Vom Sein - Klaus Munk - E-Book

Vom Sein E-Book

Klaus Munk

0,0

Beschreibung

Wir leben in einer immer haltloser werdenden Zeit. Alte Erklärungsmodelle taugen nicht mehr als Orientierungshilfe. Mit dieser Erkenntnis hat sich der Autor dieses Buches vor vierzig Jahren auf die Suche nach neuen nachhaltigen Werten gemacht. Persönliche und gesellschaftliche Situation hat er in der seitdem vergangenen Zeit aus verschiedensten Blickwinkeln analysiert. Als Ergebnis dieser lebenslangen Suche eröffnen sich in diesem Buch gänzlich unerwartete Wege zu einem neuen Lebenssinn, neuen Formen des Zusammenlebens und neuen Zukunftsmodellen. Wahrheit wird relativ, Gott wird plausibel, Menschlichkeit wird machbar und Gesellschaft gerecht. eine Utopie mit Chancen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht in Deinem Kopf, dann sind sie nirgendwoAndré Heller

Der Autor – Klaus Walter Munk wurde geboren in Essen (Ruhr) im Jahre 1948. Schon in jungen Jahren in konfessionelle Konflikte innerhalb der Familie verstrickt, bewegten ihn die Fragen nach dem Sinn und dem Urgrund des Lebens von Kind an. In Nächte langen Gesprächen mit seinem besten Freund entwickelten später beide ihre ganz besondere Diskussions- und Denktechnik. Im Konflikt mit dem Glauben seiner Eltern und Großeltern begann er etwa ab dem dreißigsten Lebensjahr mit systematischen Forschungen zu den möglichen Grundlagen eines neuen nachhaltigen Weltbildes. Diese Forschungen setzte er mit Unterbrechungen fort und konzipierte und verwarf mehrere Manuskripte zu diesem Buch, bis er es endlich -jetzt im Jahre 2018- abschließend zu Ende schrieb. Munk ist es in diesem Buch gelungen, durch die Lösung von eingefahrenen Denkweisen Ansätze zu einer neuen Lebensphilosophie zu finden. Ansätze, die dazu geeignet sind, die aktuelle Erstarrung des Denkens aufzulösen. Munk studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Er lebte ein buntes, vielfältiges Leben als Künstler, Autor, Dozent, Unternehmensberater, und Politiker. Er war Fließbandarbeiter und Geschäftsführer, stellvertretender Bürgermeister und Ratsherr, Müllfahrer und Präsident einer Gesellschaft für internationalen Kulturaustausch. Selbst sagt er dazu, dass es ohne die Erfahrungen und Begegnungen auf seiner „Achterbahnfahrt des Lebens“ dieses Buch nicht gäbe.

Klaus W. Munk im Jahr 2013

In einer Zeit, in der Islamisten und christliche Fundamentalisten im Gefühl des nahenden Endes ihrer Welt mit dem Rücken zur Wand immer wilder um sich schlagen. In einer Zeit in der sich Materialisten als kleinkarierte Alternative zum Jenseits anbieten. In dieser Zeit wird es dringend nötig, nach plausiblen Alternativen zu suchen, die dem menschlichen Leben einen glaubbaren Sinn geben können.

Ich glaube, eine mögliche Alternative gefunden zu haben im Modell eines Jenseits ohne „regierenden“ Gott, in einer Welt in der jeder selbst Teil Gottes ist und damit auch göttliche Verantwortungen trägt.

Kurz vor ihrem Tod las meine Tante das noch unfertige Manuskript zu diesem Buch.

„Nun habe ich Hoffnung, dass es weiter geht nach dem Tod“ sagte sie danach.

Wenige Tage später starb sie – mit einem Lächeln.

Es mag sein, dass dieses Buch der Welt nicht hilft.

Wenn es einem Menschen geholfen hat, und vielleicht noch einmal jemandem helfen kann, dann war es schon alle Mühe wert.

Denn wenn ich Recht habe, dann hilfst Du der ganzen Welt, wenn Du nur einem Menschen hilfst.

Bad Honnef im Oktober 2017

Klaus W. Munk

für meinen FreundHans Jürgen Schentender mit mir in langen Nächten über viele Jahre eine Gedankenwelt durchwandert hat, die letztlich in dieses Buch mündete. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber was zählt das gegen die inneren Reichtümer, die wir auf unserem gemeinsamen geistigen Weg erobert haben.

für Renatedie in unseren gemeinsamen Jahren immer an mich und den Sinn meines Denkens und Schreibens geglaubt hat.

Für Karinohne die ich nicht mehr da gewesen wäre um dieses Buch zu Ende zu schreiben

Für meine Söhne

INHALT

PROLOG

BUCH I VOM SEIN

Erster Teil - Von der Erkenntnis

I Von der Wahrheit

II Von der Logik

III Vom Glauben

Zweiter Teil - Vom Wesen der Dinge

IV Von der Zeit

V Vom Werden

VI Von Gott

Dritter Teil - Vom Leben

VII Vom Sinn

VIII Von der Liebe

BUCH II VON DER GEMEINSCHAFT

Vierter Teil - Vom Schutz des Lebens

IX Vom Recht

X Vom Forschen

Fünfter Teil - Vom Zusammenleben

XI Von den Gruppen

XII Vom Regieren

XIII Vom Markt

XIV Von Verteilung und Gerechtigkeit

Sechster Teil - Von gestern, heute, morgen

XV Vom Gang der Geschichte

XVI Vom Primat der Bildung

EPILOG

Die Entwicklung des geistigen Lebens in Europa scheint vom Ausgang des Mittelalters an zwei große Tendenzen gehabt zu haben: Die Befreiung des Denkens und Glaubens von jeglicher autoritativen Beeinflussung einerseits, andererseits das heimliche Suchen nach einer Legitimierung dieser Freiheit, nach einer neuen, aus sich selbst herauskommenden ihr adäquaten Autorität.

