Vom Heimat finden und Himmel suchen - Christina Schöffler - E-Book

Vom Heimat finden und Himmel suchen E-Book

Christina Schöffler

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11,99 €

Beschreibung

Christina Schöffler hat sich in diesem Buch auf den Weg gemacht - voller wilder Zuversicht, mit Jesus an ihrer Seite - und lädt uns ein, sie durch ihr Jahr und ihren Alltag zu begleiten. Eine bessere Gesellschaft könnte man sich bei dieser Lesereise kaum vorstellen: Mit ihrer einzigartigen Begabung, die alltäglichen Dinge aufmerksam zu beobachten und berührende Worte und Bilder für einen ehrlichen Glauben zu finden, zeigt sie uns unterwegs die Spuren des überallesliebenden Gottes - und inspiriert dazu, ihn auch im eigenen Alltag zu suchen. Offen und ehrlich erzählt sie dabei von schönen und schwierigen Momenten. Nach dem Tod ihrer Mutter und einem überraschenden Umzug stellt sich für sie die Frage nach einem Heimatort, der sie trägt. Ihre Geschichten drehen sich um das Ankommen und Wurzelnschlagen ebenso wie um das Loslassen und Unterwegsbleiben. Sie spürt: Wir alle haben Sehnsucht nach dem ewigen Zuhause. Sehnsucht nach Himmel.

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Seitenzahl: 201

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Wenn nicht anders vermerkt, sind Bibelstellen zitiert nach:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Weitere Verse sind folgenden Ausgaben entnommen:

Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. (NGÜ)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.© 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Agentur 3Kreativ, Essen, unter Verwendung eines Fotos, Glas mit Wunderkerzen © shutterstock/Kann bokeh

Fotos: © Christina Schöffler, außer S. 18 © Jochen Blei und S. 20, 30 und 149 © Franziska Blei

Lektorat: Anja Schäfer, Hamburg

Layout und Satz: Magdalene Krumbeck, Wuppertal

Verwendete Schriften: Scala

Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o.

Printed in Czech Republic

ISBN 978-3-7615-6733-3 (Print)

ISBN 978-3-7615-6734-0 (E-Book)

www.neukirchener-verlage.de

Geleitwort

Es gibt Zeiten, da ziehe ich am Leben. Ungeduldig, getrieben, voller Unzufriedenheit über Falten und Schlieren und Schlaglöcher auf dem Weg. Hin und wieder bin ich so getrieben, dass ich Kinderhände wegschiebe, um ein Puzzle effizienter zu lösen, um das geordnete Ergebnis schneller sehen zu können. Als würde das irgendetwas ändern. Als müsste man nur die passenden Teile finden und alles würde überschaubar. Viel später am Tag, wenn alles ruhig geworden ist, spüre ich erst meinen angehaltenen Atem, den Knoten in meinem Kopf, knirschend sich enger ziehend. Ich ziehe am Leben, um die Wogen zu glätten. Stattdessen wird nur der Knoten enger. Ich wünschte, der Glaube an Gott, die Beziehung zu diesem schmerzhaft unsichtbaren Jesus, wäre wenigstens ein bisschen wie ein fertiges Puzzle. Gerade im Glauben vermisse ich die tiefe Befriedigung, alles an seinem Platz zu wissen. Es gibt viele Momente in unserem Reden und Schreiben über den Glauben, in denen wir versucht sind, einfache Antworten zu geben. Wir hoffen, dass wir das letzte Puzzleteil setzen und endlich aufatmen dürfen. Aber trotz aller Sehnsucht nach Perfektion hinterlässt jeder dieser Versuche einen schalen Beigeschmack bei denen, die erlebt haben, dass das Leben manchmal ruckelt und sich Lücken auftun, wo keine sein dürften.

