Vom Sand in deinen Schuhen - Babett Weyand - E-Book

Vom Sand in deinen Schuhen E-Book

Babett Weyand

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Beschreibung

Harald will sterben. Anja und Rainer wagen einen Neubeginn. Für Chrissi brechen unbekannte Zeiten an und Elisabeth unterstützt sie dabei. Holger erlebte seinen schlimmsten Alptraum und Ruth steckt noch mittendrin. Sieben Menschen, die sich an der holländischen Nordseeküste kennenlernen und für die sich an diesem Sommertag ihr Leben grundlegend verändert. Jeder Einzelne von ihnen steht an einem Wendepunkt in seinem Leben und teils aus banalen Gründen kommen sie ins Gespräch miteinander. Es geht um spontane Begegnungen, vertane Chancen im Leben und die Frage, warum wir eigentlich immer auf irgendetwas warten. Wir warten, obwohl wir die Zeit und die Möglichkeiten hätten, unser Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Es ist ein emotionaler Roman, der das Leben bejaht und für Leser gedacht ist, die darüber nachdenken, was es bedeutet, am Leben zu sein. Die Autorin Babett Weyand, geb. 1976, nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten und erlaubt uns einen Blick in die Tiefen der menschlichen Seele. Der kraftvolle und intensive Schreibstil inspiriert nicht nur, er bietet dem Leser auch die Möglichkeit das eigene Leben zu erfahren. Ganz nach dem Motto: Worauf wartest du noch? Nimm dein Leben verdammt noch mal selbst in die Hand, erst dann kannst du glücklich sein!

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Babett Weyand

Vom Sand in deinen Schuhen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Manchmal...

Harald

Anja und Rainer

Chrissi

Elisabeth

Holger

Ruth

Epilog

Auf ein Wort

Impressum neobooks

Manchmal...

Manchmal ist das Leben einfach nur magisch!

Es schenkt uns Momente, die uns erstaunen lassen

und dann geschehen Dinge,

die sich mit Logik und Vernunft nicht erklären lassen.

Das Beste daran: Wir können uns darauf einlassen

und sind am Ende verzaubert.

Harald

„Das Leben ist ein Traum, verwirkliche ihn.“ (Mutter Theresa)

Behutsam bohrte er seinen großen Zeh in den butterweichen, warmen Sand. Die Sandkörner knirschten unter seinen müden Schritten. Zaghaft, ja mühsam, setzte er einen Fuß vor den anderen. Jeder weitere Schritt strengte ihn an, zerrte an seinen Kräften. Er kämpfte mit seinem Körper schon seit Wochen und langsam schwanden seine letzten Kraftreserven. Fröhlich lachende Kinder sprangen an ihm vorbei, riefen aufgeregt nach ihren Eltern, spiegelten die reine Lebenslust wider.

Diesen Ausblick auf das Meer hatte er nicht nur sehnsüchtig erhofft, nein, er erwartete ihn einfach, setzte all dies hier voraus. Das war seine Erwartung an seinen letzten Tag. So sollte es sein und genauso war es auch.

Schon als er vor Jahren diesen schimmernden Sandstrand für sich entdeckt hatte, faszinierte ihn diese Freiheit der Elemente. Das Meer rauschte unaufhörlich. Der Wind blies aus Westen, die Dünengräser gaben kleine Inseln frei. Er wusste damals schon instinktiv, dass dies hier sein Fleckchen Erde zum Sterben war. Er konnte locker die karibische Atmosphäre und berauschende Stimmung entbehren, die einen vergessen lässt, in welcher bescheidenen Lage man sich befindet. Er verzichtete gerne auf das sonnenverwöhnte und einladende Ambiente. Was er in diesen, seinen verbleibenden Lebensstunden tatsächlich benötigte, war einfach. Schlicht und simpel. Einen Platz, der ihm seine eigene Endlichkeit vor Augen führte, obwohl sie doch schon so greifbar nah war. Er brauchte einen Ort zum Abschiednehmen, natürlich und rein. Zurück zum Ursprung allen Lebens.

Angekommen an diesem, seinem letzten Reiseziel spürte er eine berauschende Leichtigkeit.

Er war zurückgekehrt in diese Verlassenheit und Stille. Nur ein paar Möwen kreisten um ihn herum, pickten die mickrigen Brotkrumen auf und warteten doch vergeblich auf ein Happy End. Er beobachtete sie und freute sich über deren Lebensfreude. Sie zankten und sie stritten sich, auch um den noch so kleinsten Brotkrümel. Bei Gefahr allerdings hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel.

Das war es dann also. Alle Lebenskapitel geschrieben, jede Emotion gelebt, die letzten Tränen versiegt und allmählich kam ein Gefühl der Freude auf. Die Hoffnung besiegte die Angst und endlich legte sie ihren warmen Arm um seine Schultern. „Komm, mein Freund“, hörte er sie wispern. Mit einem betrübten Abtasten der Natur blieb sein Blick am Leuchtturm von Ouddorp haften. Ein imposanter Zeitzeuge aus den späten 1940er Jahren. Was mag der wohl alles schon gesehen haben, durchleuchtet mit seinem wiederkehrenden Lichtstreifen? 56 Meter soll er hoch sein, hinauf gegangen ist er aber nie. Obwohl er es doch gern einmal getan hätte. Noch so eine vertane Lebenschance auf seinem Weg. Ein letzter bescheidener Wunsch, der allerdings nicht mehr in Erfüllung gehen wird.

Die Sonne neigte sich allmählich dem Horizont zu und plötzlich leuchtete der Turm in all seiner imposanten Pracht ziegelsteinrot. Jeder einzelne Backstein warf das Licht der Sonne zurück. Beeindruckend und romantisch, obwohl er für kitschige Romantik nie viel übrig hatte. Doch jetzt imponierte ihm dieses Schauspiel der Natur. Er lehnte sich zurück, genoss dieses Farbenspiel, beobachtete und schwieg. Nur das Meer rauschte. Unaufhörlich.

Deine letzte Vorstellung?“, fragte er hinaus auf das Meer. „Du wirst mir fehlen. Du, mit all deinen Facetten, den Möglichkeiten und den Menschen, die ich liebte. Ich hätte wirklich gern mehr Zeit im Hier und Jetzt verbracht, aber hey, das Leben ist schön, mein Leben war schön.“ Und in Gedanken formulierte er seinen Abschiedsgruß an sein geliebtes und erfülltes Dasein: „So, meine Liebe, nun stehen wir an diesem Ort. Unsere Wege trennen sich. Ich gehe in eine andere Richtung. Aber weißt du, es war herrlich mit dir, wir haben gelacht, gelebt, gesungen und gesoffen, geliebt und getanzt. Und trotz all dem spürtest du keine Skrupel, mich an dieser abscheulichen Krankheit leiden zu lassen. All die sinnlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die ich mit dir erleben durfte, möchte ich nicht missen. Wir erlebten Spaß und genossen das tagtägliche Dasein. Nur auf dieses Ende hätte ich gern verzichtet. Aber so bist du nun mal, du altes Haus. Ich bin dir nicht böse, warum auch? Ich hatte ein wunderbares Leben und ich danke dir für die Chancen, die du mir in all den Jahren ermöglicht hast. Ich werde dir das nie vergessen. Du hast mich leben lassen. Mit dir habe ich mich spüren können. Ich war am Leben und das verdanke ich dir. Vielmehr war es nicht. Also nichts für ungut. Da ich nie ein Freund großer, bewegender Abschiedsworte war, lass ich es einfach. Leben kommt, Leben geht. So ist es nun mal. Also, mach´s gut.“

„Ich müsste dies aufschreiben“, dachte er so bei sich. Die letzten Worte eines kranken Menschen. Ach, wer will denn so was lesen? Das interessiert doch keinen. „Lass mal gut sein“, riet ihm seine Vernunft. „Genieße die restlichen Stunden, die dir bleiben werden, wenn du das hier tatsächlich durchziehen willst.“ Abermals nahm er einen kräftigen Schluck aus der Flasche Rotwein. Den Besten, den sie anboten, verlangte er im Supermarkt dieses kleinen, beschaulichen Fischerdorfes an der holländischen Nordseeküste. Trotzdem schmeckte er ihm nicht. Ein Merlot, Jahrgang 2007 aus Italien. Na super, die italienischen Weine werden auch überbewertet oder der Verkäufer offenbarte seine mangelnden Kenntnisse. Eine Möglichkeit, die er eher in Betracht zog. Aber egal. Warum sollte er sich aufregen? Gelassenheit ist in den letzten Wochen zu einer seiner größten Stärken geworden. Und doch, wenn er so zurückblickte, befiel Trauer und Schwermut sein müdes Herz. Ganz genau konnte er sich noch an diesen Tag X erinnern. Der Tag, an dem sein bisheriges Leben zu Ende ging.

