Veronica und der Teufel - Fernanda Alfieri - E-Book

Veronica und der Teufel E-Book

Fernanda Alfieri

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Beschreibung

Ein Abend in Rom im Dezember 1834: Zwei Jesuiten klopfen an eine Tür in der Via di Sant'Anna. Sie sind gerufen worden, um eine junge Frau vom Teufel zu befreien. Im Generalarchiv der »Gesellschaft Jesu« hat die Historikerin Fernanda Alfieri das Tagebuch dieses Exorzismus entdeckt. Es ist nicht nur ein zutiefst verstörender Bericht, in dem der Teufel selbst Beleidigungen und derbe Witze im römischen Dialekt von sich gibt. Es ist auch ein außerordentliches Zeugnis der Spannungen einer Epoche zwischen Aufbruch in die Moderne und Restauration. Auf der einen Seite steht die Kirche mit der Überzeugung, dass das Böse von dem Körper des Mädchens Besitz ergriffen hat. Auf der anderen Seite steht die wissenschaftsbasierte Medizin. Die Priester, die Eltern, die Ärzte, sie alle sind hin- und hergerissen zwischen Aberglauben und moderner Welt. »Veronica und der Teufel« ist eine faszinierende und beunruhigende Geschichte über Glauben, Aberglauben und die gewaltsame Allianz von Wissen und Macht.

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die italienische Originalausgabe ist 2021 bei Giulio Einaudi editore unter dem Titel Veronica e il diavolo. Storia di un esorcismo a Roma erschienen.

© 2021 Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino

Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Dieses Buch wurde dank eines Übersetzungszuschusses des Italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Kooperation übersetzt.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.

© 2023 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

Umschlaggestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg

Umschlagabbildung: Der Nachtmahr. Gemälde von Johann Heinrich Füssli, 1781. © akg-images

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4496-0

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4575-2

eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4576-9

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Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Impressum

Für Rosalia

Das Rezept ist immer dasselbe: Man beginnt mit der Geschichte von einem geheimnisvoll überlieferten oder wiedergefundenen Manuskript. Woher kommt es eigentlich, daß diese Fiktion nie aufgehört hat, die Schriftsteller zu verlocken, und daß einer nach dem anderen sie ganz unverfroren immer wieder aufgreift, als ob sie frisch wie am ersten Tage wäre.

HAZARD, Die Krise des europäischen Geistes. 1680–1715.

Inhaltsverzeichnis

I Rom, ein Datum nahe an heute, ist aber nicht so wichtigMeine Aufzeichnungen

II 23. Dezember 1834Exorzismus

III Ohne Datum, bevor alles begannExorzismus

IV 24. Dezember 1834Erzählungen fremder Reisender

V 24. Dezember 1834Exorzismus

VI 25. Dezember 1834Exorzismus

VII 27. Dezember 1834Tagebuch von Pater Manera

VIII 28. Dezember 1834Tagebuch von Pater Manera

IX 29. Dezember 1834Tagebuch von Pater Manera

X 31. Dezember 1834

XI 1. Januar 1835Exorzismus

XII 2. Januar 1835Exorzismus

XIII 4. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XIV 8. Januar 1835Exorzismus

XV 9. Januar 1835Exorzismus

XVI Rom, Januar 1827„Processus“ der Seligsprechung und Heiligsprechung des ehrwürdigen Diener Gottes Francesco Saverio Maria Bianchi

XVII 14. Januar 1835Exorzismus

XVIII 15. Januar 1835Tagebuch von Doktor Andrea Belli

XIX 15. Januar 1835Exorzismus

XX Nächtliche Aufzeichnungen von Vittoria HameraniExorzismus

XXI Noch immer der 15. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXII In der Nacht vom 16. auf den 17. Januar Aufzeichnungen von Maria Vittoria HameraniExorzismus

XXIII 17. Januar 1835Exorzismus

XXIV Ohne DatumPersönliche Aufzeichnungen von Pater Tommaso Massa

XXV 18. Januar 1835Exorzismus

XXVI 19. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXVII 20. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXVIII 24. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXIX 28. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXX Noch 28. Januar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXXI Ohne DatumExorzismus

XXXII 29. Januar 1835Exorzismus

XXXIII Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1835Aufzeichnungen von Maria Vittoria HameraniExorzismus

XXXIV 5. Februar 1835Exorzismus

XXXV 18. Februar 1835Tagebuch von Pater Manera

XXXVI 2. März 1835Exorzismus

XXXVII 8. März 1835Exorzismus

XXXVIII 12. April 1835Exorzismus

XXXIX 22. Juni 1835Exorzismus

XL 23. April 1836Exorzismus

XLI 20. August 1836Aus den Akten des Staatssekretariats

XLII Aus Senigallia vom Inquisitor an den Kardinalvikar, gegen den Papst

XLIII 12. April 1871Testament von Maria Veronica Hamerani

XLIV 26. Februar 1883Übergabe von Maria Veronicas Testament

XLV Rom, vor KurzemMeine Aufzeichnungen

XLVI Einige Wochen späterMeine Aufzeichnungen

Dank

Zeittafel

Archivverzeichnis

Anmerkungen

Bibliographie

Die Familie Hamerani

Die wichtigsten am Exorzismus beteiligten Personen außerhalb der Familie Hamerani

Personen mit gegenteiliger Meinung

I

Rom, ein Datum nahe an heute, ist aber nicht so wichtig

MEINE AUFZEICHNUNGEN

Nur vage kann ich mich daran erinnern, wie die Dinge genau gelaufen sind, es ist Jahre her. Ich wollte in Rom eine Forschungsarbeit über einen Jesuiten zu Ende bringen, der Ende des 16. Jahrhunderts ein Traktat über die Ehe verfasst und sich darin überaus sorgfältig damit beschäftigt hatte, was die Eheleute im Bett tun oder nicht tun dürfen. Beseelt vom Streben nach Wahrhaftigkeit und Sorge um das Seelenheil der Gläubigen, schien er es zu weit getrieben zu haben bei seiner Betrachtung aller Ausdrucksmöglichkeiten körperlicher Liebe. Deshalb suchte ich im Archiv der Jesuiten nach archivalischen Beweisen dafür, dass sein Werk der Zensur zum Opfer gefallen war. Es muss zu Beginn des Winters gewesen sein, wahrscheinlich ging draußen wie so oft in Rom ein sturzbachartiger Regen nieder, der die Kronen der Pinien auseinander peitschte, als seien es umgedrehte Regenschirme. Der Lesesaal des Archivs geht auf eine Terrasse, die, wenn sie nass wird, auf ihrer spiegelnden Fläche das Grau des Himmels verdoppelt. Zwischen oben und unten gibt es kein Entrinnen. Wenn man ans Fenster tritt, um die Augen vom Entziffern der Texte zu erholen und in die Ferne zu blicken, stößt man in nicht allzu großer Entfernung auf ein anderes Grau, das sandgestrahlte Grau des Petersdoms. Wie ein Schiff nahe vor der Küste gleitet die Peterskirche scheinbar vorbei, in ihrer Monumentalität völlig unbeeindruckt vom Wüten des Unwetters über der Hauptstadt, die im Verkehrsgewühl und in den Fluten aus den überlaufenden Gullis unterzugehen droht.

All das nimmt man vom Lesesaal aus wahr, obwohl kein Laut von draußen hereindringt. Drinnen wird die Stille nur vom Rascheln umgeblätterter Seiten und vom Klicken angeschlagener Tasten unterbrochen: den Geräuschen der Forschenden, die Material für ihre Arbeiten finden oder zur weiteren Sichtung sammeln und über Monate und Jahre hinweg schweigend durchgehen, jeder für sich. Nicht immer ist es erlaubt, die Quellen zu fotografieren, deshalb müssen sie Wort für Wort, Zeichen für Zeichen in den Laptop getippt werden, auch wenn sie unleserlich sind. Das kann Tage oder Wochen dauern.

Schon jetzt hat mir meine Erinnerung einen Streich gespielt. Durchs Fenster sieht man keineswegs die Kuppel der Peterskirche in voller Größe, sondern nur einen kleinen romanischen Campanile. Wenn mich mein Erinnerungsvermögen schon so täuschen kann, sage ich mir, wie soll ich dann in der Lage sein, ans Licht zu bringen, was andere erlebt haben. Sicher ist jedenfalls, dass ich, während es draußen regnete und Himmel und Erde im Grau verschwanden, vergeblich auf der Suche nach Zensurakten war. Ich hatte schon an allen Stellen gesucht, wo ich sie zu finden hoffte, war der strengen Ordnung, nach der Archive aufgebaut sind, ergebnislos gefolgt und nun bereit zum Sprung. Wenn man das Gesuchte nicht dort findet, wo es sein sollte, betritt man mit einem Seufzer der Resignation und der Selbstermutigung das große, verschwommene Reich der Miscellanea. Hier, wo Rechnungsbücher und Gedichte, Andachtsbildchen und einzelne Merkzettel, Bruchstücke privater Korrespondenzen und Notizen für den Hausmeister vereint sind, ist die Zeit nicht berechenbar, weder die, die man für die Recherche braucht, noch die, aus der die Schriftstücke stammen. Die Papiere, die bei den Miscellanea landen, sind oft undatiert, zumeist auch ohne Unterschrift, und damit fehlt genau das, wodurch sie in die befestigten Zitadellen der exakt rekonstruierbaren Geschichte aufgenommen werden könnten. Ohne Vor- und Nachnamen und Geburtsjahr irren sie durch die Geschichte wie Waisenkinder ohne Geburtsurkunde, bis jemand in ihnen einen Hinweis auf ihre Herkunft und ihr Alter entdeckt.

