Von blutiger Erde durch Feindesland - Thom Zurmatt - E-Book

Von blutiger Erde durch Feindesland E-Book

Thom Zurmatt

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Beschreibung

Der toughe, hartgesottene und besinnliche französische Fallensteller und Jäger, der überall nur unter dem Namen Le coureur résistant oder kurz Le Résistant bekannt ist, gerät im Winter 1648/49 zusammen mit seinem indianischen Weggefährten in die blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Irokesen-Konföderation und den Huronen. Seine huronische junge Freundin kann er zusammen mit ihrem Bruder und einem weiteren Verwandten gerade noch vor dem Gemetzel retten und in Sicherheit bringen, ehe sie sich auf den langen und gefährlichen Weg zu den Susquehannock, einem Stamm, der mit den Huronen befreundet ist, aufmachen. Doch auch dort lauern Gefahren und sie begeben sich zusammen mit einem weiteren Einheimischen auf den fast unüberschaubaren Weg zurück in die französischen Gebiete. Doch ehe sie sich dort in Sicherheit fühlen können, erwartet sie eine todesmutige und alle an ihre Grenzen bringende gefahrvolle Odyssee durch feindliches Terrain, wo fast alles gegen sie ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Von blutiger Erde durch Feindesland

TitelseiteImpressum

Von blutiger Erde

durch Feindesland

Abenteuerroman

mit historischem

Hintergrund

von

Thom Zurmatt

Unter der Bezeichnung Neufrankreich war ursprünglich allgemein das riesige, sich weit erstreckende Territorium in Nordamerika gemeint, das zwischen den Jahren 1534 und 1763 durch Frankreich in Besitz genommen und teilweise kolonialisiert wurde. Bereits im Jahre 1608 wurde der Name Neufrankreich auch zur offiziell gewählten Bezeichnung der nun zu einer französischen Kolonie zusammengefassten französischen Gebiete. Neben dem weiträumigen waldreichen Territorium nördlich des Sankt-Lorenz-Stromes, was die heutigen kanadischen Provinzen Québec und Ontario bildet, umfasste das französische Kernland auch das Mississippi-Tal im heutigen US-Bundesstaat Louisiana sowie Akadien, das die heutige kanadische Provinz Neuschottland im Osten des Landes bildet. Auf dem einstigen Höhepunkt seiner Ausdehnung im Jahre 1712 und vor dem Vertrag von Utrecht erstreckte sich das Territorium Neufrankreichs von Neufundland, hoch im kanadischen Nordosten bis zu den Großen Seen im Westen und von der Hudson Bay im Norden bis zum Golf von Mexiko im Süden der heutigen USA. Das gesamte Gebiet gliederte sich verwaltungstechnisch in die fünf französischen Kolonien Kanada, Akadien, Hudson-Bucht, Neufundland und Louisiana. Mit dem Pariser Frieden von 1763 verlor Frankreich jedoch fast seine gesamten nordamerikanischen Gebiete an den kolonialen Rivalen und Erzfeind Großbritannien.

Die Biberkriege, die in den Geschichtsbüchern auch unter der Bezeichnung Franzosen- oder Irokesenkriege bekannt waren, setzten sich durch eine ununterbrochene Folge von schwerwiegenden Konflikten zusammen, die innerhalb der Jahre 1640 und 1701 in diesem Teil der Welt zwischen der Konföderation der Irokesen, den Hodenosaunee – „Leute des langen Hauses“, wie sie sich selbst bezeichneten, und ihren mit Frankreich verbündeten zahlreichen Nachbarstämmen ausgetragen wurden. Die Irokesen versuchten ihr Territorium auf das Gebiet dieser benachbarten Stämme, hauptsächlich der Algonkin, auszudehnen, um so als Mittler im für die europäischen Kolonisten so begehrenswerten Pelzhandel zwischen den Franzosen und den westlichen Stämmen auftreten zu können.

Die Kriege waren auf beiden Seiten von einer extremen, heute kaum nachvollziehbaren Brutalität geprägt und werden aus gegenwärtiger Sicht als eine der blutigsten, grausamsten und rücksichtslosesten Auseinandersetzungen in der langen Geschichte Nordamerikas betrachtet. Die Expansion der Irokesen-Liga unter der Führung des Volksstammes der Mohawk und die Vertreibung der ihnen unterlegenen Stämme veränderte bereits damals die ganze Stammesgeographie im gesamten Nordamerika.

Ein Volk, das die besondere Grausamkeit der Hodenosaunee erleben musste, waren die Huronen, auch ein Volksstamm, der sprachlich der Irokesen-Familie angehörte, und der ebenfalls aus mehreren Stämmen bestand und einen festen Bund bildete, ähnlich wie es die Irokesen-Konföderation war. Sie waren Alliierte der Franzosen und verschiedener Algonkin-Stämme, organisierten rege Handelsbeziehungen zwischen den Einheimischen und den Kolonisatoren und ihre Wohngebiete hatten sie in Ontario – einer heutigen kanadischen Provinz, die ihren Namen aus der irokesischen Sprache bekommen hat, was „Land der schönen Seen“ bedeutet. Hier lebten sie in achtzehn befestigten Dörfern in ihrer Wendake genannten Heimat an den Ufern des Lac Huron oder Karegnondi, was in ihrer Sprache die Bedeutung „Süßwassermeer“ hat und ernährten sich hauptsächlich vom Ackerbau. Besonders berühmt wurden die Huronen jedoch durch den Anbau von Tabak.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts – genauer im Jahre 1615 – duldeten die Stämme der Irokesen-Liga keine Rivalen mehr, auch keine Stammesverwandten. Anfangs konnten die Huronen ihr Stammesgebiet noch erfolgreich verteidigen, doch mit der Zeit, besonders nachdem die Irokesen von holländischen Händlern, die dem Hudson River heraufkamen und sie im Tausch mit Fellen mit Feuerwaffen versorgten, änderte sich schlagartig das Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Völkern. Die Huronen ihrerseits konnten keine Gewehre besorgen, da sie einmal durch ihre Wanderung zu weit von den französischen Händlern entfernt waren und zum anderen, weil die Franzosen ihnen keine Feuerwaffen zukommen ließen, sondern das an klerikale Bedingungen anknüpften. Somit blieben ihnen nur Pfeil und Bogen gegen einen übermächtigen Gegner. Der Hass der Irokesen gegen die Huronen war trotz Friedensvertrag so groß, dass sie mit jedem erdenklichen Mittel ausgerottet werden sollten.

Die Stämme der Irokesen, vor allem die Seneca und die Mohawk, griffen das Huronen-Stammesgebiet Mitte März des Jahres 1649 von Süden her an und eroberten zuerst das von Palisaden geschützte Grenzdorf Teanaustayae, deren Bevölkerung niedergemetzelt wurde. Auf diese Weise wurde dann Dorf um Dorf dem Erdboden gleich gemacht. Viele Gefangene wurden dabei auf grausamste Weise zu Tode gemartert, manche wurden zu Zwangsadoptionen mitgeführt, die aber meist einer gedemütigten Sklaverei glichen.

Die meisten dieses Gräuel Überlebenden eines einst mächtigen Volkes flohen zu ihnen befreundeten Stämmen und einige wenige hin zu den Franzosen. Auch einige Algonkin-Stämme dieser Gegend gewährten den Flüchtlingen für eine kurze Zeit Unterkunft, bevor sie erneut auf der Flucht waren.

