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Stand 1984: In der Bundesrepublik gibt es über eine Million Frauen, die Frauen lieben. Wie leben diese Frauen, wie finden sie ihre Partnerinnen, aus welchen Schichten und aus welchen Berufen stammen sie? Homosexualität, vor allen Dingen auch bei Frauen, ist immer noch ein Tabu-Thema. Lesbisches Privatleben geschieht sehr isoliert, in intimen Zirkeln oder zu zweit; große Energien werden für die Geheimhaltung in der Familie und am Arbeitsplatz aufgewandt. Haben lesbische Frauen das wirklich nötig? Müssen diejenigen, die sich – mutig oder unbefangen – zu ihrer Liebe bekennen, tatsächlich mit bedrohlichen Folgen rechnen? Susanne v. Paczensky befragte 75 Frauen.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Susanne v. Paczensky
Verschwiegene Liebe
Lesbische Frauen in unserer Gesellschaft
Ihr Verlagsname
Stand 1984: In der Bundesrepublik gibt es über eine Million Frauen, die Frauen lieben. Wie leben diese Frauen, wie finden sie ihre Partnerinnen, aus welchen Schichten und aus welchen Berufen stammen sie? Homosexualität, vor allen Dingen auch bei Frauen, ist immer noch ein Tabu-Thema. Lesbisches Privatleben geschieht sehr isoliert, in intimen Zirkeln oder zu zweit; große Energien werden für die Geheimhaltung in der Familie und am Arbeitsplatz aufgewandt.
Haben lesbische Frauen das wirklich nötig? Müssen diejenigen, die sich – mutig oder unbefangen – zu ihrer Liebe bekennen, tatsächlich mit bedrohlichen Folgen rechnen? Susanne v.Paczensky befragte 75 Frauen.
Susanne v.Paczensky (1923–2010) war Journalistin, Autorin und Soziologin.
Ich danke
Elke Martin, die mich in den »Sub« führte;
Marina Müller, die viele Interviews vermittelte;
Karin K., die in ihrer Gruppe für mich bürgte;
Ilse Kokula und Siegrid Schäfer, die ihr Wissen mit mir teilten;
Eva Rühmkorf, die mich am Aufgeben hinderte;
Uschi Plog, die mir Mut machte, und vor allem Renate Sadrozinski, die immer da war.
Die vorliegende Arbeit ist eine empirische Untersuchung über die sozialen Beziehungen lesbischer Frauen. Sie will nicht nur Ergebnisse vermitteln, sondern auch den Forschungsprozeß durchsichtig und nachvollziehbar machen.
Am Anfang stehen theoretische und politische Überlegungen zur gesellschaftlichen Wertung der weiblichen Sexualität. Es folgen meine eigenen Motive, mich auf diesem Gebiet wissenschaftlich zu engagieren, und die Darstellung der spezifischen Unsichtbarkeit der weiblichen Homosexualität, die eng mit den Fragen von Stigma und Entstigmatisierung verbunden ist.
Den Aufbau der Untersuchung beschreibe ich nur kurz, um dann ausführlich in einem kritischen Praxisbericht auf die Mängel und Möglichkeiten einer Forschungsarbeit einzugehen, die sich auf ungesichertes Neuland wagt. Die Ergebnisse der Befragung sind nach den Kategorien geordnet, die ich im Lauf der Auswertung entwickelt habe. Grundmaterialien und Daten sind im Anhang zu finden. Anstelle erschöpfender Literaturhinweise innerhalb des Textes habe ich es vorgezogen, eine kommentierte Bibliographie anzufügen, in der nur diejenigen Schriften erwähnt sind, die tatsächlich meine Arbeit beeinflußt haben.
Alle Zitate aus den Interviews sind mit Ziffern gekennzeichnet, die der laufenden Numerierung der Befragten entsprechen.
Die uns bekannte Wissenschaft, Philosophie, Medizin, Literatur – der geistige Überbau unserer Zivilisation ist von Männern bestimmt. Auch die Universität ist eine patriarchalische Einrichtung, von Männern gegründet, geleitet. Aufstiegschancen, Forschungsmittel, Prüfungskriterien werden von Männern festgelegt. Vereinzelte Frauen, die in diese Institution Eingang fanden, ändern nichts daran. Sie arbeiten für Männer, unter Männern, wie Männer.