Unsere Bücher sind voll von unumstößlichem Glauben, glattgebügeltem Vertrauen. Unsere Regale stehen voll von traumhaften Geschichten und unsere Welt ist voller enttäuschter Menschenkinder. Ich vermute, wir müssen neu lernen, einander in die Augen zu blicken. Wir müssen lernen von Bitterkeit zu sprechen. Und von Hoffnung. Dort, in der Wahrhaftigkeit unserer Begegnungen, so hoffe ich, bröckeln die Mauern, die wir vor lauter Enttäuschung aufgebaut haben. Es wäre so viel leichter, wenn es anders wäre. Ich möchte, dass mir jemand eine Liste von Ritualen auf den Tisch knallt, und wenn ich sie ein Jahr lang rigoros befolge, dann wird es Licht in meinem Leben. Aber, um es mit Christina zu sagen, so ist es »weiter und wilder – und einfach wunder-, wunderschön«. Deshalb falle ich immer wieder still und heimlich in ihrem Blog ein. Deshalb lese ich ihre Bücher. Weil sie nie diese Liste schreibt. Nie das letzte Puzzleteil legt. Sie beherrscht die hohe Kunst, den ganzen Haufen Puzzleteile zu sehen und Gott darin zu finden. Ihre Hände zu öffnen, um sich lieben zu lassen. Sich und das ganze unsortierte Leben. Stehenzubleiben und in die Tiefe zu graben, statt der Rastlosigkeit der Welt nachzugeben.

Wenn ich lese, wie andere mit Jesus unterwegs sind, fühle ich mich manchmal wie das Kind, das als Letztes ins Völkerball-Team gewählt wurde. Aber Christina macht einfach die Tür auf und sagt »Stör dich nicht an der Dreckwäsche!«. Und ehe du dich versiehst, sitzt du auf ihrem Sofa und triffst Jesus.

Jennifer Zimmermann

Autorin von Als Gott mich fallen ließ

»Ich erzähle über mein Leben. Auch wenn es tatsächlich kaum etwas weniger Wichtiges geben könnte, so könnte es andererseits auch kaum etwas Wichtigeres geben. Meine Geschichte ist wichtig, nicht etwa weil es meine Geschichte ist – weiß Gott nicht! – sondern weil die Chance groß ist, dass andere darin ihre eigenen Geschichten erkennen können, wenn es mir gelingt, die meinige richtig zu erzählen. Und vielleicht gibt es tatsächlich kaum etwas Wichtigeres, als diesen Geschichten auf die Spur zu kommen – den Geschichten darüber, wer wir sind, wo wir herkommen und wem wir auf unserem Weg begegnen – weil es genau diese Geschichten in all ihrer Eigenart und Einfachheit sind […] durch die Gott sich uns ganz persönlich und eindringlich offenbart.«

Frederick Buechner1

Willkommen liebe Leserin,

lieber Leser!

Willkommen auf meiner Jahresreise!

Mit dem Notizbuch in der Hand bin ich am Anfang des Jahres gestartet, um Reiseberichte aus meinem Alltag aufzuschreiben – vor mir die vier Jahreszeiten. Also nicht diese köstliche Pizza, sondern die echten Zeiten, die wir in unserem Breitengrad Jahr für Jahr durchleben und die ich in ihrem Wechsel so sehr liebe. Immer wenn ich gerade die Nase voll habe vom kalten Winter, kommt der Frühling um die Ecke, und wenn die Sommerhitze unerträglich wird, brausen die Herbststürme heran mit den gemütlichen, dunkler werdenden Tagen im Gepäck. Und wenn die Dunkelheit dann fast nicht mehr zu ertragen ist, taucht mit sanftem Strahlen die Weihnachtszeit auf und erinnert daran, dass Jesus in unsere Welt hineingeboren wurde.

Auch das Leben mit Gott kennt verschiedene Jahreszeiten. So mancher versucht uns zwar am Anfang der Strecke zu versichern, dass sich auf dem Glaubensweg stets Frühlingsblüte und Erntezeiten ablösen, aber jeder, der schon ein Stück darin gegangen ist, weiß, dass dem nicht so ist. Auch hitzige Zeiten, Unwetter gefolgt von dunklen Tagen sind Teil der Reise und gehören zu unserem Glauben wie der stille Rhythmus von Saat und Ernte, Dunkelheit und Hoffnung, Tod und Auferstehung. Alles hat SEINE Zeit. Auch darum wird es in diesem Buch gehen.

Und dann bestimmen auch unerwartete Ereignisse auf dem Weg die Richtung unserer Reise. In diesem Jahr war es unser Umzug, den wir zwar erhofft, aber nicht so schnell erwartet haben. Somit drehen sich viele der Geschichten um die Suche nach Heimat – um das Ankommen und Wurzelnschlagen ebenso wie um das Loslassen und Unterwegsbleiben.

