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Eine chronische Erkrankung, eine schlechte Anbindung zur Praxis oder die Weiterführung der Therapie vom Studienort aus - auch abseits der Corona-Pandemie gibt es viele Gründe, die das Setting der videobasierten Therapie attraktiv machen. Mit dem Erfahrungsschatz aus mehreren Jahren praktischer Arbeit beschreibt die Autorin, wie Videotherapie auf der Basis der wichtigsten Wirkfaktoren psychodynamischer Psychotherapie gestaltet werden kann und veranschaulicht ihre Umsetzung anhand zahlreicher Fallbeispiele. Das Buch bietet damit einen Einblick in die konkrete, praktische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen via Video und zeigt, dass auf diesem Weg tatsächlich intensive Psychotherapie stattfinden kann.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Cover
Titelei
Danksagung
Vorwort
I Internet, digitale Medien und psychodynamische Grundannahmen
1 Internet und digitale Medien – ein Lebensraum von Kindern und Jugendlichen
1.1 Einzug digitaler Medien im Leben von Kindern und Jugendlichen
1.2 Digital und Analog
1.3 Bedeutung digitaler Medien für Kinder und Jugendliche
1.4 Notwendigkeit der Begleitung durch Erwachsene im Umgang mit digitalen Medien
1.5 Bedeutung digitaler Medien in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
2 Videosprechstunde in psychodynamischen Therapien – eine Skizze der aktuellen Diskussion
3 Rechtliche und technische Gelingensbedingungen zur psychodynamischen Therapie
3.1 Datenschutz und Internetsicherheit
3.2 Plattformen und Verträge
4 Setting in der Videosprechstunde
4.1 Technische Ausstattung
4.2 Wahl des Ortes
4.3 Ergänzende nützliche Informationen zum Setting
5 Psychodynamische Grundannahmen
5.1 Annahme des Unbewussten
5.2 Innerpsychisches Konfliktgeschehen
5.3 Symptomentwicklung
5.4 Symptombearbeitung
6 Psychodynamische Therapie bei Kindern und Jugendlichen als Videotherapie-Vorbereitung
6.1 Besprechung des Settings und der technischen Voraussetzungen
6.2 Überlegungen zum Ort, an dem die Therapie zu Hause stattfindet
6.3 Verantwortungsvoller Umgang mit der Videoplattform
6.4 Vertrag
II Psychodynamische Therapie vor dem Bildschirm in der Praxis
7 Zur Wahrnehmung am Bildschirm
8 Bedeutung des Rahmens
8.1 Therapeutischer Rahmen als Ort des Agierens in der Videotherapie
8.2 Der Rahmen als Symbol von Trennung und Begrenzung
9 Der therapeutische Raum
9.1 Der therapeutische Raum als intermediärer Raum
9.2 Der therapeutische Raum als Raum, in dem Objektkonstanz und Spiegelung stattfinden
9.3 Der therapeutische Raum als Raum, in dem Symptome sich zeigen dürfen
10 Therapeutische Beziehung
10.1 Die therapeutische Beziehung vor dem Bildschirm
10.2 Die Therapeutin als haltendes Objekt
10.3 Die Therapeutin als triangulierendes Objekt
10.4 Die Therapeutin als Beziehungs- und Entwicklungsobjekt
10.5 Die Therapeutin als Übertragungsobjekt
11 Der therapeutische Prozess
11.1 Inszenieren der unbewussten Dynamik im Spiel
11.2 Inszenierung der Übertragung
11.3 Inszenierung der Abwehr
12 Arbeit mit Bezugspersonen
13 Therapiebeendigung
14 Grenzen psychodynamischer Therapie per Video
15 Schlussbemerkung
III Verzeichnisse
Literatur
Stichwortverzeichnis
Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Perspektiven für Theorie, Praxis und Anwendungen im 21. Jahrhundert
Herausgegeben von Arne Burchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz
Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:
https://shop.kohlhammer.de/psychodynamische-psychotherapie
Die Autorin
Ursula Rasch ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und analytisch/systemische Paar- und Familientherapeutin. Sie arbeitet in eigener Praxis in Thannhausen.
Für Sophia, Tanja und Elena mit Leonard, meinem ersten Enkelkind.
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:ISBN 978-3-17-041856-1
E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-041857-8epub:ISBN 978-3-17-041858-5
An vorderster Stelle möchte ich mich bei Herrn Arne Burchartz für das kontinuierliche und sehr aufmerksame Mitlesen meines Manuskripts, die überaus wichtigen Anmerkungen und Anregungen sehr herzlich bedanken. Seine Begleitung hat mich während der gesamten Arbeit an diesem Buch sehr unterstützt.
Danke auch an Herrn Hopf, Herrn Burchartz und Frau Lutz für die Bereitschaft, mein Buch in Ihrer Buchreihe aufzunehmen.
Meiner Lektorin vom Verlag Kohlhammer ebenfalls den herzlichsten Dank für das sorgfältige Lesen des Manuskripts, die Anregungen und die unkomplizierte Zusammenarbeit.
