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Sarajevo, 28. Juni 1914: Der serbische Gymnasiast Gavrilo Princip erschießt den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin. Das Attentat dient der Habsburgermonarchie als Anlass, um Serbien anzugreifen - und führt damit geradewegs in den Ersten Weltkrieg. Was trieb den Todesschützen von Sarajevo an, was radikalisierte ihn und ließ ihn zum Attentäter werden? Im Mittelpunkt stehen Phänomene mit verblüffendem Aktualitätsgehalt: Okkupation, gescheiterte Staaten, Terrorismus. Gregor Mayer zieht Parallelen zwischen der damaligen weltpolitischen Unübersichtlichkeit - ihren dramatischen Umbrüchen und Modernisierungsängsten - und der heutigen Zeit.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gregor Mayer
Triumph und Tod desAttentäters Gavrilo Princip
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
www.residenzverlag.at
© 2014 Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub:978-3-7017-4463-3
ISBN Printausgabe:978-3-7017-3294-4
Quellen und Obsessionen – ein Vorwort
Erstes Kapitel
THERESIENSTADT – IM VORHOF DES TODES
Zweites Kapitel
SARAJEVO 1 – OKKUPATION
Drittes Kapitel
BELGRAD – UNTER KONSPIRATEUREN
Viertes Kapitel
SARAJEVO 2 – IM AUGE DES ORKANS
Fünftes Kapitel
WIEN – KRIEG ALS »WILLENSTHERAPIE«
Literatur
Danksagung und editorische Anmerkungen
Der Kulturhistoriker Ivan Lovrenović, den ich bei den Recherchen für dieses Buch in Sarajevo traf, meinte zu dessen Gegenstand: »Ein ergiebiges Thema. Selbst nach 100 Jahren liegen die wichtigsten Momente im Dunkeln.«
Dabei füllt die Literatur über das Attentat vom 28. Juni 1914 ganze Bibliotheken. Die tödlichen Schüsse des bosnisch-serbischen Revolutionärs Gavrilo Princip auf den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, sind Tausende Male beschrieben worden. Historiker haben in den Archiven jedes Blatt akribisch untersucht. Überlebende Mitverschwörer, Freunde, Schulkameraden und politische Kampfgefährten der Attentäter, Ermittlungsrichter, Polizisten und selbst ein Henker haben ihre Erinnerungen als Bücher veröffentlicht oder Zeithistorikern und Journalisten in die Feder diktiert.
Allein: An harten Quellen liegt nicht viel vor. Das liegt auch in der Natur der Sache. Zu den Grundregeln der Konspiration gehört es, Spuren möglichst zu verwischen. Die Hintermänner in Belgrad, der eigengesetzliche Militärgeheimdienstchef Dragutin Dimitrijević-Apis und seine Clique, vermieden es tunlichst, irgendetwas schriftlich festzuhalten. Die serbische Regierung, die das Attentat nicht aufzuhalten vermochte, war schließlich an maximaler Vertuschung interessiert, als das Malheur nun schon einmal in der Welt war.
Und dennoch: Princip und seine Gesinnungsgenossen in Sarajevo waren hochpolitische junge Leute. Sie hatten eine – wenn auch nicht besonders ausgereifte – Ideologie und sie besaßen die Leidenschaft, sie offensiv zu vertreten. Ihre Darstellungen, Schilderungen und Einschätzungen, die sie in Briefen, Gedichten, Zeitschriftenbeiträgen und schließlich in ihren Plädoyers im großen Strafprozess nach dem Attentat der Nachwelt hinterlassen haben, sind von immensem zeitdokumentarischen Wert – nicht unbedingt als letzte Weisheiten bei der Annäherung an eine wie auch immer geartete historische Wahrheit, sondern als Reflexionen, Rechtfertigungen und Psychogramme, die ein Schlaglicht auf ihre Intentionen und Motive werfen. Die uns etwas von der brodelnden Atmosphäre erahnen lassen, wie sie diese revolutionäre Schuljugend in ihrer von der Großmacht Österreich-Ungarn okkupierten Heimat erlebte – und miterzeugte.
Unter den schriftlich fixierten mündlichen Überlieferungen ragt für mich ein Dokument ganz besonders heraus. Es sind dies die Notate des Wiener Nervenarztes Dr. Martin Pappenheim, die dieser im Jahr 1916 nach vier Gesprächen mit dem todkranken, an der Knochentuberkulose leidenden Häftling Gavrilo Princip im Festungskerker von Theresienstadt anfertigte und zehn Jahre später als Druckschrift veröffentlichte. Die stenografisch knapp gehaltenen und zugleich erschütternden Aufzeichnungen Pappenheims haben mich dazu inspiriert, mir die Begegnungen zwischen dem Arzt und dem todgeweihten Attentäter vorzustellen. Im ersten Kapitel habe ich die Szenerie ausgemalt, die Situation gewissermaßen historisch rekonstruiert. Ein spekulatives Wagnis, gewiss, aber vielleicht doch eine plausible Annäherung an das, was gewesen sein könnte.
