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33 Reportagen aus der Türkei: 1.Ein Schnitt als Einschnitt ins Leben 2.Ein Baum liefert Zahnbürsten 3.Wie zu Neros Zeiten 4.Ein Besuch im Hamam 5.Augen gegen den bösen Blick 6.Rauchen mit der Blumenvase 7.Paläste für Vögel 8.Opfer- und Schlachtfest 9.Die letzten ihrer Art 10.Ein Handwerk verändert die Welt 11.Ein Käfer für die Liebe 12.Seidene Leichenhemden liefern Rohstoff für verführerische Dessous 13.Brücke des Rundblicks und der Händler 14.Der Erciyes - ein anatolischer Vulkan 15.Fauler Zauber mit alter Zauberpflanze 16.Weißer Schaum aus dunkler Erde 17.Von der Arbeit auf der Seidenharfe 18.Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles 19.Bootsfahrt auf einem Salzwasserfluss 20.Die gar nicht miese Miesmuschel 21.Wer mit dem Bauch tanzt 22.Tauchen nach Schwammerln 23.Ein Hauch von Männerschweiß 24.Die Blume aus dem Paradies 25.Endstation Friedhof ? 26.Einmal Singen, Tanzen, Schneiden 27.Der Kampf der eingeölten Leiber 28.Einmal schlafen wie Mata Hari oder Inge Meysel 29.Der Schwimmkatze auf der Spur 30.Noahs Berg 31.Zu Haus beim Nikolaus 32.Eine Kirche, die rostet 33.Das Goldene Horn und die Süßen Wasser Europas
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Hans Bahmer
Vier Jahre Türkei
Beobachtungen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
VORWORT
NOAHS BERG
EIN BESUCH IM HAMAM
EIN SCHNITT ALS EINSCHNITT INS LEBEN
WIE ZU NEROS ZEITEN
EIN BAUM LIEFERT ZAHNBÜRSTEN
AUGEN GEGEN DEN BÖSEN BLICK
RAUCHEN MIT DER BLUMENVASE
PALÄSTE FÜR VÖGEL
OPFER- UND SCHLACHTFEST
DIE LETZTEN IHRER ART
EIN HANDWERK VERÄNDERT DIE WELT
EIN KÄFER FÜR DIE LIEBE
SEIDENE LEICHENHEMDEN LIEFERN ROHSTOFF FÜR VERFÜHRERISCHE DESSOUS
BRÜCKE DES RUNDBLICKS UND DER HÄNDLER
DER ERCIYES - EIN ANATOLISCHER VULKAN
FAULER ZAUBER MIT ALTER ZAUBERPFLANZE
WEISSER SCHAUM AUS DUNKLER ERDE
VON DER ARBEIT AUF DER SEIDENHARFE
NACH GOLDE DRÄNGT, AM GOLDE HÄNGT DOCH ALLES
BOOTSFAHRT AUF EINEM SALZWASSERFLUSS
DIE GAR NICHT MIESE MIESMUSCHEL
WER MIT DEM BAUCH TANZT
EIN HAUCH VON MÄNNERSCHWEISS
TAUCHEN NACH SCHWAMMERLN
DIE BLUME AUS DEM PARADIES
ENDSTATION FRIEDHOF?
EINMAL SINGEN, TANZEN, SCHNEIDEN
DER KAMPF DER EINGEÖLTEN LEIBER
EINMAL SCHLAFEN WIE MATA HARI ODER INGE MEYSEL
DER SCHWIMMKATZE AUF DER SPUR
ZU HAUS BEIM NIKOLAUS
EINE KIRCHE, DIE ROSTET
DAS GOLDENE HORN UND DIE SÜSSEN WASSER EUROPAS
Impressum
VORWORT
Im Sommer 1977 betrat ich zum ersten Mal türkischen Boden und zwar im Sirkeci-Bahnhof in Istanbul. Ich reiste mit der Eisenbahn über Wien, Budapest, Belgrad, Sofia, Edirne nach Istanbul. Im Jahr darauf war ich schon wieder da. Wieder mit dem Zug, dermich bei dieser Reise bis nach Bagdad brachte. Mein nächster Besuch in der Türkei fand erst im Winter 1992 statt. Die ersten vierzehn Tage in der Stadt Istanbul, in der ich dann vom Sommer 1996 bis zum Sommer 2000 wohnte und arbeitete.
Während dieses letzten Aufenthaltes brachte ich etwa 40000 Kilometer mit dem Auto hinter mich, wanderte die beiden Bosporusufer ab und ging zu Fuß von der Bosporusmündung an der Küste des Schwarzen Meeres entlang bis zur türkisch-bulgarischen Grenze und wieder zurück. Mein nordwestlichster Punkt war Edirne, die georgische Grenze mein nordöstlichstes Reiseziel. Im Westen kam ich bis nach Assos, im Süden bis nach Kilis an der syrischen Grenze, und im Südosten war die Reise in Cizre zu Ende. In der Höhe schaffte ich es mit der Besteigung des Ararat bis auf 5165 Meter, und in einer Meerschaumgrube drang ich bis in zehn Meter Tiefe in das türkische Territorium ein. Zum Schrecken vieler war ich nicht nur im Schwarzen Meer, sondern auch im Bosporus und Marmarameer schwimmen. Ich habe gefüllte Miesmuscheln, frittierte Miesmuscheln, kaltes Lammhirn, legendäres Kokoreç, gebratene Leber, Widderhoden, Schafskopf und Kutteln in allen Variationen gegessen. Wobei die Kutteln nach dem Propheten „die Königin der Mahlzeiten“ sein sollen. Alles hat mir immer ausgezeichnet geschmeckt und ist mir gut bekommen. So viel zur Statistik meines Aufenthaltes.
