Vertraute Fremde - Peter Lange - E-Book

Vertraute Fremde E-Book

Peter Lange

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Beschreibung

Wenn sie in Prag über die Hauptstraße gehe, kreuzten mehr Bekannte ihren Weg als in Berlin, schrieb die emigrierte Ärztin und Sozialdemokratin Käte Frankenthal. Tausende deutsche Exilsuchende hatte es nach 1933 in die tschechoslowakische Hauptstadt verschlagen: Ernst und Karola Bloch, Bertolt Brecht, Wilhelm Cassirer, Oskar Maria Graf, Stefan Heym, Leo Kestenberg, Gabriele Tergit und viele mehr. Prag war nicht nur, besonders von Berlin aus, leichter zu erreichen als Paris oder Amsterdam, es war den meisten auch kulturell näher: Man sprach und verstand dort Deutsch. Wie schafften es die Flüchtenden über die Grenze? Wie schlugen sie sich ohne Arbeit und Einkommen durch? Welche neuen Verbindungen entstanden im Exil? Und wohin führten sie ihre Wege, als die Tschechoslowakei zerschlagen wurde? Anhand von vierzig Schicksalen entfaltet Peter Lange ein Panorama des Exils in Prag, das nicht nur der Situation jedes Einzelnen Rechnung trägt, sondern auch Fragen nach Selbstbehauptung, Hilfsbereitschaft und Widerstand in der Fremde ganz neu stellt.  Mit Fluchtgeschichten von Wieland Herzfelde, Alfred Kerr, Rudolf Olden, Kurt Grossmann, Bertolt Brecht, Theodor Lessing, Gabriele Tergit, Hans Sahl, Stefan Heym, Rudolf Olden, Arnold Zweig, Leo Kestenberg, Friedrich-Wilhelm Cassirer, Käte Frankenthal, Tilla Durieux, Max Seydewitz, John Heartfield, Martin Feuchtwanger, Otto Wels und die Exil-SPD, Lisa und Hans Fittko, Willy Haas, Marianne und Hans Golz, Walter Ulbricht, Gerhart Seger, Oskar Kokoschka, Willi Bredel, Kurt Hiller, Hans Natonek, Heinz Jakoby, Max Barth, Philipp Scheidemann, Anna Maria Jokl, Gertrud Rothgiesser, Martin und Hans Finkelgruen, Oskar Maria Graf, Otto Strasser, Rudolf Formis, Peter Weiss, Maria Mann-Kanova, Leonie Mann, Golo Mann, Ernst und Karola Bloch, Walter Dubislav, Friedl Dicker-Brandeis und Peter Forster.

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Seitenzahl: 583

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Peter Lange

Vertraute Fremde

Exil in Prag 1933–1939

Schöffling & Co.

Inhalt

1 Flucht

2 Über die Grenze

3 Nach Prag

4 Und anderswo in der ČSR

5 Politischer Widerstand auf verlorenem Posten

6 Der lange Arm der Nazis

7 Alltag im Exil 1933–1934

8 Willkommenskultur unter Vorbehalt

9 Schreiben gegen die Zeit

10 Alltag im Exil 1935–1936

11 Die kulturelle Front

12 Die Wende 1937

13 September 1938 – Weiterfliehen

14 In der Falle – Geflüchtete im »Protektorat« 1939

15 Wo sie geblieben sind

16 Nachbetrachtung

Nachweis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1Flucht

Der 30. Januar 1933 ist in Berlin ein trüber, ungemütlicher Wintertag. Am späten Nachmittag versammeln sich am »Knie«, dem heutigen Ernst-Reuter-Platz, Mitglieder der paramilitärischen Verbände der NSDAP – SA, SS und ­Hitlerjugend –, dazu Angehörige der rechten Frontkämpferorganisation »Stahlhelm«. Zu Tausenden marschieren sie mit ­Fackeln und Marschmusik über die Charlottenburger Allee, die heutige Straße des 17. Juni, durch den Tiergarten und das Brandenburger Tor zur Reichskanzlei, um ihrem Führer zu huldigen. Adolf Hitler ist vor wenigen Stunden von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler berufen worden.

Die Nationalsozialisten sind am Ziel und können ihr Glück kaum fassen. Denn bei der letzten Parlamentswahl im November 1932 hatten sie deutlich an Stimmen verloren und waren von 37,3 auf 33,5 Prozent zurückgefallen. Bei den Kommunalwahlen in Thüringen im Dezember hat die NSDAP sogar 40 Prozent der Stimmen eingebüßt. »In der Organisation herrscht schwere Depression«, notierte Propagandachef Joseph Goebbels in sein Tagebuch. »Die Geldsorgen machen jede zielbewußte Arbeit unmöglich.« Die NSDAP schien ihren Zenit überschritten zu haben. Aber nun hat es die Kamarilla um den Reichspräsidenten doch noch geschafft, den greisen Hindenburg zu bewegen, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Mit den Schlüsselressorts in der Hand der Deutschnationalen Volkspartei werde es schon gelingen, Hitler und seine zwei Minister zu kontrollieren und zu entzaubern.

Was die Mitglieder und Anhänger der NSDAP euphorisch bejubeln, entsetzt ihre Gegner. Alle, die sich in den vergangenen Jahren gegen die Nationalsozialisten gestellt haben – politisch, publizistisch, künstlerisch –, stehen nun vor existenziellen Fragen: bleiben, sich still verhalten und den Kopf einziehen? Oder das Land verlassen, heimlich oder unter Protest? Die meisten zögern noch, diese Fragen zu beantworten, verständlicherweise. »Es wird schon nicht so heiß gegessen wie gekocht«, lautet eine weitverbreitete Beschwichtigungsformel.

Aber was nach dem 30. Januar geschieht, verlangt unerbittlich nach einer Antwort auf die Frage: Wann ist es Zeit, ins Exil zu gehen? Ist es der 23. Februar, der Tag, an dem die SA zur Hilfspolizei erklärt und straffrei gestellt wird? Oder ist es der 27. Februar, als der Reichstag brennt und mit einer Notverordnung alle Grundrechte aufgehoben werden. Oder soll man noch bis zu den Reichstagswahlen am 5. März warten, nach der die von Hitler geführte Regierung jedoch die Mandate der Kommunisten kassiert und der NSDAP so eine ­absolute Mehrheit zuschanzt? Oder ist der entscheidende Moment jener 23. März, an dem durch das Ermächtigungs­gesetz die Demokratie von Weimar ab­geschafft wird? Oder als ab Mai die letzten Bastionen der Opposition fallen, als die Gewerkschaften zerschlagen und die SPD verboten werden.

Viele Regimegegner verpassen den entscheidenden Moment und müssen zunächst Folter und Misshandlungen in den provisorischen Haftzentren von SA und SS überstehen, bevor sie außer Landes gehen können. Wer sich rechtzeitig zur Flucht entscheidet, muss die nächste Frage beantworten: Wohin?

Es gibt nur noch wenige demokratische Länder in Europa und noch weniger, deren Grenzen geöffnet sind. Frankreich, die Niederlande und die Tschechoslowakei bleiben übrig, wobei von Berlin aus Prag näher liegt als Paris – nicht nur geographisch. Und so setzt ein Strom von Asylsuchenden ein, die sich jenseits der Grenze in Sicherheit bringen, in den nordböhmischen Bädern oder in der Hauptstadt; für ein paar Wochen, wie die meisten glauben.

Nur Pessimisten gehen davon aus, dass der Nazi-Spuk länger dauern wird.

Abb. 1: Prag, Ecke Wenzelsplatz/Am Graben (Na přikopě)

Wieland Herzfelde hat keinen Zweifel, dass die National­sozialisten gewaltsam gegen ihre politischen Gegner vor­gehen werden. Und er ist sich auch im Klaren, dass er auf ihren schwarzen Listen ziemlich weit oben steht. Herzfelde ist Mitbegründer und Leiter des linken Malik-Verlags. Angefangen hat er vor dem Ersten Weltkrieg mit expressio­nistischer Lyrik, etwa von Else Lasker-Schüler und Jo­hannesR. Becher. Die Dada-Bewegung hat in Malik ihren Verlag gefunden, und die radikal gesellschaftskritischen Zeichnungen von George Grosz haben ihm mehr als ein Gerichtsverfahren eingetragen. Herzfelde hat den Anti-Kriegsroman Die drei Soldaten von John dos Passos herausgebracht und »revolutionäre« Literatur aus der jungen kommunistischen Sowjetunion, zum Beispiel von Maxim Gorki. Wieland Herzfelde hat also gute Gründe, sofort nach der Machtübernahme Hitlers Ende Januar 1933 aus Deutschland zu verschwinden. Schon Anfang Februar reist er zu den Schwiegereltern nach Salzburg. Die kümmern sich bereits seit dem Vorjahr um seinen Sohn George. Herz­feldes Ehefrau Gertrude bleibt zunächst in Berlin, um den Haushalt aufzulösen. Die Familie wohnt in Charlottenburg, Kurfürstendamm 76, auf Höhe der Bleibtreustraße. Ob sie das Mobiliar und den Hausrat verkauft, verschenkt oder bei einer Spedition einlagert, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall werden sie in Zukunft für Möbel weniger Platz haben, wo auch immer. Um die Verlagsräume in der Passauer Straße braucht sich Gertrude nicht mehr zu kümmern. Die hat inzwischen die SA geplündert und verwüstet. Von Salzburg aus versucht Gertrude, die Außenstände, die der Verlag noch bei Buchhandlungen hat, Richtung Österreich umzuleiten. Sie sollen gar nicht mehr auf ein deutsches Konto gehen.

Wieland ist derweil in Paris und Prag unterwegs, um die Chancen für einen Neuanfang des Verlags zu eruieren. Die Herzfeldes sind sich nicht einig, wo sie sich nun nieder­lassen sollen. Sohn George hat heftige Diskussionen seiner Eltern in Erinnerung. Obwohl Gertrude in Pilsen geboren ist und ihre Eltern Deutsch-Böhmen sind, ist sie gegen ein Exil in der Tschechoslowakei, denn sie sieht in ihrem Geburtsland kein sicheres Asyl. Sie will lieber nach Paris. Aber Wieland setzt auf Prag, denn dort leben nach Jahren in Berlin Gertrudes Schwester Grete Bernheim und ihr Mann Franz Carl Weiskopf. Der Schwager ist Journalist und Mitbegründer der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei. Sein Einfluss und seine Beziehungen in der linken Szene könnten helfen. Und einen gewissen Einfluss auf die Entscheidung hat wohl auch der Dichter JohannesR. Becher. Der tritt nun als wichtiger KPD-Kulturfunktionär auf und rät namens der Partei zum Umzug in die Tschechoslowakei. Also ab nach Prag.