Ein großer Teil von ihnen floh in die Gegend des heutigen US-Bundesstaates Wisconsin, wo sie im Dezember 1649 Zulauf von dem Volk der Tobacco erhielten sowie 1656 von den Erie, zwei ebenfalls irokesischsprachigen Völkern, die nach den Huronen von der Irokesen-Liga ebenfalls fast ausgerottet worden waren. Die überlebenden Huronen, Erie und Tobacco gründeten gemeinsam einen neuen Stamm, der sich danach „Wyandot“ nannte. Von weiteren geflohenen Huronen, die Québec am Sankt-Lorenz-Strom erreichten, leben Nachkommen heute noch in der kanadischen Stadt Lorette.

Längst war der Zeitpunkt der Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche vorüber, wo die Landschaft der neuen Kolonien im Norden Amerikas in ein bezauberndes farbenbuntes, das Auge eines jeglichen Betrachters vollkommend einnehmendes, weithin ausgedehntes Meer, angefangen von den hellsten und zartesten bis hin zu den dunkelsten Nuancen der Farben Rot, Gelb, Orange und Violett, getaucht war und dem ganzen Land einen beruhigenden Charakter aufsetzte, der in heutiger Zeit allgemein bekannt ist unter der Bezeichnung „Indiansummer“. Der Höhepunkt der Zeitspanne von diesem wunderschönen und außergewöhnlichen herbstlichen Naturereignis ausgehend bis zu der bevorstehenden Wintersonnenwende war bereits lange überschritten und von den zahllosen bunten, die Sinne erregenden Schattierungen der Herbstfarben war bislang nichts mehr übrig geblieben. Die harten, scharfen Winde und teilweise kräftigen, mit brutaler Gewalt hereinbrechenden Stürme, die in den letzten Tagen gnadenlos über das Land gefegt waren, hatten die farbenprächtigen Blätter unbarmherzig von den Zweigen der Bäume gefegt und das restliche Laub, das daran noch verblieben war, in ein unansehnliches schmuddeliges und grässliches Braun übergehen lassen, das an den noch vom beständigen Dauerregen feuchten Zweigen klebte, so als gehöre es gar nicht wirklich dahin. Die Algonkin nannten diese Zeit in ihrer Sprache „Takwakik“, die Mohegan sagten dazu „T’quauquuh“, bei den Huronen hieß der Herbst „Yänenda’yeh“ und bei den Mohawk hatte der Herbst den Namen „Kahnennakehne“ und den gerade beginnenden Monat November nannten sie „Kentenkowa – Zeit der großen Not“.

Auch dieser andauernde Regen der vergangenen Tage hatte ganz erheblich seinen traurigen, unerfreulichen Anteil mit dazu beigetragen, um der Landschaft dieses trostlose Ansehen zu bescheren. Fünf Tage und ebenso viele Nächte lang am Stück war in der Vergangenheit unaufhörlich andauernder, feiner, kalter, alles durchdringender und nichts verschonender Nieselregen über der gesamten Region hernieder gegangen. Die Berge der Madawaska Highlands, die sonst in einem hell strahlenden, glitzernden Licht der goldenen Herbstsonne und in der in großer Menge vorhandenen bunten Farben der ihr eigenen üppigen Vegetation phantastisch leuchteten, waren in ein unansehnliches, trübseliges, düsteres und kaltes Grau gehüllt. Lang geschwungene, wässerig grau wirkende Schwaden von feuchten leichenblassen, gespenstisch anmutenden Nebelschleiern zogen über die zahlreichen schroffen, bewaldeten Hügel und kleineren Berge dieser weiträumigen, endlos wirkenden Wildnis und verhüllten die sonst so fantastischen Ausblicke auf die klaren Seen und sprudelnden Bäche und die damit in Verbindung stehenden malerischen Wildwasser-Stromschnellen wie hinter geheimnisvollen Tarnkappen, und über den weit ausbreitenden Tälern, die sich nach dem Süden hin unbegrenzt und endlos anmutend erstreckten und das Tiefland des kleineren Lac Couchiching und des in ihn übergehenden und um eine vieles größeren Lac Simcoe, der bei den Huronen den Namen „Wentironk“ trug, was „wundervoller See“ bedeutete, ankündigten und dahinter die unendlichen Weiten nach Süden hin sowie in die Richtung des Sonnenuntergangs bis hin zur Baie Georgienne des riesigen Lac Huron bildeten, lag das zähe, nasse und kalt wirkende Grau wie endlose Schleier, die versuchten alles Leben für immer zudecken zu wollen.

Längst war der in der Luft liegende herbe frostige Geruch des nahenden Winters zu erahnen, dessen energische und unmissverständliche Vorboten nicht mehr lange warten wollten. Nach den stürmischen und regnerischen Zeiten in den vergangenen Tagen hellte sich der Himmel aber jetzt noch einmal auf und ließ dadurch noch ein paar wenige, hell strahlende Tage erhoffen. Die am Nachthimmel zahlreich blinkenden Sterne, deren Licht im Spätsommer sich noch warm und nah darstellte, schienen sich jedoch in den nun kommenden Nächten immer weiter von der Erde zu entfernen und ihr Licht wirkte fern, fremd und kalt. Die letzten Zugvögel flogen sowohl am Tage als auch in den Nächten in eine wärmere Heimat im tiefen Süden und ihr Rufen, das von weit oben erklang, schien in diesen grauen Zeiten des späten Herbstes das einzige Leben zu sein, das sich zwischen Himmel und Erde in dieser Region befand.

Auf den verstreut liegenden unwirtlich scheinenden Blößen der weiten Umgebung blühte inzwischen keine einzige Blume mehr. Die farbenfrohen Zeiten, wo die Wiesen voll im Schmuck der verschiedensten prachtvollen Blüten lagen, die gegenseitig um ihre Schönheit wetteiferten, waren Vergangenheit und eintönigere Farben wie Grün, Gelb und Braun übernahmen nun die Oberhand. Lediglich an den etwas geschützten Stellen an manchen Rändern des Waldes und in geschützt liegenden Dickungen, die vom eiskalten und zerzausenden Wind, der nun immer öfter und über längere Zeit die gesamte Gegend durchdrang, nicht so getroffen wurden, entfalteten sich jetzt, nachdem die Witterung wieder, wenn auch nur zaghaft, einen etwas freundlicheren Charakter annahm, einige wenige spätblühende Blumen. Würde am Tage die Sonne weiterhin warm und deutlich hervorbrechen, dann könnte man sogar noch einige verspätete Falter erspähen oder irgendwelche Käfer, die diese letzten Farbe spendenden Blüten aufsuchten.

Jetzt, wo für wahrscheinlich nur kurze Zeit wieder ein paar angenehm hellere Zeiten in Aussicht standen, gestaltete sich auch schon die Nacht klarer als die Tage zuvor und die silberfarbene Sichel des Mondes prangte majestätisch strahlend am Himmel auf, wenn das zerrissene letzte Gewölk, das vom Hochland her immer wieder drohend anmutend heraufzog, sie freigab. Die Wolken jagten mit hell überstrahlten Säumen an sämtlichem Nachtgestirn vorüber wie eine mächtige Herde wild aufgescheuchter Tiere, die von hungrigen Wölfen gejagt wurde. In irrer Hast zogen die Wolkenfetzen über die Blößen und Täler sowie über die dunklen Wälderhorste dahin. Sie kamen aus der Richtung des Hochlandes und zogen über die tieferen Landschaften der Seen hinweg, um dahinter wieder allmählich am fernen Horizont zu verschwinden. Sie kamen aus dem dunklen, undurchdringlich wirkenden Schwarz des Firmaments, trieben überstürzt hastend an der Helle vorbei und verschwanden danach wieder in der Dunkelheit der Nacht. Dazwischen leuchtete silbern fahl das Mondlicht.