Trotzdem muss ich erkennen, noch wenig von der Türkei gesehen zu haben, zumindest von dem, was man unter den klassischen Sehenswürdigkeiten versteht. Ich habe mich jetzt weniger mit ionischen oder korinthischen Säulen beschäftigt, die aus Trümmerfeldern der Vergangenheit herausragen, sondern eher mit der Gegenwartskultur, wie sie sich zum Beispiel in den Schornsteinaufsätzen der verschiedenen Gegenden niedergeschlagen hat. Wem aufgefallen ist, dass diese Gebilde kleinen, kunstvollen Skulpturen gleichen und sich teilweise noch von Landstrich zu Landstrich unterscheiden, wird vielleicht auch an meinen „Beobachtungen am Rande“ Gefallen finden.
Zwar ergaben sich meine Themen meist durch Zufall. War ich aber erst einmal darüber gestolpert, beschäftigte ich mich schon intensiv damit. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen, die mir bereitwillig mit Informationen geholfen und mir ihre Arbeit erklärt haben, ganz herzlich bedanken.
Seit meinem Betreten des Bahnhofsvorplatzes in Istanbul im Jahre 1977 bis heute hat sich ein ungeheurer Wandel auf allen Gebieten vollzogen. Sicher ein nicht aufzuhaltender Prozess und wichtiger Gewinn für die moderne Türkei, der aber mit einem Verlust an orientalischer Atmosphäre einhergeht. So werden vielleicht viele der noch von mir gemachten Beobachtungen bald der Vergangenheit angehören und das Land Türkei Burger King Restaurant ersetzt und die Stadt Istanbul sich von anderen Regionen immer weniger unterscheiden. Meine Garküche jedenfalls wurde bereits durch ein. Wenn man eines Tages feststellt, dass es kein Kokoreç mehr gibt, ist es bereits schon zu spät!
NOAHS BERG
Als ich den schneebedeckten Ararat zum ersten Mal sah, war es Mai und die weiße Pracht bedeckte die Berghänge noch weit bis in das Tal hinab. Der isoliert herumstehende Berg im Osten der Türkei erinnerte unter der Schneedecke an ein überdimensionales Möbelstück, das von seinem für längere Zeit verreisten Besitzer zum Schutz mit einem weißen Tuch abgedeckt wurde. Der einsame, verlassene Berg machte mich neugierig, weckte die Lust ihn zu besteigen. Die Tour versprach ein paar Tage Einsamkeit. Aber es sollte ganz anders kommen. Um den Gipfel des 5165 Meter hohen Vulkans zu besuchen, benötigt man eine Genehmigung und einen Führer. Der Bergführer brachte noch zwei Freunde mit, damit ihm die Einsamkeit der Landschaft nicht zu sehr auf das Gemüt schlug. Also waren es schon drei Begleiter. Der junge Bergführer wurde noch von seinem Vater begleitet. Damit erhöhte sich die Zahl der Mannschaft auf vier Personen. Der Vater kam nicht ganz allein, sondern hatte noch zwei Freunde eingeladen. Damit stieg die Teilnehmerzahl auf sechs. Einer der beiden Freunde des Vaters wiederum hatte noch seinen Sohn dabei. So waren es sieben Personen, die auf den Gipfel drängten. Zählt man noch den Führer der Lastpferde dazu, der vom Gipfelsturm nur durch seine Halbschuhe abgehalten wurde, waren es sage und schreibe acht Personen, durch deren Anwesenheit sich die schöne Bergeinsamkeit verflüchtigte, wie das Parfüm aus einem geöffneten Flacon. Am Anfang gesellten sich sogar noch 32 Soldaten dazu, die uns bis auf 2000 Meter Höhe eskortierten. Von Bergeinsamkeit keine Spur!
Wenn man von Van in Ostanatolien nach Dogubayazit fährt, schlängelt sich die Straße durch alte Lavafelder und schraubt sich auf einen Pass. Noch ein paar Kurven und plötzlich blickt man auf einen einzelnen Berg, der für einen Moment vergessen lässt, dass man mit 18 anderen Menschen einschließlich deren Gepäck in einem sogenannten Dolmusch, einem türkischen Verkehrsmittel, eingepfercht ist, verdrängt für einen Augenblick die hier im Kurdengebiet ständig stattfindenden Reiseunterbrechungen wegen lästiger Ausweiskontrollen.
