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Ein Körperteil zwischen Rätsel und Bewunderung Ob wir ihn lieben oder hassen, ihn sexy oder seltsam finden, er uns zu groß oder zu klein erscheint – wir Menschen haben eine komplizierte Beziehung zum Hintern. Er ist ein einzigartiges Körperteil, das für unsere Evolution und unser Überleben von entscheidender Bedeutung ist, und doch steht er für so viel mehr: Sex, Begehren, Unterhaltung, Scham. Vor allem der weibliche Hintern wird ständig bewertet, kritisiert und objektiviert. Aber warum? Heather Radke nähert sich dem Allerwertesten in dieser unterhaltsamen, erhellenden und nachdenklichen Untersuchung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.piper.de
Aus dem amerikanischen Englisch von Viola Krauß
Für meine Mutter
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Butts. A Backstory bei Avid Reader Press, New York
© Heather Radke, 2022
Für die deutsche Ausgabe:
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
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Cover & Impressum
Einleitung
URSPRÜNGE
Muskeln
Fett
Gefieder
SARAH
Leben
Vermächtnis
FORM
Üppigkeit
Schmächtigkeit
NORMEN
Schöpfung
Verbreitung
Widerstand
FITNESS
Stahl
Vergnügen
BOOTYLICIOUS
Kate
Mix
Jennifer
Kim
BEWEGUNG
Twerken
Miley
Das Jahr des Hinterns
Rückeroberung
Fazit
Danksagung
Stichwortverzeichnis
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Register
Der erste Po, an den ich mich erinnern kann, ist nicht mein eigener, sondern der meiner Mutter. Mit meinen sieben Jahren saß ich auf dem flauschigen Klodeckelbezug im Badezimmer meiner Eltern und sah ihr dabei zu, wie sie sich morgens fertig machte. In BH und Unterhose stand sie vor dem Spiegel, cremte sich ein und drehte das kurze braune Haar auf Lockenwickler: große, runde rosafarbene oben und ein paar kleinere grüne an den Seiten. Sie kippte das Fenster, um den Wasserdampf vom Duschen entweichen zu lassen, und ich wurde von der kalten, dünnen Michiganer Morgenluft wach gepustet. »Mach die Augen zu«, wies sie mich an, und während ich sie schloss, besprühte sie ihr Haar großzügig mit Haarspray. Weil ich den Hustenreiz fürchtete, hielt ich die Luft an. Anschließend nahm meine Mutter die Brille ab, beugte sich ganz nah an den Spiegel und bog sich die Wimpern nach oben, sodass mir ihr Hinterteil entgegenragte.
Der Körper meiner Mutter war bis dahin der einzige Erwachsenenkörper, den ich je nackt gesehen hatte, also stellte ich mir sämtliche Frauenkörper wie ihren vor: klein und wohlproportioniert, mit vollen Brüsten und einem üppigen Po, der es mit jeder Hose aufnehmen konnte. Mir gefiel die Vorstellung, dass mein Körper eines Tages genauso aussehen würde – dieses Schicksal erschien mir ebenso unumgänglich wie das Größerwerden und das Einsetzen meiner Menstruation. Die Scharfsicht der Kindheit ließ mich den Po meiner Mutter als das wahrnehmen, was er war: ein Körperteil wie jeder andere. Ein Körperteil, der meiner Liebe würdig war, denn ich liebte den Menschen, zu dem er gehörte. Er stellte weder ein Problem noch einen Segen dar, er war schlicht eine Tatsache.
Damals wusste ich noch nicht, dass es mit dem Po so eine Sache ist. Es ist mit ihm nicht wie mit Ellbogen und Knien, bei denen es fast ausschließlich um die Funktion geht, in die nichts hineininterpretiert wird. Der Po hingegen, so albern er uns manchmal vorkommen mag, stellt ein extrem vielschichtiges Symbol dar, aufgeladen mit Bedeutung und Zwischentönen, befrachtet mit Witz und Sex, Scham und Geschichte. Der Frauenpo ist schon benutzt worden, um Rassenhierarchien zu erschaffen und aufrechtzuerhalten, um den Grad an tugendhaft harter Arbeit abzulesen und um Lust und Verfügbarkeit zu bemessen. Obwohl (oder gerade weil) sich das Aussehen des eigenen Hinterteils ohne chirurgische Eingriffe kaum verändern lässt, sind von Größe und Form des Pos einer Frau Rückschlüsse auf ihr gesamtes Wesen gezogen worden – auf ihre Sittlichkeit, auf ihre Weiblichkeit, ja sogar auf ihre Menschlichkeit.
Wir selbst können uns kaum ein klares Bild von unserem Po machen. Da er sich an unserer Rückseite befindet, ist er uns gewissermaßen fremd, während andere ihn problemlos sehen können. Wenn wir einen Blick darauf werfen möchten, müssen wir uns in den Spiegelkokon einer Umkleidekabine begeben, die mühselige Dreiecksmethode mit Handspiegel im Schlafzimmer anwenden oder uns mit dem Smartphone verrenken. Und wenn wir schließlich einen Blick auf unseren Hintern erhaschen – zumindest geht es mir so –, dann sind wir irgendwie überrascht: »Dieses Ding schleppe ich mit mir herum?« Das Ganze hat auch etwas Demütigendes. Wir können einfach niemals wirklich wissen, was eine andere Person sieht, wenn sie uns auf den Hintern schaut, und das macht uns verwundbar. In gewisser Weise gehört unser Hintern der betrachtenden Person mehr als uns selbst, die wir betrachtet werden. Irgendwie legen wir ihn quasi in deren Hände. Unser Po kann heimlich in Augenschein genommen, widerlich begafft, unbemerkt inspiziert werden. Um zu wissen, ob mir eine Hose steht, muss ich das Verkaufspersonal fragen, wie mein Po darin aussieht, weil ich ihn selbst nicht begutachten kann. Wenn sich auf der Straße ein Mann umdreht, um einer Frau auf den Hintern zu schauen, mögen es alle anderen in der näheren Umgebung mitbekommen haben, nur die betroffene Frau nicht. Sie hat vielleicht keine Ahnung, wie sie taxiert, kritisiert, objektifiziert, begehrt wird.
Und in der Tat sagen die Meinungen über ein Hinterteil meist mehr über die betrachtende als über die betrachtete Person aus. Was genau ein Hinterteil bedeutet, hängt davon ab, wer wann und aus welchem Grund darauf schaut. Der Historiker Sander Gilman formuliert es folgendermaßen: »Der Hintern ist mit einer sich stets wandelnden Symbolik behaftet. Er wird mit den Fortpflanzungsorganen assoziiert, mit der Ausscheidungsöffnung des Darms sowie mit dem Bewegungsapparat bei der Debatte um Gangarten. Er steht nie für sich selbst.«[1]
Die These, dass unser Gesäß nie nur sich selbst verkörpert, macht es zu einem besonderen und besonders spannenden Forschungsgegenstand. Da es in seiner Symbolik so unberechenbar ist, kann uns die Erkundung der unzähligen Bedeutungen und Signifikationen eine Menge über andere Phänomene verraten: was von der Allgemeinheit für normal gehalten wird, für wünschenswert, für abstoßend oder für provokant. Das Gesäß ist oftmals ein Indikator für Gefühle, die mit dem Gesäß eigentlich gar nichts zu tun haben: Gefühle zum Thema Rasse, Geschlecht und Sex, die sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden.
Schon die Begriffe für unseren »Allerwertesten« sind abgesehen von »Gesäß« wenig neutral. In meiner Kindheit habe ich die beiden Fleischmassen an der Rückseite meiner Hüfte »Popo« genannt. Ein eher lustiges, unschuldiges, ungezwungenes, kindliches Wort. Wäre das Wort »Popo« ein Geräusch, käme es aus der Hupe eines Clowns oder wäre ein kleiner Furz.
Als ich älter wurde, probierte ich andere Wörter aus. »Arsch« fühlte sich erwachsener an, vulgärer, und gehörte in die Kategorie Schimpfwort. Wobei es sich um ein eher harmloses Schimpfwort handelt. Und es gibt viele weitere Ausdrücke für das Gesäß. Da wären die Abkürzung für »Popo«, nämlich »Po«, die leicht verklemmten »vier Buchstaben« sowie eben der humoristische »Allerwerteste«. Außerdem gibt es eine Reihe von Begriffen, die der Position besagten Körperteils geschuldet sind: »Hintern«, »Hinterteil«, »Kehrseite«. Oder ganz nüchtern und gegenständlich: »Sitzfläche« und »Sitzfleisch«. Hin und wieder hören wir auch noch die veraltete, vornehme Bezeichnung »Steiß«.
