiks einen grundsätzlich anderen Umgang mit den First Peoples, so dass in der neueren Forschung eine französische »Frontier der Inklusion« von einer britischen »Frontier der Exklusion« unterschieden wird.48
Das von Frankreich beanspruchte Imperium reichte von der im Nordatlantik gelegenen Kap Breton-Insel den mächtigen Sankt Lorenz-Strom hinauf bis zu den Großen Seen und vom Lake Superior westwärts ins Tal des Mississippi und von da stromabwärts bis La Nouvelle-Orléans (1718) am Golf von Mexiko. Wie die Spanier in Mexiko nach dem Ende der blutigen Conquista errichteten die Franzosen in ihrem nordamerikanischen Dominium eine Kolonialgesellschaft, welche die Indianer einschloss. Rasch entstand in der Kolonie Neufrankreich eine multikulturelle Gesellschaft mit einem hohen indigenen Anteil.49 Von Anfang an war Neufrankreich, in dem nicht so sehr die Besiedlung als die christliche Missionierung der indigenen Bevölkerung und der Pelzhandel im Vordergrund standen, durch enge interkulturelle Beziehungen und ethnische Vermischung (»métissage«) geprägt. Mit den (3)Mi’kmaq, Montagnais(2), Algonkin(2) und Huronen(5) unterhielten die Franzosen Allianzen und sogar Freundschaften.50
In den Missionsstationen von Sainte-Marie among the Hurons und Sault Ste. Marie wohnten Jesuiten, Laienbrüder und Gehilfen (»donnés«) mit getauften oder bekehrungswilligen Indianern zusammen. Oft lebten französische Waldläufer auch in indianischen Dörfern und trieben von da aus regen Handel mit den Indianern der Umgebung. Partnerschaften zwischen französischen Männern und indianischen Frauen kamen häufig vor. Ihre »métis« genannten Kinder waren indianisch und französisch zugleich. Im Pays d’en Haut rund um die Großen Seen und im Pays des Illinois, das sich vom Südufer des Lake Michigan in südwestlicher Richtung zum Mittellauf des Mississippi erstreckte, war seit 1680 eine interkulturelle Begegnungszone entstanden, die der Ethnohistoriker Richard White(3) als »Middle Ground« beschrieben hat.51
Der »Middle Ground« war eine kulturelle Mischwelt zwischen algonkinsprachigen Völkern und französischen Einwanderern. Dabei handelte es sich um eine Kontaktzone, die gleichsam zwischen Kulturen, Völkern und Kolonialreichen lag,52 von französisierten Indianern und »wilden Franzosen« bevölkert.53 Durch indianische Rituale wie das Schenken und das Rauchen der Friedenspfeife am Laufen gehalten, gründete der »Middle Ground« auf gegenseitiger Anpassung und ständiger Vermittlung. Selbstredend war dies eine zeitraubende und teure Angelegenheit, vor allem für die an indianischen Pelzen interessierten Franzosen. Entstehen konnte diese vergleichsweise friedliche Begegnungszone nur, weil beide Parteien auf Dinge des Anderen aus waren, die sie sich nicht mit Gewalt aneignen konnten. In dem halben Jahrhundert vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1754) erlebte der »Middle Ground« seine Blütezeit. Doch selbst zu seiner besten Zeit war er stets Teil eines kolonialen Projekts, wollten die Franzosen doch Nutzen aus den Beziehungen zu den First Peoples in ihrem Herrschaftsbereich ziehen.54
Im Unterschied dazu setzten sich die britischen Kolonisten nicht an der amerikanischen Ostküste zwischen Boston und Charleston fest, um mit den indianischen Nationen Handel zu treiben. In deren Land drangen sie ein, um sich mit ihrer eigenen Hände Arbeit eine neue Existenz aufzubauen. Immer mehr Glaubens- und Armutsflüchtlinge drängten seit Mitte des 17. Jahrhunderts in die britischen Küstenkolonien, in denen der Traum vom idealen Staat oft mit Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und Indianern einherging.55 Von der 1681 gegründeten Quäkerkolonie Pennsylvania abgesehen, in der William Penns(1) Utopie vom »friedlichen Königreich« (»Peaceable Kingdom«) die Indianer zunächst einschloss, entwickelte sich die Ostküste rasch zum Schauplatz einer gewalttätigen Kollision zwischen den sich fremd bleibenden Kulturen.56 Denn von Beginn an lief der britische Siedlerkolonialismus darauf hinaus, den indianischen Gemeinschaften ihr Land abspenstig zu machen – mit welchen Mitteln auch immer.
Die englischen Einwanderer wollten jenseits des Atlantiks zwar ideale christliche Staaten gründen, waren in aller Regel aber nicht willens, die »Wilden« in die neue Gesellschaft zu integrieren.57 So unterminierten ihre neu entstehenden Siedlergesellschaften die Lebensgrundlagen etlicher indianischer Nationen. Immer neue Rodungen und bald schon umzäuntes Weideland fraßen sich in ihr Land hinein.58
