Vom Flüchtling zum Bitcoinmillionär - Dadvan Yousuf - E-Book

Vom Flüchtling zum Bitcoinmillionär E-Book

Dadvan Yousuf

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Beschreibung

Mit drei Jahren kam Dadvan Yousuf als Kriegsflüchtling in die Schweiz. Mit 11 Jahren verkaufte er am Straßenrand sein Spielzeug um sich aus den Erlösen die ersten Bitcoin leisten zu können. Heute gehört er mit Anfang 20 zu den jüngsten Selfmade-Millionären des Landes.   Der Lebensweg von Dadvan Yousuf ist die außergewöhnliche Geschichte eines Flüchtlingskindes aus dem Irak, das es aus der Armut bis an die absolute Spitze geschafft hat. Yousuf gehört heute zu den bekanntesten und polarisierendsten Personen in der Schweiz. Aber er denkt längst international. Und will mit seinem Reichtum die Welt verändern.   In diesem Buch erzählt Yousuf seine Geschichte – eine Geschichte von Armut, Anfeindungen und Existenzängsten. Gleichzeitig ist es aber auch eine Geschichte von Hoffnung, Aufruhr und Revolution. Die Geschichte einer neuen Zeit – der längst angebrochenen Krypto-Ära, die die Welt, wie wir sie kennen, für immer verändern wird.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DADVAN YOUSUF

VOM FLÜCHTLING ZUM MILLIONÄR

DADVAN YOUSUF

VOM FLÜCHTLING ZUM BITCOIN MILLIONÄR

FBV

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Wichtiger HinweisAusschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2022

© 2022 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die im Buch veröffentlichten Ratschläge wurden von Verfasser und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers beziehungsweise des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Redaktion: Dennis Sand; Petra Sparrer

Korrektorat: Christine Rechberger

Umschlaggestaltung: Manuela Amode, München

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Thongden Studio

Autorenfoto auf dem Umschlag: © Philippe Rossier/Blick; auf der Klappe: zVg/Simon Tanner

Satz: Zerosoft, Timisoara

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook by tool-e-byte

ISBN Print 978-3-95972-624-5

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-181-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-182-8

Weitere Informationen zum Verlag finden sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Die Reise

Kapitel 2

Heimat

Kapitel 3

Armut

Kapitel 4

Abstieg

Kapitel 5

Perspektiven

Kapitel 6

Aufstieg

Epilog

Krypto-Glossar

Prolog

Fortschritt, hat ein berühmter englischer Schriftsteller einmal gesagt, sei bloß die Verwirklichung einer Utopie. Ich glaube an Utopien und ich glaube an Träume. Ich glaube daran, dass man das Unmögliche träumen muss, um es eines Tages möglich werden zu lassen. Nur würde ich das nicht Fortschritt nennen. Ich würde lieber von einer Revolution sprechen. Und ich war mir ganz sicher, nur einen winzigen Schritt davon entfernt gewesen zu sein, eine Revolution zu starten. Eine kleine Revolution. Aber diese kleine Revolution, davon war ich überzeugt, würde etwas ganz Großes anstoßen. Auch wenn es noch einige Jahre dauern würde. Und dann kam der Anruf. Der Anruf, der alles verändern sollte.

Ich schaute aus der verdunkelten Scheibe des Wagens. Wir fuhren beinahe in Schrittgeschwindigkeit durch Zürich. Die Stadt wachte gerade auf. Es war ein trüber Tag. Der Himmel war grau und nach und nach perlten vereinzelte Regentropfen an der Scheibe ab. Ich war auf dem Weg in mein Büro und lehnte mich noch etwas tiefer in die weiche Lederpolsterung zurück. Dann öffnete ich eine Dose Red Bull. Ich musste wach werden. Ich musste funktionieren. Ich hatte in den letzten Wochen nicht sehr viel geschlafen. Zürich. Paris. Dubai. Courchevel. Ich war permanent unterwegs. Ich war so viel unterwegs, dass ich manchmal die Orientierung verlor, für einen Moment vergaß, wo ich eigentlich war, wenn ich aufwachte. In den letzte Monaten wurden die buntesten Orte der Welt austauschbar für mich. Und irgendwie war es auch egal, in welchem Hotel ich mich befand. Ich war ja doch nur in meiner ganz eigenen Welt. Ich ging nachts viel zu spät schlafen und stand morgens viel zu früh auf. Ich war in einem Tunnel. Aber ich konnte nicht anders. Wir waren mittlerweile auf der Zielgeraden. Auf den letzten Metern. Alles, wofür ich die letzten Jahre gearbeitet hatte, stand kurz davor, verwirklicht zu werden. Ich hatte mir einen Countdown eingerichtet, der langsam runterlief. Es waren nur noch wenige Tage. Dann wäre es so weit. Dann würde mein Traum zur Realität werden. Dann wäre der erste Schritt der Revolution eingeleitet.

Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie wir langsam durch die Stadt rollten. Es war viel Verkehr. Wahrscheinlich wegen des schlechten Wetters. Ich betrachtete die Menschen, die draußen mit Regenschirmen über den Asphalt hetzten. Sie waren auf dem Weg zur Arbeit. Oder in die Schule. Sie gingen an die Orte, an die sie immer gingen, um das System am Laufen zu halten. Ich sah eine Mutter, die zwei Kinder an der Hand hielt und eines davon, einen kleinen Jungen, hinter sich herzog. Der Junge wollte lieber in die Pfütze vor ihm springen. Neben ihnen liefen drei Männer in Anzügen über die Straße. Sie hatten ihre schwarzen Regenschirme vor das Gesicht gezogen, sodass man sie nicht richtig erkannte. Und dann sah ich drei Bauarbeiter, die mit einem Presslufthammer den Pflasterstein bearbeiteten. Der Regen wurde heftiger. Es war nicht einmal zwei Jahre her, da gehörte ich auch noch zu den Menschen da draußen. Da stand ich vor Sonnenaufgang auf, um rechtzeitig meine Bahn zu bekommen und damit kilometerweit zu meiner Ausbildungsstätte zu fahren. Es war nicht einmal zwei Jahre her, da war ich noch Teil dieses Hamsterrads. Ich betrachtete die Mutter mit den beiden Kindern. Sie sah müde aus. Müde vom Leben. Aber das waren wahrscheinlich die meisten Menschen. Ich nahm noch einen Schluck Red Bull. Die meisten Menschen sind nicht müde, weil sie zu wenig Schlaf haben. Die meisten Menschen sind müde, weil sie sich in einem Hamsterrad befinden, das sie nicht durchbrechen können. Sie laufen und laufen und laufen, um doch nur auf der Stelle zu treten. Das ist unser System. Und ich verachte dieses System. Darum träume ich davon, es zu durchbrechen.

Dafür hatte ich die letzten Monate gearbeitet. Dafür hatte ich beinahe mein gesamtes Privatleben geopfert.

Und je näher wir unserem Ziel kamen, desto schwieriger wurde alles. Besonders in den letzten Wochen. Die letzten Wochen waren ein Albtraum, der einfach nicht enden wollte. Von heute auf morgen wurde ich in der Schweiz zum Staatsfeind Nummer eins.

Wie schnell das gehen konnte. Vor Kurzem, da klang das alles noch ganz anders. Da nannte man mich ein Wunderkind. Da war ich noch der Junge, der mit elf Jahren Bitcoin für sich entdeckte und so zu einem der jüngsten Millionäre des Landes wurde. »Krypto-Zauberlehrling« schrieb die renommierteste Zeitung der Schweiz über mich. Und jetzt? Das genaue Gegenteil. Jetzt hieß es, dass der Verdacht bestünde, ich wäre ein Hochstapler. Dass ich Geldwäsche betreiben würde. Und als wäre das nicht schlimm genug, erschien irgendwann die Story, dass ich Terrorismusfinanzierung betrieben hätte. Nichts davon war haltbar. Jede dieser Geschichten ließ sich als falsche Anschuldigung widerlegen. Aber auch, wenn ich mir ein dickes Fell zugelegt hatte, traf mich diese Flut der Negativschlagzeilen. Man muss mich ja nicht mögen, aber das? Terrorismus? Das war einfach zu viel.

Und auch, wenn ich diese falschen Anschuldigungen nicht bloß zurückweisen, sondern auch widerlegen konnte - irgendwas bleibt bei den Menschen ja immer hängen. Ich hatte das Gefühl, dass es - zumindest einigen - Menschen darum ging, ganz gezielt meinen Ruf zu zerstören.

Aber ich stand es durch. Das sind die Geburtswehen einer großen Veränderung, sagte ich mir. Ich will mich nicht wichtiger nehmen, als ich bin, aber ich hatte mir ein großes Ziel gesetzt. Ein utopisches Ziel. Ich wollte das System, in dem wir leben, verändern.

Und vielleicht schlug das System jetzt ein klein wenig zurück. David gegen Goliath. Aber das war okay, ich wusste ja, worauf ich mich einlasse.

Dann spürte ich eine Vibration. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche.

»Ja?«

»Herr Yousuf«, hörte ich die Stimme meines Anwaltes. »Ich habe schlechte Nachrichten.«

Der Regen prasselte jetzt noch heftiger gegen die Fensterscheibe meines Autos. Draußen flohen die Menschen von der offenen Straße. Suchten eine Überdachung. Ich schaute hinauf in den Himmel. Er war grau. Und er wurde immer dunkler.

Schlechte Nachrichten. War ich gewohnt. Doch was er mir jetzt eröffnete, das hätte ich tatsächlich nicht erwartet.

»Die Finanzaufsicht hat den Launch des Coins gestoppt.«

Mir fiel beinahe mein Handy aus der Hand. »Das kann nicht sein ...«, sagte ich. Ich spürte, wie mir langsam der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Mein Coin. Meine eigene Kryptowährung. Das Herzstück meines Plans. Darauf hatte ich die letzten beiden Jahre hingearbeitet. In ein paar Tagen sollte er nun endlich an den Start gehen. Ich hatte eine App entwickelt - ein Portal. Es war kostenlos und jeder konnte es sich herunterladen. Mithilfe dieser App sollte man sich spielerisch Finanzwissen aneignen können. Warum? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass jeder Mensch in der Lage ist, reich zu werden, wenn er nur einmal die grundlegenden Regeln unseres Finanzsystems verstanden hat. Auch ich hatte das geschafft. Ein Flüchtlingskind, das gar nichts hatte. Kein Startkapital. Keinen Mentor. Nichts. Wenn mir das gelang, dann würde es anderen Menschen auch gelingen. Und je mehr Menschen es schafften, desto stärker würde dieses System, wie es jetzt ist, in seinen Grundfesten erschüttert werden. Das wollte ich. Ich glaube, dass unser Finanzsystem zum Sterben verurteilt ist. Ich glaube, dass Krypto die Zukunft ist. Krypto ist nicht nur eine Währung. Sondern eine Philosophie. Darum wollte ich meinen eigenen Coin gleichzeitig zu meiner Plattform veröffentlichen.

