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Auch Bücher haben ihre Schicksale. Die Geschichte dieses Buches begann 1980, als der Verfasser durch eine Bürgerin aus Kusterdingen auf einige rätselhafte Inschriften in ihrer Scheune aufmerksam gemacht wurde. Sie sollten nach ihren Angaben von einer Gruppe jüdischer Häftlingsfrauen stammen, die hier in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges auf dem Durchmarsch zwei Tage übernachteten, ehe sie mit ihren Bewachern weiter Richtung Süden zogen. Die Überprüfung des Hinweises ergab, dass die mit Bleistift auf die Fachwerkbalken der Scheune geschriebenen Nachrichten in ungarischer Sprache abgefasst und wohl als Lebenszeichen zu verstehen waren. Weitere Informationen zur Deutung der Inschriften konnten aber zunächst nicht gewonnen werden. Erst ein glücklicher Umstand erbrachte den Hinweis, dass der Evakuierungsmarsch der ungarischen Häftlingsfrauen von einem am Ende des Krieges in Calw eingerichteten KZ-Außenkommando seinen Ausgang genommen hatte.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Einleitung
Die Errichtung des KZ-Außenkommandos Calw
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit
Nationalsozialistische Judenverfolgung und Judenvernichtung in Osteuropa
Die Herkunft der Calwer Häftlingsfrauen
Der Weg von Auschwitz nach Calw
Lebens- und Arbeitsbedingungen im KZ-Außenkommando Calw
Der Evakuierungsmarsch im April 1945
Schicksale nach der Befreiung
Schluß
Anhang
Quellen- und Literaturverzeichnis
Abbildungsnachweise
Gedenke der vorigen Zeiten
und hab acht auf die Jahre
von Geschlecht zu Geschlecht.
Frage deinen Vater, der wird
dir’s verkünden …
5. Mose 32.7
Im Jahre 1983 gründeten einige Frauen und Männer aus Calw einen Arbeitskreis für lokale Zeitgeschichte. Sie wollten möglichst genau wissen, was in den Jahren des Nationalsozialismus in ihrer Stadt geschehen war, vor allem, welche Opfer der braune Terror gefordert hatte. Bei ihrer Suche stießen sie auch auf vage Berichte über Zwangsarbeiterinnen in der damaligen Firma Lufag, einer Rüstungsfabrik. Es kostete viele Mühe, hierüber verläßliche Informationen zu bekommen, und ohne die freundliche Hilfe des Zufalls, der den Arbeitskreis mit Herrn Professor Seubert zusammenführte, wäre es wohl nie zu der hier vorliegenden Veröffentlichung gekommen.
Die Vorgänge um die Zwangsarbeiterinnen in der Lufag waren besonders stark verdrängt worden, wahrscheinlich weil sie sich in den immer turbulenter werdenden letzten Monaten des Krieges und damit auch der NS-Zeit abgespielt hatten. Es mag auch bei den gar nicht so wenigen Mitwissern ein dumpfes Gefühl der Ohnmacht mitgewirkt haben, dem sie als persönlich meist Unschuldige durch die Kenntnis dieser verbrecherischen Vorgänge ausgeliefert waren. Wie dem auch sei – das Schicksal der jüdischen KZ-Häftlinge, die für einige Kriegsmonate Einwohnerinnen der Stadt Calw waren, ist wahrhaftig der Erinnerung wert. Denn es macht deutlich, daß die Verbrechen des Nationalsozialismus vor keinem Bereich und vor keinem Ort haltmachten, auch nicht vor unserer kleinen Stadt.
Es ist nicht leicht, die bösen Erinnerungen als historische Last auf sich zu nehmen, und doch ist es notwendig. Es schärft die Wahrnehmung auch für das, was heute geschieht. Es öffnet die Augen für Zusammenhänge, die heute erst recht zwischen dem Leben in der eigenen, überschaubaren Welt und der großen Politik und Wirtschaft bestehen. Das weit verbreitete Ohnmachtsgefühl gegenüber dem politischen Geschehen kann vermindert werden, wenn wir über unsere Vergangenheit und damit über uns selbst und die in uns wohnenden Gefahren besser Bescheid wissen.
Das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiterinnen in der Calwer Lufag geht uns nahe. Seine Darstellung durch einen Historiker kann für uns zu einer Geschichte werden, die erzählend weitergegeben wird. Möge es viele junge Menschen zu Fragen anregen und den Älteren Mut machen, zu erzählen, »wie es wirklich war«.