Auch für den Erstbesteiger und gläubigen Christen Friedrich Parrot löste bereits der Anblick dieser Gebirgslandschaft starke Gemütsbewegungen aus: „Welche Gefühle müssen sich nicht in der Brust des Christen regen, wenn er seinen Blick dem heiligen Noahberge zuwendet, welcher alle Reize einer großartigen und gleichwohl so lange verschleierten Natur mit dem ganz eigentümlichen Interesse eines ganz uralten Denkmals und Zeugnisses von einer der größten welthistorischen Begebenheiten und unmittelbaren Veranstaltungen Gottes zur Erhaltung des Menschengeschlechts in sich vereinigt!“
Das auch heute noch beeindruckende Panorama ist nur kurz zu genießen, da um diese Tageszeit der obligatorische Staubsturm über das ausgedörrte Land zieht, jeden Blick in die Ferne verhindert und eher eine Weltuntergangsstimmung aufkommen lässt, als Gedanken an die Errettung der Menschheit, die sich hier nach christlichen Vorstellungen einst abgespielt haben soll. Seit es im ersten Buch Mose, Kapitel 8, Vers 4 heißt: „Am siebzenten Tage des siebenten Mondes ließ sich der Kasten nieder auf das Gebirge Ararat“, ist der Berg, an dem die Arche Noah gestrandet sein soll, in unserem Kulturkreis unter dem Namen Ararat bekannt. Im nur einen Steinwurf entfernten Iran spricht man von Noahs Berg und nennt ihn Kuh-i-Nuh. In dem inzwischen wieder unabhängigen, vom christlichen Glauben geprägten Armenien, auf das der Ararat seit ewigen Zeiten seinen bis zu 150 Kilometer langen Schatten wirft, sagt man Masis, der Erhabene, wenn man von diesem Berg spricht. In der Türkei, auf dessen Hoheitsgebiet der heilige Berg heute liegt, heißt der erloschene Vulkan Agri dagi, was mit steiler Berg aber auch mit Kummerberg übersetzt werden kann. Zwei Namen, die jedem einleuchten, der sich auf den 5165 Meter hohen Steinkoloss geschleppt hat. Der legendäre Berg, der im Grenzgebiet zum Iran, der ehemaligen Sowjetunion und im Siedlungsgebiet der Kurden sein ganzjährig schneebedecktes Haupt gen Himmel reckt, war über viele Jahre hinweg für Besucher ein verbotenes Terrain. Warum, weiß niemand so genau. Mal mussten Kurden für das Besuchsverbot des Noah-Berges herhalten, die durch Geißelnahme von Touristen versuchen könnten, die Weltöffentlichkeit auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, dann waren es die missliebigen Nachbarn, die sich vor dem tiefen Einblick in ihre Territorien von der Natur-Aussichtsplattform angeblich belästigt fühlten.
Wie dem auch sei, inzwischen kann der Berg, von dem die Armenier glauben er sei „die Mutter der Welt“ und aus diesem Grund nicht bezwingbar trotz der Berggeister, die dort ihr Unwesen treiben sollen, wieder besucht werden. Bevor einem die Bergkobolde in die Quere kommen können, muss man es erst einmal mit verschiedenen türkischen Behörden aufnehmen. Diese vergeben nämlich die Besteigungsgenehmigung und das sogar gebührenfrei, was um so erstaunlicher ist, da ja doch einige Dienstleistungen geboten werden. Wir sind jedenfalls guten Mutes, als wir bei der Jandarma, einer Art Polizei, vorsprechen, schließlich befinden sich in unserem Gepäck nicht nur Steigeisen und Eispickel, sondern bereits die Monate vorher beantragte Genehmigung. Die Sache läuft gut an, denn die Personalien sind schnell aufgenommen. Selbst um unsere Sicherheit macht man sich hier scheinbar ernsthafte Sorgen. Wer Noahs Berg besteigen möchte, muss ein Handy dabei habe, Erfahrung und restliche Ausrüstung dagegen interessiert keinen. Daneben möchte die Polizei noch die Blutgruppe und den Rhesusfaktor wissen. Die nächsten vier Stunden verbringen wir wartend im dürftigen Schatten einiger junger Bäume, immerhin in Sichtweite unseres majestätischen Ziels, das sich uns wolkenfrei von seiner besten Seite zeigt. Warten auf ein Zeichen des Kommandanten, dass es weitergeht. Es geht nicht voran, weil just zu diesem Zeitpunkt drei Ausländer ohne Genehmigung hier auftauchen, die Polizei uns aber nur alle gemeinsam zum Ausgangspunkt unserer Bergbesteigung begleitet. Unsere türkischen Leidensgenossen vertreiben sich die Zeit mit Gesang, Klimmzügen und Liegestützen in allen Variationen, wie sie vermutlich beim Militärdienst gelernt wurden, Demonstrationen ihrer guten Fitness. Türkische Bürokratie kann einem das Fürchten lehren aber auch ungeheuer sympathisch sein. Brauchten wir mehrere Monate, um die Besteigungsgenehmigung zu erhalten, geht es plötzlich vor Ort innerhalb von vier Stunden. Eine filmreife Vorführung gibt es gratis dazu. Da treten plötzlich 32 Männer mit ihren Schnellfeuerwaffen auf dem tristen Kasernenhof an, ein paar Befehle, alle springen in ihre Autos und los geht die Fahrt in Richtung Berg. Wen stört es da schon, dass inzwischen wieder die Zeit des Staubsturmes gekommen, unser Ziel fast nicht mehr zu erkennen ist und wir schon nach wenigen Minuten Fahrt auf dem offenen Lastwagen total eingestaubt sind. Auf 2000 Meter ist endlich der Weg für den Lastwagen nicht mehr befahrbar. Unsere Besteigung des Ararats kann beginnen. Bis unser Gepäck auf zwei Pferden verstaut ist, gibt unsere Eskorte noch einmal eine Kostprobe ihres Könnens. Bei ihrer Abschiedsvorstellung liegen die Soldaten um uns herum im Gelände mit ihren Waffen im Anschlag und sichern uns vor einem unsichtbaren Feind. Don Quixote lässt grüßen.