Ich wollte, dass die Menschen viel Zeit mit der App verbringen. Wenn sie sich viel Wissen aneignen, dann sollten sie sich die Coins verdienen können. Meinen Coin wollte ich Dohrnii nennen. Dohrnii, das hatte ich einmal gelesen, ist der Name eines ganz besonderen Tieres. Die unsterbliche Qualle. Wenn sie stirbt, dann entsteht aus ihren Überresten eine neue Qualle. Sie vergeht nie. Sie bleibt für immer. Ein ewiger Kreislauf. Ich fand das einen schönen Gedanken. Es war das Gegensystem zu unserer Welt, in der alles immer nur für den Moment Bedeutung hatte. Aber jetzt schien die Idee zu sterben.

»Es ist ein einmaliger Vorgang«, hörte ich noch die Stimme meines Anwalts. »So etwas ist noch nie passiert ...« Aber ich nahm sie schon gar nicht mehr richtig wahr. Es fühlte sich an, als würde mein Traum wie eine Seifenblase zerplatzen. Einfach so.

Ich war völlig fertig und beschloss, die restlichen Termine für den Tag abzusagen. Ich ließ mich in ein kleines Restaurant am Stadtrand fahren. Ich kannte dieses Restaurant erst seit ein paar Wochen. Aber seit ich es durch Zufall entdeckt hatte, war ich hier Stammgast. Es lag in einer kleinen Seitenstraße und war sehr italienisch. Kleine runde Holztische mit der obligatorischen rotweißen Stoffdecke. Für mich war dieses kleine Restaurant so etwas wie ein Rückzugsort. Ein Platz, an dem ich für einen kurzen Moment meinen Alltag vergessen konnte. Es gehörte Luca, einem jungen Italiener, Mitte 30, den man sich nicht besser hätte ausdenken können. Luca war ein stolzer Mann mit einer unglaublichen Ausstrahlung, der jeden Gast sofort mit seinem Charme einfing. Außerdem war sein Kaffee, der beste, den ich jemals getrunken habe. »Ciao, Luca«, begrüßte ich ihn, als ich den Laden betrat.

Er nickte mir zu. Ich setzte mich an meinen kleinen Stammtisch in der Ecke und schaute auf mein Handy. Es waren neun weitere Anrufe in Abwesenheit hinzugekommen. Ich schaltete das Gerät ab und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden.

»Du siehst nicht gut aus, mein Junge«, sagte Luca und stellte mir einen Espresso und ein Glas Wasser auf den Tisch.

»Ich hatte schon bessere Tage«, gestand ich.

»Was ist los?«

»Liest du keine Zeitung?«

»Schon sehr lange nicht mehr. Wenn es etwas Wichtiges gibt, dann erfahre ich es auch so.«

Ich schaute mich noch einmal in seinem wunderschönen kleinen Laden um, den sich Luca hier eingerichtet hat. Zwar bezweifelte ich, dass es stimmte, was er sagte, fand seine Einstellung aber ganz sympathisch.

»Vielleicht ist es besser so«, sagte ich.

»Ich bin mir sicher, du wirst mir gleich erzählen, was in den Zeitungen so geschrieben wird. Es muss ja etwas Besonderes sein, wenn es dich so runterzieht.«

»Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen sollte«, winkte ich ab.

Doch dann tat Luca etwas, was er sonst nicht tat. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu mir. Das war ungewöhnlich. Aber vielleicht spürte er intuitiv, dass es mir wirklich nicht gut ging.

»Wie wäre es, wenn du ganz von vorne anfängst ...«

Ich zögerte. Fühlte mich ein wenig überrumpelt.

»Mal ganz ehrlich, du bist fast jeden Tag hier. Du setzt dich jeden Tag an denselben Tisch, spielst auf deinem Handy herum, trinkst deinen Espresso und bist in deiner ganz eigenen Welt, mein Freund, es wird Zeit, dass du mich auch mal ein wenig daran teilhaben lässt«, sagte er mit seiner typisch ausufernden Gestikulation und seinem einzigartigen Charme.

»Du willst meine Geschichte hören?«

»Zwing mich nicht, sie in einer Zeitung nachlesen zu müssen.«

Ich wusste seine Geste zu schätzen. Er wollte mich aufmuntern. Oder zumindest ein wenig ablenken. Aber ich wollte ihn nicht nerven. »Ich glaube, das würde ein bisschen zu lange dauern.«

»Schau dich um«, sagte er. »Sieht es so aus, als hätte ich gerade allzu viel zu tun?«

Also gut, dachte ich. Warum eigentlich nicht. Vielleicht würde es mir helfen, meine Gedanken ein bisschen zu ordnen.

Kapitel 1

Die Reise

Es gibt Geschichten, die nicht bloß einfache Geschichten sind. Es gibt Geschichten, die für mehr als nur für sich selbst stehen. Sie stehen für eine Zeitenwende. Sie stehen für einen großen gesellschaftlichen Umbruch. Oder einfach nur für die Hoffnung eines Einzelnen, mit dem sich viele Menschen identifizieren können. Ich weiß nicht, ob meine Geschichte so eine Geschichte ist. Ich weiß nur, dass ich meine Geschichte niemandem erzählen kann, der nicht den Kopf schütteln und mich für völlig verrückt erklären würde. Das kann so nicht gewesen sein. Das kannst du so nicht erlebt haben. Das ist doch so gar nicht möglich. Aber es war so. Ich habe es so erlebt. So ist es passiert. Und ich kann alles beweisen. Vielleicht fällt es vielen Menschen so schwer, meine Geschichte zu glauben, weil sie sich wie eine Art modernes Märchen anhört. Die Geschichte eines unglaublichen Aufstiegs, der nur in einem ganz besonderen Zeitfenster überhaupt in dieser Form möglich war. Vom Flüchtling zum Kryptomillionär. Wer sonst könnte das von sich behaupten? Hätte sich das alles ein paar Jahre früher oder ein paar Jahre später zugetragen, ja, dann wäre alles ganz anders gekommen. Aber Märchen sind Fiktion. Und meine Geschichte ist so passiert, wie ich sie hier erzähle.