In der Luft lag schon bedrohlich der erste raue Atem des nahenden Winters. Bisher hatte es noch keine tieferen Frosttemperaturen gegeben, aber diese klare Luft und die für die nächste kurze Zeit aufkommenden helleren, klaren Tage deuteten unmissverständlich an, dass der Winter mit seinem strengen Frost und all seinen Widrigkeiten nicht mehr allzu lange auf sich wird warten lassen.

Die gesamte weiträumig ausgedehnte Region, die den südlichen Teil Neufrankreichs ausmachte, dessen langgezogene Grenze zu den viel weiter südlich sich erstreckenden britischen und niederländischen Einflusssphären der mächtige Sankt-Lorenz-Strom sowie etwa die Mitte des riesigen Lac Ontario bildeten, befand sich, egal welche Witterung gerade herrschte, in einer scheinbar überaus friedlichen und harmonischen Ruhe. Jedoch war in Wirklichkeit diese ausgewogene Ruhe ein riesiger Trugschluss.

Man schrieb das Jahr 1648,Louis d’Ailleboust de Coulonge, ein Mann, der vergeblich versucht hatte, dass die Stämme der Irokesen-Konföderation sich mit den mit den Franzosen alliierten Völkern der Huronen friedlich einigten, war seit diesem Jahr Generalgouverneur in Québec. Bereits seit mehr als hundert Jahren, seit der Zeit, wo die ersten Europäer in diesem Teil der Welt eintrafen, vor allem aber seit mehr als dreißig Jahren, wo immer mehr europäische Kolonisten sich hier ausbreiteten, gab es in vielen Gebieten dieser Region überhaupt keine Ruhe und Frieden mehr. In dieser Zeit und unter den speziellen kolonialen Bedingungen verschärfte sich der Wettlauf zwischen dem in immer stärkerer Ausdehnung begriffenen und nach neuen Siedlungsflächen strebenden Neuengland, den nach Rohstoffen hungernden Niederländern und dem gerade erst zur aktiven Sicherung seiner eigenen Ansprüche sich entschließenden Frankreich.

Auch die zahlreichen verschiedenen eigeborenen Völker in diesen weiten Territorien beiderseits des unterschiedlichen Einflussgebietes französischer auf der einen Seite sowie britischer und niederländischer Kolonisten auf der anderen, die seit Urzeiten diese Regionen bewohnten, gingen nicht unbedingt sehr friedlich miteinander um. Doch die europäischen Kolonisten nutzten diese ursprünglichen Spannungen zwischen den zahlreichen einheimischen Völkern völlig rücksichtslos für ihre ureigenen Interessen aus, was zu immer blutigeren und brutaleren Auseinandersetzungen führte und immer mehr zur Folge hatte, dass ganze Völker dezimiert und sogar vernichtet wurden. Doch nicht nur die Kriege dezimierten die Völkerschaften, dies taten auch die gravierenden Krankheiten, die die Kolonisten aus Europa mitbrachten und die sich als todbringende Epidemien über die hier ansässigen Menschen verbreiteten, da sie gegen diese ihnen fremde Krankheiten keinerlei Abwehrstoffe besaßen.

Seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts verstärkte sich eine für die französischen Kolonialisten schwierige Entwicklung, die auf einer langen Vorgeschichte basierte. Durch ihre guten Beziehungen zu den eingeborenen Volksstämmen der Huronen, Algonkin undMontagnaisgerieten die Franzosen in immer stärkere Konflikte mit der immer mächtiger und brutaler werdenden Konföderation der Irokesen, die mit Frankreichs Verbündeten wohl schon seit Jahrzehnten in Feindschaft lebten und die sich nun an die Seite Englands stellten, um die französischen Eindringlinge zu vertreiben. Dies galt im Besonderen für das durch Siedler zu erschließende Gebiet der Großen Seen, das im Speziellen für die Requirierung von Fellen für die europäischen Kolonisten so äußerst wichtig war. Und es galt auch für die nach Québec gegründete und ebenfalls bedeutende Stadt Montreal, die sich, den Sankt-Lorenz-Strom abwärts gelegen, zu einem wichtigen Hafen und riesigen Handelsknotenpunkt für die Weiterverschiffung der flussaufwärts erworbenen Güter entwickelt hatte. Deshalb bestanden weite Regionen des ganzen Landes trotz der trügerisch äußerlichen Ruhe, die dieses Territorium scheinbar ausstrahlte, aus blutiger und blutender Erde. Und die Kriege, die hier zwischen den Völkern ausgefochten wurden, waren an Brutalität durch nichts mehr zu überbieten.

Längst hatte die Nacht bereits ihren Scheitelpunkt um ein Vielfaches überschritten und es sollte nicht mehr allzu lange Zeit vergehen bis der kommende Tag anbrach. Entsprechend der sich allmählich bessernden Witterungslage würde dann ein orangefarbener oder aber tief goldener Streifen am östlichen Firmament entflammen und die gesamte weite Landschaft allmählich in ein mystisch verträumtes Licht hüllen, das die stark gekräuselte Wasseroberfläche des Lac Simcoe widerspiegeln würde. Und am gegenüberliegenden Horizont würde kurz der violett gefärbte Venusgürtel auftauchen, aus dem die Gipfel der höheren Berge im Hintergrund hervorblicken würden. Doch noch war der kalt silberhell strahlende Mond das dominierende Licht am alles überspannenden Himmel, wenn es nicht gerade hin und wieder in unregelmäßigen kurzen Abständen von den dahinjagenden Wolkenfetzen verdeckt wurde. Für diese kurzen Momente lag die endlos erscheinende Landschaft dann für Augenblicke in einer tiefen bedrückenden Dunkelheit und nur vereinzelte Sterne, die außerhalb der Wolkenschleier den Himmel schwach erleuchten ließen, schufen das Bild dieser Nacht.

Kam dann die Sichel des Mondes vorübergehend wieder zum Vorschein, konnte man in dieser weiten, wild idyllischen Umgebung zwei menschliche Gestalten ausmachen, die fast bewegungslos in einigem Abstand nebeneinander auf ein paar großen Steinen saßen, so als wären sie feste Gebilde, die in diese Landschaft gehörten, so wie auch die Steine, die Felsen, die Bäume und all die vielen Sträucher. Nach unermesslich langen Märschen durch die Wildnis und in der zuversichtlichen Erwartung endlich ihrem eigentlichen Ziel nah zu sein, ließen diese beiden Personen die beschauliche Stimmung der sich langsam auflösenden Nacht stimmungsvoll auf sich wirken. Es handelte sich um zwei Männer, die beide so gekleidet waren, wie es bei den Eingeborenen in dieser Region üblich ist. Beide trugen eine für die Wildnis angemessene praktische Bekleidung aus braunem Wildleder, die bestand aus Mokassins, Leggings, einem Hemd und darüber einem mantelähnlichen längeren Kleidungsstück, ebenfalls aus Wildleder hergestellt, in der sie auf den ersten Blick von Mitgliedern einheimischer Völker nicht zu unterscheiden gewesen wären.

