Vom Kranksein - Virginia Woolf - E-Book

Vom Kranksein E-Book

Virginia Woolf

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Kranksein hat sein Gutes: Virginia Woolf, die große englische Schriftstellerin, denkt über eine zutiefst menschliche Erfahrung nach. Es geht Ihnen besser, wenn Sie das lesen! Grippe, Zahnweh, Fieber: Jeder weiß, wie es ist, krank zu sein. Wir sind es als Kinder, als Erwachsene, im Alter sowieso, als Frauen, als Männer, die Stärkeren nicht anders als die Schwächeren. Und trotzdem spielt diese Erfahrung in unserer Kultur kaum eine Rolle. Dreht sich in der Literatur alles um Liebe, Kampf und Eifersucht. Sind wir hilflos, wenn wir ausdrücken sollen, wie es uns geht, wenn wir nicht gesund sind. Dabei hat Kranksein auch sein Gutes, auch das kennen wir alle: Wir werden wieder wie Kinder, genießen die ungeteilte Zuwendung anderer, sind von den Anforderungen des Alltags befreit, können ungestört lesen, in den Himmel schauen, einfach nur – sein: krank sein. Virginia Woolf war, wie so oft, selbst gerade erst krank gewesen, als sie On Being Ill schrieb. 1926 erstmals erschienen, geriet ihr Essay lange in Vergessenheit und wurde erst spät wieder entdeckt: als Kleinod von rarer sprachlicher Eleganz und verblüffendem Gedankenreichtum.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 48

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Virginia Woolf

Vom Kranksein

Aus dem Englischen von Antje Rávik StrubelErgänzt um Auszüge aus Virginia Woolfs Tagebüchern

Jung und Jung

Vom Kranksein

 

 

 

Virginia Woolf war, wie so oft, selbst gerade erst krank gewesen, als sie On Being Ill schrieb. 1926 erstmals erschienen, geriet ihr Essay lange in Vergessenheit und wurde erst spät wiederentdeckt.