Vielleicht ist sie so einzigartig, weil sie zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt passiert ist. War es Glück? Zufall? Fügung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass schon ihr Anfang genauso unwahrscheinlich ist wie ihr weiterer Verlauf.

Meine Geschichte beginnt an einem kühlen Herbsttag. Irgendwo in den namenlosen Wäldern des türkischen Grenzgebiets. Es war schon ein paar Wochen her, seit wir uns auf den Weg gemacht hatten. Aber die erste Erinnerung meines Lebens, das war die Erinnerung an diesen Tag. Es war bereits später Nachmittag und die Sonne war nur noch eine rote Kugel, die langsam am Horizont verschwand. Ein kühler Wind zog auf.

»Mama«, flüsterte ich. »Mir ist kalt.«

Mama blieb kurz stehen, setzte mich ab und zog mir meine Jacke zu. Ich sah, wie die anderen Männer an uns vorbeiliefen. Für einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, als würde die Zeit stehen bleiben. Als wären da nur noch Mama und ich. Ich erinnere mich noch genau an ihr Gesicht. Mama sah müde aus. Die vergangenen Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. »Wir müssen weiter, mein Schatz«, sagte sie leise und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Dann nahm sie mich wieder auf den Arm und die Zeit lief weiter. So wie alles immer weiterlief. Ich kannte nichts anderes. Ich kannte nur dieses ständige Weiter. Weiter, weiter, weiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Die Landschaften veränderten sich, aber alles andere blieb immer gleich. »Bald«, sagte Mama zu mir und meinen beiden älteren Brüdern, »bald haben wir es geschafft. Bald sind wir am Ziel.«

Aber das hatte sie schon sehr oft gesagt. Ich schaute zu meinen beiden großen Brüdern hinunter, die neben uns herliefen. Auch sie wirkten müde.

Und dann passierte es. Etwas, das mein Leben wohl für immer verändern sollte.

»Stopp«, erklang plötzlich eine raue Stimme. Die ganze Gruppe hielt an. Wir standen am Rand eines großen Waldes. Ich habe noch heute den harzigen Geruch der großen Kiefern in der Nase, die sich vor uns erstreckten. »Wartet.«

Wir drehten uns um. Ein großer, bärtiger Mann hob seinen Rucksack von den Schultern und stellte ihn vor sich auf den Boden. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Hier nannten ihn alle nur den »Soldat«. Der Soldat trug die ganze Zeit über eine abgewetzte alte Militärjacke. Er war kein Mann der großen Worte. Blieb meistens für sich. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich überhaupt seine Stimme hörte. Und das, obwohl wir schon ziemlich lange gemeinsam unterwegs waren. »Wir müssen etwas klären«, rief er und winkte die anderen aus der Gruppe heran. Ich hatte irgendwie immer Angst vor diesem Mann. Er war groß und breit. Seine dunklen Augen strahlten eine Kälte aus, die ich so noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Der Soldat wirkte sehr viel älter, als er wahrscheinlich war. Tiefe Narben hatten sich in seine Haut gefressen. Ich war froh, dass wir nicht so viel mit ihm zu tun hatten. Langsam trotteten wir zu ihm hinüber und bildeten einen kleinen Kreis. Ich schaute mich um. Wir waren fünfzehn, vielleicht zwanzig Leute. Eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft. Zusammengeführt von Leid, Hoffnung und Schicksal. Die meisten von uns waren Männer. Mama war eine der wenigen Frauen hier. Und meine Brüder und ich die einzigen Kinder. Jeder hatte bereits einen langen Weg hinter sich. Es herrschte Ruhe. Nur ein paar Vögel zwitscherten aufgeregt in den Bäumen.

»Das hier«, sagte der Soldat und zeigte unbestimmt in Richtung Wald, »das hier ist die wichtigste Grenze. Wenn es hier schiefgeht, dann war alles umsonst.«

Die anderen nickten. Seit Tagen sprachen wir von nichts anderem. Nur noch von dieser Grenze. Von diesem einen großen Schritt, den wir machen müssten. Wir befanden uns im Norden der Türkei. Kurz vor Bulgarien. Unserem Eintrittstor nach Europa.

»Wir können es uns nicht erlauben, hier etwas zu vermasseln«, sagte der Soldat und eine Strähne fiel in sein Gesicht. Jeder wusste gleich, was er meinte. Wir durften nicht erwischt werden. Nicht hier. Nicht heute. Nicht schon wieder. Denn in den vergangenen Tagen und Wochen waren wir immer wieder aufgegriffen worden. Waren den Grenzsoldaten regelrecht in die Hände gelaufen. Ich bemerkte, wie sich die anderen langsam umdrehten und ihre Blicke auf Mama und mir ruhten. Mama ließ sich nichts anmerken. Aber jedem hier war klar, warum es in den vergangenen Tagen so viel Ärger gegeben hatte. Wegen mir. Dass wir erwischt worden waren, war meine Schuld gewesen. Irgendwie.

Das hier war nicht nur irgendein Ausflug. Wir waren auf der Flucht. Unsere Gruppe hatte sich aus dem Nordirak abgesetzt. Es herrschte Krieg. Und wir alle wollten nach Europa. Ins Paradies. Dort, so hieß es, würden wir ein besseres Leben finden. Dafür nahmen wir eine monatelange Fluchtroute auf uns.

