Verschwiegene Opfer der SS. Lebensborn-Kinder erzählen ihr Leben -  - E-Book

Verschwiegene Opfer der SS. Lebensborn-Kinder erzählen ihr Leben E-Book

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Beschreibung

»Ich bin ein Lebensborn-Kind, aber auch ein Kriegskind. Ich gehöre der Generation an, die das Schweigen der Mütter quasi mit der Muttermilch eingesogen hat. Es gilt, das Schweigen unserer Mütter zu durchbrechen, dem Unrecht ein Gesicht zu geben und Geschichte werden zu lassen. Wir können nichts ändern, aber wir müssen reden! Wir dürfen uns nicht länger hinter unserer Scham verstecken! Wir sind die Letzten einer Kriegsgeneration, in der das Schweigen Pflicht war. Offen zu reden, das sind wir uns selbst schuldig. Zeugnis abzulegen. Insbesondere gegenüber der Jugend und unseren Enkeln, die ohne eine vorgefertigte Meinung unser Thema zu dem ihren machen.«

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VERSCHWIEGENE OPFER DER SS

Lebensborn-Kinder erzählen ihr Leben

Im Auftrag des Vereins »Lebensspuren e. V.«

herausgegeben von

Astrid Eggers und Elke Sauer

Mit einem Beitrag von Dr. Georg Lilienthal:

DER »LEBENSBORN E. V.« UND SEINE FOLGEN

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei den Autoren und Herausgebern

Copyright der Abbildungen bei den Autoren!

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

DER VEREIN »LEBENSSPUREN E. V.« – EINE INTERESSENGEMEINSCHAFT

Von MATTHIAS MEIßNER

BIOGRAPHIEN

GEBOREN IM LEBENSBORN

Von GUDRUN SARKAR

UND DANN FIEL DIE TÜR INS SCHLOSS

Von ANGELIKA ELKE K.

MEINE BIOGRAPHIE!

Von ROSWITHA M.

DIE SPÄTE WAHRHEIT!

Von MARIANNE B.

»DU BIST HALT EIN HARZER ROLLER …«

Von CLAUS-HUBERTUS G.

MEINE LEBENSGESCHICHTE

Von DETLEFF NORDT

LEBENSBORN, DIE ANONYMITÄT

Von INGEBORG SCHINKE

ICH BIN? – ODER DIE AUSGEBURT EINER IDEOLOGIE

Von PATRICK LASCH

ICH WAR DIE MARIONETTE MEINER MUTTER

Von ASTRID EGGERS

DER LEBENSBORN – EINE LEBENSLÜGE

Von ELKE IRMLIND SAUER

GEBOREN IM LEBENSBORNHEIM-HARZ

Von VOLKER RÖDER

ULRIKE, EIN LEBENSBORN-KIND AUS WERNIGERODE/HARZ AUF VATERSUCHE

Von ULRIKE MALINA

EINE SCHANDE FÜR DIE FAMILIE

Von B. S.

VIER VERSE AUS MEINEM LEBENSLAUF

von ELKE SAUER

BRIEF OHNE ANTWORT

Von U. J.

EINE SPUR INS LEBEN

Von ULRICH KUSTER

VATER MEIN

Von URSULA JAECKEL

DER »LEBENSBORN E. V.« UND SEINE FOLGEN

Von GEORG LILIENTHAL

1. Kurze Geschichte des »Lebensborn«

2. Der »Lebensborn« als Zuchtanstalt?

3. Das Schicksal der Kinder

ANHANG

DER VEREIN »LEBENSSPUREN E. V.« – EINE INTERESSENGEMEINSCHAFT

Von MATTHIAS MEIßNER

»Die Entwurzelung ist bei weitem

die gefährlichste Krankheit der

menschlichen Gesellschaft.

Wer entwurzelt ist, entwurzelt.

Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht.

Die Verwurzelung ist vielleicht

das wichtigste und meistverkannte

Bedürfnis der menschlichen Seele.«

Simone Weil

Dieses Zitat von Simone Weil steht auf der Begrüßungsseite der Homepage des Vereins »Lebensspuren«. Diese wenigen Sätze drücken sehr genau das aus, was für viele Lebensborn-Kinder der Grund ihrer rastlosen Suche nach dem Wie, Wo und Warum ihrer Geburt ist. Nicht alle Lebensborn-Kinder wissen heute um ihre eigentliche biologische und soziale Herkunft. Getrieben von der Sehnsucht nach Klarheit ihrer familiären Herkunft, von der Frage nach den Umständen ihrer Zeugung und Geburt und vor allem auch verunsichert durch die sie oftmals umgebende Mauer familiären Schweigens befinden sich nicht wenige in einem Spannungsfeld zwischen Enttäuschung und Ruhelosigkeit. Oft gibt es nur sehr wenige Mitmenschen und Freunde, denen sie sich anvertrauen können. Stigmatisiert von dem Schicksal verschließen sich nicht wenige dem Aufbau von Bindungen. Mitunter von der Mutter über diese wichtige Frage der Herkunft belogen oder in Unkenntnis gelassen sind in besonderer Weise Misstrauen und Verletzlichkeit zu verzeichnen.

Lange hielten die Lebensborn-Kinder ihr Schicksal für einen Einzelfall, die Umstände ihrer Geburt für einen Makel, für den sie die Verantwortung tragen. Die Gefühlswelt kann sogar soweit reichen, dass sich diese Kinder für etwaige während des Dritten Reiches begangene Verbrechen ihrer biologischen Eltern, wenn sie deren Existenz doch herausfinden konnten, schuldig fühlen. Andere wiederum suchten die Schuld einer schlechten Behandlung in der Kindheit und im Jugendalter bei sich.