Darmkrebs!“ Eine knallharte unverblümte Diagnose, die dich besinnungslos nach Luft schnappen lässt. Da stehst du dann in einem sterilen Arztzimmer, du kennst das Ergebnis all dieser anstrengenden Tests längst und doch bleibt dir für Sekunden die Luft weg. Es ist wahr. Verdammt!

Jeder wahnwitzige Versuch, sich auf diese Schocknachricht vorzubereiten, war zum Scheitern verurteilt. Aus einem vagen Verdacht wurde knallharte Realität.

Stundenlang, wieder und wieder, hämmerte Harald die Symptome in die Tastatur seines Computers, um dann doch wieder und wieder entsetzt und fassungslos auf das Ergebnis seiner Suche zu starren. Die Antwort der allwissenden Internetgemeinschaft diktierte immer die gleichen fünf Buchstaben: Krebs! Ein simples Wort, das sich in seine Seele einbrannte, bis er entnervt und völlig aufgewühlt aufgab.

Aber wie nur soll man sich denn auf diese zerstörende Diagnose vorbereiten? Wie kann der Umgang mit den zermürbenden Schmerzen, den Tränen und der eigenen Endlichkeit gelingen? Was tun, wenn das eigene Leben plötzlich aus den Fugen gerät? Oder war das doch nur die Quittung für seinen ausschweifenden Lebensstil?

Er hockte entsetzt, aber gefasst, in diesem langweiligen, nichtssagenden Besprechungszimmer des Oberarztes der Onkologie und versuchte krampfhaft, aber unauffällig, den fetten Kloß, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte, herunterzuschlucken.

Harald blickte in die verständnisvollen und offenen Augen des Arztes, der seinen zweiten Frühling sicher auch schon etliche Jahre hinter sich hatte. Er schätze ihn auf Ende 50, wobei das krause, grau melierte Haar und die schwarze Hornbrille, diesen Eindruck noch verstärkten. Dieser Mann ruhte in sich, wie ein dicker Buddha im Lotossitz und doch hatte Harald das Gefühl, dass sich sein Gegenüber hinter seinem massiven Schreibtisch aus glänzend rotem Mahagoniholz versteckte. Die Fotos einer jungen lächelnden Frau mit goldblondem Haar waren ihm nicht entgangen. Sie muss wohl seine Frau oder seine Tochter sein, sicher war er sich aber nicht.

„Ich liebe die Farbe von Klatschmohn. Die ist so lebensbejahend.“

Unwillkürlich richtete der Arzt seinen Blick ebenfalls zu dem großen Bild an der rechten Wand.

„Es ist von meiner Frau und ich liebe es.“

„Sie hat Talent.“

„Ja, das hatte sie wirklich.“

„Sie hätte mit der Malerei nicht aufhören sollen.“

„Nun, manchmal kann man sich den Lauf des Lebens nicht aussuchen. Aber lassen Sie uns nicht über die Werke meiner Frau sprechen, sondern über ihre Erkrankung.“

Genau dies wollte Harald aber nicht!

„Ich lege mein Schicksal in Ihre Hände, dann habe ich doch sicherlich ein Recht darauf, Sie zumindest ein wenig kennenlernen zu dürfen.“ Es sollte gar nicht so schnippisch klingen, wie es Harald herausplatzte.

„Meine Frau ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben. Dieses Bild erinnert mich an die letzten gemeinsamen, unbeschwerten Tage mit ihr. Sie malte für ihr Leben gern und dieses Bild stammt aus ihren besseren Zeiten. Die Lebensfreude, die sie versprühte, spürt man auch auf diesem Gemälde.“

„Erzählen Sie diese Geschichte jedem Ihrer Patienten?“ Harald glaubte ihm nicht. Skepsis mischte sich in das Gefühl, belogen worden zu sein.

Und das nur, damit er sich auf das Elend, was ihn erwartete, einstellen sollte?

„Nein, nur denen, die danach fragen. Mir ist wichtig, dass die Patienten begreifen, dass ich mit ihnen fühle. Ich kann sie verstehen, zumindest ansatzweise.“

„Ich glaube Ihnen nicht. Ich glaube nicht, dass Sie das im Geringsten nachempfinden können. Die körperlichen Leiden und das Dahinvegetieren, die Symptome der Erkrankung, sind sichtbar und erklärbar, lassen sich in Büchern nachlesen. Aber die menschliche Tragödie, die sich in den Köpfen und in den Familien der Betroffenen abspielt, können Sie nicht nachvollziehen. Beim besten Willen nicht.“

„Vergessen Sie nicht, ich bin Onkologe. Ich habe tagtäglich mit dieser Unheil bringenden Krankheit der Menschen zu tun. Jeder Patient erlebt seinen eigenen Schicksalsschlag völlig verschieden, aber bei Jedem trägt er den gleichen Namen: Krebs!“

„Aber jeder Mensch ist anders und jedes Leben ist ein anderes. Alle miteinander zu vergleichen, erscheint mir vermessen.“

„Ich will Sie nicht allein durch diesen Kampf schicken. Es wird hart werden, aber ich stehe jederzeit an ihrer Seite und das nicht nur, weil ich um die Schmerzen und das Leid weiß, welches Sie durchleben müssen. Ich sehe es als meine verdammte Pflicht an, jeden einzelnen Tag eine solide Stütze in Ihrem Kampf zu sein. Verlässlich und vertrauensvoll. Ich vergleiche Menschen nicht, ich begleite sie.“

„Menschen kommen, Menschen gehen.“

„Doch der Arzt bleibt.“ Aufmunternd nickte er zu Harald. Er liebte solche Gespräche, die eben nicht nur zart an der Oberfläche kratzten, sondern auch die Seele erschüttern können.

„Aber eine Frage habe ich noch.“

„Welche?“

„Wie viele ihrer Patienten gehen aus diesem Kampf als Gewinner hervor?“

„Wollen Sie sich tatsächlich mit Zahlen quälen?“

„Ich brauch nur eine!“

„Warum? Was versprechen Sie sich von dieser Information? Es bleibt, wie es ist, jeder Krankheitsverlauf ist anders. Pauschalisierungen helfen nicht weiter.“

„Ich will nur wissen, ob mich neben der Gesundheit nun auch das Glück verlässt.“

„Aber selbst wenn dem so ist, bleibt Ihnen immer noch die Freiheit. Freiheit, Ihr Leben selbstbestimmt zu leben, sogar in diesen Stunden, Tagen und Wochen.“

„Ja, bleibt sie wirklich? Ich zweifle daran.“ Erneut wanderte sein Blick auf den knallig roten Klatschmohn an der Wand. Das Gemälde faszinierte ihn. Es strahlte eine Freude, eine Lebensenergie aus, die hier in diesem Raum kaum zu ertragen war. Aber was wäre denn, wenn ihm tatsächlich nur noch die Freiheit bliebe?

Plötzlich waren für Harald die Worte des vor ihm sitzenden Arztes keine leeren Worthülsen mehr. Er verstand sehr gut, wie sein Gegenüber für seine Ehefrau gekämpft und gelitten haben musste, um sie am bitteren Ende doch gehen zu lassen. Er war gezwungen, sie los zu lassen und versteht nun, wie es sich anfühlt, zu verlieren.

Der Buddha schaute ihn wehleidig und bedrückt an. Er fühlte mit ihm und war auf jede Art von Zusammenbruch vorbereitet, hatte sich gründlich auf Schock, Tränen und Geschrei vorbereitet. Doch in diesem Moment passierte nichts. Harald starrte ihn an und wartete. Es herrschte eine gespannte Ruhe zwischen ihnen. Dieser adrette und sensible Arzt amüsierte ihn. Das auf der Krankenakte abgebildete Ergebnis allerdings schockierte beide mehr, als Haralds äußere scheinbare Gelassenheit es erkennen ließ.