Diese Binsenweisheit muß man sich immer wieder vor Augen halten, wenn man »wissenschaftliche« Theorien, »objektive« Forschungsergebnisse zum Wesen der Frau betrachtet. Die Frau ist immer Objekt, niemals Subjekt der Forschung. Das Wissen über den Menschen, seine Geschichte, seine Gesetzmäßigkeiten ist zunächst immer Wissen über den Mann, der aber als »der Mensch« vorgestellt wird. Die Frau wird in Fußnoten oder Analogieschlüssen berücksichtigt.
Diesem männlichen Denkschema sind selbst die fortschrittlichsten und einflußreichsten Denker verhaftet: von Marx, der den Menschen über die Arbeit definiert, jedoch die geschlechtsspezifische Arbeit der Frau, die Hausarbeit, nicht in seine Analyse aufgenommen hat, über Freud, der den Menschen über seine Sexualität definiert, aber die Sexualorgane der Frau nur negativ, als Nicht-Penis, wahrnehmen kann, bis zu all den Philosophen und Theologen, die die Frau für minderwertig, amoralisch, schwachsinnig halten und beweisen, daß dies notwendig so sein muß.
Ich behaupte, daß die herrschende Lehre, die Lehre der Herrschenden, gar nicht anders kann, als die bestehenden Machtverhältnisse, in denen Frauen den Männern untergeordnet sind, widerzuspiegeln und zu rechtfertigen. Dazu ist nicht etwa ein unterdrückerisches Bewußtsein notwendig: Ererbte Privilegien lassen sich mühelos weiternutzen. Für einen andersartigen Denkansatz wäre vielmehr das Bewußtsein der Unterdrückung notwendig, und das kann in der patriarchalischen Wissenschaft nicht entstehen.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der weiblichen Sexualität war bisher im wesentlichen eine Domäne von Männern und Medizinern. Das von Herrschaftsinteresse bestimmte Erkenntnisinteresse beschränkte sich darauf, Abweichungen von der gesellschaftlich erwünschten Frauenrolle der Mutter und Gehilfin als krankhaft zu definieren und zu therapieren. Die wesentlichen Erkenntnisse über die Sexualität der Frau verdanken wir Gynäkologen, deren soziale Funktion es ist, Gebär- und Beischlaffähigkeit für den Gatten zu erhalten, und Psychiatern, die die friedliche Hausfrau am Herd festhalten sollen. Ihr Auftrag ist es, anscheinend ganz neutral Krankheiten zu erkennen und zu heilen, unabhängig vom Geschlecht des Patienten. Doch ihre Auftraggeber sind Männer: die Institutionen, die die Forschung finanzieren; die Professoren, die Prüfungen abhalten; die Ehemänner, die die Rechnungen bezahlen. Krankheiten, also Funktionsstörungen, die sozial auffallen, sind bei der Frau in erster Linie Störungen, die Männer stören.
In patriarchalischen Gesellschaften werden drei Grunderwartungen an Frauen gestellt:
Sie sollen den Männern sexuelle Lust ermöglichen;
⊳sie sollen Kinder gebären und aufziehen;
⊳sie sollen die häusliche Versorgung des Mannes sichern.
Unter diesen drei Verwertungsgesichtspunkten gilt es insbesondere, die psychische Gesundheit, das »Wesen der normalen Frau« zu erhalten. Abweichungen sind krankhaft, müssen therapiert werden.
