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In 'Vom Schicksal' präsentiert Marcus Tullius Cicero eine tiefgründige philosophische Untersuchung über das Schicksal und die menschliche Bestimmung. Durch eine Mischung aus rhetorischen Fähigkeiten und philosophischem Denken bringt Cicero den Lesern die Komplexität dieses Themas näher. Sein literarischer Stil ist von einer klaren und präzisen Sprache geprägt, die es dem Leser ermöglicht, sich tief in die Thematik zu vertiefen. Das Buch ist eine bedeutende Schrift in der antiken Philosophie und zeigt Ciceros Talent als Denker und Schriftsteller. Marcus Tullius Cicero, ein angesehener römischer Politiker, Anwalt und Philosoph, war bekannt für seine eloquente Rede und sein scharfes Denken. Seine politische Erfahrung und intellektuelle Neugier haben ihn dazu inspiriert, sich mit Fragen des Schicksals und der Determination auseinanderzusetzen. 'Vom Schicksal' ist das Ergebnis seines tiefen Interesses an metaphysischen und ethischen Fragen und bietet einen wertvollen Einblick in seine intellektuelle Welt. Dieses Buch ist ein Muss für Leser, die sich für antike Philosophie und die grundlegenden Fragen menschlicher Existenz interessieren. Ciceros kluge Argumentation und sein scharfer Verstand machen 'Vom Schicksal' zu einer inspirierenden Lektüre, die den Leser dazu anregt, über die eigenen Überzeugungen und das Schicksal nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 993
Veröffentlichungsjahr: 2017
Diese Werksammlung mit dem Titel "Vom Schicksal" vereint zwei zentrale Texte von Marcus Tullius Cicero: den philosophischen Dialog "Vom Schicksal" und die "Reden gegen Verres". Sie führt in zwei Hauptbereiche seines Schaffens – Philosophie und Forensik – ein und zeigt, wie eng Denken und Handeln bei Cicero verbunden sind. Der Umfang ist bewusst kompakt gehalten: Statt eines Gesamtwerks bietet die Zusammenstellung eine fokussierte Gegenüberstellung, die exemplarisch für die Breite seiner Prosa steht. Leserinnen und Leser erhalten dadurch einen Zugang, der sowohl die begriffliche Strenge des Argumentierens als auch die praktische Schlagkraft der römischen Redekunst sichtbar macht.
"Vom Schicksal" untersucht Grundfragen von Notwendigkeit, Zufall und menschlicher Verantwortlichkeit. Als philosophischer Text reflektiert er, in welcher Weise rationale Argumentation Orientierung in strittigen Fragen des Lebens bieten kann. Die "Reden gegen Verres" entstammen dagegen dem juristischen und politischen Alltag der römischen Republik. Sie dokumentieren eine Anklage gegen einen ehemaligen Statthalter und entfalten vor Gericht die Mittel der Überzeugung. Zusammen gelesen zeigen beide Werke, wie Cicero abstrakte Problemstellungen und konkrete Konflikte miteinander verschränkt: philosophische Klärung dort, wo Begriffe unscharf sind, und rhetorische Zuspitzung dort, wo Entscheidungen gefordert sind.
Die Zusammenstellung vereint unterschiedliche Textsorten: einen philosophischen Dialog beziehungsweise Traktat und forensische Reden. Damit spannt sie den Bogen von der Theorie zur Praxis, von gedanklicher Erörterung zu performativer Rede. Während der philosophische Text auf systematische Argumente und geduldiges Prüfen setzt, demonstrieren die Gerichtsreden den Einsatz klassischer Redekunst mit Einleitung, Darstellung des Falls, Beweisführung und Schluss. Beide Gattungen gehören zum Kernbestand der lateinischen Prosa und prägen das Selbstverständnis einer Bildung, die Denken, Sprechen und Handeln als zusammengehörig begreift. Für die Leserschaft entsteht so ein facettenreicher Zugang zu Sprache und Urteilskraft.
Als verbindendes Thema tritt Verantwortung hervor. "Vom Schicksal" fragt, ob menschliche Freiheit mit einer geordneten Welt vereinbar ist, und wie Verantwortung begründet werden kann. Die "Reden gegen Verres" zeigen, wie Verantwortung rechtlich eingefordert und öffentlich verhandelt wird. Hinzu treten Verschränkungen von Gesetz, Sitte und moralischem Urteil, von Zufall und Planung, von individuellem Charakter und institutionellen Rahmen. Auf diese Weise bilden beide Texte ein Panorama, in dem persönliche Entscheidung, politisches Gemeinwesen und begriffliche Klarheit einander bedingen. Der Leser sieht, wie normative Maßstäbe nicht nur behauptet, sondern vorgetragen, begründet und zur Geltung gebracht werden.
Ciceros Stil verbindet argumentative Präzision mit rhythmischer Prosa. Charakteristisch sind sorgfältig gefügte Perioden, Antithesen, Beispiele und anschauliche Bilder, die den Gedankengang stützen. In der Philosophie dient die Sprache der Unterscheidung, im Gerichtssaal der Wirkung. Ethos, Logos und Pathos werden ausbalanciert: Glaubwürdigkeit entsteht aus Haltung, Überzeugungskraft aus Gründen, Bewegtheit aus der Situation. Die Leserinnen und Leser erleben in beiden Werken eine Schule des Urteilens, in der Klarheit nicht trocken, und Leidenschaft nicht gedankenlos ist. So tritt eine Prosa hervor, die gleichermaßen belehrt, prüft und bewegt, ohne den Maßstab der Vernunft preiszugeben.
Die Texte stehen im Spannungsfeld der späten römischen Republik, in der politische Konkurrenz, rechtliche Auseinandersetzung und philosophische Orientierung eng miteinander verknüpft waren. Cicero ist in dieser Konstellation Staatsmann, Redner und Philosoph. Seine philosophischen Schriften nehmen Debatten über Natur, Erkenntnis und Ethik auf und diskutieren Positionen, die in Rom präsent waren. Seine Gerichtsreden spiegeln die Praxis der städtischen Öffentlichkeit und ihrer Institutionen. Die vorliegende Auswahl verzichtet auf historische Detailführung und konzentriert sich auf das, was die Texte selbst lehren: wie Begriffe geprüft, Fälle dargestellt und Urteile begründet werden.
"Vom Schicksal" entfaltet sein Thema in dialogischer Form. Der Text prüft, ob Ursachenketten die Handlungsspielräume des Menschen vollständig festlegen, oder ob Raum für Wahl und Verantwortlichkeit bleibt. Dabei werden gängige Lehrmeinungen referiert und kritisch abgewogen. Kennzeichnend ist die Arbeit an Unterscheidungen: zwischen Notwendigem und Möglichem, zwischen Vorhersehbarem und Vermeidbarem, zwischen Zufall und Zweck. Die Darlegung vermeidet apodiktische Verkürzungen und sucht argumentative Balance. Lesbar wird dadurch ein philosophischer Habitus, der die Freiheit nicht behauptet, sondern als Ergebnis vernünftiger Klarstellung und begrenzter Zustimmung zu plausiblen Gründen erarbeitet.
Die "Reden gegen Verres" sind im Kontext eines großen Strafverfahrens entstanden. Sie entfalten eine öffentliche Anklage, die auf die rechtliche Verantwortlichkeit eines hohen Amtsträgers zielt. Rhetorisch verbinden sie sachliche Darstellung, Beweisführung und Zuspitzung. Das Interesse richtet sich nicht nur auf eine Person, sondern auf Maßstäbe ordentlicher Verwaltung, auf die Integrität von Gerichten und die Schutzwürdigkeit der Provinzen. Der Text zeigt die Leistungsfähigkeit forensischer Rede: Missstände werden sichtbar gemacht, Normen werden erinnert, Erwartungen an das Gemeinwesen werden artikuliert. So wird Recht nicht bloß angewendet, sondern vor der Öffentlichkeit begründet.
Die Kombination beider Werke ist programmatisch. Was die Philosophie unter dem Gesichtspunkt von Notwendigkeit und Freiheit durchdenkt, prüft die Forensik unter Bedingungen des Handelns. Wer die Argumente des einen Textes im Ohr hat, liest den anderen anders: Verantwortlichkeit wird nicht als bloßes Schlagwort verstanden, sondern als Ergebnis von Begriffsklärung und Begründung. Umgekehrt gewinnt die philosophische Debatte Kontur, wenn man die praktischen Konsequenzen im Blick hat. Die Sammlung lädt daher ein, quer zu lesen, Motive zu vergleichen und zu beobachten, wie sich Maßstäbe zwischen Reflexion und Praxis gegenseitig beleuchten.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer Doppelbewegung: Sie bilden, und sie fordern heraus. In der Rhetorikgeschichte sind die Verres-Reden ein Prüfstein für forensische Argumentation; in der Philosophiegeschichte gehört die Freiheitsdebatte zu den dauerhaften Themen. Beide Texte haben Unterricht und Forschung geprägt und sind in vielfältigen Traditionen rezipiert worden. Ihre Aktualität liegt nicht in unmittelbaren Parallelen, sondern in der methodischen Haltung: Sorgfalt im Begriff, Maß im Urteil, Öffentlichkeit als Ort der Rechtfertigung. Wer sie liest, gewinnt Werkzeuge, um über Verantwortung, Recht und Handlungsspielräume klarer nachzudenken.
Diese Ausgabe versteht sich als Lektürehilfe. Sie macht unterschiedliche Textsorten in einer gemeinsamen Perspektive zugänglich und erlaubt verschiedene Wege der Annäherung. Man kann mit der theoretischen Erörterung beginnen und danach die forensische Umsetzung studieren, oder umgekehrt von der konkreten Verhandlung aus rückfragen, welche Begriffe notwendig sind. Entscheidend ist, die argumentativen Fäden mitzuvollziehen: Welche Unterscheidungen tragen? Welche Gründe überzeugen? Wo schafft Rhetorik Klarheit, wo schafft sie Dringlichkeit? In diesem Wechsel der Blickrichtungen entfaltet sich die Einheit des Bandes jenseits äußerlicher Zusammenstellung.