Meiner Kollegin Ulrike Rösch, die immer wieder Teile des Buchs gelesen hat, und deren Ermutigung mir über so manche Durststrecke weiterhalf, sage ich ebenfalls herzlichen Dank.
Vielen Dank Herrn Dr. Alfred Walter für das unkomplizierte und zügige zur Verfügung stellen von Artikeln sowie für etliche Buch- bzw. Tagungshinweise.
Herzlichen Dank meiner ältesten Tochter Sophia für wichtige Hinweise wissenschaftliches Arbeiten betreffend und ihre Unterstützung bei PC-Fragen.
Mein größter Dank gilt meinem Mann, der mich über diese Monate umfassend unterstützte, sich immer wieder Passagen vorlesen ließ, die er äußerst wertvoll kommentierte, der Korrekturen mit mir durchging und der sich im Außen um das Meiste kümmerte, so dass ich zum Lesen und Schreiben den Rücken frei hatte.
Ohne ihn wäre das Buch niemals so schnell fertig geworden.
Die Neugierdesteht immer an erster Stelle eines Problems,das gelöst werden will.Galileo Galilei
Ich sitze mit einem 8-jährigen Jungen vor dem Sandkasten in meiner Praxis.
Er ist in der 40. Therapiestunde bei mir, ursprünglich wegen Enkopresis, inzwischen wurde auch eine Angststörung deutlich.
»Du musst alle Soldaten holen!«, befiehlt er mir und erklärt genau, wie die Soldaten im Sandkasten gegenüber positioniert werden sollen. Es gibt ein Gemetzel, bis auf zwei Soldaten werden alle erschossen. Die machen sich auf den Weg, »ihre Heimat zu suchen«. Sie kommen an ein Haus und fragen nach ihren Eltern. »Die wohnen dahinten«, sagen die Leute, denen das Haus gehört.
Die beiden Soldaten werden umgetauscht. Jetzt sind es Kinder. Zwei Jungs, »aber die müssen gleich aussehen«. Ich habe keine Jungenfiguren, die gleich aussehen, und es dauert eine Weile, bis mein Patient die für ihn passenden Figuren gefunden hat.
Die beiden Jungen finden ein Haus, in dem sie ab jetzt zu Hause sind, einer der Jungen muss alle, die im Haus wohnen, vor Gefahren retten.
Er setzt sich vor das Haus, die Gefahren reiten als Dino, Löwe, Batman durch den Sandkasten.
Ich spüre Belastung, große Angst und einen Druck, der sich wie eine schwere Decke über das Spielgeschehen auszubreiten scheint.
»Ganz schön anstrengend für einen Jungen, alleine gegen all die Gefahren kämpfen zu müssen.« Mein kleiner Patient stöhnt: »Ja..., aber das muss der nun mal.«
Ein Auszug aus einer Therapiestunde wie sie Psychotherapeutinnen von Kindern und Jugendlichen viele Male in der Woche in ähnlicher Weise erleben.
Es gibt allerdings einen Unterschied: Der Junge, der mein Patient ist, sitzt zu Hause in seinem Zimmer. Es ist der zweite Corona-Lockdown und aus bestimmten Gründen arbeiten wir per Videotherapie.
An meinem Laptop sind zwei Kameras installiert. Mit der einen bin ich zu sehen, die andere ist auf den Sandkasten gerichtet. Das Umschalten von der einen zur anderen geht ganz schnell.
Was im Sandkasten passieren soll, erklärt mir mein Patient genau. Gebannt schaut er auf das Spielgeschehen. »Nicht dahin! Ein bisschen weiter rüber!«, korrigiert er mich, wenn etwas nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat. Am Ende der Stunde ist er k. o. und traurig. »Manchmal haben es Kinder gar nicht leicht im Leben«, sage ich. Er sieht mich erschöpft an.
Im Zusammenhang mit seiner Geschichte war dies eine wichtige Stunde, die Anstrengung habe ich in der Gegenübertragung gespürt. Im Zusammenhang mit seiner Geschichte kann ich sie gut verstehen.
Wir verabschieden uns. »Tschüss, Frau Rasch, Tschühüss!«, ruft er und winkt mir zu. Ich winke zurück. »Bis nächste Woche!«, sage ich und schalte mich aus der Sitzung weg. Auch er hat sich weggeschaltet. Die Stunde ist zu Ende.
Die Psychodynamische Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen hat im Laufe der Jahrzehnte viele Entwicklungen er- und durchlebt (Burchartz, Hopf, Lutz, 2016). Immer wieder wurden auf der Basis der Grundlagen psychoanalytischer Theorien Entwicklungen integriert, eines hatte jedoch stets in bewährter Weise Bestand: die Behandlung face to face im direkten Kontakt mit einer realen Therapeutin oder einem realen Therapeuten im Therapiezimmer.
Warum dann plötzlich Psychotherapie via Video?