Hermann Hesse in: „Das Glasperlenspiel“

PROLOG

Mein Weg

Nun bin ich neunundsechzig Jahre alt geworden. Begonnen habe ich mit diesem Manuskript als ich Anfang zwanzig war. Intensiv gearbeitet habe ich an den Themen zwischen dreißig und vierzig. Dann hielt ich alles Geschriebene für Unsinn und Spekulation, bis ich mit Mitte fünfzig begriff, dass die Entwicklung des weltanschaulichen Gebäudes, das sich in diesem Text aus all den Gedanken zusammenfügt, die ich über Jahrzehnte entwickelt hatte, eine zentrale Aufgabe meines Lebens ist. Damals beschloss ich, einmal im Alter mit mehr Ruhe alles aufzuarbeiten. Und nun haben mir ein paar Herzrhythmusstörungen angezeigt, dass es nicht an mir liegt, wie viel Zeit noch bleibt, und dass es darum klüger ist, sofort mit dem zu beginnen, was mich über all die Jahrzehnte kontinuierlicher begleitet hat als irgendein Mensch, irgendein anderer Traum, irgendeine andere Handlung.

Wo kam das her? Wie hat das alles angefangen?

„Ungläubiger Thomas„ Oft hat mich meine Mutter so genannt. Aus ihrer Stimme klang die Enttäuschung, dass ich trotz aller Erziehungsversuche nicht so sein konnte wie sie – innig und absolut im Glauben. Aufgewachsen in einer altpreußischen traditionell protestantischen Familie war sie gegen den Willen ihrer Eltern zum Katholizismus konvertiert. Der ganze Glanz dieser Kirche mit der besonders vor dem zweiten vatikanischen Konzil gelebten Pracht des „Reiches Gottes“ entsprach mehr ihrer Natur als die nüchtern fromme Art des preußischen Protestantismus. Die Herrlichkeit des Gottesreiches zu feiern lag ihr mehr als das hiesige „Jammertal“ zu beklagen. In diesem Königreich ging sie auf. Sie fragte nicht. Sie glaubte – und das umso mehr und umso trotziger je mehr sie dafür von ihrer Umwelt angegriffen wurde.

Und das wurde sie reichlich. Durch die Ehe mit meinem Vater geriet sie zu ihrem Unglück mitten hinein in den bigotten Fanatismus einer streng gläubigen freikirchlich protestantischen Familie, die ihr – der Renegatin, der Verräterin, der Papistinoffenen Hass entgegenbrachte.

Auch ein starker Mensch wie sie konnte den jahrelangen Nachstellungen nur durch zunehmende Verbohrtheit in den eigenen Ansichten widerstehen, ohne an der Feindseligkeit ihrer Umwelt zu zerbrechen.

Diese Entwicklung ihrer Persönlichkeit wirkte sich auch auf mich aus. Sie sah es als ihre Verpflichtung an, auch mir – ihrem einzigen Sohn- ihre Art von absolutistischem, kämpferischem Katholizismus zu vermitteln. Natürlich folgte ich ihr und war in diesen Zeiten ihr Ritter, ihr Beschützer und Verteidiger vor den Anfeindungen der Andersgläubigen.

So wuchs ich also auf in einem sich Tag für Tag neu entzündenden Krieg zwischen einer Großmutter, die mich vor dem teuflischen Zugriff der „Papisten“ zu retten suchte und einer Mutter, die mit aller Kraft versuchte, ihrer als Katholikin von ihrer Kirche auferlegten Verpflichtung, mich im „rechten Glauben“ zu erziehen, gerecht zu werden.

Ich wechselte so zwischen der Rolle als Zaungast bei den Bibelkreisen meiner Großeltern und meinem von der Mutter durchgesetzten Kommunionsunterricht, wurde vom Vater auf Druck seiner Mutter in eine evangelische Schule eingeschult und ein Jahr später von der Mutter wieder umgeschult.

Ein Kind braucht eine feste Orientierung, einen Ausgangspunkt für seine eigene geistige Entwicklung. Die Mutter ist wohl jedem Menschen in dieser Entwicklungsphase die wichtigste Bezugsperson. Bei mir war diese Bindung durch den äußeren Druck umso stärker. So war es nur folgerichtig, dass ich ihre Ansichten zu den meinen machte.

Wie sie sah ich mich in der ersten Front der Kämpfer Gottes. Die Firmung empfing ich wie den längst verdienten Ritterschlag. Und doch – in mir war durch die Situation schon damals eine Zerrissenheit angelegt, die von Jahr zu Jahr wuchs. Es gab ja nicht nur meine Mutter. Ich liebte ja auch meinen Vater den Protestanten. Ich liebte meine Großeltern. Viele ihrer Freunde und unsere Verwandten aus der väterlichen Linie waren mir als liebenswerte Menschen begegnet. Der Pfarrer hinter Mutter war ein ebenso netter alter Herr wie der Pastor hinter Oma. Wie konnte da der eine so klug sein in der Wahrheit zu leben und der andere so dumm, seine ewige Seligkeit durch den falschen Glauben aufs Spiel zu setzen? Das war mir unbegreiflich.

So etwa ab dem zehnten Lebensjahr gesellte sich in meinem Bewusstsein zu diesem für mich unlösbaren Widerspruch ein weiterer: Mitten durch meine Familie verlief nicht nur eine religiöse Demarkationslinie sondern auch die der deutschen Teilung.

Sowohl die Eltern meines Vaters als auch meine Mutter, deren Eltern und fast alle Verwandten lebten in der damaligen DDR. Von klein auf verbrachte ich die Sommer an den Seen Brandenburgs. Bei jeder Reise dorthin passierte ich die innerdeutsche Grenze, erlebte Kontrollen, Leibesvisitationen, Schikanen aller Art – aber auch die Kinderfreundlichkeit russischer Soldaten und nette hilfsbereite Menschen in Uniform auf beiden Seiten des Stacheldrahts.