Wenn diese Wissenschaft in Theorie und Forschung zu dem Ergebnis kommt,
Frauen sind passiv, masochistisch;
⊳sie finden ihre Erfüllung im Aufnehmen männlicher Impulse;
⊳ihre seelische Gesundheit basiert auf Mütterlichkeit, Hingabebereitschaft, Unterordnung,
so entspricht dies Ergebnis dem Erkenntnisinteresse der patriarchalischen Ordnung. Solange es zwar einen wachsenden Widerstand gegen diese Ordnung, aber noch keine feministische Gegenkultur, Gegenforschung, Gegenanalyse gibt, können wir diese Ergebnisse nicht schlüssig widerlegen, aber wir dürfen sie als parteiisch, als »sexistisch« betrachten. Wir dürfen ihnen mißtrauen, etwa so, als würde der Unternehmerverband eine Untersuchung veröffentlichen, die belegt, daß Arbeitnehmer Verantwortung scheuen und dankbar sind, das unternehmerische Risiko ihren Chefs überlassen zu dürfen, oder als ließe die südafrikanische Regierung ein Gutachten über die Mentalität der schwarzen Bevölkerung erstellen.
Über das Mißverständnis und die Mißachtung der Frau in den männlichen Darstellungen der weiblichen Sexualität haben hervorragende Autorinnen sich ausführlich beschwert. Von Simone de Beauvoir, die als erste die grundsätzliche Minderstellung des »anderen Geschlechts« nachwies, über Kate Millet, die die politischen, d.h. Machtstrukturen des Patriarchats herausarbeitete, über zahllose andere bis zu Alice Schwarzer, die zum sexuellen Rückzug als Kampfmaßnahme auffordert – sie alle setzen sich ausführlich mit der wissenschaftlichen Deutung der Frauenrolle auseinander.
Besonders gründlich hat Marielouise Janssen-Jurreit in Sexismus die Frauenverachtung in den Sozialwissenschaften und die männliche Blindheit gegenüber weiblicher Sexualität nachgewiesen.
In den letzten Jahren hat sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Praxis der Universitäten weiblicher Widerstand artikuliert, zur Einrichtung von Frauenseminaren und zur Forderung nach »Frauenforschung« geführt. Forum dieser Diskussion über Kriterien und Organisationsformen einer feministischen Wissenschaft ist seit 1976 die alljährlich stattfindende Berliner Sommeruniversität für Frauen.
Doch am Erkenntnisinteresse der patriarchalischen Wissenschaft, wie ich es hier kurz zu beschreiben versucht habe, hat sich dadurch noch nichts geändert. Im Gegenteil: der Anteil weiblicher Hochschullehrer an bundesdeutschen Universitäten ist 1980 auf 3 Prozent gesunken (aus: Der Frauenanteil am wissenschaftlichen Personal bundesdeutscher Universitäten. Unveröffentlichtes Manuskript von Ulla Bock und Christiane Schmerl, Bielefeld 1980), während Gabi Zipfel noch von 4 bis 5 Prozent weiblicher ordentlicher Professoren im Jahr 1976 spricht (Gabi Zipfel: »Akademiker zweiter Klasse« in: Frauenprogramm, hg.v.Marielouise Janssen-Jurreit, Reinbek 1979).
Das Wesen der Frau ist historischem Wandel unterworfen: Nicht aus ihrer Körperlichkeit, sondern aus gesellschaftlichen Normen ergibt sich die Vorstellung, was normal und natürlich für ein weibliches Geschöpf sei. In frühen Gesellschaften, die sich teils in den Zuständen bei verschiedenen, noch existierenden Naturvölkern widerspiegeln, teils aus der Geschichtsschreibung rekonstruieren lassen (aber immer natürlich unter dem Patriarchatsvorbehalt, also aus männlicher Sicht gesehen), hatte und hat die Frau oft ganz andere Aufgaben und Eigenschaften als bei uns.
Die Arbeitsteilung zwischen drinnen und draußen – Jagd und Sammeln, Viehzucht und Ackerbau –, die die Frauen in der Nähe der Unterkunft und der Kinder festhält, dominiert, ist aber nicht notwendig. Die Außentätigkeit gilt nur dann als besonders wertvoll, wenn sie Männern zufällt. Auch bei den Völkern, die z.B. Marktwesen und Handel den Frauen zuweisen und die Männer mit handwerklichen Arbeiten ins Haus bannen, haben die Männer höheres Prestige und stellen Priester und Beamte. Die angeblich naturwüchsige Arbeitsteilung läßt alle möglichen Varianten zu. Immer jedoch wird die Tätigkeit der Männer höher bewertet als die der Frauen.