Aber warum auch sollte er in Hysterie und Panik ausbrechen, wenn es an der vernichtenden Realität nichts mehr zu rütteln gab? Nur eine Frage brannte ihm im Kopf und verursachte immer stärker werdende Kopfschmerzen: Wie viel Zeit bleibt mir? Also stellte er sie. Schonungslose Offenheit hatte er sich selbst verordnet.

„Es bleiben Ihnen drei Monate. Maximal. Sie befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium. Wir werden den Tumor trotzdem in einer Operation entfernen. Danach können wir mit der Chemotherapie noch in dieser Woche beginnen. Vorausgesetzt die Ergebnisse stimmen.“

Das mitfühlende Gesicht seines Arztes erheiterte ihn irgendwie immer noch. Dieser hatte auf die nächste Schockreaktion gewartet, vergeblich. Es stiegen keine Tränen in Haralds Augen auf. Im Gegenteil, er war weiterhin die Ruhe selbst, so gar nicht einem Zusammenbruch nahe. Er kann nicht erklären warum, aber vielleicht wusste er es einfach schon. Geahnt und gespürt. Seine Zeit war begrenzt. Greifbar, am Schlusspunkt des irdischen Seins.

„Mein kurzes, aber schönes Leben hat auch ein Ende. Hab wohl doch zu viel gesoffen in den letzten Jahren. Gehaltvolles Essen und süffiger Wein, gekrönt von gereiftem Grappa und einer köstlichen Zigarre, das ist wohl doch alles nicht so gesund. Aber lecker.“ Er bereute nicht eine Minute, nicht einen Bissen und erst recht kein Glas Wein. Das war sein Leben, geprägt von Genuss und Leidenschaft. Nun musste er wohl den Preis dafür bezahlen. Aber muss das nicht jeder einmal?

„Wie sieht es mit meinen Genesungsaussichten aus?“ Innerlich lachte er über diese Frage, denn die Antwort kannte er längst. Er war zwar kein Experte und auch kein Onkologe, aber es war ihm mehr als bewusst, dass Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium nicht wirklich gute Heilungschancen aufweist..

„In diesem Stadium, in dem Sie sich befinden, ist eine Heilung leider die Ausnahme als die Regel. Es tut mir leid. Ich würde Ihnen gern eine andere Prognose stellen, aber alles andere, als die Wahrheit wäre nur gelogen.“

„Und trotzdem wollen Sie mich noch operieren?“, fragte Harald nach.

„Ja natürlich. Wir werden schauen, ob wir den Tumor komplett entfernen können und auch, ob die Metastasen in der Leber noch operabel sind. Danach werden wir Sie einer Chemotherapie unterziehen. Und selbst wenn Sie dadurch weitere Monate Lebenszeit gewinnen, hat es sich doch schon gelohnt.“ Sein Arzt versuchte krampfhaft Zuversicht und Hoffnung zu verbreiten, aber es gelang ihm nur bedingt.

„Aber zu welchem Preis?“ Die Frage blieb unbeantwortet im Raum und Harald wollte gar keine Antwort darauf. Denn auch diese kannte er längst.

Der Arzt ratterte seinen Therapieplan runter, aber Harald hörte nicht mehr zu. Er sah aus dem Fenster, die ersten Krokusse auf der teilweise noch schneebedeckten Wiese läuteten den Frühling ein. Wie herrlich. Alles hat seinen Lauf. Ein Kommen und Gehen. Er spürte, dass er nun in einer Maschinerie gefangen war, aus der es kaum ein Entkommen geben wird. Bis zum letzten Atemzug und er fragte sich unwillkürlich, ob er das überhaupt alles wollte. Sollte so sein Leben zu Ende gehen, fest gekettet an surrenden Maschinen, gefesselt an rollenden Krankenhausbetten? Er saß immer noch in diesem Arztzimmer und sah auf das Bild von rotem Klatschmohn. Die Freiheit würde ihm bleiben. Stimmte das?

Er wollte doch nur Klartext, keine Gefühlsdudelei. Er wünschte sich jemanden, der ihm knallhart an den Kopf warf, dass drei Monate zu leben, Scheiße ist. Dass läppische drei Monate der mickrige Rest deines Lebens sind. Dass es in drei Monaten eben nicht mehr machbar ist, all seine verbliebenen Wünsche zu erfüllen. Dass diese Zeit noch nicht mal ausreicht, sich angemessen von seinen Lieben zu verabschieden. Es wird so vieles nicht mehr gesagt werden können. Herzliche Umarmungen, tröstliche Abschiedsworte, ein letzter Blick, mehr bleibt nicht.

Es bleiben ihm drei Monate, obwohl doch noch Jahre geplant waren. Er will noch einmal von Herzen lachen müssen. Lieben, dass sich die Welt um ihn herum dreht. Genießen, mit allen seinen Sinnen. Ein einziges Mal noch in die Welt von „Gandhi“ eintauchen, die Welt unter den Füßen verlieren, schwebend durch die Lüfte gleiten.

Er hatte alles mitgemacht. Die Übelkeit, das Erbrechen, die unerträglichen Schmerzen nach der Operation, die Qualen der Chemotherapie und die Tränen seiner Liebsten. Die Hoffnungslosigkeit und Ungewissheit, die vergeblichen und hilflosen Versuche seiner Freunde, ihn für Stunden aufzumuntern und die Qualen vergessen zu machen. Die ehrlichen und schmerzenden Worte seines Arztes. Die Genesungswünsche und auch tiefgründige Gespräche mit Leidensgenossen über den Sinn und Unsinn dieser Krankheit und des eigenen Lebens überhaupt. Die psychologische Unterstützung, die endlos langen Wartezeiten.

Das war das Leben, welches er die vergangenen 3 Monate führen musste. Und immer mehr verfestigte sich sein Wunsch auf ein selbstbestimmtes Ende. Einem inneren Drang gleich spürte er instinktiv, dass er nicht hinter diesen Mauern in einem abwaschbaren Krankenhausbett sterben wollte. So nicht!

Es ging ihm gut. Vielleicht nicht körperlich, aber seelisch ertrug er diesen Wandel. Er war gefestigt. Standhaft in seinen Einstellungen und Entscheidungen. Natürlich hatte er sich in den zahlreichen, endlosen Nächten, in denen er zwischen Badezimmer und Krankenbett pendelte, gefragt, ob er sich nicht selbst belüge. Aber er war sich stets sicher, dass es so in Ordnung sei. Die Krankheit hatte ihn gefunden, beherrscht ihn und es ist okay. Er muss damit klarkommen und er kann es, denn er hat die simple Theorie, dass ihm die Freiheit geblieben ist, verinnerlicht. Sie war sein rettender Strohhalm in diesen düsteren, stürmischen Zeiten. Seine Freundin dagegen zerbrach regelrecht an seinem Glauben und seiner Kraft. Er war mit sich im Reinen und, wenn es nun mal sein Schicksal war, durch diese Hölle zu gehen, dann tat er dies. So ist es nun mal, das Leben.

Aber er nahm sein Schicksal selbst in die Hand, wollte nicht ferngesteuert durch die restlichen Lebenstage gleiten. Reflexartig strich er erneut über die verbundenen Wunden seiner rechten, zerschnittenen Hand, um die Geschehnisse der vorletzten Nacht in seinem eigenen Film wiederzusehen.

Schlurfend war er den Flur der Krebsstation entlang geschlichen. Nicht nur, dass er permanent das Gefühl hatte, eingesperrt zu sein und sich den Regeln in diesem Krankenhaus unterwerfen musste, nein, er hatte das Bedürfnis dem ganzen Treiben hier ein Ende zu setzen. Ein einziges Mal wollte er mit Stolz und erhobenen Hauptes diese Station verlassen, bevor seine letzten Kraftreserven aufgebraucht und er nur noch ans Bett gefesselt wäre. Er war sterbenskrank, das wusste er und doch durfte er plötzlich nicht mehr so leben, wie er es sich wünschte. Der sehnliche Wunsch, nach Hause in sein Refugium zurückzukehren, drängte sich stetig in den Vordergrund. Die Freiheit, sie rief ihn.