Durch die im Frühjahr 2020 beginnende Coronapandemie entstand in meiner Praxis nach einiger Zeit eine große Verunsicherung: Familien mit sog. »Risikopatientinnen« brachten ihre Kindern nicht mehr in die Therapiestunden, um die Angehörigen zu schützen, Familienmitglieder mussten in Quarantäne oder erkrankten selbst an Covid 19, die Kinder konnten über Wochen nicht zur Therapie begleitet werden, verunsicherte Eltern ließen ihre Kinder mit unklaren infektiösen Symptomen lieber zu Hause oder sagten Termine ab, weil Familienmitglieder unklare Symptome aufwiesen. Kindern und Jugendlichen, die in besonderen Wohnformen lebten, war es von Seiten der jeweiligen Einrichtungen häufig nicht mehr gestattet, die Termine wahrzunehmen.
Viele Termine wurden abgesagt, gleichzeitig wurde der Ruf der Eltern nach einer Kontinuität der Therapiestunden trotz Pandemie immer lauter.
Nachdem sich mit der Zeit abzeichnete, dass das pandemische Geschehen zunächst bleiben würde, entschloss ich mich – sämtliche Datenschutz- und Verschlüsselungsvorgaben der KV beachtend – zum Einsatz von in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weitgehend unerprobten Videotherapiestunden. Ich begann mit viel Unwissenheit, vielen Fragen und Zweifeln, subsumiert in dem Gedanken: Vielleicht ist Videotherapie besser als nichts.
Die Praxis belehrte mich eines Anderen, und die Therapiestunden fingen an, mich mehr und mehr zu faszinieren.
Das vorliegende Buch ist vor allem ein Erfahrungsbericht.
Es befasst sich in den ersten beiden Kapiteln mit der Bedeutung digitaler Medien für Kinder und Jugendliche und skizziert die Bedeutung der »digitalen Welt« für die junge Generation und Auswirkungen dieser Entwicklung.
Die Beachtung der aktuellen Diskussion dieser Thematik schließt sich an.
Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, sich dieser Diskussion erschöpfend zu widmen, zumal die Aktualität dieser Betrachtung mit Erscheinen des Buchs beendet wäre, eine Skizze erscheint mir dennoch notwendig.
Wichtig ist nun, in den weiteren Kapiteln aufzuzeigen, wie psychodynamische Therapie via Video in der Praxis aussehen kann; die technische Ausstattung als Gelingensbedingung mitbedacht.
Auf der Basis der in meinen Augen wichtigsten Wirkfaktoren von psychodynamischer Psychotherapie werden Möglichkeiten ihrer Umsetzung vor dem Bildschirm beschrieben und mit Fallbeispielen veranschaulicht.
In inzwischen mehr als zwei Jahren Praxiserprobung entstanden viele und unterschiedlichste Erfahrungen, die eines gemeinsam hatten: Ich erlebte trotz des neuen Mediums zunehmend dichte und intensive Therapiestunden und ich merkte, dass die Phantasie und Symbolisierungsfähigkeit oder das einfache Agieren der allermeisten Kinder und Jugendlichen im digitalen Raum zu analogem »miteinander Arbeiten« führte.
Für mich selbst war es also eine lohnenswerte Erfahrung, mich im Rahmen dieser Pandemie auf neue Wege einzulassen; an dieser Erfahrung möchte Sie das vorliegende Buch teilhaben lassen.
Ich persönlich habe in all diesen Therapiestunden, die ich vor der Kamera durchgeführt habe, festgestellt, dass dieses Setting »weit besser als nichts ist«.
Psychotherapie via Video wird die Psychotherapie, wie sie jeder von uns kennt, sicherlich nicht ersetzen.
Psychotherapie am Bildschirm könnte allerdings als eigenständige Methode innerhalb der psychodynamischen Therapie ihren Platz finden.
Außerhalb eines pandemischen Geschehens könnte sie zu einer gut wirksamen Ergänzung des gängigen Settings werden, nämlich dann, wenn z. B. Studium oder Beginn einer Lehre einen Ortswechsel für Patientinnen und Patienten notwendig machen, die Anfahrtswege zu weit sind, der therapeutische Prozess eine Beendigung aber noch nicht zulässt, wenn Patientinnen oder Patienten schwer erkranken und lange Zeit in Kliniken verbringen müssen, in banalen Alltagssituationen, wenn das Auto kaputt ist/anderweitig benötigt wird und Patientinnen oder Patienten nicht gebracht werden können, zur Therapieanbahnung bei Patientinnen und Patienten, deren Symptomatik ihnen einen persönlichen Kontakt erschwert, um nur einige Situationen zu nennen.
Auch wenn dies nicht mit der Begrifflichkeit unserer Abrechnungsziffern übereinstimmt, werde ich die Begriffe »Psychotherapie via Video«, »Videosprechstunde« »Videotherapie« oder »digitaler Kontakt« der literarischen Abwechslung halber synonym verwenden.
Im Hinblick auf gendersensible Sprache habe ich mich für den einheitlichen Gebrauch des generischen Femininums entschieden, worin alle Geschlechtsidentitäten sich subsumiert sehen sollen.