So hatte man mir das erklärt. Verstanden habe ich es natürlich nicht. Ich war nur ein Kind. Ich war drei Jahre alt. Ich begriff den Ernst der Lage nicht. Während wir hier unsere gesamte Existenz aufs Spiel setzten, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was eigentlich los war.

Für mich war das alles nur ein großes Abenteuer. Wir schlichen nachts durch offenes Gelände, krochen durch Wälder und versteckten uns vor patrouillierenden Soldaten. Ein Spiel.

Aber es war kein Spiel.

Es war die harte Realität.

Und sie würde jedes Mal, wenn man uns wieder erwischte, noch etwas härter werden.

»Der Junge ist zu laut«, sagte der Soldat. »Beim letzten Mal hat er angefangen zu weinen. Und wir sind aufgeflogen. Das können wir uns hier nicht erlauben. Nicht an dieser Grenze.«

Die Grenze zu Bulgarien war die wichtigste Grenze auf unserer Flucht. Wenn wir erst einmal in Europa waren, so hieß es, dann würde alles ganz einfach werden. Darum sollte man an dieser Grenze absolut nichts dem Zufall überlassen. Alles war perfekt vorbereitet.

Die Männer wussten genau, wann welche Abschnitte patrouilliert wurden. Sie hatten im Vorfeld die richtigen Grenzwächter bestochen. Es war alles geplant. Es gab nur noch einen einzigen Risikofaktor: mich.

»Er hat recht«, stimmte einer der anderen Männer dem Soldaten zu. »Der Junge gefährdet alles, wir können ihn nicht weiter mitnehmen.«

Auch das verstand ich alles nicht. Ich verstehe es heute. Im Rückblick. Ich verstehe es, weil meine Mutter mir lange erklärt hat, was auf unserer Flucht alles geschah. Es gab viele schwierige Momente. Aber dieser Moment hatte sich tief in ihre Seele gebrannt. Er wurde zu einem Trauma, das sie bis heute nicht richtig überwunden hat. Aber damals, war mir nur irgendwie klar, dass man über mich sprach. Dass die anderen böse auf mich waren. Ich musste wohl irgendwas falsch gemacht haben. Ich schaute zu meinen beiden Brüdern. Sie zuckten nur mit den Schultern. Dann schaute ich zu Mama hoch. Sie war ganz erstarrt. Blickte mit versteinertem Gesichtsausdruck in die Runde. »Das meint ihr nicht ernst«, flüsterte sie. Niemand sagte etwas.

»Was wollt ihr denn machen?«

Schweigen. Plötzlich schien Mama zu begreifen.

»Ihr wollt ...«, sie stockte und sprach etwas leiser weiter, »... ihr wollt meinen Sohn zurücklassen?«

»Versteh das doch, Schwester«, sagte einer der Männer. »Wir haben alles hinter uns gelassen. Unsere Familien. Unseren Besitz. Unser ganzes Leben. Wir haben alles aufgegeben ... und jetzt ...«

Ich verstand immer noch nicht wirklich, was hier vor sich ging. Ich konnte dieses Gespräch nicht einordnen. Nicht deuten. Das einzige, was ich verstand, war, dass es um mich ging. Und dass es Mama gar nicht gefiel, was da besprochen wurde. Sie hielt meine Hand ganz fest. Als würde sie mich nie wieder loslassen wollen. Aber als ihre Hand in meiner lag, da spürte ich, wie sie anfing zu zittern.

»Das ist doch völlig verrückt«, sagte sie zu den Männern. »Er ist drei Jahre alt. Wenn wir ihn hierlassen, ist das sein sicherer ...« Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Erst langsam wurde ihr wohl bewusst, was gerade passierte. Sie versuchte mit aller Kraft, die Fassung zu bewahren.

»Du kannst ja bei ihm bleiben«, sagte der Soldat, obwohl er genau wusste, dass das nicht funktionierte. Mama hatte ja nicht nur mich, sondern auch noch meine beiden Brüder Walat und Khalat dabei. Wir hatten schweres Gepäck. Wir konnten die Reise unmöglich allein schaffen. Und zurück konnten wir auch nicht mehr.

»Wir sind so weit gekommen, Schwester«, sagte einer der Männer zu meiner Mutter. »Und wir können nicht riskieren, dass alles umsonst war. Nicht jetzt. Nicht so kurz vor dem Ziel.«

»Der Junge ist ein Problem!«, unterbrach ihn der Soldat mit hartem Ton. »Wir müssen ihn hierlassen.«

»Wir lassen meinen Sohn nicht zurück!«, sagte meine Mutter und umklammerte meine Hand jetzt so fest, dass es beinahe wehtat.

Ich wurde unruhig. Irgendwas passierte da. Irgendwas besprachen die Erwachsenen, was nicht gut war. Irgendwie hatte es mit mir zu tun. Ich verstand nur, dass es Mama wütend und traurig machte. Ich schaute den Soldaten an. Ich hasste diesen Mann jetzt. Nicht, weil ich begreifen konnte, was er plante. Sondern weil er meine Mutter traurig machte. Ich kniff meine Augen zusammen und warf ihm einen wirklich bösen Blick zu, aber er beachtete mich gar nicht. Niemand beachtete mich. Obwohl alle über mich sprachen.

Dann sah ich, dass Mama eine Träne über die Wange lief. Sie wischte sie weg. Sie wollte stark bleiben. So, wie sie die ganze Zeit über stark gewesen war.