Und während ich dieses Vorwort schreibe, hat uns alle mit der Coronakrise ein anderes unerwartetes Ereignis getroffen. Dieser kleine Virus sauste wie eine Abrisskugel in unsere Leben, ließ einmal kräftig den Boden wackeln und tragende Pfeiler tanzen. Wir wurden gemeinsam erschüttert wie Menschen, die in einem Erdbebengebiet leben – nur dass die meisten von uns bisher dachten, dass es bei uns keine Erdbeben gibt. Plötzlich mussten wir uns in einem Alltag zurechtfinden, der so ganz anders war. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich wochenlang mein Kind zu Hause unterrichten muss, wir keine Freunde treffen dürfen und den Einkauf nur noch mit Mundschutz erledigen, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht (was dann auch leider manchmal passiert ist!). Es ist eine Zeit, die uns vor Augen geführt hat, dass wir letztlich nur wenig im Griff haben und viel verletzlicher sind, als wir ahnten.

Draußen ist es Sommer geworden. Wieder einmal. Ungeachtet der kleinen und großen Krisen auf unserem Erdball wächst das Getreide auf den Feldern und biegen sich die Himbeerzweige in unserem Garten von der süßen Last der reifen Früchte. Der beständige Wechsel der Jahreszeiten erinnert mich an Gottes Zusage an seine Menschenkinder, nachdem die große, zerstörerische Flut über die Erde hinweggegangen ist: »Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22). Unser Schöpfer bleibt uns treu. Der Gott, der in Jesus seinen Fuß auf unsere Erde gesetzt hat, steigt aus unserer Geschichte nicht aus. Solange diese Erde steht, ist er an unserer Seite, Jahr für Jahr. Sommer und Winter. Tag und Nacht. Es ist, wie der Pfarrer Helmut Thielicke es geschrieben hat, nachdem seine Stiftskirche und so vieles mehr den Trümmern des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel: »Der ruhende Pol inmitten aller verwirrenden Unruhen ist die Treue Gottes.«2

Die Treue Gottes ist der ruhende Pol in dieser Welt. Sie ist die Herberge auf dem Weg, in der immer ein warmes Essen auf uns wartet, egal wie spät und wie müde wir am Ende des Tages bei ihr einkehren. Hier sind wir willkommen, zu allen Zeiten unseres Lebens. An den Festtagen, an denen sich die Tafeln biegen unter all dem Guten, ebenso wie an den Allerweltstagen, an denen wir schnell ein Käsebrot verdrücken, bevor wir die Wäsche aus dem Keller holen, und erst recht an den Tagen, an denen wir uns alleine und traurig an den Tisch setzen, um eine Trostsuppe zu löffeln.

Jesus ist der treue Weggefährte auf jedem Abschnitt unserer Lebensreise. Und er kennt den Weg nach Hause. Das ist einer der vielen Gründe, warum ich jeden Morgen nach seiner Hand greife und jeden Abend ein »Danke, dass du da warst!« flüstere.

Wir sind nicht alleine. Und wir haben einen Ort, an dem wir, so wie wir sind, willkommen sind. Jetzt und ewig.

Es ist mein Wunsch und mein Gebet, dass meine Geschichten etwas von dieser liebevollen Einladung in sich tragen.

Herzlichst,

Eure Christina

Erster Schritt

»Heute machen wir eine Weltreise«, sagst du lachend.

»Da muss ich mich aber noch umziehen und packen!«, sage ich.

Du winkst ab: »Komm, wie du bist! Ich hab alles, was wir brauchen.«

Ich zögere nur kurz. Dann sehe ich dich an.

Wir treten über die Schwelle des Tages.

Meine Hand sucht deine. Warme Nähe.

»Bereit?«, fragst du.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, gehst du los.