Meine Mutter war geprägt durch ihre persönlichen Erlebnisse beim Einmarsch der roten Armee in Berlin. Als Arzthelferin wurde sie über ihre eigene Bedrohung hinaus Zeugin der Folgen grausamster Misshandlungen und Verzweiflungstaten. Sie sah Dinge, von denen sie ein Leben lang traumatisiert blieb. Die Folge war ein so irrationaler und grenzenloser Hass auf alles was mit Russen, DDR, Kommunismus zu tun hatte, dass sie bei diesen Themen ihr ganzes Leben zu einer rationalen Reflexion nicht mehr fähig war.

Ich aber stand da mit den Widersprüchen zwischen den Ungeheuern, die meine Mutter ausmalte und den realen Menschen, denen ich begegnete und die mir gute Bekannte und Freunde wurden.

Überall fand ich Gute und Schlechte. Auf jeder Seite gab es Menschen, die unterdrückten und die unterdrückt wurden. Wem sollte ich da glauben, wem mich zuwenden, vor wem mich hüten?

Wenn einer von ihnen absolut Recht hätte, dann hätten ja alle anderen absolut Unrecht. Schwer vorstellbar. Ich entschloss mich anzunehmen, dass sie alle – jeder auf seine Weise- recht hatten und auch alle – jeder auf seine Weise- irrten. Keinen von ihnen hielt ich für so dumm, in allem vollkommen falsch zu liegen. Wenn aber alle ein wenig richtig lagen, dann lag es nahe, dass sich in all ihren Lehren, Ideologien und Religionen – von Menschen guten Willens geschaffen, von Menschen bösen Willens missbraucht – ein Kern von Wahrheit versteckte, der ihnen gemeinsam war.

Wäre die Wahrheit ein Mantel, so hingen sie bildlich gesehen alle an einem anderen Zipfel. Könnte ich also diese Zipfel der Wahrheit in einen Zusammenhang bringen, so sähe ich –wenn schon nicht den ganzen Mantel – so doch wenigstens ein Stück seines Saums.

Erst einmal so weit gekommen, richtet sich der ganze Ehrgeiz meines Denkens darauf, diesen Saum der Wahrheit so weit wie möglich für mich frei zu legen. Dieser Ehrgeiz ist mir geblieben.

Dieses Buch soll eine Bestandsaufnahme dessen sein, was dieser Ehrgeiz bis heute gebracht hat. Ein Fazit für mich und – wie ich hoffe – eine Anregung für Sie, denn der Zweifel an den alten Lehren nagt ja nicht nur an mir. Er ist umso größer je mehr „Verkünder“ mit dem Anspruch auf den alleinigen Besitz der Wahrheit daherkommen.

Die Zeit ist reif

Es ist offenkundig, dass in unserer Gesellschaft die alten Werte, die bisherigen Grundlagen sozialen Zusammenhalts allmählich verloren gehen, ohne dass sie durch ein neues tragfähiges Fundament für unsere Gesellschaft ersetzt würden. Woraus ein solches neues Fundament bestehen könnte, ist auch nicht zu erkennen.

Religionen die ihre Lehren für unfehlbar halten und ihre Existenzberechtigung seit Jahrtausenden aus ihren Erklärungen des ansonsten offensichtlich Unerklärlichen herleiten, befinden sich schon lange mit jedem Fortschritt der Wissenschaften auf einem permanenten Rückzug – sei es in eine gebetsmühlenhafte Wiederholung von „Wahrheiten“, die längst jeder logischen Herleitung entbehren, sei es in den Terror eines fanatischen Dogmatismus – um sich schlagend wie jedes Wesen, das keinen Ausweg mehr aus dem eigenen Untergang findet.

Formeln, die in einer anderen Zeit mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft brachten, wurden umgedeutet und werden nun als ideologische Grundlage missbraucht für einen zum Teil mörderischen Umgang mit den Mitmenschen und manchmal auch mit sich selbst. Denken wir nur an die islamistischen Mörder und Selbstmörder. Viele Ideen die einmal von humanistischen Idealisten in die Welt gesetzt wurden, mutierten zu teuflischen Instrumenten der Ausbeutung ganzer Völker und Kontinente. Wobei auch das Christentum bis in die Gegenwart eine ausgesprochen unrühmliche Rolle gespielt hat. Fazit: Die alten Werte sind unglaubwürdig, entmachtet, pervertiert oder tot. Die neuen noch nicht gefunden. Was bleibt?

Kann ein denkender Mensch ohne seelischen Schaden zu nehmen, ein ganzes Leben ausschließlich dafür leben, die Müllberge unserer Welt weiter zu vergrößern? Kann jemand zu innerer Zufriedenheit gelangen, der ständig von einem oft künstlich geschaffenen Bedürfnis zum anderen getrieben wird? Kann eine Gesellschaft, die das immer schnellere Verbrauchen ihrer Ressourcen zu einer Art Religion des Wachstums erhoben hat, wirklich glauben, dass dieses Wachstum ein tragfähiges Fundament für ihre langfristige Stabilität sein könnte?

Wo sich innere Leere immer weiter ausbreitet, da haben obskure Sekten, falsche Propheten, Astrologen und fragwürdige Therapeuten Hochkonjunktur.

Geschichte wiederholt sich nicht – sagt man. Und doch gibt es immer wieder Parallelen. Hatte zum Beispiel das zunehmend dekadente Rom der Kaiserzeit seine Menschen verachtenden Gladiatorenkämpfe, so hat unsere Zivilisation Fernsehshows, die immer weiter gehen in der Entwürdigung der Kandidaten und Vieles mehr in dieser Art. Zwar wagt man noch nicht die physische Vernichtung um der Einschaltquote willen, die Vernichtung der Persönlichkeit aber findet schon jeden Abend statt.

Wie im späten Rom blüht der Körperkult. Das Ideal von Jugend, Kraft, Schönheit und Leistungsfähigkeit soll Tod, Krankheit und Alter ins unsichtbare Abseits drängen. Aber auch das gehört zum Leben und lässt sich auch mit dem ekstatischsten Totentanz nicht verdrängen. Soviel Spaß, soviel „Fun“, sowenig Werte neben dem rein Materiellen fand man immer nur in sterbenden Zivilisationen.