 

Alfred Kerr, einer der einflussreichsten Theaterkritiker und Kulturjournalisten, liegt seit Ende Januar mit einer schweren Grippe im Bett. Am 14. Februar, zwei Wochen nach der Machtübernahme, klingelt nachmittags in seiner Wohnung in der Douglasstraße 10 im Nobelviertel Grunewald das Telefon. Ein Mann, der sich als Polizeibeamter zu erkennen gibt, warnt ihn: Am nächsten Tag solle ihm der Pass entzogen werden. Kerr hat immer noch 39 Grad Fieber, zögert aber keine Sekunde. Denn er weiß, dass die ­Nationalsozialisten nach all dem Spott, den er in den letzten Jahren im linksliberalen Berliner Tageblatt über sie ausgegossen hat, auf Rache aus sind. Kerrs Frau Julia packt ihm einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten. Er steckt seinen Pass ein, der gerade noch gültig ist, und fährt zum Anhalter Bahnhof. Als die Kinder, der zwölfjährige Michael und die neunjährige Judith, nach Hause kommen, ist der Vater verschwunden. Julia muss viel erklären und trösten. Alfred Kerr nimmt den nächsten Zug nach Prag. Seine Habe, sein Geld, seine Familie – alles bleibt zurück. Dreieinhalb Stunden später ist er in der Tschechoslowakei und damit außer Gefahr.

 

Am Abend des 27. Februar brütet Rudolf Olden über seinen Akten für zwei Gerichtsverhandlungen, die am nächsten Tag anstehen. Deshalb fühlt er sich zunächst gestört, als ihm seine Lebensgefährtin Ika Halpern mitteilt, was sie gerade im Radio gehört hat: Der Reichstag brennt. Olden ist einer der Staranwälte der Weimarer Republik und zugleich stellvertretender Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Er hat mit zwei anderen Anwälten Carl von Ossietzky und seine Zeitschrift Die Weltbühne verteidigt, als die wegen ihrer Berichte über die geheime Aufrüstung der Reichswehr wegen Landesverrats angeklagt war. In vielen analytischen Artikeln hat Olden auf die Schwachstellen der Weimarer Verfassung hingewiesen und auf die Gefahr einer Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Jetzt ist es zwar so weit gekommen, aber an diesem Abend denkt er noch nicht an Abreise. In der Nacht jedoch ändert er seine Meinung, als ihn ein noch nicht entlassener Freund aus dem Polizeipräsidium telefonisch mitteilt, dass die nächste Verhaftungswelle eingesetzt hat. »Ein schnelles Gespräch: der Name des Anrufenden. Dann eine kleine Liste Verhafteter. Schluß. Es war genug, um Bescheid zu wissen.« Der Anrufer war vermutlich Robert M.W. Kempner, damals Justiziar in der Polizeiabteilung des preußischen Innenministeriums, nach 1945 amerikanischer Chefankläger im Nürnberger »Wilhelmstraßenprozess«. Olden bereitet sich auf die Abreise vor. »Es hieß, zum letzten Mal in der vertrauten Badewanne liegen. Abschied von den Büchern und Möbeln. Dann rollte der Wagen der wohlbekannten tschechischen Grenze zu.« Er spekuliert darauf, dass die Grenze noch nicht lückenlos kontrolliert wird. Auch sein Ziel ist Prag; seine Lebens­gefährtin Ika Halpern wird ihm folgen.

 

Kurt Grossmann besucht am selben Abend mit seiner Frau Elsa eine vorgezogene Gedenkfeier der Sozialdemokraten zum 50. Todestag von Karl Marx. Einige Tausend sind dazu in den Berliner Sportpalast in der Potsdamer Straße gekommen. Aber die Versammlung wird, wie es üblich geworden ist in den letzten Jahren, nach einer regierungskritischen Rede von der Polizei für aufgelöst erklärt. Die Menge, unter ihnen auch die Grossmanns, macht sich auf den Weg nach Hause. Da sehen sie Richtung Norden den weithin sicht­baren Feuerschein des brennenden Reichstags, der wie ein intensives, aber zu spätes Abendrot wirkt.

Grossmann, ein gelernter Kaufmann, hat sich nach einem Politik-Studium vor allem publizistisch betätigt. Seit 1926 ist er Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte. Aus einer jüdischen Familie stammend, Soldat im Ersten Weltkrieg und seither Pazifist, den Sozialdemokraten nahestehend, vereinigt auch er in seiner Person gleich mehrere Feindbilder der Nazis. Noch am selben Abend verbrennt er in seiner Wohnung in der Wilmersdorfer Straße Papiere, die ihn bei einer Razzia belasten könnten. Am frühen Morgen wird auch er von Robert Kempner gewarnt, nicht mehr ins Büro der Liga zu gehen, sondern aus Berlin zu verschwinden. Grossmann trifft sich am Vormittag noch mit Freunden im Café Friediger am Potsdamer Platz und diskutiert mit ihnen die Lage. Ein paar Telefonate, dann steht fest, dass er abreisen wird. Seine Frau bringt ihm einen kleinen Koffer zum Anhalter Bahnhof. Grossmann nimmt am 28. Februar unbehelligt den Mittagszug nach Prag.

 

Bertolt Brecht hat bisher geglaubt, es würde reichen, für ein paar Wochen in Bayern unterzutauchen und so aus dem Blickfeld der Nazis zu verschwinden. Als dann aber der Reichstag brennt, müssen der Stückeschreiber und seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, von niemandem gewarnt werden. Sie wissen sofort, dass sie in Gefahr schweben, verhaftet zu werden. Das Ehepaar meidet seine Wohnung in der Berliner Hardenbergstraße und übernachtet stattdessen beim gemeinsamen Freund Peter Suhrkamp. Am nächsten Tag nehmen sie den Zug nach Prag. Der neunjährige Sohn Stefan kann, weil er schon einen eigenen Pass besitzt, von Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann per Flugzeug nach Prag geschickt werden. Die Tochter Barbara, noch ein Säugling, kommt zu seinem Vater nach Augsburg.

 

Anderten ist heute ein beschaulicher Stadtteil am östlichen Rand von Hannover. In der Nacht zum 1. März 1933 werden dort die Bewohner der Tiergartenstraße durch ungewohnten Lärm aus dem Schlaf gerissen. Ein SA-Trupp ist in das Haus Nummer 165 eingedrungen, in die Villa Miriam. Die Braunhemden schlagen die Fenster ein und zerstören das Mobiliar. Dann verschütten sie Jauche aus einer mit­gebrachten Flasche und machen so das Haus für Wochen unbewohnbar. Die Eigentümer treffen sie nicht mehr an; die sind am Abend gerade noch rechtzeitig geflüchtet.

Das Haus gehört dem jüdischen Philosophen Theodor Lessing und seiner Frau Ada, der Leiterin der ersten Volkshochschule in Deutschland. Lessing gilt den einen als visionärer Denker, den anderen als Phantast. Er hat schon in den 1920er Jahren die Umweltverschmutzung und das Artensterben kritisiert und den Aufstieg der USA zur führenden Weltmacht vorausgesagt. Er hat sich für die Gleichberech­tigung der Frauen und für bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken engagiert. Lessing ist ein ebenso streitbarer wie umstrittener Zeitgenosse, der sich unerschrocken und rücksichtslos zwischen alle Stühle setzt. Das assimilierte ­Judentum hat er, der sozialistische Zionist, gegen sich aufgebracht, indem er die deutsch-jüdische Symbiose für gescheitert erklärt hat. Mit Thomas Mann hat er sich eine Fehde um einen jüdischen Literaturkritiker geliefert, bei der beide Kontrahenten zu übelsten antisemitischen Klischees gegriffen haben. Aber den stärksten Hass hat er sich von der extremen Rechten zugezogen. 1925 hat er ein Porträt für das Prager Tagblatt über Paul von Hindenburg geschrieben, der damals für die Nachfolge des verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert kandidiert hat. Der wie üblich recht ­polemische und ätzende Text endet mit der Bemerkung, dass mit Hindenburg kein Philosoph den Thronstuhl besteigen werde: »Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: ›Besser ein Zero als ein Nero‹. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.«

Das haben ihm die völkischen Nationalisten nicht vergessen. Im Dezember 1932 hat ihm der zu zweifelhafter Prominenz gelangte »Hellseher« Hanussen öffentlich prophezeit, dass er keines natürlichen Todes sterben werde, wozu es ­angesichts der Vorgeschichte wohl nicht viel Phantasie brauchte. Anfang Januar 1933 ist Lessing von drei SA-Männern in der Straßenbahn angepöbelt worden. Er hat versucht, sie zu ignorieren. Aber dann riefen sie laut, es gebe in Hannover einen gewissen Lessing, der Jude sei und unverzüglich entfernt werden müsse. Jetzt, nach dem Reichstagsbrand und der folgenden Aufhebung aller Grundrechte, ist für sie die Zeit der Abrechnung gekommen, und – nach einer Warnung von Nachbarn und Freunden – auch die Zeit der Abreise. Gerade noch rechtzeitig hat sich Theodor Lessing entschieden, Deutschland zu verlassen. Seine Tochter Ruth, seit dem Vorjahr verheiratet mit dem Fotografen Hein Gorny, begleitet ihn. Die Bahnreise führt von Hannover über Leipzig und Dresden nach Prag. Lessings Frau Ada will den Kampf um ihren Leitungsposten in der Volkshochschule noch nicht aufgeben und ist vorerst zu einer Freundin gezogen. Deshalb kriegt die SA die Eigentümer der Villa Miriam in Anderten nicht mehr zu fassen.

