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Die Vor- und Nachteile von Video-Beratung Leidet die Qualität des Kontakts unter medienvermittelter Kommunikation oder stellt sie sogar einen Mehrwert dar? Die Einsatzmöglichkeiten für Video-Beratung sind vielfältig, jedoch kaum konzeptionell-methodisch gestützt und nur ansatzweise wissenschaftlich erforscht. Diese Lücke schließt Nadine Schaarschmidt. Sie zeigt, ob und auf welche Art sich die Kommunikation zwischen Berater_in und Klient_in verändert, sobald das Gespräch nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern videovermittelt stattfindet. Video-Beratung bietet eine niedrige Zugangsschwelle zu psychosozialer Unterstützung von psychisch belasteten Menschen, die z.B. •zeitlich und beruflich stark eingebunden sind, •körperliche Einschränkungen haben oder •in ländlichen Gebieten oder Gegenden mit unzureichender psychologischer und psychotherapeutischer Gesundheitsversorgung leben. Neben theoretischen Ausführungen werden praktische Handlungsanweisungen für die Durchführung videogestützter Beratung von Klient_innen angeboten und mit empirischen Ergebnissen verknüpft. Durch ein tieferes Verständnis von Theorie und Empirie lassen sich mögliche Fehler vermeiden und die Beratung kann wirkungsvoll gestaltet werden.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2022
Nadine Schaarschmidt
Videobasierte Beratung
Videovermittelte Beratung im Vergleich zu Face-to-Face-Settings
Videobasierte Beratung
Nadine Schaarschmidt
Dr. Nadine Schaarschmidt
Technische Universität Dresden
Strehlener Straße 22/24
01069 Dresden
Deutschland
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Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Bearbeitung: Barbara Buchter, Freiburg
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: Getty Images/Luis Alvarez
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Mediengestaltung Meike Cichos, Göttingen
Format: EPUB
1. Auflage 2023
© 2023 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96235-1)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76235-7)
ISBN 978-3-456-86235-4
https://doi.org/10.1024/86235-000
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Einleitung: Relevanz videobasierter Beratung
1 Begriffsbestimmung: Was ist wesentlich bei (videobasierter) Beratung?
1.1 Beratung
1.1.1 Definition und Merkmale von Beratung
1.1.2 Online-Beratung
1.1.2.1 Textbasierte Online-Beratung
1.1.2.2 Audiobasierte Beratung (Telefonberatung)
1.1.2.3 Audiovisuelle Online-Beratung (Video-Beratung)
1.1.3 Einsatzszenarien für videovermittelte Beratungsangebote
1.2 Kommunikation
1.2.1 Kommunikationsmodelle
1.2.2 Medial vermittelte Kommunikation
1.2.3 Videobasierte Kommunikation
1.3 Zentrale Wirkmechanismen von (Video-)Beratung
1.3.1 Emotionales Erleben
1.3.2 Arbeitsbeziehung
2 Studienlage: Einschlägige Forschung zu videobasierter Kommunikation und Beratung
2.1 Forschung zu videobasierter Kommunikation
2.1.1 Weidenmann, Paechter und Schweizer (2003): Wissenskommunikation in virtuellen Lernteams
2.1.2 Wegge (2006): Communication via Videoconference: Emotional and Cognitive Consequences of Affective Personality Dispositions, Seeing One’s Own Picture, and Disturbing Events
2.2 Medieneinsatz in der psychologischen Beratung und Therapie
2.2.1 Day und Schneider (2002): Psychotherapy Using Distance Technology: A Comparison of Face-to-Face, Video, and Audio Treatment
2.2.2 Simpson (2009): Psychotherapy via videoconferencing: a review
2.2.3 Backhaus et al. (2012): Videoconferencing psychotherapy: a systematic review
3 Unterschiede zwischen Face-to-Face- und Video-Beratung anhand empirischer Ergebnisse
3.1 Untersuchungsdesign
3.2 Stichprobe
3.3 Ergebnisse: Betrachtung der zentralen Wirkmechanismen von Beratung und deren Einflussfaktoren
3.3.1 Qualität der Arbeitsbeziehung zwischen Berater und Klient
3.3.2 Intensität des Emotionserlebens
3.4 Überblick und Verortung: Zusammenführung der zentralen Wirkmechanismen als wesentliche Charakteristika von Video-Beratung und deren Einflussfaktoren
3.5 Zusammenhang zwischen der Qualität der Arbeitsbeziehung und der Intensität des Emotionserlebens
4 Empfehlung für die psychologische Berufspraxis
5 Anschlussfähigkeit der Ergebnisse an pädagogische Konzepte
Literatur
Die Autorin
Sachwortverzeichnis
Panikstörungen, Depressionen, Belastungsstörungen – das traditionelle Behandlungsmodell der gesetzlichen Krankenkassen sah bis in die Jahre 2017/18 ausschließlich eine Betreuung der Patienten vor, bei der der Arzt oder Therapeut persönlich und physisch mit dem Patienten oder Klienten in Kontakt tritt. Unterstützung hinsichtlich klassischer Beratungsthemen wie Konfliktklärung, berufliche (Orientierungs-)Probleme, Führungskräfte-Coaching, Schwierigkeiten in der Beziehung oder der Familie und Erziehungsfragen wird zumindest zu Teilen mittlerweile auch im Rahmen von Online-Angeboten bereitgestellt, wenngleich bis zu Beginn der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 nur textbasiert.
