Verschwiegene Erbschaften - Uta Rüchel - E-Book

Verschwiegene Erbschaften E-Book

Uta Rüchel

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Beschreibung

Das Interesse der Kriegskinder und -enkel an familiären Prägungen wächst. Eine ost- oder westdeutsche Herkunft scheint in diesem Zusammenhang keine Rolle zu spielen. Doch die verschiedenen Erinnerungskulturen und Erfahrungen wirken nach. Das zeigt sich auch in den Haltungen gegenüber den Geflüchteten heute. Wer nicht angekommen ist, kann andere nicht willkommen heißen. Das gilt für die Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 ebenso wie für die Ostdeutschen, die nach 1989 einen Neuanfang zu bewältigen hatten. Aber es gilt auch für jene, die durch Globalisierung und wachsende Heterogenität den Boden unter den Füßen zu verlieren meinen.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das Projekt wurde gefördert durch:

Bundesstiftung

zur Aufarbeitung

der SED-Diktatur

Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur

Ein Projekt

der Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e.V.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erinnern ist ein endloser Fluss

Erinnern und Vergessen

Die Gesetze der Erzählbarkeit

Schweigen als Zuflucht

Integration und Erinnern

Vom Ankommen in der Fremde

Neue Heimat-Politik in der DDR

Alte Heimat-Politik in der Bundesrepublik

Machtvolle Geschichten und kollektives Gedächtnis

Individuelles Gedächtnis und kulturelle Rahmen

Integration und Vergessen

Die Mühen der Ebene

Schweigen über Schuld und Scham

Aufstand gegen das Schweigen

Die Abwesenheit der Täter

Entfremdete Vergangenheit

Traumata und ihre Folgen

Transgenerationale Übertragungen

Systemumbruch und Heimatverlust

Schicksalsvergleiche und Erinnerungsschatten

Beheimatetsein und die Haltung zu Geflüchteten

Ostdeutsche Spezifika

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Heimat braucht Erinnern und Erzählen

Offene Gesellschaften – offene Erinnerungskulturen

Anmerkungen

Angaben zur Autorin

Einleitung

Seit der Jahrtausendwende ist viel von Kriegskindern und Kriegsenkeln die Rede. Eindringliche Schwarz-Weiß-Bilder von Flucht und Vertreibung prägen das kollektive Gedächtnis der Deutschen. Geflüchtete, die in Deutschland Schutz und ein besseres Leben suchen, haben die Erinnerungen an die eigene Geschichte einmal mehr wachgerufen. Zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise im Herbst 2015 war die Hoffnung groß, dass daraus Mitgefühl und solidarisches Handeln erwachsen. Zwei Jahre später werden die Debatten von Bewegungen und Parteien beherrscht, die in vermehrter Zuwanderung vor allem eine Bedrohung sehen. Fremdenfeindliche Aussagen finden in den ostdeutschen Bundesländern eine noch größere Zustimmung als im Westen.1 Die Frage, was mit den Ostdeutschen los ist, steht im Raum.

Nach dem Fall der Berliner Mauer bildeten Krieg, Bombennächte, Flucht und Vertreibung ein willkommenes gesamtdeutsches Narrativ. Auch ich stelle beim Lesen verschiedener Bücher über Kriegskinder und -enkel fest, wie vertraut mir vieles ist, was die vornehmlich in Westdeutschland Aufgewachsenen darin erzählen, obwohl ich wesentliche biographische Details nicht mit ihnen teile. Spielt das Familiäre eine derart dominante Rolle, wenn es darum geht, was eine durch Nationalsozialismus und Krieg geprägte Generation an ihre Nachfahren weitergibt? Fällt die Sozialisation in zwei verschiedenen Gesellschaften, mit ihrer je eigenen Erinnerungskultur, hier kaum ins Gewicht? Ich suche im Internet nach Kriegskinder- und Kriegsenkel-Vereinen. Zu meinem Erstaunen existieren sie vor allem westlich der Elbe.2 Werfen verschiedene Vergangenheiten also doch ihre langen Schatten bis in die Gegenwart? Und könnte es dann sein, dass die Haltung gegenüber den Flüchtlingen, die heute zu uns kommen, auch durch den unterschiedlichen Umgang mit Flucht und Vertreibung in Ost und West geprägt ist?

Ich will meine Fragen nicht nur mittels Fachbücher beantworten. Ohnehin gibt es wenige, die den Osten wie den Westen gleichermaßen in den Blick nehmen. Mich interessieren die Lebensgeschichten der Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren bzw. ihnen skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstehen. Spiegeln sich die familiären Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung, oder auch die verschiedenen Erinnerungskulturen in ihren Haltungen?

Um meine Interviewpartner3 zu finden, suchte ich im Frühjahr 2016 nach zwei vergleichbaren Orten in Ost und West, in denen es Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge gibt. Ich entschied mich für Stavenhagen in Mecklenburg-Vorpommern und Boostedt in Schleswig-Holstein.4 Beide Bundesländer hatten nach dem Krieg aufgrund der Flüchtlinge, Vertriebenen und Zwangsumgesiedelten den größten Zuwachs an Bevölkerung. In Schleswig-Holstein war die Bevölkerung innerhalb von sieben Jahren um 67 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um 52 Prozent gewachsen. Beide Orte haben etwa 5 000 Einwohner. Die Flüchtlingsunterkünfte befanden sich jeweils gut zwei Kilometer entfernt auf einem Kasernengelände, das zuvor durch die Bundeswehr genutzt wurde.