 

Drei Tage später, am 4. März, bekommt in Berlin auch die Journalistin Gabriele Tergit ungebetenen Besuch. Uniformierte vom besonders rabiaten SA-Sturm 33 donnern nachts gegen die Haustür ihrer Wohnung im Sigmundshof 22 am nördlichen Rand des Tiergartens. Tergits Mann, der Architekt Heinz Reifenberg, hat schon vor Wochen die Tür ­verstärken lassen. Die Braunhemden schaffen es nicht, sie aufzubrechen. »Nicht aufmachen«, ruft Reifenberg geistesgegenwärtig seiner Frau und dem Sohn Peter zu, geht dann selbst zur Tür und öffnet so weit, wie es die Sicherheitskette zulässt. Gabriele soll, angeblich auf Befehl von Hermann Göring höchstpersönlich, festgenommen werden. Es gelingt Reifenberg, die Tür wieder zu schließen.

Gabriele Tergit, dem Pass nach Elise Reifenberg, geborene Hirschmann, hat auch einige Jahre für das Berliner ­Tageblatt geschrieben und ist gut befreundet mit Rudolf ­Olden. Sie gilt als erste Frau unter den Gerichtsreportern, politisch linksliberal mit jüdischen Wurzeln. Rudolf Olden hat ihr Talent früh erkannt und sie nach Kräften gefördert. Jahrelang hat sie unter ihrem Pseudonym im Kriminal­gericht Moabit auch über jene Prozesse berichtet, in denen Nationalsozialisten angeklagt gewesen und unter einer ­extrem rechtslastigen Justiz billig davongekommen sind. Wohingegen Kommunisten für ähnliche Delikte mit drakonischen Strafen rechnen müssen. Das hat sie immer wieder kritisiert: »Nicht mehr um die individuelle Tat des einzelnen, um zeitlos menschliche Triebe (…) handelt es sich, sondern das typische Geschehen selber, die Epoche steht vor dem Gericht. Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch.« Dass auch Gabriele Tergit zu jenen gehört, mit denen die Nazis noch offene Rechnungen haben, damit musste sie rechnen.

Nachdem Heinz Reifenberg die Tür wieder zugedrückt hat, ruft seine Frau bei einer ihr bekannten NS-Größe an, die gerade in die Führung der Berliner Polizei aufgerückt ist. Der Mann zeigt sich entsetzt, dass die SA jetzt auch Privatwohnungen überfällt, und rät ihr, das Überfallkommando der Polizei zu rufen. Das ist kurz darauf zur Stelle. Es wird verhandelt. Der Anführer der SA-Leute und der Leiter des Überfallkommandos inspizieren gemeinsam die Wohnung und stellen fest: Hier wohnen keine Kommunisten. Die Uniformierten von Polizei und SA ziehen wieder ab. Als sie wieder unter sich sind, sagt Gabriele Tergit nur: »Ich bleibe nicht.« Und Heinz erwidert: »Es ist noch schöner Schnee. Fahr nach Spindlermühle.« Das liegt in der Tschechoslowakei.

 

Etwa zwei Wochen nach der Flucht von Alfred Kerr bekommt Hans Sahl einen Anruf vom Berliner Tageblatt, der linksliberalen überregionalen Zeitung aus dem Mosse-Konzern. Ob er die Stelle des renommierten Kulturkritikers übernehmen wolle. Sahl hat sich mit seinen 30 Jahren schon einen Namen als Theater- und vor allem Filmkritiker gemacht. Allerdings werde man erst die Reichstagswahl eine Woche später, am 5. März, abwarten, wird ihm gesagt. Vielleicht hätten sich ja die politischen Verhältnisse danach so geändert, dass Kerr zurückkehren könne. Die Wahl ist jedoch alles andere als ein Votum gegen die Nazis. Und Hans Sahl weiß, dass die neuen Machthaber auch ihn im Visier ­haben. »Jemand hatte mir gesagt, ich wäre auf der schwarzen Liste. Er mußte es wissen, denn er gehörte jetzt zu jenen, die Einblick in die schwarzen Listen hatten und aus ­alter Anhänglichkeit (…) ihre Freunde von gestern zu warnen versuchten.« Sahl schläft nicht mehr zu Hause, verbringt die meiste Zeit in Kinos und Cafés. Mit seiner Mutter trifft er sich in einer Konditorei am Roseneck. »Ich gab ihr meine Schlüssel unter dem Tisch und bat sie, mir ein paar Sachen aus meiner Wohnung zu holen, Unterzeug, meinen Paß, meine Reisetasche. Sie stellte keine Fragen mehr. Sie wußte Bescheid.« Es wird also nichts aus dem nächsten Schritt auf der journalistischen Karriereleiter. In gewisser Hinsicht folgt Hans Sahl dem Starjournalisten Kerr trotzdem – indem er die Flucht nach Prag antritt.

 

Am 21. Februar 1933 hat sich Heinrich Mann auf die Flucht begeben und es gerade noch rechtzeitig über die französische Grenze geschafft. Die Gestapo hat daraufhin in Berlin seine Freundin Nelly Kröger festgenommen und verhört. Das ging zwar glimpflich aus, aber in München fürchtet nun Maria »Mimi« Mann-Kanova, dass ihr Ähnliches blüht. So packt sie knapp drei Wochen später, am 12. März, ebenfalls die Koffer.

Mimi Mann-Kanova ist die geschiedene Frau von Heinrich Mann. Vor über 20 Jahren ist sie als junge Schauspielerin von Prag nach Berlin aufgebrochen, um Karriere zu ­machen. Daraus ist nichts geworden. Stattdessen hatte sie 1912 den bekannten Schriftsteller Heinrich Mann kennen und lieben gelernt. Die beiden hatten entgegen allen Erwartungen in seiner Familie und allen Bedenken ihrer Eltern 1914 geheiratet. Zwei Jahre später kam die Tochter Leonie zur Welt, genannt Goschi. Die Ehe hielt nicht lange. Heinrich widmete sich in Berlin bald wieder seinem gewohnten Boheme-Leben, Affären eingeschlossen. In München tröstete sich derweil Mimi ihrerseits mit einem Liebhaber. 1930 ist die Ehe geschieden worden, nicht völlig geräuschlos. Nun, am 12. März 1933, bricht die inzwischen 47-Jährige in München auf, gescheitert und geschieden, alleinerziehend mit einer unglücklichen 16-jährigen Tochter, die von jetzt auf gleich ihre Heimat verliert. Mimi reist per Bahn mit ­ihrer Leonie zurück nach Prag, erst einmal zu den Eltern.

 

Am 12. März wird der junge Nachwuchsjournalist Helmut Flieg urplötzlich vor die Entscheidung gestellt: Bleiben oder gehen? Sein jüngerer Bruder Werner ist aus Chemnitz nach Berlin gereist, um ihn zu informieren, dass sein Vater Daniel Flieg in ihrer Heimatstadt Chemnitz verhaftet worden ist. »›Gestern Nacht sind sie dagewesen. Sie haben dich gesucht. Wie sie dich nicht gefunden haben, haben sie den Vater mitgenommen. An deiner Statt. Als Geisel, haben sie gesagt‹.« Helmut Flieg lebt schon seit über einem Jahr in einer Art »internem Exil« bei Verwandten in Berlin. So lange ­haben die Chemnitzer Nazis den jungen Mann im Visier. Als Primaner hat er es im September 1931 mit einem politischen Gedicht in die SPD-Zeitung Volksstimme Chemnitz geschafft. Der Anlass: Eine Nachricht, dass die Reichswehr mehrere Offiziere als Instrukteure für die Armee der Kuomintang nach China schickt. In seinem Antikriegsgedicht hat Helmut Flieg in der Art von Kästner, Brecht und ­Tucholsky gereimt: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord. Wir haben in Mördern großen Export!« Dafür hat er erst Prügel bezogen von Klassenkameraden, die mit den Nazis sympathisieren, dann die »Empfehlung« der Schulleitung, die Anstalt zu verlassen. Das letzte Schuljahr hat er deshalb in Berlin absolviert und bei Verwandten des Vaters gewohnt. Politisch links von der SPD verortet, ist er zwar nach dem Abitur auf die Universität gegangen, aber seine eigentlichen Interessen liegen woanders: Er hat erste hoffnungsvolle journalistische Gehversuche unternommen: in der Weltbühne, im Tagebuch von Leopold Schwarzschild und in der Sozialistischen Arbeiterzeitung von Willi Münzenberg. Flieg hat den Aufstieg der NSDAP hautnah erlebt, ist einmal nur knapp der Verhaftung entgangen. Am 30. Januar 1933 hat er in der Wilhelmstraße verfolgt, wie die Nazis den neuen Reichskanzler Hitler feiern. In den nächsten Wochen wird noch viel diskutiert, wie der Widerstand organisiert werden kann, wie Hitler und seine Leute wieder von der Macht zu verdrängen sind. Der junge Mann findet in dieser Zeit Anschluss an den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Er lernt bei einem Treffen in Berlin-Zehlendorf unter anderen Egon Erwin Kisch kennen, der beiläufig mitteilt, dass er demnächst in seine Heimatstadt Prag zurückkehren werde.

Als sein Bruder ihm die Verhaftung des Vaters berichtet, überlegt Helmut zunächst, nach Chemnitz zu fahren und sich zu stellen. Aber Werner widerspricht energisch. »Die Mutter läßt dir ausrichten, (…) daß du wegmußt. Weg aus Deutschland. Sofort.« Helmut lässt sich überzeugen. Der junge Chemnitzer packt einen Rucksack mit dem Nötigsten, wozu auch die Reiseschreibmaschine Continental portable gehört, die er sich von seinem ersten Zeitungshonorar gekauft hat. Und wohin jetzt? Flieg geht die Nachbarländer durch; gegen fast alle gibt es irgendwelche Einwände. »Bleibt eigentlich nur die Tschechoslowakei, fürs erste zumindest: In Prag kommt man zur Not auch mit Deutsch durch, es gibt dort deutschsprachige Zeitungen.« Und dort kennt er wenigstens jemanden, an den er sich wenden kann – Egon Erwin Kisch.