Erst Mitte der Achtzigerjahre beginnt in Deutschland eine ernsthafte und wirkliche Aufarbeitung dieses Teils der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Doch der Lebensborn-Mythos von »SS-Bordellen« und »Zuchtanstalten« wirkt noch weiterhin in die Gesellschaft hinein. Mit dem Buch »Der Lebensborn e. V.« (1985) von Georg Lilienthal sowie dem dokumentarischen, mit vielen Interviews versehenen Sachbuch »Deutsche Mutter – bist du bereit …« (1997) von Dorothee Schmitz-Köster und dem autobiografischen Roman »Das endlose Jahr« (2002) von Gisela Heidenreich, einem Lebensborn-Kind, werden erstmals geschichtlich aufgearbeitete Werke vorgelegt. Sie zeigen ein anderes Bild des Lebensborn-Programms auf, nämlich den Lebensborn als ein nationalsozialistisch geprägtes wie prägendes Instrument einer abstrusen Rassenpolitik auf der Grundlage eines ideologisch bestimmten Freund-Feind-Bildes und einer pseudowissenschaftlichen Anthropologie. Deutlich wird zugleich auch aufgewiesen, dass in nicht wenigen Fällen der von der SS getragene Lebensborn die soziale Notlagen werdender unverheirateter Mütter ausnutzte, denen bei Bekanntwerden einer nichtehelicher Schwangerschaft zu jener Zeit oftmals die gesellschaftliche, ja sogar die familiäre Ächtung drohte.

Zu einem ersten Treffen der Lebensborn-Kinder kam es 2002 in der Gedenkstätte Hadamar für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen. Der damalige Leiter der Gedenkstätte, Dr. Georg Lilienthal, hatte die Initiative ergriffen, dieses Treffen mit finanzieller und personeller Hilfe der Gedenkstätte zu organisieren.

Vorausgegangen waren Nachfragen einzelner Lebensborn-Kinder, zu denen der Historiker Kontakt hatte. Ihm, der als erster Wissenschaftler sich seriös mit der Thematik »Lebensborn e. V.« befasste, brachten die Lebensborn-Kinder Vertrauen entgegen. Verdankten doch viele von ihnen Georg Lilienthal die Erkenntnis, nicht ein in einem Bordell oder während einer Orgie gezeugtes Kind zu sein, dessen biologische Eltern eigens dafür zusammengeführt worden waren – ohne Liebe und nur im Auftrag des Führers.

Um auch künftig über das sie verbindende Schicksal sprechen und sich untereinander auszutauschen zu können, wurde bei den meisten Teilnehmern der Wunsch geweckt, diese Treffen öfter zu organisieren. Eine Gemeinschaft zu haben, in der man sich ohne Angst vor der Öffentlichkeit über die Suche nach der wirklichen Herkunft und die hierbei gemachten Erfahrungen austauschen kann, stieß auf ein breites Interesse. Vorsichtig begannen sich diese Frauen und Männer, viele von ihnen wenige Jahre vor dem Eintritt ins Rentenalter, zu öffnen. Im Kreise von Betroffenen wagte man sich als Lebensborn-Kind zu bekennen und oft erstmals offen darüber zu sprechen. Bei den meisten der Lebensborn-Kinder wich während dieses Treffens ein wenig die noch vorherrschende Vorsicht und Angst und so konnte sich, zwar ganz vorsichtig, ein Gefühl innerer Verbundenheit entwickeln.

An dem zweiten Treffen im Jahr 2003, wiederum in Hadamar, nahmen noch mehr Lebensborn-Kinder und Angehörige teil. Nach wie vor noch mit dem Wunsch, von der Öffentlichkeit abgeschottet zu sein, beschlossen die Lebensborn-Kinder, eine eigene Interessengemeinschaft zu gründen. Für die Vorbereitung einer Vereinsgründung wurde eine Arbeitsgruppe gebildet. Bedingt durch die »Enthüllungsberichte«, vor allem in Romanen wie dem von Willi Berthold oder den Berichten in den bunten illustrierten Zeitungen der sechziger Jahre, war für die Lebensborn-Kinder ein geschützter Raum und der Schutz vor der Öffentlichkeit von großer Bedeutung.

Parallel zu dieser Entwicklung war in Wernigerode im Auftrage des dortigen Landkreises eine Arbeitsgruppe mit der Aufarbeitung der Geschichte des ehemaligen Lebensborn-Heimes »Harz« beschäftigt. Gemeinsam mit der Initiatorin einer Ausstellung über den Lebensborn in der Euthanasie-Gedenkstätte in Bernburg, Frau Dr. SchmitzKöster, wurden die Ergebnisse dann im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Unter dem Titel »Lebensborn – vom Gerücht zur Legende« war diese Ausstellung vom 14. August 2003 bis zum 2. Mai 2004 in Wernigerode zu sehen. Mehr als 3.000 Besucher haben diese Ausstellung gesehen. Davon waren etwa 60 Prozent unter 21 Jahren. Das große Interesse zeigte, wie dieser bis in die heutige Zeit mit Mythos und Tabus gleichermaßen belegte Teil nationalsozialistischer Politik einer öffentlichen Aufklärung bedurfte. Der besondere Wert dieser Ausstellung lag unter anderem darin, dass Zeitzeugenberichte, Fotos und Dokumente in einem Teil des ehemaligen Heimes »Harz« und somit an einem Originalschauplatz gezeigt wurden. Auch Lebensborn-Kinder, die heute in Deutschland, Frankreich und Holland wohnen, sahen sich die Ausstellung an und berichteten den Ausstellungsmachern aus ihrem Leben bzw. von ihren Erfahrungen auf der Suche nach ihrer biologischen und sozialen Herkunft.

Infolge dieser persönlichen und sehr emotionalen Schilderungen kamen die Organisatoren zu der Erkenntnis, dass mit dem Ende der Ausstellung nicht die Beschäftigung mit dem Thema enden dürfe.

