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Profit aus Desinformation: Die Lüge ist zu einem relevanten politischen und ökonomischen Faktor geworden – sie ist „Geld wert“. Kein Wunder also, dass das Vertrauen in Politik, in Menschen und ihre Aussagen geringer wird. Der Boden, auf dem wir stehen, scheint zu schwanken. Da hilft es nur, die eingefahrenen Geleise zu verlassen und ganz neu über öffentliche Kommunikation und Medien nachzudenken. Von seiner christlichen Grundhaltung und seiner reichen Erfahrung als Pressesprecher in der Politik ausgehend sucht Josef Krieg nach Möglichkeiten, das digitale Zusammenleben der Zukunft so zu gestalten, dass es eine Antwort sein kann auf die allgegenwärtige Lüge.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Josef Krieg
Vom Wert der Lüge
Wie die Wahrheit wieder gewinnt
© Claudius Verlag München 2025
Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V.
Birkerstraße 22, 80636 München
Tel. 089/12172-119
www.claudius.de
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Lektorat: Stenger & Rode GbR, München
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München
Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro und Lucida Sans
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2025
ISBN 978-3-532-60138-9
Einleitung
So viel Lüge war nie
Kapitel 1
Die Kaufkraft der Lüge
Lüge als anthropologische Konstante
Politische Täuschung – von Arendt bis Trump
Die Ware Information – Kapitalismus und Lüge
Die neue Ware: Künstliche Intelligenz (KI)
Die Ökonomie der Desinformation
Narrative Ökonomie – die Subprimekrise als Mythos
Die Sprache mit der Angst
Geschäftsmodell politische Lüge
Das globale Geschäftsmodell der Lüge
Zwischen Rausch und Rückzug
Wie Algorithmen Wahrheit und Gemeinschaft bestimmen
Plattformkapitalismus und geopolitische Abhängigkeit
Der ewige Kreislauf: Mehr Freiheit, mehr Kontrolle
Populismus als Systemlüge
Verachtung der Politik – Vertrauen in Experten?
Diskurserstickung durch Überfluss
Der „tiefe Staat“ und seine populistischen Helfer
Die ökonomisierte Lüge als kulturelles Leitmotiv
Kapitel 2
Plädoyer für eine Kultur der Wahrheit
Sprache als schöpferisches Prinzip
Die Macht der Worte
Die digitale Kakofonie
Fake News im Garten Eden
Erzählte Wirklichkeit
Was ist Wahrheit? – Drei Wege zur Erkenntnis
Wissenschaft macht Wahrheit
Wahrheit als göttliches Prinzip
Wahrheitsstau im öffentlichen Diskurs
Radikal wahrhaftig – die private Entscheidung für die Wahrheit
Christliche Kommunikation – Liebe als Wahrheitsform
Staunen, hören, vertrauen
Kapitel 3
Der neue Klang der Kommunikation
Langeweile! Jetzt!
Wenn Kirche wieder sagt, was gilt
Ein gemeinsames Haus aus Bits und Beten
Langer Schatten und neue Chance – Kirchen im medialen Wandel
Die Krise der kirchlichen Kommunikation der Gegenwart
Ein geistiger Raum in der digitalen Welt
Digitale Klöster – die neuen Denk- und Handlungsräume
Zentraler Klangkörper – die redaktionellen Medien
Meinung und Haltung
Redaktion mit Resonanz
License to tell the truth – ein neuer Lokaljournalismus
Nachhaltig und unabhängig
Sanfte Wahrheitsorte
Ausblick
Europas Stimme gegen das Dröhnen der Plattformen
Lüge war immer, aber so viel Lüge war nie. Sie ist allgegenwärtig. Sie wird von den großen digitalen Kommunikationsplattformen exponentiell produziert, verstärkt und global verbreitet. Diese Plattformen – längst zu Erzählmaschinen ohne Verantwortung geworden – beeinflussen unaufhörlich das politische Geschäft, die Ökonomie und unser analoges Leben in Gemeinschaften.