Die Vielfalt und Komplexität psychischer und psychosozialer Beschwerden erfordern zuweilen jedoch eine über den Textkanal hinausgehende Betreuung und erschweren eine sowohl bedarfsgerechte als auch zeitnahe Versorgung hilfesuchender Menschen. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft liegt es nahe, das Innovationspotenzial digitaler Medien auch für den Gesundheitsbereich auszuschöpfen. Digitale Kommunikationstechnologien, die auf Video basieren, können hierbei eine besondere Rolle einnehmen. Wie bereits ein großangelegtes Review im British Journal of Guidance & Counselling im Jahr 2009 festgestellt hat, bietet Video-Beratung eine niedrige Zugangsschwelle zu psychosozialer Unterstützung von psychisch belasteten Menschen, die (1) zeitlich und beruflich stark eingebunden sind, (2) körperliche Einschränkungen haben und (3) in ländlichen Gebieten oder Gegenden mit unzureichender psychologischer und psychotherapeutischer Gesundheitsversorgung leben (vgl. Simpson, 2009, S. 271). Die dort zitierten Studien gehen sogar in die 1990er und 2000er Jahre zurück: Im englischspra|8|chigen Raum ist evidenzgeleitetes Vorgehen bei Video-Beratung bereits angekommen.
Mittels videogestützter Übertragung können die Einschränkungen des telefonischen Kontakts durch den zusätzlichen visuellen Übertragungsweg überwunden und gleichzeitig die Vorteile, die audio- oder textbasierte Kommunikationsmittel bieten, genutzt werden. Auf diese Weise lässt sich die geografische Distanz zwischen Klient und Berater schnell überwinden, wie eine weitere große Meta-Studie bereits im Jahr 2012 aus den USA feststellte (vgl. Backhaus et al., 2012, S. 112). Somit eignet sich dieses Format als eine potenzielle Beratungsform, da es sowohl ein gewisses Maß an Anonymität und Komplexitätsreduktion als auch Sichtbarkeit durch die Möglichkeit, Mimik, Gestik und andere nonverbale Informationen zu übertragen, bietet.
Die deutschsprachige Beratungs- und Therapielandschaft trägt diesen Potenzialen jedoch nur unzureichend Rechnung. Sowohl bekannte Träger von Beratungsangeboten, wie Caritas, AWO, Telefonseelsorge, ProFamilia u. a., als auch kleine Vereine stellten ihren Service ebenfalls online – in Ergänzung zur Face-to-Face-Beratung – zur Verfügung1. Dabei blieb das Angebot jedoch vor Beginn der Covid-19-Pandemie vielfach auf Chat- und E-Mail-Beratung beschränkt. Beratungsstellen, wie bspw. die AWO-Erziehungsberatung in Halle, verfügten über keine freien Kapazitäten, um ihr Angebot auszubauen. Die Mitarbeitenden sind „schon so überlastet, dass es nicht unbedingt notwendig wäre, noch was anderes anzubieten“, so eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle mit dem Schwerpunkt Online-Beratung im Interview im November 2014. Video-Beratung hat bisher noch wenig Verbreitung in der deutschsprachigen Beratungs- und Therapielandschaft gefunden.