Er stand im Badezimmer seiner geräumigen Krankenzelle und betrachtete sich im Spiegel. „Du siehst erbärmlich aus! Kahlköpfig und eklig! Eingefallenes Gesicht, leerer Blick und aschfahle Haut. Abgemagert bist du! Mensch, wo ist denn bloß deine Würde hin, dein Stolz und Mut? Du solltest dich schämen! Zieh die Reißleine, solange du noch kannst! Und wisch dir endlich den Sabber vom Mund!“ Fünfmal hatte er sich in dieser Nacht bereits übergeben müssen, bis sich sein Lebenswille und Stolz gemeinsam ein letztes Mal aufbäumten. Zusammen schienen sie stark genug zu sein und sprangen ihm regelrecht in seinem Spiegelbild entgegen. „Nein. Nein! Nicht mit mir! Ihr macht keinen Freak aus mir! Ich bin noch immer Herr meiner Selbst. Es ist mein Leben. Und ich bin dafür verantwortlich. Nicht irgendeine Maschine oder Medikamente. Oh nein! Ich bestimme mein Leben und auch mein Ende. Verdammt nochmal.“ Mit einem wütenden Schlag zerschlug er den Spiegel in tausend Stücke. Sein Abbild zersprang. Die Splitter flogen umher. Erschrocken starrte er auf die kahle Stelle an der Badezimmerwand, die ihm vor Bruchteilen von Sekunden sein verzerrtes und ausgemergeltes Gesicht entgegen gespuckt hatte. Stunden später verließ er die Klinik. Er fühlte sich ein letztes Mal unbesiegbar. Da war sie wieder, diese alte Stärke und Kraft, seine Lebenskraft. Er hatte nur den bescheidenen Wunsch nach seinem eigenen Bett. Er wollte durch das geöffnete Fenster das Zwitschern der Vögel hören, die sich an seinem Dachfirst ein Nest gebaut hatten. Das Verlangen, den leisen Atem seiner Freundin zu spüren, ihren Duft, ihren Körper zu berühren, wurde unbändig stärker. Heimlich wollte er ihr beim Schlafen zusehen. Genügsam war er geworden.

Doch der Krebs war stärker. Und er schon zu schwach.

Irgendwann kam auch diese Einsicht.

Aber er machte sich große Sorgen um seine Liebste. Sie war bei weitem nicht so stark und sicher wie er. Immer wieder hatte er seine Freundin in den Arm nehmen und trösten müssen, weil sie verzweifelt vor ihm zusammengebrochen war. Sie suchte nächtelang im Internet nach Alternativen, recherchierte in Büchern, stellte verzweifelte Fragen und betete doch für ihn. Sie kämpfte, wollte nicht aufgeben. Auch wenn sie das ihm so nie gesagt hatte, wusste er genau, dass sie ihm das vorhielt. Er habe sich aufgegeben, dabei war er nur realistisch und genoss einfach die letzten Stunden und Tage. Klar, die Leichtigkeit seiner Tage war ebenso vergänglich, wie die Fröhlichkeit und Lebensfreude. Aber auf was sollte er sich denn noch freuen? Jede weitere Infusion von diesem Teufelszeug saugte die Energie aus seinen Fasern. Jede Zelle seines Körpers litt Höllenschmerzen und der Wunsch nach einem Ende dieser Qualen setzte sich immer tiefer fest. Der Lebenswille verabschiedete sich allmählich, schien das Bleiben wohl für vergebliche Liebesmüh. Harald sah aber nur diese eine Möglichkeit. Im Krankenhaus dahinvegetieren? Undenkbar!

Die Gewissheit, dass Liebe ihr durch die schwere Zeit helfen wird, bestärkte ihn. Sie respektiert seinen Weg, irgendwann. Er glaubte an diesen Gedanken, ja er hielt ihn fest und setzte all seine Hoffnung darauf. Alternativen erkannte er nicht an, damit er von seinem eigenen Schmerz nicht durchdrehe. Nein, sie wird seine Entscheidung verstehen. Sie wird seinen Abschied akzeptieren und ein neues, ein besseres Leben beginnen können. Ohne ihn. Aber mit seiner Liebe im Herzen. Das war der Trost, der ihm die nötige Kraft gab.

Sein Entschluss stand fest und aus diesem Grund saß er auch hier an diesem abgelegenen, versteckten Strandabschnitt von Ouddorp. In diesem Augenblick zählte das alles nicht mehr. Schmerzen, Chemo, Medikamente, Tränen und Abschied, verlorene Tage und ungenutzte Möglichkeiten. Leben, Liebe, Glück und Hoffnung, Zuversicht und Glaube interessierten nicht mehr. Er saß hier, an diesem abgelegenen, weiten Strandabschnitt an der holländischen Nordseeküste, den er so liebte, und verabschiedete sich auf seine Art. Die Flasche Rotwein lugte aus dem warmen Sand, die müden Hände hat er um seine angezogenen Beine geschlungen. Die Wunden an der Hand schmerzten noch, aber es war egal. Seinen kahlen Kopf hat er auf die Arme abgestützt. Sein Blick durchstreifte die Landschaft, verfolgte stoisch die Wellen. Diese Beständigkeit, diese Konstante in seiner Reinheit. Trotz stetem Auf und Ab ist auf das Meer Verlass. Es fragt nicht nach Gründen, hält dir keine Moralvorträge, es nimmt dich auf, ohne Bedingungen, ohne Zögern, ohne Kompromisse. Auf seine letzten Stunden ist er bescheiden geworden. Es reicht ein Blick auf das geliebte Meer und die Zeit wird so unwichtig und nebensächlich. Die Einfachheit der Dinge vor ihm bereicherten sein Lebensglück. Ein vorsichtiges Lächeln verschaffte sich in seinem ausgemergelten Gesicht Platz. Traurig war er, aber glücklich.

Quietschend rannten die Kinder durch den Sand, spielten Fangen und bauten lustige Sandburgen aus Muscheln und Strandgut. Doch sie tobten weit weg. Nur der auflebende Nordwind blies die vergnügten Schreie zu ihm herüber.

Er schmiegte sich in den tiefen Dünensand, schloss die Augen und lauschte dem Rauschen des Meeres. Das laute Kreischen der Möwen ließ ihn dennoch erschauern.

Friede, das ist es, was er jetzt fühlte in diesen weichen Wellen der Dünen. Frieden mit sich und der Welt. „Ich bin da. Ich bin angekommen. Meine Reise ist zu Ende. Welch wohliges, befreiendes Gefühl!“ Er zog die steife Lederjacke ein wenig fester um seinen geschundenen Körper. Der Wind frischte auf. Obwohl es noch immer sommerlich warm war, fror er fürchterlich.

Anja und Rainer

„Wir drehen uns im Kreis, merkst du das denn nicht?“ Wütend sah Anja ihren Freund Rainer an. „Ja, was willst du? Was muss ich sagen, dass du endlich begreifst?“ gab dieser grimmig zurück.

„Sei doch ehrlich, was soll das mit uns noch werden? Ganz ehrlich, ich sehe kaum noch Chancen für eine gemeinsame Zukunft! Du nimmst mich nicht ernst. Ich versteh das nicht.“ Anja schaute aufs Meer hinaus. Diese Monotonie des Rauschens soll ja beruhigend wirken, bei ihr schlug das Geklatsche des Wasser zu ihren Füßen ins Gegenteil um.

„Hast du eine Vorstellung, wie ich mich fühle? Du knallst mir deine Vorwürfe an den Kopf, aber wie es mir geht, interessiert dich gar nicht.“ Rainer versuchte Boden wieder gut zu machen und nicht kampflos nachzugeben.

„Ich habe das Gefühl, dass wir nur noch aus reiner Bequemlichkeit zusammen sind. Wir entscheiden nicht mehr als Paar, wir leben nicht mehr als Paar. Wir existieren nebeneinander her. Du lebst dein Leben und deine Rücksicht auf meine Gefühle und Belange, hält sich ja auch mehr und mehr in Grenzen.“ Da waren sie wieder, ihre wiederkehrenden Vorwürfe. Rainer schwieg.

„Ja, jetzt sagst du wieder nichts. Ich habe Recht, oder?“ Anja reizte Rainer weiter und machte sich nicht die geringste Mühe, sich in seine Lage zu versetzen. Doch Rainer schwieg immer noch.