»Ob wir ihn zurücklassen oder nicht, das hast du nicht zu entscheiden«, fuhr der Soldat sie an. »Wir stimmen ab.«

Ich schaute die Männer an. Einige zweifelten. Waren hin- und hergerissen. Aber andere waren bereit, es durchzuziehen. Man sah ihnen an, dass sie keinerlei Skrupel mehr hatten. Es waren raue Zeiten. Wir waren auf der Flucht. Und diese Männer hatten ihr ganzes Leben hinter sich gelassen. Keiner hatte Papiere bei sich. Keiner hatte eine Identität. Jeder von ihnen war ein Niemand. Jeder hier wusste, dass wir alle in Europa ein neues Leben beginnen würden, und wenn die Grenze einmal überschritten war, würde niemals mehr jemand herausfinden, was auf der Flucht passiert war. Dass die Männer ein dreijähriges Kind in einem türkischen Wald im Niemandsland umgebracht hätten.

»Wer ist dafür?«, fragte der Soldat und die Hälfte der Männer hob ihre Hand. Mama ließ mich nun los und lief von Mann zu Mann, schaute sie an, wurde dabei immer aufgelöster. »Nein«, sagte sie und versuchte, die gehobenen Hände der Männer wieder herunterzuziehen. »Nicht ... bitte ... das könnt ihr nicht tun ...« Mamas Stimme wurde brüchig. »Bitte nicht«, sagte sie und ging zum nächsten Mann, der seine Hand gehoben hatte. Sie verstand, was ich damals natürlich noch nicht begreifen konnte. Hier wurde gerade mein sicherer Tod beschlossen. Und Mama konnte nichts dagegen tun. Ich kann mir auch heute noch nicht wirklich vorstellen, wie das für sie gewesen sein muss.

Ihr liefen die Tränen über das Gesicht. Sie wurde immer verzweifelter. Sie schluchzte. Warf sich auf den Boden. »Bitte«, jammerte sie. »Bitte, ich mache alles, was ihr wollt, aber tut das nicht! Tut das meinem Kind nicht an!« Sie flehte. Sie bettelte. Sie warf sich in den Dreck. Doch der Soldat zeigte keinerlei Gefühlsregungen.

»Wir sind viele. Er ist nur ein Kind. Er ist ein Risiko. Wenn wir ihn hierlassen, kann er schreien, so viel er will. An der Grenze wird es niemand hören.«

Die anderen nickten. Sie wussten, irgendwie hatte der Soldat recht. Mama lag auf dem Boden und schluchzte. Dann faltete sie die Hände und betete. Sie murmelte etwas vor sich hin, das ich nicht verstand. Sie hoffte wohl auf ein Wunder. Dass ihr irgendjemand helfen würde. Aber hier war niemand, der ihr helfen konnte.

Nur mein Onkel war noch da. Er hatte die ganze Zeit geschwiegen. Nun stellte er sich vor mich. »Jetzt bleiben wir erst einmal alle ganz ruhig«, sagte er, um die Situation zu retten. »Es muss doch einen anderen Weg geben.«

»Den gibt es nicht«, sagte der Soldat kalt. Mama wusste, dass sie sich nicht auf ihren Bruder verlassen konnte. Denn er war nicht nur mein Onkel, er war auch der Schleuser, der uns nach Europa bringen sollte. Er hatte von all diesen Männern hier sehr viel Geld bekommen. Und er konnte sich nicht komplett gegen sie stellen.

Mama lag auf dem Boden und weinte. »Bitte, Herr«, sagte sie, »lass mich aus diesem Albtraum erwachen.« Es brach mir das Herz, sie so zu sehen. Es war ein beinahe unwirklicher Moment.

»Wir können ...«, bot der Soldat ihr an, »es auch schnell hinter uns bringen. Du musst es nur sagen.«

Ich schaute Mama an. Sie versuchte sich zu fangen. Sich zu sammeln. Sie atmete schwer ein. Dann wischte sie sich ihre Tränen weg und stand auf. Sie stellte sich vor die Männer, die per Handzeichen meinem Tod zugestimmt hatten, und schaute ihnen lange in die Augen. Sie hatte eine Idee. Eine letzte Idee. Sie nahm noch einmal alle Kraft, die sie hatte, zusammen und richtete sich auf.

»Ihr wollt meinen Sohn umbringen?«, fragte sie mit der letzten Fassung, zu der sie sich zwingen musste. »Wisst ihr denn nicht, wer sein Vater ist?« Das schien Wirkung zu haben. Plötzlich wurde es ganz still in der Gruppe.

Mein Vater. Ismet Guli. Sie musste diesen Namen gar nicht aussprechen. Die Männer wussten es. Bei Kurden hat der Familienname ein hohes Gewicht. Und mein Vater war ein angesehener Mann. Nicht, weil er besonders viel Geld hatte. Im Gegenteil: Unsere Familie war ziemlich arm. Aber mein Vater war weit über die Grenzen unseres kleinen Dorfs hinaus bekannt.

Als die Männer den Namen meines Vaters hörten, schauten sie betreten zu Boden. Es wirkte fast, als schämten sie sich ein wenig.

Mama hakte nach. »Wollt ihr wirklich den Sohn von Ismet Guli umbringen? Könnt ihr das vor euren Familien rechtfertigen?«, fragte sie und schaute den Männern in die Augen.

»Habt ihr vergessen, was dieser Mann für euch getan hat? Für eure Brüder? Für eure Väter? Sie haben Rücken an Rücken mit ihm gekämpft.«

Es funktionierte. Die Männer schafften es nicht, ihrem Blick standzuhalten.

»Also gut«, sagte einer und deutete auf mich. »Nehmen wir ihn mit. Aber sorg dafür, dass er die Klappe hält.«

Mama nickte. Dann beugte sie sich zu mir herunter.