Alle Fallvignetten, die Sie in diesem Buch vorfinden, sind tatsächlich in meinen Behandlungsstunden so passiert. Um eine Rückverfolgung zu verhindern, wurden die Personen nach den Standards für wissenschaftliche Fachpublikationen anonymisiert und die jeweilige Familienkonstellation verändert.
Nichts ist so beständig wie der Wandel.Heraklit
Ungefähr um die Jahrhundertwende hielten digitale Medien scheinbar unvermittelt in den Kinderzimmern Einzug. Es gab Nintendo, Playstation, Wii, Computerspiele speziell für Kinder kreiert, um nur Einiges davon zu nennen. In Wahrheit hatte sich diese Entwicklung lange vorbereitet: »die neuen Technologien trafen (...) auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse. Sie konnten erst entwickelt werden, nachdem eine Vorstellung formuliert worden war, was mit ihnen möglich sein sollte.« (Stalder, 2021, S. 21 – 22) Seither ist eine rasante Fortschreitung zu beobachten:
Es gibt PC-Spiele, die man vernetzt, interaktiv mit über der ganzen Welt verteilten Spielerinnen spielen kann, Messenger wie WhatsApp, Signal, Telegram, Twitter etc., über die man mit anderen Menschen, auch wenn sie weit weg sind, in Kontakt gehen kann, und über die Fotos, Filme, Musikstücke, Nachrichten etc. geteilt werden können. Soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok sind entstanden, Influencerinnen und Influencer, die mit »Likes«, mit denen eine möglichst große Anzahl anderer Menschen die Filme bewerten, die sie über sich, ein persönliches Hobby o. ä. online stellen, ihr Geld verdienen, um nur einiges zu nennen.
Die digitale Welt verändert sich rapide, und längst sind Smartwatch und Smartphone in den Kinder- und Jugendzimmern angekommen. Die Smartwatch ist häufig bereits ein elterliches Geschenk in der Schultüte und bietet insbesondere den Eltern die Möglichkeit, jeden Schritt ihrer Sprösslinge zu überwachen. Das Smartphone kann als Initiationsobjekt ins frühe Jugendalter (Fatke, 2021) betrachtet werden und ist in vielen Fällen ein Geschenk, das Kinder nach Abschluss der Grundschule erhalten. Im Lauf der Adoleszenz wird das Smartphone von Nutzerinnen und Nutzern nicht selten als ihr wichtigster Besitz bezeichnet (Calmbach et al., 2020).
Die digitale Welt hat sich im Lauf der Jahre zu einem bedeutsamen »Lebensraum« für Kinder und Jugendliche entwickelt. Soziologen bezeichnen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als »digital natives«, Ureinwohner, Muttersprachler, da sie inzwischen von Anfang ihres Lebens an digitale Medien erleben und intuitiv nutzen (Sabbadini, 2016), ältere Erwachsene hingegen müssen den Umgang mit digitalen Medien oft mühsam erlernen.
Die Begriffe digital und analog werden dabei als Gegensatzpaar verwendet und – gerade im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen – vielfach emotional hoch aufgeladen, diskutiert: es ist von »digitaler Demenz«, »Smartphoneepidemie« oder »Cyberkrankheit« zu lesen. Von vielen Pädagoginnen und Pädagogen wird der Einzug der digitalen Welt in die Kinder- und Jugendzimmer als entwicklungsgefährdend betrachtet, ein hohes Suchtpotential wird beschrieben (Spitzer, 2014), von einer drohenden »Aufmerksamkeitsdefizitkultur« wird gesprochen (Türcke in: Gätjen, 2022, S. 186).
Kulturpessimistische Vorahnungen gab es zu allen Zeiten und bei vielen neuen Entwicklungen.
Zum ersten Mal revolutionär wandelte sich die menschliche Kommunikation mit der Erfindung des Buchdrucks: »Es ist jedoch gerade einmal etwa 200 Jahre her, dass das Lesen Auslöser und Gegenstand äußerst kritischer Diskussionen war, deren Inhalte bis hin zu einer diagnostizierten Lesesucht und entsprechenden Leseverboten reichten.« (Paul, 2010, ohne Seitenangabe).
Insbesondere Frauen und Kinder wurden als gefährdet eingestuft. Die Befürchtungen reichten vom Missverstehen gelesener Inhalte über eine reale Gefahr an Leib und Leben (Bewegungsmangel mit entsprechenden Folgen sowie entwicklungsgefährdende, gefährliche Literatur) bis hin zur beschriebenen Suchtgefahr.
Sogar noch im 20. Jahrhundert – in der unmittelbaren Erfahrungswelt der Nachkriegs- und Babyboom-Generation der 1960er Jahre gab es Lektüre, die als gefährlich wahrgenommen wurde. So entwickelte sich um den Kinderbuchklassiker »Pippi Langstrumpf« in den 1950er Jahren eine heftige Diskussion, in dem Buch würden Realität und Phantasie verschwimmen, die Gefahr bestünde, dass Kinder nicht mehr unterscheiden könnten. Die Protagonistin Pippi wurde in dieser Debatte als gefährliches Vorbild für Kinder eingestuft (Strömstedt, 2001). Einige Jahre später wurden Comics als Lektüre verteufelt, da sie Kinder und Jugendliche verdummen würden und zu einer Sprachverarmung führten.