 

Zwei Wochen, nachdem der prominente Rechtsanwalt und Journalist Rudolf Olden nach Prag geflüchtet ist, entschließt sich am 13. März auch sein älterer Bruder Balder Olden, Berlin zu verlassen. Als Journalist und Autor genießt auch er eine gewisse Prominenz durch gut verkaufte Reisebücher und historische Romane. Seine Romanbiographie über den »Kolonialhelden« Carl Peters hat selbst im nationalistischen rechten Lager großen Anklang gefunden, obwohl das Buch gar nicht als Heldenepos gedacht war. Das gilt auch für seinen Roman Kilimandscharo über den deutschen Kolonialkrieg in Afrika. Balder Olden wird vom bürgerlichen und rechten Publikum geschätzt, aber er ist ein entschiedener Hitler-Gegner. »Vorschusslorbeer auf kommende Waffentaten und Blutgestank lagen in der Luft. (…) Vor diesem Anblick, diesem Gestank, diesem Rachegeheul entfloh ich.« Am 13. März begibt er sich mit seiner Lebensgefährtin Margaret Kershaw in die spanische Botschaft in Berlin. Der ­aktuelle Gesandte Luis Araquistáin ist ein alter Kollege und Freund von ihm. Der Diplomat zögert nicht lange. Er veranlasst, dass das Paar, begleitet von seiner Frau Trudi, mit ­seinem Wagen nach Karlsbad gefahren wird. Als sie die Grenze überqueren, entdeckt Balder Olden einen Fahndungsaufruf mit Namen und Bild. Gesucht wird sein Bruder Rudolf Olden.

 

Am 1. März 1933 hat Arnold Zweig noch in seinen Taschenkalender geschrieben: »Ich will nicht auswandern!« Zwei Wochen später muss er einsehen, dass er keine andere Wahl hat.

Den Machtantritt der Nationalsozialisten am 31. Januar hat der Schriftsteller von Paris aus mitbekommen. Dort hat er seine Frau Beatrice besucht, eine Malerin, die sich zu Studien in der französischen Hauptstadt aufhält. Arnold Zweig hat sich nicht nur zu einer politischen, sondern auch zu einer privaten Krise zu verhalten. Seine Ehe steht auf der Kippe. Der stark sehbehinderte Autor versteht sich mit seiner ­attraktiven, jungen Sekretärin Lily Offenstadt viel zu gut. Die private und politische Verwirrung Zweigs dokumentiert sich in hektischen Reisen. Am 6. Februar von Paris über Basel nach Wien, von dort nach wenigen Tagen über Prag nach Dresden, am 21. Februar zurück nach Berlin. Nach dem Reichstagsbrand eine Woche später dämmert ihm langsam, dass auch er auf den schwarzen Listen der ­Nationalsozialisten stehen dürfte: Als Jude und Zionist mit sozialistischer Grundhaltung. Arnold Zweig, einst ein deutschnationaler Kriegsteilnehmer, hat sich in mehreren Romanen mit dem preußisch-deutschen Militarismus aus­einandergesetzt. Sein bekanntester Roman Der Streit um den Soldaten Grischa ist von der extremen Rechten skandalisiert worden. Zweig gehört zu der linksintellektuellen Gruppe um Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky. Überdies war er ein Jahr lang Vorsitzender des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller. Also ein ganzes Bündel von Gründen, warum es die Nazis auch auf ihn abgesehen haben. Aber erst sein Nachbar im Eichkamp in Charlottenburg, der aus seiner Partei ausgeschlossene Sozialdemokrat Kurt Rosenfeld, kann ihm klarmachen, wie gefährdet er ist. Am 14. März 1933 verlässt Arnold Zweig Deutschland in Begleitung seiner Sekretärin und Geliebten Lily Offenstadt.

 

Eine gute Woche später, am 22. März, hört Leo Kestenberg in Berlin im Radio die Rede von Hermann Göring zur Eröffnung des nun ebenfalls von den Nazis dominierten Preußischen Landtags. Kestenberg reicht es jetzt. Die Hasstiraden der Nummer zwei der Nationalsozialisten sind für ihn der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Er wird Deutschland verlassen. Leo Kestenberg lebt seit Jahren damit, von der extremen Rechten in Deutschland angefeindet zu werden. Aber seit der Machtübernahme der National­sozialisten nimmt er diese Drohungen noch ernster. »Von da an schlief ich schon Nacht für Nacht nicht mehr zu Hause; ich mußte Freunde aufsuchen, um bei ihnen zu übernachten, denn ich bekam täglich Drohbriefe und wurde im Telefon und im Radio angepöbelt.«

Kestenberg, Sohn eines jüdischen Kantors aus Böhmen, ist nicht nur jüdischer Sozialdemokrat, sondern gilt für die Nazis auch als »Musik-Bolschewist«: Sie kreiden dem Pianisten sein Engagement für die klassische moderne ­Musik an. Als leitender Beamter im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat er den Musikunterricht in Schulen und Hochschulen reformiert, und er hat die experimentelle Krolloper in Berlin maßgeblich gefördert, was ihn den Deutschnationalen und Nationalsozialisten besonders verhasst gemacht hat. Kestenberg ist ein wichtiger, prominenter Kulturpolitiker der Weimarer Republik gewesen, bis er 1932 nach dem Staatsstreich von Reichskanzler Franz von Papen gegen die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung kaltgestellt worden ist. »Es lag nahe, daß ich zunächst in meine frühere Heimat, in die Tschechoslowakei flüchtete, und zwar nach Prag.«

 

Für Friedrich Wilhelm Cassirer markiert der 30. März den Bruch zwischen dem Leben als gut situierter erfolgreicher Unternehmer und dem eines Emigranten. An diesem Tag werden die drei Zeitungen, an denen er beteiligt ist, gleichgeschaltet und enteignet. »Gleichzeitig ordnete dieselbe Behörde an, dass die Büros von Fritz Cassirer & Co in der ­Ritterstrasse geschlossen wurden. Alle Bücher wurden konfisziert.«

Friedrich Wilhelm Cassirer gehört zur zweiten Generation einer sehr großen, bekannten und erfolgreichen Berliner jüdischen Familie, die Wirtschaft und Kultur geprägt haben wie kaum eine andere: Bedeutende Unternehmer, Gelehrte und Kunstförderer sind aus dieser Familie hervorgegangen. Friedrich Wilhelm, genannt Fritz oder auch »Litze«, um ihn von einem anderen Fritz zu unterscheiden, gehört zu den Unternehmern. Der studierte Chemiker hat die Papierfabrik seines Vaters in Schlesien weitergeführt. Mit Carl von Ossietzky hat er die Zeitung Welt am Abend gegründet. Seine Werbeagentur besorgt die Anzeigen für die Zeitungen des kommunistischen Münzenberg-Konzerns, so zum Beispiel für Berlin am Abend und die Arbeiter-Illus-trierte-Zeitung. Einige Jahre hat er außerdem die Geschäfte des Deutschen Theaters von Max Reinhardt geführt. Sein großes Hobby ist seine Mineraliensammlung. Beruflich also erfolgreich, privat hat er weniger Glück. Seine 13 Jahre jüngere Frau Eva starb 1921 kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Klaus Wolfgang an der Spanischen Grippe.

Jüdisch, republikanisch und mit Verbindungen in die politische Linke muss auch Friedrich Wilhelm Cassirer damit rechnen, in einem der provisorischen Konzentrationslager der SA zu verschwinden. »Mir wurde der freundliche Rat gegeben, (den Verlust seiner Unternehmen, pl) besser zu ­akzeptieren und dass ich im Interesse meiner Sicherheit so schnell wie möglich verschwinden sollte.« Zusammen mit seinem zwölfjährigen Sohn verlässt Cassirer die noble Villa in der Siemensstraße im Grunewald. Was die beiden mitnehmen, passt in zwei Koffer, was vermuten lässt, dass sie die Bahn nehmen. Ihr Reiseziel: Prag.

 

Einen Tag später, am 31. März, bricht auch Käte Frankenthal auf, denn auch sie schwebt nun in immer größerer Gefahr. »Es hatte schon in meiner nächsten Umgebung ein­geschlagen, nahe Mitarbeiter von mir waren verhaftet.«

Käte Frankenthal ist eine Frau, der niemand so leicht den Schneid abkaufen kann. Geboren 1889 in Kiel als Tochter ­einer jüdischen Familie; eine große, stattliche Erscheinung mit kurzen Haaren, selbstbewusst und durchsetzungsstark, eine streitbare Intellektuelle, manchmal direkt bis zur Schroffheit, dabei immer auf ihre Unabhängigkeit bedacht. Das zeigt auch ihr bisheriger Lebensweg: Nach dem Medizinstudium Militärärztin bei den Österreichern im Ersten Weltkrieg, danach Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in Berlin, ab 1928 Stadtärztin im Arbeiterbezirk Neukölln. Daneben engagierte sie sich für die SPD als Kommunalpolitikerin und Landtagsabgeordnete. Den Sozialdemokraten hat sie allerdings 1931 den Rücken gekehrt, verzweifelt über eine aus ihrer Sicht bürokratisierte, politik- und aktionsunfähige Partei, der nichts Besseres einfiel, als den »Hungerkanzler« Heinrich Brüning zu stützen und zur Wiederwahl von Reichspräsident Hindenburg aufzurufen, um Hitler zu verhindern. Aber in der sektiererischen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) von Max Seydewitz hat sie es auch nicht lange ausgehalten. »Ich paßte in jede Kategorie, die von den Nazis verabscheut wurde: Jüdin, Sozialistin, Volksverhetzer, emanzipiertes Weib.«

Mitte März ist sie von ihrem Amt als Stadtärztin beurlaubt worden. In den folgenden Wochen leistet sie noch medizinische Hilfe, wo sie notwendig ist, wenn Genossen aus den Folterkellern von Gestapo und SA freigelassen worden sind, spätabends und heimlich.