• 01 •

Auf das Leben

Gestern haben wir unsere Raketen abgefeuert. Wir haben gemeinsam mit unseren Freunden das neue Jahr begrüßt, das noch so unberührt vor uns liegt wie die Schneelandschaft, die ich aus dem Fenster unserer Allgäuer Ferienwohnung sehen kann. Heute ist endlich Neuschnee gefallen, der von den zwei kleinen Mädchen der Freunde und von Samuel, unserem wilden Achtjährigen, jubelnd begrüßt wurde. Nach einem kurzen Frühstück machen wir uns auf den Weg zum großen Schlittenhang. Dort stellen wir fest, dass alle vorhandenen Schlitten bereits ausgeliehen sind. Die Freunde, die gut vorbereitet ihre Schlitten und einen Bob mitgebracht haben, laden unser Kind mit auf, und ich trotte hinter meinem Mann Heio ein Stück den Abhang hinauf, um die Wintersportler von der Seitenlinie aus anzufeuern. Unter großem Jauchzen und Jubeln sausen zuerst die Kinder, dann die Freunde an uns vorbei. Kurz darauf kommen sie wieder, dieses Mal schwitzend und mit roten Backen, Schlitten und Bob hinter sich herziehend, auf dem Weg nach oben und dann geht es wieder lachend und rufend nach unten.

Es ist wirklich kalt. So langsam gefriert mir das Lächeln im Gesicht. Ich überrede Heio, dass wir uns in der kleinen Skihütte aufwärmen.

Kurz darauf sitzen wir zwischen Wintersportlern, den Geruch von durchgeschwitzten Skisocken und Kaiserschmarrn in der Luft. Ich fühle mich plötzlich sehr alt. So als würde mein Leben in Zukunft wohl nur noch an der Seitenlinie stattfinden, während andere die Piste unsicher machen. Ich beneide die jungen Freunde, die mit ihren Kindern wie ein Rudel Welpen den Hang auf und ab tollen. Seufzend nippe ich an meinem Kaffeebecher und jammere ein wenig. Ich frage Heio, ob er denkt, dass unsere besten Jahre langsam vorbei sind. Mein kluger Mann schaut mich liebevoll an und sagt ganz sanft zu mir: »Christina, du musst ein Ja finden. Zu dem, was ist.« Und plötzlich weiß ich, dass ich mein Wort für das kommende Jahr gefunden habe.

Während andere den Jahresanfang für gute Vorsätze nutzen, suche ich mir seit einiger Zeit immer ein Wort. Einfach weil alle meine guten Vorsätze spätestens im Frühjahr dahinschmelzen und den Rest des Jahres wie trübe kleine Schneereste am Straßenrand liegenbleiben, die mich an mein Versagen erinnern. Deshalb gefiel mir die Sache mit dem Wort auf Anhieb richtig gut. Gestartet hat es vermutlich Mike Ashcraft mit seinem Buch3 und dann hat es sich über die sozialen Netzwerke verbreitet. Dort geht pünktlich zu Anfang des Jahres die Frage um: Was ist dein Wort für das neue Jahr? Ein Wort, das verheißungsvoll und gleichzeitig herausfordernd über dem neuen Jahr stehen soll. Ein Wort, das mich formt. Ein Wort zum Festhalten. Ein Wort, das man wie eine kleine Taschenlampe in die Hand gedrückt bekommt, die man einschalten kann, wann immer man sie braucht. In dieses Jahr bin ich ohne so ein Wort gestartet. Ich habe zwar angestrengt hingehört und gebetet, aber irgendwie wollte sich nichts finden lassen. Also hatte ich schon schulterzuckend gedacht, dass es dann auch ohne gehen wird. Und da kommt es doch noch zu mir. Ruhig lächelnd, aus dem Mund meines Mannes, in dieser Skihütte im Allgäu. »Du musst ein Ja finden.« Und ich wusste: Das ist es! Mein Wort! JA.

Es gab in der Vergangenheit Jahre, in denen musste ich das NEIN lernen. Das war schwierig. Und heilsam. Und ich ahne, dass die zwei Buchstaben fürs neue Jahr nicht weniger herausfordernd sein werden. Kann ich Ja sagen? Kann ich meine Hände ausstrecken und nehmen, was das Leben mir gibt? Nicht im Sinne von lethargisch alles hinnehmend, sondern wie ein Weinglas, das man ganz bewusst entgegennimmt und nach oben hält: L’chaim! Auf das Leben! Dieser hebräische Trinkspruch ist kein Toast auf die Zukunft – wie viele andere Trinksprüche –, sondern auf das, was heute ist. Auf das Jetzt und Hier.