Auch wenn Boostedt und Stavenhagen eine vergleichbare Einwohnerzahl haben, sind die Bedingungen vor Ort doch offenbar verschieden. Als ich im Internet nach Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein suchte, öffnete sich eine Seite5, die die Aufnahme von Flüchtlingen als humanitäre Verpflichtung bezeichnet. Ansprechend gestaltet, transparent und informativ scheint diese Webpräsentation eine offene Verwaltung und eine gewisse Willkommenskultur zu bezeugen. Als ich dieselbe Suchanfrage für Mecklenburg-Vorpommern eingab, begegnete mir eine ganz andere Seite6: überwiegend sachliches Grau, kein einladender Satz, kein menschliches Gesicht, die gesuchten Informationen nur schwer zu finden. Die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen schien hier vor allem eine Verwaltungsangelegenheit. Inzwischen ist der Internetauftritt des Landesamtes für innere Verwaltung, der zentralen Ausländerbehörde des Landes Mecklenburg-Vorpommern ansprechender gestaltet worden. Eine Willkommenskultur ist nach wie vor kaum erkennbar. Parallel zur Aufnahme wird die Ausreise thematisiert; die drei aktuellen Beiträge auf der Seite zu Migration informieren über die derzeitige Nutzung von Basepohl, „besondere Abschiebemaßnahmen“ und eine „erfolgreiche Sammelrückführung nach Norwegen“.7

Über einen zweiten Unterschied stolperte ich an den örtlichen Geldautomaten der Sparkasse. In Boostedt bot der Automat mir als geringsten Auszahlungsbetrag 50 Euro an, in Stavenhagen waren es zehn Euro. Ich ging davon aus, dass die Bank ihre Auszahlungsbeträge nach den Anfragen ihrer Kunden richtet und hatte hier folglich einen ersten Eindruck der jeweiligen sozialen Lage vor Augen.

2016, das Jahr meiner Recherche, war durch intensive Diskussionen um die AfD geprägt. Schließlich sorgte vor allem ihre kritische Haltung zur Flüchtlingspolitik für erstaunliche Wahlerfolge in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen meines Projektes führte ich 20 lebensgeschichtliche Interviews mit Männern und Frauen verschiedenen Alters. Die meisten von ihnen haben eigene oder familiäre Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung. Diejenigen, die der Flüchtlingspolitik eher kritisch gegenüberstehen, waren nicht nur schwerer zu finden. Sie waren – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern – auch schwerer dafür zu gewinnen, mir ihre Geschichte vor laufendem Mikrofon zu erzählen. So interviewte ich überwiegend Menschen, die sich in irgendeiner Form engagieren oder zumindest offen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen sind. Ein Geschäftsinhaber in Stavenhagen zog seine anfängliche Bereitschaft mit den Worten zurück: „Am besten man sagt gar nichts. Wie damals in der DDR. Die Presse dreht einem das Wort im Munde um. Alle, die wie ich eine andere Meinung haben, werden gleich in eine Ecke gestellt und als Nazis und Faschisten bezeichnet.“ Ich bedauerte seine Ablehnung; gerade seine Geschichte hätte mich interessiert.

Wie tief sind die Spuren aus der Vergangenheit in der hier beschriebenen Gegenwart? Die meisten Interviews verweisen darauf, dass nicht nur Erfahrungen wie Flucht und Vertreibung die Biographien und Haltungen geprägt haben. Es waren vor allem die Umstände danach: die Art des Ankommens in der neuen Heimat, die Aufstiegschancen, das familiäre Umfeld, aber auch die Verunsicherung durch einschneidende Umbrüche und Systemwechsel. Da überlagert eins das andere: die Familie, der Krieg, die Nachkriegszeit, Ost und West, die persönliche Biographie, eine sich verändernde Gesellschaft, die Wiedervereinigung. Und immer wieder taucht das Aufgehoben- oder Entwurzeltsein im Familiären, Persönlichen, Gesellschaftlichen auf. Lässt sich all das Schicht für Schicht freilegen, um den Einfluss des Gesellschaftlichen auf das Persönliche entziffern zu können? Das scheint unmöglich; sind es doch im eigentlichen Sinne keine Schichten, die man nacheinander abtragen könnte. Vielmehr hat jede Lebensgeschichte ihre Gestalt, geformt durch eine Vielzahl von Entwicklungen und Einflüssen, die ineinandergreifen. Dieses Geflecht muss den Erzählenden im Detail gar nicht bewusst sein, um zu wirken. Sie erzählen ihre Biographie als eine fortlaufende Geschichte, die, wie jede gute Geschichte, am Ende Sinn stiften soll.