Am 31. März beschließt sie, sich nach einem Exilland umzusehen. »In Betracht kamen Österreich die Tschechoslowakei oder die Schweiz.« Zwei Wochen will sie herum­reisen, sich ein Bild machen und dann entscheiden, wohin sie geht. »Dann wollte ich zurückkommen, meinen Haushalt auflösen, Sachen die ich behalten wollte, verpacken und in die Emigration gehen.«

 

An dem Tag, an dem Käte Frankenthal abreist, steht die Schauspielerin Tilla Durieux abends auf der Bühne. Im Thea­ter in der Stresemannstraße, dem heutigen Hebbel am Ufer (HAU), spielt sie die weibliche Hauptrolle in dem Stück Konflikt. Autor ist der den Nazis besonders verhasste Prominentenanwalt und Schriftsteller Max Alsberg.

Tilla Durieux ist einer der gefeierten Stars auf den Bühnen der Weimarer Republik. Sie war einige Jahre mit dem Kunsthändler Paul Cassirer verheiratet, einem Cousin von Friedrich Wilhelm Cassirer. Zu ihrer Prominenz hat auch beigetragen, dass sich Paul 1926 wegen der aufsehenerregenden Scheidung von Durieux erschossen hatte.

Am Abend des 31. März kommt nach dem ersten Akt ­Direktor Kurt Raeck zu ihr und berichtet, dass am nächsten Abend mit Störaktionen der Nazis zu rechnen sei. Landesweite Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäfte sind geplant. »Er beschloß, nicht mehr spielen zu lassen, und gab mir den dringenden Rat, mit meinem Mann abzureisen, denn nach mir (…) habe man sich besonders erkundigt. Die Vorstellung schloß um viertel vor elf, um elf ging der Zug über Dresden nach Prag.« Durieux bleibt bis zum Ende der Vorstellung auf der Bühne, schickt aber schon mal eine Kollegin zu ihrem Mann, der in einem Hotel auf sie wartet, mit der Bitte, das Notwendigste zu packen. Ihr Mann ist der Großindustrielle Ludwig Katzenellenbogen, der nicht nur wegen seiner jüdischen Herkunft Grund hat, sich vor den Nationalsozialisten zu verstecken. Er war 1931 mehrere Monate im Gefängnis, wegen einer Bankrott- und Betrugsgeschichte zu Lasten mehrerer Banken. Nicht auszudenken, wenn Katzenellenbogen jetzt den Nazis in die Hände fiele. »Zum Glück befand sich der Bahnhof ganz in der Nähe des Theaters, und fünf Minuten vor Abgang konnte ich den Zug erreichen. Ich fand ihn voll besetzt von flüchtenden Personen, darunter viele bekannte Namen: die Direktoren Bernauer und Meinhard, die seit Jahren eines der großen Theater leiteten, den feinen Essayisten Polgar, (…) prominente Rechtsanwälte, Schriftsteller und Maler.« Tilla Durieux erinnert sich an ein allgemeines Aufatmen der Erleichterung, als sich der Zug in Bewegung setzt. »Mit zwei Handkoffern und den erlaubten zweihundert Mark pro Person zogen wir ins Ungewisse.«

 

Max Seydewitz ist gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Untergrund gegangen. Aber erst Anfang April ergibt sich für ihn und seine Familie die Möglichkeit zur Flucht. Der Grund: Ein SA-Sturm hat Mitte März seine Wohnung in der Behmstraße im Berliner Bezirk Wedding okkupiert und hält dort seither zwei seiner Söhne und den Schwager als Geiseln gefangen.

Seydewitz, 40 Jahre alt, ist einer der drei Gründer der ­Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, SAPD, ein Sammelbecken für enttäuschte SPDler, unabhängige Linke und abtrünnige Kommunisten. Der gelernte Buchdrucker und spätere Chefredakteur mehrerer Parteizeitungen war bis 1932 acht Jahre lang Reichstagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Chemnitz-Zwickau. Als Exponent des marxistischen linken Flügels hat er lange mit dem parlamentarischen Kurs der Parteiführung gehadert. Die bürgerliche Republik ist nicht das, was er sich als Sozialist vorgestellt hat. Deshalb hat sich Seydewitz aktiv für eine Annäherung an die KPD eingesetzt – ein Unding für die SPD-Führung, wo doch die Kommunisten in den Sozialdemokraten ihre Hauptgegner sehen und nicht etwa die Nationalsozialisten. Und so hat sie Seydewitz und seine Mitstreiter Paul Levi und Kurt Rosenfeld wegen Bruchs der Fraktionsdisziplin aus der Partei ausgeschlossen. Sie alle sind seit dem 30. Januar akut gefährdet, von Gestapo und SA in eines der provisorischen Gefängnisse verschleppt zu werden. Ein mit den Regeln der Kon­spiration eigentlich sehr vertrauter Genosse, Karl Frank, hat den untergetauchten Seydewitz für den 12. März um 15 Uhr zu dessen Wohnung im Wedding bestellt. Der findet das seltsam unprofessionell, wo doch gerade sein Haus ganz sicher überwacht wird. Einer Eingebung folgend, wartet er mit ­seiner Frau vor dem Gebäude und geht noch in die Kneipe gegenüber, um ein paar Zigarillos zu kaufen, obwohl er ­eigentlich Nichtraucher ist. Und von dort beobachtet er, wie ein Lastwagen der SA vorfährt; die uniformierten In­sassen gehen ins Haus. Ihr Ziel: Die Wohnung der Familie Seydewitz, wo sie den Politiker abfangen wollen. Sie treffen jedoch nur seinen Schwager und zwei seiner Söhne an. Weil der SA-Sturm Seydewitz nicht gefasst hat, nimmt er die Familienmitglieder als Geiseln. Doch auch wenn es ihm schwerfällt: Max Seydewitz lässt sich nicht in die Wohnung locken. Karl Frank jedoch hat er ab jetzt unter Verdacht, ihn an die SA verraten zu haben.

Die Braunhemden, die die Söhne und den Schwager in der Behmstraße festhalten, verlassen die Wohnung von Seydewitz am 30. März. Sie werden für die antijüdischen Aktionen gebraucht, die für den 1. April geplant sind. Das ist die Gelegenheit. Befreundete Genossen von Seydewitz holen die Kinder und räumen die Wohnung aus. »Als die SA-­Kolonne am Abend nach ihrem Dienst beim Judenboykott zur Behmstrasse zurückkehrte, um dort weiter auf mich zu warten, war die Wohnung leer.« Als Nächstes geht es darum, wie die Seydewitz’ aus dem Land kommen; keine Kleinigkeit für eine Familie mit vier Kindern.

 

Mitte April ist Helmut Herzfeld noch immer in Berlin. Der Bruder des Malik-Verlegers Wieland Herzfelde, bekannt geworden unter seinem Künstlernamen John Heartfield, wechselt ständig sein Quartier und wohnt bei Freunden und Genossen aus der Kommunistischen Partei. Dazu hat er allen Grund, denn er gilt als Meister der satirischen politischen Collage, die er zu einer publizistischen Waffe gegen die Nazis gemacht hat. Deshalb sind SA und Gestapo auch hinter ihm her. Einmal wäre er fast von einem Kommando der Braunhemden erwischt worden. Zusammen mit Kollegen war er in seine Wohnung zurückgekehrt, um ein Plakat für die Reichstagswahl am 5. März zu drucken. Sie konnten gerade noch über die Dächer fliehen. Nun hat er sich zur Flucht nach Prag durchgerungen.

Am Ostersamstag trifft er sich abends mit seiner Frau Barbara in einem belebten Lokal. Die steckt ihm beim Abschied fünf Mark zu. Heartfield will noch die wichtigsten Sachen aus der Wohnung in der Potsdamer Straße holen. Dort knüpft er vorsichtshalber mehrere Bettlaken zusammen, bindet sie um das Fensterkreuz und lässt sie als provisorisches Seil in den Hof hinab. Bald darauf donnern Stiefeltritte gegen seine Haustür. Ohne Schuhe und Mantel lässt sich Heartfield an seinem Laken-Seil in den Hof hinunter. Allerdings ist die Hoftür zur Straße verschlossen. Er versteckt sich in einem dort abgestellten, fast mannsgroßen Kasten, einer ausrangierten Lichtreklame, und kann von unten mithören, wie die SA oben seine Wohnung zerlegt. Am Morgen, sobald die Hoftür aufgeschlossen ist, rennt er völlig durchgefroren auf die Straße, erwischt glücklicherweise sofort ein Taxi und lässt sich von den fünf Reichsmark seiner Frau nach Schöneberg fahren. Dort wohnt ein befreundetes Schauspieler-Paar: Heinrich Graf und Lotte Loebinger. Sie helfen ihm, indem sie ihn erst verstecken und dann aus der Stadt bringen.

 

Irgendwann im April bekommt der Verleger Martin Feuchtwanger mit, dass die SS in seinem Betrieb »christliche« Mitarbeiterinnen unter Druck setzt. Sie sollen unterschreiben, dass er, ein Jude, sie berührt habe – ihm soll offensichtlich »Rassenschande« angehängt werden. Sofort ist ihm klar, dass er verschwinden muss. Seit der Machtübernahme der Nazis wird er sowieso permanent schikaniert. Viermal haben sie ihn verhaftet und über seine Verbindungen zu einem seiner Brüder verhört, zu Lion Feuchtwanger, dem linken jüdischen Erfolgsschriftsteller, der bereits emigriert ist.

Martin Feuchtwanger hat anders als sein Bruder keinerlei politische Ambitionen. Der Verleger aus Halle an der Saale hat nach einigen Jahren im Journalismus sein Geld mit sogenannten Zeitungskorrespondenzen und Unterhaltungsromanen gemacht. Die meisten deutschsprachigen Zeitungen haben damals eigene Redaktionen nur für Politik, Lokales und Wirtschaft. Der Rest wird hinzugekauft, indem man »Korrespondenzen« abonniert, druckfertige Zeitungsseiten, und die liefert aus Halle der Fünf-Türme-Verlag von Martin Feuchtwanger: Die Rubrik »Haus und Garten« zum Beispiel oder die Humor- und Rätselseite, die Seite für die Frau, die Sportkorrespondenz, die Sonntagsbeilage und den Fortsetzungsroman. »Ein Großteil der deutschsprachigen Zeitungen in ­aller Welt war auf meine Korrespondenzen abonniert, Hunderte von Zeitungen bezogen ihr gesamtes Material von mir, ausgenommen den politischen und lokalen Teil.« Die Zeitungsromane, die Feuchtwanger zusätzlich als Bücher he­rausbringt, erreichen sechsstellige Auflagen. Anfang 1933 ist Martin Feuchtwanger ein schwerreicher Verleger mit Villa und Dienstpersonal, Auto und Chauffeur, dazu regelmäßige Urlaubsreisen mit Sohn Klaus. Er ist mit seiner ­Arbeit verheiratet, worüber jedoch seine Ehe gescheitert ist.