Im Oktober 2004 wurde in Wernigerode von den Mitgliedern des Altstadtvereins sowie des Heimat- und Geschichtsvereins ein neuer Verein gegründet, der Wernigeröder Heimat- und Geschichtsverein. In diesen brachten sich vom ersten Tage an fünf Mitglieder ein, die sich als Arbeitsgruppe »Aufarbeitung des »›Lebensborn‹« weiter um die geschichtliche Aufarbeitung dieses SS-Vereins kümmern wollten. Ziel der Arbeitsgruppe war es dabei, die Ideologie, Aufgaben und die Tätigkeit des Lebensborn unter besonderer Betrachtung der Ereignisse des Lebensborn-Heimes »Harz« aufzudecken. Das Wissen über die nationalsozialistische Rassenpolitik und deren Folgen für die nachfolgenden Generationen aufzuarbeiten und weiterzugeben, sollte die Arbeit der Arbeitsgruppe bestimmen.

Das Ergebnis der Aufarbeitung würde qualitativ auch davon abhängen, wie man in der Lage sei, einzelne Schicksale aufzuzeigen und so nicht die Geschichte allgemein sondern am persönlichen Schicksal darstellen zu können. Es entstand die Idee, gemeinsam mit Lebensborn-Kindern einen Verein zu gründen, der die geschichtliche Aufarbeitung mit Hilfe der Aussagen der Lebensborn-Kinder organisiert und zugleich das hierbei gewonnene Wissen den Lebensborn-Kindern für deren Suche und Verarbeitung zur Verfügung stellt.

Zunächst erfolgte im Mai 2005 der Beschluss zur Prüfung der Möglichkeiten für die Gründung eines Vereins. Hierauf erfolgte die erste Kontaktaufnahme mit den der Wernigeröder Arbeitsgruppe bekannten Lebensborn-Kindern und Interessierten, wie z. B. Frau Dr. Schmitz-Köster und Dr. Lilienthal. Vorausgegangen war ein Telefonat in der dritten Aprilwoche, ein Telefonat mit Vertretern der mit der Vorbereitung einer Vereinsgründung beauftragten Arbeitsgruppe der Lebensborn-Kinder. In diesem Gespräch wurde zwar das generelle Interesse für einen gemeinsamen Verein artikuliert, jedoch zugleich auf die bisherige Aufarbeitung und Wahrnehmung des Lebensborn-Themas in der Öffentlichkeit und die hieraus rührende Skepsis der Betroffenen verwiesen.

Nach Beteiligung und Aussprachen in beiden Arbeitsgruppen erfolgte am 11. und 12. Mai in Wernigerode ein erstes Treffen. Noch am ersten dieser beiden Tage wurde vereinbart, einen gemeinsamen Verein anstreben zu wollen. Die Erarbeitung einer Satzung und eines Namens sollten in einem weiteren Treffen besprochen werden. Außerdem wurde der Wunsch aufgegriffen, den Lebensborn-Kindern die Möglichkeit zu einem erneuten Treffen zu geben, welches am ersten Novemberwochenende 2005 stattfinden sollte.

Schon bei dieser ersten Zusammenkunft der beiden Arbeitsgruppen gab es die Anregung, das Haus in der Salzbergstraße, in dem die Verwaltung des Lebensborn seinerzeit angesiedelt war, über einen eigenen Trägerverein zu übernehmen und als politisch-bildende Gedenkstätte oder Museum zu führen. Am zweiten Beratungstag standen die Vorbereitungen für das geplante Jahrestreffen 2005 im Vordergrund und noch im Mai wurden in einem Rundbrief die Lebensborn-Kinder über dieses Vorhaben informiert.

Vierzehn Tage später fand in Auswertung dieses ersten Treffens ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister der Stadt Wernigerode Ludwig Hoffmann statt, der sein großes Interesse für die Aufarbeitung des Lebensborn bekundete und seine Hilfe und Unterstützung für das geplante Jahrestreffen anbot. Auch die Einrichtung einer Dauerausstellung in der Salzbergstraße traf auf seine volle Zustimmung, nur gehörte das Gebäude nicht in den Verfügungsbereich der Stadt. Den Entwurf eines Trägervereins für eine eventuelle Gedenkstätte versprach er wohlwollend zu prüfen und schloss auch die Beteiligung der Stadt daran nicht aus.

Am 4. Juli gab es ein erneutes Telefonat zwischen Vertretern beider noch existierenden Arbeitsgruppen. Hierbei wurde darüber informiert, dass sich bereits 40 Lebensborn-Kinder und 20 Angehörige sowie weitere Interessierte gemeldet hätten, die sich in den Verein einbringen wollten. Somit könne man mit ca. 70 Mitgliedern im Verein rechnen. Außerdem wurde in diesem Telefonat nochmals über den Ablauf des Jahrestreffens gesprochen.

Im Verlaufe des Monats August setzten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe »Lebensborn« im Wernigeröder Geschichts- und Heimatverein zwei Mal zusammen und besprachen zum einen ihren Satzungsentwurf und zum anderen detailliert die organisatorische Absicherung des bevorstehenden Treffens. Namensvorschläge wie »Schattenkinder« und »Ruhelos« wurden unterbreitet. Auf einen endgültigen Namen konnte und wollte man sich aber noch nicht einigen. Es stellte sich in der Folge auch heraus, dass beide Vereinsnamen bereits von anderen Vereinen gewählt worden waren. Der Entwurf der Satzung wurde Anfang September den Vertretern der Lebensborn-Kinder zugesandt. Nach darauf folgenden telefonischen Gesprächen wurden die wesentlichen Grundzüge der Satzung vereinbart, so unter anderem der Sitz in Wernigerode, die Zusammensetzung des Vorstandes und seine Zwecksetzung.

In den Wochen bis zum Jahrestreffen gab es immer mal wieder Formulierungsänderungen, die vereinbarten Grundaussagen der Satzung blieben aber bestehen. Von Anfang an waren zwei Grundaufgaben in der Satzung festgeschrieben: Die geschichtliche Aufarbeitung des Themas »Lebensborn«, auch unter Nutzung der Erkenntnisse aus der Suche Einzelner nach ihrer Herkunft, sowie die Bereitstellung der Ergebnisse der geschichtlichen Aufarbeitung für die Suche der Lebensborn-Kinder.