Ein Beispiel ist das Lastentragen, das bei uns als Männerarbeit gilt, in den meisten Ländern der Dritten Welt aber den Frauen vorbehalten ist. Bei uns kann man häufig hören, die Vorherrschaft des Mannes beruhe auf seiner physischen Kraft, die ihn befähigt, schwere körperliche Arbeit zu leisten. Doch in den Kulturen, in denen die Männer beim Palaver sitzen, während die körperliche Arbeit ausschließlich den Frauen zufällt, gilt gerade das als Argument für weibliche Minderwertigkeit.
Die angeblich natürlichen Unterschiede der Geschlechter sind weitgehend Definitionssache. So gibt es Völker, die die Geburt als schmerzhaft für den Mann definieren, ihm Diät und Mutterschaftsurlaub zubilligen, während die Frau durch die Niederkunft nicht einmal einen Arbeitstag versäumt. Das erscheint uns grotesk, hingegen halten wir es für ganz natürlich, wie in unserer Gesellschaft die Arbeit definiert wird. Obwohl Frauen objektiv, d.h. nach dem im Kapitalismus üblichen Maß der Arbeitszeit, sehr viel mehr arbeiten als Männer – nämlich 55 Wochenstunden als Durchschnittshausfrau, 40 bezahlte und 20 Haushaltswochenstunden für die durchschnittliche Berufstätige –, wird einfach ein wesentlicher Teil dieser Arbeit als Nicht-Arbeit definiert.
»Meine Frau arbeitet nicht« ist der stolze Ausdruck männlicher Selbstgerechtigkeit, der auf der Annahme beruht, daß Frauen im Haushalt einer natürlichen Kochlust oder einem Putztrieb frönen, die man nicht als Arbeit zu bewerten oder gar zu honorieren braucht. Das Bewußtsein der Frau als Naturwesen ist also ein künstliches, es wird von der Gesellschaft im Interesse ihres Funktionierens aufrechterhalten. Wie sehr es ein spezifisch kapitalistisches Interesse ist, die Erhaltung der männlichen Arbeitskraft, die Erzeugung lohnarbeitender Menschen den Frauen als Gratisarbeit aufzubürden und die Abhängigkeit des Familienvaters vom Arbeitgeber zu erhöhen, wie sehr auch die Minderbewertung weiblicher Erwerbsarbeit, also die Erhaltung einer Reservearmee verfügbarer und leicht kündbarer Arbeitskräfte, an das kapitalistische System gebunden ist, so darf dies doch nicht den Blick dafür versperren, daß auch in den sozialistischen Ländern die Mehrbelastung und geringere Macht der Frauen ein unbehandeltes Problem bleibt.
Ein eigenständiges Interesse an der weiblichen Sexualität, losgelöst von männlichen Bedürfnissen, hat sich bisher kaum bemerkbar gemacht. Wenn Frauen an der Forschung beteiligt sind, wie Virginia Johnson oder Mary Jane Sherfey, dann kommen ganz andere Ergebnisse dabei heraus, dann werden die umfassenden, unausgeschöpften Möglichkeiten der weiblichen Sexualität zumindest beschrieben, aber doch so zaghaft interpretiert, daß daraus keine Forderungen abgeleitet werden.
Sozialwissenschaftler zeigten bisher wenig Interesse für ein ganzes Feld sozialer Probleme, die mit der gesellschaftlichen Definition weiblicher Sexualität zusammenhängen. (Ich verweise nur auf die Diskriminierungen, denen etwa die Menstruation oder das Klimakterium ausgesetzt sind, oder auf die Herrschaftsformen im Zusammenhang mit Prostitution, Abtreibung und Vergewaltigung.)