»Mein Korrespondenzverlag, den ich mit solcher Liebe und solchem Eifer aufgebaut hatte, machte mir schon lange kein Vergnügen mehr.« Er will in Ruhe verkaufen und auswandern. Aber dazu bleibt ihm nun nicht mehr die Zeit. »Ich verbrachte die Nacht mit der Sichtung meiner Papiere und Dokumente, äußerlich gefaßt, innerlich aber zitternd in der Angst, es sei für eine Flucht zu spät.« Offiziell fährt er nur für ein paar Tage weg, tatsächlich lässt er alles stehen und liegen. »(…) meinen großen, blühenden Betrieb, meine Druckerei, mein Haus (…) mit einer Bibliothek von siebentausend Bänden, mit ungeheuren Werten, mit meinen heißgeliebten Ölbildern, den Bildnissen meiner Vorfahren (…), mit meinem schönen Garten, den ich selbst betreut hatte.« Er habe sich fortschleichen müssen mit einem Handköfferchen wie ein Dieb, weil sich bissige und tollwütige Bestien zu den Herren Deutschlands gemacht hätten. Aber trotz ­aller Eile hat er einen Plan: Über die Schweiz und Österreich will er nach Prag.

 

Friedrich Stampfer ist restlos bedient. In der Nacht zum 15. Mai ist der Chefredakteur der inzwischen verbotenen SPD-Parteizeitung Vorwärts von Saarbrücken aus per Bahn nach Berlin zurückgekehrt, eine Reise nicht ohne per­sön­liches Risiko. Begleitet hat ihn der stellvertretende Par­teivorsitzende Hans Vogel. Die beiden sollten die Reichstagsfraktion auf die Linie des Parteivorstands zu einer ­außenpolitischen Erklärung Hitlers einschwören – und sind ­gescheitert.

Seit dem 30. Januar haben die Sozialdemokraten eine Niederlage nach der anderen einstecken müssen. Nach dem Reichstagsbrand und dem Verbot aller SPD-Zeitungen sind Hunderte Genossinnen und Genossen unter der Notverordnung »Zum Schutz von Volk und Staat« verhaftet und in die Foltergefängnisse der SA verschleppt worden. Einige besonders exponierte Mitglieder sind geflüchtet. Mehrere Sozialdemokraten sind ermordet worden. Eine Reichskonferenz hat die Partei noch abhalten können, am 27. April im unzerstörten Flügel des Reichstagsgebäudes. Dem auf diesem Treffen neu gewählten Vorstand war klar, dass die SPD unter dem NS-Regime nicht mehr frei und legal würde arbeiten können. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai hat dieser neue Parteivorstand beschlossen, dass der SPD-Vorsitzende Otto Wels, der Kassierer Siegmund Crummenerl und eben er, Stampfer, ins sichere Ausland gehen sollten. Und ein zweiter Beschluss besagte, dass auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Hans Vogel, der Jugendsekretär Erich Ollenhauer und der Sekretär der Reichstagsfraktion, Paul Hertz, Deutschland verlassen sollten. Wobei Ausland zunächst Saarbrücken heißt, denn das Saarland steht noch unter französischer Kontrolle. Bereits darüber hat es heftige Diskussionen gegeben.

Die waren aber nichts gegen die hitzige Auseinandersetzung, die Stampfer und sein Begleiter Hans Vogel gerade erlebt haben. In Erinnerung geblieben ist die mutige Rede von Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz, das die Sozialdemokraten als einzige Fraktion abgelehnt hatten. Jetzt ist die Partei gespalten. Die Mehrheit der inzwischen dezi­mierten Reichstagsfraktion unter Führung des früheren Parlamentspräsidenten Paul Löbe legt Wert darauf, sich weiter im legalen Rahmen der Verfassung zu bewegen. Deshalb kommt ein Boykott der Parlamentssitzung für sie nicht infrage, in der Hitler seinen Friedenswillen bekunden wird. Löbe will mit Göring und Hitler verhandeln und hofft, durch Zugeständnisse zu erreichen, dass sich die Nationalsozialisten etwas konzilianter zeigen und eventuell die ­verbotenen SPD-Zeitungen wieder zulassen. Beschwichtigungspolitik wird so etwas später genannt, oder auch ­Appeasement. Der Parteivorstand im Exil, in Berlin ver­treten durch Friedrich Stampfer und Hans Vogel, und eine Minderheit der Fraktion sind strikt dagegen. Die Fraktion solle der Reichstagssitzung fernbleiben und eine scharfe Erklärung gegen die Hitler’sche Außenpolitik abgeben. Aber die Mehrheit unter Löbe setzt sich nach der erregt geführten Debatte durch. Am Tag darauf, am Vormittag des 17. Mai, beschließt die Fraktion, die außenpolitische Erklärung ­Hitlers am Nachmittag zur Kenntnis zu nehmen, ohne mit einer eigenen Erklärung zu reagieren. »Hans Vogel und ich verließen tief erschüttert das Reichstagsgebäude«, erinnert sich Stampfer. Draußen warten zwei Vorstandsassistenten mit einem Wagen: Fritz Heine und Otto Schönfeldt. Sie bringen Vogel und Stampfer aus der Stadt. Das Ziel der Reise: Die tschechoslowakische Hauptstadt Prag.

 

Die Jungkommunistin Lisa Ekstein muss im Juni erkennen, dass ihr die Gestapo dicht auf den Fersen ist. Nach dem 30. Januar hat sie noch mehrere Monate versucht, mit Gleichgesinnten im Untergrund Flugblätter und eine illegale Zeitung zu produzieren. Aber immer mehr aus ihrem Kreis sind festgenommen worden, und nicht alle haben unter den Schlägen und Misshandlungen in der Haft schweigen können. »Sie hatten meinen Vornamen und meine Beschreibung. Ich hatte kein Quartier, keine Papiere. Kein Geld, keine Arbeit. Ich wußte, daß ich mich nicht länger halten konnte.«

Lisa Ekstein, heute vor allem unter ihrem Ehenamen Lisa Fittko bekannt, ist Ortswechsel gewohnt. Die Eltern Julie und Ignatz Ekstein stammen ursprünglich aus Pilsen. In Uschhorod in der heutigen Ukraine und später in Budapest war der Vater kaufmännischer Leiter eines Möbelwerks. In Wien hat er umgesattelt und als Journalist für eine Kulturzeitschrift gearbeitet und 1918 die KPÖ mitbegründet. Die Zeitschrift hat er dann aufgekauft und so sehr auf orthodox-links gedreht, dass sie daran eingegangen ist. Danach wechselte er zurück in sein altes Metier und heuerte in Wien bei der neugegründeten Sowjetischen Handelsvertretung an. Die ist bald darauf nach Berlin verlegt worden, und so ist auch die Familie Ekstein wieder umgezogen. Von den Kommunisten hat er sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre abgewandt. Dafür ist Tochter Lisa zu einer glühenden Kommunistin geworden, im Jugendverband der KPD hat sie schon eine kleine Karriere hingelegt. Deswegen ist sie gleich nach Machtantritt der Nationalsozialisten von der Bank, bei der sie als Fremdsprachenkorrespondentin angestellt war, gefeuert worden.

Nun muss sie aus Berlin verschwinden. Mit einem Freund will sie über das Riesengebirge wandern. Aber der bricht sich kurz zuvor den Fuß. Ein anderer aus ihrer Clique soll als Begleiter einspringen, aber er erscheint nicht zur verabredeten Zeit. Also muss sie allein abreisen. Mit einem hastig und schlecht gefälschten Pass nimmt sie in der zweiten Junihälfte den Zug Richtung Tschechoslowakei. Sie will erst einmal nach Leitmeritz, wo Verwandte ihrer Mutter leben und seit Anfang April auch ihre Eltern.

 

Willy Haas »verdankt« den Impuls seiner Abreise aus Berlin dem neuen Propagandaminister höchstselbst: »Ich hatte in einer Rede von Goebbels gelesen, daß er gesagt hatte, ›eine arische Hure sei immer noch besser als eine jüdische Mutter‹.« Haas’ alte jüdische Mutter lebt noch in Prag. »(I)ch habe mir gedacht, daß ich unter Menschen, die solche Bübereien dulden und ihnen auch noch zujubeln, nichts zu suchen habe.« Also entscheidet er sich im Juni, in seine Geburtsstadt zurückzukehren – später als viele journalistische Kollegen, denn Haas hat seit Februar versucht, das zu retten, was sein Berufsleben ausmacht.