Aus diesen unermesslichen Tiefen ist Veronicas Geschichte emporgetaucht und in meine Hände geraten, während ich etwas ganz Anderes suchte. Sie war eingehüllt in einen an den Rändern zerfledderten Papierumschlag mit einem Namen, der nicht der ihre war: Esorcisazione di Maria Antonina Hamerani, ritenuta ossessa (1834–35) [Teufelsaustreibung der als besessen geltenden Maria Antonina Hamerani (1834–35)]. Derjenige, der dem Aktenbündel diesen Titel gab, hatte vielleicht nur einen kleinen Teil gelesen oder diesen Teil für wichtiger gehalten als den Rest. Aus bloßer Achtlosigkeit oder mit einem bestimmten Ziel, das sich in der verflossenen Zeit verlor, hat mir der Wächter über die Erinnerung Veronicas Geschichte als die einer anderen zugespielt. Eine andere Hand hat später den Namen Maria Antonina durchgestrichen und durch Veronica ersetzt. Dieser Archivar hat den ursprünglichen mit Respekt behandelt. (Was vorher geschrieben stand, darf nicht ganz gelöscht, sondern muss konserviert werden.) Auch wollte er nicht das letzte Wort haben. Vorsichtig und mit leichter Hand hat er einen Bleistift benutzt.

Das sind nur zwei der vielen Hände, die zu dem Aktenbündel beitrugen, das ich an einem verregneten Tag gefunden habe. Über dreihundert Blatt, von denen die meisten beidseitig beschrieben waren. Beim ersten Durchblättern ist mir sofort die Hand eines eifrigen Schreibers aufgefallen, der die ersten Seiten mit seiner winzigen Schrift gefüllt und den rechten Rand der rechten Spalte exakt in der Mitte eingehalten hat. Das sieht so aus, als wollte er das Geschriebene erst im Nachhinein ordnen, habe ich mir gedacht. Dieselbe Schrift wird später eckiger und geht achtlos über die unsichtbare Trennlinie zwischen rechter und linker Spalte hinweg. Vielleicht hatte es der Verfasser eilig und wollte möglichst alle Details einer unübersichtlichen Situation festhalten. Es blieb ihm keine Zeit, seine notdürftig hingeworfenen Notizen und die ebenso eilig verfassten Zeilen anderer Schreiber, die abwechselnd die restliche Hälfte der Quelle bilden, in eine präsentable Form zu bringen. Ich erkannte runde Schriftzüge, deren Buchstaben in der Eile die Zeile nach unten bogen. Eine andere Schrift wirkte ungeschickt und schien sich an die im Schönschreibunterricht erlernten Formen zu klammern. Die Hand einer ungebildeten Frau vielleicht. Hier ein dünner, spitzer Blockbuchstabe am Rand, dort, gegen die Mitte zu, plötzlich mit ungelenkem, fast gewalttätigem Schwung ausgezogene Kursiven. Die Schreiber scheinen es wahnsinnig eilig gehabt zu haben, ihre Zeugnisse niederzulegen, und müssen geschrieben haben, während sich etwas, das aus irgendeinem Grund festgehalten werden musste, mit großer Geschwindigkeit vor ihren Augen abspielte. Niemand, das habe ich sofort festgestellt, hat eine Unterschrift hinterlassen, als ob der Verfasser keine Rolle spielte. Vielleicht hatte man an Ort und Stelle nicht daran gedacht, weil alle genau wussten, wem die ausufernde und wem die ungelenke Handschrift gehörte. Oder es schien zu genügen, einen Beweis dafür zu haben, dass es Augenzeugen gab und dass das Beschriebene tatsächlich geschehen war. Eines Tages würde dann jemand all diese Zeichen, die Spuren all dieser Hände in Reinschrift übertragen, um die Geschichte noch wahrer zu machen.

Bei Schließung des Archivs lag wohl das grauviolette, fast fluoreszierende Licht regennasser Winterabende über der Stadt. Wie so oft waren die Lampen im Flur zum Ausgang noch nicht eingeschaltet, ich hatte mein Garderobenschränkchen wahrscheinlich nur tastend und dank des schwachen Lichtscheins aus dem Treppenhaus gefunden. Meine Jacke, die dort seit Stunden hing, verströmte dumpfe Feuchtigkeit. Als ich sie zusammen mit meiner Tasche herauszog, schlug die Tür zu und löste einen vielfachen metallischen Widerhall aus. Wenn nur eine Tür schlägt, lässt sie Dutzende Türen anderer leerer Metallschränkchen zufallen. Die Dunkelheit in dem Korridor habe ich nie gemocht. Hier am Ende eines Tages hindurchzugehen, an dem man sich mit dem Leben von Toten beschäftigt hat, wirkt wie eine Bestrafung. Du hast in unser Leben blicken wollen? Dann musst du jetzt durch dieses Dunkel gehen. Hier könntest du einem von uns begegnen. Du hast es eilig hinauszukommen, du Feigling. Aber solange du im Neonlicht auf den gepolsterten Stühlen des Lesesaals sitzen konntest, hast du dich gierig über uns hergemacht und hast mit der Anmaßung dessen, der sich einbildet, alles zu durchschauen, bloß weil er heute lebt, in unserem Leben herumgewühlt. Da mussten wir dich gewähren lassen, weil wir auf dem Papier kein Recht auf Widerspruch haben. Jetzt aber können wir uns von hinten an dich heranmachen, dich die Treppe hinunterstürzen oder dir vielleicht nur leicht über die Wange streichen. Allein die Ungewissheit darüber, woher der Lufthauch kommt, würde dich schon in Angst und Schrecken versetzen.

Wie gewöhnlich tauchte ich, vermutlich erleichtert von dem Gedanken, endlich draußen zu sein, in den Lärm des spätnachmittäglichen Verkehrs ein. Danach habe ich sicher eine ganze Reihe von Dingen getan, an deren Abfolge ich mich nicht genau erinnern kann. In der Hoffnung, dass irgendein Lebender nach mir gesucht hatte, habe ich mein Handy eingeschaltet; beim Überqueren der Via della Conciliazione vorsichtig nach rechts geblickt. Bevor die Straße für den Verkehr gesperrt worden ist, rasten die Autos hier mit atemberaubender Geschwindigkeit über das holperige Basaltpflaster heran, ohne die Zebrastreifen zu beachten, an denen sich disziplinierte Fußgänger positionierten, in der Illusion, ein Recht zum Überqueren der Straße zu haben. Sobald die Straße frei war und ich möglichst schnell die andere Straßenseite zu erreichen suchte, habe ich einen Blick nach links auf die eindrucksvolle Kulisse des Petersplatzes geworfen. Diesmal kann mich meine Erinnerung nicht täuschen, denn sie lag tatsächlich da, als bläuliche Silhouette vor dem grauvioletten Himmel des frühen Abends. Vielleicht hat es nicht mehr geregnet.

Ich habe die Akte über den Exorzismus noch unzählige Male studiert, bei unterschiedlichem Wetter und zu verschiedensten Tageszeiten. Dennoch ist sie für mich immer mit dem flüchtigen Rest schwindenden Lichts zwischen dem Ende des Tages und dem Beginn der Nacht verbunden, in dem der exakte Punkt zwischen vorher und nachher fassbar zu sein scheint. Genau aber kann ihn niemand bestimmen.

Auch bei dem Exorzismus könnte man meinen, Anfang und Ende ließen sich anhand des Manuskripts exakt ausmachen. An einem Dezembertag des Jahres 1834 betrat eine kleine Gruppe von Männern ein Haus im römischen Stadtteil Sant’Eustachio, um an einer jungen Frau eine Teufelsaustreibung zu praktizieren. Exorzisten, Ärzte, bekannte und unbekannte Personen oder Passanten und schließlich weitere Exorzisten sollten sie in den folgenden Monaten aufsuchen. Die einen wollten den Teufel austreiben, andere hielten sie fest, wieder andere beobachteten sie bloß. Fast täglich schrieb jemand auf, was bei diesen Besuchen und in den vorausgegangenen oder darauffolgenden Stunden geschah. Am Anfang des nächsten Sommers gab die Gruppe das Vorhaben auf, und auch die Aufzeichnungen wurden beendet. Von diesem Augenblick an gingen die Lichter aus, die bis dahin Tag für Tag jedes Detail beleuchtet hatten, um zu klären, was in dem Mädchen vor sich ging. Ihre Stimmungen, Gesichtsausdrücke, Tonlagen, ihr Appetit, ihre Ausscheidungen, ihre Schlaf- und Wachzeiten, Gebete und häuslichen Tätigkeiten, die monatelang aufs Genaueste beobachtet worden waren, fanden keinen Niederschlag mehr.

