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Im vorliegenden Buch werden Fragen gesellschaftspolitischer Herkunft im Anschluß an Theodor W. Adornos ''Ästhetische Theorie', sowie Michel Foucaults Machttheorie aufgeworfen. Es handelt sich um eine überarbeitete Version einer Frühschrift des Autors, in der er Verbindungen zwischen einer extensiv ästhetischen Betrachtungsweise der sozialen Realität und einer kritischen Betrachtungsweise von Machtprozeduren herzustellen versucht.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
In der Selbsterhöhung denkender Menschen affiziert sich zuzeiten die narzißtische Triebökonomie derart, dass sich das kreative Potential, das in jedem Menschen schlummert, in einer Art Guckkastenmetaphysik des Subjekts nicht anders Raum und Luft verschaffen kann, als sich selbst als Produktionsstätte des Weltengrundes zu imaginieren. Der Selbsterhöhung ist freilich mit tiefster Skepsis zu begegnen. Die bürgerliche Ideologie des Individualismus erklärt sich insofern selbst für obsolet, als sie nur einen weiteren Schritt dahingehend darstellt, der Dynamik des sozialen Selbsterhaltungszwanges zu entkommen zu versuchen, das Ich als reines, unbeflecktes, seiner gesellschaftlichen Geprägtheit entkommenes, freies Wesen zu imaginieren. Nicht frei jedoch von der Suche nach Surrogaten hinsichtlich der schmerzlichen Wahrheit, man wäre gebunden - an die sozialen Verhältnisse zuvörderst - stellt sich damit die bürgerliche Ideologie selbst unter das Signum von sozialer Interdependenz.
Fortschreitende Industrialisierung erhöht den Druck auf das individuelle Bewußtsein derart, zeigt zumal der Blick in die Geschichtsbücher, daß sich autoritäre Verhältnisse zu verallgemeinern scheinen, das individuelle Bewußtsein - einmal in den Produktionsprozeß der abstrakten Tauschgesellschaft geraten - zur Verdinglichung neigt; Bedingungen der Konkurrenz führen zu zunehmender Atomisierung der Individuen im sozialen Feld. Beruhigte man sich jedoch bei der bloßen Konstatierung der Totalisierung sozialer Gebilde und erhöbe man die scheinbare Ausweglosigkeit der Annektion des Subjekts für die Zwecke des kapitalistischen Produktionsprozesses zur Faktizität und sähe man darin ein überhistorisches, weil naturalisiertes menschliches Schicksal, verfiele man derselben verdinglichenden Denkweise, deren Kritik zur Aufgabe kritischer Theorie geworden ist. Dies hieße schlicht das real Mögliche auf den Status des Realen herunterzubringen und zu einem Zustand der Ausweglosigkeit zu verhalten; potentiell Mögliches bringt sich selbst um seine besten Kräfte, indem es der Realität pariert.
Der Fatalismus der Geschichte hat sein Analogon in sozialdeterministischer Ideologie, ist selbst bürgerlicher ,Natur'. Den status quo der Gesellschaft jedoch als transitorischen zu betrachten, also das latent angelegte, transzendierende Moment an ihr, das, was innerhalb des Gesellschaftssystems selbst über dieses hinausweist, aufzudecken, kann keine kritische Gesellschaftstheorie entbehren.