Psychotherapeuten waren aufgrund des Fernbehandlungsverbots2, welches zwar im Jahr 2018 aufgehoben wurde, nach wie vor verunsichert und befürchteten – so z. B. auf Anfrage der Autorin während der Suche nach Praxis- und Erprobungs|9|partnern in den Jahren vor der Covid-19-Pandemie –, diese Form der therapeutischen Leistung nicht bei hiesigen Krankenkassen abrechnen zu können. Der Entwurf, ein Training videovermittelter Beratung für Studierende des Aufbaustudiengangs Psychologische Psychotherapie pilotweise zu implementieren, wurde abgelehnt und mit einer fehlenden Relevanz für den Berufsalltag von Psychologen begründet.
Vielmehr haben die Auswirkungen der weltweiten Covid-19-Pandemie gezeigt, dass das Potenzial der Digitalisierung der Alltagswelt auch für den Bereich der psychologischen Hilfsangebote genutzt werden kann. Dabei liegt eine Prämisse darauf, den Hilfe suchenden Menschen eine Vielfalt an spezifischen Möglichkeiten sowohl thematisch-fachlich als auch bezüglich des Kommunikationsmediums – unabhängig von aktuellen Kontaktbeschränkungen durch eine sich ausbreitende, ansteckende Krankheit – anzubieten. Die Wahl des Kommunikationsmittels wird hierbei neben äußeren Einflüssen durch verschiedene Kriterien beeinflusst. Mögliche Faktoren sind u. a. der Aufwand für die Herstellung der Kommunikation, die Bereitschaft zur Preisgabe von persönlichen Informationen durch das Kommunikationsmittel, wie z. B. die Tonlage, das Zittern oder das Belegtsein der Stimme oder der Kommunikationsanlass (vgl. Mühlenfeld, 2004, S. 12). Abhängig von der Dringlichkeit, Relevanz und dem Anforderungsniveau einer Kommunikationssituation wird bei gegebenem Kommunikationsanlass eine Entscheidung für ein bestimmtes Medium getroffen, das jeweils ein unterschiedliches Maß an persönlicher Nähe aufweist (vgl. Kapitel 1.1.2). Dieser Entscheidungsprozess sollte dabei in Abstimmung mit dem Therapeuten oder Berater in die Hände der Klienten gelegt werden, indem die Beratungslandschaft ihr Portfolio um ein zusätzliches Format erweitert.
Video-Gespräche eignen sich als potenzielle Beratungsform, da sie sowohl ein gewisses Maß an Anonymität und Komplexitätsreduktion gewährleisten als auch Sichtbarkeit herstellen, da die Möglichkeit besteht, Mimik, Gestik und andere nonverbale Informationen zu übertragen (vgl. Kapitel 1.1.2.3). Video-Beratung lässt sich sowohl als eigenständiges Unterstützungsinstrument als auch in Kombination mit Face-to-Face- oder textbasierten Angeboten einsetzen. Einerseits bietet sich videogestützter Kontakt als Überbrückungsmöglichkeit bei organisatorischen Problemen oder Auslandsaufenthalten an, andererseits kann er auf Face-|10|to-Face-Beratung vorbereiten, indem in einem Vorgespräch abgeschätzt wird, ob Folgekontakte sinnvoll sind. Neben einer Nachsorge von abgeschlossenen (Face-to-Face-)Therapien, als Folgekontakte nach einem persönlichen Erstkontakt von Angesicht zu Angesicht oder in Akutfällen, die eine schnelle Intervention oder Beistand erfordern, sind Video-Gespräche denkbar. Die Einsatzmöglichkeiten für Video-Beratung sind vielfältig, jedoch kaum konzeptionell-methodisch untersetzt und nur ansatzweise wissenschaftlich erforscht (vgl. Kapitel 2).