Aber die Geschichte endet damit nicht. Die junge Frau lebte ebenso weiter wie einige ihrer Besucher, und ihr Leben hinterließ an anderen Stellen als in dem Aktenbündel über den Exorzismus Spuren. Andere Orte, andere Situationen, andere Archive. Schwer zu bestimmen also, wann die Geschichte wirklich endet, und um genau zu sein auch, wann sie wirklich beginnt. Sie hatte lange zuvor im Leben der beteiligten Personen ihren Anfang genommen, bis diese schließlich die Schwelle des Zimmers betraten und mit eigenen Augen die junge Frau beobachteten, wobei sie bereits eine Vorstellung von dem Bösen und der Art, wie es zu beseitigen war, mitbrachten, eine Vorstellung von menschlich und nichtmenschlich, von richtig und falsch. Noch weiter in der Vergangenheit hatte die Geschichte vielleicht mit dem Leben ihrer Vorgänger und mit vorbestimmten Schicksalen begonnen, mit Zufällen und Unfällen, die in eine bestimmte Richtung geführt hatten, und mit dem, was sie hinterlassen hatten. All diese anderen Anfänge müssen notwendigerweise hier Eingang finden, denn sie bilden den Stoff, aus dem die Menschen, denen ich in dem Zimmer in der Via di Sant’Anna begegnet bin, gemacht sind.

Ich habe versucht, Geburts- und Todesdaten ausfindig zu machen, um chronologische Bögen zu spannen und sie in Jahren, Monaten und wo möglich sogar bestimmten Tagen zu verankern. Sie sollten nicht im Meer der Zeit ohne Datum und festen Platz auf der Achse des Vorher und Nachher schwimmen, die wir so dringend brauchen. Den meisten Schreibenden konnte ich einen Namen geben, einigen auch ein Gesicht. Die Texte des Exorzismus ließen sich durch andere Schriftstücke ergänzen, die auf den Vorgang oder auf die beteiligten Personen verweisen. Durch diese Untermauerung kann das Geschehen mit vollem Recht Teil der befestigten Zitadelle der rekonstruierten Geschichte werden.

Dennoch dringt durch das fahle Dämmerlicht der Schriftstücke ein unbestimmtes Wispern, das jeden Versuch, die Ereignisse an die glatte Oberfläche einer stimmigen Erzählung zu bringen, zunichtemacht und sie in die Tiefe zieht. Diejenigen, die den Exorzismus schreiben, sind parteiisch und werden von vielfältigen Antrieben bewegt. Sie wollen beweisen, dass die junge Frau vom Teufel besessen ist, haben zudem Angst, sie leiden zu sehen, vor allem aber sind sie wütend, feststellen zu müssen, dass ihre Praktiken nichts nützen und die Schmerzen nicht vergehen. Die Exorzisten, die über das Mädchen schreiben, sind Verlierer.

Die Parteilichkeit des Exorzismus hat die Geschichte in meinen Augen fast zur Groteske gemacht. Was für eine Übertreibung, dachte ich beim ersten Lesen. Dennoch wollte ich die Schriftstücke abschreiben, um sie für das Archiv aufzuschlüsseln, sie auseinandernehmen, die einzelnen Teile gewissermaßen vergrößern, um sie aus der Nähe, aus der Ferne und von allen Seiten zu betrachten. Da stimmt etwas nicht, dachte ich bis zum Schluss. Daraufhin habe ich in dem Archiv, in dem ich die Akte an jenem vermutlich verregneten Tag gefunden hatte, weitergesucht, um weitere Spuren der Personen zu finden, von denen dort die Rede war. An dem Geschehen waren Angehörige des Jesuitenordens beteiligt, die sich, wie es ihre Lebensläufe nahelegten, mit ganz anderen Dingen beschäftigt hatten. Sie waren Lehrer, Missionare und Prediger. Nichts, was mit dem Kampf gegen das Böse im Körper der Frau zu tun hatte. Deshalb habe ich in anderen Archiven nachgeforscht, beispielsweise im Dokumentationszentrum einer kleinen Ortschaft im spanischen Aragon, im Regionalarchiv Oberrhein im Elsass, und zuvor schon in den italienischen Staatsarchiven in Rom, Turin und Bologna, in der Vatikanischen Bibliothek und in der Kommunalbibliothek von Pavia. In der Handschriftenabteilung der römischen Staatsbibliothek bin ich auf zwei Hefte gestoßen, in denen von den ersten zwei Monaten der Geschichte die Rede ist. Der Verfasser, ein Jesuit, trug den Namen Francesco Manera und ging in Veronicas Zimmer täglich ein und aus. Seine Aufzeichnungen werde ich Tagebuch von Pater Manera nennen.

Schließlich habe ich den Exorzismus ernst genommen. Es steckt so viel erzählenswertes Leben darin, dass man einen Roman daraus machen könnte, habe ich gedacht. Aber obwohl ich einen möglichen Anfang und ein starkes Bild gefunden hatte – so stark und lebendig, dass ich es fast vor mir sehe –, musste ich mir doch eingestehen, dass das Leben der Personen, die körperlich anwesend waren, redeten und beobachteten, jetzt nur aus Worten auf Papier bestand, und dass sich zwischen dem damaligen Leben und dem Papier von heute unzählige Trennwände erheben. Ich kann die vergangene Körperlichkeit nicht lebendig machen, das Licht, das sich in der Iris des Betrachters bricht, den Geschmack im Mund, die Kälte im Gesicht und an den Händen auf dem Weg zum Besuch der jungen Frau. All diese Dinge – Gesten, Körper, Gefühle, Zielsetzungen, ausgesprochene und nur gedachte Wörter – sind enorm wichtig für einen Roman, weil sie die Figuren lebendig und wahrhaftig erscheinen lassen. Dann fühlt und sieht man beim Lesen mit, sodass sich Traurigkeit einstellt, Freude oder Mitleid, der Speichelfluss zunimmt, der Herzschlag sich erhöht und der Atem kurz wird. So geht es dem Leser, wenn der Autor ganz über das Leben seiner Figuren verfügen und sie nach seinem Willen atmen, leiden oder lieben lassen kann. Er lässt sie sich bewegen und entscheidet über Zeit und Ort, denn er behandelt sie als Figuren, nicht als Menschen, die einmal gelebt haben und jetzt tot sind. Das ist, so habe ich mir oft gesagt, das Wesen des Erzählens.

Der Roman ist frei, die Geschichte nicht. Meine Aufgabe besteht nicht darin, mir in aller Freiheit vorzustellen, was die Menschen, die meine Quellen bevölkern, wohl gedacht und gefühlt oder wie sie miteinander gesprochen haben und was zwischen den Informationen, die die Quellen hergeben, geschehen sein mag. Ich habe es mit den Überlebenden eines Schiffbruchs zu tun. Jede Quellenangabe, über die ich verfüge, ist aus dem weiten Meer der verlorenen, vergessenen und nie beschriebenen Menschen und Dinge gerettet worden. Wohl wissend, dass ich trotz aller Anstrengung auf der Spur eines Überlebenden nicht alles und manches nur verstümmelt wieder auffinden kann, darf ich mir nicht erlauben, ihn nach Gutdünken von der einen an eine andere Stelle zu verschieben, ihm etwas anderes anzuziehen oder ihn – wenigstens gedanklich – etwas tun lassen, was mir oder dem Leser gefallen würde.

Bei der Restaurierung von Kunstwerken geht man meines Wissens heute folgendermaßen vor: Auf einer abgeblätterten Wand werden beispielsweise die Umrisse eines Freskos sichtbar, vielleicht das Bild einer Frau mit nach hinten geneigtem Kopf und ausgestrecktem rechten Arm, der nach unten zeigt. Reicht sie jemandem etwas? Empfängt sie etwas? Zeigt sie etwas? Wenn man das Gesicht erkennen könnte, wäre die Absicht zu erahnen. Wenn die Hand vorhanden wäre, könnte man die Geste verstehen. Bei der Restaurierung darf sich jedoch niemand erlauben, etwas in die Hand zu legen, eine Absicht erkennbar zu machen, aus den Augen ein Gefühl sprechen zu lassen. Das gilt als Täuschung und Profanierung. Stattdessen lässt der Restaurator die neutrale Farbe der Wand stehen, die Farbe der Leere, die des weiten Meeres der verlorenen Menschen und Dinge.

Eng nebeneinander liegen Fülle und Leere, das Vorher und Nachher, das Leben von damals, der Tod von heute und die Sehnsucht, ihm wieder Leben einzuhauchen und respektvoll ein neues Fresko entstehen zu lassen. Auch dies hat seine eigene Lebendigkeit und seine eigene melancholische Schönheit. Deshalb möchte ich zwischen der Zurschaustellung des Todes mit seiner unüberwindlichen Leere und der freien Wiederherstellung, die so tut, als hätte es den Tod nie gegeben und nichts sei verloren (unverschämte Freiheit, ich ersehne dich und verachte dich zugleich ein wenig: etwas für Romanciers), den Mittelweg der Vermutung wählen: Sofern es plausibel ist, sofern sich irgendwo ein Beleg dafür finden lässt, dass es so gewesen sein könnte, hielte die Frau eine Blume in der Hand, und zwar eine Lilie. Wenn ich diese meine Freiheit sozusagen auf Bewährung nutze, kann ich hoffen, eine plausible Umgebung für die Frauen und Männer meiner Quellen zu schaffen, plausibel Morgen- und Abenddämmerungen, Kälte, Wärme, Düfte, Stoffe und Stimmungen zu beschreiben. Zugleich akzeptiere ich, dass ich bereits jetzt diese Frauen und Männer, diese Morgen- und Abenddämmerungen, die Düfte, Stoffe und Stimmungen, ihre ganze Existenz in ihrem ursprünglichen Zustand sehen möchte; dass die abgeblätterte Wand die vermutete Rauheit annimmt, dass an den Kanten Grasbüschel wachsen und Tauben und Möwen nisten und der Marmor den vermutlich graublauen Himmel eines eiskalten römischen Nachmittags Ende Dezember vor hundert Jahren widerspiegelt.