Wir leben in einer sehr rationalen Zeit. - So sagt man. Philosophen nehmen den zunehmend schnelleren Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis zum Anlass, das Bild einer schönen neuen Welt ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode zu entwerfen. Evolutionärer Humanismus statt Idealismus.

Und doch haben die obskursten Zauberlehren Hochkonjunktur! Warum das? Die Druiden stehen –bildlich gesprochen- an den Toren unserer Atomkraftwerke. Die Schamanen der Steinzeit tanzen mit in unseren Techno-Diskos. Wünschelrute und Pentagramm liegen bei unserer Jugend nur zu oft direkt neben den Computern der neuesten Generation.

Was ist schief gelaufen? Unser Denken scheint offensichtlich in seiner bisherigen Form an einer imaginären Grenze angekommen zu sein. Wir stehen ziemlich nah am Rand des trotz allen Fortschritts wissenschaftlich noch begreifbaren Universums. Für den Weg über diesen Rand hinaus ins völlig Unbekannte hatten wir den Glauben. Dieser alte Glaube aber –unser Krückstock des Denkens- hat versagt, weil er zu oft und zu schnell schon Grenzen setzen wollte, wo Denken alleine ausgereicht hätte, um uns mit Riesenschritten weiter zu bringen.

Auf der Suche nach einem Mittel, die aktuelle Grenze unserer Erkenntnisfähigkeit auch ohne die Krücke Glauben zu durchbrechen, suchen nun Viele in ihrer Hilflosigkeit – verlassen von den erloschenen Leuchttürmen der alten geistigen Autoritäten- ihr Heil auf Pfaden, die sie letztlich nur zurückwerfen in archaische Vorzeiten. Ist aber die imaginäre Grenze, an der unser Geist zu stranden droht, wirklich eine Grenze der Möglichkeiten unseres Begreifens, oder ist es nur die Art wie wir denken, die uns nicht mehr weiterträgt? Ich denke das Letztere ist es. Es wird weiter gehen. Nur nicht auf alten Wegen. Die Zeit ist reif für etwas Neues.

Es wächst eine Sehnsucht. Das ist die Sehnsucht nach einem neuen Bild der Welt. Einem Bild, das auch dem kritischen, wissenschaftlich hinterfragenden Menschen neue Hoffnung und neuen Halt über seine materiellen Bedürfnisse hinaus geben kann. Die Zeit ist reif für eine neue Lehre in der – wenn es in ihr noch einen Gott geben sollte- dieser in seinem Wesen und seinem Sein wenn schon nicht erkennbar so doch wenigstens logisch nachvollziehbar ist. Kurz gesagt, die Menschheit sehnt sich nach einer Versöhnung von Wissen und Glauben.

Es ist darum höchste Zeit für ein Weltbild, in dem auch Andersdenkende und anders Beschaffene ihren gleichberechtigten Platz haben. Zeit für ein Weltbild in dem sich die Probleme der Gegenwart und die Chancen der Zukunft nachvollziehbar wiederfinden, und in dem zu ihrer Lösung für alle nachvollziehbare Formeln angeboten werden.

Standortwechsel

Wie man die Welt sieht ist abhängig vom Standort des Betrachters. Spätestens seit Einstein und seiner Relativitätstheorie hat diese Erkenntnis allgemein Anerkennung gefunden. Auch die Entwicklung menschlichen Wissens erfolgte durch die Jahrtausende auf der Basis dieser einfachen Tatsache. Immer wenn die Menschheit wieder einmal an den Grenzen ihres Begreifens angelangt war, ist es ihr gelungen, sich gedanklich an einen anderen Punkt der für sie erkennbaren Welt zu stellen, und die Welt von diesem neuen virtuellen Standpunkt aus neu zu entdecken. So hat man immer wieder dem eigenen Denken neue Horizonte eröffnet.

Solange der Mensch sich zum Beispiel auf einer Scheibe angesiedelt sah, erklärte er sich folgerichtig die Welt von diesem Standort aus. Die Sonne versank von diesem Standpunkt aus völlig logisch jeden Abend im Weltenmeer, das die Erdscheibe nach seiner Vorstellung umgab und wurde jeden Morgen neu aus ihm geboren.

Das Leben fand unter einem Sternenhimmel statt, der sich wie ein riesiges Zelt über die Erdenscheibe spannte. Am Rand dieser Scheibe, an dem Punkt, an dem das Himmelszelt die Erde berührte, musste die vorstellbare Welt enden. An dieser Grenze hatte auch der Forscherdrang des Menschen zu enden. Wer über dies hinaus zu denken wagte, war ein Irrer, ein Ketzer der an den Säulen rüttelte, auf denen das Gefühl der eigenen Sicherheit in einem sonst unvorstellbaren Universum ruhte.

Alexander der Große wollte die damals bekannte Welt erobern und sich die ganze Erdenscheibe zum Eigentum machen. Darum brach er auf nach Indien. Nach den Vorstellungen seiner Zeit hätte ihn dieser Feldzug an den Rand der Weltscheibe geführt, an dem entlang er über Afrika nach Ägypten und schließlich nach Griechenland hätte zurückkommen müssen – auf diesem Wege alle Länder unterwerfend um so am Ende Herr der ganzen Erde zu sein.

Hätten ihn die indischen Kriegselefanten nicht gestoppt, wäre er mit seinem Heer aber in einer Welt herumgeirrt, die er sich nicht hätte vorstellen können, weil sie außerhalb seines Horizontes lag. Vielleicht hätte man nie wieder etwas von ihm gehört und aus dem großen Reichsgründer wäre eine verschollene Sagenfigur geworden.

Die Vorstellung von der Erdenscheibe konnte solange Bestand haben, wie nicht immer mehr Beobachtungen zu anderen Schlussfolgerungen führten, die auch mit den kompliziertesten Denkmodellen nicht mehr in das gewohnte Bild einzufügen waren.

