Verschwörungsmythen - Michael Blume - E-Book

Verschwörungsmythen E-Book

Michael Blume

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Beschreibung

Internet und Soziale Medien quellen über von abstrusen Spekulationen und Fake News, die millionenfach geteilt werden. Selbst gelehrte Menschen halten Verschwörungsmythen für gesicherte Erkenntnisse. Viele driften in eine Fantasiewelt voller Angst ab. Michael Blume zeigt auf, warum es solche Mythen gibt, wie sie »funktionieren« und welche Rolle inzwischen Künstliche Intelligenz dabei spielt. Er teilt Erfahrungen, wie man mit Verschwörungsgläubigen umgehen kann – und selber kühlen Kopf bewahrt.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Michael Blume

Verschwörungsmythen – Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können

Aktualisierte Neuausgabe

Patmos Verlag

Inhalt

Das Opfer des Sokrates

oder: Von Mythen, die nur als Mythen Realitäten sind

1. Die drei kognitiven Grund-Weltanschauungen

Egozentrischer Relativismus: Das Ich des abhängigen Kindheitsstadiums

Feindseliger Dualismus: Das Wir der jugendlichen Gruppe gegen die anderen

Dialogischer Monismus: Das vernünftige Alle der Erwachsenen

Dialogischer Monismus: immer gefährdet

Unbequem wie die Wahrheit: Reflexion und Verantwortung

2. Die platonische Höhle in der Klimakrise

Warum sich Verschwörungsmythen oft gegen jüdische Menschen richten

Die Wirkungen von Feindbildern

Der Fuchs in selbstgebauter Falle: Martin Heidegger

Die Verschwörungsideologie des »Islamischen Staates« (IS)

Wie wir Menschen unser Gehirn durch Hass vergiften

Populisten arbeiten nicht mit Vernunft, sondern mit Angst

Erschütterungen von Zeit und Raum durch neue Medien

3. Der neue Faschismus zwischen Klimakrise und KI

Wie Verschwörungsmythen Geschichte verzerren

Künstliche Intelligenz – eher Bedrohung oder Chance?

4. Was hilft gegen Verschwörungsglauben?

Gegen Verschwörungsglauben arbeiten

Danke

Anmerkungen

ÜBER DEN AUTOR

ÜBER DAS BUCH

IMPRESSUM

HINWEISE DES VERLAGS

Gewidmet Zehra, in Liebe

Das Opfer des Sokrates

oder: Von Mythen, die nur als Mythen Realitäten sind

»Schließlich sollte man die Tricks, von denen ich gesprochen habe, dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben, ihre Implikationen beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein.«

Theodor Adorno (1967)1

»Sich als Opfer zu definieren ist ein Bestreiten dessen, was uns zu Menschen macht.«

Jonathan Sacks (2015)2

Trotz zunehmender Sommerhitze strömen jährlich mehr und mehr Menschen aus aller Welt nach Griechenland, vor allem nach Athen und auf die Akropolis. Und das ist kein Zufall: Bis zu 80 Prozent der Landfläche sind von Bergen bedeckt, sodass sich die Menschen seit jeher an den Ufern der Flüsse und an den Küsten der vielen Inseln sammelten. Große Königreiche konnten sich dort kaum entfalten; Alexander der Große (356–323 v. Chr.) musste aus seiner Heimat nach Osten ziehen, um sich ein großes Reich erobern zu können.

Doch genau in dieser Zergliederung lag zugleich eine große Chance: Wie in anderen Gebirgsregionen entstanden viele kleinere Fürstenhöfe, aber auch Stadtstaaten und sogar Republiken mit Volksversammlungen. Als dann noch die Alphabetschrift vom heutigen Israel über das Mittelmeer kam, wurde buchstäblich »Geschichte geschrieben«: Mehr und mehr Briefe und Belege, Gesetze und Gedichte, schließlich Theaterstücke und Theorien entstanden, und viele blieben erhalten. So wissen wir heute sehr viel über die Mythen und Rituale, die Traditionen, die Schlachten, die Philosophien dieser Region, aber auch zum Beispiel über die Olympischen Spiele.

Die Hebräer, die ihr Alphabet vor allem für die Religion pflegten, führten ihre eigene Schrift auf den Noahsohn Sem zurück und identifizierten die griechische Tradition mit dessen Bruder Japhet. Das heutige Israel wurde zum Geburtsland der Bibel und des Monotheismus, das heutige Griechenland zum Ursprungsland von Philosophie und Wissenschaft.