Immer wieder werde ich den Exorzismus, das Tagebuch von Pater Manera und die Spuren, die ihre Autoren hinterlassen haben, aufsuchen, ebenso wie sie monatelang Veronicas Zimmer aufgesucht haben. Ich kann nicht anders. Letztlich weiß ich ja nur durch ihre Hartnäckigkeit etwas über das Geschehene. Und wenn ich etwas über sie weiß, dann nur, weil ich mich mit ebensolcher Hartnäckigkeit auf sie gestürzt habe.

II

23. Dezember 1834

EXORZISMUS

Pater Kohlmann ging mit Koadjutor Bruder Pietro Bechmans ins Haus der Besessenen, und es war der 23. Dezember nach dem Mittagessen.

Die Sonne, eben erst in den Steinbock getreten, ging gegen halb sechs unter. Der Himmel, am Nachmittag noch leicht bewölkt, wurde gegen Abend „glasklar“. Seit Tagen war kein Regen gefallen, die Luft war trocken und beißend kalt. Das Thermometer am Observatorium des Collegium Romanum stieg den ganzen Tag nicht über vier Grad und sank während der Nacht, der kältesten des Jahres, auf fünf Grad unter null. Bereits Mitte November hatte die Wochenzeitung Diario di Roma von „Vorboten eines harten Winters“ gesprochen. Am frühen Nachmittag stieg die schmale Sichel des abnehmenden Mondes über einem diesigen Horizont auf, der mit zunehmender Dunkelheit immer klarer wurde. Irgendwer hat sich die Mühe gemacht, das Himmelsgeschehen zu beobachten und stündlich zu notieren, aus Gründen, die nichts mit dieser Geschichte zu tun haben. Wer auch immer es war, konnte diese nicht kennen. Aber die Wetterverhältnisse dieses Dezembertages zu kennen ist wichtig. Die Seele stand über allem und befand sich auf der Reise in andere Dimensionen. Doch um sich mitzuteilen, brauchte sie den Körper, daher waren dessen Befinden, die Luft, die er atmete, das, wovon er sich ernährte, von großer Bedeutung.

Man muss wissen, dass es einem Jesuiten untersagt war, jemandem allein einen Besuch abzustatten, erst recht nicht, ohne den Bruder Pförtner informiert zu haben, der jeden Tag sämtliche Ausgänge und Ankünfte im Wachbuch vermerkte. Angesichts des nahen Ziels verließen die beiden Patres nach ihrer Mahlzeit aus Kräutersuppe, Kalbfleisch mit Reis und Obst das Ordenshaus vermutlich gemeinsam zu Fuß. Man sah zwei dunkle Gestalten in Mänteln aus schwarzer Anacoste über schwarzen, von einem doppelt um die Taille gebundenen Wollgürtel zusammengehaltenen Soutanen nebeneinander die Piazza del Gesù überqueren. Der Wind, der auch an diesem 23. Dezember über den Platz fegte, wehte ihnen beinahe die warmen Samtbarette davon, von denen ihnen nur alle zwei Jahre ein neues Exemplar zustand. Vielleicht kämpften sie sich deshalb mit gebeugtem Rücken und zwischen den Schultern eingezogenen Köpfen voran. Dass es auf der Piazza del Gesù immer windig war, rührte von ihrer exponierten Lage auf dem kapitolinischen Hügel und von der besonderen Anordnung der Straßen, die zu ihr führten, her. Aber der Volksmund behauptete etwas anderes. „Eines Tages ging der Teufel in Rom im Winde spazieren. Bei Gesù angekommen, sprach er zum Winde: ‚Ich habe da drin was zu tun, warte hier auf mich.‘ Seitdem ist der Teufel nicht wieder herausgekommen, und der Wind wartet noch vor der Tür.“ So hatte es Stendhal ein paar Jahre zuvor auf der Durchreise notiert, ohne weiteren Kommentar.

Die beiden dunklen Gestalten, die sich dem Wind entgegenstemmten, waren Pater François-Antoine Kohlmann und Koadjutor Bruder Peter Joseph Böckmann. Dank der Verzeichnisse ihres Ordens lässt sich mit Gewissheit sagen, dass der eine aus Frankreich kam, der andere aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. An den Füßen trugen sie Schuhe „von frommer Form, mit kleinen Eisenknöpfen“. So wollte es die Regel. Hinter der Piazza del Gesù bogen sie links in die kurze Via Celsa ein, die sich nach einer sanften Biegung verengte. Vor Kurzem waren die vom gegenwärtigen Papst und seinen Vorgängern gewünschten Vermessungen nach jahrzehntelanger Arbeit abgeschlossen worden, und die Stadt hatte im Katasteramt zweidimensionale Gestalt angenommen: Rechtecke, Quadrate und Trapeze in Pastellrosa auf dem Cremeweiß der Straßen und Plätze, jedes einzelne Grundstück mit einer Parzellennummer versehen, die Höfe mit denselben Buchstaben gekennzeichnet wie die dazugehörenden Gebäude. Legt man Karte und Grundbuch nebeneinander, kann man jeder Parzellennummer die genaue Lage eines Gebäudes zuordnen, die entsprechende Hausnummer, die Funktion (Wohnhaus, Kirche, Lager), den Eigentümer, die Stockwerke, die Anzahl der Zimmer. Ein winziger Ausschnitt des Lebens zeigt sich, trotz des bürokratischen Muffs, den allein die Idee des Katasters verströmt.

Pater Kohlmann und sein Mitbruder Böckmann machten sich in der Parzelle 212 des Stadtviertels Pigna auf den Weg, von der Hausnummer 44 der Piazza del Gesù aus überquerten sie den Platz diagonal in südlicher Richtung, gingen durch die Via Celsa und bogen von dort rechts in die Via delle Botteghe Oscure ein, der sie bis ans Ende folgten, wo sie zur Florida wurde. Sie überquerten linker Hand die Piazza Sant’Elena und bogen gleich darauf rechts in die Via di Sant’Anna ein. Von hier, von der gleichnamigen kleinen Kirche, Parzelle 283 des Viertels Sant’Eustachio, waren es nur noch wenige Schritte bis zu ihrem Ziel. Man kann dieser Strecke bis zur ehemaligen Piazza Sant’Elena folgen, an deren Stelle sich heute der weitläufige Largo Argentina mit der Endstation der Straßenbahnlinie 8 befindet, die sich lautlos nähert, eine leise Gefahr im Lärm der Busse, Autos und Motorräder. Deshalb muss man vor den Schienen stehen bleiben, die einen von der Einmündung in die Via di Sant’Anna und von jenem Dezembernachmittag trennen, als Pater Kohlmann und Bruder Böckmann die enge Gasse zwischen dem Campo dei Fiori und dem Ghetto betraten.

Auf der rechten Seite befanden sich zwei- und dreistöckige Häuser, aus denen neben den Gerüchen der Läden und Handwerksbetriebe, einer Mischung aus Gemüse und Geflügel, Leim, Leder und Sägespänen, die Stimmen von Giuseppe dem Buchhändler, Giovanni Battista dem Schreiber, der Schusterswitwe, Pietro dem Obsthändler und Teresa der Katalanin und Gefährtin des Dieners Emanuele drangen. Auf der linken Seite kam erst die kleine Kirche Sant’Anna mit den muschelförmigen leeren Nischen beidseits des Eingangs und gleich danach das Waisenhaus. Tagsüber arbeiteten die hundertzwanzig Heimzöglinge in den Werkstätten der umliegenden Viertel. Man konnte sie lärmen hören, wenn sie abends heimkehrten. An das Waisenhaus schloss sich die Rückseite des imposanten Barnabitenklosters und seiner Kirche San Carlo ai Catinari an, ein Koloss mit einer langen graubraunen Mauer und hohen marmorumrahmten Fenstern mit so dichten Eisengittern, dass sie wie blind wirkten. Dahinter bleierne Stille. Vielleicht der Geruch von feuchtem Stein und Moos, das am Rand einer stets im Schatten liegenden Gasse wächst.