Ab diesem Punkt musste der Kampf zwischen den Erneuerern und den Bewahrern offen ausbrechen.

In einer solchen Phase eines grundlegenden Umbruchs im Denken wächst die fanatische Abwehr der „Bewahrer“ der „alten Werte“. In ihrer Angst vor dem unbekannten Neuen nimmt ihre Aggression im gleichen Maße zu, wie ihnen ihre Argumente ausgehen. Es beginnt die Phase in der man neue Gedanken verbietet und neue Bücher verbrennt - und am Ende auch ihre Autoren.

Aber alle scheinbaren Beweise und alle Gewalt zur Rettung der alten Lehre helfen nicht mehr, so dass schließlich –nachdem bereits viel zu viele vorwärtsstrebende Geister im Abwehrkampf des Alten zugrunde gegangen sind - der Standortwechsel vollzogen ist.

So war es auch als der Mensch von seinem Standort auf der Erdenscheibe hinüber wechselte auf den neu entdeckten Globus.

Der Mensch stand nicht mehr auf einer Scheibe, geborgen unter einer himmlischen Glocke, sondern auf einer Kugel ohne Begrenzungen und unter einem offenen Himmel. Diese neue Sicht der Dinge gab ihm die Möglichkeit, sich von den Ufern der Weltmeere zu lösen und aufzubrechen zu neuen Horizonten. Die Geschichte der Menschheit veränderte sich dramatisch – wurde global.

Auch der nächste große Standortwechsel des Menschen geschah nicht ohne erheblichen zum Teil mörderischen Widerstand.

Nicht mehr die Erde sondern die Sonne sollte das Zentrum unseres Systems sein. Damit rückte der Mensch an den Rand des Universums. Eine für viele unerträgliche Vorstellung – besonders für die, die ihre Autorität daraus herleiteten, dass ihr Thron im Mittelpunkt des Universums stand: für den Papst und die Kirche. Die Inquisition hielt blutige Ernte, um die Ausbreitung dieser ketzerischen Ansichten zu verhindern.

Es ließ sich nicht aufhalten. Kopernikus und Galilei rückten den Menschen mit der Erde auf der er wohnt an den Rand des Universums. Das aber eröffnete ihm letztlich den Weg dorthin. Bertold Brecht hat es in seinem Drama „ Leben des Galilei“ wunderbar formuliert: „ ...Das Weltall aber hat über Nacht seinen Mittelpunkt verloren, und am Morgen hatte es deren unzählige, so dass jeder jetzt als Mittelpunkt angesehen wird und keiner. Denn da ist viel Platz plötzlich.“

Der Name Albert Einstein steht für einen weiteren epochemachenden Standortwechsel, dessen ganze Auswirkung für die weitere Zukunft der Menschheit noch gar nicht absehbar ist: Er hat den durch Galilei geöffneten Raum, der sich noch geradlinig im Universum verlor umgedacht in die unendliche Endlichkeit des gekrümmten Raums. Er hat außerdem einen Zusammenhang von Materie und Energie beschrieben, der den Menschen zu seinem Glück oder Unglück Macht über die Energie von Sonnen gegeben hat.

Noch epochaler aber erscheint mir: Einstein hat uns eine neue Vorstellung von der Zeit gegeben. Er hat die Abhängigkeit der Zeit von Masse und Geschwindigkeit erkannt und damit die menschliche Vorstellungskraft an ihre Grenzen geführt. Aber auch wenn unsere Vorstellungsmöglichkeiten fast schon überfordert sind stehen wir hier doch erst am Anfang. Noch ist nicht zu erkennen, wohin sich durch diese Eröffnung ganz neuer Zeithorizonte unser Standort im gesamten Weltall erneut verschieben wird, und welche neuen Horizonte sich dadurch öffnen werden.

Raum, Materie und Energie sind aus den verschiedensten Perspektiven weit gedacht und begriffen worden. Die Ergründung und Prüfung der Perspektiven aber, die sich aus der relativen Natur der Zeit ergeben, hat gerade erst begonnen. Wenn also nach Chancen für neue große Sprünge in der Erkenntnisfähigkeit des Menschen gesucht wird, dann dürften Sie bei der Erforschung des Wesens der Zeit am ehesten zu finden sein. Darum wird die Zeit auch eines der zentralen Themen dieses Buches sein.

Dieses Buch

Dieses Buch will in möglichst einfachen Worten seinen Beitrag leisten zu neuen Denkansätzen an der Bruchstelle zwischen zwei Jahrtausenden.

Dieses Buch will Thesen formulieren, die anecken, die provozieren und die so Grundlage lebhafter und fruchtbarer Diskussionen werden können. Es ist nicht das Ziel, fehlerlose Lösungen zu den Problemen unserer Zeit zu finden, sondern es soll versucht werden, den Philosophien und Gesellschaftsmodellen der Gegenwart Modelle entgegen zu setzen, die in ihrem Kern einen größeren Beitrag zur Überwindung der Krisen von heute und morgen leisten können als die bisherigen. Viele werden mit einem lauten „ja aber“ reagieren. Sie werden die Schwächen und Probleme der neuen Vorschläge aufzeigen und besonders betonen, um ihre alten Konzepte vor dem Druck neuer Ideen zu schützen. Schwächen und Probleme aber hat jedes Konzept –ob alt oder neu. Darum geht es erst einmal nicht. Wenn wir sehen was in der Welt geschieht, sind die Schwächen, die negativen Folgen des heutigen Denkens in einer kaum noch zu überblickenden Fülle zu erkennen. Natürlich wird auch jedes neue Denken erst einmal eine Fülle von neuen ungelösten Problemen mit sich bringen. Entscheidend aber ist der Kern. Entscheidend ist, ob ein neues Weltmodell in seinem Kern dem Menschen mehr Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des eigenen Ich bietet als das bisherige. Über die Lücken und Unvollkommenheiten mag man dann im zweiten Schritt streiten. Das ist gut und notwendig, denn nur in der kreativen Auseinandersetzung, die selbst wieder zum schöpferischen Akt weiterer in die Zukunft führender Ideen werden kann, haben wir eine Chance uns weiter zu entwickeln und die Krusten des über Generationen mit der Autorität der Väter vererbten Denkens endgültig aufzubrechen. Das aber ist dringend nötig, damit...