Ziel der Sammlung "Vom Schicksal" ist es, Marcus Tullius Cicero in zwei seiner stärksten Rollen erfahrbar zu machen: als Denkenden, der Streitfragen klärt, und als Redner, der Recht zur Geltung bringt. Die Texte zeigen, dass Freiheit und Verantwortung nicht Gegensätze, sondern gemeinsame Aufgaben von Vernunft und Gemeinschaft sind. Sie ermutigen, das eigene Urteil zu schärfen und Anspruch und Wirklichkeit kritisch ins Verhältnis zu setzen. Wer hier liest, begegnet nicht nur einem Klassiker, sondern einem Gesprächspartner, der bis heute fordert: Begründe, wofür du eintrittst, und tue, was du begründen kannst.
Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) war römischer Staatsmann, Redner und Philosoph. Als Konsul verteidigte er die Republik und prägte das politische Denken der Spätzeit. Seine Werke reichen von Gerichtsreden bis zu philosophischen Dialogen; in dieser Sammlung stehen die Reden gegen Verres und die Abhandlung Vom Schicksal im Mittelpunkt. Die Verres-Reden verhalfen ihm zu landesweiter Bekanntheit als Anwalt und Verteidiger der Rechtsstaatlichkeit. Vom Schicksal ist ein spätes philosophisches Werk über Determinismus und menschliche Willensfreiheit. Zusammen zeigen sie Cicero als Vermittler griechischer Ideen in lateinischer Prosa und als Meister der Forensik mit moralischem Anspruch.
Diese beiden Werke markieren Gegenpole in Ciceros Laufbahn. Die Verres-Reden stammen aus seiner aufstrebenden Phase, als er Korruption in einer Provinz öffentlich machte und damit die Integrität der römischen Verwaltung beschwor. Vom Schicksal entstand in den politisch erschütterten letzten Jahren, als philosophische Reflexion für ihn an Gewicht gewann. Das Zusammenspiel aus forensischer Praxis und theoretischer Untersuchung von Schuld, Verantwortung und menschlicher Steuerbarkeit macht die Sammlung zu einem Scharnier zwischen Recht und Ethik. Sie veranschaulicht, wie Cicero die römische Öffentlichkeit bildete und zugleich eine Terminologie bereitstellte, mit der spätere Generationen über Freiheit nachdenken konnten.
Geboren in Arpinum und aus dem Ritterstand stammend, erhielt Cicero eine umfassende Ausbildung in Rom. Er studierte Redekunst, Grammatik und Philosophie und suchte früh den Anschluss an die führenden Juristen. Besonders prägend war das Studium des Zivilrechts bei Quintus Mucius Scaevola, dessen sorgfältige Fallanalyse Cicero dauerhaft übernahm. Diese juristische Schule schärfte sein Sensorium für Beweisführung, Quellenkritik und Verfahrensfragen – Fähigkeiten, die in den Reden gegen Verres sichtbar werden. Zugleich übte er sich in der öffentlichen Rede vor Gericht und in der Volksversammlung, wo Präzision der Begriffe und moralische Anspüche gleichermaßen gefragt waren.
Zu den maßgeblichen intellektuellen Einflüssen gehörten Lehrer der griechischen Tradition. Cicero hörte in Rom Akademiker wie Philo von Larissa und den Stoiker Diodotus und studierte auf Auslandsreisen Rhetorik bei Molo von Rhodos. Aus der Begegnung mit Skepsis, Stoizismus und Epikureismus entwickelte er eine vermittelnde Haltung, die argumentative Fairness betonte. Er übersetzte zentrale philosophische Begriffe ins Lateinische und suchte eine Prosa, die zugleich elegant und präzise war. Diese Mischung aus philosophischer Breite und rhetorischer Disziplin prägte sein Vorgehen, wenn er in juristischen Fragen Prinzipien klärte und zugleich das Publikum gewann.
Ein konkreter Erfahrungsraum, der sein Denken und Schreiben formte, war die Provinzverwaltung. Als Quästor diente Cicero in Sizilien; dort lernte er Archive, lokale Kulte und die wirtschaftlichen Strukturen kennen. Diese Kenntnisse flossen später in die Reden gegen Verres ein, in denen er Verwaltungspraxis, Steuerpacht und die Rolle römischer Beamter detailliert beleuchtet. Philosophisch griff er in Vom Schicksal auf die Debatten der hellenistischen Schulen zurück, um die Vereinbarkeit von Kausalität und Verantwortlichkeit zu prüfen. Beide Werkkomplexe zeigen, wie er Empirie, philologische Sorgfalt und systematisches Argumentieren miteinander verband.
Die Reden gegen Verres entstanden 70 v. Chr. aus einem aufsehenerregenden Korruptionsprozess. Cicero trat als Ankläger gegen den ehemaligen Statthalter Gaius Verres auf, dem Erpressung, Amtsmissbrauch und religiöse Frevel in Sizilien vorgeworfen wurden. Er setzte auf eine schnelle Beweisaufnahme, zahlreiche Zeugen und akribische Dokumente, um Verzögerungstaktiken der Gegenseite zu durchkreuzen. Der dramatische Effekt lag in der Gegenüberstellung provinzieller Not mit römischer Pflicht. Schon die erste Phase des Verfahrens brachte Verres in die Defensive; der Angeklagte wich einer vollständigen Verhandlung aus, und Cicero veröffentlichte die vorbereiteten Reden in ausgearbeiteter Form.
Stilistisch verbinden die Verres-Reden juristische Genauigkeit mit satirischer Schärfe und moralischem Ernst. Cicero nutzt Aufzählungen, Antithesen und anschauliche Exempel, um Strukturen systemischer Ausplünderung sichtbar zu machen. Er macht die Provinzbewohner zu Trägern von Zeugnis und Würde und bindet ihre Stimmen in eine größere politische Erzählung ein: Rom als Herrschaft, die durch Recht zusammengehalten wird. Die Reden festigten seinen Ruf als führender Redner und bereiteten den weiteren Aufstieg in den Staatsämtern vor. In der literarischen Rezeption galten sie lange als Muster anti-korruptiver Anklagerhetorik und als Schule der Evidenzführung.
Vom Schicksal entstand in den späten 40er Jahren v. Chr., als Cicero sich verstärkt philosophischen Themen zuwandte. Das Werk behandelt in Dialogform die Fragen von Notwendigkeit, Vorsehung, Ursachenketten und menschlicher Willensfreiheit. Es diskutiert die Positionen der Stoiker und Epikureer und prüft, ob Verantwortlichkeit ohne irgendeine Form von Wahl möglich ist. Nur Teile des Textes sind erhalten, doch genug, um Ciceros methodische Rolle als Prüfer konkurrierender Lehren zu erkennen. Er meidet dogmatische Festlegungen und verteidigt einen Spielraum vernünftiger Handlung, der moralische Bewertung und rechtliche Zurechnung sinnvoll macht.
Die Resonanz dieser beiden Werkgruppen war unterschiedlich, aber komplementär. Die Verres-Reden wurden früh als Modell für öffentliche Anklagen gelesen und dienten der juristischen Ausbildung. Vom Schicksal, obgleich fragmentarisch überliefert, beeinflusste die lateinische Diskussion über Determinismus und Verantwortung und bot eine Terminologie, mit der spätere Autoren Freiheitsgrade beschreiben konnten. Beide Texte zeigen Ciceros Fähigkeit, komplexe Materie für ein breiteres Publikum aufzubereiten, ohne die Argumenttiefe zu opfern. Damit trug er zugleich zur Konsolidierung einer literarischen Hochsprache bei, die jurische, philosophische und politische Diskurse miteinander verband.
Als öffentlicher Akteur verband Cicero berufsständische Pflicht mit einem Programm republikanischer Erneuerung. Die Verres-Reden sind dabei nicht nur Beweisführung, sondern ein Plädoyer für saubere Verwaltung, Schutz der Provinzen und Unabhängigkeit der Gerichte. Cicero betont die Bindung der Macht an Recht und Religion und macht deutlich, dass Delikte gegen Gemeinschaftsgüter die Autorität Roms untergraben. Seine Redekunst steht im Dienst einer politischen Kultur, die durch Gewohnheitsrecht, Kollegialität und Rechenschaftspflicht geprägt sein sollte. So wird Rhetorik zur praktischen Ethik, die das Gemeinwesen vor Willkür schützen will.
Vom Schicksal ergänzt diese Haltung auf theoretischer Ebene. Indem Cicero die Voraussetzungen moralischer Verantwortung diskutiert, verteidigt er einen Raum menschlicher Entscheidung gegen strengen Determinismus. Für das forensische und politische Handeln bedeutet das: Schuld kann zugerechnet werden, weil Menschen anders handeln könnten. Zugleich anerkennt er Kausalitäten und äußere Zwänge, deren Verständnis zur Mäßigung und Klugheit führt. Die Verbindung von Praxis und Theorie macht sein Werk für Lesende attraktiv, die sowohl juristische als auch philosophische Fragen verfolgen. Die Sammlung zeigt Cicero somit als Denker, der Normen nicht nur fordert, sondern begründet.
In seinen letzten Jahren erlebte Cicero den Niedergang der Republik. Nach dem Bürgerkrieg und der Ermordung Caesars trat er erneut als Redner hervor und bekämpfte die Aushöhlung der Institutionen. 43 v. Chr. fiel er den Proskriptionen zum Opfer. Sein Nachruhm gründet auf einer Prosa, die Maßstäbe für Klarheit, Argumentationsführung und moralische Dringlichkeit setzte. Die Reden gegen Verres prägten das europäische Nachdenken über Amtsmissbrauch und Schutz der Untertanen; Vom Schicksal belebte Debatten über Freiheit und Verantwortung. Zusammen verkörpern sie ein Vermächtnis, das juristische Praxis und philosophische Reflexion dauerhaft verbindet.
Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) wirkte im politischen und intellektuellen Umbruch der späten römischen Republik. Die hier vereinte Sammlung verbindet zwei Epochen seines Schaffens: die Reden gegen Verres aus dem Jahr 70 v. Chr., als Cicero als Anwalt und aufstrebender Politiker agierte, und Vom Schicksal, ein philosophisches Spätwerk von 44 v. Chr., entstanden nach den Bürgerkriegen und der Diktatur Caesars. Diese Spannung zwischen forum und philosophia, zwischen gerichtlicher Praxis und theoretischer Reflexion, spiegelt die drängenden Fragen der Zeit: Ordnung und Macht im Reich, Verantwortung der Amtsträger sowie die Grundlagen menschlicher Entscheidung in einer von Krisen geprägten Welt.