In der Vergangenheit war es immer wieder das Neue, Unbekannte, das in die Kinder- und Jugendzimmer Einzug hielt und bei dem auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgegriffen werden konnte, das Erwachsenen Angst machte.
Bei keiner dieser Entwicklungen wurden die kulturpessimistischen Befürchtungen bestätigt.
Die Angst vor derartigen kulturellen Veränderungen hatte und hat allerdings immer eine Spaltung zur Folge: neue Phänomene werden entweder verharmlost oder polemisch überpathologisiert (Gätjen, 2022).
Da sich die Digitalisierung jedoch nicht mehr aufhalten lässt, scheint es wenig zielführend zu sein, vor allem die Gefahren der Nutzung digitaler Medien herauszustreichen und apokalyptische Entwicklungen heraufzubeschwören.
Wichtiger scheint mir eine umfassende Auseinandersetzung mit den neuen Medien, die bei den Gedanken zu Begrifflichkeiten beginnt. Was ist unter digital und analog also eigentlich zu verstehen? Bei beiden Worten handelt es sich zunächst um Termini aus Technik und Informatik.
Digital bezeichnet ein Gerät, ein technisches Medium, das im binären System programmiert wurde, das Inhalte demnach binär überträgt, verlässlich stets im Zustand von 0 oder 1. Dies bedeutet, digital übermittelte Inhalte sind – funktionierende Technik vorausgesetzt – beliebig reproduzierbar und können immer in der gleichen Qualität übertragen werden, stets reliabel im binären System.
Analog – im technischen Sinn – bedeutet entsprechend, vergleichbar, ähnlich; analoge Geräte können beliebig viele Zustände annehmen, analoge Technik ist »störanfälliger« verliert an Qualität, sobald ihre Inhalte kopiert werden (Zimmerli, 2018).
Alles, was Menschen betrifft, ist ganz klar analog;, was schon allein der Wortbedeutung entnommen werden kann: gr. Aná logos Wort, Begriff, Gedanke, göttlicher Ursprung aller Dinge, Menschen handeln bezogen aufeinander, vielfältig, störanfällig. Menschen kommunizieren miteinander – und sie kommunizieren immer (Watzlawick et al., 2016).
In der Kommunikationstheorie wird mit dem »digitalen Aspekt« (Watzlawick et al., 2016, S. 70) der Inhaltsaspekt bezeichnet, während der Autor unter den »analogen Aspekt« der Kommunikation alles subsumiert, was sich neben dem Inhalt in einem Kommunikationsprozess noch transportiert.
Digital und analog – sowohl in der Technik als auch in der Kommunikationswissenschaft Gegensatzpaare?
Digitale Medien – ein PC oder ein Smartphone – sind binär programmiert, sie übertragen alle Inhalte in diesem binären Seinszustand. Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien empfangen diese Inhalte technisch in immer der gleichen Qualität.
Bei der Nutzung digitaler Medien wird allerdings nicht das Gerät genutzt, sondern der jeweilige Inhalt, mit dem sich Nutzerinnen und Nutzer befassen.
Sich mit Inhalten befassen, ist seit der Antike eine Möglichkeit des Menschen, mit der Welt in Beziehung zu treten. Menschen treten mit den Inhalten in Kontakt, zu denen sie innerlich eine Resonanzbeziehung entwickeln; Inhalte bekommen eine Bedeutung (Rosa, 2016), die sich von Person zu Person unterscheidet:
Zwei Kinder gleichen Geschlechts, gleichen Alters, gleichen IQs und vergleichbarer sozialer Herkunft sitzen vor dem PC und bekommen in einer Schulfunksendung den Bleistift gezeigt, mit dem die nachfolgende Aufgabe zu lösen sein wird.
Kind A schreibt schon lange gerne Geschichten. Beim Anblick des Bleistifts erscheint vor dem inneren Auge des Kindes der schöne, schwarze Füller der Mutter. Mit Bleistift schreiben hat dieses Kind schon lange geübt. Der Bleistift auf dem Bildschirm löst den Wunsch aus, endlich einen Füller zu besitzen.
Kind B spielt gerne draußen. Es hasst schriftliche Arbeiten, Hausaufgaben werden als nervige Störfaktoren empfunden. Kind B ist genervt über den Bleistift. Es ärgert sich darüber, denn es verknüpft damit die nachfolgende Aufgabe, die als störend empfunden wird.
Ein Inhalt wird digital übertragen, beide Kinder sehen den gleichen Bleistift. Jedes Kind tritt jedoch analog auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Inhalt in Resonanz. Jede Nutzerin digitaler Medien verwandelt den digital übermittelten Inhalt in eine analoge Botschaft.