Bei der Hausnummer 52 angekommen – heute ist die Nummerierung eine andere – läuteten die beiden schwarzgekleideten Männer an der Eingangstür, durch die man zu den beiden Wohnungen des Hauses gelangte. Jemand erwartete sie bereits und führte sie über einen schummrigen Korridor die linke Treppe in den ersten Stock hinauf, dann durch ein Vorzimmer, ein Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer. Falls die beiden Fenster, die zur Via di Sant’Anna hinausgingen, offen standen, sah man nur die bedrohliche blinde Mauer, die wirkte, als würde sie gleich herabstürzen. Über das einfallende Licht kann man nur Mutmaßungen anstellen. Aber dass es sich tatsächlich um dieses Gebäude handelte, lässt sich dank des damaligen Pfarrers mit Gewissheit sagen. Im Archiv des Vikariats von Rom werden die Kirchenbücher seiner Gemeinde San Carlo ai Catinari aufbewahrt. Straße um Straße, Haus um Haus wurden darin die Namen, das Alter, manchmal auch die Berufe aller Bewohner eingetragen. Dazu war ein jeder Pfarrer verpflichtet. Er hatte zu wissen, wer zur Beichte, wer zur Kommunion ging, wer ein anständiges Leben führte. Dank dieser pedantisch befolgten Anweisung kann man die pastellrosa Rechtecke, Quadrate und Trapeze der Katasterpläne mit den Listen des Pfarrers abgleichen und die Grundrisse der Häuser – die zweidimensionalen Abstraktionen dieser Häuser – mit Leben füllen. Somit kann man rekonstruieren, wo die Familie Hamerani wohnte, wie viele Personen in dem Haus lebten, wer in den kommenden Jahren hinzukam und ging. Und bestätigt finden, dass dort die junge Frau des Exorzismus lebte. Sie hieß Veronica, wie es auch auf seinem Deckblatt geschrieben steht. Doch in dem Manuskript selbst taucht ihr Name erst nach etlichen Seiten auf, anfangs ist sie nur die junge Frau, die Besessene, die Kranke. Ihr Name spielt keine Rolle. Das Augenmerk richtet sich mehr auf die Frage, wer widerrechtlich Besitz von ihr ergriffen hat. Für den Verfasser des Exorzismus stand an erster Stelle, dass sich der, der in sie gefahren war, zeigte. Denn dies wäre ein erster Akt der Unterwerfung, der erste Schritt, damit er verschwand.

Pater Kohlmann ließ sich nach Betreten des Hauses vom Vater der Besessenen, Signor Giovanni, berichten und hörte die merkwürdigen Dinge, die der Teufel tat. Dann betrat er das Zimmer der jungen Frau. Sie war ruhig. […]

Man fühlte ihr den Puls: Er war normal. Seit vier Jahren hatte sie nicht mehr gebeichtet, und wiederholte unter großem Wehklagen: Werde ich die heiligen Sakramente nicht empfangen? Werde ich in die Hölle kommen?

Sie wurde gefragt, ob sie die Beichte ablegen wolle. Sie antwortete: Oh, wie gern! Ja, ja.

Ob sie je daran gedacht hatte zu beichten? Sie antwortete: Ja. Aber wenn die Beichte begann, fühlte ich eine große Wut gegen den Priester in mir hochsteigen, und konnte nicht weitermachen. Wollte es tun, rief die Gottesmutter an, konnte aber nichts sagen.

Bruder Bechmans verließ das Zimmer. Die Besessene gab Pater Kohlmann haarklein Auskunft über ihr ganzes Leben, und dann sagte sie, dass sie die Beichte bei ihrem Pfarrer, dem hochwürdigen Pater Vincenzo [rectius: Tommaso] Manini, dem Kuraten von San Carlo ai Catenari, ablegen würde. Pater Kohlmann rief Bruder Bechmans wieder ins Zimmer. Die Besessene war ganz ruhig, und mit freundlichem Gesicht sagte sie zu dem Bruder: Empfehlt mich der Mutter Gottes. Dann zu Pater Kohlmann gewandt: Empfehlen Sie mich Gott in der Heiligen Messe, dass er mich von dem Dämon befreit, wenn nicht, werde ich erst im Tod Frieden finden, so Gott will.

Der Pater verabschiedete sich und sagte: Leben Sie wohl. Er wollte sie aber segnen. Nahm das Weihwasser. Legte die Hand aufs Bett. Gebot dem Teufel mit den Worten: Praecipio tibi Satanas, ut relinquas eam liberam donec confiteatur.1Dann segnete er sie mit den Worten: Te cum prole pia benedicat Virgo Maria.2

Bei diesen Worten fing die Besessene an zu schreien, warf die Beine in die Luft, spreizte die Arme, sodass sie nur noch mit dem Kopf und den Schultern drei oder vier Fingerbreit auf dem Bett lag, die Arme weit geöffnet und in heftiger Bewegung, der übrige Körper zitterte. Das Leintuch lag über ihr.

Dann fing sie mit lauter und wütender Stimme an zu schreien: Du Schandkerl, du Schandkerl, verschwinde, was hast du hier zu suchen? Wer hat dich geschickt? Warum mischst du dich ein? So schrie sie immer weiter.

Der Pater legte ihr seine Stola auf den Kopf.

Als er hörte, dass die Besessenheit begonnen hatte, kam der Pater Kurat, der bereits im Hause war, in das Zimmer und trat neben Pater Kohlmann. Dieser probierte es mit verschiedenen Befehlen und auf Lateinisch befahl er dem Teufel lateinisch zu sprechen.

Er antwortete: Ich will diese lästerliche Sprache nicht verwenden.

Der Pater bedrohte den Teufel mit den Strafformeln.

Der Teufel antwortete lachend: Ihr seid taktvoll.

Der Pater befahl: Exi.3

Er antwortete: Nein. Was geht dich das an? Heute nicht.

Wann wirst du verschwinden?

Er antwortete: Am dreizehnten.

Wann wird das sein?

Das sage ich nicht.

Wie heißt du?

Er antwortete: Das ist zu viel. Verschwinde.

Adiuro te ut mihi dicas nomen.4

An einem anderen Tag, heute nicht.

Der Pfarrer sagte dann zu Pater Kohlmann: Belegen Sie ihn mit Strafe, steigern Sie die Strafe (soll heißen, verwenden Sie die Strafformeln).

Der Pater drohte Strafen an: Sicut stella coeli, et aquas maris.5

Der Teufel fragte schreiend und vor Wut schnaubend: Wer hat dir das erlaubt? Gottvater, sagte der Pater. Und der Teufel: Ich werde ihm nie Ehre erweisen, und dabei lachte er.

Der Pater erhöhte die angedrohten Strafen, wenn der seinen Namen nicht nennen wollte. Er antwortete: Jetzt hast du mich erwischt, und er sagte, sein Name sei Satanas. Und da der Pfarrer dem Pater die notwendigen Dinge vorschlug, sagte der Teufel zu diesem: Verschwinde du Ignorant. Der Pater antwortete: Besser Ignorant als hochmütig. Er selbst sorgte dafür, der Besessenen Reliquien aufzulegen. Und diese warf sie weg. Dann sammelte sich viel Schleim in ihrem Hals, und sie bekam starken Brechreiz. Man sah, dass die junge Frau schwer litt und schreckliche Angst bekam, weil sie von Erstickungsanfällen geschüttelt war. Bei diesen Anfällen hob sie den Kopf, streckte die Arme aus, warf sich bleischwer zurück und von der einen auf die andere Seite, schüttelte heftig den Kopf und rief dann mit lauter, stockender Stimme um Hilfe. Manchmal machte sie mit dem Körper und den Armen heftige Bewegungen, wie ein Mensch, der sich nicht auf dem Pferd halten kann, das ihn in schnellem Trab davonträgt, sodass er auf und ab hüpft und von der einen auf die andere Seite schaukelt. Manchmal warf sie sich in die Arme zweier Tanten, die am Bettrand standen. Manchmal streckte sie die Arme aus und schrie, dass sie an beiden Händen festgehalten werden wolle. Dann spuckte sie so viel Schleim aus, dass ein Eimer damit halb gefüllt war. Sie sagte, sie leide starke innere Schmerzen, und schrie: Ah, innen, ah, innen.

All das dauerte ungefähr von der dreiundzwanzigsten Stunde bis pünktlich zur ersten Nachtstunde. Beim Schlag des De profundis kam sie mit einem Seufzer zur Ruhe. Sie zeigte eine heitere Miene und sprach ruhig über ihre heftigen Leiden.

Pater Kohlmann sprach ihr Mut zu und segnete sie. Sie küsste seine Hand, bat ihn, sie Gott zu empfehlen, und wurde ganz ruhig.

Der Pater kam um halb zwei ins Ordenshaus zurück, völlig verstört, aber auch tief berührt von dem, was er gesehen hatte. Und er versicherte, dass es sich ohne Zweifel um Besessenheit handelte, und erzählte gerade so viel, dass es glaubhaft schien.

Es war halb zwei, als die beiden Jesuiten ins Ordenshaus zurückkehrten. Zwei dunkle Gestalten, die durch finstere Gassen geschritten waren, die Schwärze der Nacht einzig vom Kerzenlicht zu Ehren der Madonnen in den Votivschreinen und ab und zu von „einer Laterne, mit langem geschmiedetem Arm“ durchbrochen. So könnte man meinen. Tatsächlich war die Sonne, als sie beim Ordenshaus ankamen, erst vor knapp anderthalb Stunden untergegangen. Ihre Zeit folgte einem anderen Maß, das jahrhundertelang von der Dunkelheit und dem Licht bestimmt worden war, mithilfe der Sonnenuhren auf den Plätzen und Kirchtürmen: Es war halb zwei nach den italienischen Stunden, denen zufolge ein neuer Tag von vierundzwanzig Stunden bei Sonnenuntergang begann. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Franzosen neben ihren Heeren auch ihre Zeitmessung nach Italien mitgebracht, die sich dort einbürgerte, um die Tage des Landes bis heute zu bestimmen. Aber dem päpstlichen Rom widerstrebte es, die Stundeneinteilung der Jakobiner zu verwenden, um Licht und Dunkelheit einen Namen zu geben. Betrachtete man es also aus französischer Sicht, aus der in den kommenden Jahrhunderten alle Uhren betrachtet werden sollten, entsprach jenes halb zwei, zu dem Pater Kohlmann und Bruder Böckmann an diesem Dezemberabend heimkehrten, ungefähr unserem heutigen neunzehn Uhr.