Am deutlichsten wird das mangelnde Interesse bzw. geringe Problembewußtsein der Sozialwissenschaften gegenüber Frauenfragen bei der Unbehandlung der weiblichen Homosexualität. Schon in der Bibliographie zur Homosexualität von Weinberg und Bell (1972) beträgt der Anteil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen über weibliche weniger als ein Zehntel derer über männliche Homosexualität. Inzwischen sind auch in Deutschland weitere wichtige Arbeiten erschienen – ich erwähne nur Dannecker-Reiche Der gewöhnliche Homosexuelle oder Lautmanns Seminar –, die weibliche Homosexualität entweder ganz übergehen oder sehr verkürzt behandeln. Ina Kuckuc (in Lautmann, Seminar, S. 465) weist selbst darauf hin, daß es nicht genügt, eine einzige lesbische Stimme im Schwulenchor mitsingen zu lassen.
Es genügt auch nicht, wenn Männer sich wohlwollend gleichmacherisch der Lesbensache annehmen, wenn etwa Weinberg und Bell in ihrer breit angelegten Untersuchung männliche und weibliche Homosexuelle nach gleichen Kriterien beurteilen und dabei gar nicht merken, daß sie aus typisch männlichem Gesichtswinkel, aus intimer Vertrautheit mit der Schwulenszene, ein Betrachtungsschema anwenden, in das Frauen nur mühsam eingefügt werden können. Oder wenn Rüdiger Lautmann aus »feministischer Höflichkeit« und auf der Suche nach Bündnispartnern von »Frauen und Männern« – in dieser Reihenfolge – spricht und damit die falsche Hoffnung weckt, sein Interesse, seine Kenntnis und das Ausmaß der allgemeinen Forschungsergebnisse seien mindestens genauso auf Frauen gerichtet wie auf Männer.
Die Ungleichbehandlung entspricht ja nicht individueller Tücke – und läßt sich daher kaum durch individuelles Männerwohlwollen auflösen –, sondern ist vielmehr das Spiegelbild allgemeinen Bewußtseins in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der sowieso kaum Forschungsmittel oder akademisches Prestige für Sexualforschung ausgeteilt werden. So müssen wohl jeder und jede, die auf diesem Gebiet arbeiten, von persönlichem und politischem Engagement motiviert sein. Die Betroffenheit von spezifischen Formen der Frauenunterdrückung kann von Männern nicht erlebt werden. Wenn sie sich der Beschäftigung mit weiblicher Homosexualität zuwenden, müssen sie sich auch die Frage nach dem Erkenntnisinteresse gefallen lassen. Soweit sie nicht selbst der Schwulenbewegung angehören und ihr Interesse an der Ausweitung des Betroffenenkreises und der Herstellung von Koalitionen deutlich wird (Lautmann, »Homosexuellenfrage und feministische Strategie« in: Frauenprogramm, hg.v.Marielouise Janssen-Jurreit, Reinbek 1979), muß man annehmen, daß sie entweder strafende (Hentig) oder voyeuristische (Caprio) Bedürfnisse befriedigen wollen. Selbst Hans Giese verrät seine zutiefst sexistische Grundhaltung, wenn er bei allem Bemühen um ein Verständnis der weiblichen Sexualität etwa behauptet, »dem weiblichen Körper fehlt ein Instrument für den aktiv forcierten Zugriff«. Die meisten homosexuellen Praktiken unter Frauen »erschöpfen« sich nach Gieses Erkenntnisstand »in mehr oder weniger äußerlichen Liebkosungen« (Sexualität der Frau, S. 128ff.).
Seit etwa zehn Jahren erst haben sich vereinzelt weibliche Wissenschaftler oder Autoren zur weiblichen Homosexualität geäußert – zunächst in den USA, dann auch in der Bundesrepublik Deutschland, die sich mehr oder weniger deutlich auf eigene Betroffenheit und auf den Zusammenhang mit der Frauenbewegung beziehen.
Dabei wird diese Betroffenheit nicht unbedingt und ausschließlich durch eigene Erfahrung lesbischer Liebe hergestellt; sie besteht im Prinzip bei allen Frauen, die sich gegen Frauendiskriminierung wenden, die gegen Geschlechtsrollendiktat und für ein selbstbestimmtes Frauenbild kämpfen, denn die Diskriminierung der weiblichen Homosexualität beruht auf patriarchalischem Denken und ist Ausdruck der Nichtachtung gegenüber Frauen allgemein.