Jeder Mensch hat eine andere Geschichte zur Entstehung seines Körperbilds. Meines hat sich aus den Erinnerungsfetzen daran, wie ich den Blick der anderen auf meinen Körper gespürt habe, zusammengesetzt, als wären es in ein Album eingeklebte Fotos. Die frühesten Erinnerungen an meinen Körper stammen jedoch aus der Zeit kurz vor der Pubertät, als sich meine Gliedmaßen und Muskeln nützlich und widerstandsfähig anfühlten und nicht wie Körperteile, die der Bewertung unterliegen. Ich bin durchs ganze Viertel geradelt, bin Hügel hinabgerast und habe die feuchte Sommerluft um die Nasenflügel wehen gespürt. Eines Julinachmittags bin ich kopfüber über den Lenker gefallen, habe mir Wangen und Stirn auf dem Beton aufgeschürft und auch das Hautläppchen, das Lippen und Zahnfleisch miteinander verbindet, aufgerissen. Das Blut strömte nur so auf den Gehweg und später auf die Küchenarbeitsplatte, von der meine Beine herabbaumelten, als mir meine Mutter den Mund kühlte. Am nächsten Morgen aß ich schon wieder Cheerios und war bereit für die nächste Radtour. Mein Vater fotografierte mich, wie ich im lila Ballettkostüm am Esstisch saß und fröhlich lächelte. Nicht, dass ich besonders furchtlos gewesen wäre. Ich sah meinen Körper einfach als etwas, das wuchs, heilte und mich überall hinbrachte. Bis der Kamerafilm fertig entwickelt war, hatte ich nur noch hier und da ein bisschen Schorf im Gesicht.
Mit acht bin ich mit einer Freundin ins Hallenbad gegangen und fand mich zum allerersten Mal in einer Umkleide voller Frauen in unterschiedlichen Entkleidungsstadien wieder. Dort gab es so viele verschiedene Körper, und da ich noch nicht verinnerlicht hatte, sie in Schubladen zu packen und in »besser« oder »schlechter« zu unterteilen, beobachtete ich einfach nur gebannt. »So können Brüste aussehen?«, dachte ich, wenn ich Körperteile, die nicht so aussahen wie die meiner Mutter, erblickte. »Hüften können schmal sein? Popos mager?« Diese Frauen in der Umkleide kamen mir deformiert vor. Angezogen sahen sie ganz gewöhnlich aus, aber untendrunter verbargen sie alle möglichen Kuriositäten, in den unterschiedlichsten Formen.
Mit zehn radelte ich mit einer Freundin in denselben Straßen herum, in denen wir seit Jahren herumradelten, als uns zwei Jungs hinter einem Busch zuriefen: »Süße Ärsche!« Der Spruch war fies gemeint, doch da war noch etwas anderes, ein neues und alarmierendes Gefühl, das ich heute als die Mischung aus Unbehagen und Beklemmung beschreiben kann, die entsteht, wenn ein fremder Mann meinen Körper taxiert und kommentiert.
Die Tatsache, dass sie unaufgefordert etwas über unsere Pos sagten, fühlte sich unangenehm und grotesk an. Der Po war für mich kein Körperteil, der süß sein konnte. Dass es Körperteile gab, die als schön und sexy galten und von anderen verehrt wurden, dessen war ich mir bewusst. Mir wäre jedoch nie in den Sinn gekommen, dass auch der Po dazugehörte. Für mich fühlte sich ihr Kommentar so an, als hätten sie uns mit heruntergelassener Hose erwischt. Als hätten sie aufgrund eines saukomischen und demütigenden Fehlers tatsächlich unsere Pos gesehen. Wir fuhren heim und erzählten unseren Eltern, was passiert war. Irgendwie schafften sie es, die zwei Jungs aufzuspüren – Teenies mit Skateboards und Heavy-Metal-T-Shirts –, und stellten sie zur Rede. Sie schworen ängstlich, dass sie etwas völlig anderes gerufen hätten, und ich weiß noch wie heute, wie die Scham gleich noch einmal in mir aufstieg. War doch klar. Pos konnten einfach nicht süß sein. Schon gar nicht so, dass es irgendwer in aller Öffentlichkeit rufen würde.
Später in der Mittelstufe war ich es, die das Kuriosum in der Umkleide darstellte. Ich war nicht unbedingt fett – das mit dem größten Makel behaftete Adjektiv in den staubigen Fluren der Kinawa Middle School –, doch mein Körper fühlte sich definitiv nicht richtig an. Er verwandelte sich nämlich langsam in eine jugendliche Annäherung an den meiner Mutter: Mein Hintern war gewachsen, meine Hüfte hatte sich verbreitert. Wie ich da so vor den orangebraunen Schließfächern stand, war ich nicht mehr von Ehrfurcht ergriffen ob der wunderbaren Vielfalt des weiblichen Körpers; inzwischen wusste ich, dass er auf eine bestimmte Art auszusehen hatte. Und auf meinen Körper und auf den meiner Mutter traf das ganz bestimmt nicht zu.
Etwa zur gleichen Zeit begann unser Schwimmunterricht im hypergechlorten, renovierungsbedürftigen Schulschwimmbecken, bei dem Jungs und Mädchen getrennt voneinander unterrichtet wurden. Vermutlich in dem Bestreben, jegliche sozialen Unterschiede auszumerzen, wurden wir befremdlicherweise mit schwarzen Badeanzügen aus Baumwolle ausgestattet, die sich kaum dehnen ließen. Wir zupften sie aus grauen, nach Größe sortierten Plastikeimern, jeder einzelne von ihnen verschlissen von den Industriewaschmaschinen und den Generationen unsicherer Mädchen, die sich darin fröstelnd am Beckenrand herumdrückten. Die jeweilige Größe ließ sich an der Naht erkennen: Die Badeanzüge mit gelber Naht waren die kleinsten, für die Mädchen, die noch in Kinderkörpern steckten. Orange war die begehrteste Farbe – für die Mädchen, die schon etwas reifer waren, aber noch keine Rundungen hatten. Die Badeanzüge mit roter Naht waren groß, und die mit der weißen Naht noch größer – für die Mädchen, die ordentlich Brüste und Hintern und Oberschenkel und Bauch hatten. Die Mädchen, an denen was dran war. Wenn er nass wurde, gab der schwarze Stoff, der uns von den Achseln bis zur Mitte der Oberschenkel bedeckte, nach und wurde weit. Mein Badeanzug hatte eine rote Naht, und ich fürchtete das Schreckgespenst der weißen Naht, das sich bereits am Horizont abzeichnete. Ich machte mir Sorgen, was das wohl für meinen Körper, für meine Attraktivität, meinen Platz in der Rangordnung bedeuten würde.
Auf der Highschool wurde ich dann mit noch mehr handfesten Beweisen dafür, dass mein Körper irgendwie nicht richtig war, konfrontiert. Obwohl ich kaum anderthalb Kilometer rennen konnte, tat ich mich gelegentlich mit den Langstreckenläuferinnen der zehnten Klasse zusammen und nahm an ihren Spaghettiessen vor den Spielen teil, bei denen wir uns klebrige Pasta mit roter Fertigsoße auf die Teller türmten und über die Schule tratschten. Bei einem dieser Abendessen nahm mich eine Freundin beiseite, um mir heimlich etwas zu erzählen. Irgendwer habe mitbekommen, wie eine der Teamangehörigen beim Training gejammert habe, wie fett sie doch werde. Wie megabreit ihre Hüften gerade würden. Daraufhin habe ein anderes Mädchen gelacht und gemeint: »Wenigstens ist dein Hintern nicht so fett wie der von Heather.«
Ich war erschüttert. Ich stellte mir vor, wie diese gertenschlanken und begehrenswerten Langstreckenläuferinnen aus dem Team laut und gehässig darüber lachten, was eine schlichte Tatsache war: Heather Radke hatte einen wirklich fetten Hintern. Und wie heilfroh sie waren, dass dies nicht auf sie selbst zutraf.
Wie sich das Verhältnis zu meinem Körper entwickelte, war kein großes Drama. Mich interessiert es hauptsächlich deshalb, weil es mir ziemlich typisch erscheint. Es gab kein endloses Mobbing, keine schlimme Essstörung, nichts, was die Gefühle bezüglich meines Körpers furchtbar triggerte – es gab nur die Scham, die scheinbar jedes Gehirn einer Siebtklässlerin befällt, ein infernalischer Initiationsritus, den so viele von uns durchstehen müssen, bevor wir uns zu halbwegs lebenstauglichen Erwachsenen entwickeln. Als wäre das Bewerten und Klassifizieren von Körpern – und die damit einhergehenden Erniedrigungen und Selbstzweifel – etwas ganz Normales, ja sogar ganz Natürliches. Als ob manche Körper tatsächlich besser wären als andere.