Einundfünfzig Männer bereiteten sich auf das Abendessen vor, das an einem „ersten Tisch“, sodann an einem „zweiten Tisch“ aufgetragen würde. Einundfünfzig schwarze Gewänder, einundfünfzig Winterhosen aus „Wildleder in gedecktem Ton“ gingen an der „großen Pforte“ vorbei, die ins Dunkel der Gartenarkaden hinausführte. Dort standen der „Quellbrunnen, die Zitronenbäume, und die Sammlung aus Fettpflanzen und anderen Gewächse“ still in der abendlichen Kälte, während die einundfünfzig Männer über die breite Treppe zum großen Saal hinaufschritten, ihn durchquerten und das Refektorium betraten. An jenem Dienstagabend kam aus der Küche, obwohl der Levitikus der Jesuitengemeinschaften der römischen Provinz für diesen Wochentag „geröstetes Brot, Kalbsbraten, Eier und ein wenig Obst“ vorsah, nur eine Mehlsuppe. Am Abend des 23. Dezembers ging es noch spartanischer zu als vorgeschrieben, vielleicht wegen des unmittelbar bevorstehenden Tages der Geburt des Herrn. Es finden sich keine Hinweise, ob Pater Kohlmann und Bruder Böckmann etwas aßen. Der Orden, dem sie angehörten, empfahl die körperlichen Bedürfnisse niemals zu vernachlässigen, da sie dazu dienten, für Gott zu wirken. Der Abend von Bruder Böckmann verliert sich im bodenlosen Dunkel der niemals aufgeschriebenen, oder, falls doch, nicht aufbewahrten Dinge. Der junge Deutsche, einfacher Koadjutor, noch Bruder und noch kein Pater, hatte an diesem 23. Dezember nur zusehen dürfen, wie auch die anderen zehn Male, bei denen er später in die Via di Sant’Anna kam.

Auch der Abend von Pater Tommaso Manini, dem Pfarrer von San Carlo ai Catinari, verliert sich im Dunkel. Wir wissen jedoch, dass Pater Kohlmann nach dem Ende der schweigend eingenommenen Mahlzeit, während der Lektor Mitteilungen und erbauliche Bibelstellen vorlas, von jenem Nachmittag und seinen Gefühlen erzählte und dass einer der Anwesenden die Worte des Paters niederschrieb. Ein Jesuit war verpflichtet, jeden Tag mindestens zwei Mal sein Inneres zu erforschen, wie es seine Ordensregel vorschrieb. Auch Pater Kohlmann war dem gewiss nachgekommen. So hatte er sich als vollkommen ergriffen und entsetzt von dem, was er gesehen hatte, entdeckt. Einem Exorzisten konnte das passieren. Auch sein französischer Mitbruder Jean-Joseph Surin hatte sich der Ergriffenheit nicht erwehren können, als er Zeuge des Entsetzens geworden war, das die Äbtissin des Klosters von Loudun peinigte, einer Kleinstadt im Nordwesten Frankreichs, einem von Katholiken und Protestanten umkämpften und von der Pest und den Religionskriegen zerstörten Landstrich. Man schrieb das Jahr 1634, Dutzende von Schwestern waren bereits von anderen Exorzisten erlöst worden, und der Verantwortliche für ihre Besessenheit war auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Ihre Oberin, Jeanne des Anges, Johanna von den Engeln, jetzt voller Dämonen, wurde gemeinsam mit einigen anderen noch immer von Anfällen heimgesucht. Beim Anblick der Nonnen wurde Surin von einer „so großen Rührung ihnen gegenüber“ erfüllt, dass ihm Tränen aus den Augen stürzten und er nicht anders konnte, als ihnen zu helfen, getrieben von einem unwiderstehlichen Verlangen, ihnen Erleichterung zu verschaffen. Wie er fühlte sich auch Pater Kohlmann angesichts seines Schreckens und seiner Ergriffenheit verpflichtet, der jungen Frau, zu der er gerufen worden war, beizustehen und, mehr noch, dem, was er gesehen hatte, einen Namen und eine Bedeutung zu geben. Besessen: Sie befand sich nicht nur in den Fängen des Dämons, der ihren Körper auch von außen hätte peinigen können, er war sogar in sie eingedrungen. Er hatte sich ihrer bemächtigt, gleich einem feindlichen Heer, das trotz des Widerstands der rechtmäßigen Bewohner in eine Stadt eindringt und sie besetzt.

Gewiss, der Dämon konnte sich nicht alles nehmen. Nicht die Seele, denn nur Gott vermag diese Schwelle zu überschreiten. Aber er hatte sich viel genommen. An einem bestimmten Punkt ihres Lebens war das Mädchen sich selbst geraubt worden, und wegen dieses Raubes war sie anderen in die Hände gefallen: dem, der sie besetzt hielt, und denen, die sie befreien wollten, die wie Pater Kohlmann zu wissen glaubten, was ihr widerfuhr und wie ihr zu helfen war. Man musste sie zurückholen, sie wieder sich selbst zurückgeben, vor allem aber der Kirche. Und zwar so schnell wie möglich, denn ihr Leid währte schon zu lang. Zu viel Zeit war vergangen, bevor Pater Kohlmann zu ihr kam.

1Ich gebiete dir Satan, diese zu verlassen, bis sie beichtet.

2Die Jungfrau Maria mit ihrem lieben Kind möge dich segnen.

3Verschwinde.

4Ich beschwöre dich, mir deinen Namen zu sagen.

5Wie der Stern am Himmel und die Wasser des Meeres.

III

Ohne Datum, bevor alles begann

EXORZISMUS

Nachdem Kardinalvikar Zurla in Palermo am Tag des 29. Oktobers 1834 verstorben war, wurde Monsignore Vizegerent Antonio Piatti, welcher nicht glaubte, dass das arme Mädchen besessen sei, zum Provikar ernannt, und so konnten die der Familie Amerani nichts tun. Im Dezember, dem Ende zu, wurde Seine Eminenz Kardinal Carlo Odescalchi, dem dieser Fall bereits zuvor zu Ohren gekommen war, zum Kardinalvikar gewählt, und es fiel ihm nicht schwer, dem zu glauben, auch wenn er die gegensätzliche Meinung von Kardinal Zurla und anderen des Vikariats kannte.

Lange war es um Gespräche zwischen Geistlichen, ungehörte Bitten und nicht gewährte Aufmerksamkeit gegangen. Es war die vage Zeit des Bevor: Bevor endlich eine Audienz gewährt wurde und die Macht, beschwert von einem feisten, satten Altersbauch oder geschwächt vom langen Fasten und der Buße, sich zuwandte und Gehör schenkte. Der Macht kann man leicht Konturen verleihen, weil jemand daran gedacht hat, sie in Porträts festzuhalten. Es sind die Gesichter der Männer an der Spitze der Kirche von Rom: die des Papstes, des Kardinalvikars, des Vizegerenten, des Sekretärs des Vizegerenten. Der Papst war der Bischof der Diözese von Rom, aber da er auch Vater der gesamten Kirche war, übernahm der Kardinalvikar seine eigentlichen Aufgaben und der Vizegerent unterstützte ihn dabei mithilfe des Sekretärs. Den beiden Letzteren oblag es, die Gesuche auszusieben, die aus den Reihen der 150 016 Seelen Roms kamen, aus einem Volk, das um Gehör, Hilfe, Dispens, Privilegien flehte.

Auch die Familie Hamerani hatte um Hilfe für ihre Tochter gebeten. Aber dem Sekretär des Monsignore Vizegerent, Abt Vincenzo Martini, war es erst nach vielen Anläufen gelungen, eine vertraute Person mit Placido Zurla, dem Kardinalvikar des Papstes, sprechen zu lassen und ihn zu bitten, etwas für die junge Hamerani zu tun. Diese Unterhaltung verstört mich, hatte der Kardinal geantwortet, mit seinem rosigen Kindermund zwischen schlaffen Wangen. Nach Zurlas Ableben am 29. Oktober wurde Monsignore Antonio Piatti zum Provikar ernannt. Also wandte sich der Sekretär des Monsignore Vizegerent an ihn und stieß abermals auf taube Ohren. Im Dezember jedoch, dem Ende zu, wurde Fürst Carlo Odescalchi vom Papst zum Kardinalvikar ernannt. Der Sekretär des Monsignore Vizegerent wagte einen neuen Versuch, und diesmal konnte er den Fall dem jungen, in den Rang des Kardinalvikars Seiner Heiligkeit erhobenen Prälaten darlegen, der ihm zuhörte, ihn dabei unter hohen geschwungenen Brauen mit sanften großen Augen ansah und versprach, sich zu kümmern. Kardinalvikar Fürst Odescalchi sprach mit Seiner Heiligkeit Papst Gregor XVI. persönlich, und der Papst erteilte seine Billigung, während sich die tiefen Furchen seitlich der Nase, die sich in einem markanten Bogen zu den schmalen Lippen herabzogen, noch mehr einkerbten. Daraufhin beriet sich Kardinalvikar Fürst Odescalchi mit dem Generaloberen der Jesuiten, Jan Philip Roothaan, der versprach, sich der Angelegenheit anzunehmen und sie einem der Seinen anzuvertrauen. Dem Holländer mit dem hageren Gesicht trieb es Sorgenfalten auf die schneeweiße Stirn, wenn er daran dachte, dass die zur Verfügung stehenden Kräfte innerhalb seines Ordens nicht besonders zahlreich waren. Dennoch wählte er unter den wenigen Dutzend Männern, über die er verfügte, einen aus.