So wurde am 4. November 2005 nach einer einjährigen Pause das dritte Jahrestreffen der Lebensborn-Kinder eröffnet – das erste in Wernigerode und gleichzeitig das erste, das von den Lebensborn-Kindern, Freunden und Förderern selbst organisiert wurde. Höhepunkt dieses Treffens war am 6. November 2005 die Gründung des Vereins »Lebensspuren e. V. – Interessengemeinschaft der Lebensbornkinder in Deutschland und Vereinigung zur geschichtlichen Aufarbeitung des ›Lebensborn‹«.

Seither fand in jedem Jahr ein solches Treffen statt. »Lebensspuren e. V.« organisierte diese eigenständig und mit Ausnahme des Treffens im Jahre 2013 fanden sie immer in Wernigerode, dem Sitz des Vereins, statt. Bei den Jahrestreffen wurde der Verein immer wieder von der Stadt Wernigerode, dem Land Sachsen-Anhalt, dem Landkreis Wernigerode (ab 2007 Landkreis Harz) sowie der Harzsparkasse Wernigerode und der Wernigeröder Hospitälerstiftung unterstützt.

Leider hat sich das Projekt einer Dauerausstellung im ehemaligen Lebensborn-Heim »Harz« zerschlagen. Das Gebäude wurde inzwischen abgerissen.

Bestandteil des Jahrestreffens 2005 war eine große öffentliche Veranstaltung im Wernigeröder Rathaus, in dem der Lebensborn durch vier Vorträge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde. Für die Besucher aus der Region Wernigerode war dabei natürlich von besonderem Interesse die Darstellung des Lebensborn-Heimes »Harz«. Solche öffentlichen Veranstaltungen, ob Buchvorstellungen, Foren oder auch Filmveranstaltungen zum Thema »Lebensborn«, sind seitdem ein ebenso fester Bestandteil aller Jahrestreffen geworden wie auch Foren mit Jugendlichen an den Gymnasien der Stadt.

Das Jahrestreffen der Lebensborn-Kinder 2006 wurde von der Öffentlichkeit besonders beachtet. So waren die weltweit größten Nachrichtenagenturen zugegen. Hatten sie doch die Möglichkeit, in einem Forum mit mehreren Lebensborn-Kindern endlich einmal mit Betroffenen selbst zu sprechen. AP, UPI, Reuters, BBC und Times sorgten dafür, dass das Thema »Lebensborn-Kinder berichten über ihr Schicksal« in mehr als 26.000 Artikeln in den verschiedensten Medien, in Zeitungen, Nachrichtensendern und im Internet weltweit verbreitet wurde. Ob in Australien, Asien, Süd-, Latein- und Nordamerika, Afrika oder Europa – weltweit kamen erstmals die Lebensborn-Kinder selbst zu Wort.

In seiner Arbeit legte der Verein immer mehr Wert auf eine Öffentlichkeitsarbeit und darauf, dem Sensationsjournalismus eine sachliche Darstellung entgegenzustellen. Niemand anders kann über die Schicksale und die daraus erwachsenden Probleme für die Lebensborn-Kinder besser berichten, als diese selbst. Darüber sind sich alle Vereinsmitglieder einig, auch wenn anfangs nur wenige Lebensborn-Kinder diesen Schritt in die Öffentlichkeit selbst wagten.

Jedoch haben sich der Vorstand und im Rahmen ihrer Interessengemeinschaft und der Autorität ihres Vorstands auch einzelne Mitglieder des Vereins immer wieder dagegen gewandt, wenn in der Öffentlichkeit, in Literatur und Medien wieder einmal längst widerlegte und verunglimpfende Darstellungen erfolgten. Hier wird der Verein auch künftig nicht locker lassen und durch entschiedenes Entgegentreten sowie mit eigener Öffentlichkeitsarbeit reagieren. Persönliche Dokumentationen und vor allem das direkte Gespräch im Rahmen von Vorträgen und Foren sind von besonderer Authentizität. Insbesondere der Kontakt mit den nachfolgenden Generationen, den Jugendlichen und Studenten, soll bei diesen das geschichtliche Bewusstsein wecken und ihnen helfen, sich zu sensibilisieren für Selbstbestimmung, Demokratie und Toleranz.

Im Herbst 2015 jährt sich die Gründung des Vereins zum 10. Mal. Vom 25. – 27. September 2015 findet in Wernigerode das 13. Jahrestreffen bzw. das 10. Vereinstreffen statt. Gelegenheit, zusammenzufassen, welche Wirkungen im Laufe dieser zehn Jahre der Verein Lebensspuren gezeitigt hat:

Die Öffentlichkeit des In- und Auslands ist insgesamt auf das Thema »Lebensborn und Lebensborn-Kinder« aufmerksamer geworden. Das liegt nicht zuletzt an den regelmäßigen Jahrestreffen, in denen die Betroffenen sich einzeln untereinander austauschen, sich aber auch geschlossen als Interessengemeinschaft der Öffentlichkeit gegenüber präsentieren konnten und können. In den Medien finden sich immer häufiger sachgerechte Darstellungen dieses Themas, wenn auch leider noch nicht durchgehend. Besonders erfreulich ist, dass ein wachsendes Interesse in der jüngeren Generation festzustellen ist. So nimmt die Zahl der Schüler-, Magister-, Diplom- und Doktorarbeiten zum Thema »Lebensborn« ständig zu.