2003 bekam ich zum ersten Mal zu hören, mein Hintern sei sexy. Ich war 20, es war Sommer, und ich arbeitete als Barista in einem Café einer Universitätsstadt im Mittleren Westen. Ich trug einen marineblauen Faltenrock aus Polyester und ein gelbes Secondhand-T-Shirt, bei dem ich den Halsausschnitt herausgeschnitten hatte, damit es punkiger aussah. Das Haar hatte ich im Nacken zusammengebunden, und in meinem verschwitzten Nacken klebte Kaffeepulver. Mein Hintern hatte sich seit der Highschool noch weiter vergrößert. Keine Hose wollte so richtig passen, alle standen an der Hüfte komisch offen, obwohl sie am Po knalleng saßen. Sukzessive war ich von Größe 38 bei Größe 44 gelandet. Wenn wir uns zu viert hinten ins Auto quetschen mussten, platzte ich stets damit heraus, dass es mit meinem großen Hintern nebeneinander nicht klappen werde und sich deshalb irgendwer auf meinen Schoß setzen solle. Eines Tages wurde ich von meinem Arbeitskollegen im Café – einem stillen, hochgewachsenen Singer-Songwriter, der gerne flirtete – gefragt: »Weißt du, was kallipygisch heißt?« Ich wusste es. Ich hatte es für den Zulassungstest für die Hochschule gelernt und konnte mich noch an die Karteikarte erinnern, die mir die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatte. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet »mit wohlgeformtem Gesäß«. Ich vermute, es ist in der Kunstgeschichte benutzt worden, um Statuen zu beschreiben. »Du, Süße, bist kallipygisch«, meinte der Singer-Songwriter zu mir. Seine Darbietung war ein bisschen zum Fremdschämen und fühlte sich einstudiert an, trotzdem war ich aufrichtig gerührt. Er machte sich nicht über mich lustig. Es war ein ernst gemeintes Kompliment.
Und er war nur der Erste in einer Reihe von Leuten, die ich in meinen Zwanzigern und Dreißigern kennenlernte, die mein großzügiges Hinterteil nicht als Nachteil, sondern als Vorzug begriffen. Wenn mir hinterhergepfiffen wurde, wenn mir im Bett etwas ins Ohr geflüstert wurde, wenn jemand einen zweiten Blick riskierte oder ein Arbeitskollege etwas kommentierte – dann ging es oft um meinen Po. Mit anderen Worten: Mir wurde allmählich klar, dass mein Po ein Sexobjekt darstellte oder unmerklich zu einem solchen geworden war. Etwas, das andere (manche andere, bestimmt nicht alle) begehrten.
Bei diesen Manchen handelte es sich beinahe ausnahmslos um Männer. Obwohl ich queer bin und in jenen Jahren sowohl mit Frauen als auch mit Männern ausging, schien dieser Sinneswandel in puncto meines Hinterteils der Hetero-Mainstream-Kultur zu entstammen. Zwar kommentierten auch jede Menge Frauen meinen Po, doch dabei handelte es sich meist um Hetero-Frauen, die die Beauty-Magazine auf modernisierte, genau umgekehrte Weise wie das Mädchen in der Langlaufmannschaft nachäfften.
Ich versuchte mich davon zu überzeugen, dass es egal war, was die anderen – insbesondere die Männer – über meinen Körper dachten. Doch es gelang mir nicht. Es war mir alles andere als egal. Auf einmal war der Teil von mir, der sich hässlich und beschämend angefühlt hatte, der Teil, der manchen sogar am besten gefiel. Obwohl ich nicht nur für meinen Körper bewundert werden wollte, wollte ich definitiv Bewunderung für meinen Körper. Ich wollte gewollt werden, so wie alle anderen auch. Und es fühlte sich gut an, von dem Typ Mensch gewollt zu werden, der mich früher beschämt hatte.
Heute frage ich mich, wie die Schülerinnen und Schüler auf der Highschool damals zu dem Schluss gekommen waren, mein Körper sei nicht einer der guten, und wie viele dieser Frauen und Männer ein Jahrzehnt später vom genauen Gegenteil überzeugt sein mochten. Wie ist es möglich, dass sich die Bedeutung eines Hinterns derart grundlegend und derart schnell verändern kann? Wie ist es möglich, dass ein Körperteil so unterschiedliche Sinngehalte hat? Genau diese Fragen liegen den Forschungen zu diesem Buch zugrunde.
Bevor ich Autorin wurde, war ich einige Jahre als Kuratorin am Jane Addams Hull-House Museum in Chicago tätig, das gleichzeitig historisches Museum, Raum für zeitgenössische Kunst und Versammlungsstätte für die Aktivistinnen und Aktivisten der Stadt war. Beim Erarbeiten einer Ausstellung bestand meine Aufgabe darin, wichtige historische Veränderungen und Themen anhand persönlicher Erlebnisse und kultureller Erfahrungen verständlich zu machen. Und so ähnlich soll auch dieses Buch funktionieren: Ich werde Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart vorstellen und Geschichten erzählen, die wichtige Verschiebungen bei der Symbolik des Hinterns in den USA und in Westeuropa in den letzten beiden Jahrzehnten widerspiegeln.
Vom Hintern: Die Geschichte einer Rundung stellt einen Versuch dar, einigen der Vorstellungen und Bedeutungen, die diesen rätselhaften Körperteil umkreisen, nachzuspüren und zu untersuchen, wie sie sich entwickeln und teilweise bis heute halten konnten. Meine Betrachtungen sind dabei größtenteils historisch und chronologisch, doch ich beginne mit einigen wissenschaftlichen Grundlagen: Was genau ist ein Hintern eigentlich, wenn wir ihn anatomisch und physiologisch betrachten? Auch wenn Hintern natürlich schon seit ewigen Zeiten existieren, nehme ich die Geschichte von Sarah Baartman als historischen Ausgangspunkt. Die grausame und reißerische Zurschaustellung der einst als »Hottentotten-Venus« bezeichneten Dame, zu ihren Lebzeiten wie über ihren Tod hinaus, hat die Wahrnehmung des Hinterns in den vergangenen beiden Jahrzehnten grundlegend geformt. Davon ausgehend untersuche ich anhand der Geschichte von Mode, Rassifizierung, Wissenschaft, Sport und Popkultur eine Vielzahl von Themen, die sich über das 20. und das 21. Jahrhundert erstrecken. Bei dieser Reise treffe ich eine ganze Karawane von Menschen, die unsere Vorstellungen vom Hintern geprägt haben: den Illustrator, der den schnittigen Look der Flapper skizziert hat, das Model, dessen Po als Vorlage für beinahe jede käufliche Hose dient, den eugenischen Künstler, der Skulpturen der »normalsten« Männer und Frauen erschaffen hat, den Mann, der die Fitnessvideos Buns of Steel (stählerne Hintern) erfunden hat, Dragqueens, die Po-Polster entwerfen, sowie dicke Fitnesstrainer, für die Aerobic sowohl einen Akt des Widerstands als auch ein Freizeitvergnügen darstellt. Zu guter Letzt werfe ich einen Blick darauf, wie sich die Meinungen zum Thema Hintern in den vergangenen 30 Jahren gewandelt haben – als ein dicker Hintern nämlich nach und nach in das Schönheitsideal der breiten weißen Masse integriert wurde und die Aneignung Schwarzer Körper und Schwarzer Kultur einen neuen Höhepunkt erreichte.
Ein Projekt wie dieses wird nie alles gleichzeitig sein können. Es wird auch nicht ansatzweise die Frage »Was ist die Geschichte und die Bedeutung jedes Hinterteils?« beantworten können. Vielmehr konzentriere ich mich auf die Geschichte und die Symbolik des weiblichen Hinterns. Aus dem einfachen Grund, weil ich selbst eine Frau bin und mich dafür interessiere, wie die weibliche Identität im Lauf der Zeit konstruiert, rekonstruiert und verfestigt wird.
Meine Untersuchungen beschäftigen sich außerdem ausschließlich mit dem Gesäß – also den hervorstehenden Fett- und Muskelmassen zwischen unterem Rücken und Oberschenkeln. Es gibt eine Reihe herausragender Bücher zum Thema Anus und Rektum, ihre Funktionen und die unzähligen Dinge, die damit assoziiert werden, doch diese sind nicht Gegenstand meiner Nachforschungen. Zwar existieren durchaus Verbindungen zwischen den symbolhaften Bedeutungen von Anus und Hintern, doch der Hintern von Frauen hat meist seine ganz eigene Symbolik, die sich nicht unbedingt auf die unterschiedlichen Funktionen des Anus beziehen, wie etwa die sexuelle.