So geschah es, dass sich die Aufmerksamkeit von Pater Kohlmann auf Veronica richtete. So geschah es, weil an einem Oktobertag des Jahres 1834 in Palermo ein Mann gestorben war, jener Mann, der in Vertretung des Papstes die 150 016 Seelen Roms lenkte, unter denen sich auch die der Veronica Hamerani befand, mit der er sich indes nicht hatte befassen wollen, aus Gründen, die zu erklären niemand sich bemüßigt gefühlt hatte. Seine persönlichen Unterlagen geben keinerlei Auskunft. In das Amt dieses Mannes, der den Papst vertrat, wurde kurzzeitig ein anderer eingesetzt und bald darauf wieder ein anderer. Ein gewisser Mann sprach mit diesem letzten Mann über die Seele der Veronica, der sprach mit dem Papst, dem Mann über ihm, über allen. Jener, der direkt unter dem Papst stand, sprach, nachdem er dessen Segen bekommen hatte, alsdann mit einem anderen Mann, der wieder anderen Männern vorstand, Männern eines religiösen Ordens, organisiert wie eine Miliz. Ihr General wählte einen aus, der sich um Veronicas Seele kümmern sollte. Der Mann, der direkt unter dem Papst stand, Kardinal Odescalchi, liebte diese wie eine Miliz organisierten Männer des heiligen Ignatius, er liebte sie so sehr, dass er eines Tages darum bitten sollte, einer der ihren zu werden, um den Preis, nicht mehr eine Stufe unter dem Papst, sondern weit darunter zu stehen. Hätte dieser Fürst und Kardinal die Jesuiten nicht geliebt, hätte die Geschichte nicht den Lauf genommen, den sie nahm. So geschah es vielleicht auch wegen dieser männlichen Liebe, dass sich die Aufmerksamkeit der Jesuiten auf Veronica Hamerani richtete.

Pater Kohlmann war damals dreiundsechzig und schaute hinter einer kleinen runden Brille hervor. Es waren die blauen Augen eines Deutsch-Franzosen, der im Jahr 1771 in einer Familie von Winzern und Böttchern zur Welt gekommen war. Diesen Berufen ging die Mehrzahl der Bewohner des uralten Ortes Kaysersberg im Elsass nach, der dem Heiligen Römischen Reich entrissen, aber im Herzen und in der Sprache noch immer deutsch war. „Alles in diesem Ort ist deutsch“, notierte ein Beobachter aus England auf der Durchreise. Es gibt keine Biografie, die von Kohlmanns Kindheit spräche, kein von seiner Kinderhand beschriebenes Blatt. Dabei es ist wichtig zu wissen, woher er stammt, unter welchem Himmel er seine ersten Schritte tat. Heute erreicht man den Ort mit einem Überlandbus, von Colmar aus. Man steigt scheinbar im Nirgendwo aus, am Rand eines Waldes. Doch wenn man die kleine Brücke überquert und dem Weg entlang der Mauern folgt, tauchen sie plötzlich auf, die kleinen Fachwerkhäuser, niedrig und schief, dicht an dicht entlang der holprigen Gassen aneinandergedrängt und sich gegenseitig stützend, die Fassaden von Kletterpflanzen überwuchert. Über dem Tal steht die mächtige Burgruine, und auf den umliegenden Hügeln säumt dichter Wald die Weinberge.

Die Kinderzeit Pater Kohlmanns, der damals noch François-Antoine war, der Zweitjüngste von fünf Geschwistern, wurde vom jährlichen Ausholzen der Wälder, von der Weinlese und von den Glockenschlägen der Heilig-Kreuz-Kirche bestimmt. Die Sonne brachte die bunten Glasfenster zum Leuchten, die beiden Schächer grausam verdreht ans Kreuz gebunden, mit verhülltem Haupt und darüber einem ungestalten tanzenden Teufel. Hinter der Altartafel bot die heilige Helena eine völlig nackte Hüfte dar, die feste Hüfte der Bäuerinnen, deren Nacken während der sonntäglichen Messe unter den zu Schnecken gedrehten und mit Haarnadeln festgesteckten Zöpfen hervorlugten. Am Altar hing ein ausgemergelter Christus aus Holz, mit großen schwieligen Füßen, den Füßen eines Mannes, der barfuß durch die Weinberge und das Gestrüpp am Dorfrand geht. Die Gottesmutter sah von unten zu ihm auf, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Dass der Schmerz sie hässlich machte, spielte keine Rolle. Der heilige Johannes hatte einen lockigen Engelskopf und hervorquellende blaue Augen, wie die Kinder von Kaysersberg, wenn in einem allzu langen Winter der Hunger das Dorf fest im Griff hatte. Was jedoch nur selten der Fall war, denn dies war eine fleißige und gut organisierte Gemeinschaft inmitten fruchtbaren Landes.

Seit Jahrhunderten hatte jeder seine Aufgabe, jeder war auf seine Weise produktiv, angeleitet vom Magistrat, der alljährlich im Dezember neue Männer für die immer gleichen Aufgaben benannte: Ratsbot, Kaufhausknecht, Laufferbot. Die Dorfwache, der Zöllner, der Bote. Dann der Gastwirt, der Schankwirt, die Förster und vor allem der gourmet, der von seinem Haus an der Brücke die Qualität des Weins überprüfte und dessen Handel regelte. Aber der Wald voller Kastanien und Birken, dem sich das Holz für die Fässer und die Wärme im Winter verdankte, war auch ein Ort des Hinterhalts und manchmal gar des Todes. Auf dem Weg zur Burg hinauf war eine Magd auf der Suche nach Nestern vom Kuhhirten überfallen worden. Er hatte sie zu Boden geworfen, ihr das Mieder zerfetzt, ein Stück Stoff von ihrem Rock abgerissen, um sie damit zu knebeln und am Schreien zu hindern. Er hatte sie mit Gewalt genommen, während sie die Nester in der Hand zerdrückte. Im Jahr darauf hatte der Winzer aus Kintzheim auf seinem Weg nach Kaysersberg einen leblosen Körper rücklings auf der Straße liegen sehen. Es waren die bereits zur Hälfte von den Raben aufgefressenen Überreste des lothringischen Händlers gewesen, der bei den Héralds logiert hatte. Aus demselben Dickicht konnten Schüsse wie jener kommen, der den Winzer von Guibourg verletzt hatte, ohne dass irgendwer hätte sagen können, wer sie abgefeuert hatte. Nach dem Schuss hatte man auch seine Schreie bis ins Dorf gehört. Geschichten, die vor Gericht endeten und danach im kleinen Gemeindearchiv mit seiner Regalflucht und dahinter dem Fenster mit Blick auf die Weinberge. Geschichten, die der kleine François-Antoine Kohlmann als Kind vielleicht hörte, und die ihn auf den Gedanken brachten, dass das Obertor und das Untertor beidseits des Dorfes deshalb nachts verriegelt werden und die beiden Wächter hellwach sein mussten.

Kaysersberg schlief innerhalb der Burganlage, in der tiefschwarzen Nacht einer Zeit, in der die Menschheit noch nicht Herr über die Dunkelheit war. Wenn jemand um acht Uhr abends an die Tür klopfte, öffnete man besser nicht, denn sonst bekam man einen Fausthieb ins Gesicht, wie es dem Hufschmied passiert war, der in der Grand Rue ganz in der Nähe der Kohlmanns wohnte. In der Dunkelheit hörte François-Antoine das Heulen der Wölfe und die Schreie der Vögel aus dem Wald und das unaufhörliche Rauschen des Bachs, der hinter den Häusern vorbeifloss. Im Frühjahr fischte man dort nach Forellen und Lachsen, und im Winter schüttete der Metzger nach dem Schlachten des Schweins das Wasser hinein, mit dem er seine Werkzeuge gesäubert hatte. So wurde der Weißbach rot.

Wenn er unter dem Diebesturm vorbeiging, hörte François-Antoine hinter den fensterlosen Mauern, aus denen es kein Entrinnen gab, das Wehklagen des Diebes, der dort eingeschlossen war, um zu verfaulen. Wenn er über die Brücke ging, erschauderte er unwillkürlich beim Anblick des im Schandkäfig stehenden Verbrechers. Die Enge verbot den Delinquenten, sich zusammenzukauern und so zu verhindern, dass die Passanten ihnen ins Gesicht spuckten. Ein Gutteil des in Kaysersberg erlittenen und angerichteten Übels kam vom Wein, von dem Wein, von dem auch der Friede und die Ordnung im Dorf kamen. Der Magistrat ernannte den gourmet, der gourmet ernannte seine Böttcher und Transporteure und danach die Gastwirte, die den Wein unter ihren Aushängeschildern verkauften. Man ging zum Ochsen, zum Engel, zum wilden Man, zum Rindfuß, à la Couronne, um zu zechen. Man stieß auf das Übernatürliche und das Natürliche an, auf die Leichtigkeit, den Ernst und die königliche Krone. Für den Wein plagten sich die Männer und Frauen von Kaysersberg ab, um die Pfähle aus Kastanienholz zum Anbinden der Reben zu beschaffen, und stritten sich mit denen aus Ammerschwihr um das Birkenholz, aus dem die Fässer gemacht wurden.