Auch wurde die anfängliche Haltung vieler Lebensborn-Kinder, sich möglichst von der Öffentlichkeit abzuschotten, aufgegeben. Ein Beleg dafür ist, dass der Verein im August 2011 eine neu gestaltete Homepage ins Netz stellte. Über diese Homepage erreichen ihn viele Anfragen. Sie betreffen zum einen Bitten einzelner um Hilfestellung bei der Suche nach ihrer Herkunft. Nicht wenige Lebensborn-Kinder haben über das Internet zum Verein »Lebensspuren« und hier Hilfe bei der Suche nach ihren familiären Wurzeln gefunden.

Darüber hinaus erhält »Lebensspuren e. V.« erfreulicherweise immer häufiger Anfragen für entsprechende Projekte aus dem schulischen und außerschulischen, ebenso wie aus dem universitären Bereich. Schon die Tatsache, dass viele Vereinsmitglieder auf diese Anfragen hin aktiv geworden sind und sich in diese verschiedenen Projekte als Zeitzeugen eingebracht haben, zeigt, dass die anfängliche Scheu vieler Lebensborn-Kinder der Öffentlichkeit gegenüber nachgelassen hat.

Ebenso zeigt der vorliegende Sammelband mit den Lebensberichten einzelner Lebensborn-Kindern, dass ihnen bewusst geworden ist, wie wichtig es ist – auch im eigenen Interesse – das Schweigen zu brechen und Zeugnis abzulegen.

BIOGRAPHIEN

GEBOREN IM LEBENSBORN

Von GUDRUN SARKAR

Als eines der etwa 12.000 Kinder, die in einem deutschen Lebensborn-Heim geboren wurden, erblickte ich am 7. Mai 1940 im Heim »Harz« in Wernigerode das Licht der Welt und bekam den Namen Ursula Editha Menges. Zumindest steht dies in der, nachträglich im Jahre 1946, vom Standesamt Wernigerode ausgestellten Geburtsurkunde, die meine späteren Pflegeeltern über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes erhielten. Seltsamerweise hatte ich immer Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben, Zweifel, die sich aber nicht begründen ließen. Dennoch hatten diese Daten bis vor Kurzem noch Gültigkeit für mich, es gab ja keine anderen Unterlagen. Meine Originalpapiere, die mit mir durch alle fünf Heime, in denen ich bis 1945 Aufenthalt hatte, gewandert sind, müssen in Steinhöring im Heim »Hochland« verblieben sein, meiner letzten Station. Dort hatte man allerdings bei Kriegsende kurzerhand alle noch vorhandenen Unterlagen vernichtet, um sie nicht in die Hände der Alliierten kommen zu lassen. Meinen späteren Pflegeeltern konnte man jedenfalls weder eine Geburtsurkunde noch ein Taufzeugnis aushändigen.

Seit Kurzem nun weiß ich, dass meine Zweifel an den Daten in der Tat berechtigt waren. Mit Hilfe des Vereins »Lebensspuren e. V.« in Wernigerode und dessen Recherchen erfuhr ich vor wenigen Tagen, dass ich nicht am 7. Mai, sondern am 7. Juni geboren wurde und der zweite Vorname nicht Editha, sondern Christa lautet. Diese Nachricht hat mich dann doch sehr betroffen gemacht, schließlich habe ich 70 Jahre lang Geburtstag gefeiert, an einem Tag, an dem ich eigentlich noch gar nicht geboren war!

Ursula mit Mutter im Heim »Harz«, Wernigerode

Ursula, 9 Tage alt

Es muss im Jahre 1939, oder vielleicht auch schon früher gewesen sein, als meine leibliche Mutter, Katharina Menges, damals wohnhaft in Limburg an der Lahn, den Angehörigen der Waffen-SS Karl Häusing kennenlernte, einen überzeugten und getreuen Gefolgsmann Hitlers und Verfechter der wahnwitzigen Idee von der Züchtung einer arischen und nordisch geprägten Rasse. Mit diesem Mann nun ging Katharina eine Beziehung ein, die letztendlich zu meiner Geburt führte. Karl Häusing selbst war verheiratet und bereits Vater von drei Kindern, und daher keineswegs an der Fortdauer einer Beziehung mit Katharina interessiert. Der Verdacht liegt nahe, dass er lediglich Hitlers Auftrag an die Angehörigen der SS befolgt hatte, auch außerhalb ihrer Ehe, Kinder mit Partnerinnen »reinen und edlen Blutes« zu zeugen, um den Bestand der arisch-wertvollen Rasse zu sichern. Denn nach Bekanntwerden der Schwangerschaft distanzierte er sich sogleich von jeglichen Vaterpflichten, erkannte zumindest aber die Vaterschaft an und sorgte noch dafür, dass Katharina im Lebensborn-Heim »Harz« in Wernigerode unterkam und somit heimlich und diskret entbinden konnte. Danach aber brach er den Kontakt zu meiner Mutter gänzlich ab und hat vermutlich auch sein Kind nie gesehen. Er starb am 9. Juni 1943 bei Köln.

All diese Informationen fand ich aber erst sehr viel später heraus, als ich bereits erwachsen war und mit der Suche nach meinen Wurzeln, und damit auch nach meiner Identität, begonnen hatte. Über den Vater ist mir ansonsten so gut wie nichts bekannt. Vielleicht bringen weitere Nachforschungen irgendwann doch noch etwas Licht ins Dunkel. Da es auch keinen Taufschein gab, ging man davon aus, dass ich meinen Namen bei der im Lebensborn üblichen Namensgebungsfeier erhalten hatte. Demnach wurde ich als Achtjährige in München nachträglich getauft.

Ursula, ca. 1 Jahr alt, im Heim »Sonnenwiese«, Kohren-Sahlis

In Wernigerode blieb ich etwa ein halbes Jahr und kam anschließend für etwa ein Jahr nach Kohren-Sahlis bei Leipzig in das Heim »Sonnenwiese«, doch die zeitliche Aufeinanderfolge der einzelnen Heimaufenthalte lässt sich nur vermuten, genau kenne ich sie nicht. Nach der Zeit in Kohren-Sahlis evakuierte man mich mit einer großen Anzahl weiterer Kinder ins Heim »Taunus« nach Wiesbaden.