In unserer Gesellschaft wird die Frau in ihrer Beziehung und durch ihre Beziehung zu Männern definiert. Eine eigene Sexualität wird ihr nicht zugestanden. Wo sie dennoch manifest wird, versucht man, die Augen davor zu verschließen. So ist auch die soziale Kontrolle, mit der Frauen daran gehindert werden, aus der Reihe zu tanzen, auf die Geschlechtsrolle zugeschnitten. Die gesellschaftliche Reaktion auf männliche Homosexualität unterscheidet sich grundsätzlich von der Reaktion auf weibliche Homosexualität. Daher werden auch die Stigmatisierungsprozesse anders erlebt und verarbeitet: Während männliche Homosexualität in vielen Ländern unseres Kulturkreises und über lange Zeit strafrechtlich verfolgt, öffentlich diffamiert und zum Gegenstand negativer Sexualaufklärung gemacht wurde und damit sowohl sanktionierende Kontrollinstanzen als auch subkulturelle Verteidigungspositionen der Betroffenen entstanden, entspricht die soziale Kontrolle der weiblichen Homosexualität dem Muster, mit dem weibliche Sexualität generell behandelt wird: Nichtbeachtung, Unterdrückung durch Verschweigen.
Ich beziehe mich im folgenden auf Theorien der sexuellen Sozialisation, die von Simon und Gagnon in den USA sowie von Gunter Schmidt in Hamburg entwickelt wurden und die ich nur sehr vergröbert darstellen kann.
Der Sozialisationsprozeß, dem Frauen in unserer Gesellschaft unterliegen, ist trotz schichtenspezifischer Varianten eindeutig auf die Rolle der Mutter und Hausfrau ausgerichtet. Das kleine Mädchen lernt vom ersten Lebensjahr an, sich anpassend, hilfreich, reaktiv zu zeigen. Es lernt, Initiative zu vermeiden, Aggressivität zu unterdrücken, sich Führungsrollen unterzuordnen. Diese sozialen Verhaltensweisen werden als Gegensatz zu männlichem Verhalten erlernt (Du bist doch kein kleiner Junge!) und von Bezugspersonen gelobt, und vermitteln die angemessene Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht. Wie wir wissen, werden diese Rollenmuster so allgemein und perfekt erlernt, daß sie häufig für die »Natur«, für das Wesen des Weibes gehalten werden. Inzwischen gibt es aber genügend empirisches Material – sowohl aus der Psychologie als auch aus der vergleichenden Anthropologie oder der Hermaphroditenforschung –, das nachweist, daß die Rolle des aktiven Mannes, der passiven Frau im wesentlichen kulturell geformt ist.
So entspricht auch die sexuelle Sozialisation unseren Stammessitten, die zumindest bisher in erster Linie eine anpassungsfähige Gefährtin des Mannes als Sinnbild der Weiblichkeit ansehen. Für die Bedürfnisse der patriarchalischen Gesellschaft ist die weibliche Sexualität zunächst ausreichend entwickelt, wenn sie die Fortpflanzung ermöglicht. Dazu ist kein kompliziertes Motivationsgebäude notwendig. Solange die Männer ökonomisch oder physisch stärker sind, können Frauen ohne eigene Initiative geraubt, gekauft, erobert und geschwängert werden. Die sexuelle Sozialisation ist daher eher emotional als sexuell ausgerichtet. Wie Simon und Gagnon darlegen, lernen Frauen Sexualität zunächst »als Dienst am andern und nicht um ihrer selbst, sondern um der Kinder, der Familie und der Liebe willen«. Die Sozialisation durch Familie, Gleichaltrigengruppe und Medien enthält für Frauen nur geringe sexuelle Lernmöglichkeiten. So ist das Modell der Frauenrolle derart beschränkt angelegt, daß bereits Informationsmangel genügt, um unerwünschtes Verhalten zu verhindern. Wenn sexuelle Aktivität sowieso Männersache ist, wenn Frauen – »richtige Frauen« – Sexualität nur reaktiv, also in ökonomischer und emotionaler Abhängigkeit vom Mann erleben können, dann genügt es, die Sexualerziehung und damit auch die entsprechenden Sanktionen allein in der Sozialisation der Männer zu verankern.