Die Jahrzehnte vor und nach 100 v. Chr. brachten der Republik Expansion, innere Spannungen und Reformkämpfe. Der Bundesgenossenkrieg (91–88 v. Chr.) führte zur Erweiterung des Bürgerrechts; Sullas Diktatur (82–79 v. Chr.) restaurierte formell die Autorität des Senats und ordnete die Gerichte neu. Die ständigen Schwurgerichte (quaestiones perpetuae) sollten Amtsmissbrauch, Erpressung und Korruption verfolgen, litten jedoch unter Fraktionskämpfen. Wirtschaftliche Ungleichgewichte, Schuldenkrisen und die politische Konkurrenz der Nobilität verschärften das Klima. In dieser Gemengelage gewann forensische Beredsamkeit hohes Gewicht, weil sie zugleich Recht sprach, Reputation schuf und Politik gestaltete.
Die Provinzverwaltung bildete eine Achillesferse der Republik. Nach dem Ersten Punischen Krieg zur römischen Provinz geworden, war Sizilien als Kornkammer unentbehrlich. Die dort geltende Zehntordnung (oft als Lex Hieronica bezeichnet) und die Tätigkeit der Steuerpächter (publicani) boten Spielräume für Übergriffe. Die quaestio de repetundis, seit 149 v. Chr. eingerichtet, sollte die Rückerstattung unrechtmäßig erlangter Gelder sichern. In der Praxis prallten Interessen von Senatoren, Geschäftsleuten und Provinzialen aufeinander. Missstände in der Amtsführung waren daher nicht nur juristische Fälle, sondern Proben für die Legitimität römischer Herrschaft und die Glaubwürdigkeit ihrer Institutionen.
Cicero hatte 75 v. Chr. als Quästor in Sizilien gedient und dort Ansehen gewonnen. 70 v. Chr. übernahm er die Anklage gegen Gaius Verres, der als Prätor und Statthalter (73–71 v. Chr.) der Provinz Vergehen zur Last gelegt wurde. Verres’ Verteidiger war Quintus Hortensius Hortalus, damals führender Redner. Das Verfahren galt als Prüfstein für die senatorial besetzten Geschworenengerichte, die unter Sulla monopolisiert worden waren. Im selben Jahr führten die Konsuln Pompeius und Crassus die Lex Aurelia ein, die die Juryzusammensetzung mischte. Das politische Umfeld machte das Verfahren zum Gradmesser für Reformbereitschaft und rechtliche Integrität.
Der Prozess verband akribische Beweisaufnahme mit strategischer Öffentlichkeit. Cicero reiste zur Zeugensammlung nach Sizilien und eröffnete mit einer knappen actio prima, die die Verteidigung unter Zeitdruck setzte. Verres wich einem vollständigen Verfahren aus und ging ins Exil nach Massilia; die umfangreichen actio secunda veröffentlichte Cicero dennoch als literarische Fassung. Damit erreichten die Reden ein größeres Publikum als der Gerichtssaal. Sie dokumentieren, wie forensische Texte in der Republik zugleich Justizakte, politische Manifeste und Publikationen waren, die über Netzwerke von Kopisten und Lesern kursierten und den Ruf der Redner langfristig prägten.
Ein zentraler Hintergrund ist die römische Sammelkultur. Seit dem Hellenismus gelangten Kunstwerke aus dem griechischen Osten in römische Hände; Elitewettbewerb und Selbstrepräsentation befeuerten das Sammeln. Fälle von Aneignung öffentlicher Kunst berührten Fragen von Eigentum, Identität und imperialer Moral. Die Verres-Reden machten solche Praktiken sichtbar und setzten juristische Normen gegen soziale Gewohnheiten ins Verhältnis. Sie zeigen, wie Kulturgüter als politisches Kapital fungierten und wie öffentlicher Raum, Heiligtümer und städtische Gemeinschaften durch den Zugriff mächtiger Amtsträger verwundbar wurden. Damit wurde Provinzialverwaltung zu einer Bühne der Auseinandersetzung über die ethischen Grenzen römischer Macht.
Die republikanische Ideologie gründete auf Begriffen wie libertas, dignitas und mos maiorum. In den Reden werden Rechte römischer Bürger und die Schutzwürdigkeit verbündeter Gemeinden beschworen. Das Spannungsverhältnis von Gesetz und Willkür, von auctoritas des Senats und Rechenschaftspflicht von Magistraten, stand im Vordergrund. Provinzen galten als anvertraute Gemeinschaften unter römischem Schutz, nicht als Beute. Solche Grundsätze waren jedoch fragil, wenn militärische Erfolge, Patronage und persönliche Bereicherung zusammenwirkten. Der forensische Diskurs wurde so zum Medium, mit dem Normen bekräftigt, Ansprüche verhandelt und politische Bündnisse sichtbar gemacht wurden.
Die kulturelle Umwelt war von rhetorischer Bildung geprägt. Redner nutzten Gerichte und Volksversammlungen als Bühnen; Lehrtraditionen beriefen sich auf griechische Vorbilder wie Demosthenes. Debatten über Stilrichtungen – schlichte Attik versus üppige Asianik – begleiteten die Praxis. Ciceros Prosa zielte auf Maß und Angemessenheit, verband Argumentationsschärfe mit Anschaulichkeit. Diese Kunst der Überzeugung machte Rechtsprechung und Politik durch Sprache verhandelbar. Der literarische Ausbau der Gerichtsreden zeigt, wie die Grenze zwischen gesprochenem Wort und publizierter Schrift sich auflöste und wie Texte in Rom Autorität jenseits des Augenblicks stifteten.
Nach dem Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius veränderte sich Ciceros Handlungsraum. Politisch marginalisiert, wandte er sich 46–44 v. Chr. intensiv philosophischen Themen zu. Persönliche Verluste, darunter der Tod seiner Tochter Tullia (45 v. Chr.), verstärkten die Hinwendung zur Reflexion. 44 v. Chr., im Jahr der Ermordung Caesars, entstand Vom Schicksal. Das Werk gehört zu einer Serie späten Philosophierens, zu der auch Schriften über Göttervorstellungen und Weissagung zählen. Inmitten institutioneller Unsicherheit fragte Cicero nach den Grundlagen menschlicher Handlung: ob Notwendigkeit herrscht oder Verantwortlichkeit denkbar bleibt.
Vom Schicksal setzt Cicero in die griechische Debattenlandschaft. Stoische Entwürfe betonten ein kausales Weltgefüge und Vorsehung; epikureische Ansätze führten eine spontane Abweichung ein, um Handlungsfreiheit zu sichern. Die skeptische Akademie problematisierte dogmatische Gewissheiten und bevorzugte Wahrscheinlichkeitserwägungen. Cicero überträgt diese Kontroversen in eine lateinische Prosa, die Begriffe klärt und Positionen gegenüberstellt. Er nimmt Autoren wie Chrysippos und Karneades zum Maßstab der Auseinandersetzung. Damit macht das Werk römisches Publikum mit den Argumenten vertraut, die im Hellenismus die Frage nach Determinismus, Zufall und moralischer Verantwortlichkeit strukturiert hatten.
Die Schnittstelle von Philosophie und Recht ist in Rom besonders sichtbar. Verantwortlichkeit setzte die Möglichkeit voraus, anders zu handeln; juristische Kategorien wie Vorsatz und Fahrlässigkeit lebten von dieser Annahme. Gleichzeitig versprach die Idee von Schicksal Ordnung in unsicheren Zeiten. Ciceros Reflexionen verknüpfen daher praktische Erfahrung aus Gericht und Senat mit theoretischer Prüfung von Kausalität. Diese Verbindung erklärt, warum Fragen der Zurechnung in Reden und philosophischen Traktaten aufeinander verweisen. Sie macht verständlich, weshalb spätere Leser Vom Schicksal auch als Beitrag zur Ethik und zur Grundlagenreflexion des Rechts gelesen haben.
Die Herstellung und Verbreitung von Texten folgte erprobten Wegen. Cicero diktierte, überarbeitete und sandte seine Schriften an Freunde und Förderer; sein langjähriger Vertrauter Titus Pomponius Atticus koordinierte Kopien und Verteilung. Papyrusrollen ermöglichten weitere Abschriften in privaten Kreisen und Bibliotheken. Öffentliche und halböffentliche Lesungen schufen Resonanz. Diese Infrastruktur verhalf den Verres-Reden ebenso wie den philosophischen Traktaten zu nachhaltiger Wirkung. Sie erklärt, wie juristische Detailstudien und systematische Argumentationen aus Rom in den weiteren Mittelmeerraum gelangten und dort Teil von Diskussion und Ausbildung wurden.
Zeitgenössische Wirkung zeigte sich unmittelbar. Die Verres-Reden befestigten Ciceros Ruf als energischer Vertreter gesetzlicher Ordnung und als Anwalt der Provinzialen. Sie dienten vielen als Beleg, dass senatsnahe Geschworenengerichte glaubwürdig urteilen können, sofern Anklage und Öffentlichkeit Druck erzeugen. Philosophische Schriften stärkten zugleich Ciceros Profil als Vermittler griechischer Denktraditionen in lateinischer Sprache. Unter den frühen Kaisern wurden beide Stränge seines Œuvres zur Referenz: Rhetorikschulen übten an forensischen Texten, gebildete Kreise diskutierten die philosophischen. Quintilian pries Cicero als Maßstab der Redekunst.
Spätantike Autoren knüpften vielfältig an. Debatten über Vorsehung und Willensfreiheit prägten christliche Theologie; Kirchenväter setzten sich mit römischen Philosophen auseinander, zitierten und kritisierten Ciceros Positionen an verschiedenen Stellen. Kommentare, etwa zu Ciceros Somnium Scipionis, hielten Interesse an seinem philosophischen Erbe wach. Zugleich blieb die forensische Prosa in rhetorischen Schulen präsent. Die Überlieferungsgeschichte verlief jedoch selektiv; was intensiv genutzt wurde, hatte bessere Chancen, kopiert zu werden. So bestimmten schulischer Gebrauch, theologische Diskussionen und Sammelinteressen Bibliotheken darüber, welche Teile von Ciceros Werk erhalten blieben.