Ursula 1943 im Heim »Taunus«, Wiesbaden

Hier etwa beginnen meine ersten, allerdings noch sehr vagen Erinnerungen. Da war zum Beispiel eine blonde Frau, die mich hin und wieder besuchte, auch ein kleines Geschenk mitbrachte, einen Teddybären zum Beispiel, mit mir spazieren ging und mit mir spielte, mir ein Märchen vorlas. Es ist anzunehmen, dass dies meine Mutter war, denn sie wohnte damals kurzzeitig in Wiesbaden, aber ich kann mich nicht erinnern, in jener Frau meine Mutter gesehen zu haben. Sicherlich kannte ich den Begriff Mutter gar nicht.

Beim Zurückblättern in meiner Lebensgeschichte treten zuweilen auch ganz frühe Bilder auf, Bilder, die darauf schließen lassen, dass es beim Essen, bzw. Füttern im Heim oftmals zu Handlungen gekommen sein muss, die man heute als pädagogische Entgleisung bezeichnen würde. Schlechten Essern hielt man kurzerhand die Nase zu, das Öffnen des Mundes war dann die natürliche Folge und schon wurde der volle Löffel hineingeschoben, da half kein noch so erbittertes Weinen oder Sich-zur-Wehr-Setzen. Zu diesen lustlosen Essern muss ich wohl gehört haben, denn ich hatte während meiner gesamten Kindheit Probleme mit dem Essen, und selbst noch im Erwachsenenalter musste ich erst langsam lernen, dass Essen kein »Muss« ist, sondern auch Genuss sein kann.

Ein weiteres Bild taucht unvermittelt vor meinen Augen auf, ein düsteres Bild, das mich wieder und wieder in dunkle Kammern führt. Wenn man nicht artig war, wurde man für eine bestimmte Zeit, sie mochte nicht wirklich lang gewesen sein, aber als Kind erscheinen auch ein paar Minuten endlos, in eine Art Besenkammer gesperrt, die obendrein fensterlos war. Die Angst, die diese Strafmaßnahme in mir ausgelöst hat, erklärt mir heute, warum mich zeitlebens, auch heute noch, panische Angst vor geschlossenen, dunklen Räumen überfällt. Bei mir zu Hause gibt es daher teilweise gar keine Türen, und wenn doch, dann stehen sie stets offen! Ich hatte lange Zeit keine Erklärung für viele meiner Eigenheiten, doch je mehr ich geforscht habe in den wenigen Erinnerungen, die ich an diese frühen Jahre habe, desto mehr Bilder tauchen auf und heute weiß ich, dass die meisten meiner Ängste auf diese Erlebnisse zurückzuführen sind, zumindest wäre dies eine denkbare Erklärung.

Ich erinnere mich aber auch, dass wir, da das Heim »Taunus« hoffnungslos überfüllt war, denn eine große Anzahl Kinder aus anderen Heimen war in kurzer Zeit dazugekommen, zu zweit in einem Gitterbettchen schlafen mussten, ein Umstand, den ich offensichtlich als angenehm erlebte, brachte er doch ein wenig Körperkontakt mit sich, eine menschliche Nähe, die wir ja alle sonst nicht hatten. Ich glaube, dass mir diese Zweisamkeit eine gewisse Geborgenheit vermittelte, die ich sehr genossen habe, da mir genau diese fehlte, als ich in anderen Heimen, im Besonderen auch später bei meiner Pflegefamilie, wieder alleine schlafen musste.

Aber auch mein Aufenthalt im Heim »Taunus« war nicht von langer Dauer, denn meine Mutter wollte mich aus dem überfüllten Heim »Taunus« herausholen und bat den Heimleiter, mich an eine Pflegefamilie in Wiesbaden zu vermitteln. Man fand auch tatsächlich eine geeignete Familie, geeignet im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, die bereit war, mich bei sich aufzunehmen, und bei der man sicher sein konnte, dass man mir die entsprechende nationalsozialistisch geprägte Erziehung vermitteln würde.

Und hier nun enden die nur nebelhaften Erinnerungen, ab jetzt werden sie konkreter. In diesem Hause also fanden regelmäßige Treffen hochrangiger Angehöriger der Waffen-SS statt und so blieb es nicht aus, dass die erste Erziehungsmaßnahme, die man mir angedeihen ließ, darin bestand, die Besucher mit »Heil Hitler« zu begrüßen. Manch einer der strammen Männer fand das kleine blonde »Führerkind« niedlich und beugte sich mit einem väterlichen Lächeln zu mir herab, wollte mich gar auf den Arm nehmen. Doch immer, noch ehe es soweit kam, entzog ich mich schnell der väterlichen Geste und rannte verschreckt in das große holzgetäfelte Zimmer, das man notdürftig für die Bedürfnisse eines kleinen Kindes hergerichtet hatte. Ich fürchtete diese Männer, nicht nur wegen ihrer harten und befehlsgewohnten Stimmen, sondern vor allem ihrer hohen Schaftstiefel wegen, mit denen sie beinahe täglich energischen Schrittes über das stets frisch gebohnerte Parkett stampften. Der Schaft hatte gerade die Höhe, die meiner Körpergröße entsprach, und ehe ich die Person selbst sehen konnte, stand ich vor diesen riesig anmutenden Stiefeln. Nichtsdestoweniger, ich war inzwischen zu einem gehorsamen und wohl disziplinierten Kind gedrillt worden, sah ich dann nach oben, hob artig meinen rechten Arm zum Hitler-Gruß, wie man es mich gelehrt hatte.