Hans Bay
Auch Bücher haben ihre Schicksale! Die Geschichte des hier vorgelegten kleinen Buches begann 1980, als der Verfasser durch eine Bürgerin aus Kusterdingen (Ldkr. Tübingen) auf einige rätselhafte Inschriften in ihrer Scheune aufmerksam gemacht wurde. Sie sollten nach ihren Angaben von einer Gruppe jüdischer Häftlingsfrauen stammen, die hier in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges auf dem Durchmarsch zwei Tage übernachteten, ehe sie mit ihren Bewachern weiter Richtung Süden zogen. Die Überprüfung des Hinweises ergab, daß die mit Bleistift auf die Fachwerkbalken der Scheune geschriebenen Nachrichten in ungarischer Sprache abgefaßt und wohl als Lebenszeichen zu verstehen waren. Weitere Informationen zur Deutung der Inschriften konnten aber zunächst nicht gewonnen werden. Erst ein glücklicher Umstand erbrachte den Hinweis, daß der Evakuierungsmarsch der Häftlingsfrauen von einem am Ende des Krieges in Calw eingerichteten KZ-Außenkommando seinen Ausgang genommen hatte. Als 1984 in Calw die Ausstellung »Verfolgung und Widerstand unter dem Hakenkreuz« gezeigt wurde, bot es sich an, mit dem dortigen »Arbeitskreis lokale Zeitgeschichte« Verbindung aufzunehmen, wobei wir feststellen konnten, daß sich unsere Nachforschungen über die Geschichte des Calwer Lagers außerordentlich gut ergänzten. Wir setzten daher die Zusammenarbeit in den folgenden Jahren fort, die vor allem von Herrn Realschullehrer Norbert Weiss gefördert wurde, ohne dessen Spürsinn und umfangreiche Korrespondenz das Buch in der vorliegenden Form nicht hätte geschrieben werden können.
Zur Erforschung der Geschichte des KZ-Außenkommandos Calw und der dorthin verschleppten jüdischen Frauen standen anfangs nur die Aussagen Calwer Bürger, Auskünfte einzelner Behörden und die Kusterdinger Inschriften als Quellen zur Verfügung. Erst durch die Ermittlung der Adressen früherer Häftlingsfrauen in Israel, Ungarn und Frankreich gelang es, Brief- und Interviewpartnerinnen zu finden, die ausführlichere Informationen geben konnten. Eine weitere wichtige Quelle waren die ab 1967 in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg entstandenen Ermittlungsakten. Sie bestehen allerdings zum großen Teil aus Zeugenverhören, die sehr eng auf den zu ermittelnden Tatbestand »Tötungshandlungen« ausgerichtet waren und viele historisch interessierende Fragen nicht berühren.1 Zudem zeigte der Vergleich der Aussagen, Briefe und Interviews, daß die Erinnerung an Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, nicht immer sehr zuverlässig ist. Verwaltungsakten zur Klärung dieser Widersprüche waren aber nur in geringer Zahl aufzufinden, so konnten z.B. bisher nicht alle ehemaligen Häftlingsfrauen namentlich ermittelt werden, da die von der SS aufgestellte Transportliste nur unvollständig erhalten geblieben ist.2 Um die Informationslücken zu schließen, wurden daher neben der allgemeinen zeitgeschichtlichen Literatur vor allem die Untersuchungen über die Lager Essen-Humboldtstraße, Hessisch Lichtenau und Geislingen/Steige, in denen ebenfalls jüdische Frauen inhaftiert waren, zum Vergleich herangezogen. Manche Fragen sind dennoch offen und müssen einer künftigen Klärung vorbehalten bleiben.
Zahlreiche Archive, Dokumentationsstellen und Behörden haben in den vergangenen Jahren die Erforschung des KZ-Außenkommandos unterstützt. Genannt seien u.a. das Archiv Yad Vashem in Jerusalem, das Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg und die Stadtverwaltung Calw.
Weitere Hilfen gewährten Herr Heinrich Kohring und Herr Janos Schäffer, Tübingen, die die Übersetzung der Kusterdinger Inschriften ermöglichten, sowie Herr Pfarrer József Orban aus Csabdi (Ungarn), der die ersten Kontakte nach Israel knüpfte. Ganz unersetzlich war die Mitarbeit von Frau Andrea Németh-Newhauser, Tübingen, die zahlreiche Briefe und Dokumente aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzte und bei den in Budapest geführten Gesprächen als Dolmetscherin zur Verfügung stand. Ihnen und allen nicht genannten Helfern sei an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt. Besonderer Dank gilt schließlich allen Zeugen, die durch Gespräche und Briefe dazu beigetragen haben, die Geschieht des KZ-Außenkommandos Calw aufzuklären. Trotz verständlicher Vorbehalte und den damit verbundenen psychischen Belastungen haben sich dazu auch viele ehemalige jüdische Häftlingsfrauen bereit gefunden.
Das verdient Respekt und Anerkennung. Ihr Schicksal nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist die geringste Gegenleistung, die wir ihnen schuldig sind. Der Verfasser und der »Calwer Arbeitskreis« hoffen, mit dem vorliegenden Buch diesem Ziel dienen zu können.
1 Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen (ZSL) Ludwigsburg, Vorermittlungen über das Außenkommando Calw, AZ: 419 AR 1774/67.