Der Ältere der beiden Männer trug seine Haare lang und offen bis über die Schultern. Darin eingeknotet war eine mittelgroße weiße Feder mit graubraunen Spitzen und Rändern, die von einem Jagdfalken stammen könnte. Über seinen Knien lag ein langes Vorderladergewehr, wie es zu dieser Zeit hier überall im Gebrauch war. Am rechten Schaft seiner Leggings, etwa in Kniehöhe, ragte ein aus einem Hirschgeweih gefertigter Griff eines langen Dolches hervor und an seinem Gürtel hing mit einem Lederriemen befestigt ein größeres Pulverhorn, auch Pulverflasche genannt, das zur Aufbewahrung von Schießpulver genutzt wurde. Aus diesen Behältern wurde das sich darin befindliche Schwarzpulver als Treibladung in den Lauf des Vorderladers gefüllt, bevor das eigentliche Geschoss geladen und oftmals noch mit einem Ladestock, der an der Unterseite des Flintenlaufes befestigt war, fest eingedrückt wurde sowie eine kleine lederne Tasche, in der die Munition, die Bleikugeln für die Vorderladerbüchse sich befanden. Weitere Waffen waren an ihm nicht zu erkennen.

Er war eine faszinierende Erscheinung von großer und schlanker, aber ebenso von drahtiger und robuster Gestalt, der man es sofort anmerkte, dass er in jeder Situation kräftig zupacken konnte. Sein Gesicht, dessen Haut vom Aufenthalt in der Sonne und in ständig frischer Luft stark gebräunt und von Kälte, Wind, Regen und all den anderen vielen unterschiedlichen Witterungsunbilden, denen es oftmals und über lange Zeit hinweg ausgesetzt war, wie gegerbtes Leder wirkte, gaben ihm zunächst einen strengen und etwas rauen und wild anmutenden Ausdruck. Doch sah man seine vertraulich dreinschauenden, graublauen, manchmal etwas wässerig wirkenden Augen sich ein wenig genauer an, so erkannte man ein freundliches, gutmütiges Strahlen darin, das diesem Mann eine gewisse anziehende und wohlwollende Sympathie auferlegte. Diese Person befand sich bereits offensichtlich über der Mitte seines Lebensalters, was an seinen langen, bis auf die Schultern hängenden Haaren, die einstmals tief schwarz gewesen waren, aber mittlerweile breite graue Strähnen aufwiesen, deutlich sichtbar war. Trotzdem wirkte er noch unwahrscheinlich vital, jugendlich und voll von strotzender Kraft.

Es handelte sich bei dieser Person um einen französischen Waldläufer, wie sie es einige in dieser schier endlos wirkenden Wildnis gab. Sie, die „Coureurs des bois“, wie sie im Französischen genannt wurden, waren Trapper und Pelzhändler in Nordamerika und wurden am Anfang der Kolonialgeschichte so bezeichnet. Sie zogen auf eigene Faust hinaus in die Wildnis und durchstreiften das ganze weiträumige Land, lebten oftmals mit den unterschiedlichsten einheimischen Völkern zusammen, jagten mit ihnen, stellten Fallen auf und tauschten mit ihnen ihre Pelze ein. Sie übertrugen aber auch Nachrichten von den einen zu den anderen, oftmals viele Meilen auseinanderliegenden Orten, da sie sehr weit im Lande herumkamen und oft auch bei den meisten einheimischen Stämmen mit einem speziellen Namen bekannt und ebenso beliebt waren, was sie über sehr weite Gebiete hinaus berühmt werden ließ.

Dieser bezeichnete Waldläufer war überall nur unter dem Namen Le coureur résistant oder einfach kurz Le Résistant bekannt, was soviel wie der beständige Läufer oder einfach nur der Beständige oder der Harte bedeutete. Sein eigentlicher Name aber war Jacques Brequassarde und er wurde im Jahre 1601 in der französischen Hafenstadt Le Havre geboren. Seine Eltern waren nur ganz einfache und mittellose Leute. Sein Vater transportierte im Hafen Waren auf die Schiffe und seine Mutter war Näherin, die in einer kleinen Mansarde unter dem Dach für die reichen Frauen der Stadt Kleider nähte. Die Familie Brequassarde besaß zeitlebens immer nur sehr wenig Geld und sie konnten sich gerade so über Wasser halten. Jaques war ein kräftiger und äußerst gewitzter, aber auch äußerst lerneifriger Bursche und er nahm in seiner ursprünglichen Heimat eine Zeit lang einen recht intensiven Unterricht bei den Jesuitenpatern. Es war schließlich innerhalb der christlichen Gemeinde seines Wohnortes und vor allem von seinen Eltern, die sehr religiös waren, vorgesehen, dass er einmal in den Orden der Jesuiten eintreten sollte, was ihm selbst jedoch so gar nicht behagte. Obwohl er bei den Patern auch unbestreitbar viel Allgemeinbildung erhielt, ließ er sich dort eines Tages nicht mehr blicken.

Von verschiedenen anderen Leuten hörte er des Öfteren davon, dass es für viele Landsmänner die größte Erfüllung ihres Lebens wäre in die neuen Kolonien nach Neufrankreich auszuwandern, dort auf das große Glück zu hoffen und die Armut im väterlichen Lande zurückzulassen. Als ihm schließlich alles zu unliebsam und zu verdrießlich wurde, ließ er sich eines Tages unverzüglich auf einem Schiff anheuern und wanderte kurzerhand und ohne jemandem in seiner Familie oder seinem Freundeskreis Bescheid zu geben als 17jähriger Bursche nach Neufrankreich aus, wo er sich schon bald nach seinem Eintreffen in der Neuen Welt französischen Trappern anschloss und sich schon während kurzer Zeit als ein geschickter Jäger und Fallensteller auswies.

In den darauf folgenden Jahren lebte er für längere Zeit bei dem Volk der Weskarini oder Wàwàckeciriniwak wie sie sich selbst bezeichneten, was etwa „Volk des Rotwilds“ bedeutet, einem Stamm der Algonkin, die auch bekannt waren unter dem Namen „Ouaouechkairini“, oder wie sie von den befreundeten Huronen genannt wurden „Ouionontateronon“. Die Engländer und auch die Franzosen nannten sie nur Little Nation oder La Petite Nation – „Kleines Volk“. Sie siedelten nördlich des Ottawa Rivers am Rivière du Lièvre und Rivière Rouge in Québec. Unter ihnen lernte er sehr schnell und gründlich das harte Leben der Wildnis kennen und alles, was ihn dann als guten Fallensteller und Waldläufer ausmachen sollte.

Die Weskarini waren auch mit den Arendahronon, einem Unterstamm der Huronen verbündet und überwinterten oft zusammen mit diesen. Beide Gruppen gerieten in Konflikte mit den Irokesen, worauf viele Weskarini schließlich nach Trois-Rivières umzogen, um bei den Jesuiten Hilfe zu suchen. Jedoch boten diese nur denjenigen Angehörigen des Stammes Schutz, die bereit waren zum Katholizismus zu konvertierten. Während einer großen Irokesenoffensive in späteren Jahren, nachdem das Volk der Huronen von ihnen bereits vernichtet und zerschlagen war, floh der Hauptteil der Weskarini in das Gebiet noch weiter nördlich des Ottawa River. Dabei wurden viele von ihnen in der Nähe ihres heiligen Mont Tremblant tief in ihrem angestammten Gebiet, das sie seit ewigen Zeiten bewohnten, massakriert.

Im Jahre 1627 wurde unter dem Vorsitz von KardinalRichelieudie Compagnie de la Nouvelle France gegründet, eine staatlich privilegierte Handelsgesellschaft mit einem zeitlich unbegrenzten Pelzhandelsmonopol. Doch noch bevor ihre Teilhaber beginnen konnten, vertragsgemäß 4.000 Siedler nach Neufrankreich zu bringen, waren Frankreich und England im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges bereits gegeneinander in den Krieg getreten. Eine Expedition des britischen AbenteurersDavid Kirkenahm den Ort Québec am 19. Juli 1629 für die britische Krone ein. Mit Ausnahme einzelner weniger Siedler verließen danach die meisten französischen Einwohner die im Jahre 1608 vonSamuel de Champlainzunächst nur als ein Handelsposten gegründete Siedlung. Die Eroberung durch die Briten war drei Monate nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens geschehen, weshalb Frankreich vehement auf einer Rückgabe beharrte, welche schließlich 1632 in einem Vertrag zwischen den beiden Ländern vereinbart wurde.