Die Plattformen infiltrieren unablässig die tragenden Strukturen unserer Gegenwart. Sie verstärken Ideologien, Narrative und gesellschaftliche Programme – verschaltet mit Kapital und politischer Macht. Sie formen Geist und Körper, Technik und Sprache, Öffentlichkeit und Intimität in einem Anti-Wahrheitssystem, mithilfe von Künstlicher Intelligenz verschmelzen Wahrheit und Wirklichkeit noch mehr – der Mensch wird neu codiert und kontrolliert.
So wohnt die Lüge in unseren Institutionen, nährt sich von unseren Netzwerken, unseren Klicks, durchzieht Medien, Märkte, Milieus. Begriffen, die einst Empörung auslösten – Fake News, Deepfakes, alternative Fakten – stehen wir heute mit einem resignierenden Achselzucken gegenüber. Was wir einst als Angriff auf die Wahrheit empfanden, ist längst zur alltäglichen Kommunikationsform geworden.
Die Lüge nimmt uns die Zukunft. Wir resignieren nicht an der Welt, sondern an ihrer Unlesbarkeit. Wahrheit wird zur Pose, Zweifel zum Distinktionsmerkmal. So ist die Lüge – neben dem Konsumismus und der Technologiegläubigkeit – zum vielleicht wirkmächtigsten Schmiermittel der Postmoderne geworden: geschmeidig, allgegenwärtig, unverzichtbar. Sie glättet Ambivalenz, vermeidet Reibung, verschiebt Verantwortung – und ermöglicht so eine Wirklichkeit, die nicht mehr wahr, sondern nur noch funktional ist. Die zentralen Lügenproduzenten, einst als soziale Vernetzungsorte mit guter Absicht in die Welt gebracht, machen uns zu Zweiflern an der Moderne, dem großen gesellschaftlichen Fortschrittsprogramm. Lüge will keine echte Hoffnung.
Die systemische Lüge ist keine Entgleisung und auch nicht zufällig. Vielmehr ist sie Ergebnis einer neuen politischen Ideologie. Nach den großen Erzählungen des Faschismus und Kommunismus schien zunächst der Liberalismus als das letzte Wort der Geschichte übrig zu bleiben – als „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama). Nun jedoch scheint auch der Liberalismus an einen Kipppunkt gelangt zu sein. Mit ihrer „neuen Atomwaffe“ – der Kombination aus unermesslichem Reichtum und weltumspannender digitaler Kommunikation (Steve Bannon) – basteln allen voran amerikanische Milliardärs-Tech-Ideologen an einem System, mit dem sie eine neue Gesellschaft errichten wollen: bevölkert von verführbaren Konsumisten, konservativen Rückzüglern und naiven Techgläubigen, die sich auch noch als erwähltes Volk verstehen dürfen.
Ihre prominentesten Vertreter, darunter der deutschstämmige Milliardär Peter Thiel und US-Vizepräsident James David Vance, betrachten den Menschen als optimierbares Wesen – formbar durch Künstliche Intelligenz, Gentechnik und andere technologische Durchbrüche. Die Rettung des Menschen liegt für sie in der Überwindung dessen, was sie als seine menschliche Begrenztheit sehen. Diese Haltung entstammt einer utilitaristischen Logik, wie sie im Silicon Valley – dem selbst ernannten vierten Rom – über Jahre zur Ideologie geronnen ist – einem Streben nach Effizienz und Perfektion, in dem moralische und soziale Dilemmata als Bremsen gelten. Die transhumanistische Vision vom ewigen Leben und von der Überwindung biologischer Grenzen, lange als moderne Hybris belächelt, tritt heute als neue Religion auf, in der sich technologische Allmacht und metaphysischer Anspruch vereinen.
Wie alle großen Erzählungen beginnt auch diese mit einer grundlegenden Lüge: Gib mir deine Freiheit und Einzigartigkeit – und ich werde dich schützen, bewahren, groß machen. Nicht der Mensch, wie er geht und steht, gilt als wahrer Mensch, sondern der Mensch, der zur Gemeinschaft der richtigen Plattform gehört. Sie kennt ihn, sie lenkt ihn, entscheidet für ihn. Sie verspricht ihm Ewigkeit.
