Volker Bouffier - Siegfried Quandt - E-Book

Volker Bouffier E-Book

Siegfried Quandt

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Beschreibung

2010 trat Roland Koch zurück - Volker Bouffier wurde hessischer Ministerpräsident und stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Doch wer ist der Mann, der im September wieder Ministerpräsident werden will? Siegfried Quandt zeichnet seinen Lebensweg, seine Laufbahn und seine politischen Perspektiven nach. In einem Gespräch macht Bouffier klar, wofür er steht und welches seine politischen Werte, Überzeugungen und Ziele sind.

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Siegfried Quandt

Volker Bouffier

Lebensgeschichte und Politik

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagmotiv: Volker Bouffier, aufgenommen am

2. Mai 2013 während der ZDF-Talksendung „Maybrit Illner“

© picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler

ISBN (E-Book) 978-3-451-80021-4

ISBN (Buch) 978-3-451-33286-9

Inhalt

I. Die Perspektive des Autors

II. Volker Bouffier: Lebensgeschichtlicher Hintergrund

III. Gespräche mit

1. Volker Bouffier

2. Roland Koch

IV. Foto-Dokumente

V. Leitgedanken des Politikers Volker Bouffier

Aus den Reden 2010 bis 2013

VI. Stationen des Lebens und der Laufbahn

VII. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Quellen

2. Literatur

3. Pressematerial

4. Fotonachweis

VIII. Kurzbiographie Siegfried Quandt

I. Die Perspektive des Autors

Der Autor ist Historiker und Journalistik-Professor. Er leitet das TransMit-Zentrum für Kommunikation, Medien, Marketing in Gießen und hat vielfältige Arbeitskontakte zur journalistischen Praxis. Eines seiner besonderen Interessengebiete ist die Zeitgeschichte Hessens und das aktuelle regionale Mediengeschehen.

Er war als Autor an einem Dokumentarfilm des Hessischen Rundfunks über den SPD-Ministerpräsidenten Georg-August Zinn beteiligt. Außerdem hat er vier Filme über die Fraktionsvorsitzenden im Hessischen Landtag gedreht und in den 90er Jahren ein TV-Regionalmagazin über Mittelhessen moderiert. Im Übrigen ist er Jury-Vorsitzender von zwei auf Hessen bezogenen Journalistenpreisen: dem Hessischen Jungjournalistenpreis und dem Medienpreis für Polizeiberichterstattung.

Diese Interessen und Erfahrungen brachten ihn nach der Wahl des Gießener Politikers Volker Bouffier 2010 zum Hessischen Ministerpräsidenten auf die Idee, eine Biographie über ihn zu verfassen. Auf den entsprechenden schriftlichen Vorschlag vom Oktober 2010 reagierte Bouffier nicht. Zwei Jahre später sprach der Autor ihn beim Empfang des Hessischen Verlegerverbandes in Bad Schlangenbad auf die Publikationsidee an. Bouffier ging darauf positiv ein und schlug ein Gespräch darüber in einer Gießener Pizzeria vor. Daraus entwickelte sich eine projektbezogene Kontakt- und Arbeitslage.

Der Autor ist nicht CDU-Mitglied. Er hat seit den 80er Jahr zu vielen hessischen Landespolitikern von SPD, CDU, FDP und Grünen zeitgeschichtlichmediale Arbeitskontakte gehabt. Sein Interesse gilt der fachjournalistisch fundierten Erkenntnis und Darstellung von Zeitzeugen-Erfahrungen und deren Bezug auf die aktuelle Situation. Daher arbeitet er auch im wissenschaftlichen Beirat des Großprojekts „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ mit. Es wird vor allem vom ZDF, dem „Stern“, Google und anderen Medieninstitutionen getragen.

Diese biographisch-politische Skizze geht von der Gegenwart aus, der anstehenden Landtagswahl in Hessen 2013. In einer Rückblende wird versucht, die lebens- und zeitgeschichtlichen Prägungen, die praktisch-politischen Impulse und Handlungsmuster sowie das Netzwerk des Politikers Volker Bouffier zu erfassen. Der Autor versucht, ohne „Zorn und Eifer“ zu verstehen, nicht parteilich zu agitieren.

II. Volker Bouffier: Lebensgeschichtlicher Hintergrund

Zur Situation 2013

Eine schon lange bekannte politische Persönlichkeit in Hessen wird 2010 durch eine Rochade innerhalb seiner Partei plötzlich Ministerpräsident. Überraschend war das jedenfalls für die Außenwahrnehmung. Elf Jahre war er schon Mitglied der Landesregierung seines Freundes Roland Koch, als Innen- und Sportminister: Volker Bouffier.