Wenn wir bedenken, wie gewöhnlich Krankheit ist, wie gewaltig die geistige Veränderung, die sie mit sich bringt, wie erstaunlich die unentdeckten Länder sind, die sich auftun, wenn das Licht der Gesundheit ausgeht, welche Öden und Wüsten der Seele ein leichter Grippeanfall zum Vorschein bringt, welche Abgründe und blumenübersäten Wiesen ein kleiner Temperaturanstieg enthüllt, welche uralten und unbeugsamen Eichen im Krankheitsfall in uns entwurzelt werden, wie wir in die Grube des Todes hinabsteigen und die Wasser der Vernichtung dicht über unseren Köpfen spüren, und wie wir im Glauben aufwachen, uns in Gegenwart von Engeln und Harfen zu befinden, sobald uns ein Zahn gezogen wird und wir im Zahnarztstuhl an die Oberfläche kommen und das »Mund spülen – Mund spülen« mit dem Gruß der Gottheit verwechseln, die sich vom Himmelszelt zu uns herabneigt, um uns willkommen zu heißen – wenn wir das und noch unendlich viel mehr bedenken, woran wir so häufig zu denken gezwungen sind, wird es tatsächlich seltsam, dass Krankheit nicht gemeinsam mit Liebe, Kampf und Eifersucht zu den Hauptthemen der Literatur gehört. Man würde denken, Romane wären der Grippe gewidmet worden; epische Dichtungen dem Typhus; Oden der Lungenentzündung; Verse dem Zahnschmerz. Aber nein, abgesehen von wenigen Ausnahmen – De Quincey versuchte etwas in der Art im Opiumesser, ein oder zwei Bände über Krankheit müssen über Prousts Seiten verstreut sein – tut die Literatur ihr Bestes, um den Anschein aufrechtzuerhalten, es gehe ihr um den Geist, der Körper sei eine gewöhnliche Glasscheibe, durch welche die Seele rein und klar herausschaute, und, abgesehen von ein oder zwei Leidenschaften wie Lust und Gier, null und nichtig, nebensächlich und nichtexistent. Ganz und gar nicht, das Gegenteil ist wahr. Den ganzen Tag, die ganze Nacht lang mischt sich der Körper ein; schwächt oder schärft, färbt ein oder bleicht aus, wird in der Wärme des Junis zu Wachs, verhärtet im Dunkel des Februars zu Talg. Das Wesen im Inneren kann nur durch die Scheibe starren – verschmiert oder rosig; nicht für einen Augenblick kann es sich vom Körper trennen wie die Scheide vom Messer oder die Schote von der Erbse, es muss die ganze endlose Prozession ständiger Veränderungen über sich ergehen lassen; Hitze und Kälte, Behagen und Unbehagen, Hunger und Befriedigung, Gesundheit und Krankheit, bis die unvermeidliche Katastrophe eintritt; der Körper zerschmettert in Stücke, und die Seele (wie es heißt) entfleucht. Doch von diesem ganzen täglichen Drama des Körpers gibt es kein Zeugnis. Immerzu schreiben die Menschen über die Tätigkeiten des Geistes, die Gedanken, die ihm kommen, seine noblen Pläne, wie er das Universum zivilisiert hat. Sie zeigen, wie der Geist im Philosophenturm den Körper ignoriert oder den Körper wie einen alten Lederfußball meilenweit durch Schnee und Wüste kickt, im Wahn der Eroberung oder Entdeckung. Die großen Kriege, die der Körper in der Einsamkeit des Schlafzimmers allein gegen den Angriff des Fiebers oder den Anfall der Schwermut führt, während der Geist ihm unterworfen ist, bleiben unbeachtet. Der Grund dafür ist leicht zu finden. Um diesen Dingen direkt in die Augen zu schauen, braucht es den Mut eines Löwenbändigers, eine robuste Philosophie, einen Verstand, der in den Eingeweiden der Erde wurzelt. Ohne das alles wird dieses Ungeheuer, der Körper, dieses Wunder, seine Schmerzen, uns bald dazu bringen, uns ins Mystische zu flüchten, oder uns mit raschen Flügelschlägen in den Rausch des Transzendentalismus versetzen. Praktischer gesprochen, würde das Publikum sagen, dass es einem Roman über die Grippe an Handlung fehle; es würde sich beschweren, dass darin keine Liebe vorkomme – allerdings zu Unrecht, denn Krankheit zeigt sich oft in der Verkleidung der Liebe und spielt die gleichen seltsamen Streiche, indem sie gewisse Gesichter mit Göttlichkeit auflädt, uns Stunde um Stunde mit gespitzten Ohren auf das Knarren einer Treppenstufe warten lässt und die Gesichter der Abwesenden (schlicht genug bei Gesundheit weiß Gott) mit neuer Bedeutsamkeit umkränzt, während sich der Geist tausende Legenden und Romanzen über sie zusammenspinnt, wofür er bei Gesundheit weder Zeit noch Muße hat. Schließlich gehört zu den Nachteilen der Krankheit als Gegenstand der Literatur noch die Armut der Sprache. Das Englische, das die Gedanken von Hamlet und die Tragödie des Lear zum Ausdruck bringen kann, hat keine Wörter für Schüttelfrost und Kopfschmerzen. Es hat sich nur in eine Richtung entwickelt. Das einfachste Schulmädchen hat, wenn es sich verliebt, Shakespeare, Donne, Keats, um sie für sich sprechen zu lassen, doch wenn ein Leidender versucht, einem Arzt den Schmerz in seinem Kopf zu beschreiben, versiegt die Sprache sofort. Es gibt nichts, worauf er zurückgreifen könnte. Er ist gezwungen, selbst Worte zu prägen und seinen Schmerz in die eine und einen Klumpen bloßen Klangs in die andere Hand zu nehmen (wie es vielleicht die Einwohner von Babel anfangs taten), um sie so zusammenzupressen, dass am Ende ein nagelneues Wort herausfällt. Wahrscheinlich eines, über das man lacht. Denn wer kann sich schon Freiheiten mit der Sprache herausnehmen, wenn er in England geboren ist? Für uns ist sie heilig und deshalb zum Sterben verdammt, es sei denn die Amerikaner, die im Erfinden neuer Wörter so viel geschickter sind als in der Anordnung der alten, kommen uns zu Hilfe und bringen die Quellen zum Fließen. Allerdings brauchen wir nicht nur eine neue Sprache, ursprünglich, subtil, sinnlich, schamlos, sondern auch eine neue Hierarchie der Leidenschaften: Die Liebe muss zugunsten von 40