Die Erfahrung der Totalisierung der Gesellschaft ist mitnichten in eine totalisierende Diakritik der Vernunft umzulegen. Was im gesellschaftlichen Feld selbst notwendigerweise fragmentarischen Charakter haben muß, nämlich das individuelle Bewußtsein, muß danach trachten, seiner eigenen Verabsolutierung dadurch zu entkommen, daß es den Ausdruck der Ohnmacht marginalisierter Gruppen in sich aufnimmt. Sprache sollte durch Verdichtung und Ballung derart über sich hinausgetrieben werden, dass man es letztlich durchgängig noch vermeiden kann, in einen vorkritischen Zustand der Identifizierung von Begriff und Sache zurückzufallen. Lesearten, die das Bruchstückhafte, die Lücken in einer Arbeit zu ignorieren versuchen, die in kritischer Intention entworfen wurde; Lesearten, die die Konstruktion von Begriffen, die in changierende Konstellationen zueinander treten, als Sache per se wahrnehmen und die schließlich voll Heilserwartung ihrer eigenen Ohnmacht im Begriff selbst ledig zu werden glauben, frieren nicht nur ein Werk, sondern auch dessen soziale Wahrnehmung als in sich selbst geschlossene Totalität ein. Kritische Theorie jedoch hat nie den Anspruch erhoben, ein philosophisches Wahrheitssystem zu errichten.
„Die Kategorie des Fragmentarischen (...) ist nicht die der kontingenten Einzelheit: das Bruchstück ist der Teil der Totalität des Werkes, welcher ihr widersteht."1
Die Rede von der Dialektik des Allgemeinen und Besondern, wie sie in der marxistischen Sozialphilosophie einmal verstanden wurde, meint, daß sich die sozialen Widersprüche (v. a. jener zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen), die sich bis hinein in die subjektive Gebrochenheit des Bewußtseins verfolgen lassen, nicht in einer harmonischen Synthese auflösen ließen, sondern sich in veränderter Gestalt und Qualität auf anderer Ebene reproduzieren. Das kritische Subjekt bleibt allemal nicht unberührt vom Sozialisationsprozeß.
Wo das System selbst sich verselbständigt und der Totalisierung der Gesellschaft etwas Anarchisches, Zufälliges innewohnt, wird die Systematisierung sozialer Phänomene, wie sie von der positivistischen Soziologie teils betrieben wird, dadurch teilweise suspendiert, daß ihr selbst stets bloß relativer Charakter zukommen kann. Analog wäre die Konstruktion bruchloser Kausalitäten zwischen Basis und Überbau glatte Verkennung wesentlich dynamischer, sozialer Prozesse, innerhalb derer eine Ursache gleichzeitig mehrere Wirkungen hervorrufen kann und selbst aus mehreren Wirkungen besteht.
So kann, wie Adorno in der „Rede über Lyrik und Gesellschaft" erwähnt, Lyrik im speziellen nicht von Sozialem isoliert betrachtet werden, aber ihre Reduktion darauf, spezifischer das Einschieben einer fiktiven Ableitung zwischen Lyrik und Gesellschaft, ginge fehl:
„Lyrik soll nicht aus der Gesellschaft deduziert werden; ihr gesellschaftlicher Gehalt ist gerade das Spontane, das nicht schon folgt aus jeweils bestehenden Verhältnissen"2.
Der universale Wahrheitsanspruch kausaler Erklärungen, die penibel den Argumentationsstrang von Lücken und Brüchen befreien will, versagt der lyrischen oder allgemeiner der literarischen Sprache das Recht, sich der Einordnung in sei es historische Epochen, sei es Kunstrichtungen zu entziehen. Es hat etwas Gewalttätiges an sich, wie mit Literatur umgesprungen wird, stempelt man sie zum gegebenen Faktum ab: Es ist die Abrechnung mit der Sprache überhaupt, an der gerade das Unberechenbare blinde Wut auf sich zieht, sodaß man es ausblenden, - metaphorisch gesprochen - töten muß.
Gerade die literarische Moderne ist in ihrem Verlauf weniger aus in sich abgeschlossenen Schulen entstanden, als es in früheren Zeiten vielleicht der Fall war, Querverbindungen, verzweigte Beeinflussungen häufen sich. Tradititon selbst wird fragwürdig.
Dieser nachzutrauern oder als Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart rückwirkend wieder einzuführen, war stets Sache konservativer Kulturphilister. Daß es historische Verbindungen zwischen Neuem und Altem gibt, soll jedoch nicht geleugnet werden: die Differenz zwischen beidem müßte vermehrt beachtet werden.