...die über nun mehr als zwei Jahrhunderte hinweg errungene Freiheit endlich ihre allgemein anerkannte Autorität findet.

Erstes Buch

VOM SEIN

Erster Teil

Von der Erkenntnis

Eine Hauptursache der Armut in den Wissenschaften ist meist ihr eingebildeter Reichtum. Es ist nicht ihr Ziel, der unendlichen Weisheit eine Tür zu öffnen, sondern eine Grenze zu setzen dem unendlichen Irrtum.

Aus „Leben des Galilei“ Von Bertold Brecht

I Von der Wahrheit

Menschliche Wahrheiten

Wie viel Leid und Tod hat nicht schon der Streit um sogenannte letzte „Wahrheiten“ über die Menschheit gebracht? Die Überzeugung selbst „in der Wahrheit zu leben“ und das Sendungsbewusstsein diese eigene Wahrheit allen anderen zu deren Heil bringen zu müssen, hat bis in unsere Tage zu den mörderischsten Entwicklungen in unserer Geschichte geführt.

Es fällt dabei auf, dass eigentlich nur die Weltanschauungen, die sich selbst als Hüter letzter absoluter Wahrheiten verstehen, Mord und Unterdrückung über die Welt gebracht haben, während die, die eine für andere Überzeugungen offene Lehre vertreten, weder Fanatismus noch missionarischen Eifer gezeigt haben. Die Welt wäre wohl ein deutlich friedlicherer und sichererer Ort, wenn jeder seine Überzeugungen als Lebenshilfe für sich selbst aber nicht als Bekehrungsauftrag gegenüber anderen begriffen hätte oder doch wenigstens heute so begreifen würde.

Was ist Wahrheit? Wie kann man sie erkennen? Kann man sie überhaupt erkennen? Nehmen wir irgendeine Aussage und versuchen wir, sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Die erste Frage wäre doch wohl: „Wie gehen wir die Sache an? Welcher Methode können wir uns bedienen, und welche Prüfinstrumente stehen uns zur Verfügung? Die Wissenschaft kennt dazu zwei Methoden: Die Verifikation und die Falsifikation.

Eine Aussage zu verifizieren, heißt ihren Wahrheitsgehalt schlüssig zu beweisen. Diese Methode findet ihre Anwendung in den Naturwissenschaften. Hier wird eine aufgestellte These durch das Experiment auf ihre Wahrheit überprüft. Entsprechen die Ergebnisse des Experiments den Annahmen der These, kann nach dieser Methode davon ausgegangen werden, dass sie „wahr“ ist. Für die Prüfung von Aussagen im Bereich der Geisteswissenschaften – z.B. der Philosophie“ – ist diese Methode nicht geeignet. Thesen die in diesen wissenschaftlichen Disziplinen aufgestellt werden, erfolgen allgemein unter Unsicherheit und sind nicht experimentell nachweisbar. Warum nicht? Weil man nicht alle Einflussfaktoren kennt, die in Wechselwirkung zum betrachteten Objekt stehen – und man ist sich dessen auch bewusst.

Auch wenn man annehmen kann, dass das betrachtete Objekt in bestimmten Wechselwirkungen zur übrigen Welt steht, so ist doch keine sinnvolle experimentelle Anordnung möglich, die eine Aussage über Wahrheit oder Unwahrheit der These treffen könnte. Das ist deshalb unmöglich, weil man eben davon ausgehen muss, dass man nicht alle Faktoren kennt und sie deshalb auch nicht in die Versuchsanordnung einbeziehen kann. Selbst wenn man glaubt, alles berücksichtigt zu haben: ein Restzweifel bleibt. Dieser Restzweifel verpflichtet jeden, der sich redlich um die Wahrheit bemüht, kontinuierlich zu prüfen, ob Phänomene auftreten, die gemessen an den aufgestellten Theorien so nicht auftreten dürften. Treten sie dennoch auf, kann man davon ausgehen, dass die Thesen falsch sind. Solange sie nicht auftreten, darf man nach dem sogenannten „Popperschen Falsifizierbarkeitskriterium“ annehmen, dass die These zumindest im aktuellen Augenblick als „wahr“ bezeichnet werden darf. Es ist das Wesen eines auf diese Weise „wahren“ geisteswissenschaftlichen Modells, dass es unter Umständen ein sehr kurzes Verfallsdatum hat.

Können also die Naturwissenschaftler mit ihrer Möglichkeit der „Verifizierung“ durch das Experiment eine endgültige Wahrheit erkennen, während das für die Geisteswissenschaften unmöglich erscheint? Oder ist auch das ein Trugschluss?

Diese Frage zu stellen bedeutet letztlich nicht weniger als die Frage aufzuwerfen, ob die Verifizierung einer Aussage auf dieser Welt überhaupt möglich ist. Anders gesagt: kann der Mensch in irgendeiner Angelegenheit habe sie nun natur- oder geisteswissenschaftliche Grundlagen bewusst in den Besitz einer absoluten, endgültigen Wahrheit kommen?

Ist es zum Beispiel absolut sicher, dass ein Stein der laut bisheriger Experimente immer in Richtung Erdmittelpunkt gefallen ist, auch in allen zukünftigen Fällen so fallen wird?

Was wenn es im Universum auch nur einen Ort, einen Zeitpunkt gibt, einen kurzen Moment, in dem der gleiche Stein sich unter den gleichen Bedingungen wie bisher waagerecht fortbewegen würde? Was wenn sich ab einem bestimmten Moment die physikalischen Gesetze schlagartig verändern würden?