Mein Hauptaugenmerk liegt auf Deutung und Darstellung des Hinterns in der vorherrschenden westlichen Mainstream-Kultur – der Kultur derjenigen, die politische und wirtschaftliche Macht besitzen, über die Massenmedien bestimmen und die Hauptverantwortung für das Erschaffen, Aufrechterhalten und Weiterführen allgemeiner Maßstäbe und Trends tragen. Ich untersuche also oft, wie Heterosexuelle, Weiße und Männer die Maßstäbe, Vorlieben und Ideologie zum Thema Hintern von Frauen aller Rassen (miss-)verstanden und durchgesetzt haben und welche Bedeutungen sie dabei dem weiblichen Körper zugeschrieben haben. Natürlich sind das alles allgemeine Kategorien, die Binaritäten insinuieren, wo vielleicht gar keine sind – das eigene Körpererleben erzeugt stets eine multiple, intersektionale Identität –, doch es sind oft Leute, die sich als männlich, heterosexuell und/oder weiß bezeichnen, die die Bedeutungen der Hinterteile festlegen konnten, weil sie sich in bestimmten Machtpositionen befanden.
Auf diese Mainstream-Vorstellungen vom weiblichen Hintern konzentriere ich mich deshalb, weil ich begreifen und klar und deutlich benennen möchte, woher die oft unausgesprochenen Vorstellungen und Vorurteile beim Thema Hintern stammen. Dank der Machtpositionen, in denen sich Weiße, Heterosexuelle und Männer in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien lange befanden, hatten sie einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf das, was Körpern alles zugeschrieben wurde. Die Vorstellungen davon, was normal ist und was nicht, was populär ist und was nicht, sind auf ihrem Mist gewachsen. Indem ich genau untersuche, wie die machthabenden Personen jene Bedeutungen konstruierten, versuche ich, etwas offenzulegen, das meist unsichtbar scheint: die historischen Wurzeln der vielen, teils widersprüchlichen Gefühle der Frauen für ihren Hintern. Ich wollte begreifen, warum Hintern so unfassbar viel bedeuten, wo sie doch genauso gut gar nichts bedeuten könnten.
Was sich wie ein roter Faden durch meine Nachforschungen zog: Gespräche über Hintern sind fast immer auch Gespräche über Rassifizierung, speziell über Schwarzsein und Weißsein. Seit den frühesten Tagen der Kolonialisierung von Afrika sind von europäischen Entdeckungsreisenden und Wissenschaftlern pseudowissenschaftliche Theorien über die großen Hintern Schwarzer Frauen instrumentalisiert worden, um Rassenhierarchien und -stereotype zu konstruieren und zu verfestigen (besonders das hartnäckige Stereotyp der hypersexuellen Schwarzen Frau). Im Anschluss an den Tod von Sarah Baartman im 19. Jahrhundert sind diese Vorstellungen noch verstärkt und untermauert worden. Der Gedanke einer unterschiedlichen Schwarzen und weißen Weiblichkeit ist geprägt von den Stereotypen, die in der Wissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts kreiert worden sind. Und diese Stereotype nehmen nicht nur Einfluss auf Schwarze und weiße Frauen, sondern auf Frauen überall auf der Welt. Genau aus diesem Grund beschäftigt sich dieses Buch so oft mit Schwarzsein und Weißsein.
Mein Wissen bezüglich der Bedeutung des Hinterns in einigen Communitys von People of Colour, in anderen Ländern und in vergangenen Kulturen speist sich natürlich aus Berichten und Forschungen, nicht aus eigener Erfahrung. Meine persönliche Körpererfahrung ist eine spezielle, und die Scham, die ich wegen meines Hintern empfunden habe, entstammt dem bestimmten Kontext, in dem ich aufgewachsen bin. Beides sind keineswegs universelle Erfahrungen. Viele Menschen, die ich im Zuge meiner Forschungen kennengelernt habe, lieben ihren Hintern oder sind mit völlig anderen Körperidealen aufgewachsen. Ich wollte bewusst Stimmen einbinden, die von anderen Erfahrungen als meiner eigenen berichten, und habe deshalb als Grundlagenforschung Frauen und nicht binäre Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft interviewt. Trotzdem ist dieses Buch ein spezielles geworden, weil es aus den Fragen erwachsen ist, die mich am Hintern am meisten interessieren: Fragen bezüglich Rassifizierung, Gender, Kontrolle, Mode, Fitness und Wissenschaft. Es stellt weder eine Enzyklopädie des Hinterns noch eine umfassende Abhandlung des Themas dar. Viele faszinierende Forschungsgebiete fehlen, und somit kann dieses Buch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Indem ich meinem persönlichen historischen Kontext nachspüre und meine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen äußere, kann ich aber hoffentlich mit meinem eigenen Hintern fertigwerden und anderen dabei helfen, die Machtverhältnisse zu erkennen, die sich hinter dem Nichtbenannten, dem Unausgesprochenen verbergen. In diesem Sinn ist dieses Buch vor allen Dingen ein politisches Projekt: Hier werden Machtstrukturen herausgearbeitet und untersucht, die oft nicht klar ersichtlich sind.
»Ich persönlich finde meinen Po nicht sexy. Ich bin total verunsichert, weil er so groß ist«, erzählte mir eine weiße Frau Mitte 30. »Die Vorstellung, dass jemand ganz genau wissen könnte, wie er aussieht, finde ich furchtbar. Obwohl mir viele fremde Männer klargemacht haben, dass sie meinen Po sexy finden. Seit meiner Jugend weiß ich, dass mein Po Männern quer durch die Bank gefällt. Nicht allen natürlich; dünne weiße Jungs mögen ihn nicht so.«[2]
»Wenn ich weiß wäre, fände ich meinen Po wahrscheinlich toll«, meinte eine Schwarze Frau in den Fünfzigern, die einen kleinen Hintern hat. »Wie so einiges andere an mir passt auch das nicht zu meinem Schwarzsein und macht mich deshalb irgendwie unglaubwürdig. Jedes Mal, wenn ich das äußere, herrscht sofort angespannte Stimmung; die Leute denken dann, ich ziehe über mich her. Dabei will ich damit sagen, dass ich als Kind dafür getriezt worden bin, angeblich nicht Schwarz genug zu sein.«
Eine andere weiße Frau in den Dreißigern beschrieb den Körper, den sie gerne hätte, als »so androgyn wie möglich, aber trotzdem noch weiblich – kleine Brüste, keine Hüfte. Die klassische androgyne Lesbe. Jenny Shimizu.« Dabei steht sie auf Frauen mit dickem Hintern. »Meine erste Freundin hatte einen dicken Hintern, und ich konnte nicht genug davon kriegen. Das sieht gut aus, fühlt sich gut an, und du kannst dich schön daran anlehnen. Das genaue Gegenteil meines eigenen Körpers.« Seit Kurzem fragt sie sich jedoch, ob die Wünsche an ihren eigenen Körper nicht problematisch sind. »Inzwischen mache ich mir Gedanken, ob es sich bei diesem Körperideal nicht auch um internalisierte Frauenfeindlichkeit handelt. Wieso fühlt es sich für mich so an, als könnten in einem weiblichen Körper kein Sarkasmus und Scharfsinn wohnen? Warum halte ich so an diesen sexistischen Narrativen fest?«
Eine US-amerikanische Frau in den Zwanzigern, die chinesische Wurzeln hat, beschrieb ihren Po als »hübsche Vorwölbung« bei ihrer »brettartigen Figur«. Sie sagte allerdings auch: »Ich bin regelmäßig überrascht, wenn mein Po sexualisiert wird. Weil ich fürchte, dass mein Sex-Appeal auf meiner mädchenhaften Figur fußt. Ich frage mich, ob meine erotische Attraktivität nicht ein Ausläufer von Pädophilie ist, ob das Interesse an mir nicht die Sexualisierung eines Schulmädchens darstellt.« Diesen Gedanken hat sie zwar noch nie mit einem Partner geteilt, doch er rumort in ihr.
Wieder und wieder bin ich bei meinen Forschungen überrascht worden, wie viele verschiedene Bedeutungen ein einziger Körperteil haben kann. Dennoch erzählten mir mehrere Frauen ganz ähnliche Geschichten über die Entstehung ihres eigenen Körperbilds. Manchen wurde von Müttern, Großmüttern und Tanten geraten, den Körper unter Kleidung zu verbergen. Andere bekamen von denselben Verwandten beigebracht, die eigenen Kurven zu lieben. Durch Nachpfeifen und höhnische Bemerkungen ist ihnen in der Mittelstufe signalisiert worden, welchen Platz sie in der Rangordnung einnehmen. Unabhängig von Form und Größe ihres Hinterns konnte beinahe jede Frau davon erzählen, wie sie in der Umkleide von dem Gefühl beschlichen wurde, niemals eine Hose zu finden, die richtig gut sitzt.