Der Soldat spuckte auf den Boden und zog sich seinen Rucksack wieder an.

»Dadvan«, sagte sie. »Du musst jetzt ganz brav sein, okay?« Ich nickte.

»Ganz brav. Ganz leise. Du gibst keinen Ton von dir, verstehst du?« Eine Träne lief ihr über die Wange. Ich merkte, dass es ihr gerade sehr ernst war. Dann strich sie mir über das Gesicht und schaute mir in die Augen. Ich erinnere mich noch genau an die Angst, die ich in ihrem Gesicht sah. Eine Angst, die ich so niemals wieder bei ihr sehen sollte.

»Wenn er nur ein Wort sagt ...«

»Er wird ruhig bleiben!«, erwiderte Mama nun bestimmt. Sie hatte sich wieder gefasst. »Versprich es mir, Dadvan.«

»Okay, Mama.«

»Egal, was passiert ...«

»Egal, was passiert!«

Sie küsste mich. »Also gut«, rief mein Onkel. »Lasst uns aufbrechen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.« Ich erinnere mich, wie Mama mich dann an die Hand nahm und wie wir durch den Wald liefen. »Achte auf deine Schritte«, flüsterte sie mir zu und ich sprang vorsichtig über die Äste und die Wurzeln und das raschelnde Laub. Die Sonne war bereits untergegangen und es wurde immer dunkler.

Ein paar Männer schalteten ihre Taschenlampen an und leuchteten uns den Weg.

Wir liefen weiter und weiter und irgendwann gab uns mein Onkel ein Zeichen. »Wir haben es geschafft«, sagte er. »Wir haben die Grenze überquert.«

Ein gewaltiger Druck fiel von den Leuten ab. Meine Mama küsste mich auf die Stirn. »Das hast du sehr gut gemacht, mein Schatz.«

Ich hatte ganz unbewusst selbst mein Leben gerettet.

Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen und streckte meine Hände aus. Ich fühlte, wie sich die Wärme langsam ausbreitete. Das kleine Lagerfeuer knisterte. Dann spürte ich die Hand meines Bruders Walat auf meiner Schulter. »Bruder«, sagte er. »Hier, nimm.« Ich öffnete die Augen. Walat hielt mir ein Fladenbrot hin. Ich nahm es, riss mir ein kleines Stück ab und gab den Rest weiter, an meinen anderen Bruder Khalat. Ich schaute mich um. Wir saßen vor einer kleinen Scheune. Auf dem Stroh hatten Mama und unser Onkel Mezafer ein Lager aufgeschlagen. Sie hatten Decken ausgebreitet. Mama saß auf einem kleinen Teppich und betete. Onkel Mezafer hatte eine kleine silberne Kanne in das Lagerfeuer vor uns gestellt, in der er einen Cay kochte. Einen arabischen Tee. Langsam ging die Sonne unter. Es war ein besonderer Moment. Ich weiß nicht, warum ich mich so genau an diesen Augenblick erinnere. Warum dieser Moment für mich so besonders war. Vielleicht, weil er so friedlich war. Wir hatten für kurze Zeit Ruhe gefunden. Das war sehr selten.

Die Wochen und Monate auf der Flucht hatten ihre Spuren hinterlassen. Es waren raue Zeiten. Ständig lebten wir in der Angst, entdeckt zu werden. Und wenn wir entdeckt wurden, hatte das Konsequenzen. Es gab Schläge. Schläge für meine Mutter.

Schläge für meine Brüder. Die Soldaten waren nicht zimperlich. Sie wussten, dass wir Flüchtlinge waren. Sie wussten, dass wir nach Europa wollten. Und es war ihr Job, uns daran zu hindern. Was sie auf ihre Weise taten. Sie behandelten uns wie Aussätzige. Und irgendwie waren wir das ja auch. Wir hatten keine Identität. Wir hatten keine Rechte. Wir waren illegale Grenzübergänger. Einmal hielt ein Soldat unserer Mama eine Waffe an den Kopf. Er sagte, wenn er sie noch einmal an der Grenze erwische, würde er abdrücken. Die Botschaft war klar: Wir wollen euch nicht in unserem Land haben, ihr Schmarotzer. Dann schickte er uns zurück. Eine Nacht später probierten wir es wieder. Ich schaute Khalat an. Seine Arme waren mit blauen Flecken übersät. Die vergangenen Wochen waren hart gewesen. Und dennoch. Das Schlimmste lag hinter uns. Zumindest dachten wir das. Vor zwei Tagen hatten wir es geschafft. Wir hatten die wichtigste Grenze nach Europa überquert. Jetzt waren wir in Bulgarien. Und alles entspannte sich zunächst einmal etwas. Die Gruppe wurde kleiner. Die Wege trennten sich. Die Männer teilten sich auf und verschwanden nach und nach in verschiedene Richtungen. Jeder hatte seine eigenen Ziele. Ich war froh, dass der Soldat nicht mehr bei uns war. Mama hatte ihr Gebet beendet und setzte sich zu uns. Sie zog mich an sich und strich mir durch die Haare. »Jetzt wird alles gut«, sagte sie und küsste mich auf den Kopf. »Wenn wir am Ziel ankommen«, sagte sie, »wartet dort das Paradies auf uns.« Das Paradies. Das klang gut. Ich schloss wieder meine Augen und fing an zu träumen. Wie es wohl sein würde? Ich stellte mir vor, dass es im Paradies unendlich viel Spielzeug für uns geben würde. Und ein großes Haus. Jeder von uns hätte sein eigenes Zimmer. Und ein warmes Bett. Und da endete dann auch schon meine Vorstellungskraft. »An dem Ort, an den wir gehen werden, da gibt es die beste Schokolade der Welt«, erzählte Mama uns. Auch das klang verlockend. »Bald«, sagte Mama, »wird alles noch sehr viel einfacher sein. Bald sind wir im Paradies.«