Im Allgemeinen war ich jedoch in diesem Hause sehr einsam, meist mir selbst überlassen. Von ganzem Herzen vermisste ich die Kinder und das gemeinsame Spiel im Heim. Meine einzige Ansprechpartnerin war die Haushälterin. Wann immer sie ein wenig Zeit erübrigen konnte, stahl sie sich in mein Zimmer, spielte ein wenig mit mir oder las mir eine Geschichte vor. Diese wenigen Minuten Aufmerksamkeit, die ich durch sie ein- oder zweimal täglich erfahren durfte, muss ich sehr genossen haben, denn diese freundliche Frau, leider entsinne ich mich nicht ihres Namens, meine ich heute noch vor mir zu sehen.

Aber auch meine Mutter muss noch einige Male bei mir gewesen sein, leider hinterließ sie keinen bleibenden Eindruck. Ihr Gesicht kenne ich nur von einigen Fotos, in deren Besitz ich später kam. Sicher ist aber, dass ich sie danach niemals mehr wiedergesehen habe. Aber offenbar, so hat man mir berichtet, hielt sie meinen Aufenthalt bei jener Pflegefamilie nicht passend für ein kleines Kind, denn nach nur wenigen Wochen kehrte ich wieder in das Heim »Taunus« zurück, allerdings erneut nur für kurze Zeit. Denn schon einige Monate später, es muss zwischen 1943 und 1944 gewesen sein, bekamen etwa 50 Kinder, darunter auch ich, eines Tages einen kleinen Rucksack mit unseren winzigen Habseligkeiten, ein paar Butterbroten, einer Flasche Wasser und ein wenig Wäsche zum Wechseln, auf den Rücken geschnallt, dazu wurde uns ein Schild mit unserem Namen darauf um den Hals gehängt. So ausgestattet wurden wir mit einem alten Lastwagen, auf der Ladefläche kauernd, zum Bahnhof von Wiesbaden verfrachtet und dort im Waggon eines Güterzuges untergebracht, begleitet von einigen NS-Schwestern und einigem Hilfspersonal.

Die Schwestern breiteten Decken auf dem Boden aus und hießen uns Kinder darauf zu sitzen. Lange stand der Zug noch auf dem Bahnhof, ehe er sich fauchend und zischend in Bewegung setzte. Zunächst fanden wir Kinder das ganze Unternehmen noch spannend und abenteuerlich, wir dachten an einen fröhlichen Ausflug.

Aber es war ein Ausflug ins Ungewisse mit für uns unbekanntem Ziel! Es dauerte jedoch nicht lange, bis selbst die Kleinsten unter uns begriffen hatten, dass es sich nicht um ein Abenteuer handelte. Wir Kinder wurden zusehends müde und übellaunig, die Schwestern, ebenfalls erschöpft, immer unduldsamer. Ab und zu hielt der Zug auf freier Strecke, wir mussten den Waggon verlassen, austreten und uns ein wenig Bewegung verschaffen. Manchmal aber hielt der Zug auch an, weil eine nahegelegene Stadt gerade einem Bombenangriff ausgesetzt war. Noch heute kann ich das Dröhnen der Maschinen hören, die im Tiefflug über uns hinweg donnerten. Nach dem Angriff durften wir kurz aussteigen, dann konnte man den vom nahen Feuer rot gefärbten Himmel sehen, den Rauch der brennenden Häuser riechen und die aschegeschwängerte Luft schmecken. Wir Kinder begriffen natürlich nicht wirklich, was da Furchtbares geschehen war, aber das Entsetzen und die Fassungslosigkeit der Erwachsenen übertrug sich schnell auf uns und verängstigt hockten wir uns wieder auf den Boden des Güterwagens, schliefen auch irgendwann ein, um nach ein paar Stunden weinerlich wieder zu erwachen. Wir waren hungrig und durstig, längst hatten wir den kleinen Proviant aus unseren Rucksäcken verzehrt, es war von den Organisatoren des Kindertransportes wohl nicht vorausgesehen worden, dass die Fahrt sich solchermaßen in die Länge ziehen würde. Am zweiten Tag der Reise durften wir endlich aussteigen, es war bereits spät am Abend, ein vorläufiges Ziel war erreicht. Wieder wurden wir in mehrere Lastwagen gepfercht und fuhren über eine schmale Landstraße zu einer kleinen Stadt. Für ein paar Wochen brachte man uns in das Kinderheim »Franken« im Kreis Ansbach.

Doch kaum hatte man sich dort ein wenig eingelebt, ging’s erneut auf Reisen, und wieder war das Transportmittel ein Güterwaggon. Irgendwann erfanden wir Kinder, mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeit, ein unterhaltsames Spiel, wir tauschten die uns umgehängten Namensschilder untereinander aus, was später bei der Ankunft im Heim »Hochland« noch für große Verwirrung sorgen sollte. Nach mehreren Zwischenaufenthalten auf freier Strecke erreichten wir endlich unser Ziel: das Heim »Hochland« in Steinhöring bei München. Ich erinnere mich sehr gut an diese Zeit. Zum ersten Mal erlebte ich annähernd so etwas wie Zuwendung und Herzlichkeit. Die Schwestern und Betreuerinnen waren ausnehmend freundlich zu uns, beinahe mütterlich, wenngleich auch sie sehr viel Wert auf absolute Disziplin legten. Ich erinnere mich besonders an eine junge Schwester, wie sie hieß, weiß ich leider nicht mehr, die an einer schweren Infektion erkrankt war und daher von uns isoliert worden war. Von ferne winkten wir uns täglich durch eine Glaswand zu, ehe wir uns auf unseren gewohnten Spaziergang machten. Natürlich war auch dieses Heim inzwischen überfüllt, wieder schliefen wir zu zweit in einem Kinderbett, aber das liebte ich ohnehin.