Bei der Größe und der offensichtlichen Vielschichtigkeit unseres Universums und bei unserer daran gemessen unendlichen Begrenztheit wird es mit Sicherheit auch in den ach so exakten Naturwissenschaften Einflussgrößen geben, die uns unbekannt bleiben, weil sie unseren dreidimensionalen Erkenntnishorizont überschreiten. Was wenn zum Beispiel neben dem Unseren noch parallele Universen bestehen, in die Materie und Energie, Zeit und Geist unserer Welten hinüber- und herüberwechseln? Ein geschlossenes physikalisches System würde dann zwar quer durch die Universen bestehen, wäre aber in der Begrenzung unserer Wahrnehmungsfähigkeit auf das Universum, in dem wir leben, für uns nicht erkennbar. Wir würden immer unseren Teil für das Ganze halten.

Einstein wollte nicht glauben, dass „Gott mit der Natur würfelt“. Vielleicht würfelt er aber doch – nur so langsam, dass wir das Rollen der Würfel nicht erkennen.

Wo bleiben unsere sogenannten „Naturgesetze“ wenn von unserem Standort aus die Natur Löcher hat wie ein Sieb? Wo bleibt zum Beispiel das Gesetz, dass Energie niemals verloren geht, wenn auch nur einmal beobachtete Materie einfach verschwindet, ohne irgendeine Energie zu hinterlassen? Für uns wäre sie im Nichts verschwunden. Die Grundfesten der Physik kämen ins Wanken. Dabei ist diese Materie womöglich „nur“ durch einen Riss in Raum und Zeit in einem parallelen Universum verschwunden. Unser Standort war nur nicht zwischen den Universen sondern ausschließlich in unserem eigenen. Nur darum konnten wir nicht erkennen, was tatsächlich vor sich ging.

Unsere Natur-„gesetze“ sind also nur die Beschreibungen der von unserem aktuellen Standort aus zu beobachtenden Wechselwirkungen zwischen den Phänomenen unserer Welt. Könnten wir den Standort wechseln, dann könnten wir auch andere Wechselwirkungen erkennen. Gewichte würden sich verlagern. Schlussfolgerungen würden andere werden als zuvor. Im Lichte all dessen zeugt es von einer ungeheuren Arroganz, eigene Beobachtungen –ob sie nun aus den Natur- oder den Geisteswissenschaften kommen- zum allgemein gültigen ewigen Gesetz zu erklären.

Es wäre weiser, nicht nur für die Geisteswissenschaften sondern auch für die Naturwissenschaften ganz allgemein davon auszugehen, dass wir nicht wissen, ob Thesen – selbst wenn sie experimentell überprüft wurden - tatsächlich wahr sind.

Letztlich bleibt unsere Erkenntnismöglichkeit grundsätzlich auf eine sehr relative, zeitlich begrenzte „historische Wahrheit“ begrenzt.

Zur faustischen Erkenntnis und damit dem Akzeptieren der Tatsache, dass wir „nichts wissen können“ durch die Menschheit ist aber auch dieses Wissen offensichtlich noch immer nicht genug. Es fällt uns Menschen wohl einfach zu schwer, die eigene Unfähigkeit zu letzter Erkenntnis anzunehmen. Immer noch hoffen wir, dass unsere Theorien nie wiederlegt werden. Immer noch meinen wir sagen zu dürfen, dass die These, die Theorie, die Lehre die wir vertreten, wahr ist, und dass natürlich immer die anderen im Irrtum leben.

Der Philosoph Reininger definiert Wahrheit als die „Übereinstimmung zwischen Aussage und Sachverhalt.“

Wenn man aber an Sachverhalten den Wahrheitsgehalt von Aussagen messen will, dann müssten diese Sachverhalte in all ihren Beziehungen und Auswirkungen vollständig und richtig erkannt sein. Ich kann ja auch nicht mit einem Zollstock sinnvoll messen, wenn die Zahlen darauf fehlen oder verschwommen sind.

Wenn wir also einen Sachverhalt nicht in seiner ganzen Natur kennen und erkennen dann können wir ihn nicht zum Maßstab für Wahrheit machen.

Wie können wir aber wissen, wie gut wir einen Sachverhalt eigentlich kennen?

Wenn zum Beispiel ein Mensch im Altertum die Aussage machte, dass der Himmel vom Menschen aus gesehen immer oben ist, so war das nach Prüfung der Sachverhalte für jene Zeit wahr. Für die Menschen des Altertums war die Erde eine Scheibe. Steht man auf einer Scheibe und der Himmel ist für einen Beobachter an einer bestimmten Stelle dieser Scheibe oben, dann ist er auch für alle anderen möglichen Standorte auf dieser Scheibe oben. Es ist also nach Reininger „wahr“, dass der Himmel immer über den Menschen ist, wenn der Sachverhalt –„ die Erde ist eine Scheibe“ – korrekt ist.

Zwischenzeitlich spricht doch alles eher dafür, dass die Erde keine Scheibe sondern eine Kugel ist. Dann aber ist auch unter unseren Füßen – auf der anderen Seite der Kugel- Himmel. Sagen wir also jetzt: Himmel ist überall um uns, so ist dies nach dem, was wir heute über den entscheidenden Sachverhalt wissen, wahr.

Wenn nun aber jemand behauptet Himmel sei auch in uns, würden wir vielleicht lachen. Wir sollten vorsichtig sein. Was wenn wir eines Tages eindeutig feststellen, dass es Paralleluniversen gibt? Dann könnte es sehr wohl sein, dass da, wo wir in unserer Dimension gerade unseren Körper hingestellt haben, in einem parallelen Universum der Himmel sein. Wir wissen es nur noch nicht.

Dieses „noch nicht“ ist entscheidend. Wegen diesem „noch nicht“ müssen wir Reiningers Kriterium zur Wahrheit abändern, so dass es nun heißt:

Wahrheit ist nur soweit in Übereinstimmung von Aussage und Sachverhalt zu erkennen, wie der Sachverhalt in all seinen Ausprägungen und Bezügen bekannt ist.