Dies wirft die Frage auf, ob Inhalte digitaler Endgeräte tatsächlich als digital zu betrachten sind oder ob nicht jeder Inhalt auch analoge Aspekte in sich trägt – ob nicht sogar jeder Inhalt, um eine Bedeutung für die jeweilige Person zu erhalten, analog werden muss.
Digital und analog sind Begriffe aus Technik und Informatik. Dort handelt es sich klar um ein Gegensatzpaar. Doch ist dieses Gegensatzpaar einfach so von hier nach da übertragbar, oder wird nicht vielmehr ein künstliches Gegensatzpaar geschaffen, – im Sinne von Adolf Muschg – um etwas handelt, »was sich nach etwas anhört. Und zwar nach so viel, dass keiner mehr auf die Frage kommt, was denn dahinter ist (...)?« (Zimmerli, 2018, S. 10).
Digital und analog als Gegensatzpaar außer Acht lassend, könnte dies also folgendes bedeuten:
Kinder und Jugendliche nutzen gehäuft digitale Medien, weil der Einzug dieser Medien nicht mehr zu stoppen ist.
Jede Nutzerin empfängt jede einzelne Nachricht jedoch analog, das heißt auf der Basis der eigenen Lebensgeschichte, der persönlichen inneren und äußeren Entwicklung verbunden mit Vorlieben, Schwächen und Stärken, dem Selbstwert oder dem mangelnden Selbstwertgefühl etc. Die digital übermittelten Nachrichten, die in Fülle und Flut auf Kinder und Jugendliche treffen, beliebig kopierbar sind oder weiterverbreitet werden können, werden durch die Transformation der jeweiligen Nutzerinnen analog und damit störanfällig.
Die Nutzung digitaler Medien ist verführerisch, sie bedient frühe orale Bedürfnisse des Menschen in einer Weise, wie es keinem Medium zuvor je gelungen ist.
Sämtliches, das genutzt werden kann, ist zu jeder Zeit, nahezu an jedem Ort und vor allem sofort und auf der Stelle verfügbar. Internetnutzung, Nutzung sozialer Netzwerke, ja alles, was im Internet getan werden kann, benötigt weder Bedürfnisaufschub noch irgendeine sonstige Anstrengung, denn Sämtliches ist per Click auf dem Bildschirm aufrufbar.
Kinder und Jugendliche sind im Kontakt zueinander, ohne ihr Gegenüber zu sehen. Für die einzelnen Accounts werden bereits in den Profilbildern, mit Hilfe derer sich die Kinder und Jugendlichen präsentieren, ihre Wunschvorstellungen sichtbar. In Spielen bestimmen Avatare, selbst kreierte Charaktere, den Spielverlauf. Wünsche für sich selbst, das eigene Leben, Freundschaft und Liebe, Phantasien über sich selbst werden externalisiert und in dieser Externalisierung körperlos ausgelebt, wobei der Körperlosigkeit angesichts der vielen Symptombilder, die sich gerade in der Adoleszenz am eigenen Körper inszenieren, eine besondere Bedeutung zukommt (Lemma, 2016).
So sitzt mir beispielsweise in der Therapie ein sozial ängstlicher, dicklicher Jugendlicher gegenüber, der mir auf dem Bildschirm einen sportlich athletischen, sozial eingebundenen Avatar präsentiert, einen »Siegertyp«, den der Jugendliche gemäß seinen Wünschen einfach erschaffen konnte, der sich nicht anstrengen muss, keine Ambiguität zu entwickeln, um innere Probleme in den Griff zu bekommen, dem einfach unangestrengt alles gelingt.
In der digitalen Welt erhalten auch Begriffe wie Freundschaft und Liebe neue Bedeutungen; die unzähligen »Freunde«, die man in sozialen Netzwerken »haben« kann, mögen Menschen, die mit diesem Begriff etwas anderes verbinden und solche Plattformen nutzen, als inflationär gebrauchtes Wort erscheinen. Für Kinder und Jugendliche sind diese mit Dazugehören verbunden.
Nicht mehr Eltern sehen und spiegeln das Kind und geben ihm – insbesondere, weil Spiegelung immer einen Realitätsbezug der Andersheit eines Anderen enthält – Nahrung für seine seelische Entwicklung. Diese Rolle übernehmen die Freunde im Netz, indem sie aber in ihrer Spiegelung einzig und alleine das bestehende Selbstbild bestätigen, so dass weder eine Reflexion noch eine Erweiterung in Gang gesetzt werden kann, wie es in menschlicher Begegnung meist der Fall und für die Entwicklung der Persönlichkeit wichtig ist.
Alles geschieht in schneller Bedürfnisbefriedigung, mit einer »nahezu unendlich erscheinenden Vergrößerung des Vergleichshorizonts« (King, 2022, S. 170), was – bei zunehmendem Rückzug aus der Realität – zur Infantilisierung führen kann (Guignard in Lemma, Caparrotta, 2016).