Der Hintern fordert uns auf verschiedenste Weise dazu auf, uns wegzudrehen, mit Schamesröte im Gesicht zu kichern und die Augen zu verdrehen. Als ich mit diesem Buchprojekt anfing, fragte ich mich, was wohl passieren würde, wenn ich dem Hintern stattdessen meine volle Aufmerksamkeit widmete, wenn ich seine Historie betrachtete und Po-Expert*innen aller Art – Wissenschaftler*innen, Dragqueens, Tanzlehrer*innen und Archivar*innen – ernste Fragen stellte. Dabei stieß ich auf Tragödien, auf Wut, auf Unterdrückung, auf Lust und Vergnügen. Und ich entdeckte, dass unser Körper voller Geschichte steckt.
Hätten Sie sich vor 1,9 Millionen Jahren zufällig in der ausgedörrten Uferregion des kenianischen Turkana-Sees aufgehalten, wären Sie vielleicht dem ersten bekannten Frühmenschen mit Gesäß begegnet.[3] Dieser war dem modernen Menschen ähnlicher als dem Affen[4]: Statt zwei Löchern im Kopf besaß er einen knorpeligen Fortsatz als Nase. Er hatte ein flaches Gesicht und hervorschauende Augen, außerdem dicke Wülste über den Augen und eine fliehende Stirn. Gehen und Rennen konnte er bereits zweibeinig. Und oben an der Hüfte hatte er an jeder Seite einen großflächigen, vorgewölbten Gesäßmuskel, der das darunterliegende Fleisch eines kräftigen, runden Hinterteils darstellte.
Seine physische Umgebung war der heutigen afrikanischen Savanne, mit ihrer offenen Graslandschaft und den vereinzelten Bäumen, ganz ähnlich.[5] Erst relativ kürzlich hatte er den üppigen, dicht bewachsenen Regenwald verlassen, den seine entfernten Verwandten Millionen von Jahren bewohnt hatten. Der Körper seiner Vorfahren war dem Leben in den Bäumen angepasst: flinke, bewegliche Füße und Beine, mit denen sich gut klettern ließ, affenartige Schnauzen, behaarte Körper und riesige Kiefer, mit denen sich große Pflanzenmengen zermahlen ließen.[6] Ihr Hintern war klein und flach – also kaum vorhanden. Als dieser spezielle Homo erectus jedoch auf den Plan trat, hatten sich die Körper der Frühmenschen bereits an ihr neues, ebenes Terrain angepasst. Um in der Savanne bestehen zu können, war der große Gesäßmuskel ein Muss.
Einige Jahrtausende später, im Sommer 1974, schritt Bernard Ngeneo langsam jenes östliche Ufer des Turkana-Sees ab und beobachtete aufmerksam die dunkle, sandige Erde.[7] Er war Teil des kenianischen Wissenschaftlerteams um Richard Leakey, einen berühmten und umstrittenen Paläoanthropologen und Umweltschützer.[8] Die Männer waren Experten dafür, menschliche Fossilien aufzuspüren, die sich tief im Gestein oder zwischen Knochen und Muscheln versteckten. Erst zwei Jahre zuvor hatte Ngeneo einen unter Tierfossilien begrabenen Schädel entdeckt, der für den Beweis einer völlig neuen Spezies der Gattung Homo gehalten wurde.
Seinen Blick hatte Ngeneo an einem mit Kieselsteinen und Muscheln zementierten Felsen geschärft, dem Überbleibsel eines uralten Seegrunds, auf dem sich über Millionen Jahre Ablagerungen eingenistet hatten.[9] Dort, inmitten der festen Überreste des Wasserlebens, sah Ngeneo etwas Vielversprechendes aus dem Gestein emporragen. Die genauere Betrachtung ergab, dass der Hominiden-Entdecker erneut zugeschlagen hatte. Ngeneo war auf Fossil KNM-ER 3228 gestoßen, einen rechten Hüftknochen. Dabei handelte es sich um den letzten Überrest eines männlichen Frühmenschen, der vor 1,9 Millionen Jahren durch die Küstenregion gezogen war, sowie um den ältesten Hüftknochen, der je gefunden wurde. Zwar lässt kein Belegmaterial darauf schließen, dass sich irgendwer großartig mit diesem speziellen Knochen auseinandergesetzt hat – er war nur einer von vielen Frühmenschen-Funden in jenem Sommer –, dennoch gab Ngeneos Entdeckung der Wissenschaft ein entscheidendes Instrument für das Verständnis der Evolutionsgeschichte des Hinterns an die Hand.
Dr. Daniel Lieberman, Professor der Paläoanthropologie und Biologie an der Harvard University, war es, der mich auf das fossile Skelett KNM-ER 3228 brachte.[10] Zwar hatte die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts im Rahmen einer groß angelegten Erschaffung und Rechtfertigung von Rassenhierarchien eine umfassende Pseudowissenschaft vom Gesäß etabliert, trotzdem galt der Hintern für den Großteil des 20. Jahrhunderts nicht als ergiebiges Studienobjekt. Seit 20 Jahren jedoch gibt es mit Dr. Lieberman einen Experten für die Biologie des Hinterns, und er ist wohl derjenige mit dem größten Interesse am fossilen Skelett KNM-ER 3228.
Als Lieberman in den 1990er-Jahren darauf stieß, entdeckte er den Schlüssel zu einer Fragestellung, die in der Evolutionsbiologie kaum Beachtung gefunden hatte, die für Lieberman hingegen viele Jahre lang zum Forschungsschwerpunkt wurde. Dabei ging es zunächst gar nicht um Hinterteile, sondern um das Laufen.[11]
Im Aufbaustudium an der Harvard University ist Lieberman beigebracht worden, die Menschen seien miserable Läufer, und die Anpassung ans Laufen sei für die menschliche Evolution relativ unwichtig gewesen. In der Biologie wurde das Laufen im Grunde für schnelles Gehen gehalten und für ein Nebenprodukt der Zweifüßigkeit, für das der Mensch nicht sonderlich geeignet ist.[12] Für Weltmeister des Laufens galten vielmehr die geschmeidigen Vierbeiner aus dem Tierreich wie Antilopen und Geparden, die galoppieren und mit vier Füßen vom Boden abspringen und Haken schlagen können und so betrachtet einfach beweglicher sind. Mit unserem aufrechten Gang können wir unmöglich galoppieren, insofern haben vierbeinige Tiere auch den schnellsten Menschen gegenüber einen Vorteil.[13] (Usain Bolt[14] kann zum Beispiel einige Sekunden lang zehn Meter pro Sekunde sprinten, doch Antilopen oder Pferde[15] können mehrere Minuten lang 15 Meter pro Sekunde rennen.) Der Mensch meistert vieles, aber das Rennen gehört nicht dazu, hat es in der Evolutionsbiologie immer geheißen. Im Verlauf seiner Forschungen erkannte Lieberman jedoch, dass dies ein Irrtum war.
Am Anfang stand ein Tierversuch mit Minischweinen, die er in Laufräder steckte. Als Lieberman gerade wieder einmal seinen Beobachtungen nachging, kam ein Kollege namens Dennis Bramble vorbei und leistete ihm Gesellschaft. Er wies Lieberman darauf hin, dass die Köpfe der Schweine beim Rennen herumwackelten, weil ihnen wahrscheinlich hinten am Schädel ein spezielles Band fehlte (das sogenannte Nackenband), das den Kopf beim Rennen stabilisiert. Sämtliche guten Läufer des Tierreichs besitzen dieses Nackenband – Pferde, Hunde, Geparden, Hasen. Den weniger guten Läufern, etwa Menschenaffen wie Schimpansen, fehlt dieses Nackenband. Und während sich Lieberman und Bramble so unterhielten, fiel ihnen plötzlich ein, dass ein Tier, das angeblich ein miserabler Läufer war, dieses Nackenband sehr wohl besitzt: der Mensch.
Bramble und Lieberman waren fasziniert.[16] Sie hatten beide einen wissenschaftlichen Artikel gelesen, in dem behauptet wurde, Laufen habe die Evolution des Menschen entscheidend geprägt und sei nicht nur ein Nebenprodukt des aufrechten Gangs gewesen.[17] Bislang war diese These in der Biologie nicht ernst genommen worden, aber Lieberman und Bramble fragten sich allmählich, ob nicht doch etwas dran sei.