Neben fehlenden wissenschaftlichen Standards für Video-Beratung und Empfehlungen für Berater, die per Video arbeiten, besteht eine unzureichende Studienlage hinsichtlich videobasierter Beratung. Wenngleich einige Merkmale3 von videogestützter Beratung gezielt in den Blick genommen werden (vgl. Kapitel 2), findet das Emotionserleben in einschlägiger Literatur vergleichsweise wenig Beachtung. Tatsächlich spielen Emotionen jedoch eine wesentliche Bedeutung in psychosozialer Beratung und werden deshalb in diesem Werk in den Mittelpunkt gestellt: Einerseits sind sie zentrales Thema der Beratung und andererseits entscheidend für den Erfolg von Beratungsgesprächen (vgl. Käsermann, 1995, S. 9 ff.). Emotionen bestimmen darüber hinaus den Beziehungsaufbau zwischen Berater und Klient maßgeblich mit, der die Grundlage für jede weitere Beratung bildet – unabhängig vom gewählten Format (vgl. Nestmann, 2004, S. 791). Emotionen in der digitalen Welt entstehen, im Gegensatz zu einem Face-to-Face-Gespräch, nicht direkt, sondern in Interaktion mit einer Technologie (vgl. Eck et al., 2016, S. 8 f.). Aus diesem Grund ist es von besonderer Bedeutung, sowohl das Emotionserleben im direkten Austausch von Angesicht zu Angesicht als auch das Emotionserleben in der vermittelten Kommunikation zu betrachten, was in den folgenden Kapiteln vorgenommen wird.
Vor dem Hintergrund der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Video-Beratung und der gleichzeitig unzureichenden wissenschaftlichen Fundierung bedarf es einer systematischen Betrachtung, ob und auf welche Art sich die Kommunikation zwischen Berater und Klient verändert, sobald das Gespräch nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern videovermittelt stattfindet. Die dahinterliegende Befürchtung, die Qualität des Kontakts könnte unter medienvermittelter Kommunikation leiden, soll nachfolgend zum Gegenstand dieses Buches gemacht werden.
Das vorliegende Werk ist durch eine Dreiteilung charakterisiert. Der erste Teil stellt den theoretischen Bezugsrahmen dar. Zunächst werden die Begriffe Beratung und Kommunikation im Kapitel 1 definiert, die den Kontext des Forschungsthemas abstecken. Dabei werden die verschiedenen Formen der Online-Beratung näher erläutert. Im darauffolgenden Abschnitt werden sowohl Einsatzszenarien als auch Mehrwerte von psychologischer Video-Beratung erläutert. Anschließend werden die Wirkmechanismen von Beratung theoretisch fundiert: die Arbeitsbeziehung zwischen Berater und Klient und das Emotionserleben der Beteiligten. Erste Zusammenhänge der Themenbereiche werden angerissen, was verdeutlicht, welchen Wechselwirkungen und Einflüssen die Video-Beratung unterliegt und welche Rolle eine genauere Betrachtung des Formates in diesem Zusammenspiel einnimmt. In Kapitel 2 wird schließlich der aktuelle Forschungsstand bezüglich videogestützter Kommunikation in den Bereichen der Kommunikationsforschung sowie der psychologischen Beratung und Therapie dargestellt, aus denen erste Handlungsempfehlungen für die berufliche Praxis abgeleitet werden.
Der zweite Teil des Buches, bestehend aus Kapitel 3, stellt zu Beginn die durchgeführte empirische Studie und deren für die psychologische Arbeit relevanten Ergebnisse in den Mittelpunkt. Dabei wird im Unterkapitel 3.1 kurz das mehrstufige, multimodale Untersuchungsdesign beschrieben. Die Stichprobe wird anschließend dargestellt (vgl. Kapitel 3.2). Daran anknüpfend werden in Kapitel 3.3 die zentralen Wirkmechanismen von Beratung und deren Einflussfaktoren beschrieben und Handlungsempfehlungen für die psychologische Arbeit abgeleitet. Zum Abschluss des Ergebnisteils wird in Kapitel 3.4 ein Modell vorgestellt, welches eine Übersicht der Wirkungszusammenhänge von Kommunikation, Emotion und Beziehung sowie Format im Beratungskontext auf Basis der ermittelten Ergebnisse liefert. Neben der Wirkung der Einflussfaktoren werden zentrale Handlungsempfehlungen zusammengefasst. Außerdem werden aus dem Zusammenhang zwischen der Beziehungsqualität und dem emotionalen Erleben in Kapitel 3.5 Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Im letzten Teil werden die Empfehlungen für die psychologische Praxis zusammengefasst und die Anschlussfähigkeit der hier dargestellten Erkenntnisse an pädagogische Konzepte aufgezeigt.