An manchen Tagen wird das Jasagen ganz einfach sein, wenn der Geschmack meines Lebens süß und voll ist. An den Tagen aber, die bitter schmecken und an denen sich das Glas eher leer anfühlt als voll, ist das schwieriger. Und dann gibt es auch die ungenießbaren Zeiten, die mit einem furchtbaren Nachgeschmack daherkommen, die man nur in der verzweifelten Hoffnung hinunterkippen kann, dass uns nicht nachgeschenkt wird; Tage an denen das L’chaim nur schwer über die Lippen kommt. Ob ich dann auch ein Ja finden kann, weiß ich nicht. Aber heute kann ich ein bisschen üben. Auf das Leben – so wie es ist. Auf meine Narben und meine Falten. Auf meine Kraft oder die mangelnde Kraft. Auf die angefrorenen Zehen und die angefressene Seelenlage.

Und während ich so über mein Wort nachdenke, spüre ich, dass es da noch ein größeres Ja gibt. Über uns und über jedem unserer Tage liegt ein unverrückbares, ewiges Ja. In der Bibel lesen wir: »In Christus spricht Gott das Ja und das Amen« (2. Korinther 1,20). Das heißt: Ja. So ist es. Und Punkt. Wow. Es ist das Mutterherz in mir, das genau weiß, was es mit diesem Ja auf sich hat. Wenn ich auf Samuel blicke, der manchmal wirklich alles in mir herausfordert an Gefühlen, von Liebe über Wut bis zur völligen Verzweiflung, dann ist da auch immer dieses Ja. Okay, manchmal versteckt es sich so tief in mir, dass ich es in dem Moment nicht finden kann, aber ich weiß einfach: Es ist irgendwo hier drin. Nie habe ich daran auch nur den winzigsten Zweifel. Ja. Mein geliebtes Kind!

Und diese unperfekte, menschliche Liebe ist nur ein kleiner Funke aus dem gewaltigen Feuer der Liebe Gottes. Diese Liebe hat nichts mit einem kopfwippenden Wackeldackel im Heckfenster eines alten Mercedes gemeinsam. Sie ist nicht soft und um des lieben Friedens willen nachgiebig. Sondern stark und leidenschaftlich. Und glühend. Bereit, jeden Kampf mit mir aufzunehmen, um mich ins Leben zu führen. Die heilige Gegenwart. Sie hält uns fest wie eine starke Mutter. Sie sagt: Ja, mein geliebtes Kind! Jetzt. In diesem Moment. Egal, wie wir über uns denken. Ja zu dem, was hinter uns liegt. Ja zu dem, was wir heute geschafft haben oder eben nicht. Und Ja zu dem, was morgen sein wird.

Und wenn wir es nehmen als dieses an uns gerichtete Wort (das es ja tatsächlich ist!), dann wird es nach und nach wie ein Echo auch aus uns kommen. Wir werden lernen, »das Leben loszulassen, das wir geplant haben, damit wir das Leben bekommen, das auf uns wartet.«4

Ja zur beschränkten Kraft. Ja zur Müdigkeit nach der durchwachten Nacht und Ja zu vielen Tassen Kaffee. Ja zur Schlange an der Kasse. Ja zu der Aufgabe, die mich heute wirklich herausfordert. Ja zu meiner Gemeinde, so wie sie heute ist. Ja zu dem Kind, das ich in manchen Momenten gerne so anders hätte. Ja zu diesem Buch, zu jedem Kapitel das noch ungeschrieben vor mir liegt.

Ich will mein Vertrauen auf dieses alles umfassende Ja Gottes in Jesus setzen. Es wird mich verwandeln. Ja zu mir. Ja zu dir. Ich will zu einem Ja-Sager werden, im besten Sinne!

Ich trinke den letzten Schluck meines Kaffees und wir gehen wieder hinaus an die kalte Luft. Samuel kommt mir lachend entgegen: »Mama, hast du gesehen, wie schnell ich gefahren bin? Ich bin sogar geschanzt!« Er springt mich mit einer Wucht an, dass ich fast im Schnee gelandet wäre. Ich muss ebenfalls lachen. Ich ahne, dass die guten Jahre noch vor uns liegen. So ganz anders, als diese Welt uns einreden will. Gottes Güte und Barmherzigkeit werden mit den Jahren nicht zu einer tröpfelnden Quelle, die langsam leerläuft. Im Gegenteil. Ich werde immer mehr und mehr aus ihr trinken lernen. Gottes Reich ist nicht am Nachlassen. Es ist das kommende und ewige Reich, das mir lachend entgegenläuft. In diesem Vertrauen will ich den Jahreszeiten, die vor mir liegen, entgegengehen. Gott hat genug für uns.