Anja unternahm einen weiteren Versuch: „Wann waren nur wir zwei das letzte Mal gemütlich essen? Kannst du dich daran erinnern? Wann hast du mir das letzte Mal eine Überraschung mitgebracht? Es müssen ja nicht immer Blumen sein, die kauf ich mir selbst. Versteh mich nicht falsch, du brauchst mir nicht jeden Tag etwas aus der Stadt mitzubringen. Das meine ich nicht. Ich wünsche mir gelegentlich Aufmerksamkeiten, die mir zeigen, dass du überhaupt noch an mich denkst. Das vermisse ich nämlich sehr.“

„Das stimmt, ich vergesse das ständig.“, gab Rainer kleinlaut zu.

„Und warum?“

„Ich weiß es nicht.“ Rainer war nie ein Mann vieler Worte, aber im Moment fehlten selbst die.

„Ich kann es dir sagen. Es ist alles zur Gewohnheit geworden und wir setzen alles, so wie es ist, als Selbstverständlichkeit voraus. Aber weißt du, das ist es nicht. Nichts ist sicher, nur weil wir es seit Jahren hinnehmen und akzeptiert haben.“

„Ich soll dir also Geschenke mitbringen und dann ist alles wieder gut? Ist es das, was du willst?“

„Nein!“ Anja versuchte krampfhaft nicht hysterisch zu klingen und stieß laut schnaubend Luft aus. „Ich wünsche mir, dass du mich wieder siehst. Es braucht dazu nicht unbedingt Geschenke, dies können auch Berührungen oder Umarmungen sein. Ja, nimm mich doch einfach mal wieder in den Arm. Küss mich! Wann hast du mich das letzte Mal geküsst, ohne dass ich darum bitten musste?“ Anja war noch nicht fertig.

„Um mich zu sehen, solltest du nur die Augen öffnen und erkennen, dass ich noch da bin. Ich lebe mit dir, bei dir und ich stehe zu dir. Und in meiner kleinen Bescheidenheit, erwarte ich das auch von dir. Wenn du mit deinen Kollegen weggehst, ist das in Ordnung. Wenn das aber zur Gewohnheit wird und ich das Gefühl habe, dass du vor mir wegläufst oder dich betrinken musst, damit du meine Nähe erträgst, dann kann ich dich auch erlösen davon. Du brauchst deine Gesundheit nicht wegen mir aufs Spiel zu setzen. Sei doch mal offen und ehrlich zu mir und sag mir, was du willst. Wenn ich verschwinden soll, dann gehe ich. Es würde mir zwar das Herz brechen, aber ich will nicht, dass du wegen mir leidest.“

Anja schluckte. Sie staunte über die eben gesprochenen Worte und begriff erst jetzt, was das für sie bedeutete. Ist diese Ehrlichkeit ein Fehler gewesen? Was wird Rainer sagen?

„Anja, ich liebe dich. Ich will mit dir leben. Auch wenn es sich nach abgedroschenen Phrasen anhört, ich will mit dir zusammen sein. Du bist die Liebe meines Lebens und ich kann nicht ohne dich. Überleg doch, was wir alles zusammen durchgestanden haben. Da geht man nicht einfach wegen Kleinigkeiten auseinander.“ Rainer stockte. Jetzt schwieg Anja eisern.

„Sicher, der Alltag zerstört die euphorische Liebe aus Anfangstagen, aber die Zuneigung und der tiefe Respekt bleiben. Die Liebe, die alles übersteht, die bleibt, auch wenn sie sich öfters mal versteckt oder in Alltagsdingen untergeht.“

„Ich versteh dich nicht.“ Erste Tränen rannen Anja die Wangen herunter: „Du sagst mir diese Worte, und doch erlebe ich dich ganz anders.“

„Wenn ich mit meinen Kumpels einen trinken gehe, dann nicht, weil ich deine Nähe nicht ertragen kann. Um Gottes Willen! Ich möchte jede Sekunde mit dir zusammen sein. Ich brauche aber auch diese winzigen Freiheiten. Ich kann dir das schlecht erklären, aber mit den Kumpels kann ich anders reden, wie mit dir oder auf der Arbeit.“

„Männergespräche?“ Rainer hatte es wieder geschafft: Anja lächelte, wenn auch zaghaft.

„Ja, Männergespräche.“

Anja und Rainer spazierten diesen abgelegenen und ruhigen Strandabschnitt entlang und versuchten, diese Ruhe und Gelassenheit der Natur in ihre gemeinsame Beziehung aufzusaugen. Die Frage allerdings, wie und ob es überhaupt mit ihnen weitergeht, konnte keiner beantworten. Sollten sie diesen vernichtenden Sturm zusammen durchstehen oder den vermeintlich einfacheren Weg gehen, der nichts weiter als eine Trennung bedeutete?

„Hast du das eben ernst gemeint?“ Vorsichtig versuchte er Antworten zu erhalten. Antworten auf all die quälenden Fragen, die auf einmal so existenziell in seinem Hirn brannten. Was wird werden? Wie wird es weitergehen? Haben sie überhaupt noch einen gemeinsame Zukunft? Und warum stritten sie sich schon wieder?

„Ich... ich weiß es nicht…“

Anja begann, ihre gemeinsame Zeit mit Rainer zu hinterfragen. Das alte Spiel, welches sie schon seit Monaten wieder und wieder durchläuft, hat erneut den Startknopf gedrückt. Sie dachte an die Anfangszeit, ihre Trennung von Tobias, der absolut nichts verstanden hatte. Sie hatte all die Bilder aus glücklichen Zeiten im Kopf. Doch bohrende Zweifel hatten sich über ihr Leben gelegt, bereit erbarmungslos zuzuschlagen. Passten sie wirklich so gut zusammen, wie alle es immer behaupteten? Er gab ihr den Halt, den sie seit ihrer Kindheit immer gesucht hatte. Er war für sie da, ohne Kompromisse. Er war ihr großer Bruder, ihr Freund, den sie schätzte und liebte. Der Mann, der sie beschützte, der sich für sie aufgegeben hätte. Bedingungslos. Er war ihre bessere Hälfte, ihr zweites Ich, ihr Seelenverwandter, wenn es denn so etwas überhaupt geben sollte. Sie brauchte ihn, wie die Luft zum atmen. Ob es ihm aber genauso ging, wusste sie nicht. Sie spürte nichts, er gab ihr keinerlei Hinweise, wie er fühlte und dachte. Es war etwas passiert, das sie zwei auseinander trieb. Sie liefen in unterschiedliche Richtungen, nur er bemerkte es nicht.

Wie es mit ihnen weiter gehen sollte, stand in den Sternen, ihre Anfänge und die peinliche Szene an der Tankstelle, hatte sie in lebhafter Erinnerung.

Es war ein heißer Sommer, damals vor 16 Jahren. Ihr damaliger Freund Tobias war mal wieder voll schräg drauf. Er hatte seine Kumpel zu einer Party eingeladen und so wie es damals immer lief, kam irgendeiner dieser Freunde auf die glorreiche Idee, Trinkspiele zu spielen und Wetten abzuschließen. Nach einigen verlorenen Runden und etlichen Litern Bier wollten sie die „Reise nach Jerusalem“ mit dem Auto nachspielen. Anja sollte fahren und an jeder roten Ampel, mussten alle aussteigen und solange um den Wagen laufen, bis die Ampel wieder Grün zeigte. Dann sprangen alle wieder in das Auto und wer jedes Mal als letzter im Wagen saß, hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Wagen einmal vollzutanken.

Anja musste, weil sie das Spiel verloren hatte, den Einsatz einlösen und das Auto ihres Freundes betanken. Sie war echt sauer auf ihn gewesen, wusste er doch, dass sie als Azubi nur ein paar Euros verdiente und es sich eben nicht leisten konnte, locker mal siebzig Euro an der Tankstelle springen zu lassen. Aber sie spielte sein Spiel mit. Ihr Freund war Student aus reichem Elternhaus und kannte es nicht anders. Geld gab es im Überfluss, so wie mangelnden Respekt. Er war nicht in der Lage, eine andere Meinung anzunehmen. Er hatte Recht und fertig! Während sie in ihrer Ausbildung festhing, verbrachte er die meiste Zeit mit seiner Clique statt zur Uni zu gehen. Eigentlich wusste Anja genau, dass sie aus unterschiedlichen Welten kamen und dass sie nicht wirklich zusammenpassten, aber sie fühlte sich freier in seiner Gegenwart. Auch wenn sie doch immer nur das Anhängsel von Tobias war. Sie war die Freundin von Tobias und wurde nie nach ihren Ideen und ihrer Meinung gefragt. Was sie aber noch viel mehr belastete, waren seine Saufeskapaden. Regelmäßig dröhnte er sich zu und kannte sich dann selbst nicht mehr. Dennoch liebte sie ihn. Ihre Mutter war von Tobias zwar auch nicht angetan, hielt sich aber zurück,steckte sie doch selbst in einer verfahrenen Beziehung fest. Susi, ihre beste Freundin, riet ihr immer wieder, sich endlich von Tobias zu trennen, aber Anja schaffte es nicht. Bis zu diesem Freitagabend im Sommer 1997.