Im Mittelalter sicherten Klöster und Hofschulen die Weitergabe. Die karolingische Bildungsreform förderte das Abschreiben klassischer Texte; aus dieser Zeit stammen wesentliche Handschriften der ciceronischen Prosa. Mit dem italienischen Humanismus wuchs seit dem 14. Jahrhundert die Verehrung Ciceros. Petrarca und seine Nachfolger sammelten, edierten und imitierten seine Schriften. Buchdruck und humanistische Philologie standardisierten im 15. Jahrhundert den Textbestand. In den Schulen Europas wurden die Reden gegen Verres zu Mustern des Lateins und zu Fallstudien über Amtsmoral; die philosophischen Traktate dienten als Einstieg in antike Argumentationskultur.
Die moderne Forschung liest die Verres-Reden als dichte Quelle zur Provinzialverwaltung, zum Funktionieren der repetundae-Gerichte und zur sozialen Ökonomie von Kunst und Prestige. Sie sind unverzichtbar für das Verständnis römischer Herrschaftspraxis im 1. Jahrhundert v. Chr. Vom Schicksal ist in Teilen unvollständig überliefert, bleibt aber zentral für die Rekonstruktion römischer Freiheitsdebatten und der Rezeption stoischer, epikureischer und akademischer Lehren. Philologie, Rechtsgeschichte und Philosophie erschließen die Texte gemeinsam, indem sie sprachliche Form, juristische Institutionen und systematische Argumente im jeweiligen historischen Kontext verorten.
Die Sammlung kommentiert ihre Zeit, indem sie zwei Modi römischer Selbstprüfung vereint: öffentliche Rechenschaft und theoretische Grundlegung. Die Verres-Reden demonstrieren, wie die Republik über Verfahren politische Moral einfordert und Imperium kritisch spiegelt. Vom Schicksal testet, ob das Konzept der Verantwortung unter dem Druck von Notwendigkeit und Zufall Bestand hat. Spätere Deutungen haben diese Doppelperspektive immer neu gelesen – als Kritik an Korruption und Machtmissbrauch, als Reflexion über Freiheitsräume und als Lehrstück dafür, wie Sprache Institutionen trägt. So bleibt Ciceros Stimme ein Prüfstein politischer und philosophischer Auslegung.
Eine philosophische Abhandlung, die die Frage nach Determinismus und menschlicher Willensfreiheit erörtert. Cicero kontrastiert Positionen verschiedener Schulen und prüft, wie Notwendigkeit, Zufall und Verantwortung zusammenhängen. Der Ton ist prüfend und argumentativ, mit dem Ziel, praktische Handlungsfähigkeit gegen strikten Fatalismus zu behaupten.
Eine Serie von Anklagereden gegen einen Provinzstatthalter, die systematische Erpressung, Amtsmissbrauch und die Aushöhlung rechtlicher Normen vorführt. Durch akribische Beweisführung und anschauliche Beispiele richtet sich die Argumentation an Gericht und Öffentlichkeit. Der Ton ist scharf und moralisierend, mit Nachdruck auf Rechtsstaatlichkeit und den Schutz der Provinzialen.
Beide Werke kreisen um Verantwortung: philosophisch als Frage der Zurechenbarkeit, forensisch als Pflicht des Amtsinhabers gegenüber Gesetz und Gemeinschaft. Im Vordergrund steht die Vereinbarkeit von normativen Maßstäben mit realpolitischen Zwängen.
Stilistisch verbindet Cicero straffe Argumentation mit rhetorischer Dramatisierung, um Einsicht und Haltung zugleich zu formen. Wiederkehrend ist der Versuch, durch begriffliche Klärung und exemplarische Fälle Maßstäbe öffentlichen Handelns zu schärfen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Zur Vollendung seiner Untersuchungen über das Wesen der Gottheit und über die Weissagung, schien dem Cicero auch eine Beleuchtung der Lehre vom Schicksal nöthig. Er hatte über diesen Gegenstand Schriften von Posidonius, Chrysippus, Kleanthes, Diodorus und Carneades vor sich, deren Ansichten, außer der des Letztern, ihn nicht recht befriedigten. Er stellt also in dieser mit Scharfsinn abgefaßten und nicht blos auf der Oberfläche des Gegenstandes verweilenden Schrift, in einem mehr acroamatischen als dialogischen Vortrage seine Ansichten besonders dadurch auf und fest, daß er die der Andern bestreitet, oder vielmehr in ihrer Nichtigkeit und ihrem innern Widerspruche darstellt. Daß das Buch am Anfang, in der Mitte und am Ende verstümmelt ist, gibt der Augenschein. Was und wie viel aber fehlt, läßt sich schwer bestimmen, Einiges allenfalls aus dem noch vorhandenen Buche Plutarchs über denselben Gegenstand ergänzen. Cicero spricht hier auf seinem Landgute bei Puteoli, wo er sich nach Cäsars Tode im April und Mai des Jahres der Stadt siebenhundert und neun aufhielt, mit seinem Freunde, dem zum Consul ernannten Hirtius. Der Gang der Untersuchung, so weit sie uns noch vorliegt, ist folgender.
Cap. 1. 2. Angabe des Gegenstandes, seiner Hauptpunkte und der für nothwendig erachteten Form. Cap. 3. Andeutung einer Einwendung gegen die Ansicht des Stoikers Posidonius, und der Ablehnung eines Schicksals in dem Sinne, wie Dieser es auffaßte. Cap. 4 – 8. Betrachtung der Lehre des Stoikers Chrysippus von dem Zusammenhange aller Dinge miteinander. Ablehnung des Einflusses des Schicksals auf unsern Willen, unsere Vorsätze und unsere Bestrebungen, bei dem Zugeständniß, daß jener Zusammenhang nicht nur auf Ereignisse, sondern auch auf die Anlagen und den natürlichen Hang der Menschen einwirke. Cap. 9. Beleuchtung der Lehre des Megarikers Diodorus von dem Möglichen, und seiner Ansicht davon: daß nur Das möglich sey, was wirklich sey, oder einmal wirklich werden werde. Cap. 10 – 12. Widerlegung der Schlußfolge des Chrysippus: daß, wenn keine Bewegung ohne Ursache sey, was man nicht läugnen könne, auch Alles, was geschehe, dem Schicksal zu Folge geschehe. Cicero rettet sich gegen diese Folgerung durch die Erklärung, daß der Wille nicht eine Folge äusserer und vorangehender Ursachen sey. Cap. 13 – 16. Darstellung des sogenannten faulen Schlusses, vermöge dessen wir gegen nichts uns Bedrohendes Schutzmaßregeln ergreifen dürften, weil es auf den Fall, daß wir zu unterliegen bestimmt seyen, Nichts helfe; und falls wir gerettet werden sollen, unnöthig sey. Es wird eingewendet, daß die Anwendung von Gegenmitteln so gut zum Verhängniß gehöre, als das drohende Uebel selbst; auch jener Schluß zu viel, also Nichts, beweise, weil sonst auch unser ganzer freier Wille aufgehoben würde; den doch Niemand läugne und läugnen könne. Daraus folge aber, daß nicht Alles in Folge des Verhängnisses geschehe. Cap. 17 – 19. Erörterung des Mittelweges, den Chrysippus einschlagen wollte, zwischen der Annahme eines durchaus nöthigenden Schicksals, wie die alten Philosophen wollten, und der Behauptung Anderer, daß das Verhängniß auf die freie Bewegung unseres Innern keinen Einfluß habe. Bemerkung, daß sich Chrysippus zur letztern mehr hinneige. Cap. 20. Dieß sey jedoch auf jeden Fall besser, als der Einfall des Epicurus, der Alles aus der Abweichung der Atome von ihrer senkrechten natürlichen Richtung ableitete. 1
Vom Schicksal
1. * * * weil sich dieser Theil der Philosophie auf die Sitten bezieht, die Jene Ethos [η̃θος] nennen, so geben wir ihm gewöhnlich den Namen Sittenlehre [Ethik]; allein wir dürfen ihn auch, zur Bereicherung der lateinischen Sprache mit der Benennung Moral bezeichnen [oder Moralphilosophie]; wobei wir denn auch die Bedeutung und den Sinn derjenigen Ausdrucksweisen zu erklären haben, welche die Griechen αξιώματα [Axiome] nennen; und was diesen, wenn sie von etwas Künftigem sprechen, und von Dem was geschehen könne oder nicht geschehen könne, für ein Gehalt [und welche Bedeutung] zukomme, ist eine schwer zu lösende Aufgabe. Die Philosophen nennen Dieß die Untersuchung über das Mögliche [περὶ δυνατω̃ν], und sie gehört ganz in das Gebiet der Logik, welche ich Disputirkunst [ ratio disserendi, Dialektik, heisse. Was ich aber in andern Schriften gethan habe, (namentlich) in meinem Werke über das Wesen der Götter, und denen, die ich über die Weissagung verfaßt habe: daß nämlich zwei einander entgegengesetzte Ansichten in einer zusammenhängenden Darstellung sich entfalteten, damit Jeder um so leichter sich an diejenige halten könnte, die ihm am meisten für sich zu haben schiene; Dieß auch bei dieser Abhandlung vom Schicksal zu thun, hat mich ein gewisser Vorfall verhindert. Denn da ich mich auf meinem Landgute bei Puteoli befand, und mein (Freund) Hirtius, (eben) ernannter Consul, in derselben Gegend war, ein Mann mit dem ich in der innigsten Vertraulichkeit lebte, und der von gleicher Liebe zu den Studien, die mich von Jugend auf beschäftigten, beseelt war, so waren wir viel beisammen, und zwar hauptsächlich um Maßregeln zur Herstellung des Friedens und der Eintracht zu verabreden. Denn da es schien, als suche man nach Cäsars Untergange geflissentlich alle Veranlassungen zu neuen Störungen der Ruhe auf, und wir diesen begegnen zu müssen glaubten; so drehte sich fast unsere ganze Unterhaltung um diese Berathungen, und Dieß war unter andern auch an einem Tage, wo wir uns mehr selbst überlassen waren, und seinen Besuch bei mir nicht so viele uns unterbrechende Leute störten, anfangs der Fall, daß wir nämlich erst unser tägliches und gleichsam stehendes Capitel von Friede und Ruhe abhandelten.