Verbindungen beider Traditionen blieben nicht aus: So wurde Rabbi Jehoschua, der von seinen Anhängern als der erhoffte Moschiach (Messias) verehrt wurde, griechisch zu Iesous Christos. Er ist bis heute der erste Mensch, der in der Literatur als »Rabbi« (= Lehrer) bezeichnet wurde.3

Schon damals gab es – wie heute – Kritiker von neuen Medien. Zu diesen gehörte der Athener Sokrates (469–399 v. Chr.). Er hatte als tapferer Soldat gedient, war verheiratet, angesehen in der Stadt, und er pflegte eine Philosophie des gesprochenen Dialoges. Durch die Alphabetschrift sah er das traditionelle Verhältnis von Lehrenden und Lernenden bedroht – würde nicht »die Jugend« nur noch lesen, ohne sich wirklich auf die Dialoge der Weisheit einzulassen? Und so zog Sokrates hadernd durch die Straßen von Athen. Zudem hinterfragte er die staatstragenden Götter und nahm für seine Dialoge kein Geld, wie es seine Konkurrenten taten. Er wurde von einer Volksversammlung mit knapper Mehrheit zum Tode verurteilt und mit einem Giftbecher hingerichtet. Zumindest schrieben dies Schüler und Verehrer von ihm, vor allem Platon (428–348 v. Chr.), so auf.

Diese Geschichte vermittelt eine tiefe Erkenntnis über die Macht von Medien: Ohne die Alphabetschrift, die Platon nutzte, wüssten wir heute nichts von der Alphabetkritik des Sokrates. Die Sieger schreiben die Geschichte – das bedeutet im Umkehrschluss auch: Jene, die schreiben, bleiben. Wir begegnen dieser Medienmacht schon bei den ältesten Höhlenmalereien und bei allen folgenden Medien bis hin zur heutigen KI.

Aber zunächst interessiert uns: Was ist passiert? Warum ließ die erste bekannte Demokratie der Menschheit gleich mal einen friedlichen Philosophen hinrichten – und feierte ihn erst nach seinem Tod und bis heute? Und ist da nicht eine erstaunliche Parallele zum Schicksal vieler Juden einschließlich des Rabbi Jesus? Könnte es sein, dass wir Menschen oft mit Verschwörungsvorwürfen und Gewalt gerade auf jene Menschen reagieren, die uns mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren?

Aus heutiger Sicht ist die klare Antwort: Ja, das ist so. Der Holocaust-Überlebende und große Philosoph zu Münster, Hans Blumenberg (1920–1996), formulierte es am Ende seines Lebens mit trauriger Weisheit so: »Nichts ist weniger sicher, als daß die Wahrheit geliebt werden will, geliebt werden kann, geliebt werden darf.«4

Und die meistgenutzte Waffe, mit der wir Menschen uns die Verkünder unbequemer Wahrheiten vom Hals schaffen, ist der Verschwörungsmythos: »Der« oder auch »die« stünden mit fremden Mächten im Bunde, würden die bestehende, heilige Ordnung bedrohen und die Jugend irreführen! Sie müssten vertrieben – oder besser noch: eingesperrt und hingerichtet – werden!

So tönte es schon im alten Athen, im alten Jerusalem, und genauso tönt es auch heute noch auf unseren Straßen und vor allem im Internet, sobald etwa eine Pandemie, ein Krieg, ein Skandal oder auch nur eine neue Technologie, eine neue Schreibweise die bisherige Ordnung bedroht: »Die« sind schuld! »Die« müssen weg! Diesmal haben sich »die« mit den Falschen angelegt!

Liebe Leserinnen, liebe Leser: Willkommen in der dunklen Welt der menschlichen Verschwörungsmythen! Danke, dass Sie den Mut haben, sich diesem schmerzhaften Thema zu stellen. Denn es widerspricht dem Menschenbild, das gerade auch wir Europäer uns seit rund zwei Jahrhunderten gern selbst erzählt haben: Wir Menschen, vor allem weiße Männer, seien grundsätzlich vernünftige, nach Wahrheit strebende und gutwillige Wesen, die die Welt Stück für Stück besser machen. Für die Jahrtausende von Sklaverei, Frauenhass und Menschenopfer, für massenhafte Hinrichtungen vermeintlicher Hexen und Verschwörer, für Antisemitismus und Rassismus, für all die Kriege und Massenmorde gerade auch des 20. Jahrhunderts haben wir uns feine Erklärungen zurechtgelegt, warum diese »uns« nicht mehr betreffen.