Es stellte sich die Frage, wie ich die im Vertrauen auf meine Redlichkeit erzählten Geschichten in den Text einfließen lasse. Mit meinen Fragen im Hinterkopf wertete ich die Interviews aus. Ich hörte sie mehrmals an, machte mir Notizen, sortierte das Gehörte nach Themen. Es zeigten sich Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Ost und West wie auch zwischen den Generationen. Ich formulierte erste Thesen, begann zu schreiben und las immer wieder nach, was die Menschen erzählen, und was die Forschung sagt. Hinzu kam mein eigener Blick, gespeist aus den eigenen Erfahrungen, auch ein Geflecht aus Erlebtem, Gehörten und Gelesenem. Es war mir wichtig, das Uneindeutige zu respektieren, das unweigerlich auftaucht, wenn Menschen ihre Geschichten erzählen. Ich stolperte bei der Auswertung über einiges, was ich hörte. Manches war mir zu privat und zu vage, um es ungefragt zu interpretieren. So zitiere ich nur da direkt8, wo es mir angemessen erscheint. Vieles andere von dem, was mir erzählt wurde, floß in meine Überlegungen mit ein und findet sich eher indirekt wieder.

Wir erzählen und erinnern nicht im luftleeren Raum. Erinnern und Vergessen sind eng mit den sozialen Bezugsrahmen verwoben, die uns umgeben: Familie, Kultur, Gesellschaft. Davon handelt das erste Kapitel Erinnern ist ein endloser Fluss. Was behalten wir im Gedächtnis und was nicht? Was geben wir davon weiter? Was geschieht mit dem, was zu schmerzhaft ist, um es zu erinnern? Egal, ob Einzelne oder Kollektive ihre Geschichte erzählen: Ihr Rückgriff auf die Vergangenheit soll vor allem Sinn stiften, Identität herstellen und dient dazu, die Gegenwart zu bewältigen.

Daran orientierte sich auch die Erinnerungspolitik der beiden deutschen Staaten in Bezug auf Flucht und Vertreibung. So zeigt das zweite Kapitel Integration und Erinnern, dass die Bedingungen des Ankommens für die zwölf Millionen Deutschen, die ihr Zuhause und ihre Heimat verloren hatten, zunächst sehr ähnlich, der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Ost und West jedoch sehr verschieden war. Das spiegelte sich sowohl in der Politik als auch in den Erinnerungskulturen der beiden deutschen Staaten. Sie bemühten sich auf unterschiedliche Weise, die Flüchtlinge und Vertriebenen zu integrieren.

Wie das im Einzelnen gelungen ist, thematisiert das dritte Kapitel Integration und Vergessen. Hier wird deutlich, dass auf jeder Seite über einiges gesprochen werden konnte, aber über anderes geschwiegen werden musste. In der Erinnerungskultur kam es im Laufe der Jahrzehnte zu einigen bemerkenswerten Verschiebungen, die sich im familiären Gedächtnis nur bedingt wiederfinden. Besonders hier hält das Schweigen über Schuld und Scham bis heute an.

Das vierte Kapitel Entfremdete Vergangenheit beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung die inzwischen 70 Jahre zurückliegenden Geschichten für die Betroffenen und ihre Nachfahren haben. Wie konnten traumatische Erfahrungen und ihre Folgen verarbeitet werden? Was wurde an nachfolgende Generationen weitergegeben? Was geschieht mit Geschichten, die nie erzählt wurden und welche Rolle spielt hier die jeweilige Erinnerungskultur? Warum tauchten Flucht und Vertreibung nach der Jahrtausendwende in den Medien verstärkt wieder auf?

Als im Herbst 2015 besonders viele Menschen Zuflucht in Deutschland suchten, stand die Gesellschaft einmal mehr vor der Frage nach ihrer Aufnahmebereitschaft. So beschäftigt das fünfte Kapitel Beheimatetsein und die Haltung zu Geflüchteten sich mit möglichen Zusammenhängen zwischen dem eigenen Beheimatetsein und der Haltung zu den Flüchtlingen heute. Welche langen Schatten werfen eigene Entwurzelungserfahrungen und Systemumbrüche wie der von 1945, aber auch der von 1989? Was braucht es, um dem Fremden gegenüber offen sein zu können?

Auf diese letzten Fragen haben mich erst die Erzählungen und Lebensgeschichten meiner Interviewpartner gestoßen. Ich bin ihnen gefolgt. So entstand eine These, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet: Wer nicht angekommen ist, kann andere nicht willkommen heißen.

All denen, die mir ihre Zeit wie auch ihr Vertrauen geschenkt und mir aus ihrem Leben erzählt haben, möchte ich hier von Herzen danken. Ohne ihre Geschichten hätte ich dieses Buch so nicht schreiben können. Darüber hinaus danke ich vor allem der Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e.V. in Schwerin, die das Projekt ermöglicht und begleitet hat. Der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin, der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staats sicherheitsdienstes der ehemaligen DDR sowie der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern danke ich für die finanzielle Förderung.

Mein persönlicher Dank gilt vor allem Kerstin Schenkel, die an der Konzeption wesentlich mitgewirkt hat und mir jederzeit als kritische Gesprächspartnerin zur Seite stand. Für mitdenkendes Lesen und wertvolle Hinweise möchte ich ebenfalls Susanne Timm (GRZ), Jörn Mothes (GRZ), Judith Ruyters und Regina Voss herzlich danken. Alexander von Plato und Michael J. Froese sei für anregende Gespräche gedankt. Und über all das hinaus danke ich meinen Eltern, ohne die es dieses Buch nicht gegeben hätte.