Die Verschonung der weiblichen Homosexualität im Strafgesetzbuch beruht also im Grunde auf Frauenverachtung. Die Vermutung, daß Frauen sexuell nicht ernst zu nehmen sind und deshalb auch keinen wesentlichen sozialen Schaden anrichten können, wird auch durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 10.5.1957 bestätigt. Zur Frage, warum der Paragraph 175 nicht auf Frauen angewandt wird, heißt es dort u.a.: »Die Verschiedenheiten des Geschlechtslebens machen sich bei der Gleichgeschlechtlichkeit womöglich noch stärker geltend als bei heterosexuellen Beziehungen, da der auf Mutterschaft angelegte Organismus der Frau unwillkürlich den Weg weist, auch dann in einem übertragenen Sinne fraulichmütterlich zu wirken, wenn sie biologisch nicht Mutter ist, während eine entsprechende Kompensation beim Manne fehlt. So gelingt der lesbisch veranlagten Frau das Durchhalten sexueller Abstinenz leichter, während der Mann dazu neigt, einem hemmungslosen Sexualbedürfnis zu verfallen.«
Die Vorstellung, daß sexuelle Befriedigung ohne Mitwirkung eines Penis möglich ist, widerspricht dem Selbstbild einer männlich beherrschten Gesellschaft so sehr, daß sie gern geleugnet wird. Daher die beliebte, auch in der Wissenschaft gelegentlich vertretene Ansicht, lesbische Frauen seien »heterosexueller Ausschuß«, wegen Häßlichkeit oder allgemeinen Männermangels zu kurz gekommene, verschmähte Frauen – erwähnenswert als Beispiel, wie selbst rein weibliche Formen der Sexualität noch als Reaktion auf männliches Verhalten wahrgenommen werden.
Die hier beschriebene sexuelle Sozialisation wird allen Frauen zuteil, auch denen, die frühestens in der Pubertät, oft sehr viel später, erkennen, daß ihr sexuelles Interesse nicht auf das andere Geschlecht gerichtet ist. Am Beginn jeder lesbischen Karriere steht die Befürchtung, gesellschaftliche Erwartungen im zentralen Punkt zu verfehlen; das Angebot einer alternativen Rolle fehlt. Die soziale Position der Frau in unserer Gesellschaft ist, wie gesagt, durch ihre Beziehung zum Mann definiert, und auch die homosexuelle Frau kommt nicht umhin, sich mit dieser Definition auseinanderzusetzen.
Empirisches Material über die Situation der Lesbierin in unserer Gesellschaft ist kaum vorhanden. Die wenigen Untersuchungen auf diesem Gebiet lassen sich grob einteilen in solche,
die sexuelle Verhaltensweisen darstellen und verschiedene Typen von Lesbierinnen in Anlehnung an die gängigen Geschlechtsrollenstereotypen kategorisieren, und solche,
⊳die biologische oder psychologische Ursachen der Homosexualität ergründen wollen.
Mein Interesse ist weder auf Werturteile noch auf die Ursachen oder Formen der lesbischen Liebe gerichtet, sondern auf deren gesellschaftliche Situation. Sie ist gekennzeichnet durch das Bewußtsein gesellschaftlicher Nichtachtung und durch die verschiedenen Möglichkeiten, damit umzugehen. So unterschiedlich die Lebensstile und Verläufe weiblicher Homosexualität auch sein mögen – und sie sind so unterschiedlich, wie überhaupt Menschen in dieser Gesellschaft es sein können –, dies haben sie gemeinsam: das kollektive Schicksal, aus der Rolle zu fallen.
Diese Prozesse sind von Erving Goffman als Stigma und Stigma-Management beschrieben worden. Stigma ist, so Goffman, »die Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer sozialer Identität« – eine Eigenschaft, die einen Menschen in unerwünschter Weise anders macht, als wir es erwarten würden. Das Stigma kann offen zutage liegen und von Geburt an bestehen – wie etwa beim Farbigen in weißer Gesellschaft –, es kann im Lauf des Lebens erworben werden, es kann verborgen sein – wie etwa bei der lesbischen Frau.