Auch in den weiteren Kapiteln versuche ich, den Beweggründen der Verschwörer nachzuspüren. Mich interessiert ihre geistige Entwicklung: wie sie sich für die Literatur der Avantgarde begeisterten – einer von ihnen, Ivo Andrić, sollte Jahrzehnte später den Literaturnobelpreis erhalten – und wie sie sich unter den Bedingungen der Okkupation radikalisierten. Wie ein harter Kern von Schulabbrechern aus Sarajevo um Gavrilo Princip in den großserbischen Milieus von Belgrad relativ umstandslos die Tatwaffen und logistische Unterstützung für den Mordanschlag auf den Thronfolger erhalten konnte. Den Begriff des failed state, des Staates, der seine Militärs und Milizen nicht wirklich kontrolliert, gab es damals freilich noch nicht.
Zugleich ist dies aber kein Buch über die Kriegsschuldfrage, und es ist auch keine Abhandlung, die mit einer neuen These über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufwarten würde. Es ist ein Werk, das sich aus den Erfahrungen und Obsessionen speist, die ich in einer mehr als 20-jährigen Tätigkeit als Korrespondent im zerfallen(d)en Jugoslawien und im Nahen Osten in mir akkumuliert habe. Es ist ein Versuch, das Attentat, das zum Anlass des Weltkriegs wurde, aus dem Umfeld seiner Urheber heraus zu beschreiben. Möglicherweise bin ich nicht unbefangen. Die Tragödie Sarajevos, die Zerstörung Bosniens im jugoslawischen Nachfolgekrieg der 1990er-Jahre ging mir sehr nahe. Seit 2001 in Belgrad lebend, bestätigte sich für mich, dass diese jüngste Katastrophe von der dortigen politischen Machtelite ausgegangen war, wofür die serbische Gesellschaft bis heute einen hohen Preis bezahlt. In Bagdad, wo ich von 2003 bis 2005 stationiert war, erlebte ich wiederum sehr unmittelbar, wie sich Okkupation anfühlt. Als ich am 9. April 2003 mit meinem irakischen Freund und Mitarbeiter Ziad Haris am Firdaus-Platz stand und die ersten amerikanischen Panzer an uns vorbeirasselten, meinte Ziad, der den gestürzten Diktator Saddam Hussein von ganzem Herzen hasste: »Ich weiß nicht, ob ich lachen oder ob ich weinen soll.«
Terrorismus, fremde Besatzung, gescheiterte Staaten, unsichere und intransparente internationale Verhältnisse: Immer wieder stieß ich bei den Recherchen zu diesem Buch auf Phänomene, die 100 Jahre später beunruhigende Assoziationen zu Gegenwartserscheinungen wecken. Aber vielleicht hat die Menschheit inzwischen doch etwas dazugelernt.
Gregor Mayer
Belgrad, im Dezember 2013
Mit einem rostigen Quietschen fiel die Zellentür hinter Dr. Martin Pappenheim ins Schloss. In der Dunkelheit des Kasemattenlochs konnten seine Augen nichts wahrnehmen. »Princip, Besuch für dich!«, hallte das gebrüllte Kommando des Aufsehers in seinen Ohren nach. Durch die vergitterte Luke oberhalb der Zellentür drang kaum etwas von dem gedämpften Licht aus dem Gefängnisgang. Pappenheims Augen folgten dem schwachen Schein, hinein ins Halbdunkel des Zelleninneren. Eine fast körperlose, in sich gekrümmte Gestalt richtete sich unter anhaltendem Husten auf der Holzpritsche auf, die ihr als Liegestatt diente – es war Gavrilo Princip, den der Besucher in diesem elenden Zustand antraf.
»Gestatten Sie, ich bin Dr. Martin Pappenheim, Privatdozent für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien«, sprach der Besucher den überraschten Häftling mit dem leicht nasalen Ton des österreichischen Akademikers an. Pappenheim stand leicht gebeugt da, und selbst in diesem Halbdunkel blieb Princip die feine Physiognomie des unverhofften Besuchers nicht verborgen. »Herr Princip, ich habe die Erlaubnis, mit Ihnen zu sprechen«, fuhr Pappenheim fort. »Über Sie, über Ihr Leben, über Ihre Motive für das Attentat.« Der Gefangene hatte seit seiner Überführung nach Theresienstadt mehr als ein Jahr lang in strikter Isolationshaft gelebt und war deshalb dem Sprechen entwöhnt. Er rang um Worte, die ihm – noch dazu in der für ihn fremden deutschen Sprache – schwer über die Lippen kamen. »Sie, Sie, Sie m-m-m-mechten m-m-m-mich aus-aushorchen!«, entgegnete er.
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