Erinnern ist ein endloser Fluss

Erinnerungen bezeugen keine objektiven Tatsachen. Jede noch so feste Überzeugung, es sei so und nicht anders gewesen, kann trügen. Erinnerungen sind vielschichtig − wie die Geschichten, die aus ihnen entstehen. Erinnerungen bewegen sich an der Grenze von der Vergangenheit zur Gegenwart. Das im Gestern Erfahrene gelangt durch sie ins Heute. Bestimmte Erinnerungen verblassen oder verschwinden ganz, andere werden immer plastischer.

Wo erzählt wird, wird Zeugnis abgelegt und Identität gestiftet. Das so in die Welt Getragene bleibt in Bewegung. Nicht selten stehen Geschichten einander gegenüber, die Dasselbe ganz anders erzählen, aus einer anderen Perspektive, mit einer anderen Interpretation. Erinnerung ist eng verbunden mit Zugehörigkeit − zu einer Familie, einer Gruppe, einer Gesellschaft. Der französische Soziologe Maurice Halbwachs prägte dafür vor fast 100 Jahren den Begriff des kollektiven Gedächtnisses.9 Er verwies darauf, dass jede Erinnerung einen Bezugsrahmen hat. Dazu gehören nicht nur die Menschen, mit denen wir Erfahrungen teilen und uns gemeinsam erinnern. Ebenso stark wirken die kulturellen Rahmen, in denen wir uns bewegen: Rituale, Symbole, in Filmen und Büchern erzählte Geschichten, Gedenkstätten, Museen, Schulbücher, Straßennamen – kurzum alles, wodurch Geschichte rekonstruiert und gedeutet wird.

Soziale und kulturelle Bezugsrahmen definieren – wie jeder Rahmen − eine Grenze: Es gibt ein Außen, das nicht erinnert oder sogar bewusst aus der Erinnerung ausgeschlossen wird – die verschwiegenen Erbschaften. Im besten Fall bleibt das Erzählen im Fluss, der Rahmen kann sich verschieben, die Deutungen auch. Was vorher am Rande existierte, gelangt nach Jahren oder Jahrzehnten ins Zentrum und bislang Verschwiegenes kommt zur Sprache. Dafür braucht es eine Erinnerungskultur, die verschiedene Erinnerungen, Bewertungen und den Streit um den politischen Rahmen immer wieder neu initiiert, zulässt und aushält.

Hier scheint einer der wirkungsmächtigsten Unterschiede zwischen der Erinnerungspolitik der alten Bundesrepublik und der DDR zu liegen. Je machtvoller ein Staat die politische Kultur, die Medien, die Künstler und damit in gewisser Weise auch die Bürger kontrollieren und beeinflussen kann, desto stärker bestimmt er auch den kulturellen Rahmen, in dem öffentlich erinnert wird. Was geschieht in einem solchen Fall mit der individuellen Erinnerung, die in diesen Rahmen nicht passt? Und gibt es nicht immer Erinnerungen, die entweder den einen oder den anderen Rahmen sprengen? Ganz allgemein gefragt: Wie wirkt die Erinnerungskultur auf das Gedächtnis des Einzelnen und den Fluss des Erzählens zwischen den Generationen? Aleida Assmann sieht das kulturelle bzw. kollektive Gedächtnis als einen Mechanismus auf gesellschaftlicher Ebene, der sich auf die Vergangenheit bezieht und für Identität sorgt: „Menschen leben, so diese Prämisse, nicht nur als Individuen zusammen, die sie selbstverständlich immer bleiben, sondern sie leben auch in Gesellschaften, Gruppen und Kulturen, denen sie sich zugehörig fühlen und mit deren Hilfe sie sich selbst verstehen und definieren. Solche Identitäten kommen nicht ohne Rückbezüge auf die eigene Vergangenheit aus, sei es, um sich an Vorbildern zu orientieren, sei es, um sich Rechenschaft abzulegen.“10 Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, davon zu sprechen, dass Kollektive ein Gedächtnis haben können. Unstrittig ist, dass es Institutionen und Menschen gibt, die das öffentliche Gedenken prägen und die Geschichte in einen Sinnzusammenhang stellen. Das ist auch anhand der öffentlichen Erinnerung an Flucht und Vertreibung in den beiden deutschen Staaten nach 1945 und im wiedervereinigten Deutschland seit 1990 zu beobachten. Erinnerungskultur spiegelt ein bestimmtes Verhältnis zur Vergangenheit. Und weil sie kein von Macht freier Raum ist, lässt sie sich für politische Zwecke instrumentalisieren.

In seiner Abhandlung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ lässt Friedrich Nietzsche keinen Zweifel daran, dass die menschliche Hinwendung zur Vergangenheit dort ihre Grenze haben sollte, wo sie dem Leben nicht mehr dient: „… erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in dem Übermaße von Historie hört der Mensch wieder auf, und ohne jene Hülle des Unhistorischen würde er nie angefangen haben und anzufangen wagen.“11 Für Nietzsche gibt es drei Formen, sich auf die Vergangenheit zu beziehen: die monumentale, die antiquarische und die kritische Historie. Jede dieser Formen kann dem Lebendigen dienen, es aber auch gefährden:

Die Tätigen und Strebenden wenden sich der monumentalen Historie zu. Sie suchen in der Geschichte Vorbilder, Lehrer und Tröster, die sie anspornen und stärken. Dabei ist die Gefahr, dass das Nachahmungswürdige verklärt wird, nicht zu unterschätzen. Dieselbe monumentale Historie, die den Mutigen zur Verwegenheit reizt, reizt möglicherweise den Begeisterten zum Fanatismus.