Nachdem sich Québec in diesen Jahren kurzzeitig in britischen Händen befand, zog auch Jacques Brequassarde weg aus diesem Ort am Sankt-Lorenz-Strom und begab sich zusammen mit einem französischen Jesuitenpater zu dem Volk der Mohawk, dem wohl berüchtigsten Volksstamm aus der irokesischen Liga, den Hodenosaunee, die mit den Franzosen und allen mit ihnen alliierten eingeborenen Volksstämmen verfeindet waren, wo er aber nur knapp zwei Jahre lang lebte und ein wenig deren Sprache und auch das Englische erlernte. Doch dann musste er ziemlich schnell Hals über Kopf das Dorf der Mohawk verlassen, weil außergewöhnliche und sogar lebensbedrohliche Umstände ihn plötzlich dazu zwangen.

Die zweite Person, die etwa nur zwei Armlängen von dem französischen Waldläufer entfernt auf einem Stein saß, war ein Eingeborener, den man für den ersten Moment als einen Mohawk hätte halten können. Er trug auch einen Namen, der aus der Sprache der Mohawk stammte, Kahontsi okonhsa – „Schwarzes Gesicht“, weil er sein Gesicht immer nur mit schwarzer Farbe anmalte und nicht wie es sonst bei den Kriegern der Mohawk üblich war, rot und schwarz. Er war der beste Freund und seit vielen Jahren bereits der treueste und ein ständiger Begleiter des französischen Trappers Le Résistant. Doch in Wirklichkeit wurde er im Jahre 1622 als der einzige Sohn eines Sachems des Volkes der Mahican geboren und ist als dreijähriger Junge von den Mohawk bei einem Überfall auf deren Dorf und der Ermordung seiner gesamten Familie verschleppt worden.

Die Mahican, ein ebenfalls algonkinischer Volksstamm, waren auch in den Pelzhandel mit den Europäern eingebunden und daher den Irokesen bald ein Dorn im Auge. Bereits im Jahre 1624 schlugen die Mohawk überraschend zu und es entbrannte ein heftiger und blutiger Krieg mit den Stämmen der Mahican-Konföderation, den die Niederländer, die sich inzwischen in deren Gegend angesiedelt hatten, nicht verhindern konnten und den die europäischen Siedler durch ständige weitere Waffenlieferungen an die verfeindeten irokesischen Stämme, hier vor allem die kriegerischen Mohawk, schürten.

Bei den Irokesen war es üblich, dass sie Feinde, die sie nicht töteten, adoptierten. Oftmals waren das Frauen, Kinder oder aber solche Männer, von denen sie sich etwas Besonderes versprachen. Doch dieses Adoptieren war in den meisten Fällen für die Betroffenen nur eine mehr oder weniger grauenvolle Sklaverei. Viele von ihnen wurden niemals als echte Mitglieder in den irokesischen Stammesverbänden anerkannt und fristeten ein zum Teil sehr kümmerliches Dasein. Doch Schwarzes Gesicht entwickelte sich bei den Mohawk zu einem hervorragenden Krieger und erlangte dadurch sogar bei ihnen ein recht großes Ansehen.

Trotz alledem hatte er immer im Unterbewusstsein, obwohl er damals noch sehr klein war, wie seine Eltern und Verwandten bei dem brutalen Überfall auf das friedliche Mahican-Dorf am Hudson River durch seine jetzigen Gebieter qualvoll misshandelt und getötet wurden, und dieser Gedanke ließ ihn bis zu seinem Erwachsensein nicht mehr los. Als der französische Trapper und Waldläufer, der zu dieser Zeit schon weithin unter seinem Namen Le Résistant bekannt war, in dem Mohawk-Dorf auftauchte und dort unter dem Stamm lebte und jagte, hatte er sich recht schnell mit ihm angefreundet unter der Anknüpfung an einen bestimmten Gedanken, der irgendwann in ihm aufkeimte und stärker und stärker wurde, bis er zur gegebenen Zeit Wirklichkeit werden sollte.

Der Waldläufer Le Résistant war zusammen mit einem französischen Jesuitenpater in das Mohawk-Dorf gekommen und obwohl dieser die erste Zeit von ihnen halbwegs toleriert wurde, änderte sich das jedoch im Laufe der Zeit immer mehr, da der größte Teil der Irokesen, und vor allem der Stamm der Mohawk, die O’seronnyungwe, wie die Franzosen bei ihnen genannt wurden, verabscheuten. Nach zwei Jahren bereits kam es immer öfter zu stetig deutlicher werdenden Spannungen und Unstimmigkeiten, die mit der Zeit bis zu regelrechter Feindseligkeit umschlug und sich nicht nur allein auf den Schwarzrock bezogen, sondern immer mehr auch auf den französischen Waldläufer, was ein einigermaßen normales und unbekümmertes Weiterleben in diesem Irokesen-Dorf allmählich zu einer ständig größer entwickelnden Gefahr werden ließ.

Innerhalb des Stammes der Mohawk existierte ein mächtiger Geheimbund, die sogenannten Falschgesichter oder in ihrer Sprache die Yadigungsashono, die wohl der bekannteste und berüchtigste Medizinbund innerhalb der Irokesen waren. Vor allem zu besonderen Festen wie beispielsweise dem Anonhwarori, des Midwinterfestes, was immer zum Winterende stattfindet, oder auch zu anderen Zeremonien des Stammes traten sie mit über ihre Gesichter gezogenen, aus Holz geschnitzten Masken auf, die meist mystische Gestalten ihres traditionellen Glaubens darstellten. Sie besaßen im Stamm einen besonderen Stand. Gab es zum Beispiel schlechte Ernten, oder andere Missstände traten auf, wie vielleicht verlorene Schlachten, aber auch wenn nur jemand erkrankte oder sonstige plötzliche widrige Erscheinungen das Dorf heimsuchten, dann wurden sie zu Rate gezogen. Sie waren während des Aufenthaltes der beiden Personen in ihrem Dorf die ausschlaggebende Kraft dafür, dass alles Übel, was in der letzten Zeit über das Dorf und das Wohlergehen des Stammes hereinbrach, allein dem Aufenthalt des französischen Schwarzrocks in ihrem Dorf angehaftet wurde und nach und nach bald auch seinem Begleiter, dem Waldläufer Le Résistant.

Mit dem Erkranken der Stammesmutter, der Person mit der größten Macht in einem irokesischen Dorf, begannen die Konflikte. Der Bund der Falschgesichter beschuldigte allein die beiden Franzosen für diese plötzlich hereinbrechende Notlage und gab den Rat heraus, dass nur, wenn die beiden fremden Personen auf eine nicht herkömmliche, aber langwierige und qualvolle Art getötet würden, die bösen Geister, die von ihrer Clanmutter Besitz genommen hatten, wieder von ihr abzubringen wären. Nichts anderes als der Tod der beiden würde angeblich helfen, und was die Mitglieder des Geheimbundes angaben, das galt im Stamm soviel wie ein Gesetz.