François-Antoines Kindheit endete abrupt, als er neun war und sein Vater starb. Die Last des Weinbergs und der fünf Kinder ruhte nun auf den Schulter seiner Mutter Judith und seines ältesten Bruders Joseph, der den Namen des Vaters trug und wie dieser vigneron wurde, ob er wollte oder nicht. Danach fragte niemand in dem kleinen Dorf alter Ordnung, in dem die Familie an erster Stelle stand. François-Antoine wurde nach Colmar ins Kolleg geschickt. Es kam der Winter mit seiner langen eisigen Stille. Es kam Weihnachten, und mit der Sperrnacht standen alle Spinnräder still, damit sich in den Fäden der neuen Spulen nicht die langen weißen Haare der seit Menschengedenken durch die Nacht wandernden Frau Berchta verfingen. Sie war nicht böse, doch war es besser, sie nicht zu verärgern. Das Kind, das in die Krippe gelegt wurde, hatte mädchenhafte Gesichtszüge, und man sagte, es gleiche ihr. Auf dem Heimweg von der Christmette hoffte man, dass die am Barbaratag geschnittenen Kirschzweige in der Zwischenzeit aufgeblüht waren. Denn dann würde es ein gutes Jahr werden.

Von hier stammte Pater Kohlmann, knorriger Rebling im Eis, der nicht stirbt, obwohl ihm alles ringsum derart Feind ist, wie es nur ein Winter der alten Ordnung sein kann. Er wurde in die Zeit der rechten Ordnung hineingeboren, in der Gott herrschte. Bald darauf geriet die Welt aus den Fugen.

IV

24. Dezember 1834

ERZÄHLUNGEN FREMDER REISENDER

Am Morgen der Heiligen Nacht des Jahres 1834 hatten die „Weckbrüder“, wie vorgeschrieben, im Ordenshaus der Gesellschaft Jesu um halb sieben französischer Stunde statt wie üblich um fünf Uhr zur Pflicht gerufen, ein jeder in dem ihm zugeteilten Korridor. Wie alle Tage waren sie nach einer Viertelstunde abermals vorbeigekommen, um in jeder Kammer nachzusehen, ob nicht noch irgendwer unter den Decken lag, sei es absichtlich oder unabsichtlich, sei es aus schändlicher Faulheit oder aus irgendwelchen gesundheitlichen Gründen. Zur Morgenandacht hatten sich die Stimmen von einundfünfzig Männern erhoben, und zum Frühstück hatten sich ihre Gaumen an den Süßigkeiten erfreut, die, wie immer am 24. Dezember, auf Tabletts angerichtet auf den Tischen des Refektoriums bereitstanden. Zur Mittagsstunde würden sie die erste Messe singen, am Nachmittag die zweite und dann nacheinander dem Generaloberen einen Besuch abstatten.

Fügt man die vielen Erinnerungen der Reisenden zusammen, die am 24. Dezember in Rom waren, kann man getrost behaupten, dass überall in der Stadt vom frühen Morgen an ein leises Klagen zu vernehmen war, erst weit entfernt und unbestimmt, dann immer lauter und deutlicher. Als die Morgendämmerung dem Tag wich und die Sonne an einem strahlendblauen Himmel emporstieg, sah man Männer in einer Prozession herannahen, die Gesichter unter spitzen Hüten verborgen. Sie kamen aus den Abruzzen, in Ziegenfelle gehüllt, getragen von diesem monotonen Klang und der Kälte der Berge. Am Ziel angelangt, neigten sich die Häupter zur Seite, die dunklen, von der Kälte verbrannten Gesichter tauchten endlich unter den Hüten hervor, der Blick hob sich von der Erde und heftete sich mit ostentativer Ergebenheit auf ein Wandbild der Muttergottes. Dann schwoll der Klang an, herausgepresst aus den Sackpfeifen, und setzte sich in einem seit Jahrhunderten unveränderten Auf und Ab fort. Die Männer spielten für die Madonnen in den Innenhöfen der Häuser, und wenn den Bewohnern zudem an einer Novene gelegen war, kamen sie für ein paar Münzen neun Tage lang wieder. Sie spielten für die Madonnen in den Votivschreinen an den Straßenecken und für die mitten unter den Waren in den Geschäften der Via del Corso. Dort erhob sich das nasale Klagen über den Girlanden aus Hunderten Würsten, über dem Gefieder von Truthähnen, die mit einer Zitrone im Schnabel zum Kauf angeboten wurden, über den Gold- und Silberfolien auf dem Kalbfleisch. Eine mystische Barbarei, ein lästiges Ärgernis, als kämen die Hirten und Faune aus den Wäldern der Antike zurück. So hatte es der junge Komponist Hector Berlioz als Stipendiat der Académie de France à Rome ein paar Jahre zuvor gesehen.

V

24. Dezember 1834

EXORZISMUS

Am Tag des 24. Dezember ging Pater Kohlmann und nahm als Begleiter P. Francesco Manera mit. […] Nach seiner Ankunft empfahl der Pater der Besessenen auf Gott zu vertrauen und begann die Exorzismen [am Rand: Gefragt, wie sie heiße, gab sie zur Antwort: Satan].

Der Teufel begann plötzlich zu wüten und schüttelte das Geschöpf mit denselben Bewegungen wie beim letzten Mal, nämlich mit den Beinen in der Luft. Er sagte dem Pater tausend Unverschämtheiten, und dem Kardinal, der ihn geschickt hatte. Von diesem Mal an begann er gewisse Bewegungen und gewisse Antworten zu benützen, um die Anwesenden zu täuschen und sie glauben zu machen, die Sache sei Verstellung oder ein natürliches Übel. Zum Beispiel wischte er sich über den Mund, wie es ein Kranker im Krampf tun würde, und auf die Frage des Paters: Was ich in der Brust habe? antwortete er heuchlerisch, als müsste er sagen, was das Geschöpf in der Brust habe, und dann sagte er: Nadeln, Seife, Haare [am Rand: den Fluch betreffend].1Er bezeugte als Urheberin des Fluchs eine gewisse Francesca aus den Marken, die vor zwei Monaten aus Genzano weggezogen ist. Ihren Geburtsnamen jedoch wollte er nicht sagen, noch wie und mit was er gemacht worden war. Dann kam der Schleim mit denselben Anfällen wie beim letzten Mal bis ein Uhr nachts. Das Übrige wie beim letzten Mal. […]

Pater Manera kehrte bestürzt nach Hause zurück, doch er erzählte nur wenig darüber, und ließ erkennen, dass er tief in Gedanken versunken war.

Man beachte, dass bei diesen ersten beiden Malen keine Sorgfalt darauf verwendet wurde, jemanden dabei zu haben, der alles niederschrieb, was während der Exorzismen geschah, nämlich Fragen, Antworten, Bewegungen.

Aber Pater Manera kümmerte sich darum, jemanden zu finden, der alles zu den zukünftigen Exorzismen aufzeichnen möge, und es fand sich der hochgeachtete Giovanni de Gasparis, Onkel der Besessenen. So wird dieses Tagebuch dem äußerst dienlich sein, der dazu bestimmt sein mag, Besessene zu exorzieren.

Nachdem sich wie tags zuvor alles beruhigt hatte, verließen die Patres am frühen Abend das Haus in der Via di Sant’Anna und kehrten zum Ordenshaus zurück. Um Mitternacht wartete die letzte gesungene Messe des Tages, die feierlichste auf sie. Il Gesù würde berstend voll sein, es galt zu verhindern, dass es zu Rempeleien kam. Wie sich die folgenden Stunden im Hause Hamerani gestalteten, ist nicht überliefert. Nach den Patres hatte sich vielleicht auch der Onkel Giovanni Degasperis verabschiedet, Buchhalter der ehrwürdigen apostolischen Kammer, zusammen mit seiner Frau Maria und deren ledigen Schwester Anna Maria. Vermutlich mussten sie sich wegen des Gedränges rund um die Verkaufsstände mühsam zu ihrem Haus mit der Nummer 525 durchkämpfen. Wie an jedem 24. Dezember wurde die Stadt, je weiter der Abend voranschritt, voller und lauter. Mit dem Kanonenschlag der Engelsburg schlossen alle Geschäfte. Stadt und Land strömten zur Christmette in Santa Maria Maggiore. Die müden Bauern setzten sich in den Nischen, den Kapellen und auf den Gräbern nieder und nickten ein, die wettergegerbten Gesichter beleuchtet von Aberhundert Kerzen zwischen den mit rotem Damast verkleideten Säulen. Einige Maler von jenseits der Alpen versuchten die ganze Nacht über, diese Züge auf Papier zu bannen, denn sie sahen darin eine Art noch unversehrter ursprünglicher Frömmigkeit. Wie in jeder Heiligen Nacht wurde das Jesuskind in Aracoeli in die von überquellenden Obstkörben und duftenden Blumensträußen umringte Krippe gelegt, während von den Kirchen der Chorgesang von Fürsten, Volk und Bauern zum Himmel emporstieg.

Pater Manera ordnete seine Gedanken hinter der noch immer glatten Stirn seiner dreiundsechzig Jahre. Er hatte unter dem Namen Francesco in Neapel das Licht der Welt erblickt. So steht es in der Vita