Der Staat wird überflüssig. Gesellschaftlicher Diskurs, demokratische Aushandlung, politische Verantwortung – alles wird zum Relikt eines zu langsamen Zeitalters. Den Verfechtern dieser Logik geht es um Geschwindigkeit, Skalierung, Rendite. Ihre Gesellschaft kennt keine Demokratie, sondern Familien als Erfahrungsräume, in denen sich Kultur, Religion und Tugend des Ichs herausbilden – abgeschirmt, konservativ und digital.
Sie lehnen die Kraft zivilisatorischer Emanzipation ab – nicht, weil sie nicht denken könnten, sondern weil sie lieber glauben. Die Rückkehr zum verlorenen Paradies beruhigt sie mehr als der unsichere Blick nach vorn. Menschen sollen sich nicht mehr selbst finden, sondern sich von der Suche entlastet fühlen. An ihre Stelle tritt eine neue Ständegesellschaft, geführt von Visionären und Vordenkern, die aus Daten und Projektionen zu wissen glauben, was wir wollen und brauchen. Platons alte Prophezeiung, dass es immer Führende und Geführte geben müsse, wird hier systemisch in der Attitüde technologischer Führerschaft zementiert. Ein geistiges Stoppschild für jede offene Gesellschaft.
In China entsteht seit Jahren so etwas wie das „kommunistische“ Gegenstück: Social Scoring. Der chinesische Staat verfolgt mit diesem System ein Modell, in dem Bürgerinnen und Bürger durch Technik, Medien und Sensorik unter staatlicher Kontrolle zum konformen Verhalten „motiviert“ werden – wer sich anpasst, wird belohnt; wer ausbricht, wird öffentlich sanktioniert. Der Einzelne kann diesem System kein öffentliches Veto entgegensetzen. Sein Sozialverhalten wird nicht nur begleitet, sondern auf den großen Plattformen wie WeChat oder TikTok auch in privaten Chats überwacht, zensiert und – auch öffentlich – korrigiert. So entwickelt sich ein öffentliches Klima, das einen Keil zwischen das tatsächlich Erlebte und die geforderte Realität der Menschen treibt. Die Zensur der COVID-19-Berichterstattung hat dem Regime gezeigt, wie kurz die Lunte ist, wenn Kontrolle und Alltag zu weit auseinanderklaffen.
Europa, insbesondere Deutschland, steht inmitten dieser tektonischen digitalen Verschiebung. Die ökonomische und geopolitische und zum Teil digitale Abhängigkeit von den USA und China schränkt die Handlungsfähigkeit ein. Eine echte strategische Autonomie wäre teuer – politisch wie kulturell. Doch sie ist notwendig. Europa muss aus seiner Zuschauerrolle heraustreten, sich im Dreieck USA–China–Russland behaupten und zugleich die inneren Feinde der Demokratie, die illiberalen Bewegungen, kleinhalten. Die wehrhafte Demokratie wird mehr sein müssen als ein Bekenntnis. Sie wird Haltung und Handlung sein müssen.
Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit wieder zurückzugewinnen. Die gängigen Plattformen, gebaut auf Gewinnmaximierung, Desinformation und Datenverwertung, sind dabei längst zu digitalen Armeen der Gegner unserer Demokratie geworden. Ihre mächtigste Waffe: die systemische Lüge. Hierzu haben wir eine Alternative, ein Gegenangebot. Unsere Antwort ist kein weiterer Algorithmus – sondern eine neue Erzählung: von Beziehungen, von Gemeinschaft, von Sinn. Die Alternative ist eine Menschheitsgeschichte, die durch Werte geschrieben wird, nicht durch Maschinen. Diese Geschichte ist getragen von Werten, die universell und zugleich gewachsen sind – gewachsen aus Humanismus, Glaube und Demokratie. Sie ist dem ehrlichen Streben nach Wahrheit verpflichtet, einem Streben, das auf echter Gemeinschaft und Zuversicht beruht.
Haben wir die Kräfte, die diesem neuen Maschinenmenschentum etwas entgegensetzen können? Wer kann Bindung stiften, ohne zu kontrollieren? Wer Gemeinschaft denken, ohne auf Ausgrenzung zu setzen? Die europäische Tradition, maßgeblich geprägt von Christentum und Aufklärung, sieht den Menschen nicht als isoliertes, technisch-chemisches Produkt, sondern als soziales und kulturelles Wesen, das auf Gemeinschaft ausgerichtet ist. In der europäischen Kulturgeschichte sind technischer Fortschritt und Ethik keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Technik ist hier Werkzeug und niemals Selbstzweck – eingebettet in einen moralischen Rahmen, der die Würde des Einzelnen und den sozialen Zusammenhalt betont.