Doch in den fünf Jahren seit der ersten Ausgabe von »Verschwörungsmythen« haben mehr und mehr von »uns« begriffen, dass mit diesem Menschenbild etwas nicht stimmt und dass Verschwörungsmythen auch in den eigenen Familien, Freundes- und Bekanntenkreisen Anklang gefunden haben. In ihrer ebenso tiefen wie traurigen Graphic Novel »Der Große Reset« beschreibt Ika Sperling das Abdriften des eigenen Vaters aus einer rheinischen Kleinstadt in Verschwörungswelten bis zum kompletten Bruch mit Familie und Heimat.5 Inzwischen ist er verstorben.6

Und noch etwas hat sich in den letzten fünf Jahren verändert – noch während sich die Welt der Kommunikation durch antisoziale Medien revolutioniert, ist sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) auf den Plan getreten und erweist sich als Gamechanger.

Bisherige Medienrevolutionen brauchten sehr lange, bis sie sich über die Welt ausbreiten und die Hälfte der Weltbevölkerung erreichen konnten: Das Alphabet brauchte dafür über zwei Jahrtausende, der Buchdruck um die fünf Jahrhunderte, Telegramm, Radio und Fernsehen immer noch mehrere Jahrzehnte. Doch das Internet als »World Wide Web« startete 1991, das erste Smartphone 2008, die erste große KI ChatGPT 2022 – und sie umspannten die Welt in wenigen Jahren, Monaten, Wochen, zuletzt Tagen.

Wer heute lebt, gehört zu den ersten Generationen der Menschheit, die gleich mehrere Medienrevolutionen miterleben und zu verarbeiten haben. Das klappt einerseits erstaunlich gut; noch nie in der Geschichte haben sich so viele Menschen »im Netz« etwa über Politik, die Wissenschaft der Klimakrise oder Krankheitserreger informiert. Es war aber auch noch nie so leicht, in die Welt der Verschwörungsmythen abzubiegen und sich einreden zu lassen, hinter Demokratien, der globalen Erhitzung und dem Covid-19-Virus stecke eine bösartige Weltverschwörung.

Immer mehr Menschen fühlen sich zeitweise überfordert – und ich nehme mich selbst dabei gar nicht aus. Gerade weil ich als Jugendlicher programmiert habe, mich sehr für Wissenschaft interessiere, täglich mit Medien arbeite und am KIT Karlsruhe Medienethik unterrichte, versuche ich, »up to date« zu sein. Das Ergebnis sind wachsende Stapel von Fachbüchern und -artikeln, eine tägliche Flut von Mails, Anfragen, auch Hassnachrichten, Einladungen sowie Anwendungen, die auszuprobieren seien. Gesund ist das manchmal nicht mehr.

Die Eltern meiner Frau schilderten, wie die Menschen in den türkischen Dörfern ihrer Kindheit zusammenliefen, wenn ein Reisender Nachrichten und Geschichten aus den großen Städten mitbrachte. Heute leben sie in einem rasenden Medienstrom in mehreren Sprachen und nutzen Computer, eBay, Smartphones, Elektroautos.

Manche meiner Studierenden im Alter unserer Kinder haben den immer schnelleren Wechsel aus Neugier, Begeisterung und Erschöpfung schon so oft durchlaufen, dass sie dazu nach Rat, nach Dialog suchen. Denn weder die biologische noch die kulturelle Evolution hat uns hierauf vorbereitet.

Verschwörungsmythen sind ein falscher Versuch, den tsunamiartigen Medienstrom wieder zu bändigen und zu ordnen: Es sei doch alles ganz einfach, »die da oben« seien schuld! Die Pandemie, der Krieg, die Wirtschaftskrise seien doch nur inszeniert, damit »die« noch mehr Macht und Reichtümer ansammeln könnten. In Fachdeutsch formuliert: Durch Verschwörungsmythen können wir unsere Überforderung in einen Gut-Böse-Dualismus externalisieren, in dem immer »wir« die hilflosen Opfer und »die« die finsteren Täter sind. Das wirkt wie ein Schmerzmittel, das uns erst einmal entlastet, aber auf Dauer süchtig macht.