Sie fuhr den Audi zur Tanke und versuchte krampfhaft den Tankdeckel zu öffnen. So blöd kann man doch nicht sein, ärgerte sie sich über ihre eigene Tollpatschigkeit. Es half nichts, sie musste sich Hilfe suchen. Zum Glück tauchte im gleichen Augenblick Rainer mit dem Wagen seiner Mutter auf. Auch er hatte eine Schuld einzulösen, lieh er sich doch oft das Auto für seine Touren aus und stellte es ihr mit leerem Tank wieder vor die Haustüre. Es war also endlich angebracht, den Wagen zu betanken und somit seiner Mutter eine kleine Freude zu bereiten. Wie oft hatte er diesen Plan aufgrund der Ebbe in seinem Geldbeutel verschoben, jetzt war es an der Zeit, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen.

Nachdem sein Vater vor einigen Jahren beide im Stich gelassen hatte, um sich mit einer jüngeren Frau nach Spanien abzusetzen, fühlte er die Verantwortung für seine Mutter tagtäglich. Enttäuscht, wütend und sauer auf seinen Vater beantwortete er keinen einzigen Brief, keine Karte oder SMS von ihm, obwohl seine Mutter ihn immer wieder darum bat. Aber Rainer weigerte sich. Sein Vater hatte ihn verlassen, das war purer Verrat, da halfen auch alle Liebesbemühungen nichts. Er kümmerte sich um den Haushalt, wenn seine Mutter noch ihrem Job nachging. Er versuchte, sie zu unterstützen, wo er nur konnte. Doch der Abistress setzte ihm zusätzlich zu und so suchte er sich einen Ausgleich im Kampfsport. Er investierte all seine freie Zeit in diesen Sport, wurde ein guter Schüler, entwickelte sich weiter zum Ausbilder und legte nach harter Arbeit und vielen schweißtreibenden Stunden seinen Meistergrad ab. Damit hatte er nicht nur die Möglichkeit, seinen Meister angemessen zu vertreten, er konnte auch selbst eine Kampfsportschule eröffnen und Kurse abhalten. Aber das war Zukunftsmusik. Jetzt stand er erst einmal an der Tankstelle, schob den Tankstutzen in die Öffnung und ließ das Benzin sprudeln, als Anja plötzlich vor ihm auftauchte.

„Entschuldigung, könntest du mir vielleicht helfen, ich krieg den Tankdeckel nicht auf.“ Anja schaute in tiefschwarze Augen und versank regelrecht darin. Gab es so was wirklich?Sein Gesicht war weich und hatte freundliche Züge, seine sinnlichen Lippen sprachen mit ihr, aber sie hörte kein Wort.

Lachend ging Rainer zu dem Audi, entriegelte das Tankschloss und betankte den Wagen. Anja war immer noch von Sinnen, sprachlos.

„Zum Bezahlen musst du dort an die Kasse gehen.“ Anja nickte hektisch. Es brauchte Sekunden, bis sie ihren Sprachsinn wieder entdeckte: „Ich danke dir. Das war echt lieb von dir.“, stotterte sie leise.

„Kein Problem.“ Rainer ging bereits zu seinem Wagen zurück, winkte noch einmal und lächelte Anja zu.

„Ich muss ihn wiedersehen!“, hämmerte es in ihrem Schädel. Doch Rainer war mit seinem Auto verschwunden.

Wochen später schleppte Susi ihre Freundin Anja in einen Selbstverteidigungskurs, der von der Uni angeboten wurde. Anja allerdings verspürte nicht die geringste Notwendigkeit, solch einen Kurs zu besuchen. Aber Susi bestand darauf. Sie interessierte sich für einen Typen und sie brauchte Anja einfach als moralische Unterstützung.

Sie betrat den Übungsraum und beklemmendes Gefühl ergriff sie. Es kam ihr etwas bekannt vor, aber sie erkannte nicht was. Die erste Trainingsstunde hielt ein gutaussehender, durchtrainierter Meister mit hessischem Akzent und mindestens vierzig Jahren auf dem Buckel. Es hat ihr zwar Spaß gemacht, aber sie sah nicht ein, weiter in diesen Kurs zu gehen. Warum denn auch? Doch für Susi und ihrer Schwärmerei für diesen blonden Typen ging sie noch einmal mit.

Da der ältere Meister, der die erste Stunde abgehalten hatte, erkrankt war, hielt ein anderer Lehrer die Trainingsstunde. Anja zog sich um und ging bereits müde in den Übungsraum. Sie gesellte sich zu einigen anderen Schülern dazu und, nachdem nun auch Susi endlich fertig war, warteten sie gemeinsam auf den Meister.

Dieser betrat nach wenigen Minuten des Wartens das Dojo und Anja glaubte ihren Sinnen nicht trauen zu können. Das gab es doch nicht. Vor ihr nahm Rainer Platz und begann die Übungsstunde mit einer Begrüßung und Meditation. Sie sah ihn an und das Kribbeln in ihrem Bauch ließ sich nicht mehr abstellen. Das war verrückt und unglaublich zugleich. Er sah Anja in die Augen und erkannte sie sofort wieder. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und ihre Glücksgefühle schlugen Purzelbaum.

Er sah damals nicht nur umwerfend gut aus, er hatte als Trainingsleiter die Gruppe voll im Griff. Er war streng und fordernd, zeigte aber auch die nötige Einsicht, wenn etwas nicht so klappen wollte, wie erwartet. Manche Techniken stellten sich als zu schwierig für blutjunge Anfänger heraus. Aber er hatte die nötige Ruhe und Geduld, auch mit ihr. Und das imponierte ihr. Susi und ihr Schwarm rückten komplett in den Hintergrund. Anja hatte nur noch Augen für Rainer, trotz verklärtem Blick und Schmetterlingen im Bauch. Aber sie war schüchtern. Immer wieder ermutigte er sie, sich zu öffnen, selbstbewusst nach vorn zu schauen, den Kopf nicht zu senken, sondern aufrecht und stolz, auf die Leute zuzugehen. „Das Leben wird es dir danken.“ versprach er ihr. Doch sie schämte sich so für ihre Gefühle. War er doch um so einiges älter und so unglaublich sexy. Was sollte er denn nur von ihr denken? Sie wusste es ja selbst nicht einmal. Sie hätte ja schlecht zu ihm gehen können und sagen, dass sie sich ein wenig in ihn verguckt hat, schon damals an der Tankstelle. Wie sieht das denn aus? Schülerin verliebt sich in ihren Lehrer, wie klischeehaft und hormongeladen.

Von diesem Moment an ging Anja in jede Trainingsstunde, ließ nicht eine aus, nur um Rainer zu sehen und ihm nah zu sein. Doch dieser Kurs endete schneller als Anja lieb war. Die Stunden waren vorbei und sie suchte verzweifelt nach einem Weg, weiter in seiner Nähe sein zu können. Ihn um ein Date zu bitten, traute sie sich einfach nicht, war er doch ihr Lehrer gewesen und der Respekt zu überwältigend.