Mama sagte mir immer, dass wir auf der Flucht waren. Aber ich hatte viel mehr das Gefühl, das wir eigentlich auf der Suche waren. Auf der Suche nach einem besseren Leben. Was auch immer das bedeuten mochte. Denn an mein altes Leben erinnerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch wenige, lose Erinnerungsstücke. Sie vermengten sich mit den Erzählungen meiner Mutter und den Fotos, die man mir später zeigte. Ich wusste also nicht, was es mit dem besseren Leben auf sich hatte. Aber ich vertraute meiner Mutter. Und meinem Vater. Auch wenn ich ihn nicht kannte. Mein Vater hatte sich auf den Weg nach Europa gemacht, noch bevor ich geboren wurde. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Soldat gewesen. Jemand, der lange Zeit überzeugt war von dem Kampf für ein autonomes Kurdistan. Im Jahr 2003 begann der große Irak-Krieg. Doch unser Krieg, der fing schon viel früher an. Es war ein Krieg, der von der Öffentlichkeit nie wirklich wahrgenommen wurde. Und das lag an unserer Abstammung. Wir Kurden waren ein Volk ohne Land. Wir waren verteilt auf das Grenzgebiet zwischen Iran, Irak, Syrien und der Türkei. Doch überall blieben wir unerwünscht. Wurden verfolgt. Im nördlichen Irak hatten es die Kurden am Weitesten gebracht. Sie hatten eigene, autonome Strukturen geschaffen. Dort versorgten wir uns selbst. Unabhängig von der Regierung. Doch dem Saddam-Regime waren wir ein Dorn im Auge. Immer wieder kam es zu Übergriffen, zu Auseinandersetzungen mit der Armee. Mein Vater war ein Freiheitskämpfer. Er war bereit, sein Leben für sein Land zu geben. Er glaubte fest daran, dass es irgendwann ein freies Kurdistan geben würde. Er glaubte daran, dass wir eines Tages in Frieden leben könnten. Dass man aus diesem Land eine progressive Gesellschaft formen konnte, wenn man nur endlich Souveränität erlangen würde. Wenn Saddam weg wäre und die unterdrückten Kurden sich nur selbst verwalten könnten. Doch im Laufe der Jahre begann er zu zweifeln. Würde es in absehbarer Zeit wirklich besser werden? Oder würden seine Kinder in einem Landstrich aufwachsen, für den sich sonst kein Mensch auf dieser Welt interessierte? In dem sie vielleicht eines Tages einfach so erschossen werden. Oder verhungern. Er wusste, dass wir hier keine wirkliche Perspektive hatten. Es war eine Sache, sein Leben einer Sache zu opfern, an die man glaubte. Es war eine andere Sache, das Leben seiner Kinder für diese Sache zu opfern. Irgendwann, da verlor mein Vater die Hoffnung.

Er erkannte, dass das alles keine Zukunft hatte. Und da geriet er in eine tiefe Sinnkrise. Er fragte sich, wofür er eigentlich noch kämpft. Dann schwenkte er um. Er beschloss nun, seine ganze Energie für seine Frau und seine drei Kinder aufzubringen. Um ihnen irgendwann eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ihm war klar, dass wir die in Kurdistan niemals haben würden. Also fasste er den Plan mit uns nach Europa zu gehen. Sich dort etwas aufzubauen. Und uns dann nachzuholen.

Und dann machte sich mein Vater auf den Weg. Die Strecke, die er zurücklegte, nannte man auch die »Route des Todes«. Sie führte ihn durch zahlreiche Länder. Er überquerte zu Fuß die Grenzen und fuhr in einem kleinen Boot über das Mittelmeer. Und wurde immer und immer wieder erwischt. Dann steckte man ihn ins Gefängnis. Schob ihn ab. Und er versuchte es erneut. Er betrieb einen Riesenaufwand und Ende 2000 hatte er es schließlich geschafft. Er erreichte Europa! Und landete in der Schweiz. Dabei wollte mein Vater gar nicht in die Schweiz. Er wollte nach Schweden. Oder nach Norwegen. Vielleicht auch nach Deutschland. Die Schweiz hatte er gar nicht auf dem Zettel. Sie war weder Plan B noch Plan C. Aber sie war einfach irgendwann die einzige, mögliche Lösung, als ihm während der langen Flucht das Geld ausging. Es reichte nur noch für die Schweiz. Also kratzte er alle seine Ersparnisse zusammen, die er noch übrighatte, und bezahlte davon ein Taxi von Bergamo in Italien nach Bern. Wie er mir später erzählte, war die 320 Kilometer lange Fahrt über eine Landesgrenze hinaus viermal günstiger als die unwesentlich kürzere Fahrt von Bern nach Zürich.

In Bern bezog er ein winziges Apartment und lebte in absoluter Armut. Baba nahm jeden Job an, den er irgendwie bekam. Er arbeitete in verschiedenen Restaurants illegal als Spülkraft. Zu einem absoluten Mindestlohn. Er hatte keine Chance, sich dagegen zu wehren. Er wusste ja, dass er keinerlei Rechte hatte. Und er war froh um jeden Franken, den er hier verdienen konnte. Baba gönnte sich nichts. Er sparte alles, was er hatte. Und nach drei Jahren hatte er dann endlich genügend Geld, um Mama, meine Brüder und mich nachzuholen.

Und hier waren wir nun. Mitten im bulgarischen Niemandsland - auf dem Weg in die Schweiz.