Eine zweite Art, die Geschichte zu betrachten ist die der Bewahrenden und Verehrenden. Sie beziehen sich auf eine antiquarische Historie, auf ihre Herkunft und ihr Gewordensein. Die Geschichten, die sie an ihre „Heimat und Heimatsitte“12 binden, das von alters her Bestehende ist für sie das Wesentliche. Ein solcher Bezug auf die Vergangenheit dient dem Lebendigen, indem er Halt gibt und ein beruhigendes Gefühl des Verwurzeltseins. Aber das Neue und Werdende, das allem Lebendigen ebenso eigen ist, wird allzu schnell als Bedrohung der Traditionen gesehen und abgelehnt. „Der antiquarische Sinn eines Menschen, einer Stadtgemeinde, eines ganzen Volkes hat immer ein höchst beschränktes Gesichtsfeld; das Allermeiste nimmt er gar nicht wahr, und das Wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isoliert.“13

Die kritische Historie hingegen ist die Betrachtungsweise des Leidenden und der Befreiung Bedürftigen.„Er muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können.“14 Über alle Traditionen hinwegzugehen, die Wurzeln zu kappen, das Zurückliegende zu verurteilen − ein solcher Akt mag zuweilen nötig und befreiend sein. Am Ende bleibt er ein zwiespältiger Vorgang. Wer seine Herkunft verleugnet, verleugnet auch einen Teil seiner selbst. „Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst gefährlicher Prozess: und Menschen oder Zeiten, die auf diese Weise dem Leben dienen, dass sie eine Vergangenheit richten und vernichten, sind immer gefährliche und gefährdete Menschen und Zeiten.“15

In Deutschland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge und Vertriebene, die ihre Identität vor allem von ihrer Herkunft her definierten. Aber auch viele Einheimische wollten das ihnen Vertraute nicht aufgeben und unterschieden sich insofern kaum von den Neuankömmlingen. Letztlich zwang ihre Notlage die Flüchtlinge dazu, über ihren Schatten zu springen, und sich allmählich an die ihnen fremden Gewohnheiten anzupassen.

All jene, die auf Seiten der Flüchtlinge eher zu den Bewahrenden und Verehrenden gehörten, fanden – zumindest in der Bundesrepublik − in den Vertriebenenverbänden eine starke Interessenvertretung. Deren Politik zielte auf die Bewahrung einer Identität, die von einem Bezug auf die alte Heimat gespeist wurde und mit der Forderung verbunden war, dorthin zurückkehren zu können. Die Regierung unter Adenauer unterstützte dieses Identitätsverständnis, was sich mit Nietzsche als antiquarischer Umgang mit der Vergangenheit bezeichnen lässt.

In der DDR hingegen setzte die SED als alleinherrschende Partei auf einen gemeinsamen Neuanfang von Alteingesessenen und Flüchtlingen unter sozialistischen Vorzeichen. An die Stelle der alten Heimat sollten möglichst schnell die neue Heimat und Gesellschaftsordnung treten. In einer solch radikalen Abgrenzung von der Vergangenheit zeigt sich nach Nietzsche eine Erinnerungspolitik im Sinne der kritischen Historie.

Damit wäre von einem vordergründig sehr verschiedenen Bezug auf die Vergangenheit in beiden deutschen Staaten auszugehen. Es stellt sich die Frage, inwieweit und auf welche Weise die Erinnerungen des Einzelnen davon berührt sind. Immerhin liegen ihnen zunächst einmal dieselben Erfahrungen zugrunde. Was wird aus ihnen, wenn sie unter verschiedenen Bedingungen verarbeitet werden? Und welche Rolle spielen parallel dazu die individuellen Erfahrungen: gut aufgenommen worden zu sein, gut angekommen zu sein − oder eben nicht?

Erinnern und Vergessen

Das individuelle Erinnern ist − im Gegensatz zum kollektiven Gedächtnis − an konkrete Erfahrungen und deren Weitergabe gebunden. Damit umfasst es einen eng umgrenzten Zeitraum von drei bis vier Generationen, etwa 80 Jahre. Aber wie funktioniert das Gedächtnis, dieses Netz aus Nervenzellen, dem sowohl Erinnern als auch Vergessen innewohnt und das sich aus verschiedenen Erfahrungen unsere Lebensgeschichte zusammensetzt?

Bevor die gegenwärtige Gedächtnisforschung zu Wort kommt, zunächst noch ein kurzer Ausflug in die Antike: Die alten Griechen hatten eine Göttin, die über die individuellen Erinnerungen wie auch das universelle Gedächtnis der Menschen wachte: Mnemosyne (mnēmē, „Gedächtnis“). Sie war die Mutter der Musen. Während Mnemosyne die vollkommene Erinnerung schenkte, erbat man von den Musen, die Leiden mögen vergessen und die Sorgen beendet sein. Homer und andere Dichter riefen sie allerdings auch an, um sich an etwas erinnern zu können, das ihnen nur vom Hörensagen her bekannt war oder vom Alltäglichen überlagert wurde. Sie erhofften von den Musen, sie könnten die Sorge vergessen machen, die den Blick auf das Wesentliche verstellt.

