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Zweiter Band der Gedichte des Herbstende-Zyklus, eine Lyrik-Trilogie des mehrfach ausgezeichneten Lyrikers und Bildhauers, die erste entsprechende Veröffentlichung seit dem 2023 erschienenen "A Scrapbook of Lies". Zurückgekehrt nicht nur in seine Muttersprache, sondern auch vielerorts zu Reim und Versmaß, sind diese Gedichte deutlich politischer als die früheren Veröffentlichungen. Dies gilt für Themen wie Klimawandel und Aufrüstung ebenso wie die aktuelle US-amerikanische Regierung oder den sich vielerorts erneut ausbreitenden Faschismus in seinen zahlreichen Spielarten. Der mit dem ersten Band eröffnete Grenzgang setzt sich hier fort. Das ist der vorsichtige Gang eines älteren Mannes zwischen allzeitbedingter Depression und fast noch jugendlichem Aufbegehren, aber mehr noch als im ersten Band geprägt vom Kopfschütteln vor der Welt, wie der Menschen Wirken sie zunehmend gestaltet.
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Seitenzahl: 65
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Teil 2: Verwirrung
Im Wasser, im Frühling
Das bleibt zu hoffen
Erstsemester
Die grauen Tiere
Glashaut
Wurzeln
Montagmorgen
Fremdporträt
Blumenkinder
Ich geh
Modelliert
Geh in die schweigende Stille
Nach Westen
Bis dann
Dasein
Gedichte
Beobachtung am Vorabend
Sterne
Einsichten
Der Karren
Projekt/-ion
Wenn jetzt…
Unruhig
Marie Burde
Spiegelwandern
Verspieltes
Ein Lied noch
Böses Lied 1: Schutzengel
Der Zorn
Der Greis
Ratschlag mit Vortragshilfen
Bitter
Gebet
Oder so
Nichts
Der Gärtnerin
Zur Sonne
Das kalte Herz
Nachtrag
Fensterbank
An Deck
Amseln
Abschlussplanung
Im Jetzt
Der Dichter
Nichts, nur weiß
Lebensregeln
Kilkee 2024
Schlussstrich
Orte
Irgendwo in Südtirol
Patience
Statusbericht
Von fern
Söldner
Such nicht
Nach Ägypten
Möwen
Das Licht
Vielleicht
Am Wassersaum
Nichts gefunden
Resümee
Ein Fluch von Dummheit
Weiß
Stundenlang
Meerschweinchen
Die dunklen Jahreszeiten
Zwei Wiesel
Vision
Pyramide
Schief
Spuren
An der Tür
Flugplan
Ach, ihr adipösen Gespenster
Die Sonne
Das noch ganz andere Lied
Was willst du dich im Wasser spiegeln,
es ist ja Eis, eh du im Licht
des Frühlings lächelnd wieder heimgehst.
Such nicht dein Haus, das gibt es nicht.
Das gibt es nicht und hat es nie gegeben,
du hast die Welt geträumt in dem Moment,
da du ins flüchtige Wasser blicktest.
Dein Herz ist stumm, wenn es nicht brennt.
Wie alle Herzen, und so viele sind erloschen,
und die sie tragen unterm Hemd,
erschlagen jeden, der sie darauf hinweist.
Geh nicht nach Haus, dort bist du fremd.
So fremd wie jeder, der noch Frühling ahnte,
als ringsum alles längst verschneit.
Die Ordner ordnen an, nicht stehen zu bleiben!
Man hat stets Recht. Und niemals Zeit.
Du schickst die Tränen in den Urlaub,
wie eine Mutter, die ihr Kind verstieß.
Doch sieh, wie in den weißen Flocken
der Frühling seine Spuren ließ.
Weil ein Geahntes schlägt in deinem Herzen,
dass dich der Frühling ganz umgibt.
Dass schon die erste Blüte alle Kälte überwindet
und man nicht lebt, wenn man nicht liebt.
Schläft der Tod in meinen wirrsten Augenblicken?
Und wenn er wach wird, gleiten seine dürren Hände
über meinen gänzlich unbeschriebenen Rücken?
Dass ich, noch eh der Morgen graut, verschwände?
Verschwimme wie die ungesuchte Antwort nach der Welt,
die längst rings um mein Kartenhaus zerfällt?
Bin ich denn der einzige ohne Aussicht auf Umarmen?
Der einzige, der nie den stillen Hafen fand?
Wär ich ein Heiland, könnt ich mich erbarmen?
Oder würde ich die ganze Welt in Sand,
der aus zerbrochenen Uhren rinnt, ersticken,
um Ewigkeiten auf das wüste Land zu blicken?
In mir stampfen wie Armeen tausend Herzen,
in mir geht ein Chronometer, doch die Zeit,
misst sich nun an zwei, drei Kerzen,
wir sollten gehen, und wir sind doch nicht bereit.
Aber ewig hält man uns die Tür nicht offen.
Kommt danach nichts? Das bleibt zu hoffen.
Sie geht die Straße runter,
fragt sich verwundert, wieso.
Das ist hier keine Stadt, denkt sie und schüttelt den Kopf,
nur ein zu lang nicht gereinigtes Klo.
Einer redet über Stadtentwicklung,
ach nein, er hat in den Rinnstein gereihert.
Sie erinnert sich an ihren letzten Abend zuhause, mit den Mädels.