Wer sind in Europa die letzten Giganten, die viele Menschen an sich binden? Es sind trotz ihres unbestreitbaren Mitgliederschwunds insbesondere die christlichen Kirchen. In Deutschland haben sie immerhin über 38 Millionen Mitglieder – etwa die Hälfte der Bevölkerung –, in Europa über 550 Millionen. Doch viele dieser Kirchen sind gegenwärtig sprach- und konzeptionslos, zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder eingebunden als politisches Sprachrohr – wie etwa die russisch-orthodoxe Kirche. Abgesehen von autoritären Instrumentalisierungen müssen sich die Kirchen – aus Eigeninteresse und aus Verantwortung für ihren eigenen Auftrag – überlegen, welche aktive Rolle sie in der Gestaltung der Zukunft spielen wollen: als Trägerinnen einer froh machenden Botschaft und als Erben eines Denkens, das Wahrheit als Auftrag und Gemeinschaft nicht als Mittel, sondern als Ziel versteht. Doch welche Rolle kann man Christen und christlichen Kirchen in einer Welt zuweisen, die scheinbar den Glauben an Wahrhaftigkeit verloren hat? Können sie helfen, Gemeinschaft neu zu denken? Haben sie einen originären Beitrag für eine digitale Welt, die menschlich bleiben will?
Dieses Buch ist eine Reflexion darüber, wie die Lüge systemisch ihren Wert steigert – und wie wir die Wahrheit, die uns frei macht (Joh 8,32), zurückgewinnen können. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage, wie wir in analogen und digitalen Räumen Gemeinschaften des Staunens und der Wahrheitssuche aufbauen können – als Antwort auf den allgegenwärtigen Marktwert der Lüge.
Wir haben in unserer Familie gerne das Würfelspiel Mäxle gespielt: Ein Spieler beginnt, würfelt verdeckt mit einem Becher und sieht sich die Augenzahl von zwei Würfeln an. Dann nennt er den anderen Spielern einen Wert – dieser kann wahr sein oder gelogen. Der nächste Spieler entscheidet, ob er den genannten Wert glaubt. Glaubt er ihn, würfelt er selbst, schaut verdeckt nach und nennt einen neuen, höheren Wert (wahr oder gelogen). Glaubt er dem vorherigen Spieler nicht, wird aufgedeckt: Stimmt der Wert, verliert der Zweifler; stimmt der Wert nicht, verliert der Würfler. So weit die Idee. Mein Schwiegervater hat dieses Spiel nur einmal mitgemacht, denn jedes Mal, wenn er an die Reihe kam, nannte er exakt die Zahl, die unter dem Würfelbecher zu sehen war. Alle Aufforderungen, doch im Sinne des Spiels mitzumachen, waren ihm nicht beizubringen. Entrüstet sagte er: „Ich kann doch nicht lügen!“ Mein katholischer Schwiegervater nahm das biblische Gebot: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“, sehr ernst und mochte nicht einmal „spielerisch“ lügen.
Diese Standfestigkeit in Sachen Wahrheit entspricht nicht den bislang bekannten und belegbaren wissenschaftlichen Tatsachen. Neuere Studien zeigen, dass die Annahme, Menschen würden bis zu rund zweihundertmal am Tag lügen, nicht stimmt. Auf etwa zwei pro Tag pendelt sich das Lügenpensum statistisch ein, wobei die Qualität durchaus unterschiedlich sein kann. Es macht schon einen Unterschied, ob wir „weiße“ Lügen benutzen, also z. B. Höflichkeitslügen wie „das Essen war lecker“ oder „der Mantel steht Ihnen ausgesprochen gut“, oder ob wir auf „schwarze“ Lügen zurückgreifen, also bewusste Irreführungen, die für den Betroffenen der Lüge echte Nachteile mit sich bringen.
