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Die Anrede "Sie" verschwindet aus unserer Gesellschaft weitgehend unkommentiert. Menschen, die diesem Trend nicht folgen wollen, haben es zunehmend schwer. Ein Plädoyer für Toleranz und gegen Gruppenzwang.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dank an Herbert, durch den manches erst möglich wird.
Einleitung
Sind wir tolerant?
Danke, daß du hier nicht hinaufsteigst!
Wo liegt das Problem?
Das Du und die Gruppe
Träume deinen Traum! Gehe deinen Weg! Lebe dein Leben!
Nähe und Vertrauen
Die liebe Familie
Der freie Raum über dem Sie
Gleichart und Bindung
Zwischen den Jahren 2008 und 2014 drehte die ARD eine erfolgreiche unterhaltsame Krimiserie mit dem Titel „Mord mit Aussicht“. Es geht hier um den Zusammenprall zweier Kulturen, der mit genauen und liebevollen Beobachtungen der z.T. recht kuriosen Charaktere und ihres Umfelds erheitert.
Für Sophie Haas, eine junge, erfolgreiche Polizistin aus Köln, steht die Beförderung an. Da ihr Chef jedoch ihre unkonventionellen Methoden und ihre eher respektlose Haltung nicht akzeptieren kann, wird sie sozusagen „strafbefördert“. So landet sie als neue Dienststellenleiterin in dem kleinen fiktiven Dorf Hengasch in der Eifel, wo sie die neue Vorgesetzte zweier Kollegen wird. Dietmar Schäffer, ein träger Mittvierziger, und die junge intelligente Bärbel Schmied, sind Hengascher Gewächse durch und durch und noch nie aus dem Dorf herausgekommen.
Was man nun als Einstand erwarten würde, wäre folgendes: Frau Haas betritt die Wache, begrüßt die neuen Kollegen, sagt: „Ich bin die Sophie, wir sind doch per «Du», oder?“ Natürlich wären sie das, denn Herr Schäffer und Bärbel Schmied sind mit jedem im Dorf per „Du“.
So weit, so langweilig, könnte man denken.
Doch weit gefehlt. Frau Haas ist zunächst so erbost über die Zumutung dieser Versetzung, daß sie beim Sie bleibt, was ein kleiner Ausdruck ihrer gefühlten Ablehnung des Dorfes, der Bewohner, der ganzen Situation ist.
Das Erstaunliche an dieser Geschichte ist Folgendes: Sophie Haas, obwohl sie bis zum Schluß nach außen ihre Abneigung gegen Hengasch zur Schau stellt, empfindet in Wirklichkeit nach und nach auch Sympathien für die Menschen im Dorf. Ihre Kollegen bringen ihr Zuneigung entgegen, und sie muß ihre veränderten Gefühle mühsam überspielen, was ihr zwar gut und auf teils witzige, teils sarkastische Weise gelingt, doch man erlebt aufs amüsanteste mit, wie sie hier in Hengasch offenbar fast so etwas wie eine Familie findet.
Dennoch - an dem Sie wird nicht gerüttelt. Nur in zwei brenzligen Situationen entkommt ihr ein Du. Anschließend kehrt sie in strengem Ton zum Sie zurück.
Wenn man heutige ganz alltäglich gewordene Gepflogenheiten bedenkt, ist es erstaunlich, daß Sophie Haas so konsequent beim Sie bleibt. Abneigung, berufliche Hierarchie, Fremdheits- und Distanzgefühle, all das ist heute kein Grund mehr, das Du zu vermeiden.
Auf den in Hengaschs Wache gelebten Anachronismus werde ich noch näher zu sprechen kommen.
Nun hat man von einer Fernsehserie nicht mehr zu erwarten als mehr oder weniger gut gelungene Unterhaltung sowie vielleicht einen Spiegel unserer Gesellschaft. Dazu paßt garnicht, daß hier das Sie beibehalten wird mit ungewohnter Selbstverständlichkeit. Es führt nicht zu Ärger, zu Ablehnung; kein Protest, noch nicht einmal bohrende Fragen oder verständnisloses Kopfschütteln treffen die Polizistin. Alles ist ganz normal, und es stellt sich fast ein Gefühl ein „wie in guten alten Zeiten“, als das Siezen noch normal war.