Der Religionsgelehrte Rabbi Jonathan Sacks (1948–2020) schrieb sogar vom »pathologischen« – also krankmachenden – »Dualismus«.7 Lange fand ich das zu stark, schrieb und sprach lieber nur vom »feindseligen Dualismus« (dazu mehr im 1. Kapitel). Feind-Seligkeit ist ein tiefes Wort, das schon aufzeigt, dass viele in der Feindschaft gegenüber Juden, Frauen, Ärzten, Journalistinnen, Wissenschaftlern, Politikerinnen usw. vermeintliche Seligkeit finden.

Doch weitere Jahre der Arbeit und Auseinandersetzung mit Verschwörungsgläubigen und insbesondere der Wirkung von antisozialen Medien wie Facebook, Twitter / X und Telegram haben mich gelehrt, dass Sacks hier wohl doch Recht hatte: Millionen Menschen wurden und werden in den Kreisläufen aus Bestätigung und Hass süchtig – und krank.

Sehr lange habe ich immer wieder auf die Unwissenschaftlichkeit von Verschwörungsmythen hingewiesen und wurde dafür zunehmend massiv angefeindet. Als ich nach Facebook und Instagram mit X auch meinen letzten privaten Account auf einem antisozialen Medium beendete, folgten mir einige Trolle und Hater sogar auf meinen Blog und auf Mastodon – wie Junkies auf Entzug, die mehrfach täglich ihren Hass-Kick brauchen. Nicht nur mich deuteten sie als verschwörerische Gefahr, sondern auch meine (muslimische) Frau, unsere drei Kinder und sogar meinen Vater, der schon vor über zwölf Jahren friedlich und unbescholten verstorben ist.

Verschwörungsgläubige werden durch Abertausende Stunden in antisozialen Medien »empörungssüchtig« – und verlieren dabei so viel Substanz im eigenen Leben, dass sie sich fast nur noch im Kampf gegen vermeintliche Verschwörer lebendig fühlen. Die Verschwörungsmythen bestimmen und verzerren ihr Denken und Fühlen, ihren Alltag. Und je mehr sie darin investiert und verloren haben, desto schwerer fällt es ihnen, aufzuhören und sich den eigenen Fehlern zu stellen.

In den USA mussten sich mehrere Pharmakonzerne wie etwa Purdue vor Gericht verantworten, weil sie überdosierte Opioide als Schmerzmittel vertrieben haben, die Millionen süchtig machten und Hunderttausende Menschen- und Familienleben zerstörten. Ob es wohl auch einmal Verfahren gegen Digitalkonzerne geben wird, die Menschen mit dem Verbreiten von Verschwörungsmythen feindselig, süchtig, ja krankgemacht haben? Erste Untersuchungen gibt es bereits, und die einstweilige Verhaftung des Telegram-Gründers Pavel Durov in Frankreich sowie die zumindest vorübergehende Sperre für X in Brasilien, beides 2024, deuten die richtige Richtung an. Wer mit Medikamenten oder mit Medien Milliarden verdient, übernimmt eine besondere Verantwortung für das Wohlergehen der Kundinnen und Kunden.

Zu den guten Nachrichten dieses Buches gehört, dass wir Menschen immer wieder lernen. Es ist eigentlich klar, dass enorme Fortschritte in Wissenschaft, Technologie und Medizin neben allen Chancen immer auch Missbrauchspotentiale mit sich bringen.

Und KI kommt gerade richtig, um den schnell wachsenden Medienmengen konstruktiv zu begegnen. Wenn Sie wollen, können Sie sich zum Beispiel bereits heute innerhalb weniger Minuten bei verschiedenen KI-Programmen über den Schmerzmittel-Missbrauch einiger Konzerne in den USA informieren – prompten Sie einfach: »Was ist die Opioid-Krise?« Die besseren Anwendungen nennen Ihnen auch weiterführende Artikel, Bücher oder Filme. Weil KI-Unternehmen bisher in einem harten Wettbewerb stehen, können sie sich schlechte oder gar falsche Antworten (sogenannten Botshit) immer weniger leisten.