Obwohl der Ararat bereits im Jungtertiär entstanden ist und während dieser Zeit seine aktive Phase hatte, sind die Hänge dieses Gebirgsstockes von 128 Kilometer Umfang heute selbst am Fuße vollkommen baum- und strauchlos. Nichts, was auch nur einen Quadratzentimeter Schatten spenden könnte. Früher muss es hier anders ausgesehen haben, denn nach arabischen Quellen war der Masis wald- und wildreich. Wildesel, Löwen, Hirsche und Wildschweine streiften einst durch die Gegend. Die karge Vegetation aus Gräsern und Kräutern, deren Duft einem immer wieder in die Nase steigt, wird während der Sommerzeit von Halbnomaden genutzt, deren Lager sich bis auf 3000 Meter die Berghänge hinaufziehen, wo ihre Herden aus Schafen und Ziegen weiden. Auffallend sind riesige Hunde, die wenn sie auf der Hinterhand sitzen selbst einen Esel an Höhe überragen. Die Wachhunde sollen die Tierherden vor Wölfen schützen, die zumindest dem Erstbesteiger über den Weg liefen: „Ich sah fünf Wölfe gravitätisch den Abhang des Ararat herabsteigen und ein der kleinen Herde abgejagtes Kalb vor sich hertreiben.“ An den wenigen Lagern, die wir passieren, leben die Menschen nicht mehr in Zelten aus Ziegenhaar, sondern in Unterkünften, die das Zeichen des türkischen Roten Halbmondes tragen. Alle Menschen, aber besonders die Kinder, leiden mehr oder weniger stark unter Sonnenbrand im Gesicht und man fragt nach Sonnenschutzmitteln. Dem Gast wird Ayran, ein salziges Yoghurt-Wassergetränk angeboten. Wir schlagen unser erstes Lager in etwa 3400 Meter Höhe auf. Ein schönes, grünes Fleckchen zwischen Bergen unterschiedlichster Steinbrocken, die von früheren Besuchern als „Schutt, Geröll, Felsentrümmer und eine einförmige grauenhafte Öde“ empfunden wurden. Das grüne Gras gaukelt zwar noch ein Paradies vor, allerdings ein gefährdetes, wie das längst ausgetrocknete Bachbett verdeutlicht. Auf dem extrem trockenen Vulkan existieren nur zwei Quellen. Wer hier Wasser benötigt, muss sich mit Schmelzwasser zufrieden geben, das Schneefelder liefern.
Die an den Berghängen erwärmte Luft steigt im Laufe des Tages nach oben, kondensiert und bildet Wolken, die den Gipfel meistens verhüllen. Fertig ist der Heiligenschein des Noah-Berges. Am nächsten Tag erreichen wir unser Hochlager in 4175 Meter Höhe. Auf dem Weg dorthin leuchten Büschel von Glockenblumen, Vergissmeinnicht, Kamille, Steinbrech und Hornkraut aus den Geröllhalden hervor. Über uns hebt sich der vergletscherte Gipfel, jetzt schon in greifbarer Nähe, vom blauen Himmel ab. In einer von der Spitze herabführenden Schlucht donnern immer wieder Felsen unter Produktion großer Staubwolken und eines akustischen Feuerwerks ins Tal. In der Abendsonne leuchtet der Vulkankegel des benachbarten kleinen, 3925 Meter hohen, Ararat. Die Spitzen beider Berge liegen 13 Kilometer auseinander und sind durch einen Bergsattel miteinander verbunden, auf dem die Arche einst gestrandet sein soll. Friedrich Parrot, der den Ararat nach einem dreimaligen Anlauf am 27. September 1829 als erster Europäer bestieg, hielt den Gipfel aus naturwissenschaftlicher Sicht durchaus geeignet für die Landung von Noahs Boot. Er stellte ernsthafte Überlegungen an, wo der „Kasten“ aus der biblischen Geschichte gestrandet sein könnte. Die Eisschichten auf dem Ararat erschienen ihm dick genug, um die gesamte Arche zu verbergen. Die armenischen Christen glaubten dies schon immer, zumal ja der Klosterbruder Jacob zwar bei seinem Versuch den Berg zu besteigen, scheiterte, ihm der Herr aber für sein Beharrungsvermögen im Schlaf ein Stück Archenblanke in die Hand drückte. Hand des Mönchs und Holz der Arche landeten als Reliquie im Kloster Etschmiadsin. 