Der moralische Werdegang der Stigmatisierten umfaßt zwei wesentliche Phasen:
Die Erfahrung, daß sie ein Stigma haben, d.h., nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, und die Auswirkung dieser Erfahrung auf das Selbstbild, die Normen, die Identitätsbildung der Person;
⊳die Ausbildung von Techniken der Selbstdarstellung, das Stigma-Management und seine Auswirkung auf das soziale Leben, die Gruppenzugehörigkeit, die Position innerhalb von Gruppen.
Beide Prozesse stehen in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander und von den Umweltreaktionen.
Gesellschaftliche Entwicklungen, wie etwa die sexuelle Liberalisierung, das Aufkommen der Frauenbewegung, aber auch die klerikale Gegenbewegung beeinflussen den Prozeß und werden, wo dieser sich kollektiv artikuliert, auch von ihm beeinflußt.
Doch sind die Erfahrungen im sozialen Nahraum zunächst von besonderer Bedeutung, etwa in Familie und Beruf einerseits, in frei gewählten Bezugsgruppen andererseits.
Wie Stigma erlebt wird, ist sozusagen die andere Seite der Vorurteilsforschung. Die Untersuchungen über Vorurteile, die in den vergangenen Jahren mehrfach durchgeführt wurden und die im allgemeinen ein freundliches Bild relativer Toleranz gegenüber weiblicher Homosexualität zeigen, gehen implizit davon aus, daß Diskriminierung beim Empfänger so ankommt, wie sie vom Sender beabsichtigt wurde. Bisher wissen wir aber gar nicht, ob die Stigmatisierten sich durch das stigmatisiert fühlen, was der Vorurteilsvolle als Ablehnung intendiert, oder durch das, was der Forscher »objektiv« als diskriminierend feststellt, oder vielleicht durch etwas ganz anderes.
Diese andere Seite ein wenig zu erhellen, ist eine meiner Absichten. Ich vermute dabei, daß das Stigma der lesbischen Frau gar nicht sexueller, sondern sozialer Natur ist. Dafür sprechen mehrere Anhaltspunkte:
Zärtlichkeit und emotionale Nähe unter Frauen werden in unserer Kultur nicht für »unweiblich« gehalten.
⊳Die sexuelle Praxis unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der, die inzwischen auch bei Heterosexuellen zunehmend für erlaubt gehalten oder sogar als besonders progressiv und lustvoll propagiert wird.
⊳Diese sexuelle Praxis ist außerdem fast völlig unsichtbar, sie findet kaum jemals öffentlich und kaum jemals promisk statt.
Die gesellschaftliche Mißbilligung richtet sich also nicht gegen die homosexuelle, sondern gegen die Verweigerung der heterosexuellen Rolle.
Die gesellschaftliche Rollenerwartung trifft sich mit den Sozialisationserfahrungen des Individuums; denn die Geschlechtsrolle wurde lange vor der Adoleszenz und dem möglichen Erleben eigener Neigungen erlernt. So stellt sich für jede lesbische Frau die Frage – und wird ihr gestellt: Ist eine Frau überhaupt eine Frau, wenn sie nicht Gattin und Mutter sein will? Welchen sozialen Wert hat sie, wenn sie nicht durch männliche Bestätigung aufgewertet wird? Woran orientiert sich eine Frau, wenn sie sich nicht nach männlichen Wünschen richtet?
Den Druck dieser unerfüllten Erwartungen zu ertragen, wird durch verschiedene Techniken des Stigma-Managements möglich.
Ich habe insgesamt sechs Jahre auf die vorliegende Arbeit verwandt – eine lange Zeit, die sich z.T. wohl aus den Widersprüchen meines Erkenntnisinteresses erklären läßt. Ich hatte drei Gründe, mich diesem Thema zuzuwenden, die sich nicht reibungslos unter einen Hut bringen ließen.