Da haben sie Abschied gefeiert.
Angekommen danach, war gleich klar:
Zu feiern gibt es hier nix.
Alle reden, als läg's an dir selbst, dass man hier überlebt. Doch
wenn überhaupt, nur mit schäbigen Tricks.
Das hat sie, na vielleicht, gewollt,
was als Versprechen erschien.
Aber die Lügen liegen offen, wenn man seine Koffer hier abgestellt hat.
Danke für gar nichts, du Arschloch Berlin.
Die meisten Leute wissen gar nichts von den stillen grauen Tieren,
die in ihren Herzen wie ein großes Beben Tag und Nacht den Ausgang suchen.
Eingefangen, eingelullt und schließlich dann von kantigen Spalieren
ganz umgrenzt und dabei noch zu krank, die Kindheit zu verfluchen,
glitzert manchmal, doch das sieht ja keiner, Tau in ihren Haaren,
als hätten sie, bis dass es tagt, geschlafen, jetzt wären sie bereit,
in diesem Labyrinth die Träume, die sie irgendwann wohl waren,
die hohen Wolken, all die Schiffe, die in irgendeinem Hafen abgetane Zeit
noch einmal, und wär das auch mehr als sonst vor ihnen selbst verborgen,
in sich mit höflichem Gebaren aufzusuchen, bis das falbe Herz zerschlägt,
was gut begründet, validiert und reich an kundig zugespitzten Endzeitsorgen,
verhuscht sich ihnen um die von fremden Federn fast zerdrückte Seele legt.
Dann streifen sie verhaltenen Atems an sich lang, nichts anderes berühren
ihre breiten Schultern und diese Kinderaugen, die von Goldstaub blind.
Als wären sie unvermittelt Falter, die ein kurzes Sonnendasein führen,
und doch nichts anderes als beim Kaffeetrinken lästige Insekten sind.
Die fremden dunklen Augen in den fast granitenen Zügen aber ahnen,
dass es in keinem Labyrinth der Welt ein Heim für Schmetterlinge gibt.
Man sieht erstaunt, sogar die ihnen hilflos nachempfundenen Fahnen
sind unbekannt und hängen von den schiefen Masten wie entliebt.
Unsichtbare Hände freilich stellen jeden Abend schweißgebadete Folianten
in eine Welt, die an Regalen (Nicht doch! Nicht doch!) bald erstickt.
Allein die Grauen ahnen vage noch das Heute, das sie kannten,
doch wenn ein Buchverwalter mittags zögernd zu den Sternen blickt,
sieht er allenfalls die gänzlich unbekannte Herde heimwärts ziehen,
sie verlassen uns und unsre Herzen, weil die nichts als Quader sind.
Man kann vor sich und uns nicht mal mit ihnen noch entfliehen,
und sieht man zwischen ihnen stieren Blicks ein ausgebleichtes Kind,
dann jenes nur, das (Ach, wie blöd ist das denn?) keiner je gewesen,
der die grauen Riesen bestenfalls für überzogene Visionen hielt.
In all den fast zerfallenen Kaufhauskatalogen steht derweil zu lesen,
dass das Kind im Manne gerne mit Musketen aller Arten spielt.
Und so pflegt man seine Knarre Nacht um Nacht mit stillem Grauen,
als wüsste man, dass man schon längst den Faltern hätte folgen sollen.
Man fürchtet sich, dem Spiegel in sein Greis gewordenes Angesicht zu schauen
und fragt sich manchmal, was zum Teufel all die Narben und die Falten wollen,
die wie fremde Keilschriftzeichen sich in noch fast jugendfrische Züge graben,
und wie lang noch, bis man in kalter Nacht für immer dann die Augen schließt.
Es bleibt ein Sehnen, dass die Grauen unserm Herz als Hausaufgabe gaben,
doch jedes Blütenblatt zerfällt, wenn man die drauf geschriebenen Verse liest.
Wenn die Gräser Glashaut haben, wenn die Träume, die mir starben,
am Fenster stehen und winken, wenn die Rettungsboote sinken,
und die Einhörner Mikroplastik sind und in mir weint ein Kind
und schreit: Ich bin gar nicht hier! Verschwindet dann auch
die Sehnsucht nach dir?
Wenn die Uhren schneller ticken und wir uns in Urlaub schicken,
weil nichts mehr zu regeln bleibt. Wenn man Ansichtskarten schreibt,
und da draußen heulen die Sirenen. Man hat Flugsand in den Zähnen,
Füsiliere stehen schon Spalier, erschießen die dann abends auch
die Sehnsucht nach dir?
Und der eine will nach Hause, und der andre fliegt in die Türkei.
Alle machen Pause, keiner macht sich frei.
Ich bin auch nicht, der ich war, massig Wüste unterm schütteren Haar.
Aber wenn ich mich selber verlier, entkomm ich dann auch
dieser Sehnsucht nach dir?
Hundert
Hundert ist die Wurzel von zehntausend,
hunderttausend Tote sind der Samen für den nächsten Krieg.
Sieh dort die Generäle, Leichen schmausend,
und die Banker und die Waffenschmiede feiern jeden Sieg.
Ob unsere Fahne flattert oder in die Flammen rauschte,
das schert sie nicht, das war nur morsches Tuch,
da Recht man und Gewissen für Millionen tauschte.