Und schnell wird klar, wie langweilig diese Geschichte wäre, wenn man sich auf der Polizeiwache in Hengasch geduzt hätte.
Das Umsichgreifen des Du, die Erosion des Sie zeigt, wieviele Vorteile der größte Teil unserer Gesellschaft inzwischen in dieser Anrede sieht.
Für die meisten ist das Du nicht nur selbstverständlich, wird also auch nicht hinterfragt, es scheint darüber hinaus die Menschen zu entspannen, es nimmt ihnen offenbar so etwas wie eine Mühe ab. Die Mühe, die passende Anrede zu erfühlen, zu erspüren, zu finden und anzuwenden, entfällt. Auf die möglichen Gründe werde ich noch genauer eingehen.
Was die meisten „Du“- Sager jedoch nicht wissen oder für möglich halten: Es gibt auch Zeitgenossen, die in dem um sich greifenden Duzen keinen Vorteil für sich sehen. Die, wenn es nach ihnen ginge, am liebsten beim Sie bleiben würden und sich oft ungern und unter einer Art Gruppenzwang und Druck und gegen ihren eigentlichen inneren Antrieb anpassen. Dieses Phänomen beobachte ich seit Jahrzehnten.
Wenn man beim Sie bleibt, erregt man Aufmerksamkeit, und dabei habe ich auch erlebt, daß Personen spontan äußerten, sie würden auch lieber öfter „Sie“ sagen, fürchteten aber das Ausgesetztsein. Anders ausgedrückt: Sie trauen sich nicht.
Vor 30 Jahren konnte man noch die Kindergartenmütter und -väter, die Eltern der Schulkameraden selbstverständlich per „Sie“ ansprechen. Heute ist das nicht mehr möglich, ohne gravierende Konsequenzen in Kauf zu nehmen.
Im Beruf gibt es kaum noch „Du-freie“ Areale. Es begann unter den Lehrern, beim Pflegepersonal, griff über auf Büros und so gut wie alle Arbeitsbereiche. Die Chefs konnten sich dem Trend noch entziehen, wenn sie wollten, doch auch hier bröckelt das Sie unaufhörlich. Ebenso an den Universitäten.
Für junge Menschen gibt es die Unterscheidung zwischen Du und Sie nicht mehr, sie sehen das Sie als alten Zopf und völlig überflüssig an. Kinder erleben z.T. kaum noch, daß es außer dem Du überhaupt noch eine andere Anrede gibt.
Im Volkshochschulkurs, auf Fortbildungen, im Sportverein, auf Seminaren und Workshops jeder Art, - diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen - wird im äußersten Fall kurz gefragt: „Wir sind doch alle per «Du», oder?“ Meistens wird das inzwischen vorausgesetzt, so daß sogar die Frage entfällt. Unter Reitern, in der Reha, auf dem Kreuzfahrtschiff, in der Kur könnte man ein Experiment starten und einfach „Sie“ sagen. Das Erstaunen wird groß sein. Doch es bleibt leider nicht beim Erstaunen, vielmehr muß man eine Reihe unangenehmer Konsequenzen auf sich nehmen. Ausgrenzung ist die häufigste, gleichzeitig auch die am ehesten zu verstehende aus Sicht der „Du“-Sager. Grenzt sich doch der „Sie“-Sager selber und freiwillig aus, indem er mit seinem Sie signalisiert: Mit diesen Menschen will ich nichts zu tun haben.
Spätestens hier wird klar, welch schlimme und folgenschwere Mißverständnisse sich breit gemacht haben. Je weniger das Sie noch gesellschaftlich möglich und akzeptiert ist, desto weniger interessieren sich die Leute für die Gründe, die für ein Beibehalten des Sie sprechen könnten. Und je unangenehmer die Konsequenzen und Sanktionen ausfallen für den, der aus guten Gründen am Sie festhalten will, desto eher wird er sich gegen sein besseres Wissen überreden lassen und sich anpassen.
Dabei ist zu bedenken, daß die meisten Menschen, die das kollektive Du bevorzugen, ehrlich glauben, jedem damit einen Gefallen zu tun, dem sie das Du anbieten. Wird es - aus guten Gründen, die noch zu behandeln sind - zurückgewiesen, so ist die Enttäuschung groß und kippt oft um in Groll und manchmal Schlimmeres.