1955 fanden Archeforscher in 4200 Meter Höhe einen von „Lavastaub im gefrorenen Moränen Schutt konservierten behauenen Holzbalken“, dessen Alter mit 5000 Jahren bestimmt wurde. Für die Arche-Anhänger natürlich ein neuer Beleg ihres Glaubens. War es einst für die Armenier geradezu ein Verbot ihrer Kirche, den Noahberg zu besteigen, ist die Gipfeltour inzwischen regelrecht zu einer Pilgerreise geworden. So finden wir auf dem Gipfel noch die Überreste des letzten Gottesdienstes. Ein beliebtes Mitbringsel der Armenier war Gletschereis vom Gipfel, das im Kloster zu einem begehrten, weil heiligen Wasser schmolz. Während Parrot und seine Gefährten den Gipfel nur durch mühsames Stufenschlagen in den Eismantel der Bergspitze erklimmen konnten, haben wir es mit Steigeisen eigentlich recht gemütlich. Über einen Ausrutscher schreibt Parrot: „..mein Weg, den ich fast besinnungslos zurücklegte, mochte wohl eine halbe Werst betragen haben und endete zwischen Lavatrümmern nicht weit vom Rande des Gletschers.“ Unachtsamkeit verzeiht der Berg aber heute natürlich ebenso wenig wie damals. Am Tag unserer Ankunft berichtet eine Zeitung von einem jungen Mann, dessen Leben in einer Gletscherspalte endete. Ihr Ende fanden ebenfalls zahlreiche Insekten, die sich aufmachten, den eisigen Berggipfel zu überfliegen. Im Gletschereis leuchten ihre bunten, tiefgefrorenen Tierleiber als winzige Mahnmale der Überheblichkeit. Parrots Team schleppte sich mit einem massiven Holzkreuz und einer allein 27 Pfund schweren Bleiplatte ab. Beides sollte auf dem Gipfel installiert werden und von fern und nah auf die Großtat und ihren Auftraggeber hinweisen. Auch da hat sich einiges verändert. Unsere türkischen Begleiter entfalten auf dem höchsten Berg der Türkei eine Fahne ihrer Firma, die Filter für Autos herstellt. Um die Kunde von der Besteigung zu verkünden, sind weder Bleiplatten noch Kreuz nötig, mit Handys wird die Botschaft vom Sieg über den Gipfel in alle Welt gejagt. Erst nach dem obligatorischen Gipfelphoto vor der türkischen Flagge schallen doch noch ein paar Allah-Rufe über das tief unten liegende Land. Parrot dagegen genehmigte sich auf dem Gipfel etwas Wein, der aus Trauben gekeltert wurde, deren Rebstockvorfahren Noah selbst angepflanzt haben soll.
Selbstverständlich brachte er dem Urvater des Menschengeschlechts der laut Bibel nach der Sintflut an den Hängen des Berges zum Ackermann mutierte und die ersten Weinstöcke anpflanzte, ein Weinopfer dar. Der Berg, der einst als der höchste der bewohnten Welt galt, auf einer Landkarte von 1780 direkt neben dem Paradies eingezeichnet ist, „in der Mitte der Linie der größten Längenausdehnung der alten Welt, zwischen der Südspitze Afrikas und der Beringstraße liegt und zugleich den zentralen Knoten der afrikanisch-asiatischen Wüstenzone bildet“, der einst den Schiffern auf dem Kaspischen Meer der Orientierung diente, ist gerade mal zum höchsten Berg der Türkei zusammengeschrumpft. Selbst der Erstbesteiger musste Federn lassen, trägt der Gipfel doch nicht mehr seinen Namen, sondern den des Gründers der modernen Türkei. Nach der türkischen Ararat-Legende gibt es auf dem Gipfel des Ararat einen Brunnen, der in das Erdinnere hineinreicht. Aus diesem Brunnen haben die Menschen einst das erste Feuer gestohlen. Vom Berg bemerkt, wurden sie in Steine verwandelt, die seither die Abhänge bedecken. „Niemals hat der Ararat dem Vergeben, der seinen Gipfel bezwang“, heißt es in der Bergsage. Also wieder einmal Glück gehabt.
Wer die Arche wirklich sehen will, muss nicht das Risiko einer Bergbesteigung auf sich nehmen. Ein paar Kilometer in Richtung iranischer Grenze hat man den Landungsort der Rettungsinsel aus der Bibel genau geortet: 39°26’4 nördlicher Breite und 44°15’3 östlicher Länge. Dort schaut man auf ein Gebilde, das von einem Bauern 1948 entdeckt wurde und die Form eines Schiffes aufweist. Was da zu sehen ist, sollen die Umrisse der Arche sein, die aus einem zementartigen Material bestand. Die Innenverkleidung aus Holz wurde später von Noah verheizt, denn während die Sommer hier knackig heiß sind, können die Winter lausig kalt sein.