Mnemosyne war nicht nur die Göttin des Gedächtnisses, sondern auch ein Fluss der Unterwelt, der Allwissenheit schenkte. Wer aus ihm trank, erinnerte sich an alles. Daneben gab es den Fluss Lethe. Aus ihm tranken die Verstorbenen, um vor dem Eingang ins Totenreich ihre Erinnerungen zu verlieren. Lethe lässt sich mit Vergessen, auch im Sinne von Verborgenheit, Verborgensein übersetzen. Von derselben Wurzel leitet sich das griechische Wort für Wahrheit (alétheia) ab. Die Wahrheit ist also das Unverborgene, die Verneinung des Verschweigens. Über das Verhältnis von Wahrheit und Vergessen ließe sich streiten. Schließlich hat jemand auf das, was er vergessen hat, keinen Zugriff. Traumatisierte Menschen beispielsweise können sich an das auslösende Ereignis häufig nicht direkt erinnern. Das Vergessen schützt sie vor einer Berührung mit dieser Wunde. Sie haben keinen Zugang zur vermeintlichen Wahrheit. Was hier aufscheint, ist die schon bei Nietzsche thematisierte Balance zwischen Erinnern und Vergessen. Beides hat seine Zeit und seinen Sinn, beides kann lebensnotwendig sein, aber auch vom Lebendigen fernhalten.

Wer seinen Erinnerungen bisher umstandslos geglaubt hat, wird angesichts der heute zugänglichen Forschungsergebnisse enttäuscht sein. Die Vorstellungen über das Gedächtnis veränderten sich im Laufe der Jahrhunderte und orientierten sich zumeist am Stand der zeitgenössischen Speichertechnik. Etwa 400 vor Christus beschrieb Platon das Gedächtnis als eine Wachstafel, in die unsere Erfahrungen eingeschrieben sind. Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde das Gedächtnis mit einem Buch oder einer Bibliothek verglichen, später dann mit einem Fotoapparat, Tonband oder Computer. Doch weit gefehlt. Das Gedächtnis ist nicht so eindeutig und genau wie all diese Speichermedien. Die heutige Forschung deutet eher auf eine Lesart hin, die es in der Renaissance schon einmal gab: das Gedächtnis als Theater, das die Realität filtert, als Ausschnitt auf die Bühne bringt und gleichzeitig noch interpretiert.

Erinnerungsspuren sind Muster neuronaler Verbindungen und über verschiedene Bereiche des Gehirns verteilt. Wenn wir uns erinnern, werden diese Muster assoziativ aktiviert und vervollständigt. Ohne hier im Einzelnen auf neurowissenschaftliche Befunde einzugehen, lässt sich festhalten, dass die Präzision der Erinnerungsarbeit aus vielerlei Gründen begrenzt ist. Je seltener Erinnerungen abgerufen werden, desto schneller verblassen oder verschwinden sie. Was biographisch bedeutsam ist, wird aufbewahrt, vertieft und gegebenenfalls neu bewertet. Erinnern und Vergessen gehören untrennbar zusammen.

Damit ein Erlebnis im Bewusstsein Gestalt annimmt, braucht es ein sozial geteiltes System von Regeln und Rahmen, das die jeweilige Sprache bereitstellt. Dieses System geht der Erinnerung voraus, ermöglicht und strukturiert sie, wird im Allgemeinen jedoch nicht bewusst wahrgenommen. Ebenso verfügen wir über eine Reihe von Erinnerungen, die uns automatisierte Handlungsabläufe ermöglichen, ohne dass wir sie reflektieren. Oder wir halten etwas für einen eigenen Einfall, obwohl wir etwas reproduzieren, was wir schon mal gehört oder gesehen haben. Hier wirkt ein implizites Gedächtnis, das unserer bewussten Erinnerung nicht zugänglich ist.

Auch jede Erinnerungskultur hat einen Einfluss auf das implizite Gedächtnis, der in seiner Wirkung jedoch nur schwer nachzuvollziehen ist. Der Sozialpsychologe Harald Welzer verweist darauf, dass zum Beispiel Stereotype und Vorurteile implizit erinnert und durch eine soziale Praxis weitergegeben werden: „Implizite Erinnerung hat viel mehr mit routinisierten und habitualisierten Handlungs- und Verhaltensweisen zu tun, und gerade die sind es ja, die von frühkindlichen Entwicklungsphasen an prägend für die Weltwahrnehmung sind. (…) Sie ist das Produkt einer Praxis, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle verläuft.“16 Insofern sind Teile unserer Persönlichkeit immer auch an implizite Erinnerungen gebunden. In den lebensgeschichtlichen Erzählungen finden sie sich nur indirekt wieder, eher zwischen den Zeilen. Sie färben die Sprache, geben dem Erzählten einen gewissen Grundton. Der bewusste Zugang zu ihnen ist uns gewöhnlich versperrt oder wird uns nur unter großer Anstrengung gewährt.