1926 hat der Journalist von dem Verleger Ernst Rowohlt die Zeitschrift Literarische Welt übernommen. Unter seiner inhaltlichen Leitung und dank des geschäftlichen Geschicks seines Freundes und Kollegen Hans Werner Golz (ursprünglich Hans Goldlust) hat sich das Blatt exzellent entwickelt. Es ist eine pluralistisch aufgestellte liberale Kulturzeitschrift, die sich nur der Literatur widmet und politischer Kontroversen enthält. Neutral und objektiv soll informiert werden, auch wenn es manchmal schwerfällt. Aber diese Linie zahlt sich aus. 1928 hat die Literarische Welt eine Auflage von 28500 und ist dank vieler Inserate für die ­Eigentümer ziemlich lukrativ gewesen. Danach hat erst die Wirtschaftskrise der Zeitschrift zugesetzt und schließlich die politische Polarisierung. Auch Willy Haas hat geglaubt, dass sich die Nazis nur ein paar Wochen an der Macht halten werden. Er hat ein paar mehr rechte Autoren ins Blatt gehoben und gehofft, dass das neue Regime das goutieren wird, dass die Literarische Welt von einem Verbot verschont bleibt, wie es die politisch eindeutig links zu ver­ortende Weltbühne ereilt hat. Aber der Druck von Rechtsaußen hat in den folgenden Wochen trotzdem zugenommen. »Wir schwammen noch einige Wochen weiter, immer so­zusagen zwischen Konzentrationslager, Bankrott und Flucht.« Joseph Goebbels will die Zeitschrift jedoch nicht schließen, sondern übernehmen. Über den Schriftsteller Hanns Heinz Ewers lässt er dem Leiter der Literarischen Welt ausrichten: »Er (Goebbels, pl) würde die Literarische Welt gern weiter erscheinen lassen, verstehen Sie, Herr Haas? (…) Sie haben noch etwa zwei bis drei Monate Zeit, die Literarische Welt zu verkaufen.« Haas und Golz ver­stehen, was die Stunde geschlagen hat. Sie veräußern ihr Blatt an Parteigänger der Nationalsozialisten, die es Anfang Juni im Sinne des Regimes neu aufstellen und in kurzer Zeit drei Viertel der Abonnenten verlieren. Für Haas bleibt ­außer dem Verkaufserlös noch eine giftige Bemerkung von Klaus Mann: »Was den Willy Haas betrifft, so ist das einer, dem es nicht gelungen ist, sich gleichzuschalten; er hat sich alle Mühe dafür gegeben.«

 

Anfang Oktober ist auch für Walter Ulbricht die Lage so bedrohlich geworden, dass er aus Deutschland verschwinden muss. Ulbricht gehört zur zweiten Reihe in der Führungsriege der KPD. Er ist Mitglied des Zentralkomitees seit 1927 und des Reichstags seit 1928. Nachdem Parteichef Ernst Thälmann verhaftet worden ist, gilt Ulbricht als einer der wichtigsten Köpfe der KPD. Das sehen auch die Gestapo und die NS-Justiz so, die ihn seit dem 6. März mit Haftbefehl suchen. Nun haben sie sogar einen Steckbrief veröffentlicht. Sein Bild ist in mehreren Zeitungen abgedruckt, wodurch auch seine aktuelle Vermieterin in Berlin darauf aufmerksam wird, wen sie da gerade beherbergt. Nach einer längeren Diskussion darf er trotzdem bleiben.

Walter Ulbricht ist gleich nach dem Reichstagsbrand untergetaucht. Seither führt er ein unstetes Leben, wechselt ständig Unterkünfte und Namen. Zur Tarnung dienen auch Spitzbart und Brille. Er sieht jetzt schon so aus wie später als DDR-Staats- und Parteichef. Ulbricht ist ständig unterwegs zwischen Saarbrücken, Paris, Amsterdam, Prag und Moskau, zwischendurch in Deutschland, wo er KPD-Gruppen in illegaler Arbeit anleitet und auf der geheimen letzten Parteikonferenz in der Nähe von Berlin spricht. Seine konspirative Taktik ist immerhin so erfolgreich, dass die Gestapo zeitweise nicht weiß, wo er sich aufhält. Sie vermutet ihn in Prag, dabei reist er durch Deutschland.

Er vertritt die offizielle Linie der KPD, allerdings etwas flexibler als andere. Was ihm vorschwebt, ist eine »Aktions­einheit der Arbeiterschaft von unten«. Die Anhänger und einfachen Mitglieder der Sozialdemokraten will er zum ­gemeinsamen Widerstand mit den Kommunisten über­reden, freilich unter der Führung der KPD. Zu einzelnen SPD-Funktionären hat er zwar vertrauliche Kontakte. Nach ­offizieller Lesart der Kommunistischen Internationale (Kom­intern), einem Kontrollgremium Stalins, gelten die Sozialdemokraten jedoch als »Sozialfaschisten« und damit als Hauptfeind. Der Faschismus, so die Doktrin der Kommunisten seit 1928, sei die letzte Erscheinungsform des Monopolkapitalismus vor seinem Zusammenbruch. Bereits die Präsidialkabinette Brüning, Papen und Schleicher – alle ohne parlamentarische Mehrheit vom Reichspräsidenten berufen – werden von der KPD als faschistisch angesehen, und die Sozialdemokraten als deren Steigbügelhalter. Nach dem Faschismus wäre der Weg frei für die kommunistische Revolution und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats. Indem die Sozialdemokraten die Demokratie von Weimar verteidigen, stehen sie auch noch dem Lauf der Geschichte im Weg. Der sichtbarste Ausdruck dieser Doktrin war im Vorjahr der politische Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben, als Kommunisten und Nationalsozialisten Seite an Seite gegen die sozialdemokratisch geführte Betriebsleitung agierten. Daran war Ulbricht an führender Stelle beteiligt. Dabei haben die Nationalsozialisten ihrerseits die KPD immer als Hauptgegner betrachtet. Das neue Regime hat die 100 Parlamentsmandate der KPD gleich nach der Wahl annulliert. Ihre Funktionäre sind zu Hunderten eingesperrt worden und leiden unter der Folter, mit der Informationen abgepresst werden, die zur Verfolgung von anderen Parteifunktionären dienlich sind. Trotzdem will die KPD noch immer nicht wahrhaben, dass sie das politische Spiel in Deutschland verloren hat.

Aber für Walter Ulbricht ist es eng geworden. Er wartet noch eine telegraphische Aufforderung aus Moskau ab, dann macht er sich auf den Weg. Sein erstes Ziel: Prag.

 

Gerhart Seger, ein Aktivist der Friedensbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, ist noch am 5. März als SPD-Reichstags­abgeordneter für Dessau wiedergewählt worden. Eine Woche später, als er gerade seine Mutter in Leipzig besuchte, nahm ihn die Gestapo in deren Wohnung fest. Es folgten drei ­Monate »Schutzhaft« im Gerichtsgefängnis von Dessau. Mitte Juni wurde er ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht.

Am 4. Dezember nutzt er bei einem Außeneinsatz als Zwangsarbeiter die Gelegenheit zur Flucht. Er schlägt sich nach Berlin durch; »unter fortgesetztem Wechsel der Züge« fährt er Richtung Süden. »Von einer kleinen Stadt im Elbsandsteingebirge aus (begann ich) den neunstündigen Nachtmarsch, der mich in Sicherheit bringen sollte.« Segers Ziel: die Grenze zur Tschechoslowakei.

 

Willi Bredel, kommunistischer Arbeiter-Schriftsteller aus Hamburg, kann erst im Mai 1934 aus Deutschland entkommen. Nach 14 schlimmen Monaten in der Haft haben ihn die NS-Machthaber am 16. März 1934 entlassen, allerdings unter Auflagen: Er muss sich zwei Mal wöchentlich bei der Gestapo melden.

Der gelernte Metalldreher hatte bereits Hafterfahrung, unter anderem, weil er 1923 beim kommunistischen Hamburger Aufstand mitgemacht hatte, was ihm zwei Jahre ­Gefängnis einbrachte. Auch er hat später den Weg in den Journalismus genommen, seit 1928 als Redakteur bei der Hamburger Volkszeitung. 1930 musste er zum zweiten Mal ins Gefängnis – Festungshaft wegen »Vorbereitung literarischen Hoch- und Landesverrats«. In der Zelle hat er damals seine ersten längeren literarischen Texte verfasst. Bredel ist bekannt in Hamburg. Deswegen wird er schon im Februar ins Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht, das als Konzentrationslager fungiert.

An den Pfingstfeiertagen ist seine Meldepflicht bei der Gestapo ausgesetzt. Das ist die Gelegenheit. Am 20. oder 21. Mai verlässt Willi Bredel Hamburg unter falschem Namen und ohne Pass. Ein Freund benachrichtigt die Familie: Bredels Ehefrau Lisa und die beiden Söhne Viktor und Erik sollen über Kopenhagen ins Moskauer Exil gehen. Bredel will sich in die Tschechoslowakei absetzen.

 

In der zweiten Septemberhälfte 1934 bekommt der Berliner Journalist Kurt Hiller in seiner Wohnung im Ortsteil Friedenau unangemeldeten Besuch: Ein SS-Offizier von der Leibstandarte Adolf Hitler ist gekommen, um ihm – sehr seltsam – eine Vorladung ins Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße anzukündigen – in acht bis zehn ­Tagen. Es geht um das, was Hiller vor Kurzem einem Maler aus der Tschechoslowakei berichtet hat, wie nämlich der ­anarchistische Dichter Erich Mühsam im Konzentrations­lager Oranienburg von der SA umgebracht worden ist. Hiller war selbst KZ-Insasse dort. Erst seit April ist er wieder auf freiem Fuß. Nun droht ihm wieder die Verhaftung, diesmal wegen Landesverrats. Der Journalist aus gutbürgerlichem jüdischem Hause mit klassischer Bildung hat sich in den letzten Jahren als besonders scharfzüngiger und konfliktfreudiger Autor der Weltbühne erwiesen. Kurt Hiller gehört zu jenen »heimatlosen Linken«, die sich als überzeugte Republikaner verstehen und gegen die nationalistische Rechte anschreiben. Mit dem Parteienstaat der Weimarer Republik und der unvollkommenen Praxis der parlamentarischen Demokratie kann er jedoch auch nichts anfangen. Ihm und seinesgleichen schwebt ein ethisch begründeter Sozialismus vor, gesteuert von der geistigen Elite des Landes. Die Revolution von 1918 ist aus ihrer Sicht unvollendet geblieben. Die da­raus hervorgegangene Republik ist ihnen zu armselig und zu wenig. Deren politische Repräsentanten müssen viele Male die beißende Kritik Hillers ertragen. Die ist oft vermischt mit dem Dünkel des studierten Bildungsbürgers gegenüber den in die politische Spitze aufgestiegenen Arbeitern aus der SPD. Wo Hiller publizistisch zuschlägt, und das gilt für beide politischen Lager, wächst so schnell kein Kraut mehr. Das haben auch die Mitglieder der Deutschen Friedensgesellschaft erlebt, in der es dank Hiller unfriedlicher und unversöhnlicher zuging als in den meisten Parteien. Nach mehreren Konflikten darüber, wie radikal und anti­kapitalistisch der Pazifismus nun sein solle und wie man sich zu den Versailler Verträgen zu stellen habe, ist er ausgeschlossen worden und hat 1926 seine eigene Organisation gegründet: die Gruppe revolutionärer Pazifisten; 150 Mitglieder, darunter einige klangvolle Namen: Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Walter Mehring. Sozialist, Pazifist und Jude – das reicht, um nach dem 30. Januar von den neuen Macht­habern verfolgt zu werden. Dass Hiller außerdem homo­sexuell ist, spielt offenbar noch keine Rolle. Am 14. März ist er erstmals verhaftet worden, für vier Tage. Am 2. April noch einmal, jetzt für vier Wochen. Unbegreiflich, dass er danach noch immer nicht geflohen ist. Im Gegenteil: Die­jenigen, die emigriert sind, hat er dafür noch vor Kurzem heftig kritisiert. Er will unbedingt bleiben.