Um das herauszufinden, fingen die beiden an, sich durch die Fossilien des Harvard Museums zu graben, und entdeckten relativ schnell, wann das Nackenband auf den Plan trat – nämlich an einem entscheidenden Punkt der menschlichen Evolution: vor zwei Millionen Jahren, als Homo erectus auf der Bildfläche erschien. Homo erectus war der erste unserer Vorfahren, der auf zwei Beinen umherging, und der erste, der (wichtig!) ein großes Gehirn besaß.[18]
Beim Untersuchen der fossilen Überlieferungen fanden Lieberman und Bramble heraus, dass nahezu sämtliche Körpereigenschaften, die den Menschen das Laufen ermöglichen, etwa zur selben Zeit aufgetaucht sind, als sie in den aufrechten Gang wechselten. Ihre Schlussfolgerung lautete: Die Frühmenschen haben sich teilweise deshalb aufgerichtet, damit sie rennen konnten. Homo erectus hatte als Erster der Gattung Homo kurze Zehen, die sich umbogen, wenn er sich in Gang setzte; Fußgewölbe und lange Achillessehnen, die wie Sprungfedern und Stoßdämpfer wirkten; eine Hüfte, die sich drehen ließ, und Knie, die das harte Auftreten beim Rennen aushielten. Und Homo erectus war der Erste mit einem Hintern.[19]
Diese Entdeckung bewegte Lieberman zu einer umfassenden Studie des Gesäßes in puncto Laufen. Was waren die anatomischen Unterschiede zwischen dem menschlichen Hintern und dem Hintern der am engsten mit dem Menschen verwandten Primaten?[20] Um das herauszufinden, befestigte er Elektroden am Gesäß von Probanden, während sie auf dem Laufband rannten. Damit konnte er beobachten, was genau der große Gesäßmuskel beim Loslaufen anstellt. Liebermans Forschungen erregten Aufsehen, und 2013 trat er in der Talkshow The Colbert Report auf, um die Rolle des Hinterns für die Evolution zu erläutern: »Schauen Sie sich den Hintern eines Schimpansen an: Er ist winzig. Schimpansen haben einen richtig mickrigen Hintern.«[21] Der Mensch hingegen hat einen riesigen Hintern. Unser großer Gesäßmuskel ist der größte Muskel unseres Körpers, und bis heute sind wir die einzigen Lebewesen dieses Planeten, bei denen dieser Muskel derart stark ausgeprägt ist.[22] Wie das Augenweiß und die Fußwölbung ist auch der große Gesäßmuskel dem Menschen vorbehalten.[23] Lieberman forderte Colbert dazu auf, ein paar Schritte zu gehen und dabei die Handflächen fest an die Pobacken zu drücken, damit er spüre, wie schlaff die Muskeln währenddessen seien. Anschließend bat er Colbert, loszurennen. »Spüren Sie, wie sich jetzt alles anspannt?«[24]
Als ich mich mit Lieberman unterhielt, forderte er mich zum gleichen Experiment auf, nur dass ich ganz schön tief graben musste, um an die aktiven Muskeln zu gelangen, denn bei mir besteht der Hintern eben nicht nur, oder kaum, aus Muskeln. Während ich in meiner Wohnung umherrannte, spürte ich, wie ich mithilfe meiner Zehen nach vorne schnellte, wie meine Hüfte rotierte und sich mein Po anspannte. Trotz der Tatsache, dass ich es im langsamen Joggingtempo kaum zweimal um den Häuserblock schaffe, versicherte mir Lieberman, dass mein Po dafür gemacht sei und dass sich Beweise dafür in der Wüste Arizonas finden ließen.
Seit 1983 findet in der dünnen Luft des Städtchens Prescott in Arizona jeden Oktober ein Rennen mit dem schlichten Namen »Mensch gegen Pferd« statt, das vom beseelten Jalousienverkäufer Ron Barrett organisiert wird. Laut Barrett wurde das Rennen dank einer Kneipenwette zwischen einem Mitglied des hiesigen Stadtrats und einem pferdevernarrten Polizisten ins Leben gerufen. Der betrunkene Stadtrat beharrte darauf, dass ein trainierter Läufer ein Pferd im Wettrennen schlagen könne. Dem stimmte der Polizist nicht zu, und da er überzeugt war, die besseren Chancen zu haben, schlug er einen monetären Wetteinsatz vor. Die beiden Männer legten eine Rennstrecke fest und schufen damit eine jährliche Tradition. Das Konzept ist simpel: Eine Gruppe von Menschen und Pferden durchquert in einem Tagesmarathon die Wüste, bei dem Tier gegen Tier, Mensch gegen Mensch und vor allen Dingen Mensch gegen Tier antritt.
Derzeit messen sich Menschen und Pferde Kopf an Kopf auf einer Strecke am Mingus Mountain, einen 2355 Meter hohen, pinienbewachsenen Berg knapp 50 Kilometer außerhalb von Prescott. Zwar richtet Barrett auch eine 20 und eine 40 Kilometer lange Strecke ein, doch das eigentliche Rennen – das einige der besten Langstreckenläufer und Distanzreiter der Welt anlockt – ist der 80 Kilometer lange Ultrarun.
Skeptisch, aber neugierig machte ich mich auf den Weg zu dieser Rennbahn, um das in Augenschein zu nehmen, was Lieberman als den Urkampf schlechthin beschreibt. Die Pferde wuchten ihre 680 Kilo schweren Körper (plus Reiter oder Reiterin) einen schmalen, steinigen Pfad hinauf, während sie auf vier Hufen, die nicht einmal so groß sind wie eine Menschenhand, das Gleichgewicht zu halten versuchen. Nachdem sie bereits einen ganzen Marathon entlang derselben Strecke gerannt sind, geht es für die Läufer noch gut 500 Meter steil bergauf, »mit dem Knie an der Wange«, wie es Barrett formuliert.[25] Und selbst dann haben sie erst die Hälfte geschafft und müssen weitere 20 Kilometer bis zur Ziellinie durchhalten. Am Ende des Wettkampftags greifen dann alle Menschen kräftig beim Grillen zu.
Das Event startete auf einer dürren Ebene, wo Reiter wie Läufer tags zuvor ihr Lager aufgeschlagen hatten. An einer Uferseite eines schmalen Flusses erstreckt sich das Land der Pferde. Jedes Tier kam in einem riesigen Anhänger angereist, der sämtliches Futter und Pflegezubehör enthielt: Heu und Hufkratzer, Sättel und spezielle Schuhe, die aussehen wie Crocs und die schmalen Hufe vor dem schroffen Gelände schützen sollen. Kleine, provisorische Koppeln wurden als Schlaf- und Futterplatz für die Tiere errichtet, während sie schnaubten und wieherten. Ihre Silhouette vor dem leuchtend blauen Wüstenhimmel war beeindruckend.
Auf der anderen Seite des Flüsschens lag das Land der Läufer. Sie kamen in energieeffizienten Subaru-Modellen angefahren, ernährten sich von veganem Gel aus der Tüte und trugen Kleidung, die sich zu einem faustgroßen Beutel zusammenpacken ließ. »Tiny heinies« (Winz-Pos) wurden sie von einem der Reiter genannt, und die Läufer entsprachen tatsächlich alle dieser Beschreibung: klein, gelenkig, dünn und mit schlanken, muskulösen Hintern ausgestattet – Hintern, mit denen sich die riesigen, kräftigen Tiere überholen ließen, die da drüben am Grasmampfen waren.
Trotz der scheinbar geringen Chancen in jeder der Mann-gegen-Pferd-Varianten hatte stets mindestens ein Läufer schon einmal ein Pferd geschlagen. Auch Lieberman selbst war es gelungen – in jenem Jahr übertraf er »beinahe sämtliche Pferde«, erinnerte er sich –, obwohl er »doch bloß ein Professor im mittleren Alter« war! Einen Läufer, der sämtliche Pferde übertrumpfte, hat es allerdings noch nie gegeben.[26] In dem Jahr, als ich zuschaute, ging es wegen eines bestimmten Läufers im Camp heiß her: Nick Coury, ein Softwareentwickler aus Phoenix, einer der besten Ultramarathonläufer der Welt, der vielleicht tatsächlich imstande sein würde, die Verheißung des ultimativen menschlichen Siegs zu erfüllen.
Mit ihm habe ich mich am Morgen des Renntags getroffen, als er noch im Kofferraum seines Kombiwagens saß, sich die Augen rieb und gähnte. Nachdem er auf der spätabendlichen Fahrt nach Arizona eine ganze Bratwurst-Pizza verschlungen hatte, übernachtete er einfach im Wagen. Als ich ihn fragte, ob er an einen Sieg gegen die Pferde glaubte, lächelte er und meinte bescheiden: »Ich ziehe ungern voreilige Schlüsse«, bevor er in seine Shorts schlüpfte, sich die Schuhe zuband und zu den Dixi-Klos düste. Selbst in der Welt der Ultraläufer, wo 80 Kilometer lange Strecken ganz normal sind, galt dieses Rennen als besonders hart: Es geht 850 verschlungene Meter bergauf, bei denen du mit losen Steinen, mangelndem Halt und erheblichen Temperaturunterschieden konfrontiert wirst – ganz zu schweigen von den wuchtigen Pferden, die neben dir rennen.