Das Leben vieler Jugendlicher ist bestimmt vom Gebrauch digitaler Medien, von ihrer allgegenwärtigen, dauerhaften Verfügbarkeit, die die Nutzung digitaler Medien nahezu betörend macht. »Sehnsüchte nach Verbundenheit«, Gesehenwerden und anerkannt sein (King, 2022, S. 170), werden vermeintlich gestillt. Jugendliche können in ihren Zimmern und damit in der Zurückgezogenheit vom sozialen Leben ›zusammensein‹. Die Auseinandersetzung mit entwicklungsbedingten Ängsten (peinlich zu sein, nicht »richtig« zu sein, nicht »cool genug« etc.) muss nicht unbedingt im realen sozialen Leben erfolgen, sie kann sogar vollständig abgewehrt werden oder abgewehrt bleiben, indem Jugendliche ihr aufgepepptes, geschöntes Selbstbild, das sie im Internet präsentieren, durch die »Likes« und »Flammen« immer neu zu speisen verstehen. Nicht selten entsteht hierdurch ein fataler Kreislauf, denn im Innersten ist den meisten Jugendlichen klar, dass sie dem kreierten Bild nicht entsprechen, und dass die Likes ihrem »geschönten Selbst« gelten bzw. dass sie für ihr wahres Ich niemals so viele Likes oder Flammen erhalten würden. Dies kann zu einem fortwährenden Selbstwert-Optimierungskonflikt führen, der mit der Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls nichts zu tun hat.
Bei einem kleinen, aber durchaus bedeutungsvollen Prozentsatz der jugendlichen Internetnutzerinnen entwickeln sich deutliche, von der Norm abweichende Symptome im Umgang mit dem Internet (Müller, 2013). Diese werden inzwischen in fünf Kategorien eingeteilt: »A: Exzessive Nutzungsweisen: Internetsüchte. B: Dysfunktionale Nutzungsweisen: Informationsüberflutung, Cyberchondrie & andere. C: Selbstschädigende Nutzungsweisen: Suizid-Foren, Ritzer-Seiten und Pro-Ana-Bewegung. D: Derivante Nutzungsweisen: Cybermobbing, Cyberstalking und sexuelle Gewalt. E: Jugendgefährdende Inhalte: Pornographie, politischer Extremismus.« (Van Loh, 2022, S. 204) und können heute mit standardisierten Verfahren gut diagnostiziert werden.
Pathologisches Internetverhalten geht in der Regel mit Komorbiditäten einher, wobei selten geklärt werden kann, ob es sich dabei um Ursprung oder Folge pathologischen Internetverhaltens handelt – beides wird beobachtet (Müller, 2013; King, 2022).
Die digitale Welt ist aus dem Leben Kinder und Jugendlicher nicht mehr wegzudenken und sie gewinnt immer früher und in zunehmendem Maß an Bedeutung für diese.
In welchen Lebensräumen auch immer sich Kinder und Jugendliche vor der Zeit der Digitalisierung bewegt haben, war eine Tatsache in ihrem Heranwachsen bedeutsam: Erwachsene hatten in nahezu allen Bereichen, denen Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg begegneten, mehr Erfahrung, konnten Entwicklungen begleiten, vor Gefahren schützen, Begrenzungen setzen, diese überprüfen, so dass Kinder und Jugendliche nach und nach selbst Kompetenzen ausbildeten, der Vielfältigkeit des Lebens zu begegnen, sich darin zu entwickeln, aber auch zu schützen.
In der Bedienung, dem Wissen um die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien sind Kinder und Jugendliche ihren Eltern allerdings meist haushoch überlegen.
Um die Auseinandersetzung mit ihrer Unterlegenheit zu vermeiden, lassen Erwachsene ihre Kinder und Jugendliche mit PC, und Smartphone häufig alleine.
»Kinder und Jugendliche ungeschützt das Internet nutzen zu lassen, ist vergleichbar damit, Kinder und Jugendliche nachts in einer Großstadt alleine zu lassen«, sagte mir einmal ein Internetbeauftragter der Kripo. Er meinte damit, dass Kinder, die immer früher mit digitalen Medien in Kontakt treten, in deren Nutzung von Erwachsenen dringend begleitet und reguliert werden müssen. Darunter wird nicht nur die zeitliche Limitierung der Nutzung verstanden, sondern die vielfältige und kritische Auseinandersetzung mit den neuen Medien.
Kinder und Jugendliche, die entwicklungsbedingt weder über ausgereifte Stärke noch über ein ausgereiftes Selbstwertgefühl verfügen, benötigen gerade in der Pubertät die Stärke und das Selbstwertgefühl Erwachsener, sozusagen in einer (auch begrenzenden) Hilfs-Ich-Funktion. Bei den Peers sagen zu können »Ich hab so blöde Eltern, die erlauben mir dies und jenes nicht«, stellt keine Gefahr für die eigene Coolness junger Jugendlicher dar, hingegen sagen zu müssen: »Diese Ballerspiele sind mir unheimlich«, »Ich habe Angst vor den ›Hatern‹ im Netz«, »Ich habe Angst davor, nicht geliked zu werden« etc. verkörpert in diesem Alter zumindest phantasmatisch eine Gefahr für die eigene Beliebtheit und wird dadurch eher vermieden. So ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern zur Seite stehen und Psychotherapeutinnen sich »der fortgesetzten kulturpsychoanalytischen und klinischen Reflexion einer digitalisierten Zivilisation nicht verschließen« (Döser, 2022, S. 224).