Hier war es schließlich das Schwarze Gesicht, der als Erster diese bedrohliche Gefahr erkannte und sie schon zeitig genug seinem Freund Le Résistant, der es zunächst gar nicht glauben wollte, da er das Ganze nicht verstand, heimlich anvertraute. Er warnte ihn vor dem böswilligen Gehetze des Bundes der Falschgesichter und legte ihm nahe, er solle nicht mehr allzu lange überlegen und das Dorf so schnell wie nur möglich verlassen, sonst könnte ihm niemand mehr helfen.

In einer der darauf folgenden Nächte, seit der Waldläufer diese erste Warnung seines Freundes erhalten hatte, wurde plötzlich ein großes Spektakel im Dorf der Mohawk abgehalten, wozu Le Résistant vom Dorf-Sachem noch geheuchelt freundlich eingeladen wurde, mit daran teilzunehmen. Die Mitglieder des Bundes der Falschgesichter erschienen mit grässlichen bunten Masken aus Holz auf ihren Köpfen und sprangen mit lautstarken Drohgebärden um ein großes Feuer, das extra dafür mitten im Dorf angezündet wurde. Die Absicht der Irokesen war es, dass hier, während der Feierlichkeiten, Le Résistant bei lebendigem Leib in dieses riesige Feuer hineingeworfen werden sollte. Kurz davor hatte man bereits den Jesuitenpater getötet, hatte ihm den Kopf abgeschlagen und auf einer Holzstange der Palisaden, die das Dorf als Wehranlage vor Angriffen von außen schützte, weithin für jeden sichtbar aufgespießt.

Gerade noch rechtzeitig holte Schwarzes Gesicht seinen französischen Freund aus seiner Hütte, in der er während des gesamten Aufenthaltes bei den Mohawk gewohnt hatte, und floh mit ihm zusammen aus dem Dorf. Zu ihrer beiden Glück erkannten die Mohawk erst viel zu spät, dass die zwei geflohen waren und trotzdem einige Krieger ihnen nachsetzten, erreichten sie sie nicht mehr. Jedoch hatten für die Zukunft die beiden Namen „Le Résistant“ und „Kahontsi okonhsa – Schwarzes Gesicht“ für sie den Ruf der Nichtwürdigkeit und ewiger Todfeindschaft. Ein jegliches weiteres Zusammentreffen beider Personen mit den Mohawk hätte ihr Ende bedeuten können.

So kam es schließlich durch diesen Umstand, dass die beiden Männer zu innigen und unzertrennbaren Freunden wurden und wo immer sie auftauchten nur gemeinsam zusammen waren. Beide galten als hervorragende Jäger und Fallensteller und sein indianischer Freund besaß dazu noch die überaus nützlichen Fähigkeiten verschiedene Dinge zu entdecken, die vielen anderen Personen verborgen blieben. Auch hier zu dieser nächtlichen Stunde saß er gemeinsam schweigend neben seinem französischen Freund und betrachtete mit ihm die wundervolle Unendlichkeit ihrer Heimat.

Er war etwa gleichgroß wie Le Résistant, aber noch ein wenig kraftvoller gebaut. Seine Frisur war die übliche, so wie er sie bei den Mohawk getragen hatte. Sein Kopf war kahl rasiert und von der Kopfmitte hatte er einen schmalen Streifen Haare, der bis in sein Genick führte. Darin hatte er einige bunte Hirschhaare und Stachelschweinborsten verknüpft und ebenso wie bei seinem Freund steckte eine lange Feder, die eines Adlers am hinteren Teil seiner Haare und reichte ihm bis auf die Schulter. Trotzdem ihm Le Résistant manchmal von diesem Look abriet, da es manche Einheimische, die ihn noch nicht kannten, verschrecken könnte, blieb jener dabei und erklärte es damit, dass dieses Aussehen durchaus auch zu guten Diensten sein könnte, etwa bei der Begegnung mit anderen Kriegern der Irokesen. Dadurch würden sie ihn zunächst als einen der Ihren erkennen, was für sie in manchen Gelegenheiten sehr nützlich sein könnte. Nur den Mohawk dürfte er nicht begegnen.

Dieser Einheimische war fast ebenso angezogen wie sein Freund, der französische Waldläufer, mit dem er unterwegs war und bewaffnet mit einer Flinte, einem Vorderlader, wie sie zur damaligen Zeit überall im Gebrauch waren. Ebenso ragte auch der Griff eines Dolches ein kleines Stück aus einer Seitentasche seiner Leggings. Zusätzlich trug er an seinem Gürtel eine der üblichen Kriegskeulen, eine sogenannte Kugelkopfkeule, wie sie die Irokesen benutzten und bei den Mohawk die Bezeichnung „Otsihkwa“ trug. Sie bestand aus dem sehr harten Holz des Ahornbaumes mit einem runden langen Griff, der nach oben zum Schlagkopf hin immer breiter wurde, bis er zu einer Kugel ausgearbeitet war. Der gesamte Schaft der Keule war mit Schnitzereien und Verzierungen versehen, das die Krallen eines Adlers darstellten und für Schwarzes Gesicht einen wahrscheinlich religiösen Hintergrund hatte, was auch durch die Adlerfeder ausgedrückt wurde, die er in seinem Haarschopf trug. Ebenso wie bei seinem Begleiter hing ein Pulverhorn an seinem Gürtel. Weitere Waffen waren jedoch keine zu erkennen. Um den Hals trug er einen ledernen, verzierten Beutel mit den für ihn wichtigen Kleinoden, die er niemals jemandem zeigte, außer einer Schachtel mit schwarzer Farbe, womit er sich bei entsprechender Gelegenheit das Gesicht anmalte.

Die beiden Männer, die schweigsam und fast unbeweglich hier auf einem Stein mitten in der Wildnis saßen, wo sie in aller fast andächtiger Stille den Anbruch des kommenden Tages erwarteten, hatten bereits eine lange und mühsame Reise von vielen Tagen, ja sogar Wochen hinter sich. Dazu kam auch noch, dass sie während der gesamten Zeit, als es nur pausenlos regnete, in einem provisorisch und relativ schnell errichteten Wigwam diese Schlechtwetterperiode abwarteten, ehe sie ihre Reise fortsetzten. Sie waren vor vielen Tagen von ihrer kleinen Blockhütte, die am Lac Source stand, der die eigentliche Quelle des Madawaska Rivers, eines Nebenflusses des Ottawa bildete und in die Madawaska Highlands überging, aufgebrochen. Dieses Hochland bildet in der heutigen Zeit mit dem Algonquin Provincial Park zusammen ein riesiges und bedeutendes Naturreservat mit kleineren und größeren Felsen, tiefen dunklen Wäldern sowie weiträumigen Sümpfen in der kanadischen Provinz Ontario. Von dort aus sind sie mit ihrem Kanu über die verschiedenen, manchmal namenlosen Creeks, die durch den ununterbrochenen Regen der letzten Tage zum Teil mächtiges Hochwasser führten, und durch die zahlreichen Seen der Madawaska Highlands über den Lac Mazinaw, Lac Canneberge (Cranberry Lake) bis hin zum Lac Couchiching, der ein Stück weiter südlich direkt in den weitaus größeren Lac Simcoe übergeht, gefahren. Wo sie mit ihrem Kanu nicht hindurch kamen, zogen sie es auf dem meist aufgeweichten Boden hinter sich her, bis sie wieder genügend Wasser unter seinem Kiel verspüren konnten. Die beiden Männer hatten unterwegs Fallen aufgestellt beziehungsweise alte durch neuere ersetzt oder repariert und waren auf dem Weg zur Bruce-Halbinsel, einer recht breiten Landzunge, die weit mehr als 50 Meilen in nordwestlicher Richtung in den riesigen Lac Huron hineinragt und dabei den weiter westlich gelegenen Hauptteil des Sees von der östlich gelegenen Baie Georgienne abtrennt.