Um sechs Uhr morgens ging es los. Die Luft war trocken – wegen der trockenen Höhenluft hatte ich mir schon den ganzen vorigen Tag lang sisyphusmäßig Vaseline ins Gesicht geschmiert –, der frühmorgendliche Himmel war klar und rosa. Vor meinem inneren Auge hatte ich eine Meute wiehernde, hufscharrende Pferde zusammen mit einer Gruppe fokussierter Läufer an einem zeremoniellen Startblock gesehen, doch die Wahrheit war ruhiger und weniger kinoreif. Die Läufer dehnten sich und joggten auf der Stelle. Die Pferde tänzelten in einem großen, losen Kreis. Und die Startlinie bestand lediglich aus einer kleinen Flagge und einer Bodenmarkierung. Es fiel nicht einmal ein Startschuss, weil Ron nicht die Pferde aufschrecken wollte. Stattdessen rief er nur recht schwach: »Das Mensch-gegen-Pferd-Rennen beginnt jetzt! Los geht’s!« Und dann liefen sie davon.
Die Pferde galoppierten aus dem Gatter heraus, wurden aber langsamer und vorsichtiger, sobald sie den Fuß des Berges erreichten, damit sie nicht stürzten. Nick und die anderen Läufer trabten anfangs langsam und gerieten schnell in die Staubwolke ihrer Konkurrenten. Doch auch wenn die Menschen nicht die Geschwindigkeit eines Pferdes erreichten, hatten sie einen anderen Vorteil: Ausdauer. Und Lieberman zufolge war diese Eigenschaft für die menschliche Evolution entscheidend.
Die Fähigkeit, lange Strecken zu meistern, bildete sich heraus, als Homo erectus nicht mehr länger im Wald lebte, sondern Graslandschaften durchstreifte und somit andere Fertigkeiten benötigte. Wer in den Bäumen lebt, wie es die Gorillas heute noch tun, hat eine Fülle von Nahrungsmitteln um sich: Insekten, Beeren und andere Pflanzen. Diese sind zwar faserig und schwer zu kauen, doch der langsame Stoffwechsel der Gorillas ermöglicht es ihnen, sich davon zu ernähren. So können sie den ganzen Tag lang futtern, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass ihnen das Essen ausgeht.
Homo erectus hingegen musste eine Möglichkeit finden, sich ohne die unerschöpflichen Gaben der Wälder zu ernähren. Statt eimerweise Blätter und Beeren zu vertilgen, nahm er, was da war: das Fleisch von Tieren, das im Gegensatz zur Waldnahrung äußerst kalorien- und proteinreich war. Und die Savanne hatte in Form von Gnus und Kudus genug davon zu bieten. Wie aber sollte es der relativ langsame Homo erectus mit diesen flinken Vierbeinern aufnehmen?
Über ein Jahrhundert gingen die Evolutionsbiologen, darunter auch Darwin, davon aus, dass Homo erectus die Tiere der Savanne deshalb erlegen konnte, weil er sich einen der größten Vorteile des aufrechten Gangs zunutze machte: Er hatte nun die Hände frei, um Jagdwaffen wie Speere und Pfeil und Bogen herzustellen und zu nutzen. Inzwischen herrscht in der Archäologie jedoch Einigkeit darüber, dass dies unwahrscheinlich ist. Eine zähe, lederige Tierhaut zu durchbohren ist schwieriger, als viele denken, und noch schwieriger ist es, ein gut 270 Kilo schweres Gnu so schwer zu verletzen, dass es umfällt. Dazu bräuchte es einen mit Stein bestückten Speer oder Pfeil, doch die besten Werkzeuge, die Homo erectus zur Verfügung hatte, waren hölzerne Keulen und angespitzte Holzstöcke. Damit mussten die Frühmenschen einem Tier schon sehr nah kommen, um es zu erlegen. Was taten sie also? Sie nutzten ihren Hintern.
Lieberman zufolge hat Nick Coury nur deshalb eine Chance im Mensch-gegen-Pferd-Rennen, weil die Frühmenschen einen ganz bestimmten Vorteil gegenüber vielen Vierbeinern entwickelt haben: Ein vierbeiniges Tier kann zwar sehr schnell rennen, kann diese Geschwindigkeit aber nicht über lange Strecken aufrechterhalten. Pferde zum Beispiel können beim Galoppieren nämlich nicht hecheln, das können sie nur im Schritt und im Trab. Dadurch lässt sich wiederum die Körpertemperatur beim Rennen nicht herunterkühlen, sodass sie bei großer Hitze nach 10 bis 15 Kilometern im Galopp das Tempo drosseln müssen. Dasselbe gilt für die Tiere, die von den frühen Menschen in der Savanne gejagt wurden, wo es viel heißer und die Landschaft viel flacher war als am Mingus Mountain. Volles Tempo kann eine Antilope bei dieser Hitze nicht lange laufen. Ein Mensch hingegen ist in der Lage, stundenlang zu rennen – seine Geschwindigkeit ist zwar geringer, aber immer noch ein kleines bisschen größer als die eines Vierbeiners im Trab. Und das haben wir zum Teil der einzigartigen kompakten Muskelgruppe oberhalb der Beine zu verdanken.
Die menschliche Gesäßmuskulatur gehört zu einem komplizierten stabilisierenden Muskelapparat[27]: Bei Schimpansen besteht das Äquivalent des großen Gesäßmuskels aus einem Muskel, mit dem sie ihre Beine weg vom Körper bewegen können. Beim Menschen hingegen handelt es sich dabei um einen Streckmuskel, mit dem Tiere ein Körperglied strecken und dehnen können. Er trägt entscheidend dazu bei, dass wir nicht nach vorn kippen, wenn wir uns beim Rennen mit den Füßen vom Boden abstoßen, und dass wir nur ein kleines bisschen langsamer werden, wenn wir mit den Füßen wieder auf dem Boden aufkommen, sodass wir die Kontrolle behalten. Mit dem Hintern haben wir uns biologisch an die Erfordernisse des Laufens angepasst. Dank ihm sind wir in der Lage, ununterbrochen, ausdauernd und verletzungsfrei zu laufen.
Während die Evolution Schritt für Schritt ihren Weg nahm, begann sich das Gehirn von Homo erectus zu vergrößern. Für den Aufbau von Hirngewebe benötigte er jedoch haufenweise Kalorien; eine stillende Mutter hat einen Bedarf von etwa 2500 Kalorien am Tag.[28] Und damit sich diese Zufuhr in der Savanne erzielen ließ, musste gejagt und gerannt werden. Nur so konnten die sich in der Entwicklung befindlichen Organe mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden, die Hominiden irgendwann dazu befähigten, Werkzeuge zu nutzen, Landwirtschaft zu betreiben, Bücher zu lesen und haarsträubende Kneipenwetten einzugehen. Lieberman zufolge war es der Hintern, zusammen mit weiteren Anpassungen, der es Homo erectus ermöglichte, die Beute so lange zu hetzen, bis sie völlig erschöpft eine Pause einlegen musste. Dann schlugen ihr die Frühmenschen mit einem Stein auf den Kopf und hatten eine üppige, kalorienreiche Mahlzeit.
Dennis Bramble, Liebermans ehemaliger Kollege aus der Zeit mit den Minischweinen im Laufrad, hat eine andere, weniger glanzvolle Theorie[29]: Ihm zufolge ermöglichte das Rennen Homo erectus das Wetteifern um die Reste der Savannenbeute, nicht das Erlegen dieser Beute selbst. Nachdem ein Löwe oder ein anderes Raubtier etwas erjagt hatte, konnten sich die Aasfresser nur über die Reste hermachen, wenn sie lange Strecken laufen und damit die Konkurrenten übertrumpfen konnten und wenn sie dorthin gelangten, bevor das Fleisch verdorben war.
Ein weiteres Wissenschaftsteam um Jamie Bartlett von der University of Colorado Boulder konnte mittels einer Studie zeigen, dass der Hintern zwar von entscheidender Bedeutung für das Langstreckenlaufen ist, tatsächlich aber viele weitere Funktionen hat.[30] Bartlett meint, der Gluteus Maximus »ähnelt einem multifunktionalen Schweizer Messer«, weil er den Menschen zum Klettern, Werfen, Heben und Hocken befähigt. Laut Bartlett hat er sich nicht nur herausgebildet, um weite Strecken zurücklegen zu können, sondern auch, um den Raubtieren zu entkommen – um die vereinzelten Bäume der Savanne hinaufzuhuschen, um sich hinter einen Busch zu verkriechen und um sich schnell und wendig zu verdrücken. Das sei ziemlich offensichtlich, sagt sie, wenn wir uns ein Leichtathletikteam anschauen. »Nicht die Langstreckenläufer haben einen dicken Hintern, sondern die Kurzstreckenläufer, die Springer und die Werfer.«
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mögen sich um den genauen Grund für die Existenz des großen Gesäßmuskels streiten, doch bei einem sind sie sich völlig einig: Der Gluteus Maximus kommt nur beim Menschen vor und war für unsere Evolution von entscheidender Bedeutung. Unserem Hintern haben wir es quasi zu verdanken, dass wir Menschen sind.