2. Als Dieß abgethan war, nahm Jener das Wort und sagte: »Nun denn, da du doch wohl deine rednerischen Uebungen, wie ich hoffe, zwar noch nicht ganz aufgegeben, aber wenigstens der Philosophie den Rang vor ihnen eingeräumt hast, kann ich dich nicht Etwas vortragen hören?« Oja, erwiederte ich, entweder hören oder selbst vortragen. Denn ich habe nicht nur (wie du ganz richtig annimmst) jene rednerischen Uebungen nie aufgegeben, zu welchen ich auch dich begeisterte, wiewohl du glühenden Eifer für sie zu mir mitbrachtest; sondern die Gegenstände, welche mich jetzt beschäftigen, verstärken noch jene Fertigkeit, anstatt sie zu schwächen. Denn gerade mit der Weise zu philosophiren, zu der ich mich bekenne, steht der Redner in sehr vertrautem Verhältnisse. Schärfe nämlich borgt er von der Academie, und gibt ihr dagegen Fülle der Rede und Schmuck des Ausdrucks zurück. Weil denn nun, sage ich, beide Arten von Studien in das Gebiet gehören, in dem ich zu Hause bin; so magst du heute freie Wahl haben, welches von beiden dir einen Genuß verschaffen soll. »Das heisse ich gefällig, erwiederte Hirtius, und ganz im Character deiner Handlungsweise; denn nie schlägt mir deine Willfährigkeit die Gewährung eines Wunsches ab. Weil ich jedoch deine rhetorische Kunst hinlänglich kenne, ich dich auch in diesem Fache schon oft gehört habe, und noch oft hören werde, und deine tusculanischen Unterhaltungen einen Beweis davon liefern, daß du die bekannte Weise der Academiker, Vorträge zur Widerlegung eines aufgestellten Satzes zu halten, dir eigen gemacht hast; so will ich, wenn es dir nicht lästig ist, eine Behauptung aussprechen, und dann darüber vernehmen, was du zu sagen hast.« Kann mir denn wohl, antwortete ich, irgend Etwas lästig seyn, von dem ich weiß, daß es dir Freude machen wird? Doch, wenn du mich sprechen hörst, so vergiß nicht, daß du einen Römer vor dir hast, der sich schüchtern an diese Vortragsweise wagt, einen Mann, der sich nach langer Unterbrechung jetzt erst wieder zu diesen Studien wendet. »Nun, erwiederte er, ich werde dich eben sprechen hören, wie ich Das lese, was du geschrieben hast. So beginne denn.«
[Große Lücke.]
3. Wir erwägen hier * * wo in einigen (Fällen) dieser (Art) zwar, z.B. bei dem Dichter Antipater 2, bei den am kürzesten Tage des Jahres Gebornen, bei den zugleich erkrankten Brüdern 3, bei'm Harn, bei den Nägeln, und sonst dergleichen Dingen, der Einfluß der Natur sich geltend macht, den ich nicht bestreite, allein kein unwiderstehliches Walten des Schicksals; in andern aber kann Einiges zufällig seyn, wie bei jenem Schiffbrüchigen, wie bei Icadius, wie bei Daphitas. 4 Einiges scheint auch Posidonius (mein Lehrer mag mir Das nicht übel nehmen) erdichtet zu haben. Es ist wenigstens, meines Erachtens, abgeschmackt. Sage mir, z.B., wenn es dem Daphitas verhängt war, durch den Sturz von einem Pferde das Leben zu verlieren, mußte es dann von dem Pferde seyn, das, da es kein eigentliches Pferd war, einen uneigentlichen Namen hatte? Oder lautete die Warnung an den Philippus 5 so: er sollte sich vor dem kleinen Viergespann auf dem Schwertgriffe in Acht nehmen? Als ob er durch den Schwertgriff getödtet worden wäre! Was liegt aber Bedeutendes darin, daß jener namenlose Schiffbrüchige (nachher) in einem Bache niedergefallen (und ertrunken) ist? Wiewohl Jener schreibt, es sey gerade Diesem prophezeit worden, er werde im Wasser umkommen müssen. Ich, wahrlich, sehe nicht einmal bei dem Seeräuber Icadius ein bestimmtes [nothwendiges] Schicksal. Denn er schreibt nicht, es sey ihm voraus verkündigt worden. Was liegt denn also Wunderbares darin, daß von einer Höhle herab ihm ein Felsstück auf die Schienbeine gefallen ist? Ich glaube nämlich, es würde, falls auch Icadius nicht in der Höhle gewesen wäre, jenes Felsstück dennoch gefallen seyn. 6 Denn es gibt entweder gar nichts Zufälliges, oder gerade Das konnte sich durch Zufall ereignen. Ich frage also [und dieß ist eine weitumfassende (folgereiche) Frage], wenn es durchaus weder Namen, noch Wesen, noch Wirksamkeit des Schicksals gäbe, und entweder das Meiste oder Alles von Ungefähr, ohne Grund, durch Zufall geschähe: würde es sich anders ereignen, als es sich jetzt ereignet? Was braucht man also ein Schicksal (in den Lauf der Dinge) einzuzwängen, da ohne Schicksal sich die Verhältnisse aller Dinge auf die Natur oder das Glück beziehen lassen. 7
4. Doch entlassen wir den Posidonius, wie billig, mit einem freundlichen Worte, und wenden wir uns zu den Fallstricken des Chrysippus 8 zurück. Ihm wollen wir zuerst in Beziehung auf den Einfluß der Dinge (auf einander) selbst, antworten, das Uebrige dann später berücksichtigen. Was für ein großer Unterschied zwischen der Natur der Oerter ist, sehen wir; daß nämlich einige gesund sind, einige ungesund; daß an einigen schleimreiche und gleichsam übervoll saftige Menschen leben, an andern ausgetrocknete und eingedörrte, und noch vieles Andere gibt es, worin zwischen einem Orte und dem andern ein großer Unterschied Statt findet. Athen hat eine dünne Luft, woher auch der größere Scharfsinn der Attiker kommen soll; Thebä eine dicke, daher die Plumpheit und Körperstärke der Thebaner. Doch wird weder jene dünne Luft die Wirkung haben, daß Einer den Zeno 9 oder den Arcesilas, oder den Theophrastus hört, noch die dicke, daß er lieber zu Nemea als auf dem Isthmus den Sieg erkämpfen will. 10 Oder ich nehme noch entferntere Räume an: was kann denn die Natur des Ortes es veranlassen, daß ich lieber in der Säulenhalle des Pompejus, 11 als auf dem (Mars-) Felde lustwandle? lieber mit dir, als mit einem Andern? lieber am Idustage, als an den Kalenden? 12 So wie also auf einige Dinge die Natur des Ortes einigen Einfluß hat, auf andere aber keinen, so mag, wenn du willst, die Beschaffenheit der Gestirne auf einige Dinge eine Wirkung äußern; auf alle wird sie gewiß nicht wirken. Indessen, weil sich in den Menschennaturen Verschiedenheiten (der Art) finden, daß Einige das Süße, Andere das Bitterliche lieben; Einige Lüstlinge, Andere jähzornig oder grausam, oder hochmüthig sind; Andere vor dergleichen Lastern einen Abscheu haben; weil demnach, sagt er, die eine Natur so verschieden von der andern ist, was Wunder, daß diesen Unähnlichkeiten verschiedene Ursachen zum Grunde liegen?
5. Während er so spricht, bemerkt er gar nicht, wovon die Rede ist, und um was sich (denn eigentlich) der Streit dreht. Denn wenn die Einen zu Dem, die Andern zu Jenem geneigter sind, und zwar aus natürlichen und vorangegangenen Ursachen, so sind deswegen noch nicht gleich auch von unsern Willensbestimmungen und Neigungen natürliche und vorangegangene Ursachen (anzunehmen). Denn verhielte sich die Sache so, so wäre unsere Willensfreiheit ein Nichts. Nun aber gestehen wir zu, ob wir scharfsinnig oder stumpfsinnig, ob wir stark oder schwach seyen, hänge nicht von uns ab. Wer aber glaubt, daraus folge nothwendig, daß es nicht einmal von unserem Willen abhänge, zu sitzen oder herum zu wandeln, der sieht nicht, wie Ursachen und Folgen der Dinge mit einander zusammenhängen. 13 Denn mögen Talentvolle und Hartköpfige in Folge vorausgehender Ursachen so geboren werden, desgleichen Starke und Schwache; daraus folgt doch noch nicht, daß ihr Sitzen und Wandeln und all' ihr Handeln durch uranfängliche Ursachen bestimmt und festgesetzt ist. Der Philosoph aus der Megarischen Schule, Stilpo, soll ein scharfsinniger und zu seiner Zeit geachteter Mann gewesen seyn. 14 Und doch schreiben von ihm seine eigenen vertrauten Freunde, er sey zum Trunke und zu Ausschweifungen mit Weibern geneigt gewesen, und Dieß schreiben sie nicht um ihn zu tadeln, sondern vielmehr zu seinem Lobe. Er habe nämlich [sagen sie] seine zur Unsittlichkeit geneigte Natur durch geistige Ausbildung so gezähmt und gebändigt, daß nie ein Mensch ihn betrunken oder eine Spur von Wollüstigkeit an ihm bemerkt habe. Und lesen wir nicht von Socrates, wie ihn der Physiognomiker Zopyrus 15 characterisirt hat, der, seiner Versicherung zu Folge, die Geschicklichkeit besaß, den Character und die Naturanlage der Menschen aus ihrem Körper, dem Blicke, der Gesichtsbildung und der Stirne zu entziffern? Für einen harten und schwerbegreifenden Kopf erklärte dieser Mann den Socrates, weil er keine gebogenen Schlüsselbeine habe; diese Theile seyen bey ihm verstopft und verschlossen; auch sey er, fügte er hinzu, zur Ausschweifung mit Weibern geneigt, worüber denn Alcibiades ein Gelächter aufgeschlagen haben soll. Doch dergleichen Fehler können aus natürlichen Ursachen entspringen; daß sie aber mit der Wurzel und von Grund aus vertilgt werden, so daß Der, welcher den Hang dazu gehabt, von solchen großen Fehlern abgebracht wird, Das beruht nicht auf natürlichen Ursachen, sondern auf dem Willen, dem Bestreben und der Zucht. Dieß Alles verliert seine Wirksamkeit, wenn aus der Ansicht von der Weissagung der Einfluß und das Wesen des Schicksals Bestätigung gewinnt.