Hierzu ist es notwendig, den Einzug der Digitalisierung als Gegebenheit anzuerkennen, sich Bedienungskompetenzen anzueignen sich mit Smart- oder I-Phones auszukennen und sich in den Sprachregelungen von Messengers, Chatrooms, Spielen etc. zu beheimaten.
Nur auf diese Art und Weise wird es Erwachsenen gelingen, sich mit Kindern und Jugendlichen in einer Weise auseinanderzusetzen, in der sie begleitend anerkennend (gerade für Smartphones werden eine ganze Reihe von Apps angeboten mit deren Hilfe Jugendliche auf sehr kreative, humorvolle und sogar geistreiche Art und Weise sich mit adoleszenten Themen auseinandersetzen können) oder auch regulierend kritisch von Kindern und Jugendlichen ernst genommen werden und diese in der Nutzung digitaler Medien eingehend unterstützen können. Kinder und Jugendliche im Gebrauch digitaler Medien alleine zu lassen, bedeutet in der Regel, dass diese viel zu früh sich selbst überlassen werden und dadurch häufig in ungeschützter Weise den Gefahren der Internetnutzung ausgesetzt sind oder mit jugendgefährdenden Inhalten (Pornographie, Radikalität, Verschwörungstheorien etc.) in Kontakt geraten. Ohne die regulierende Flankierung Erwachsener kann dies nicht kritisch integrierend verarbeitet werden, so dass sich daraus möglicherweise eine verzerrte Sicht der Realität entwickelt, die – schlechtestenfalls – handlungsleitend wird. Das Erleben von sexualisierter Gewalt, Cybermobbing, Cybergrooming kann Kinder und Jugendliche zusätzlich stark traumatisieren.
Mit der Anerkennung der digitalen Welt als nicht mehr wegzudenkenden Entwicklungsraum der Kinder und Jugendlichen und mit dem Erwerb von Bedienungs- und Nutzungskompetenzen können Erwachsene Kinder und Jugendliche zunächst darin unterstützen, auf ihren Smartphones und PCs die Privatsphäre größtmöglich zu schützen. Außerdem gelingt es so um ein Vielfaches besser, eine inhaltliche Auseinandersetzung anzuregen, so dass Begleitung und Regulation von Kindern und Jugendlichen nicht einfach nur als inhaltsleere Verbote stattfinden.
Auch in vielen Kinder- und Jugendlichen Psychotherapien zeigt sich, dass von Inhalten digitaler Medien für Kinder und Jugendliche oft eine hohe Anziehung ausgeht. Dies bekommt vor dem Hintergrund der Anerkennung digitaler Medien als bedeutenden Erlebensraum von Kindern und Jugendlichen eine neue Dimension:
Im miteinander Betrachten von Spielszenen, Avataren, Youtube Clips etc., die Kinder und Jugendliche in die Therapiestunden mitbringen, entsteht eine gemeinsame Erlebenswelt, in die man fragend und verstehen wollend zusammen eintauchen kann.
Auf diese Weise entdeckt man in präsentierten Inhalten digitaler Medien Selbstobjekte, Wunschobjekte, Übertragungsobjekte, und sie dienen – auf welche Weise auch immer sie in eine Psychotherapiestunde hineingebracht werden – zum Symbolisieren des Inneren, der inneren Problematik, der betreffenden Kinder und Jugendlichen oder zum Ausagieren noch unverstandener Emotionen. Sie werden zum Material, das gehalten, dechiffriert und verstanden werden muss, ähnlich zu betrachten, wie das Spiel im Sandkasten, Puppenhaus, an der Ritterburg, wie Rollenspiele – im Grunde wie alles, was Kinder und Jugendliche in einer Psychotherapiestunde zeigen. Kinder und Jugendliche benötigen Therapeutinnen und Therapeuten, die dies zulassen, die sich auskennen, die sehen, wahrnehmen, spiegeln, halten und dechiffrieren, die zu verstehen suchen, was das jeweilige Kind mit dem jeweiligen Avatar, Spiel, Clip, den Infos, die gesucht werden, etc. über sich selbst erzählt.
Zusammenfassung
Digitale Medien hielten um die Jahrtausendwende Einzug im Leben der Kinder und Jugendlichen und haben inzwischen eine vielfältige Ausgestaltung erlebt. Es gibt PC-Spiele, die man vernetzt spielen kann, Kinder und Jugendliche kreieren sich dabei eine neue (Wunsch-)Identität, indem sie sich einen Avatar erschaffen, es gibt Messenger, soziale