Demnach wäre auch im kollektiven Gedächtnis nach Spuren impliziter Erinnerungen zu suchen. Wenn sie den Einzelnen beeinflussen, kann sein Handeln im öffentlichen Raum nicht frei davon sein. Besonders wirkungsmächtig sind Stereotype und Vorurteile, die zur sozialen Praxis einer ganzen Generation gehörten. Die Rede von jüdischen und slawischen Untermenschen war eben nicht nur Teil der alltäglichen Propaganda im Nationalsozialismus, sondern hat auch die alltäglichen Umgangsformen bestimmt. Erwiesenermaßen ist das Lernen durch Beobachtung besonders effektiv, wenn die beobachtete Person für ihr Verhalten belohnt wird.17 Mit anderen Worten: Wer als Kind erlebt und beobachtet, dass abwertendes Verhalten gegenüber bestimmten Personen honoriert wird, speichert es in seinem impliziten Gedächtnis als sozial erwünschtes Verhalten ab. Wenn nicht nur Einzelne durch solche Erfahrungen geprägt werden, ist davon auszugehen, dass sie sich auch im kollektiven Gedächtnis niederschlagen. Um solche unbewussten Prägungen aufzustöbern und sichtbar zu machen, müssen sie reflektiert werden. Dazu braucht es ein Gegenüber, das sehen und aussprechen kann, was unsere bewusste Wahrnehmung unterläuft.

Es gibt eine Reihe von Experimenten, die unter Beweis stellen, wie stark Gefühle am Prozess des Erinnerns beteiligt sind. Was uns an einem Erlebnis interessiert, speichern wir ab. Und je stärker wir emotional an einem Erlebnis beteiligt sind, desto dauerhafter ist diese Speicherung. „Emotionen sind die zentralen Operatoren, mit deren Hilfe wir Erfahrungen als gut, schlecht, neutral usw. bewerten und entsprechend in unserem Gedächtnis abspeichern. Autobiographische Gedächtnisinhalte können nur selbstbezogene Inhalte sein, und diese sind ohne ein emotionales Register nicht denkbar.“18 In schwierigen Situationen führt beispielsweise Angst dazu, dass sich unsere Aufmerksamkeit auf den deutlichsten Punkt der Gefahr verengt und nur noch einzelne Merkmale der Situation wahrgenommen werden. Das Abrufen von Erinnerungen ist scheinbar am ergiebigsten, wenn die sozialen und emotionalen Umstände denen des Einspeicherns ähnlich sind. Flüchtlinge und Vertriebene haben weitaus reichhaltigere Erinnerungen, wenn sie sich miteinander auf einem Heimattreffen austauschen, als wenn sie im Rahmen von Forschungsprojekten befragt werden.19 Es spielt also durchaus eine Rolle, ob die Erzählenden und die Zuhörenden über dieselben Erfahrungen verfügen bzw. mit welcher Erwartungshaltung sie einander begegnen.

Die Gesetze der Erzählbarkeit

Der englische Psychologe Frederic Charles Bartlett hat in den 1920er Jahren verschiedene Menschen nach ihren Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg befragt und festgestellt, dass sie nicht einfach die nachprüfbaren Fakten erinnerten. Sie stellten sie von ihrem jeweiligen Standpunkt aus dar, korrigierten und bewerteten sie. Sofern der Standpunkt sich seit den Ereignissen geändert hatte, führte dies zu einer veränderten Erzählung. Unabhängig davon zeigten die Erzählungen jedoch einen recht einheitlichen Aufbau. Daraus leitete er ab, dass wir spezifische Erinnerungen zu größeren Mustern zusammenfügen. So gilt für das autobiographische Erzählen, was für jedes Geschichtenerzählen gilt: Wichtiger als die konkreten Inhalte sind die Gesetze der Erzählbarkeit. Eine Geschichte muss anschlussfähig sein und sinnvoll erscheinen. Darum folgt sie – ähnlich wie der Satzbau – unbewussten Regeln. Wir wissen, ohne darüber nachzudenken, welche Elemente wir in welcher Reihenfolge anordnen müssen, um eine Geschichte verständlich zu erzählen. Wir unterstellen dem Zuhörenden bestimmte Erwartungen und richten uns danach.20 Um weitererzählt und erinnert zu werden, müssen Geschichten drei Kriterien erfüllen: Sie müssen offen genug sein, dass der Zuhörer sie ergänzen kann. Er muss sie mit eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen können. Und die Situation, in der sie erzählt wird, muss einen gewissen Erlebnischarakter haben, emotional von Bedeutung sein.21

Die soziale Gruppe, innerhalb derer wir uns erzählend erinnern, uns unserer Geschichte und Identität vergewissern, ist wesentlich beteiligt an der Konstruktion unserer Erinnerungen. So können unterschiedliche Versionen ein und desselben Ereignisses entstehen, je nachdem wer sich erinnert, woran, warum und vor wem. Ohne dass ein Erlebnis reflektiert wird, kann es nicht zur Erfahrung werden. Es braucht eine Form, einen Spiegel, in dem es erkannt werden kann. Das geschieht am häufigsten durch soziale Interaktion. Werden sie nur intensiv und oft genug wiederholt, können die Erinnerungen Anderer nach und nach zu den eigenen werden. Gerade Kinder sind anfällig dafür, bestimmte Umstände zu verwechseln, die Quellen ihrer Erinnerungen nicht mehr genau bestimmen zu können oder sogar Ereignisse zu erinnern, die gar nicht stattgefunden haben. Im Allgemeinen ist das Gedächtnis darum bemüht, entstandene Erinnerungslücken aufzufüllen. Das Material dafür schöpft es jedoch kaum aus den Bereichen der Wissensvermittlung. Es sind eher vorherige Erfahrungen oder gehörte, gesehene, gelesene Geschichten, die die Leerstellen auffüllen.22

Ähnlich wie das kollektive und das familiäre Gedächtnis sollen Lebensgeschichten Identität stiften. Sie sorgen dafür, dass der Erzählende sich – mögen all seine Erfahrungen und Lebensabschnitte noch so verschieden gewesen sein − als ein und dieselbe Person wahrnehmen und darstellen kann. Diese Selbst-Darstellung und diesen Selbst-Entwurf bestätigt das Gegenüber durch sein Zuhören.23 Das ist gerade darum so wichtig, weil dieses Ich keineswegs so autonom und seiner selbst bewusst ist, wie es zu sein meint.