Ein kommunikativer Typ, der Nähe sucht, sie herzustellen weiß und auch längerfristig zulässt. Mit besonderem Erfolg kultiviert Bouffier informelle Kommunikation und Kontakte auf vielen Ebenen. Die Gesprächsorte dafür sind für einen ranghohen Politiker häufig ungewöhnlich. Bei einer polizeigewerkschaftlichen Diskussion über Tarifprobleme ermutigte er z.B. die Polizistinnen und Polizisten, Nachfragen oder Beschwerden „auch außerhalb des Dienstweges direkt“ an ihn zu richten (Polizeireport 63/2000). Diese Art informeller Kommunikation schafft Kontakt und Vertrauen, kann allerdings auch – wenn es um Landespolitik oder Personalfragen geht – zu Misswahrnehmungen oder kritischen Deutungen führen. Das ist Bouffier auch passiert.

Im Polizeibereich gilt Bouffier manchen als „Schwarzer Sheriff“, der hart zufassen und Kante zeigen kann, als „harter Hund“ eben. Er hat langjährige Erfahrungen in der Partei, insbesondere in der Kommunalpolitik, und ein sehr gutes innerparteiliches Beziehungsnetz. In der CDU aufgestiegen ist er über die Junge Union. Jetzt steht Volker Bouffier vor der ersten eigenen Landtagswahl als Spitzenkandidat. Wird er gewinnen? Was macht er dabei anders als sein Vorgänger Roland Koch? Kann er den Unterschied zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün auf Landesebene hinreichend deutlich und seine Partei attraktiv machen? Auf welche Themen und Werbeformen wird er setzen? Das fragen Medienleute und interessierte Bürger; und: Wie wird er die Wählerinnen ansprechen?

Manche Journalisten halten ihn für „ganz nett“, aber „etwas langweilig“. Bei anderen hat er den Ruf, „immer wieder mal etwas Neues aus dem politischen Zylinder zu zaubern“ (FNP, 23. 05. 2003). Seine landesväterliche Kommunikationsform und Konsenspolitik bringt aber offenbar aus journalistischer Sicht weniger Aufreger als der politische Stil Roland Kochs.

Image und Grundhaltung

Bouffiers typisches Verhalten in einer Gesprächssituation beschreibt die HR-Journalistin Sabine Hardt so: „Mit offenem Blick und freundlichem Lächeln kommt der Ministerpräsident seinem Gesprächspartner meist entgegen. Er hält den Kopf leicht gesenkt, wie um nicht größer zu wirken als sein Gegenüber. Sein Arm ist leicht ausgestreckt zu einer angedeuteten Geste der Umarmung. Mit einer kurzen Berührung von Arm oder Schulter verstärkt er oft noch das Gefühl von Nähe … Wir sind auf Augenhöhe. Volker Bouffier gibt sich jovial. Keine Spur von Arroganz der Macht … Dieser Ministerpräsident will einer für alle sein“ (hr-Info, 02. 07. 2012).

Aber in der Sendung kam auch die journalistische Frage: „Kann Bouffier eigentlich Angriff?“ Sie wird vom Landtagskorrespondenten Christopher Plass energisch bejaht. In anderen journalistischen Zusammenhängen wird Bouffier sogar als „mit allen Wassern gewaschener Machtpolitiker“ bezeichnet (FAS, 18. 12. 2011). Dennoch hat er durchaus auch positive Kontakte zu wichtigen SPD-Leuten, etwa zum Bundestagsabgeordneten aus Mittelhessen Rüdiger Veit, ein Linker seiner Partei. Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung: „Wo steht Bouffier?“ antwortete Veit: „Er ist ein Konservativer, ein rechter Kader ist er nicht, ein Hardliner auch nicht“ (SZ 28. 08. 2010). So ähnlich sieht ihn sein Koalitionspartner, der FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn: „Volker Bouffier ist nicht der Hardliner. Ein politisches Schlitzohr ist er schon und ein reiner Bauchmensch.“ Die Frage, ob er sich als eine Art „Instinkt-Politiker“ sieht, bejaht Bouffier nach einigem Zögern. Der Geschäftsführer und Chefredakteur des Gießener Anzeiger, Dr. Wolfgang Maaß, der Bouffier seit langem kennt, hat folgendes Bild von ihm: „Er ist jemand, der sehr offen in seinen Positionen ist, andern zuhört, für andere zugänglich ist und sehr auf Ausgleich setzt. Das kann man als Liberalität bezeichnen. Er agiert immer sehr volksnah, wirkt gerne im Hintergrund.“

Die CDU-Leute stehen nahezu geschlossen hinter ihm. Bei innerparteilichen Auftritten erreicht er hohe Zustimmung und bei Wahlen in der Partei meist Prozentsätze zwischen 90 % und 100 %. Für seine Wahl zum Landesvorsitzenden erhielt er 2010 96 % der Stimmen, als Kandidat für die nächste Landtagswahl kam er in der Wahlkreisdelegierten-Versammlung im Februar 2013 auf hundert Prozent.