6. Denn, gibt es eine Weissagung, von welchen auf Kunst beruhenden Wahrnehmungen geht sie aus? Wahrnehmungen nenne ich, was Griechisch Theoreme [θεωρήματα] heißt. Denn ich glaube nicht, daß ohne Wahrnehmung irgend eine Klasse von Künstlern ihre Kunst betreibe, oder Die, welche die Weissagung sich angelegen seyn lassen, das Künftige voraussagen. Die Wahrnehmungen der Astrologen nun sind von folgender Art: Wenn Einer, z.B., bei dem Aufgange des Hundssterns geboren ist, Der wird nicht auf dem Meere sterben. Sey wachsam, Chrysippus, damit du nicht deine Streitsache, wegen welcher du mit dem Diodorus, 16 einem gewaltigen Dielektiker, einen harten Kampf hast, ihm gewonnen gibst. Denn wenn wahr ist, was so gefolgert wird: »Wenn Einer bei'm Aufgange des Hundssternes geboren ist, so wird er nicht auf dem Meere sterben;« so ist auch der Satz wahr: »Wenn Fabius bei'm Aufgange des Hundssterns geboren ist, so wird Fabius nicht auf dem Meere sterben.« Es widerstreiten sich also die beiden Sätze: »Fabius ist bei'm Aufgange des Hundssterns geboren,« und: »Fabius wird auf dem Meere sterben;« und weil bei Fabius als gewiß angenommen wird, er sey bei'm Aufgange des Hundssterns geboren, so widerstreiten sich auch die beiden Sätze, daß Fabius (auf der Welt) sey, und daß er auf dem Meere sterben werde. Folglich liegt auch in der Verbindung folgender Sätze ein Widerspruch: »Es gibt einen Fabius,« und »Fabius wird auf dem Meere sterben.« Ein Satz, der, wie er hingestellt ist, unter die Unmöglichkeiten gehört. Es gehört also die Behauptung: »Fabius wird auf dem Meere sterben,« in das Gebiet des Unmöglichen. Folglich ist Alles, was von der Zukunft unwahr behauptet wird, unmöglich.
7. Allein gerade Das, Chrysippus, willst du gar nicht, und eben darüber bist du mit dem Diodorus im Streit. Denn Dieser erklärt Das allein für möglich, was entweder wahr ist, oder in Zukunft wahr seyn wird; und was künftig seyn werde, von Dem sagt er, es müsse nothwendig seyn, und was künftig nicht seyn werde, Das erklärt er für unmöglich. Du aber behauptest nicht nur, es sey Das möglich, was nicht seyn wird, z.B. daß dieser Edelstein zerbreche, auch wenn sich Dieß niemals ereignen werde; sondern auch, es sey nicht nothwendig gewesen, daß Cypselus zu Corinth König werde, ob Dieß gleich vor tausend Jahren durch ein Orakel des Apollo prophezeit worden. 17 Allein, wenn du jene göttlichen Voraussetzungen gelten lässest, so wirst du auch, was von dem Künftigen Falsches gesagt wird, unter die Dinge rechnen, die nicht möglich sind; z.B., wenn man etwa sagt, Africanus werde Carthago erobern; und, wenn vom Künftigen das wirklich Erfolgende gesagt, und Dieß so sich ereignen wird, so mußt du es dann wohl nothwendig nennen. Diese ganze Ansicht des Diodorus stellt sich der eurigen feindlich gegenüber. Denn wenn folgende Satzverbindung richtig ist: »Wenn du bei'm Aufgange des Hundssterns geboren bist, so wirst du nicht auf dem Meere sterben;« und das erste Glied dieser Satzverbindung. »du bist bei'm Aufgang des Hundssterns geboren,« nothwendig ist [denn alles in der Vergangenheit Wahre ist nothwendig, wie Chrysippus gegen die Ansicht seines Lehrers Cleanthes annimmt, weil es unveränderlich ist, und das Vergangene sich aus dem Wahren nicht (mehr) in das Falsche verwandeln kann], wenn also das Vorderglied der obigen Satzverbindung nothwendig ist, so folgt daraus auch die Nothwendigkeit dessen, was sich daran anschließt. Wiewohl Dieß dem Chrysippus nicht allgemein gültig scheint. Indessen kann doch, wenn in der Natur die Ursache liegt, warum Fabius auf dem Meere nicht sterben soll, Fabius unmöglich auf dem Meere sterben.
8. Hier fühlt sich denn Chrysippus in die Enge getrieben, und hofft, es werden sich die Chaldäer und die übrigen Weissager täuschen lassen, und ihre (gewöhnlichen) Satzverbindungen nicht brauchen, um ihre Wahrnehmungen so auszusprechen: »Wenn Einer bei'm Aufgange des Hundssterns geboren ist, der wird auf dem Meere nicht sterben;« sondern vielmehr sich so ausdrücken: »Es trifft sich nicht, 18 daß Einer bei'm Aufgange des Hundssterns geboren sey, und (doch) auf dem Meere sterbe.« Lächerliche Anmaßung! Um für seine Person sich nicht dem Diodorus blos zu stellen, belehrt er die Chaldäer, wie sie ihre Wahrnehmungen ausdrücken müssen. Denn ich frage: wenn die Chaldäer so sprächen, daß sie, statt die allgemein gültigen Sätze verbunden aufzustellen, lieber die Verneinungen [die verneinenden Formen] der allgemein gültigen Satzverbindungen ausdrückten, warum sollten Dieß die Aerzte, die Meßkünstler, warum Andere nicht können? Ein Arzt insbesondere wird dann eine Wahrnehmung in seiner Kunst nicht so aufstellen: »Wenn Einem die Adern so schlagen, der hat das Fieber;« sondern lieber so: »Es trifft sich nicht, daß ihm die Adern so schlagen, und er (doch) das Fieber nicht hat.« Gleicherweise wird der Meßkünstler nicht so sagen: »Auf einer Kugel durchschneiden die größten Kreise einander in der Mitte;« sondern lieber so: »Es gibt auf der Kugel keine größten Kreise, die einander nicht in der Mitte durchschneiden. 19 Was gibt es, das sich nicht auf jene Weise aus einer Satzverbindung in eine Verneinung der Nebeneinanderstellungen umwandeln ließe? Es lassen sich ja wirklich dieselben Dinge auf ganz verschiedene Weise ausdrücken. So eben sagte ich: »Auf einer Kugel durchschneiden die größten Kreise einander in der Mitte.« Ich kann auch sagen: »Wenn auf einer Kugel größte Kreise sind;« Ich kann sagen. »Weil auf einer Kugel größte Kreise seyn werden.« Es gibt viele Arten sich auszudrücken, aber keine verschränktere, als die, von welcher Chrysippus hofft, daß die Chaldäer der Stoiker wegen mit ihr zufrieden seyn werden.
9. Von Jenen jedoch spricht Keiner so: denn es ist mühsamer, diese Verschränkungen des Ausdrucks, als den Auf- und Untergang der (himmlischen) Zeichen zu lernen. Doch wenden wir uns zu jenem Streite des Diodorus zurück, den man die Frage περὶ δυνατω̃ν [über das Mögliche] nennt, wobei untersucht wird, was Das heissen wolle: es könne Etwas geschehen. Da stellt denn Diodorus den Satz auf: Das allein könne geschehen [sey möglich], was entweder wirklich sey, oder wirklich seyn werde. Dieser Punkt steht in Verbindung mit folgender Behauptung: Daß Nichts geschehe, was nicht nothwendig gewesen sey; und: Was geschehen könne [möglich sey], Das sey entweder bereits, oder werde seyn; und: Was geschehen werde, lasse sich eben so wenig aus dem Wirklichen in's Nichtwirkliche [aus dem Wahren in das Nichtwahre] verwandeln, als Das, was geschehen sey; das Geschehene aber habe das Gepräge der Unveränderlichkeit; bei manchen künftigen Dingen, weil (die Unveränderlichkeit) nicht klar vorliege, scheine sie nicht einmal darin zu liegen. so daß (z.B.) es bei Einem, der an einer tödtlichen Krankheit darnieder liege, wahr sey, wenn man sagt. »Dieser wird an dieser Krankheit sterben.« Daß aber Dieß eben so gut geschehen werde, wenn es mit Wahrheit von Dem gesagt werde, bei dem die Heftigkeit der Krankheit nicht so auffallend am Tage liegt. Daraus folgt, daß auch nicht in Dem, was künftig ist, eine Umwandlung des Wirklichen in's Nichtwirkliche möglich ist. Denn (der Satz): »Scipio wird sterben,« hat die Bedeutung, daß, wiewohl er von etwas Künftigem ausgesprochen wird, doch dieses unmöglich sich in ein Nichtwahres umwandeln kann. Denn es wird ja von einem Menschen ausgesagt, bei Dem Sterben eine Naturnothwendigkeit ist. Würde (bestimmt) so gesagt werden: »Scipio wird des Nachts in seinem Schlafgemache eines gewaltsamen Todes sterben,« so wäre auch Das wahr gesprochen. Denn es würde (damit) gesagt, es werde sich Das ereignen, was wirklich zukünftig wäre; daß es aber zukünftig gewesen (wirklich bevorgestanden) sey, muß man daraus erkennen, weil es geschehen ist. Auch war der Satz: »Scipio wird sterben,« nicht wahrer, als der: »Er wird auf jene Weise sterben;« und die Nothwendigkeit, daß Scipio sterbe, war nicht größer, als die, daß er auf jene Weise sterbe; und der Satz: »Scipio ist ermordet worden,« war eben so wenig aus einem wahren in einen falschen zu verwandeln, als der: »Scipio wird ermordet werden;« 20 und da dem so ist, gibt es keinen Grund für den Epicurus, das Schicksal zu fürchten, und bei den Atomen ein Auskunftsmittel zu suchen, dadurch daß er sie von ihrer Bahn abweichen läßt, und zu gleicher Zeit sich in zwei unauflösliche Widersprüche zu verwickeln; den einen: daß Etwas ohne Ursache geschehen soll, woraus sich ergäbe, daß aus Nichts Etwas würde; ein Satz, den weder er noch irgend ein Naturforscher gelten läßt; den zweiten: daß, während zwei Atome durch den leeren Raum sich bewegen, der eine sich gerade [senkrecht] bewege, der andere schief. Es darf nämlich Epicurus, wenn er zugibt, jeder ausgesprochene Satz sey entweder wahr oder falsch, nicht besorgen, es müsse dann nothwendig Alles durch das Schicksal geschehen. Denn nicht aus von Ewigkeit her bestimmten Ursachen, die aus Naturnothwendigkeit fließen, ist Das wahr, was so ausgesprochen wird: »Carneades begibt sich in die Academie;« und doch auch nicht ohne Ursachen; allein es ist ein Unterschied unter zufällig vorausgegangenen Ursachen, und unter Ursachen, die eine Naturwirkungskraft in sich schließen. So war zwar der Satz: »Epicurus wird sterben, nachdem er zwei und siebenzig Jahre gelebt hat unter dem Archon Pytharatus,« von jeher wahr; und doch lagen keine vom Schicksal verhängte Ursachen zum Grunde, warum es so geschehen mußte; allein, weil es so geschah, mußte es doch wohl so geschehen, wie es geschah. Auch Diejenigen, welche sagen, Das, was geschehen werde, sey unveränderlich, und das wirklich Zukünftige könne sich nicht in ein Nichtwirkliches verwandeln, bestätigen damit nicht die Nothwendigkeit des Schicksals, sondern erklären blos die Bedeutung der Ausdrücke. Diejenigen aber, welche eine ununterbrochene Reihe von Ursachen einführen [voraussetzen], berauben den menschlichen Geist seines freien Willens und fesseln ihn durch die Nothwendigkeit des Schicksals.