Dort wollten sie eines der Dörfer der Huronen aufsuchen, genauer gesagt, eines der Dörfer des Unterstammes der Attignawantan, oder auch des „Bärenvolkes“, wie sie sich nannten, wo die beiden Trapper sich vornahmen den langen, bald herankommenden Winter über zu bleiben, um von da aus wiederum ab und zu ihre aufgestellten Fallen zu kontrollieren, bevor sie im späten Frühjahr sich wieder zurück zu ihrem Blockhaus begeben würden. Der Stamm der Attignawantan stellte fast die Hälfte der gesamten Huronen-Bevölkerung. Sie waren somit der mit Abstand größte Unterstamm innerhalb der Huronen, die ja über die ganzen Jahre hinweg eine ähnliche Konföderation darstellten wie es die irokesischen Hodenosaunee waren, und lebten zwischen der Baie Georgienne und dem Wye River. Um das Jahr 1640 bewohnten sie insgesamt dreizehn Dörfer in dieser Region.

Diesbezüglich hatten die beiden Fallensteller zunächst ihr Kanu, vor fremden Blicken gut getarnt, am Ufer des Lac Simcoe abgestellt, in dem sie auch noch die verschiedensten Sachen verborgen hatten. Von hier war der Weg bis in das von ihnen erwählte Huronen-Dorf nicht mehr gar so weit. Also legten sie, nachdem es vom Abstellplatz ihres Kanus bis zu ihrem Ziel eine eher beschauliche Entfernung war, auf über dem halben Weg eine Ruhepause ein und hingen jeder für sich ihren Gedanken nach und betrachteten sich in aller Stille die bezaubernde Atmosphäre genießend die Gegend.

Der Waldläufer Le Résistant hatte schon lange Zeit sehr gute Verbindungen in dieses Dorf und zu einigen der dort lebenden Menschen. Hier lebte zum einen ein weiterer sehr guter Freund von ihm, Shöndahkwa o’yenhra’iotih mit Namen, was so viel wie „Grauer Adler“ bedeutete. Er war der Sohn eines der angesehensten Männer des Stammes der Huronen, war ein etwa 30jähriger Jäger und hatte schon vor Jahren Le Résistant beim Pelzhandel mit den Franzosen am Sankt-Lorenz-Strom kennengelernt. Er hatte sogar mit ihm und auch zusammen mit dessen Freund Schwarzes Gesicht Pelztiere gefangen und Le Résistant hatte schon einmal eine längere Zeit in dem Huronen-Dorf gelebt.

Aber vor allem lebte hier Yarakonh’enta, die Schwester von Grauer Adler, deren Name so viel bedeutete wie „Sie nimmt den Sonnenschein weg“, und war die enge Freundin, ja eigentlich schon die Lebensgefährtin von Le Résistant. Sie war eine sehr angenehme, schlanke und außergewöhnliche junge Frau, die zurecht ihren Namen trug, da ihr oftmals nachgesagt wurde, wenn sie ihr strahlendes Lächeln aufsetzen würde, dann könne der Sonnenschein am Himmel nicht mehr mithalten und würde sich verstecken.

Aber auch für das Auge war sie eine sehr hübsche junge Frau mit einem wundervollen Körperbau, einem grazilen Gang und langen schwarzen Haaren, die ihr bis an die Hüften reichten. Trotz ihrer erst 22 Jahre und des doch beträchtlichen Altersunterschiedes zu dem französischen Fallensteller waren sie ein Liebespaar geworden, nachdem sie sich vor zwei Jahren kennengelernt hatten. Jedoch kam ihre Liebe zueinander immer viel zu kurz, da Le Résistant die meiste Zeit des Jahres in der Wildnis unterwegs war.

In dieser Zeit, wo der Franzose zusammen mit seinem indianischen Freund nun hier still dasaßen und nachdenklich die faszinierende Umgebung betrachteten, in der der neue Morgen erwachte, träume der Waldläufer insgeheim davon, endlich einmal wieder nach so langer Zeit seiner Liebsten zu begegnen und vielleicht diesmal ein bisschen mehr Zeit mit ihr zusammen zu verbringen.

Die Huronen lebten in Langhausdörfern, die vollkommen von langen, hölzernen angespitzten Palisaden mit Wachtürmen umgeben waren. In Kriegszeiten besaßen diese Türme einen Vorrat an Steinen, um damit auf den Feind zu werfen, und Wasser, um mögliche Feuer zu unterdrücken. Um die Galerien zu erreichen, wurden Leitern benutzt. Die bis zu 30 Meter in der Länge messenden Langhäuser, die mit Rindenplatten bedeckt waren, befanden sich in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet und standen etwa 9 bis 12 Meter voneinander entfernt. Bis zu 60 Menschen konnten in einem Haus, das die Huronen „Yänonhchia“ nannten, leben, was ausschließlich clanweise erfolgte. Zum Ende zu wurden diese Langhäuser recht eng und genau diese Seite war der vorherrschenden Windrichtung zugewandt. Durch den Einsatz dieser Techniken beim Bau ihrer Dörfer wurde die Gefahr der Ausbreitung von Bränden verringert. Auch standen vor manchen Häusern aus Steinen aufgerichtete Brandmauern, um die Häuser ein wenig vor der Ausbreitung von eventuellen Feuern zu schützen.

Die beiden Männer, die in scheinbar stoischer Ruhe den Übergang von der Nacht zum neuen Tag abwarteten, waren an dieser Stelle, wo sie sich im Augenblick befanden, noch etwa eine dreiviertel Tagesreise weit von dem Dorf der Huronen entfernt, das ihr eigentliches Ziel war. Sie wollten nur noch das Schauspiel erleben und in sich aufnehmen, wie der neue Tag beginnen würde, dessen erstes leuchtend orangefarbenes Licht sich bereits in einem ständig breiter werdenden Streifen über dem östlichen Horizont erhob. Der Nachthimmel wurde sehentlich blasser und die Sterne verschwanden allmählich aus ihrer Sicht. Dafür überzog sich der Himmel allmählich mit einem zunächst dunklen und dann rasch immer heller werdenden Orange und tauchte die ganze Wildnis, in der sich die beiden Personen befanden, in ein fast unwirkliches mystisches Licht, bevor es sich wieder auflöste und dem Blau des Tages Platz machte.

Als sie nun lange genug geschaut hatten, was sie wollten, und die Gegend um sich herum eingehend beobachtet hatten, erhoben sich die beiden Männer wieder, um ihren geplanten Weg endlich fortzusetzen. Bis zum späten Nachmittag könnten sie, wenn sie durchweg ihren gewohnt schnellen Schritt beibehalten würden, das Dorf, das sich am Anfang der Bruce-Halbinsel befand, erreicht haben.

Längst hatten sie bereits während der Nacht den Coldwater River überquert und die verstreuten Rückstände an Steinen und Palisaden sowie die verkohlten Reste der einstigen Siedlung Cahiague hinter sich gelassen, wo noch im vergangenen Jahr die Krieger der Irokesen-Konföderation, vor allem die Seneca, das huronische Volk der Arendahronon, des Felsenvolkes, alle dort sich befindenden Dörfer zerstört und die Bewohner entweder vernichtet oder versklavt hatten. Ein äußerst geringer Teil nur von ihnen hatte die Möglichkeit zur Flucht gefunden. Eine Gefahr, die auch dem noch größeren huronischen Volksstamm der Attignawantan drohen konnte, da sich die Feindseligkeiten zwischen den Hodenosaunee und den Huronen sowie den mit ihnen verbündeten Franzosen auf ein zugespitztes Maß erhöht hatte, das nur noch den Funken brauchte, um alles anzuzünden.