Am 14. Juli 1933 ist Kurt Hiller ins berüchtigte Columbia-Haus verschleppt worden, das später das einzige offi­-zielle KZ in Berlin wurde. Hier hat er das Martyrium vieler NS-Gegner durchlebt: Demütigung, Misshandlung, Folter. Bis zum Februar 1934, dann wird er für zwei Monate ins KZ Oranienburg verlegt und schließlich entlassen.

Aber nun ist er immer noch in Berlin. Was er dem Gast aus der Tschechoslowakei über den Mord an Erich Mühsam erzählte, hat dieser an die Gestapo verraten. Deshalb ist der SS-Offizier erschienen, und seltsamerweise hat er eine Vorladung in acht bis zehn Tagen angekündigt und so seltsam gefragt: »Sie sind doch dann hier?« Gemeint ist jedoch: ­Hiller soll verschwinden. Die Machthaber, so reimt sich Hiller zusammen, haben kein Interesse daran, dass die Mörder des anarchistischen Philosophen Erich Mühsam in einem Gerichtsverfahren womöglich öffentlich mit Namen genannt werden. Kurt Hiller hat verstanden.

 

Hans Natonek, seines Zeichens ebenfalls Schriftsteller und Journalist, versteht erst Ende 1934, was die Stunde geschlagen hat. Bei ihm vermischt sich das politische Drama des Landes höchst unglücklich mit einem privaten. 1932 hat er eine Beziehung mit der 20 Jahre jüngeren Volontärin Erika Wassermann begonnen, Tochter eines prominenten jüdischen Anwalts und Rechtsgelehrten aus Hamburg. Daraus entwickelt sich mehr als eine seiner üblichen kleinen Affären. Als seine Frau Gertrud das mitbekommt, nimmt das Unheil seinen Lauf, in Gestalt eines Rosenkriegs mit einer entschieden rassistischen Komponente. Die betrogene Gattin sieht sich nun als eine von einem Juden geschändete Frau und denunziert ihn bei den NS-Behörden. Das hat zur Folge, dass auf Hans Natonek das neue »Gesetz über den Widerruf der deutschen Staatsangehörigkeit« angewendet wird. Und so ist er seit dem 1. Januar 1934 staatenlos.

Auch Natonek gehört, wie er selbst sagt, zum »Geschlecht der entlaufenen Prager«; aus einer jüdischen Familie dort, aber protestantisch getauft, seit 1928 mit deutscher Staatsbürgerschaft. Aus der Ehe mit der fünf Jahre jüngeren Verkäuferin Gertrud Hüther aus Halle an der Saale sind zwei Kinder hervorgegangen: 1919 Wolfgang und 1924 ­Susanne. Natonek hat es bis zum Feuilletonchef der Neuen Leipziger Zeitung gebracht, einem einflussreichen liberalen und dabei entschieden antinazistischen Blatt. Die Zeitung gehört seit 1931 Hermann Ullstein, einem der fünf Ullstein-Brüder, der die unentschiedene Haltung des Familienunternehmens gegenüber der Republik von Weimar nicht mit­tragen wollte. Hans Natonek arbeitet seit 20 Jahren bei der NLZ, ein stilistisch eleganter Vielschreiber, der besonders die kleinen Formen beherrscht, aber auch schon mehrere Romane vorgelegt hat, die freundlich besprochen worden sind. 1931 überreichte ihm der Oberbürgermeister Goerdeler den »Dichterpreis der Stadt Leipzig«. Mehr an Anerkennung geht kaum. In einem später in den USA verfass- ten Lebenslauf schreibt er über sich: »Ich (…) war ein 200-Dollar-die-Woche-Schriftsteller. Ich veröffentlichte ca 800000 Worte fiction und schrieb täglich eine column mit 300 Worten für eine große Zeitung. Macht pro Jahr 1 Million Worte. Ich hatte eine Frau, zwei Kinder, ein fünf-Zimmer-Apartment, eine Bibliothek von zweitausend Bänden (…).« Das nun alles aufgeben, weil die Nazis an die Macht gekommen sind? Er hält es eher mit seinem acht Jahre jüngeren Redakteur Erich Kästner, der für sich feststellt: »Zum Auswandern habe ich kein Talent.« Natonek versucht noch, mit ein paar versöhnlerischen Artikeln seine Bereitschaft zur Anpassung zu signalisieren. Aber dann wird er von der neuen Redaktionsleitung gefeuert – seiner jüdischen Herkunft wegen, aber auch wegen seiner Beziehung zu der Volontärin Erika Wassermann.

Was Gertrud Natonek in ihrem Furor als betrogene Ehefrau jedoch in Kauf nimmt oder übersehen hat: Auch sie und die beiden Kinder sind jetzt staatenlos. Hans Natonek hat sich nach Scheidung und Heirat mit Erika – beides im April 1934 – in die Hamburger Villa seines neuen Schwiegervaters verkrochen. Dort verfasst er seinen heute noch bekanntesten Roman Der Schlemihl über den weltreisenden und exilierten Dichter Adelbert von Chamisso. Ende des Jahres ist ihm jedoch klar, dass er in Deutschland keine Zukunft hat. Also noch ein »entlaufener Prager«, der in seine Geburtsstadt zurückkehren wird.

 

Heinz Jacoby ist es noch schlimmer ergangen als Kurt Hiller und Willi Bredel. Ähnlich wie Lisa Ekstein hat er nach dem 30. Januar in einer kommunistischen Untergrundgruppe mitgemacht, die heimlich Flugschriften gegen die Nazis verfasste und verbreitete. Aber 1934 war die Gruppe aufgeflogen, und er konnte sich nicht mehr rechtzeitig absetzen. Nach mehreren Wochen in Polizei- und Gestapo-Haft war er vom Berliner Landgericht zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt worden. Seine Frau Friede, gerade noch rechtzeitig gewarnt, hat sich nach Prag absetzen können.

Heinz Jacoby, ursprünglich Steindrucker aus einer jüdischen Familie, dann Sozialarbeiter, war Mitarbeiter im »Anti-Kriegsmuseum« von Ernst Friedrich in Berlin und zugleich in der marxistischen Arbeiter- und Jugendbewegung aktiv.

Bis Juni 1936 sitzt Heinz Jacoby im Zuchthaus ein, erst in Luckau, dann in Brandenburg. Als er schließlich entlassen wird, befürchtet er, dass er gleich wieder festgesetzt und ins KZ gesteckt wird. Aber diese Sorge bewahrheitet sich nicht. »So erreichte ich Berlin, von wo ich mit Hilfe meines alten, aber noch gültigen Reisepasses so rasch wie möglich zu meiner Frau nach Prag reisen wollte.« Er verbringt noch einige Tage und schlaflose Nächte bei einem befreundeten Ehepaar, immer in der Angst, dass ihn die Gestapo doch noch holt. Aber er übersteht die Zeit bis zur Abreise unbeschadet. Der Freund bringt ihn mit seinem kleinen Koffer zum Anhalter Bahnhof. »Ein letzter Händedruck. Wir sahen beide einer unbekannten, uns beängstigenden Zukunft entgegen.«

2Über die Grenze

Wer sich vor dem uniformierten Mob der Nationalsozialisten in Sicherheit bringen und deshalb Deutschland verlassen will, muss mehrere Fragen klären: Ist der Reisepass noch gültig oder wenigstens gut gefälscht? Wie riskant ist eine Reise mit der Bahn? Ist der eigene Bekanntheitsgrad so, dass man damit rechnen muss, bereits im Frühjahr 1933 auf den schwarzen Listen von SA, SS und Grenzpolizei zu stehen, oder kann man noch auf die Lücken auf diesen Listen vertrauen? Und falls nicht: Die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei ist 1500 Kilometer lang, ein Gürtel von Mittelgebirgen, zum großen Teil dicht bewaldet und nur schwer zu kontrollieren. Wer zu Fuß über Riesen- und Erzgebirge ins Böhmische will, hat gute Chance, von der deutschen Grenzpolizei unbemerkt hinüberzukommen. Aber das NS-Regime verstärkt nach und nach die Grenz­polizei mit Einheiten von SA und SS. Je später sich die Gefährdeten auf den Weg machen, desto größer das Risiko, erwischt zu werden.

 

Am schnellsten und bequemsten geht es natürlich mit dem eigenen Auto. Von Berlin aus erst über Herzberg und Elsterwerda nach Dresden, dann in einem leichten westlichen Bogen über Geising und Teplitz, vorbei an Theresienstadt und weiter südlich entlang der Moldau. 

Willy Haas, bis vor Kurzem Mitinhaber und Chefredakteur der Literarischen Welt kommt so nach Prag. Mit sich führt er an Devisen nur, was gesetzlich erlaubt ist. Sein ­übriges Geldvermögen will ein guter Freund, der Schriftsteller Korbinian Lechner, zu Fuß über die bayerisch-tschechische Grenze nach Prag bringen. Das ist nicht ohne Risiko, funktioniert aber. Die Hauptlast hat Haas’ Ehefrau Hanna zu stemmen. Sie ist mit dem Sohn Michael in ihrem Haus in Falkensee westlich der Berliner Stadtgrenze zurückgeblieben. Zusammen mit Rolf Italiaander, dem jungen Sekretär und Mitarbeiter von Haas, verpackt sie den gesamten Hausstand inklusive einer Bibliothek von 10000 Bänden zum Transport nach Prag. Wo die gesamte Habe der Familie dort unterkommt, ist nicht bekannt. Haas selbst wohnt erst einmal bei seiner Mutter.