Nach der letzten Kursstunde verabredeten sich einige Schüler zu einem kleinen Drink in der nächsten Kneipe. Anja und Susi gingen natürlich mit und hatten eine Menge Spaß, sie waren ein Team geworden, verstanden sich und es war befreiend, nicht nur auf die Anhängselfunktion reduziert zu werden. Zwei Stunden später war Rainer noch dazu gekommen und sie lachten viel und erzählten sich Geschichten aus vergangenen Tagen. In dieser ausgelassenen Stimmung nahm Rainer sie zur Seite und fragte sie, ob sie mit ihm etwas Essen gehen möchte. Natürlich sagte sie ja zu ihm, griff nach ihrer Jacke und ging mit ihm mit. Das war irre! Sie fühlte sich wie im siebten Himmel und glaubte zu schweben. Die Glücksgefühle explodierten und fuhren Achterbahn mit ihr. Ein Traum schien wahr zu werden. Ihr Traum würde sich nun erfüllen. Sie holten sich an der nächsten Ecke einen Döner und genossen die laue Sommernachtsluft. Rainer war in dieser Zeit so anders, als in den Unterrichtsstunden. Warmherzig und liebevoll beantwortete er all ihre Fragen, aufmerksam hörte er ihr zu und natürlich besaß er den nötigen Anstand, sie mit seinem Auto nach Hause zu bringen. Und jetzt sah sie auch den Aufkleber auf seinem Wagen und wusste, warum ihr das Zeichen der Kampfsportschule so bekannt vor kam. Damals, an der Tanke klebte solch ein Aufkleber auf dem Wagen, mit dem er davonfuhr. Mit einem kleinen Abschiedskuss auf die Wange verabschiedete er sich und Anja fühlte sich wach geküsst. Die Schmetterlinge tanzten und drehten Pirouetten. Sternschnuppen durchzogen den Nachthimmel und nahmen ihre Wünsche mit.

Anja und Rainer wurden ein Paar. Er, durchtrainiert, muskulös, mit einem makellosen Körper, pechschwarzem, leicht gewelltem Haar, welches sanft über seine Schläfen fiel. Seine Augen strahlten so tiefschwarz, dass man sich darin verlieren konnte. Die kleinen Grübchen zeigten sich, wenn er lachte, und er hatte immer ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Nie kam ihm ein böses Wort in den Sinn. Er war der Traumtyp aller Mädchen schlechthin und ein wahrer Märchenprinz. Durch und durch. Und sie? Sie hatte so ihre Problemzönchen, verbunden mit einigen Komplexen. Es fiel ihr schwer, sich auf neue Situationen einzulassen, offen den Menschen zu begegnen, was sie natürlich an ihrem Äußeren festmachte. Sie fühlte sich übergewichtig, tollpatschig und wurde schnell nervös. Ihre blonden Locken passten zwar zu ihren eisblauen Augen, aber sie band ihre Haare lieber immer zusammen, offen trug sie sie nie. Es war eigentlich wie im Märchen und Anja wollte und konnte es nicht glauben, aber es stimmte: Sie waren ein Paar. Er stand zu ihr und sie fühlte das Glück in seiner Vollkommenheit. Auch wenn sie nun all die neidischen Blicke ihrer Freundinnen ertragen musste.

Sie war ihm verfallen, absolut und seit ihrem ersten Sex sowieso. Es war verrückt und sie fragte sich immer und immer wieder: Kann das wirklich wahr sein? Ist das die große Liebe, von der immer gesungen und erzählt wird? Ist das die Liebe, über die sich tausende Dichter ein Herz ausreißen? Ein Schmerz, der doch nur Liebe ist? Ist es das, das Gefühl, das einen alles vergessen und auch verzeihen lässt? Es war ihr egal, denn sie fühlte sich großartig. So hätte es bis ans Ende ihrer Tage weiter gehen können, so harmonisch, schwerelos und leicht. Kann denn dieses Gefühl für immer anhalten? Eine Frage, die sie sich stellte und selbst beantwortete, denn sie glaubte an ihre tiefe und ewige Liebe. Sie waren füreinander geschaffen. Sollte kommen, was wolle.

Anja konnte es nicht schnell genug gehen, sie zog zu Rainer in seine kleine gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie wollte ihren Rainer für sich allein haben, ihn nicht mit Schülerinnen aus seinen Kursen teilen müssen. Diese bescheidene Wohnung war ihre Insel der Glückseligkeit, fern ab von den Stürmen, die draußen herrschten. Gemütlich war es, liebevoll eingerichtet und es strahlte eine Wärme aus, ihr kleines Liebesnest. Sie liebte diese Stunden dort, die Abende bei Kerzenschein, gutem Wein und langen, intensiven Gesprächen nach dem Sinn des Lebens, dem Weltgeschehen und all dem, was einen noch so bewegte. Rainer kochte leidenschaftlich gern und sie aß unheimlich gern. Anja brach ihr Studium ab und fand einen Job in einer Werbeagentur. Rainer gab weiter seine Selbstverteidigungskurse, hielt Vorträge an Schulen, wurde bewundert und verehrt von seinen Schülerinnen. Aber das störte sie nicht, denn sie wusste, dass er ihr treu war, dass er nur Augen für sie hatte. Sie war sich seiner sicher. Vielleicht zu sicher? Heute fragte sie sich, ob das nicht doch eine zu überhebliche und arrogante Einstellung gewesen war. War sie zu blauäugig, hatte sie die Gefahren für ihre Liebe nicht gesehen, konnte sie sie einfach nicht sehen? War es zu perfekt, um wahr zu sein?

Sie verbrachten viele unvergessliche Urlaube zusammen. Er fuhr wahnsinnig gern zum Surfen an die Nordsee. Sie liebte es dagegen, einfach nur in der Sonne zu liegen, ein Buch zu lesen, die Zeit und die Welt um sich herum zu vergessen. Der schönste und zugleich intensivste Moment erlebten sie allerdings gemeinsam in Japan bei einer traditionellen Teezeremonie, die von seinem Kampfsportmeister abgehalten worden war. Diese Sanftheit hielt einen Zauber inne, der sie gefesselt hatte. Rainer kannte das ja schon, schließlich war er öfters in Japan unterwegs, sei es beruflich oder privat. Er flog auch schon mal die tausende Kilometer, nur um seinem Meister zum Geburtstag zu gratulieren und ihm seine Ehre zu erweisen. Diese Wertschätzung bedeutete Rainer sehr viel. Er legte auch großen Wert auf die Einhaltung der Etikette. Für Anja war das absolut okay. Damit konnte sie leben. Rainer hatte seine Prioritäten gesetzt und es hatte sie nicht gestört. Denn sie wusste genau, wo seine Grenzen lagen. Zumindest dachte sie das.

Das ist nun auch schon ein paar Jahre her und mit Wehmut erinnerte sie sich im Moment daran. Es schien ihr, als wäre das eine Zeit gewesen, so unendlich weit weg und völlig unrealistisch. Es lagen tatsächlich Welten zwischen dem Jetzt und dem Damals. Zeiten, die alles verändert haben und unzählige Fragen nach dem Warum aufwarfen. Welche Fehler hatte sie gemacht? Was hatte ihn an ihrem Verhalten so gestört? Alles Fragen, die sie sich immer wieder stellte, die ihren gemeinsamen Alltag enorm erschwerten und auf die sie doch keine Antworten erhielt. Denn die Schuld suchte sie selbstverständlich nur bei sich selbst.

Sie schaute ihn von der Seite an, sah seinen traurigen Blick und fragte sich unweigerlich, ob er ihr damals schon untreu gewesen war. War sie selbst so dumm und naiv zu glauben, dass alles so bleiben würde, wie in ihren Anfangstagen? Hatte sie das Entgleiten, die winzigen Verletzungen der Seele nicht sehen wollen? Oder stimmte es doch, dass er ihr Mann war und sich die Beziehung eben in den Jahren veränderte? Was war in der Zwischenzeit passiert? Was hat ihn zu dem werden lassen, der er heute ist? Wie sehr hatte sie sich gewandelt, dass er so auf sie reagierte?

„Aber ist es nicht auch so, dass wir durch die Erfahrungen, die wir machen müssen, uns verändern. Wir passen uns an, wir lernen zu leben, zu überleben. Nur die Stärksten kommen durch.“, sagte ihr Biologielehrer schon immer, wenn es um die Evolution ging. Der Mensch passt sich an, nimmt die Veränderungen in seiner Umwelt wahr und verhält sich dementsprechend. Anpassung ist das A und O. Hatte sie ihn also zum Seitensprung getrieben? War es ihr Verhalten, ihre Worte und ihr Handeln, was die Umstände so verändert hat?

„Gibt es eine Zukunft für uns?“ Sie war stehen geblieben und fragte ihn ganz unvermittelt. Der Wind durchwühlte sein schwarzes Haar, aber seine Augen blieben starr auf sie gerichtet. Kein Wort drang über seine Lippen.