Bouffier weiß, wie er seine CDU-Leute begeistern kann. Es ist die lange mitreißende Rede, nicht der Dialog mit ihnen, dem sie unisono stehenden Applaus spenden. Ob er damit auch die Wechselwähler oder Nichtwähler für sich gewinnen kann, bleibt abzuwarten. Kommunikationsfachleute sind überwiegend der Meinung, dass das Publikum – vor allem das jüngere – heute interaktive Kommunikationsformen bevorzugt. Viele wollen offenbar Antworten auf selbstgestellte, ganz eigene Fragen; die beziehen sich häufig nicht auf langfristige politische Wert- und Strategieprobleme, sondern bleiben in einem engeren Alltagshorizont. In den verschiedenen Formen seiner Bürgersprechstunde versucht Bouffier, darauf einzugehen: Dabei gibt es Vieraugen-Gespräche; Termine, die verschiedene Leute nutzen können, um Fragen zu stellen; größere „Bürgerempfänge“ und digitale Chats ohne Themenvorgaben.

Bouffiers politische Grundhaltung und seine Verhaltensweisen waren und sind offenbar nicht das Resultat theoretischer Studien und eines abstrakten Systems. Sie wurden vor allem durch grundlegende Wertorientierungen und Lebenserfahrungen geprägt – familiäre und politische.

Jugend in Gießen

Volker Bouffier wurde im Jahr 1951 in Gießen geboren; er war ein Nachkriegskind. Verwurzelt ist er vor allem in Gießen und Mittelhessen. Dieser starke Gießen- bzw. Mittelhessen-Bezug lässt ihn für manche in seiner Erfahrung und Weltsicht regional gebundener erscheinen, als er es in seinem geistigen Zuschnitt und politischen Horizont wirklich ist. Seine philosophischen Interessen und seine langjährige Mitarbeit in NATO-Gremien wie zum Beispiel der Parlamentarischen Versammlung der NATO werden in der Außenwahrnehmung meist kaum vermerkt.

Der eigentliche Wurzelgrund Bouffiers ist allerdings seine Familie. Im engeren Sinne sind das die Eltern, die Schwester, seine Frau und die drei Kinder. Beide Eltern haben ihn stark geprägt: Die Mutter vor allem durch ihre Erzählungen von ihrer Heimat Donauschwaben und der Flucht 1944, der Vater durch sein politisches Engagement. Diese Verwurzelung in der Familie enthält auch eine politische Traditionslinie: Fast alle Genannten waren bzw. sind in der CDU aktiv, die jüngeren in der Jungen Union. Sein Vater, Robert Bouffier, war lange Kommunal- und Kreispolitiker. Der Großvater gehörte 1945 zu den Gründern der CDU in Gießen. Diese politische Tradition wird von den jüngeren Familienmitgliedern in einer offenen familiären Kommunikation und Umgangsweise übernommen, nicht durch druckvolle Argumentation der älteren herbeigeführt. Die CDU-Bezüge sind aber bis in kleine Signale dauernd präsent, etwa wenn ein Fußball für die Jungs eine CDU-Markierung trägt. Das geht jedenfalls aus Erzählungen des Bouffier-Sohns Frederik hervor. Die offene familientypische Haltung auch anderen gegenüber zeigt sich schon bei Robert Bouffier, dem Großvater Frederiks. In einem Leserbrief würdigte er den SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“) anlässlich seines siebzigsten Geburtstags. Er habe „oft in parteiübergreifender Gemeinsamkeit besonders auf außenpolitischem Gebiet Respektables geleistet“ (Gießener Anzeiger 05. 08. 1992).

„Familie“ ist für Bouffier aber auch eine plausible Metapher für weitere soziale bzw. institutionelle Zusammenhänge, etwa für die Feuerwehr oder die Polizei; im gewissen Sinne bezieht er den Begriff sogar auf ganz Hessen. Er plädiert daher immer für das Gemeinsame, den vernünftigen Zusammenhalt, das wechselseitig füreinander da sein. Als Gegensatz und Problem sieht er den übermäßigen Individualismus und den Egoismus als Handlungsmaxime und daraus resultierend den drohenden Zerfall der Gesellschaft in Einzelinteressen oder Gruppenkonflikte.