Wieder eine bittere Relativierung für sendungsbewusste Fanatiker die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen.

Wir aber können nach all diesen Überlegungen davon ausgehen, dass wir die endgültige Wahrheit hinter den Dingen nie werden erkennen können. Schlimmer noch - sollte einer von uns durch einen kosmischen Zufall doch einmal in den Besitz einer absoluten Wahrheit kommen – er würde es nicht einmal merken.

Sollen wir also resignieren, das Denken und Grübeln über einen tieferen Sinn in unserem Leben aufgeben und die Welt noch intensiver und maßloser konsumieren, als wir es eh schon tun?

Nein, denn das Wissen, dass wir nichts wissen können, muss uns nicht wie dem Dr. Faust bei Goethe „das Herz verbrennen“. Es kann uns vielmehr stark machen.

Es macht uns stark, weil die Einsicht in die Relativität aller Erkenntnis uns frei macht, alte Thesen mit einem geringeren inneren Widerstand aufzugeben. So beschleunigen wir unsere eigene Entwicklung von alten zu neuen Horizonten. Manche werden nun einwenden: „warum noch nach neuen Horizonten streben, wenn wir schon vorher wissen, dass wir dort auch nicht den Hafen letzter Wahrheiten erreichen werden“. Dazu kann ich nur sagen: neue Horizonte anzustreben lohnt sich auch dann, wenn sie nicht zur endgültig letzten Wahrheit führen. Sie helfen uns zumindest, uns in unserer Umwelt immer besser orientieren zu können.

Das Wissen, dass für uns nur eine relative, zeitlich begrenzte also „historische Wahrheit“ zu erkennen ist, gibt uns die Chance zur Befreiung aus Vorurteilen, Besserwisserei und Dogmatismus und macht es leichter, sich ernsthaft mit den Argumenten anderer zu beschäftigen Man steht nicht mehr auf dem Standpunkt die Wahrheit zu besitzen, die man anderen unbedingt bringen muss, sondern man begreift sich als Blinder in einer Gemeinschaft von Blinden, die daran arbeiten, sich gemeinsam Orientierungshilfen in einer Welt zu schaffen, die sie in ihrer tatsächlichen Form niemals sehen werden.

Auch Diskussionen verändern sich. Sie haben nicht mehr das Ziel, die Ansichten der anderen mit der eigenen „Wahrheit“ nieder zu kämpfen sondern in einem gemeinsamen Austausch auf dem Weg vom besseren Argument zum noch besseren Argument einen Beitrag zur Fortentwicklung des gemeinsamen Denkens und Erkennens zu leisten.

Wenn die erwachsene Persönlichkeit nicht mehr über eine Summe von festgefahrenen Anschauungen definiert wird, sondern sich im Bewusstsein des unvermeidbaren Irrtums durch die Bereitschaft zum stetigen Wandel auszeichnet, dann würden sich die meisten Ursachen für Kriege, Terror und das daraus erwachsende unendliche Leid in der Weltgeschichte von allein erledigen.

Göttliche Wahrheiten

Bisher haben wir uns mit Aussagen zu Sachverhalten befasst, die sich –wenn auch nicht unbedingt umfassend- so doch zumindest rudimentär beobachten lassen. Also mit den Sachverhalten, die sich in den drei Dimensionen bewegen, zu denen wir Zugang haben.

Im Gegensatz zu diesen „menschlichen Wahrheiten“ zu den von Menschen zu beobachtenden Sachverhalten gibt es aber noch solche, die sich grundsätzlich der unmittelbaren Beobachtung des Menschen entziehen. Im besten Falle reichen nicht sie selbst aber immerhin ihre Auswirkungen bis in unser Beobachtungsfeld.

Wenn man zum Beispiel mit verbundenen Augen an einer U-Bahnstation steht, wird man bald herausbekommen haben, dass ein zunehmend starker Wind aus dem U-Bahnschacht weht kurz bevor ein Zug einfährt. An den Geräuschen und Erschütterungen wird man dann feststellen können, wann der Zug endgültig eingefahren ist, wann er hält und wann er weiterfährt. Man wird aber nichts darüber sagen können, wie die Bahn aussieht, welcher Typ sie ist, wie viele Waggons sie hat oder wie sie besetzt ist.

Man kennt von dem Sachverhalt U-Bahn eben nur die Randerscheinungen. Der Sachverhalt selbst aber sitzt sozusagen wie eine Spinne in einem Netz, von dem nur die äußersten Ränder mit den eigenen Sinnen wahrzunehmen sind.

Besonders in der Philosophie finden wir solche nicht „fassbare“ nur an ihren Wirkungen erkennbare Sachverhalte. Das Generalproblem überhaupt, dem wir als „transzendentem Sachverhalt“ begegnen ist dabei die Frage nach dem Sein oder Nichtsein einer geistigen Existenz außerhalb und neben der uns bekannten Existenzformen Materie und Energie – also die Frage nach Gott. Die Frage danach mit welchen Auswirkungen in der Realität sich der Sachverhalt klären lässt, ob es einen Gott gibt oder nicht.

Weil dies so bei der Suche nach der Wahrheit über die Existenz bzw Nicht-Existenz Gottes ist wollen wir in Anlehnung daran auch alle anderen Wahrheiten die wir ohne unmittelbar beobachtbare Sachverhalte zu finden suchen „göttliche Wahrheiten“ nennen. .

Ein sowjetischer Kosmonaut sagte einmal: „ Ich bin nun schon so oft um die Erde gekreist, Gott habe ich hier oben nicht gefunden.“

Gott lässt sich natürlich so nicht aufspüren, aber wenn es ihn gibt, dann wäre es denkbar, dass seine Existenz Auswirkungen hat, die sich durch alles was existiert vom nicht von uns Beobachtbaren bis zum Beobachtbaren wie in einer Kettenreaktion bemerkbar machen.

Wie könnte man vorgehen, um eine historische, göttliche Wahrheit einer Existenz Gottes zu ermitteln?