Die Personen, denen es wichtig ist, beim Sie zu bleiben, müssen sich in unserer Gesellschaft innerlich stark aufstellen und selbstbewußt agieren, was nicht jeder vermag. Sie geraten meist in die Defensive, werden oft genötigt, Begründungen zu liefern, was nicht immer einfach ist, je nach der inneren Bedingung bzw. der Voraussetzung des „Sie“- Sagens. Und sie sind meist allein und damit die klassischen Außenseiter.
Die Härten mancher Reaktionen kann man durch besondere Freundlichkeit abmildern. Bietet mir jemand das Du an, und ich möchte beim Sie bleiben aus ernsten Gründen, die aber nicht das geringste mit einer Ablehnung der anderen Person zu tun haben, so empfiehlt es sich, besonders freundlich zu sein und damit dem Mißverständnis entgegenzutreten.
Nun sollte das alles kein Anlass zum Selbstmitleid sein, gibt es doch viel gravierendere und einschneidendere Verhältnisse, die einen Menschen zwingen, innerlich stark zu seiner Überzeugung, seiner Art, seiner Herkunft etc. zu stehen und Druck zu ertragen.
Andererseits geht das Problem mit dem „Du“-Sagen inzwischen so weit, daß es, wie einer Freundin von mir zweimal widerfuhr, zur Bedingung für die Einstellung gemacht wird, daß man Kunden, sogar Einkäufer, duzt. Wer sich bei Ikea bewirbt, weiß, was ihn in dieser Beziehung erwartet. Ansonsten ist dieses Vorgehen schlicht illegal, wurde aber in diesem Fall etwas umwunden und indirekt kommuniziert, so daß dem potentiellen Arbeitgeber nichts nachzuweisen war und die Bewerberin sehr genau wußte, warum sie die Stelle trotz bester Qualifikation nicht bekam.
Es gibt Personen, die sich dem öffentlichen Trend zum Du erfolgreich und ohne unangenehme Nebenwirkungen widersetzen können. Das sind Prominente, deren Ausscheren entweder als liebenswerte Marotte oder als eine Art Markenzeichen wahrgenommen wird. Vielleicht schwingt hier auch manchmal Respekt mit.
Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni 2017 folgendes:
„Neulich hat mich jemand gefragt, warum ich nach so vielen Jahren immer noch mit allen am Haus per «Sie» bin. Nun, ich komme aus der Generation, in der das normal ist. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne das Sie zu arbeiten. Ich poche nicht drauf, es hat sich so ergeben und es ist mir angenehm. In der chinesischen Philosophie gibt es das Bild, dass man sich einander nur zuneigen kann, wenn man Abstand zueinander hat. Diese Haltung entspricht mir.“
Das Sie ist sozusagen weitgehend amputiert worden wie ein Wurmfortsatz, dessen Nutzen nicht ersichtlich war. Ich wage hier einen Vergleich: Vor wenigen Jahrzehnten noch entfernte man bei Kindern, die häufig unter Mandelentzündung litten, die Mandeln bedenkenlos. Auch der Wurmfortsatz wurde als ein aus der Evolution übriggebliebenes Anhängsel ohne Sinn und Funktion angesehen. Inzwischen ist die Medizin zurückgekehrt zu Erkenntnissen, die es früher schon gab. Die Mandeln werden, wo immer möglich, als Entgiftungsorgane erhalten. Auch der Wurmfortsatz ist nicht länger ohne Funktion.
So ähnlich stelle ich mir eine Renaissance des Sie vor. Es wird vielleicht wieder respektiert und geachtet werden als unverzichtbares Instrument des menschlichen Zusammenlebens. -
Vor einigen Jahren gewann eine Dame namens Conchita Wurst mit langen schwarzen Haaren und Vollbart den Grand Prix d´Eurovision. Sie war für Österreich angetreten und hatte wohl viele Stimmen aus Deutschland für ihren Auftritt bekommen. Nun ist dies eigentlich bedeutungslos; wer Schlager mag und an dem Geschlechter-Verwirrspiel Spaß hat, kann sich die Dame und ihre Musik ansehen und anhören. Wen das nicht interessiert, der beschäftigt sich mit etwas anderem. Sollte man meinen.