Irgendwann vor 1,9 Millionen Jahren rannte der Mann, dessen Hüftknochen zum Fossil KNM-ER 3228 wurde, einem Gnu hinterher.[31] Sein großer Hintern war angespannt, und die langen Sehnen, die seine Fersen mit der Rückseite seiner Knie verbanden, katapultierten ihn nach vorn wie eine Sprungfeder. Sein auf der Wirbelsäule balancierender Kopf wippte dabei locker, die S-Kurve seines Rückens fing bei jedem Auftritt den Aufprall ab. Seine spärliche Körperbehaarung und seine vielen Schweißdrüsen bewahrten ihn vor Überhitzung, und er hechelte heftig, während er langsam und beständig seiner Beute hinterherjagte.
Zwei Millionen Jahre später rennt Nick Coury an einem wunderschönen Tag im Oktober einen Berg hinauf. Seine Gesäßmuskulatur ist angespannt, seine Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren, und seine Sehnen und Gelenke schleudern ihn nach vorn wie eine Sprungfeder. Er zieht an einem Pferd vorbei, und an noch einem, während er den Mingus Mountain langsam, Schritt für Schritt erklimmt. Seine Gesäßmuskeln nutzt er zum Klettern, und er nutzt sie zum Laufen. Er denkt weder an die Ziellinie noch an die kräftigen Tiere, von denen er umgeben ist. Nur an die paar Füße vor ihm denkt er. Und plötzlich wird ihm klar, dass er im Begriff ist, zu gewinnen.
Am Fuß des Bergs kann Nick die Ziellinie in der Ferne sehen. Er spürt Euphorie in sich aufsteigen, erlebt den Rausch des sogenannten Läuferhochs (wahrscheinlich eine weitere evolutionäre Anpassung, die den Menschen zu Spitzenleistungen beim Laufen befähigt).[32] Nick setzt zum Endspurt an und gibt alles. Als er durchs Ziel rennt, laufen ihm Tränen über die Wangen. Mit 6 Stunden und 14 Minuten ist ihm die bisherige Rekordzeit gelungen. Wie der Mann mit dem Hüftknochen KNM-ER 3228 hat Nick sämtliche vierbeinigen Konkurrenten überholt und ist damit der erste Mensch in der Geschichte des Mensch-gegen-Pferd-Rennens von Prescott, dem dies gelang.[33] Nick hat es nicht um des Essens willen getan – er hat seinen veganen Glibber, und ihn erwartet ein Grillfest –, sondern aus reiner Freude am Laufen.
Muskeln erfüllen einen bestimmten physiologischen Zweck – sie ziehen sich zusammen und strecken sich und bewegen dadurch Sehnen und Knochen hoch und runter, vor und zurück, weshalb wir aufrecht sitzen, uns zur einen und zur anderen Seite lehnen, ja sogar unser Essen verdauen können. Deshalb lässt sich am leichtesten dieser Bestandteil des Hinterns analysieren und verstehen. Wobei der Hintern, insbesondere der Hintern einer Frau, nicht nur aus Muskeln besteht. Auf dem Gluteus Maximus sitzt nämlich eine Fettschicht, und bei vielen Menschen (inklusive mir) ist diese Fettschicht ziemlich dick – was die Sache kompliziert macht.
Fett ist in fast jeder Hinsicht schwieriger zu erforschen als Muskeln. Als Weichgewebe zersetzt es sich nach dem Tod seines Organismus und hinterlässt keine Langzeitspuren, sodass die Evolutionsbiologie nicht mit Sicherheit sagen kann, wie die Frühmenschen oder Hominiden damit ausgestattet waren.[34] Wir sind versucht, uns unsere Vorfahren als dünn und gelenkig vorzustellen, doch in Wahrheit kann kein Mensch die Größe der Brust oder des Hinterns der frühesten Frauen kennen, genauso wenig wie den Umfang des Penis eines Homo erectus oder ob er Bartträger war oder nicht.
Was wir hingegen wissen: Kein Primat war je so dick wie die heutigen Menschen, denn sie besitzen deutlich mehr »weißes Fettgewebe« – Fett, das sich nicht so leicht in Energie umwandeln lässt – als andere Primaten, welche mehr »braunes Fettgewebe« besitzen, das sich schnell und einfach verstoffwechseln lässt.[35] Laut Devjanee Swain-Lenz, der stellvertretenden Direktorin des Center for Genomic and Computational Biology der Duke University, steckt dieser Unterschied in unseren Genen. Ein Gen, das weißes Fettgewebe in braunes Fettgewebe umwandelt, ist bei uns buchstäblich ausgeschaltet, wodurch wir biologisch betrachtet anfälliger für die Fettansammlung sind.
Morgan Hoke zufolge, die im Rahmen ihrer Tätigkeit als Assistenzprofessorin für Anthropologie an der University of Pennsylvania die Ernährungsweise sowohl zeitgenössischer als auch vergangener Bevölkerungen untersucht, nahm diese Entwicklung ihren Lauf, als frühe Hominiden sich dürftig ernährten und auf Fettreserven angewiesen waren, um zu überleben.[36] Sie waren nicht gerade am Verhungern, aber es schwankte einfach sehr, welche Art von Essen in welchen Mengen zur Verfügung stand. Um ihre Überlebenschancen deutlich zu steigern, machten die Frühmenschen also einige metabolische und genetische Veränderungen durch, die sie befähigen sollten, Kaloriendepots in Form von Fettpolstern einzulagern, die sie in Notfällen anzapfen konnten. Ein größeres Gehirn braucht nämlich viel mehr Kalorien.[37] Und obwohl uns die Herausbildung des großen Gesäßmuskels ermöglichte, kalorienreiches Fleisch zu erbeuten und aufzustöbern, benötigten wir Fettdepots im Körper, damit unser Gehirn auch dann funktionierte, wenn es so kalt war, dass sich kaum Nahrung auftreiben ließ. Welch Ironie, dass wir in den USA des 21. Jahrhunderts Fett so gar nicht als etwas Funktionales wie zum Beispiel Muskeln betrachten. Vielmehr bringen wir Fett in jeglicher Form – sei es als Essen oder als Bestandteil des Körpers – nur mit Negativem in Verbindung: mit Völlerei und Dekadenz statt mit Notwendigkeit und Bevorratung.
Fett ist für die Gesundheit eines jeden Menschen unerlässlich, aber Frauen benötigen mehr davon als Männer.[38] Die meisten Frauen schleppen Fettreserven von 9 bis 13 Kilo mit sich herum, was keinen unerheblichen Teil des Körpergewichts darstellt und auf den ersten Blick ein evolutionärer Nachteil zu sein scheint. Untersuchungen zufolge muss der Körperfettanteil bei einer Frau mindestens zwischen 8 und 12 Prozent liegen, damit sie gesund (sprich: nicht am Verhungern) ist.[39] Bei Männern sind es lediglich 4 bis 6 Prozent.[40] Eine Wissenschaftlerin erzählte mir, dass der Fettanteil des menschlichen Körpers selbst bei den schlankesten Frauen größer ist als bei jedem anderen Lebewesen dieser Erde, mit zwei Ausnahmen: Meeressäugetiere und Bären kurz vor dem Winterschlaf. Nachdem mir das zu Ohren gekommen war, habe ich es in den darauffolgenden beiden Wochen an alle weitergegeben, die mir über den Weg liefen. Es hat sich irgendwie kraftvoll angefühlt – wir besitzen die Art Fettpolster, die riesige Meeresbewohner in arktischen Gewässern warm hält; Fettpolster, die uns einen Winter in einer Höhle im Wald überstehen ließen. Außerdem fand ich es sehr erfreulich, dass diese wissenschaftliche Tatsache völlig jenseits unseres Einflussbereichs zu liegen schien. Sie wurde zum Gegengift für die Stimme in meinem Kopf, die mir ständig sagte: »Bist du nicht ein bisschen zu fett?« Endlich konnte ich sie entkräften: »Fett gehört zum Frausein einfach dazu. Dank meines Fetts bin ich wie ein stillender Wal, wie eine Bärenmama.«