Es muss Sommer gewesen sein, denn wir unternahmen wunderschöne Ausflüge durch Wiesen und Felder, spielten im Wald und die Schwestern überraschten uns hin und wieder sogar mit einem richtigen Picknick. Noch immer kann ich diesen würzig schweren Duft vom Wald und den damaligen Wiesen mit ihrer reichen Blumenvielfalt riechen. Später suchte ich oft noch, diesen intensiven Geruch wieder zu finden, konnte ihn jedoch nie mehr in dieser Intensität erleben. In »Hochland« schloss ich auch meine ersten Kinderfreundschaften. Besonders gern war ich mit Peter zusammen, an seinen Namen erinnere ich mich lebhaft, wir waren unzertrennlich, auch, wenn ich manchmal ein wenig gekränkt war, wenn er mir an seinen fünf Fingern vorzählte, dass er schon fünf Jahre alt sei und ich erst vier, aber das tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. Eines Tages, dieses Erlebnis hat sich mir tief eingeprägt, hatten Peter und ich uns ein wenig von den anderen entfernt, was eigentlich streng verboten war, hatten im Wald einen kleinen Seitenpfad eingeschlagen und waren unvermittelt vor einem toten Pferd gestanden. Es lag einfach auf dem Waldboden, von Fliegen umschwärmt. Ganz friedlich lag es da auf dem Moos, als schliefe es. Fasziniert und erschrocken gleichermaßen, betrachteten wir das tote Tier eingehend und ich glaube, es war das erste Mal, dass ich eine leise Ahnung bekam, was der Tod bedeutete, dass dies hieß, niemals mehr aufwachen, vielleicht ein erstes, vages Bewusstwerden der Endlichkeit allen Seins.

Wie lange mein Aufenthalt in Steinhöring tatsächlich dauerte, vermag ich nicht zu sagen, waren es nur Wochen oder doch einige Monate? Aber mit Sicherheit weiß ich, dass die Amerikaner bereits einzogen, denn auf unseren Spaziergängen in den nahe gelegenen Wald, mussten wir eine Straße überqueren, die für uns bislang kein großes Hindernis dargestellt hatte, da sie kaum befahren war. Eines Tages aber mussten wir uns immer zu fünfen an den Händen fassen, eine Erzieherin und rechts und links jeweils zwei Kinder, und am Straßenrand den Abstand zwischen zwei Panzern abwarten, dann rannte die Betreuerin mit uns auf die andere Seite. Dort warteten wir, bis alle Kinder auf diese Weise die Straße überquert hatten. Wir Kinder fanden das ein gar lustiges Spiel, die Betreuerinnen sahen in dieser Aktion sicherlich eine sehr riskante Aufgabe. Die endlosen Panzerkolonnen stellten für uns Kinder ein sehr beeindruckendes Schauspiel dar, das wir mit großer Neugierde verfolgten.

Ich erinnere mich auch, dass von nun an immer mehr Kinder verschwanden, Kinder mit denen man gestern noch gespielt hatte, mit denen man Freundschaft geschlossen hatte. Wo sind sie verblieben? Aber auch meine Zeit war nahezu abgelaufen, wie sich bald herausstellen sollte. Nur Peter war mir bis zum Schluss geblieben und mein inzwischen sehr mitgenommener Teddybär, den ich, soweit mein Erinnerungsvermögen reichte, in allen Heimen bei mir gehabt hatte.

Eines Tages, es war an einem heißen Augusttag, holte mich eine Schwester am späten Vormittag aus dem Spielzimmer, tat sehr geheimnisvoll und sagte, ich müsse jetzt ganz lieb und vor allem höflich sein, ich solle auch auf keinen Fall vergessen, einen artigen Knicks zu machen. Sie zog mir eine saubere Spielhose an, wusch mir Gesicht und Hände und band mir frisch gebügelte Schleifen in meine Zöpfe. Danach führte sie mich ins Besucherzimmer, nicht ohne mich auf dem Weg dorthin nochmals zu ermahnen, besonders folgsam zu sein. In dem Besucherraum saßen eine Frau und ein Mann, die sich bei unserem Eintritt erhoben und auf uns zukamen, vor mir stehenblieben und mich von Kopf bis Fuß musterten, mir dann die Hand gaben und mich nach meinem Namen fragten. Dann wandten sie sich an die Schwester, mit der Bitte den Heimleiter, Herrn Dr. Ebner zu sprechen. Die Schwester meinte daraufhin, dieser sei im Augenblick nicht im Hause, er habe sie aber angewiesen, ihnen die kleine Ursula vorzustellen, ein anderes Kind sei im Augenblick nicht vermittelbar. Sie wisse zwar von dem Wunsch der Herrschaften, dass sie einen Jungen bevorzugt hätten, aber da gebe es nur den kleinen Peter, der aber habe eine Missbildung, zwar unbedeutend, aber eben doch nicht übersehbar, es handle sich um eine Hasenscharte. Herr Dr. Ebner sei davon ausgegangen, dass der Herr Architekt und seine Frau ganz gewiss kein missgebildetes Kind in Pflege nehmen wollten, ihm sei bekannt, dass das Ehepaar das Ideengut des Nationalsozialismus stets befürwortet habe, vor allem was die Rassenfrage anbelange. Wie alt das Kind genau sei, wisse man derzeit nicht, der Arzt habe es bei seiner Ankunft im Heim auf vier Jahre geschätzt auf Grund seiner Körpergröße und seiner eher schmächtigen Statur, es könne dennoch, gemessen am geistigen Reifegrad, auch schon fünf sein, aber es sei gesund und von arischer Abstammung, man habe dies getestet, die Schädelmaße entsprächen exakt den rassisch vorgegebenen Normen.

Bei diesen Erklärungen, währenddessen der Mann noch etwas zögerlich und missmutig den Erklärungen der Schwester folgte, beugte sich die Frau plötzlich zu mir hinunter, strich mir mit der Hand über die Haare und meinte zu ihrem Mann gewandt: »Eigentlich ist sie doch ganz süß die Kleine, lass es uns einfach versuchen!« Dann an mich die Frage: »Ursula, möchtest Du denn mit uns kommen und bei uns wohnen?«