Die Lüge ist und bleibt ein Alltagsphänomen menschlich-individuellen Handels, ungeachtet allen Wollens zur Aufrichtigkeit und Wahrheit. Sie steht seit jeher im Spannungsfeld zwischen moralischem Fehlverhalten und strategischer Notwendigkeit, und so ist die Geschichte der Menschheit zugleich eine Geschichte des Ringens mit der Wahrheit und mit den Versuchungen, sie zu verdrehen, zu verbergen oder zu ersetzen.
Wir alle kennen die Geschichte der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (vgl. Gen 3,1–15). Derjenige, der vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, ist für das Paradies verloren. Danach gibt es kein Zurück mehr. Doch was ist dort passiert, bevor es zum Ausschluss kam? Ist es nur die Erzählung eines verbotenen Bisses oder der Beginn einer viel größeren Menschheitstragödie, geht es sozusagen um den Urknall der Lüge? Zumindest berichtet die Geschichte vom „Sündenfall“ von einer Täuschung, die erstaunliche Parallelen zu dem aufweist, was wir heute als „Fake News“ bezeichnen.
Ob die Lüge moralisch immer falsch ist oder ob es legitime Lügen gibt, ist eine uralte Frage, die bereits in der griechischen Philosophie strittig diskutiert wurde und seitdem Philosophen und Theologen aller Jahrhunderte intensiv beschäftigt hat.
Mit dem Aufstieg der Massenmedien und der digitalen Medien hat die Lüge allerdings eine neue Qualität und Relevanz erfahren. Folgerichtig rückte Hannah Arendt die Lüge als politisches Phänomen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. „Lying in Politics“ (1971) entstand vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, intensiver Enthüllungen politischer Unwahrheiten und der beginnenden Watergate-Affäre. Arendt zeigte, dass das Verzerren von Fakten kein zufälliges Phänomen ist, sondern als integraler Bestandteil politischer Manipulationsstrategien verstanden werden muss.
Die von Arendt beschriebene Mechanik politischer Lügen ist zwar auch fünfzig Jahre später hochaktuell, aber dennoch nicht vergleichbar. US-Präsident Donald Trump nutzt gezielt Übertreibungen, vereinfachende Narrative und selektiv präsentierte Fakten, um das Bild einer erfolgreichen Politik zu vermitteln und kritische Fragen zu unterdrücken. Die Strategie, Misstrauen gegenüber etablierten Medien und Institutionen zu säen, entspricht dem von Arendt identifizierten Muster: Es wird nicht primär versucht, eine überführte Unwahrheit zu leugnen, sondern es wird eine „alternative“ Realität konstruiert, die das politische Agieren legitimiert, d. h. man ersetzt die ertappte Lüge durch eine „neue Wahrheit“.
Die systematische Nutzung von Unwahrheiten, wie sie von der von Arendt beobachteten Nixon-Ära bis heute zu beobachten ist, hat das gesellschaftliche Klima in den USA nachhaltig verändert. Die einen fühlen sich durch alternative Fakten, die scheinbar immer mehr zur Wahrheit werden, bestärkt in ihrem Kampf für Wahrheit, während Medien, Richter und Wissenschaftler, die kritisch sind, gleich als „Feinde“, „Kommunisten“ und „Idioten“ beschimpft und mithilfe der fraternisierenden Plattformen medial angeprangert werden. Der demokratische Diskurs ist tot, es regiert der Ausschluss. Das ist allerdings längst kein US-Phänomen mehr.
Der Kapitalismus trägt die Lüge in sich – nicht als zufällige Verirrung, sondern als strukturelles Paradox. Er beruft sich auf die Ideale der Aufklärung: Vernunft, Freiheit, Mündigkeit. Der Unternehmer als autonomes Subjekt, der Verbraucher als aufgeklärter Entscheider – so lautet das Versprechen. Ohne Kants „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, hätte der Kapitalismus diese Rolle nicht spielen können.
Er hat die Aufklärung nicht hervorgebracht, aber sich auf sie gestützt – als moralisches Startkapital für ein System, das die aufklärerischen Ideale weniger verwirklichte als verwertete. Denn was einst der Emanzipation diente, wurde zur Ware. Information, gedacht als Mittel der Aufklärung, wurde Mittel der Kontrolle. Der informierte Bürger bleibt Projektionsfläche. Und die vierte Gewalt, einst Kontrollinstanz, steht heute selbst unter Renditezwang. Die Lüge des Kapitalismus ist deshalb keine einzelne Unwahrheit, sie ist die systemische Fähigkeit, Wahrheit marktförmig zu machen, mit allen Konsequenzen.