Von Noahs Arche hat man einen schönen Blick auf Noahs Berg, von dem Tournefot 1776 schreibt: „Dieser Berg, welcher zwischen Süd und Südost der drey Kirchen liegt, hat das traurigste und widrigste Ansehen, was in der Welt sein kann.“ Für den Besucher Wagner 1852 war es „eine grandiose Bergscenerie, die mit keiner anderen Landschaft in drei Erdteilen einen Vergleich aushält.“
Vielleicht hängt die Einstellung einfach davon ab, wie viel man von Noahs Rebensaft konsumiert hat. Das biblische Flair der Landschaft jedenfalls hat sich wahrscheinlich nur wenig verändert, so dass es wohl niemand wundern würde, wenn dem mit Stroh beladenen, sich mühsam den unbefestigten Weg hinauf quälenden einachsigen Ochsengespann mit Holzscheiben als Räder, der vom Feld zurückkommende Urvater Noah entstiege.
EIN BESUCH IM HAMAM
Obwohl ich es immer wieder versucht habe, mich mit dieser für viele so beglückenden Einrichtung anzufreunden, bin ich kein Fan des türkischen Bades, da konnten auch vier Jahre Türkeiaufenthalt und zahlreichen Badebesuche nichts ändern. Nichts habe ich ausgelassen, was das Bad vorgibt, an Genüssen zu bieten. Aber weder an mir vollzogene Waschungen noch Massagen hinterließen eine positive Wirkung oder führten gar zu einer Einstellungsänderung. Nichts hat geholfen! Nach meiner ersten Kese gar hatte ich nicht das Gefühl der Sauberkeit, sondern ein brennendes Verlangen mich zu duschen, aber wo? Zu Hause natürlich, denn das klassische türkische Bad kennt diese moderne, praktische Erfindung der Dusche noch nicht. Auch die Massage war eine herbe Enttäuschung - danach ging es mir zwei Tage so schlecht, dass ich glaubte, das Ende sei nahe. Gesundheitlich waren das die schlimmsten Tage meiner gesamten Türkei-Zeit, und das will schon etwas heißen. Auch die Art der Kleidung, wie eine Mumie in ein Tuch gewickelt, erscheint mir eher hinderlich als besonders praktisch oder gar entspannend. So wird das Bad vermutlich nur noch von denjenigen genutzt, denen zu Hause geeignete Waschmöglichkeiten fehlen und natürlich von Touristen, denen man für den eigentlich billigen Spaß viel Geld abknöpft. Zur Ehrenrettung des Bades sei jedoch gesagt, ich habe auch Bekannte, die sind begeisterte Hamam-Besucher und schwören auf diese türkische Einrichtung, selbst dann, wenn sie am gesamten Körper schon von den verschiedensten Pilzen heimgesucht wurden. Worauf ihr Enthusiasmus zurückzuführen ist, habe ich bis heute nicht nachvollziehen können. Trotz meiner Abneigung, lasse ich mich doch immer wieder zu Besuchen verführen. Test it!
Der Wind weht mir feinen Nieselregen ins Gesicht. Ich versuche den schweren, kalten, von den Dächern herunterfallenden Wassertropfen auszuweichen und dabei gleichzeitig die Wasserlachen auf der Straße im Auge zu behalten. Aus den Schornsteinen quillt Rauch und zieht wie Nebelfetzen durch die engen Straßenschluchten. Das Thermometer zeigt 5°C. Bonjour Tristesse! Ein Aprilmorgen in Istanbul.
Ein Tag wie geschaffen für den Besuch des Hamams, des viel gerühmten und oft beschriebenen türkischen Schwitzbades. Ein Jungbrunnen, der nicht nur den Körper reinigt, sondern auch Geist und Seele wieder ins rechte Lot bringt, glauben die Anhänger dieser uralten Einrichtung. Eine ideale Brutstätte für Mikroorganismen, in der man sich allenfalls den Pilz holt und nach einer Massage reif für den Orthopäden ist, prophezeien die Skeptiker. Probieren geht über studieren, denke ich, als ich die Tür des Galatasaray Hamami öffne.
Im Kopf das berühmte Bild des französischen Malers Ingres, „Türkisches Frauenbad“ von 1859, auf dem in der Kulisse eines türkischen Bades nackte Frauen tanzen und sich räkeln, werde ich schnell von der nüchternen Realität eingeholt. Wer bisher geglaubt hat, ihm stehe vielleicht ein angenehmer Vormittag mit dem anderen Geschlecht bevor, wird gleich desillusioniert, denn im klassischen türkischen Bad herrscht strikte Geschlechtertrennung. Männer und Frauen benutzen verschiedene Eingänge sowie eigene Baderäume und werden jeweils von gleichgeschlechtlichem Personal betreut.
Lady Mary Wortley Montagu, die 1717 die Damenabteilung eines Hamams in Istanbul besuchte, machte folgende Beobachtungen: „Kein zügelloses Lächeln, keine lockere unanständige Gebärde... der Anblick so vieler schöner Frauenleiber in verschiedenen Stellungen.. Einige Damen plauderten; einige machten Handarbeiten, andere wieder tranken Kaffee und Sorbet oder lagen lässig auf ihren Polstern und ließen sich von Sklavinnen das Haar in verschiedenen Arten aufstecken. Kurz und gut, dies ist das Damenkaffeehaus, wo alle Stadtneuigkeiten besprochen, Skandalgeschichten erfunden werden usw.“.