L’chaim! Auf das Leben!

• 02 •

Winterruhe

Nun sind wir wieder zurück in unserer kleinen Stadtwohnung. Heute Morgen klingelt der Wecker unbarmherzig früh. Ich wanke aus unserem Schlafzimmer, balanciere die Leiter zu Samuels Hochbett hinauf und versuche, das warme Knäuel zum Aufstehen zu bewegen. Ein tiefer Seufzer unter der Bettdecke ist die Antwort. Ich ziehe mit lautem Rattern die Rollläden nach oben – eigentlich total unsinnig, weil es draußen noch stockfinster ist. Wieso nur beginnen in Deutschland die Schulen bevor die Sonne aufgeht?Wir frühstücken müde.

Nachdem das Kind widerstrebend mit dem schweren Ranzen auf dem Rücken losgezogen ist, beginnt es ganz leicht zu schneien. Ich entscheide mich, alles noch ein bisschen liegen zu lassen, und gehe eine Runde nach draußen. Die kleinen Schneeflocken wirbeln mir wie ein Graffitiregen entgegen. Ich laufe beschwingt am Postboten und der alten Nachbarin vorbei, die schon mehrfach zu mir gesagt hat: »So, jetzt kennet se endlich wiedr schaffa ganga!« Das ist schwäbisch für: »Ihr Kind ist in der Schule, warum sitzen Sie immer noch faul und untätig zu Hause?« Eine Zeitlang hat mich das ziemlich unter Druck gesetzt. Ich habe bei meiner Rückkehr darauf geachtet, unser Gartentor heimlich und leise zu schließen, nachdem ich Samu zur Schule gebracht hatte. Ich habe vergeblich versucht, in einem Nebensatz zu erwähnen, dass ich von zu Hause aus arbeite. Irgendwann habe ich dann schulterzuckend akzeptiert, dass ich für meine Nachbarin und den Postboten die Frau bin, die in ihrer Wohnung rumhängt, Spaziergänge macht, wenn andere arbeiten, und mittags noch in Jogginghose und ungewaschenen Haaren rumläuft.

Ich mache mich also an diesem Werktag auf einen kleinen Spaziergang in entgegengesetzter Richtung zum Strom der dampfenden Autos, die alle Arbeitswilligen Richtung Stadtmitte befördern, zu dem kleinen Hügel, bei dem die Felder anfangen. Dunkle, frostige Erde liegt vor mir. Winterzeit. Der Boden ruht. Ich bin zwar keine Expertin für Landwirtschaft, aber ich weiß, dass diese Zeit für den Acker wichtig ist. Wenn man das ganze Jahr Profit machen möchte und dem Boden keine Regenerationsphase gönnt, dann erschöpft er sich und ist für lange Zeit nicht mehr zu nutzen. Ein kluger Bauer weiß das. Er setzt sich über diesen Rhythmus nicht hinweg. Sommer und Winter. Erntezeit und Regeneration. Effektivität und Ruhe. Auch wir Menschen sind in diesen Rhythmus hineingeboren. Im modernen Zeitalter können wir ihn vielleicht eine Zeitlang ignorieren. Vieles ist heute auch vorgegeben. Die Spielräume, sich die Arbeit nach den Jahreszeiten einzuteilen und eine Winterruhe zu halten, sind bei den meisten von uns begrenzt. Leider. Und trotzdem: Auch wir brauchen die Zeiten der Ruhe und Regeneration! Unser Leben findet nicht unabhängig von diesem Boden statt, der uns trägt und Nahrung gibt. Gott hat uns sogar aus dieser Erde geschaffen! Wie passend ist es da, dass das lateinische Wort für Boden (humus) denselben Wortstamm hat wie menschlich (humanus) und Demut (humilitas).