Im Frühkapitalismus der Renaissance zeigte sich zwar, dass der Wettbewerb und die damit verbundene Profitmaximierung strategisches Handeln, List und das bewusste Verheimlichen von Tatsachen förderten. Händler und Unternehmer bedienten sich gezielt einer Strategie der Übertreibungen und Manipulationen, um sich in einem hart umkämpften Markt zu behaupten. Beispiele wie die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, bei der seltene Tulpenzwiebeln als Spekulationsobjekt ins Absurde überbewertet wurden, oder die South Sea Bubble im 18. Jahrhundert, in der manipulative Werbung und politische Verstrickungen Aktien in unrealistische Höhen trieben, zeigen, dass Täuschung – die Lüge – schon immer als strukturelles Element wirtschaftlicher Prozesse eingesetzt wurde. Ebenso illustriert die Gründung der Bank von England 1694, die Investoren trotz hoher Risiken stabile Renditen versprach, wie wirtschaftliche Stabilität durch gezielte Inszenierung vorgetäuscht werden konnte.
Mit dem Aufkommen und der wachsenden Bedeutung der Massenmedien etablierten sich auch neue Stilrichtungen wie etwa die Boulevardzeitungen, die im englischen Sprachraum Yellow Press genannt werden. Sensationsmeldungen, reißerische Schlagzeilen und dramatisch inszenierte Berichte setzten auf Übertreibung und bewusste Falschmeldungen, um eine zunehmend unterhaltungsorientierte Öffentlichkeit zu erreichen. Straßenzeitungen waren die ersten Profiteure der Aufmerksamkeitsökonomie, in der es weniger um die Verbreitung von Wahrheit als um den ökonomischen Nutzen für die Verleger ging. Teile des privaten Rundfunks sollten später mit ähnlichen Methoden arbeiten.
Mit dem industriellen Zeitalter wurden Werbung, Marktstrategien und Propaganda zu integralen Bestandteilen der wirtschaftlichen Praxis. 1866 schreibt Alfred Krupp: „Ich glaube daher, dass es jetzt Zeit ist, zu veranlassen, dass regelmäßig wiederholt aus der Feder von Autoritäten wahrheitsgetreue Berichte über die Fabrik durch Zeitungen, welche die ganze Welt erleuchten, verbreitet werden. Wir können das Material dazu liefern und wofern wir nicht die geeigneten Autoritäten dazu bereitfinden, möchten wir uns selbst mit den respektablen Zeitungsredaktionen in Verbindung setzen.“ 1886 eröffnet Julius Maggi sein „Reclame- und Pressebüro“; erster Chef wird der spätere Autor und Dramaturg Frank Wedekind.
Edward Bernays hält 1923 die erste Vorlesung über Public Relations (PR) an der New York University (NYU). Seine Vorlesung trug den Titel „On the principles, practices and ethics of the new profession of public relation“. Bernays revolutionierte die Art und Weise, wie Botschaften vermittelt werden, indem er psychologische Prinzipien aus den Lehren seines Onkels Sigmund Freud mit der Praxis der Öffentlichkeitsarbeit verband. Seine berühmte „Torches of Freedom“-Kampagne, in der er das Tabu des Rauchens bei Frauen brach, indem er Zigaretten als Symbole der Freiheit und Emanzipation inszenierte, führte zu einem erheblichen Anstieg weiblicher Raucherzahlen. Auch seine Arbeit für die United Fruit Company, die maßgeblich den Bananenkonsum in den USA steigerte und geopolitische Interventionen unterstützte, prägte den Begriff der „Bananenrepublik“ und zeigte damit eindrucksvoll, wie man PR mit geopolitischen Strategien verknüpfen kann. Darüber hinaus beeinflusste Bernays auch die Konsumgewohnheiten, indem er das „typisch amerikanische Frühstück“ aus Speck und Eiern etablierte. Ein Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Autorität und emotionale Ansprache zu nachhaltigen Verhaltensänderungen führen können.