2 Abb. 11. – Bei den heute verheirateten Frauen wird im Quellenverzeichnis auch der frühere Mädchenname angegeben. Bei einzelnen deutschen Zeugen wurde auf Wunsch nur das Namenskürzel verwendet.
3 Im folgenden zitiert: Herbert, U.: Essen. – Vaupel, D.: Hessisch Lichtenau. – Wagner, R.: Geislingen.
Von den Plänen zur Errichtung eines KZ-Außenkommandos in Calw erfahren wir zum erstenmal aus dem Bericht eines SS-Hauptsturmführers an die »Kommandantur des K. L. Natzweiler« vom 21.11.1944 über die Besichtigung des Werkes Lufag. In dem Bericht heißt es u. a.: »… Das Werk liegt etwa 2 klm. von Calw entfernt, vollkommen frei. Es ist in Hufeisenform gebaut, 3-stöckig … Die weiblichen Häftlinge müssen im Werk selbst in 2 Schichten eingesetzt werden und zwar im 1. Stock in einem Raum etwa 40 x 12 m. Der Einsatz erfolgt geschlossen und sind nur deutsche Vorarbeiter zum Einlernen bei den Häftlingen … Die Häftlinge werden im 11. Stock, in einem leerstehenden Arbeitsraum, untergebracht. Im Raum ist Dampfheizung und die Unterkunft der Häftlinge mit Drahtgeflecht abgetrennt. Es sollen 200 weibliche Häftlinge vorerst eingesetzt werden …«.4
Die in dem Bericht geforderten baulichen und organisatorischen Maßnahmen wurden offenbar in den folgenden Wochen durchgeführt, u.a. verpflichtete der Betrieb vier junge Frauen dazu, sich im KZ Ravensbrück als Aufseherinnen »ausbilden« zu lassen.5 Die 10-15 köpfige Gruppe der SS-Bewacher stellte das KZ Natzweiler, dem das Außenkommando Calw zugeordnet war.6 Das Hauptlager Natzweiler im Elsaß existierte allerdings zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, da es im September 1944 vor den herannahenden Alliierten geräumt worden war. Der Kommandaturstab blieb jedoch weiter bestehen und befehligte zunächst von Guttenbach (Nordbaden), dann von Stuttgart aus die zahlreichen Außenkommandos des ehemaligen Hauptlagers in Süddeutschland.7
Die Luftfahrtgeräte-GmbH (Lufag) war ein Rüstungsbetrieb, über dessen Aufbau seit dem Frühjahr 1941 zwischen einer in Calw ansässigen Maschinenbaufirma und dem
1 Bericht eines SS-Hauptscharführers über die Besichtigung der Luftfahrtgeräte-GmbH (Lufag) vom 21.11.1944. Das Aktenstück enthält den ersten Nachweis über die geplante Errichtung eines Außenkommandos des KZ Natzweiler in Calw.
2 Schreiben des Reichsluftfahrtministeriums an die Firma Harry à Wengen in Calw vom 17.5.1941 über die kriegswirtschaftliche Dringlichkeit eines Betriebsgebäudes für die spätere Lufag (Vgl. Abb. 10)
Reichsluftfahrtministerium in Berlin verhandelt wurde. Von 1941 bis 1942 entstand an der Grenze der Markungen Calw und Stammheim ein neues Fabrikgebäude (heute genutzt von der Firma Bauknecht), und spätestens 1943 dürfte mit der Produktion begonnen worden sein. Hergestellt wurden Einzelteile für den Flugzeugbau, vor allem für Jagdflugzeuge (z.B. Haubenverschlüsse).8
Von wem 1944 die Initiative zur Errichtung eines KZ-Außenkommandos bei der Lufag ausgegangen war, läßt sich bis jetzt nicht nachweisen. Vermutlich hat jedoch die Firmenleitung die Häftlinge beim Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS (WVHA) in Oranienburg angefordert. Üblicherweise wurden dort die Anforderungen überprüft und das jeweils »zuständige« KZ beauftragt, die Häftlinge zur Verfügung zu stellen bzw. das entsprechende Lager einzurichten.9 Für das »Außenkommando Calw« traf nur das letztere zu. Die 199 jüdischen Häftlingsfrauen, die schließlich Mitte Januar 1945 nach Calw gebracht wurden, kamen nicht aus dem Bereich der Kommandantur Natzweiler, sondern vom Außenkommando Rochlitz (Sachsen) des KZ Flossenbürg, das sie nach Calw »überstellte«. Die Häftlinge erhielten ihre Unterbringung wie vorgesehen im Betriebsgebäude der Lufag und wurden hier als Zwangsarbeiterinnen in der Produktion eingesetzt. Wegen des Näherrückens französischer Truppen mußte das Lager aber bereits Anfang April wieder aufgegeben und die Häftlinge evakuiert werden.