10. Doch genug hievon. Wenden wir uns zu Anderem. Es schließt nämlich Chrysippus auf folgende Weise: »Gibt es eine Bewegung ohne Ursache, so wird nicht jeder ausgesprochene Satz, was die Dialektiker Axiom [αξιώμα] nennen, entweder wahr oder falsch seyn. Denn was keine bewirkenden Ursachen haben wird, das wird weder wahr noch falsch seyn. Jeder ausgesprochene Satz ist aber entweder wahr oder falsch. Also gibt es keine Bewegung ohne Ursache. Ist dem so, so geschieht Alles, was geschieht, zu Folge vorangegangener Ursachen. Ist Dieß wahr, so geschieht Alles dem Schicksal zu Folge. Es ergibt sich also, daß Alles, was geschieht, dem Schicksal gemäß geschieht[1q]. Hier möchte ich zuerst dem Epicurus Recht geben, und behaupten, es sey nicht wahr, daß jeder ausgesprochene Satz entweder wahr oder falsch sey; lieber will ich diese Blöße geben, als der Behauptung beipflichten, daß Alles dem Schicksal zu Folge geschehe. Denn jene Ansicht hat doch noch Etwas für sich, die letztere aber ist geradezu unerträglich. Darum strengt auch Chrysippus alle Sehnen an, um seinem Satze Beifall zu verschaffen, daß jedes Axiom entweder wahr oder falsch sey. Denn wie Epicurus fürchtet, er möchte, wenn er Dieses einmal zugegeben habe, auch zugeben müssen, daß Alles, was nur immer geschieht, durch das Schicksal geschehe [denn wenn Eines oder das Andere von Ewigkeit her wahr sey, so sey es auch gewiß, und wenn gewiß, auch nothwendig; und so glaubt er, wäre dann die Nothwendigkeit und das Schicksal bestätigt], so fürchtet Chrysippus, er möchte, wenn er die Behauptung nicht festhalte, daß jeder ausgesprochene Satz entweder wahr oder falsch sey, auch den Satz nicht halten können, daß Alles dem Schicksal und den ewigen Ursachen aller kommen sollenden Dinge zu Folge geschehe. Epicurus aber glaubt der Nothwendigkeit des Schicksals ausweichen zu können, indem er Atome eine Abweichung (von der geraden, senkrechten Linie) annehmen läßt. Und so entsteht denn eine dritte Bewegung, außer der durch die Schwerkraft und den Stoß, wenn ein Axiom um den kleinsten Theil des Raumes abweicht. Das nennt er das Elachiston [Kleinste]. Daß diese Abweichung ohne Ursache geschehe, das ist er genöthigt, wo nicht ausdrücklich, doch thatsächlich [factisch] einzugestehen. Denn ein Atom weicht nicht durch den Stoß eines andern Atoms ab. Wie kann denn wohl eins vom andern einen Stoß bekommen; wenn die untheilbaren Körper durch ihre Schwerkraft senkrecht fallen, in geraden Linien, wie Epicurus behauptet? Denn, wenn nie das eine vom andern gestoßen wird, so folgt, daß sie auch einander nicht einmal berühren. Daraus ergibt sich denn, daß wenn ein Atom wirklich abweicht, es ohne Ursache abweicht. Diese Auskunft hat Epicurus aus dem Grunde ausgesonnen, weil er fürchtete, es möchte uns, wenn jedes Atom immer sich seiner natürlichen und nothwendigen Schwerkraft gemäß bewegte, kein Spielraum für freie Selbstthätigkeit bleiben, da die Seele eben sich so bewegen würde, wie sie durch die Bewegung der Atome genöthigt wäre. Darum wollte Democritus, 21 der die Lehre von den Atomen aufgebracht, lieber annehmen, es geschehe Alles zu Folge der Nothwendigkeit, als den untheilbaren Körpern nicht ihre natürliche Bewegung lassen.
11. Scharfsinniger ging Carneades 22 zu Werke, welcher lehrte, es können die Epicuräer ihre Sache ohne dieses Hirngespinnst von einer Abweichung vertheidigen. Denn da sie lehrten, es sey eine freiwillige Bewegung der Seele möglich, so hätten sie besser gethan, diesen Satz zu vertheidigen, als eine Abweichung anzunehmen, für die sie noch obendrein keine Ursache finden können. Und hätten sie Dieß durchgefochten, so könnten sie sich leicht gegen den Chrysippus halten. Denn hätten sie auch zugestanden, daß es keine Bewegung ohne Ursache gebe, so brauchten sie doch nicht zuzugeben, es geschehe Alles, was geschieht, in Folge vorausgehender Ursachen; denn [konnten sie sagen] die Ursachen [Triebfedern] unseres Willens seyen keine äussern und vorausgehenden. Es ist also ein bloßer Mißbrauch des gemeinen Sprachgebrauches, wenn wir sagen, es wolle Einer Etwas, oder wolle es nicht, ohne Ursache. Denn das »ohne Ursache« verstehen wir so, (er wolle Etwas, oder wolle es nicht) ohne eine äussere und vorausgehende Ursache, nicht, ohne alle Ursache. Gerade wie wir, wenn wir von einem Gefäße sagen, es sey leer, nicht den Sprachgebrauch der Naturforscher berücksichtigen, welche behaupten, es gebe gar nichts Leeres; sondern so sprechen, daß wir, zum Beispiel, damit sagen wollen, es sey in dem Gefäße kein Wasser, kein Wein, kein Oehl; so wollen wir, wenn wir sagen, die Seele bewege sich ohne Ursache, nur zu verstehen geben, sie bewege sich ohne vorausgehende und äussere Ursache, nicht aber, überhaupt (ganz und gar) ohne Ursache. Von einem Atom selbst, wenn es sich vermöge seiner Schwere und seines Gewichts durch den leeren Raum bewegt, läßt sich sagen, es bewege sich ohne Ursache, weil keine Ursache von aussen hinzutritt. Auf der andern Seite aber, damit nicht alle Physiker sich über uns lustig machen, wenn wir sagen, es geschehe Etwas ohne Ursache, muß man wieder unterscheiden, und so sprechen, das sey eben die Natur eines untheilbaren Körpers, daß er durch (sein) Gewicht und (seine) Schwere in Bewegung gesetzt werde, und eben Dieß sey die Ursache, warum er diese Richtung nehme. Gleicherweise braucht man zu (Erklärung der) freiwilligen Bewegungen der Seele keine äussere Ursache aufzusuchen. Denn die freiwillige Bewegung ist ihrer Natur nach von der Art, daß sie in unserer Gewalt ist, und zu Folge unseres Willens geschieht, und Dieß nicht ohne Ursache. Denn die Ursache davon ist eben ihre Natur. Da sich Dieß so verhält, warum soll denn der Satz nicht gelten, daß jeder bestimmte Ausspruch entweder wahr oder falsch sey, ohne daß wir zugeben müßten, es geschehe Alles, was geschieht, dem Schicksal zu Folge. Weil dasjenige Künftige, sagt er, nicht wahr [wirklich] seyn kann, was keine Ursachen hat, warum es in Zukunft seyn soll; so muß nothwendig Das, was wirklich ist, Ursachen haben; folglich muß es, wenn es geschehen ist, dem Schicksal zu Folge geschehen seyn.