Letztlich ist auch die Behauptung eines Identisch-Sein mit sich und einer bestimmten Gruppe nicht mehr als eine – weit verbreitete − Phantasie von Reinheit und Einheit, wie Nietzsche es formulierte24. „Dass meine Identität auch eine andere sein könnte, ist sprachlich ebenso befremdlich wie empirisch wahr. Und dass Identitäten wechseln können, ja dass einer mehrere Identitäten haben kann, ist logisch ebenso unsinnig wie lebenspraktisch notwendig.“25 Diese Mehrdeutigkeit und Wandelbarkeit bleibt immer mitzudenken, wenn von Identität die Rede ist, unabhängig davon, ob sie sich auf eine regionale Herkunft, eine Gemeinschaft oder eine Religion bezieht.

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die individuellen Erinnerungen und deren Erzählbarkeit hat auch die mediale Vermittlung bestimmter geschichtlicher Ereignisse. Wenn über Krieg, Flucht und Vertreibung gesprochen wird, tauchen immer wieder Bilder und Erfahrungen auf, die medialen Vorlagen entnommen wurden. Nicht alles, was uns genau vor Augen steht, haben wir selbst gesehen. So werden des Öfteren prägnante Szenen aus Spielfilmen und der Literatur in das autobiographische Gedächtnis übernommen, ohne dass die Erzählenden sich dessen bewusst sind. Andererseits kommt es teilweise zu empörten Reaktionen, wenn Zeitzeugen mit historischen Fakten – wie in der Wehrmachtsausstellung26 – konfrontiert werden, weil die hier dargestellten Ereignisse ihren subjektiven Erinnerungen widersprechen. Oder das vermittelte Wissen kollidiert mit dem familiären Gedächtnis und seinen Inhalten.

Was der Einzelne aus der Vergangenheit erinnert − bzw. was eben gerade nicht erinnert werden kann, weil niemand darüber gesprochen hat −, ist vor allem durch eine soziale Gruppe geprägt: die Familie. Sie bildet die erste Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft, die wir erleben. Am Abendbrottisch oder beim Feiern, durch neugieriges oder kritisches Nachfragen der Jüngeren wie auch durch die Weitergabe familiärer Traditionen entsteht ein Familiengedächtnis. Es enthält das Wissen um die eigenen Wurzeln, eine der unschätzbaren Voraussetzungen, um sich in der Welt gut verorten zu können. Familiengeschichten transportieren häufig mehr als die Vergangenheit einer einzelnen Person. Sie demonstrieren am Einzelbeispiel eine allgemeine Haltung, definieren ein Wir und dessen Wesensart. Maurice Halbwachs ging davon aus, dass jede explizite Erinnerung an ein Ereignis aus der Familienvergangenheit untrennbar mit einem Modell über diese Familie verbunden ist. Es entsteht ein sozialer Rahmen, der zu achten ist und dafür Halt gibt. Harald Welzer hat gemeinsam mit Kollegen Familienangehörige aus drei Generationen nach ihren Erinnerungen und Bildern von der NS-Vergangenheit befragt. Das Resultat spiegelt schon der Buchtitel: „Opa war kein Nazi“. Offenbar ist das individuelle Gedächtnis mit den Erfahrungen und dem Bild, das wir von unserer Familie haben, weitaus enger verknüpft als mit anderen sozialen Rahmen. „Neben dem Schulwissen und den Informationen aus den Medien existiert ein Bild von der Vergangenheit, das aus der direkten, persönlichen Kommunikation resultiert, und dieses Bild ist vor dem Hintergrund seiner sozialen Entstehungsgeschichte ein emotionales Bild, nicht Wissen, sondern Gewissheit.“27

Gerade das gleichzeitige Beteiligtsein mehrerer Generationen lässt das Familiengedächtnis zu einem besonders lebendigen Raum werden. In diesem Raum begegnen sich Menschen, die zwar die Gegenwart teilen und in derselben Gesellschaft leben, aber häufig sehr unterschiedliche Erfahrungen haben und dementsprechend verschieden reagieren. Der Einzelne erfährt hier ein doppeltes Eingebundensein in Gegenwart und Vergangenheit, Gesellschaft und Familie: Er gehört sowohl einer Generation mit ihren spezifischen Merkmalen und Erfahrungen an wie auch einem genealogischen System, das seinen eigenen Erfahrungshorizont weit überschreitet.28 Im besten Falle werden in diesem System Erfahrungen in beide Richtungen ausgetauscht und weitergegeben. Die Jüngeren werden von den Älteren ohnehin geprägt, aber auch sie haben etwas weiterzugeben, weil sie als Heranwachsende der sich ständig verändern