Die Arbeit gegen Verschwörungsmythen bedeutet also gerade nicht, die Menschheit durch eine rosarote Brille zu sehen oder mächtigen Menschen und großen Konzernen naiv zu vertrauen. Im Gegenteil: Die wesentliche Arbeit gegen Verschwörungsmythen besteht darin, zwischen wissenschaftlich überprüfbaren Theorien und irrationalen, feindseligen Mythen zu unterscheiden. Vielfach liest man das Wort Verschwörungstheorien. Aber Theorien lassen sich verifizieren oder falsifizieren. Deswegen sind Verschwörungsmythen keine Theorien, sondern eben das: Mythen. Sie lassen sich nicht überprüfen und haben es an sich, sich umso mehr bestätigt zu sehen, je mehr sie in Frage gestellt werden (nach dem Motto: Wenn so viele sich darüber aufregen, muss ja was dran sein).

Gerade weil es unter den Menschen immer gute wie auch böse Absichten geben wird, gilt es, nicht in den pathologischen Dualismus falscher Feindbilder zu verfallen, sondern Realitäten von Fiktionen zu unterscheiden. Pauschalisierungen helfen da nicht weiter. Ein Gericht, das jeden verurteilt, wäre ein noch schlimmerer Alptraum als eines, das jeden freispricht. Sie können das besser!

Reale Verschwörungen sind geheime Absprachen zum erheblichen Schaden Dritter. Sokrates wurde angeklagt und zum Tode verurteilt, weil seine Philosophie die herrschenden Regeln in Athen in Frage stellte und das Geschäftsmodell der Sophisten verdarb, die sich für ihr philosophisches Coaching teuer bezahlen ließen und die jungen Leute deshalb lieber bei sich als bei ihm haben wollten. Die süchtig machende Wirkung von OxyContin wurde von Purdue lange geleugnet, weil sich mit jeder verkauften Tablettenpackung Gewinne erzielen ließen.8

Dagegen wurden etwa die »Protokolle der Weisen von Zion«, die eine jüdische Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft belegen sollen, längst als antisemitische Fälschung entlarvt, und es gibt auch keine Menschengruppe, die in der Lage wäre, Weltverschwörungen über Jahrzehnte oder gar Generationen hinweg zu betreiben. Je größer und wohlhabender Gruppen sind, desto häufiger brechen Einzelne ihr Schweigen oder machen menschliche Fehler. So geriet eine Mitgliederliste des bayerischen Geheimordens der »Illuminaten« schon wenige Jahre nach der Gründung um 1776 in die Hände der damaligen Obrigkeit. Das Verbot wurde durchgesetzt – und genau deswegen lieben Verschwörungsgläubige diesen Orden: Was nicht mehr existiert, kann auch nicht mehr widerlegt werden.9 Und während sich also manche Zeitgenossen über sachlich falsche Verschwörungsmythen zu Zionisten und Illuminaten in die Empörungssucht steigern, entgehen ihnen die wahren Chancen und Gefahren der Realität.

Es ist recht leicht, sich über »Aluhüte« und »Covidioten« lustig zu machen, doch in diesem Buch möchte ich das tun, was Wissenschaft tun sollte – erst analysieren und erklären, dann bewerten. Wenn wir Verschwörungsmythen und Verschwörungsgläubige verstehen, dann können wir uns und unsere Lieben besser schützen, unsere öffentlichen Tätigkeiten besser ausüben und vielleicht sogar der einen oder anderen im Verschwörungsglauben steckenden Person hilfreich beistehen.

Unser Leben wird nicht einfacher – aber muss das wirklich bedeuten, dass wir uns aufgeben? Wir Menschen tendieren psychologisch dazu, die Vergangenheit zu verklären und uns in eine Abwärtsspirale hineinzureden (»früher war alles besser als heute, und es wird immer schlimmer«). Doch dabei übersehen wir dann schnell die enormen Fortschritte und vergessen die Dankbarkeit für Erreichtes. Und hatte uns irgendjemand versprochen, dass es immer einfach sein würde?

Gerade das aber scheinen viele Anhänger von Verschwörungserzählungen zu erhoffen, wie die Soziologin Yasemin El-Menouar, Studienleiterin beim Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, zusammenfasst: »Vor allem in Krisen bieten sie einfache Antworten auf komplexe Fragen. Sie geben den Menschen das Gefühl von Kontrolle und Stabilität zurück. Es gibt dann keine Zufälle mehr. Deren Ungewissheit kann ja sonst für viele schwer auszuhalten sein.«10