In der Eingangshalle erwartete man mich bereits, ohne mir Zeit zu lassen, die Informationen an der Kasse zu verarbeiten oder die träge im Barockbrunnen herumschwimmenden Goldfische in Ruhe zu beobachten. Ehe man sich`s versieht, erfolgt schon die erste Dienstleistung. Man ist seine Schuhe los und schlurft in mehr oder weniger passenden Sandalen eine Treppe hinauf, wo man zu einer Umkleidekabine geführt wird - Teil zwei des Services. Dort legt man seine Kleidung ab und windet sich ein vom Bauchnabel bis fast zu den Knien reichendes Tuch um den Leib. Wer diesen Sichtschutz einfach an der Hüfte zusammenknotet wie einst Gunther Sachs, wenn er an den Stränden von St. Tropez auftauchte, hat sich bereits als Erstbesucher geoutet, was früher oder später sowieso passiert wäre. Die Beschreibungen des türkischen Bades verlieren sich nämlich meistens in allgemeinen, fast philosophischen Betrachtungen, die den Leser nur neugierig auf den Besuch dieser Badeeinrichtung machen, ohne ihm genau mitzuteilen, was man zu tun oder zu lassen hat. Das Tuch jedenfalls schlingt man sich solange um den Leib, bis es aufgebraucht ist, was natürlich je nach Leibesfülle zu einer unterschiedlichen Zahl von Lagen führt. Klemmt man das Ende oben unter den Rand und schlägt diesen noch zwei- oder dreimal um, bekommt die Sache Halt. Diese Badebekleidung wird von Schweigger 1608 lobend erwähnt: „Sie bedecken sich im Baden fein züchtig und ehrbarlich, und nicht so schimpflich wie die Deutschen, wo es das Ansehen hat, als wollt einer die Scham mit Fleiß zeigen.“
Selbstverständlich muss man keine Angst haben als Neuling, den Weg von der Umkleidekabine in den Baderaum nicht zu finden, darum kümmert sich wieder einer dieser aufmerksamen Geister. Vom kühlen Vorraum gelangt man in den nächst wärmeren Raum, in dem die Massagebank steht. Ob man diesen Service später nutzt, hängt davon ab, wie ernst man die Gerüchte nimmt, die über diesem Ort hängen. Da wird von krachenden Gelenken und Sprüngen ins Kreuz berichtet. Mein Begleiter, zwar nur von der Statur eines Leichtgewicht-Sumoringers, bietet mir diesen Dienst an. Da aber von Natur aus nur mit einem eher geringen Bedürfnis nach Kasteiung ausgestattet, verzichte ich auf diese Erfahrung. Im 17. Jahrhundert hat Schweigger die Massage so erlebt: „...da kommt ein Badknecht, der umfängt ihn, renkt ihm den Leib hin und her, als wollt er ihm den Leib ineinander richten. Desgleichen dehnet er ihm auch die Glieder, Arm`, Händ` und die Schenkel, als wollt er mit ihm ringen. Danach legt er ihn nach der Länge auf den Herd, steht ihm auf den Leib, doch sänftiglich“. Der Franzose Tevenot war jedenfalls nach einem Besuch dieser Badeeinrichtung so fertig, dass er nur noch einen Wunsch hatte, nämlich ein Pferd, das ihn nach Hause tragen sollte.
Im Zentrum des türkischen Bades befindet sich ein etwa kniehohes, mehreckiges Marmorpodest, der Nabelstein, über dem sich eine weißgetünchte Kuppel wölbt, durch deren kleine Fenster der triste Morgen hereinscheint. Schweigger erinnert die Architektur dieses Teils des Bades an den Chor einer Kirche. Mehrere Stücke körperlangen Teppichbodens mit einem Schaumstoffpolster am Kopfende auf dem von unten beheizten Nabelstein, weisen darauf hin, sich hier niederzulassen. Vorher breitet mein Betreuer als nächste Serviceleistung ein Tuch aus, auf das ich mich dann lege, gegen die Decke starre, die feuchte, warme, modrige Luft inhaliere, die Muster des Hausschwamms im Putz studiere und dem Aufprall der von der Kuppel herunterklatschenden Wassertropfen lausche, was eigentlich durch das Gewölbe verhindert werden sollte.
Da fällt mir die Episode von Sultan Mahmut I ein, dem Spanner, dessen Klebstoff-Abenteuer ebenso in die Geschichte eingegangen ist wie Clintons Zigarren-Affäre. In seiner Freizeit beobachtete Mahmut nicht nur heimlich die Frauen im Bad, sondern ließ deren Badekleidung manipulieren. Die Nähte wurden aufgetrennt und der Stoff wieder mit Leim zusammengefügt. Durch die Feuchtigkeit löste sich dieser bald auf, die Damen standen ohne Hüllen da, was den Sultan glücklich machte.