„Was ist denn die Jahre passiert, dass wir uns so auseinander gelebt haben, dass wir uns so gar nicht mehr in die Augen sehen können? Was habe ich falsch gemacht und warum funktioniert es denn jetzt nicht mehr?“ Nahezu flehend erwartete sie eine Antwort von ihm.

„Ich weiß es doch nicht…ich weiß es einfach nicht.“

Ihre Direktheit haute ihn um und er merkte auf einen Schlag, wie hilflos er dieser ganzen Situation gegenüber stand. So offen hatte sie noch nie nach den Ursachen ihrer Krise gefragt. Aber war das nicht auch der Grund, warum sie hier an diesem Strand Urlaub machten? Es stimmt, sie konnten sich nicht mehr in die Augen sehen. Sie lebten nur noch nebeneinander her. Sie lebten nicht mehr. Sie liebten nicht mehr. Jeder erledigte ganz selbstverständlich sein Tagwerk und am Abend gingen sie ins Bett, jeder für sich, nie zusammen. Hatte er genug von ihr? Ertrug er sie noch, oder ist es doch nur Routine und Bequemlichkeit, dass sie zusammen waren? Oder war das Band zwischen ihnen doch viel stärker, als sie beide im Moment sehen konnten? Bestand noch Hoffnung, wenigstens ein winziger Funken? War der gemeinsame Wunsch nach Glück nicht doch stärker, als all die unterschiedlichen Interessen? Und wann hatte es begonnen, dass sich der gemeinsame Alltag zu einer abstrusen Qual entwickelte? Wo war der Anfang dieser Misere? Und wer hatte Schuld?

Er war ihr fremdgegangen. Einmal. Sie hatte es herausgefunden. Verdammt. Es war mit einer Schülerin aus einem seiner Selbstverteidigungskurse passiert und er erinnerte sich heute noch nicht mal mehr an ihren Namen. Sagte er. Diese Schülerin kam auch nie wieder in seinen Kurs und er war froh darüber. Es war alles nicht geplant gewesen. Sie hatten nach Abschluss der Trainingseinheit die Halle gesäubert und die letzten Utensilien weggeräumt. Und wie durch einen Schleier sah er nur noch, was danach geschah. Sie hatte ihn sanft und natürlich ganz zufällig berührt, aber es hatte angenehm auf seiner Haut geprickelt. Ein Schauer lief über seinen Rücken. Er hatte auf einmal wieder Leben in seinem Körper gespürt, die Lust und Faszination eroberten seine Sinne zurück. Sie hatte es nicht nur gewollt, sie hatte ihn herausgefordert, nahm sich, was sie wollte. Er fühlte sich geschmeichelt und verführt und schämte sich dafür. Doch in der verstecktesten Ecke seines Herzens wusste er, dass der Sex richtig gut für ihn war. Diese ganze Situation war mehr als makaber, denn so musste er sich endlich mit dem Sinn seiner Beziehung zu Anja auseinandersetzen. Noch während er damals geduscht hatte und sich seine Gedanken drehten, war die Schülerin verschwunden und er hatte sie nie wieder gesehen.

Anja hatte es sofort gespürt. Auf den Kopf hatte sie ihm diesen angeblichen Ausrutscher zugesagt. Was danach folgte, kann man nur mit Ignoranz und Schmerz beschreiben. Er hatte viel zu erklären und musste erst langsam das Vertrauen zu ihr wieder aufbauen. Es dauerte, aber er wusste auch, dass sie es wert war. Er liebte sie doch und schalt sich selbst für diesen unnötigen Fehler. Es brachte ihm allerdings die Erkenntnis und die Sicherheit, dass er Anja brauchte und sie die Liebe seines Lebens war. Und vielleicht war dieser Ausrutscher ja gar nicht so sinnlos. Je mehr er in der darauffolgenden Zeit darüber nachgedacht hatte, desto mehr spürte er, dass es zwar ein Fehler war, aber einer, der sie zwei wieder zusammengebracht hatte. Beide wussten, was sie an einander hatten. Sie wollte ihn nicht verlieren und er sie nicht ein weiteres Mal verletzen. Sie rauften sich zusammen, fuhren ans Meer, um zwei unbeschwerte Wochen zu zweit zu verbringen. Er ließ dafür sogar sein Surfbrett zu Hause. Es hätte alles so perfekt sein können, aber der verdammte Alltag macht ja immer alles kaputt. Es ist schwer, sich diese Verliebtheit durch die verregneten, gestressten, die unheimlichen langen und nervtötenden, die einfach anstrengenden Tage zu bewahren. Jedes Lichtlein Hoffnung wird erlöschen, denn die Wucht des Alltags haut alles um. Beide wussten das, damals wie heute.

„Ich glaube, wir haben uns im Alltag verloren. Wir sehen uns nicht mehr. Wir nehmen nur noch alles andere um uns herum wahr und haben uns dabei aus den Augen verloren. Du gehst deinen Weg, die Arbeit, die Verantwortung und die Hobbys. Ich mit meiner Schule und irgendwann in den Tagen treffen wir uns, aber wir reden nicht mehr, wir leben nicht miteinander. Wir sind zufällig zur selben Zeit am selben Ort, in unserer Wohnung. Wir essen, wir lesen, wir schauen fern, aber wir tun es nicht gemeinsam, sondern jeder für sich. Wir leben nebeneinander her. Und so vergehen die Stunden, die Tage, die Wochen und irgendwann stehen wir an einem Punkt, an dem wir nie stehen wollten und doch nicht die Kraft hatten, dagegen anzukämpfen. War´s das jetzt? Hat die Routine in ihrer allwissenden Macht wieder einmal Recht behalten? Oder sind wir einfach nur unfähig eine Beziehung zu führen? Haben wir es verlernt, eine gemeinsame Partnerschaft zu unterhalten, uns zu finden und uns am Ende wieder in die Augen zu schauen? Zu sehen, was der andere fühlt, zu spüren, was ihn bedrückt, instinktiv zu wissen, was er erlebt und was ihm größte Freude bereitet hat? Oder waren wir nie zu einer Beziehung fähig, war der simple Versuch schon zum Scheitern verurteilt?“

„Geht es um Schuld?“

„Oh nein Anja, es geht nicht um Schuld. Und wenn es wirklich darum gehen sollte, wer schuld an der Krise in unserer Beziehung hat, dann haben wir beide es, oder nicht? Gehören nicht immer zwei zum Scheitern dazu, genauso, wie auch nur zwei am Festhalten arbeiten können, ohne dass sie sich selbst aufgeben für den anderen? Ich frage mich nur, was uns aus der gemeinsamen Bahn geworfen hat.“

„Ich kann es mir denken, und du weißt es im Inneren deines Herzens genauso gut wie ich.“ Sie blieb stehen, blickte sehnsüchtig gen Horizont, schloss die Augen und schickte ein leises Gebet Richtung Himmel.

„Rafael“, flüstere sie kaum hörbar.

„Rafael fehlt mir einfach jede Sekunde meines Lebens.“ Beide schauten sich an und fielen sich in die Arme. Gemeinsam durchlittene Schmerzen verbinden eben doch. Es stimmt. Er fehlt. Er ist nicht mehr da. Er ist jetzt ein Stern, ein Leuchten im Nachthimmel, ein Engelchen, ein Gedanke an Glück.

„Aber er wird immer in unseren Herzen sein…ein Teil meiner Seele gehört ihm.“ Rainer nickte zustimmend, schließlich wusste er, dass sie immer eine Haarsträhne ihres Kindes bei sich trug. Immer. Dieser kleine Name schnürte beiden augenblicklich die Kehle zu. Beide sahen sich benommen an. Beide hatten die schrecklichsten Stunden ihres Lebens direkt vor dem inneren Auge. Beide sahen dem Schmerz und dem Leid unvermittelt in seine hässliche Fratze. Und beide wussten es. Das war der Knackpunkt. Das war das Dilemma, was sie zum Scheitern zwingen wollte.

Nicht der Seitensprung, nicht das verletzte Vertrauen, nicht die zerstörerische Kraft des Alltages, zwangen sie in die Knie. Nein. Es war nur dieser eine kleine Name. Ein Name, der beiden augenblicklich wieder die Tränen in die Augen trieb. Ein Name, der eine so tief schmerzende Erinnerung zurück in die Gegenwart rief, dass ihnen die Luft weg blieb.