Der ruhende Boden erinnert mich an meine Geschöpflichkeit. Dass ich Pausen brauche. Und Ruhezeiten. Und es braucht Jahreszeiten und manchmal sogar ganze Lebensphasen, in denen es wichtig ist, die Dinge langsamer anzugehen. »Alles Lebendige verlangt nach einem Rhythmus der Ruhe«, schreibt der Schriftsteller und Seelsorger Wayne Muller.5 Diese Tatsache habe ich lange Zeit ignoriert. Ich dachte: Ruhezeiten sind ein Luxus, den ich mir irgendwann gönnen kann, aber heute nicht. »Ausruhen können wir auch noch im Himmel!«, war ein Spruch der Generation meiner Eltern, über den ich zwar lachen musste, der mich aber doch geprägt hat. Es war der Glaube, dass ich (wie Paulus an die Epheser schreibt6) die »Zeit auskaufen« muss, was ich so verstand, dass ich ZU JEDER ZEIT meines Lebens ALLES geben sollte, was ich habe. Irgendwann bin ich dabei zusammengekracht. Ich fand mich weinend zu Hause wieder, während alle anderen zur Arbeit gingen, und musste mithilfe einer Therapeutin die Scherben zusammensammeln, die mein ständiges Dienen-Wollen und Begrenzungen-Ignorieren hinterlassen hatten. Mir ging es wie dem erschöpften Boden: Es hat eine sehr lange Regenerationsphase gebraucht – in meinem Fall mit viel Schlaf und Vormittagen in der Jogginghose, um wieder einigermaßen zu Kräften zu kommen. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass Paulus eigentlich geschrieben hat: »Kauft die rechte [oder günstige] Zeit aus!« Da hat dieser Vers plötzlich einen ganz anderen Klang. Es sagt mir, dass es Zeiten gibt, in denen manches sehr günstig ist und manches wiederum sehr ungünstig. Mir fällt dabei sofort die junge Mutter ein, deren Schlaf von einem schreienden Baby unterbrochen wird und sie sich deshalb müde durch ihre Tage kämpft. Was in diesen Zeiten des Lebens so günstig ist wie zu keiner anderen Zeit ist: ein Mittagsschlaf! Und Amphetamine. Okay, Kaffee müsste reichen. Günstig ist auch, mit dem schlafenden Baby spazieren zu gehen, andere müde Mamas wissend und liebevoll anzulächeln und ab und zu dieses kleine Wesen an sich zu drücken und zu staunen und dabei zu sein, wenn es seine vielen ersten Male erlebt. DAS nenne ich die Zeit auskaufen. Und fast alles andere ist in dieser Zeit sehr ungünstig! Und wenn uns äußere Umstände oder unser Körper zur Ruhe anhält, dann dürfen wir das als liebevolle und nachdrückliche Einladung verstehen, den Griff aufs Leben ein bisschen zu lockern und völlig ineffektiv unsere Tage zu verbringen – auch unter den entrüsteten Blicken der Nachbarn.

»Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit«7, schrieb schon der kluge König Salomo. Erntearbeit im Winter ist ungünstig. Und zur Erntezeit den Winterschlaf einzulegen, ist auch nicht besonders günstig. Die Abschnitte werden kommen, in denen wir das Tempo beschleunigen müssen. Jahreszeiten, die uns einiges an Kraft abverlangen werden, in denen wir Feste vorbereiten und die Nächte kürzer werden und Projekte in Angriff genommen werden können. Jetzt aber ist noch Winterzeit. Ich will in dem ruhigen Wissen starten, dass alles schon da ist, was wir brauchen. Und dass wir geliebt sind. Und genügen. So wie wir sind.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gottes Reich in unserem Leben aufgeht wie eine still wachsende Saat, gerade auch in den Zeiten, in denen wir nichts leisten (können) und von außen betrachtet scheinbar nichts geschieht. Die Natur lehrt uns, dass die Saat eine Zeit der Ruhe und Inaktivität braucht, bevor sie sich, zur günstigen Zeit, mit maximierter Kraft entfalten kann. Dann können die Wurzeln tief in den Boden wachsen, aus dem in den kommenden Jahreszeiten wichtige Nährstoffe gezogen werden. Ein Vertrauen auf dieses innere Wachstum drückt sich im Still-Halten aus – und im Lieben-Lassen.