12. Der ganze Streit ist abgethan, in so fern man dir zugeben muß (daß nur zwei Fälle möglich seyen), daß entweder Alles zu Folge des Schicksals geschehe, oder daß Etwas ohne Ursache geschehen könne. Kann folgender Satz: »Scipio wird Numantia 23 erobern,« anders wahr seyn, ausser wenn von Ewigkeit her Ursachen, die immer wieder neue Ursachen veranlassen, es bewirken? Hätte Dieß falsch seyn können, wenn es eine lange Reihe von Jahrhunderten wäre vorausgesagt worden? Und [wirklich] wäre damals der Satz: »Scipio wird Numantia erobern,« nicht wahr gewesen, so wäre selbst nach Zerstörung dieser Stadt der Satz: »Scipio hat Numantia erobert,« nicht wahr. Kann also Etwas geschehen seyn, dessen künftiges Geschehen nicht (zum Voraus) wahr gewesen ist? Denn so wie wir dasjenige Vergangene wahr nennen, dessen Bevorstehen in früherer Zeit wahr gewesen ist, so nennen wir das Künftige wahr, dessen Bevorstehen in der kommenden Zeit wahr seyn wird. Und wenn jeder ausgesprochene Satz entweder wahr oder falsch ist, so folgt daraus noch nicht gleich, daß unveränderliche und gar ewige Ursachen Statt finden, welche es verhindern, daß irgend Etwas sich anders ereigne, als es sich ereignen werde [sich zu ereignen bestimmt sey]. Zufällig sind die Ursachen, welche bewirken, daß Das mit Wahrheit gesprochen wird, was so ausgesprochen werden wird: »Cato wird in den Senat kommen,« nicht aber liegen sie in der Natur der Dinge und der Welt. Und dennoch ist es eben so unabänderlich, daß er kommen werde, wenn es wahr ist, als daß er gekommen sey, man braucht aber deßwegen doch kein Schicksal und keine Nothwendigkeit zu fürchten. Man wird nämlich [nur] gestehen müssen: Wenn der Satz, »Hortensius wird auf das tusculanische Landgut kommen,« nicht wahr ist, so folgt, daß er falsch ist. Jene dagegen wollen kein's von beiden gelten lassen, was eine baare Unmöglichkeit ist. Auch wird uns jene Schlußweise, die man den faulen Schluß nennt, nicht im Wege stehen. Es gibt nämlich eine Folgerungsweise, welche die Philosophen den faulen Schluß [αργὸς λόγος] nennen, dem zu Folge wir in unserem ganzen Leben schlechterdings Nichts thun dürften. Jene Schlußweise ist aber folgende: »Ist es über dich verhängt, von dieser Krankheit zu genesen, so magst du einen Arzt beiziehen oder nicht, du wirst genesen.« Ferner: »ist es über dich verhängt, von dieser Krankheit nicht zu genesen, so magst du einen Arzt beiziehen oder nicht, du wirst nicht genesen.« Das Eine aber oder das Andere ist vom Schicksal verhängt; folglich ist es zwecklos, einen Arzt zu gebrauchen.
13. Mit Recht hat man diese Schlußform den faulen und trägen Schluß genannt; denn mit derselben Folgerungsweise läßt sich alles Handeln aus dem Leben verbannen. Man kann ihr aber auch eine andere Form geben, wobei man das Wort Verhängniß [Schicksal] gar nicht zu setzen braucht, und doch denselben Satz herausbringt; nämlich so: Ist von Ewigkeit der Satz wahr gewesen, »du wirst von dieser Krankheit genesen,« so magst du einen Arzt zuziehen oder nicht, du wirst genesen. Ferner: Wenn von Ewigkeit her der Satz falsch gewesen ist, »du wirst von dieser Krankheit genesen;« so magst du einen Arzt zuziehen oder nicht, du wirst nicht genesen. Und so weiter. Diese Folgerungsweise wird vom Chrysippus getadelt. »Es gibt nämlich, sagt er, in den Dingen [Begebenheiten auf der Welt] einige, die einfach, andere, die zusammengesetzt sind. Einfach ist: ›An diesem Tage wird Socrates sterben.‹ Diesem ist, er mag Etwas thun oder nicht, der Todestag bestimmt. Aber wenn der Spruch des Schicksals so lautet: ›Dem Laïus 24 wird Oedipus geboren werden;‹ so wird nicht gesagt werden können: ›es mag nun Laïus einem Weibe beiwohnen oder nicht;‹ denn Dieß hängt mit dem Vorigen nothwendig zusammen, und ist Jenes verhängt, so auch Dieses, oder es ist mitverhängt;« so nennt er es nämlich, weil es verhängt ist, daß Laïus seiner Gemahlin beiwohnen werde, und daß er mit ihr den Oedipus zeugen werde. Gleicherweise, wenn ausgesprochen wäre: »Milo 25 wird bei den Olympischen Spielen ringen;« und es würde Einer erwiedern: »er wird also ringen, er mag einen Gegner oder keinen haben,« Der würde irren. Denn der Ausspruch: »er wird ringen,« enthält etwas Zusammengesetztes, weil ein Ringen ohne einen Gegner nicht Statt finden kann. Demnach lassen sich alle dergleichen Trugschlüsse auf dieselbe Weise widerlegen. Es ist ein Trugschluß, zu sagen: »Du wirst genesen, du magst einen Arzt zuziehen oder nicht.« Denn es ist eben so gut verhängt, daß du einen Arzt brauchest, als daß du genesest. Dergleichen nennt er, wie gesagt. mitverhängt.
14. Carneades sprach sich gegen dieses ganze Verfahren tadelnd aus, und hatte die Ansicht, diese ganze Folgerungsweise sey allzu übereilt. Er suchte der Wahrheit also auf einem andern Wege beizukommen, ohne alle Verdrehung, und schloß auf folgende Weise: »Geschieht Alles vorangegangenen Ursachen zu Folge, so geschieht Alles auf eine durch natürlichen Zusammenhang verknüpfte und verbundene Weise. Ist Dieß so, so wird Alles durch die Nothwendigkeit bewirkt; und ist Dieß wahr, so steht Nichts in unserer Macht. Es steht aber Etwas in unserer Macht. Allein wenn alles in Folge des Verhängnisses geschieht, so geschieht auch Alles zu Folge vorangegangener Ursachen. Es geschieht also nicht Alles, was geschieht, dem Verhängniß [Schicksal] zu Folge. Eine strengere Schlußfolge läßt sich nicht machen. Denn wollte es Einer umdrehen und erwiedern: »Wenn alles Künftige von Ewigkeit her wahr ist, so daß es wirklich so erfolgen muß, wie es sich ereignen wird, so ist nothwendig, daß Alles auf eine durch natürlichen Zusammenhang verknüpfte und verbundene Weise geschehe,« Der würde damit Nichts sagen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob eine Naturursache das von Ewigkeit zu geschehen Bestimmte wahr mache, oder ob, auch ohne von Natur bestimmte ewige Nothwendigkeit, sich begreifen lasse, daß, was zukünftig sey, wahr sey. Darum sagte Carneades, selbst Apollo könne nicht sagen, es werde sich Etwas zutragen, ausser solche Ereignisse, deren Ursachen so in der Natur liegen, daß sie nothwendig geschehen müssen. Denn auf Was blickend [in welcher Hinsicht] könnte denn der Gott selbst sagen, Marcellus (ich meine Den, der dreimal Consul war) werde im Meere umkommen? 26 Es war Dieß nämlich von Ewigkeit her wahr, ohne daß (ewige) Ursachen, die es bewirkten, Statt fanden. So glaubte er auch, selbst das Vergangene, von dem keine Zeichen, gleichsam als Spuren, mehr vorhanden wären, sey dem Apollo nicht bekannt; um wie viel weniger das Künftige. Denn erst, wenn man die jedes Ereigniß bewirkenden Ursachen kenne, könne man wissen, Was geschehen werde. Also habe auch Apollo nicht einmal vom Oedipus voraussagen können, wofern nicht die Ursachen davon zuvor in der Natur gelegen wären, daß sein Vater von ihm getödtet werden müsse, noch sonst Etwas dergleichen.
15. Wenn es deswegen sich mit den Grundsätzen der Stoiker, welche behaupten, es geschehe Alles dem Verhängnisse zu Folge, wirklich verträgt, dergleichen Orakelsprüche, und dem Uebrigen, was angeblich zur Weissagung gehört, Glauben beizumessen; Diejenigen aber, welche, was zukünftig ist [geschehen wird], für von Ewigkeit her wahr erklären, nicht Dasselbe sagen dürfen, so möchte ihre Sache doch wohl eine ganz andere seyn, als die der Stoiker. Denn Diese sind in engere Schranken gebannt; Jene können unbeschränkter und freier folgern. Gibt man zu, es könne sich Nichts ereignen, außer in Folge einer vorangegangenen Ursache: was gewinnt man, wenn man sagt, es hange diese Ursache nicht mit einer ewigen Verkettung von Ursachen zusammen? Eine Ursache aber ist Das, was Dasjenige bewirkt, wovon es Ursache ist; z.B. eine Wunde (Ursache) des Todes, Unverdaulichkeit (Ursache) einer Krankheit, Feuer (Ursache) einer Entzündung. Man muß also, wenn von einer Ursache die Rede ist, sich die Sache nicht so denken, als sey Das, was jedem Ereignisse vorausgeht, dessen Ursache, sondern Das, was ihm, es bewirkend, vorangeht; und daß (z.B.) nicht (der Umstand), daß ich mich auf das Marsfeld begab, Ursache gewesen sey, warum ich Ball spielte; auch nicht, daß Hecuba die Ursache des Unterganges für die Trojaner gewesen, weil sie den Alexander 27 geboren hat, auch nicht Tyndareus (Ursache des Unterganges) für den Agamemnon, weil er die Clytämnestra erzeugte. Denn dürfte man so schließen, so wäre auch ein gut gekleideter Wanderer Ursache für einen Straßenräuber, daß dieser ihn ausplünderte. Und in diesem Sinne heißt es auch in der bekannten Stelle bei Ennius: 28
O wäre nicht im Pelischen Hain vom Aexteschlag Gefällt zum Boden hingestreckt der Tannenstamm!
Er konnte auch noch weiter ausholen. »Owäre auf dem Pelios nie ein Baum gewachsen!« oder noch weiter: »Ogäbe es doch keinen Berg Pelios!« und so könnte man, immer auf etwas Früheres kommend, in's Unendliche zurückgehen:
Und hätt' ein Schiff daraus zu zimmern nie man doch Begonnen
Wozu das Bisherige? Weil dann darauf folgt:
Nicht trät' im Wahnsinn meine Herrin aus dem Haus, Medea, herzkrank, blutend von der Liebe Pfeil.
Als ob jene Dinge Ursachen der Liebe herbeiführten!