Außer mir ist nur noch ein Badbenutzer anwesend. Früher muss hier mehr Trubel gewesen sein, ist es doch schon allein Pflicht, nach dem Geschlechtsverkehr das Bad aufzusuchen. Ob real oder nur geträumt, spielt dabei nicht einmal eine Rolle. Ein alter Brauch ist es auch für Frauen nach der Geburt das Dampfbad mit ihrer Hebamme aufzusuchen. Der hier durchgeführte Ritus soll den strapazierten Frauenkörper wieder auf Vordermann bringen.
Welche Bedeutung diese Bäder einst hatten, zeigt ihre Zahl: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es in Istanbul 14536 dieser Einrichtungen. Berühmt sind die 17 Dampfbäder im Sultanspalast, in denen die Herren und Damen schon schwitzten und sich reinigten, als man an europäischen Höfen fast noch Angst vor dem Wasser hatte. Selbstverständlich floss das Wasser für den Sultan aus goldenen Wasserhähnen und der Mann konnte seine Notdurft bereits auf einem eigenen Klo verrichten.
Inzwischen überzieht sich mein Körper mit feinen Schweißperlen. Mein Betreuer führt mich an den Rand des Baderaums, wo ich mich auf den Boden setzen muss, denn ich hatte eine „Kese“ bestellt. Bei dieser Prozedur wird man laut Reiseführer mit einem aus Ziegenhaar bestehenden Handschuh abgerieben, was Helmuth von Moltke, der das Türkische Bad im vorigen Jahrhundert besuchte, mit dem Striegeln von Pferden vergleicht. Mit einem solchen Handschuh beginnt mich nun mein Betreuer zu traktieren. Erst den Rücken, dann die Arme, an denen er mir demonstriert, wie sich meine verbrauchte Haut in schmutzig schwarzen Röllchen ablöst. Der Oberkörper, die Beine und die Füße werden anschließend bearbeitet. Zu guter Letzt, sozusagen als Beweis, wie sauber ich inzwischen bin, wird mir noch das Gesicht abgerubbelt.
Als Sultan wäre ich zwar von meiner Lieblingsfrau gewaschen worden, an den Kopf hätte ich sie aber nicht gelassen. Da legte der Sultan aus Sicherheitsgründen lieber selbst Hand an sich, wenn er sicher war, dass er sich ganz allein im Bad befand, damit niemand anders, wenn er mit geschlossenen Augen das Gesicht einseifte, heimlich Hand an ihn legen konnte.
Ein paar Schalen Wasser ergießen sich über mich und spülen meine zu Markte getragene Haut in die Kanalisation von Istanbul. Bevor ich mich nun auf und davon machen kann, werde ich noch mit einer Art eingeseiftem Mopp abgewaschen. „Good wash, good money“, zwischen den Lippen meines Servicemannes hervorgemurmelt, signalisiert mir, die Sache geht dem Ende zu.
Was einem heutigen Badbesucher in jedem Fall erspart bleibt, ist das Schröpfen: „Der Bader nimmt ein abgebrochen Schermesser, reibt es ihm in die Haut hinein, danach zündet er ein Werg an, tut`s in die Schröpfköpflein, das setzt er auf die Wunden.“ Auch die früher übliche Enthaarung geschah nicht besonders hautfreundlich: „Das Haar pflegen sie beide, Weib und Mann, an heimlichen Orten und sonsten am Leib, glatt hinweg zu ätzen mit einer schwarzen Erden, mit Kalk vermischt, und mit Wasser zu einem Brei gemacht. Diese Schmier ist so herb, dass sie auch die Haut auffrisst, und große Schmerzen macht, wenn man´s zu lang drauf lässt bleiben.“
Für Moltke: „Ist es gar nicht zu beschreiben, wie erquickend und wohltätig ein solches Bad auf große Ermüdung wirkt“. Aber vielleicht muss man wie Moltke erst einen vierzehnstündigen Ritt hinter sich haben, um seine Empfindungen nachvollziehen zu können. Moltke berichtet auch von einem „jungen deutschen Arzt, der in ein türkisches Dampfbad ging, sich zu einem Pestkranken legte und binnen vierundzwanzig Stunden tot war“.
Neue Tücher umhüllen meinen malträtierten Körper, Getränke werden mir angeboten, bevor ich wieder in der Umkleidekabine lande, an der Mark Twain bei seinem Besuch 1867 ebenso wenig ein gutes Haar lässt wie am gesamten türkischen Bad. Besagte Umkleidekabine wird vom amerikanischen Schriftsteller mal als Pferdestall, mal als vergitterter Hühnerstall bezeichnet, und die Atmosphäre vergleicht er mit der eines Bezirkshospitals. Einer bringt mir noch eine Parfümflasche, ein anderer hält schon den Schuhlöffel bereit. Zwar ohne Katharsis, aber um einige Erfahrungen reicher, begebe ich mich zum Ausgang.
Auf dem Weg dorthin begegne ich noch einmal allen, die sich so wundervoll um mich gekümmert haben, und ein jeder verlangt, was ihm gebührt. „Ein Türk gibt etwa ein Asper oder zween. Wir aber haben ein jeder fünf oder sechs Asper geben müssen“, schreibt Schweigger 1608. Alles wie gehabt.
EIN SCHNITT ALS EINSCHNITT INS LEBEN