In einer Zeit, da die Rede vom Ende der Geschichte virulent wird, die gesellschaftliche Apokalypse derart in das soziale Feld eingreift, daß diese Rede selbst legitim erscheint, und die feisten Arme der Traditionsbewußten sich schunkelnd mit jenen der Historizisten vereinigen, welche ihrer Angst, den Faden, ihr heimliches Telos, zu verlieren und damit den Boden unter den Füßen, besinnungslos freien Lauf lassen, wird kritisches Bewußtsein notwendig.
Daß die europaische Kultur heute paranoisch vor fiktiver Bedrohung zusammenzuckt nicht weniger, daß ihr offizieller Blick, der weder von politischen noch sozialen Prozessen isoliert werden kann, starr auf ein Fremdes, das - in einer beliebten Metapher - Überflutende, gerichtet ist, macht politisches und kulturelles Interesse am gesellschaftlichen Zustand des Bewußtseins dringlich und notwendig.
In der verkehrten Welt, die - ihrer blind ausagierten Omnipotenzphantasie gemäß - erste, muß die um sich greifende Expansion des Systems reflektiert werden. Die Reflexion des Systems innerhalb desselben ist selbst ein Privileg.
Mit Adorno entsteht die Einverleibung (Inkorporation) des Anderen als Fremdes (die geheiligte Integration), im Identitätszwang des Eigenen. Die Gefesselten ertragen das Geheimnis des Anderen nicht, sein Entschlüpfendes. So schlägt die Idiosynkrasie auf Rätselhaftes zu und tötet das Andere im Fremden. Nur im Tod fügt sich alles dem herrschenden Blick, seilt sich der Körper ins Grab der Identität.
In der Deduktion von Kunst aus einem scheinbar eindeutig festgelegten Ursprung scheint platteste Metaphysik des kritischen Subjekts am Werk. In ihrem Identitätsdenken, das Vielfältige beinahe zwanghaft auf den Punkt zu bringen, heroisiert sich eher der Denkende, als darin dem Gedachten Gerechtigkeit widerfahren würde. Kunst scheint nämlich „ihren Begriff in der geschichtlich sich verändernden Konstellation von Momenten"3 zu haben, ohne ihn von sich aus zu besitzen: ,,er sperrt sich der Definition. Nicht ist ihr Wesen aus ihrem Ursprung deduzibel"4.
Die Kunst als Gewordenes ist somit jeglicher Invariantenlehre unzugänglich. Jene müsse vor der Vereinheitlichung bewahrt bleiben. Gerade an der Ursprungsfrage von Kunst, in der versucht wird, auf vorzivilisatorische Perioden zurückzugreifen, scheiden sich die Geister. Im modernen Zeitalter des vielgepriesenen integralen Kunstwerks muß diese Erfahrung der Ambiguität, die sich aus der ästhetischen Ursprungsfrage ergibt, erst wieder ausgegraben werden.
,,Kunst als Einheit markiert eine sehr späte Stufe"5.
Der Ursprung von Kunst ist dann in der Abwesenheit von Homogenität, der Einfall des Heterogenen leiht ihm stets schon brüchigen Charakter. Kunst leiht sich von einem düsteren Schimmer der Vorwelt etwas Vages, in dem es etwas dem Begriff nach Inadequätes, und damit Unangepasstes und Difformiertes errettet, dem die fortschreitende soziale Integration unermüdlich nach dem Leben trachtet. Ob der Jäger und Maler durch die Höhlenmalerei, das Tier als Abbildung, Gewalt über das Abgebildete gewinnen6, oder ob der Indianer mit Hilfe der Maske selbst zum Dämon werden wollte, ähnlich dem Kind, das zur Person wird, das sich in der gespielten Rolle der Differenz zwischen Realität und Imagination nicht mehr gänzlich bewußt ist7, bleibt spekulativ.