Hinweis für die Leserin/den Leser
Handlungsempfehlungen werden in diesem Buch stets mit dem Wegweiser-Icon hervorgehoben.
Der Anbieter zone35 „Technologien von Mensch zu Mensch“ vernetzt beratende Einrichtungen in ganz Deutschland auf der Plattform unter https://www.info-sozial.de/datenbank/ und ist als ein Beispiel für die Verbreitung textbasierter Online-Beratung bspw. in Deutschland zu nennen.
„Umgangssprachlich wurde die Regelung in § 7 Abs. 4 der (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärzte (MBO-Ä) als ‚Fernbehandlungsverbot‘ bezeichnet. In § 7 Abs. 4 MBO-Ä wird jedoch kein generelles Verbot einer ‚Fernbehandlung‘ statuiert“ (Bundesärztekammer, 2015). Danach war eine telemedizinische ärztliche Beratung und Behandlung eines Patienten nicht grundsätzlich unzulässig; lediglich die ausschließliche Fernbehandlung war nach § 7 Abs. 4 MBO-Ä berufsrechtlich untersagt. Allerdings wurde unterdessen in der Vorstandssitzung der Bundesärztekammer vom 15./16.03.2018 ein konsentierter Vorschlag zur Änderung des § 7 Abs. 4 MBO-Ä (Fernbehandlung) verabschiedet, der eine ausschließliche, ärztliche Beratung und Behandlung aus der Ferne ermöglicht und gleichzeitig den besonderen Stellenwert des persönlichen Arzt-Patienten-Kontakts in den Vordergrund stellt (vgl. Bundesärztekammer, 2018).
Beispielsweise werden die Arbeitsbeziehung zwischen Berater und Klient, die Zufriedenheit mit der Behandlung, Abbruchquoten, der Beratungserfolg (outcome) und Aspekte der Gesprächsorganisation systematisch in einigen Vergleichsstudien untersucht (vgl. Kapitel 2).
Im Mittelpunkt des vorliegenden Werkes steht das psychologische Format der Beratung, deren Definition im folgenden Kapitel vorgenommen werden soll. Damit wird der Bezugspunkt der durchgeführten Studie verdeutlicht und nachfolgend die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse zu anderen psychologischen und pädagogischen Fachdisziplinen sichtbar gemacht.
Um den Forschungsgegenstand zunächst zu skizzieren, bedarf es an erster Stelle einer Definition von Beratung, die als Ausgangspunkt für weiterführende Betrachtungen dienen soll. In den unten stehenden Ausführungen wird dabei näher auf die Rolle der helfenden Beziehung im Beratungskontext eingegangen und es werden Verbindungen zur Kommunikation und zu Emotionen aufgezeigt.
Wesentliche Charakteristika von Beratung werden im nachstehenden Kapitel vertieft. Dabei besteht Beratung aus folgenden Komponenten und definiert sich gemäß Dietrich (1991) als
eine Form der helfenden Beziehung,
in der ein Berater mittels sprachlicher Kommunikation und
auf der Grundlage anregender und stützender Methoden versucht,
einen auf kognitiv-emotionale Einsicht basierenden aktiven Lernprozess in Gang zu bringen (vgl. Dietrich, 1991, S. 2).
|14|Beratung wird als „eine freiwillige, meist kurzfristige, oft nur situative soziale Interaktion bei nicht-pathologischen Problemfällen zwischen einem (meist professionellen) Berater (Beraterteam) und einem Ratsuchenden (einer Gruppe oder Organisation)“ (Elbing, 2000, S. 1) definiert. Dietrich (1991) stellt den Beziehungs- und Kommunikationsaspekt sowie die Bedeutung von Emotionen in der Beratung noch stärker heraus und konstatiert, dass Beratung „in ihrem Kern jene Form einer interventiven und präventiven helfenden Beziehung [ist], in der ein Berater mittels sprachlicher Kommunikation und auf der Grundlage anregender und stützender Methoden innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraumes versucht, … einen auf kognitiv-emotionale Einsicht fundierten aktiven Lernprozess in Gang zu bringen“ (Dietrich, 1991, S. 2 f., Hervorhebungen v. Verf.). Da die Interaktion zwischen den Beratungsbeteiligten mittels Kommunikation