Mit großer Sorge dachte Le Résistant über all das nach und er hatte sich vorgenommen mit seiner Freundin und ihrem Bruder dringend über diese sehr ernst zu nehmende Gefahr zu reden, ob sie nicht lieber aus Sicherheitsgründen diese Gegend verlassen möchten, bevor es für sie zu spät sei. Denn kein anderer als er selbst wusste genau, welche Gefahr von der Irokesen-Liga ausging, musste er doch selbst einst Hals über Kopf fliehen, um sein Leben in letzter Minute retten zu können. Man konnte niemals wissen, was in Zukunft die Irokesen-Liga noch alles daransetzen würde, um ihren Plan, das Volk der Huronen völlig zu vernichten, wahr werden zu lassen. Jetzt würde allerdings erst einmal der Winter seinen erbarmungslos unsanften Einzug halten, um seine eisige Kraft über die ganze Region zu verbreiten. In dieser Zeit könnten die Huronen sich wohl noch in Sicherheit wiegen, denn einen Winterangriff hielt der Waldläufer für undenkbar. Doch zu dieser Zeit wusste er noch nicht, wie sehr er sich in diesem Punkte geirrt haben sollte.

Der Winter hatte längst seinen Einzug gehalten und das ganze Land in seinen eisigen harten Griff genommen, in dem er es fest umklammert hielt. Mit all den Massen von Schnee und klirrendem Eis, mit all seinem harten Frost und der unerbittlichen Kälte war er über die weite Wildnis gekommen und hatte seine eisigen Hände über das weite Land gelegt als wolle er alles darin befindliche Leben töten. Und so war es schon seit Monaten.

Das Dorf der Huronen, welches im vergangenen Herbst das Ziel der beiden Männer war, lag so wie auch die anderen, weiter entfernt sich befindenden Langhausdörfer, tief eingeschneit in winterlicher Ruhe und seine Bewohner gingen ihren üblichen und ein jedes Jahr wiederkehrenden Beschäftigungen nach. Die Huronen waren, anders als die Stämme der Algonkin, kein nomadisch lebendes Volk. Sie blieben ständig und zu allen Jahreszeiten in ihren Dörfern, wechselten höchstens mal nach paar Jahren ihre Felder.

Die Wintermonate waren gegenüber dem Sommer eine relativ ruhigere Zeit. Wenn die Männer nicht ab und zu auf Jagd gingen, wurden viele Dinge hergestellt, die man das gesamte Jahr über und vor allem im Sommer wieder benötigte. Die Frauen beschäftigten sich während der eisig kalten Jahreszeit meist mit der Herstellung oder Reparatur von Bekleidungsgegenständen, die Männer mit dem Bau von Schneeschuhen, Schlitten oder sie stellten Dinge für die nächste Jagd her.

Während die Männer der Huronen bei warmem Wetter entweder einen Breechcloth trugen, der in ihrer Sprache „Atenionta“ genannt wurde, worunter ein langes, rechteckiges Stück gegerbtes Hirschleder, Stoff oder ein Tierfell zu verstehen war, das als Tuch mit Fransen um ihr Hinterteil und zwischen den Beinen getragen und über einem Gürtel verstaut wurde, so dass die Klappen sowohl vorn als auch hinten herunterfielen, beziehungsweise einen Kilt, der in ihrer Sprache Ofasa bezeichnet wurde, trugen sie bei sehr kaltem Wetter Roben aus Tierfellen. Einige dieser Felle wurden mit den Haaren nach innen, andere wiederum mit den Haaren nach außen getragen. Es handelte sich dabei um eine Art Pelzmäntel und die Huronen bevorzugten in der Hauptsache Fuchsroben. Diese Felle wurden mit weit herunterhängenden Fuchsschwänzen von den Frauen zu einem recht attraktiven Rand zusammengenäht. Im Schnee oder auch bei sehr schlammigen Bedingungen trugen sowohl die Männer als auch die Frauen Überschuhe, die aus Maisspelzen hergestellt wurden. Für das Laufen über Schnee wurden „Yänionhra – Schneeschuhe“ verwendet. Diese wurden aus einem Ast biegsamen Holzes, meist von jungen Eschen, der in Größe und Art eines Tennisschlägers zusammengebunden wurde. Den Zwischenraum bespannte man mit Schnüren oder mit Lederriemen. Diese fertigen Schneeschuhe wurden dann unter die normalen Mokassins oder Stiefel gebunden. Auch auf lockerem und tiefem Schnee gab dann diese Bespannung den Füßen einen sicheren Halt und verhinderte das Einsinken. Der breitbeinige Gang, den man mit solchen Schneeschuhen an den Füßen vollführen musste, war sowohl den Waldläufern als auch der einheimischen Bevölkerung von jeher bestens bekannt und sie ermüdeten dabei auch nicht, wie es beispielsweise Menschen täten, die damit keinen ständigen Umgang kannten.

Bei kühlem Wetter trugen sowohl Männer als auch Frauen eine ärmellose Tunika. Sie bestand gewöhnlich aus zwei gleichgroßen Hirschhäuten, die oben und unten mit Fransen zusammengenäht waren. Diese Tunika erstreckte sich normalerweise bis etwa über die Knie. Bei kaltem Wetter wurden Ärmel hinzugefügt, aber nicht an die Tunika genäht. Sie waren mit ledernen Riemen verbunden, die über den Rücken der Schultern verliefen. Sowohl Männer als auch Frauen trugen unter der Tunika Ledergürtel, an denen separate Beinbezüge aufgehängt werden konnten. Der gleiche Gürtel wurde von den Frauen auch benutzt, um ihre Röcke zu sichern. Um den Gürtel zu verbergen wurde die Oberseite des Rocks dabei umgeschlagen. Der Rock war ein Wickelkleid, das sich nach links überlappte.

Wenn die Huronen nicht auf ihren Feldern arbeiteten oder jagten, trugen sie oft schön verzierte Schulterbeutel. Eine Version dieses Beutels wurde auch zum Transportieren von Speisen oder Kugeln verwendet. Solche Taschen waren bei den meisten einheimischen Völkern in den östlichen Wäldern Nordamerikas üblich, jedoch die der Huronen zeichneten sich zusätzlich durch eine besondere Klappen- oder Umschlagkonstruktion aus. Die meisten anderen einheimischen Stämme hatten dies nicht. Die Bedeckungen der Beine waren normalerweise am Gürtel mit dünnen Lederriemen festgebunden, und es waren verzierte Strumpfbänder üblich, die immer dann verwendet wurden, wenn man Leggings trug.

In den meisten Dörfern der Huronen hielten sich ständig Jesuitenpater auf und in einigen davon ließen sie sogar eine kleine aus Holz gefertigte Kapelle errichten. Die französischen Missionare waren sehr inständig daran interessiert, dass sich so viel wie nur möglich der einheimischen Bevölkerung zum Christentum bekehrte und sich taufen ließ. In ihrem Eifer waren Priester nicht verlegen, ihren Einfluss dahingehend zu verwenden, um spezielle Vorzüge, wie zum Beispiel die Beschaffung von Feuerwaffen, denjenigen zuzusichern, die die christliche Taufe akzeptierten, was jedoch in den wenigsten Fällen später bestätigt wurde. Den größten Zuspruch erhielten sie auch bei den Huronen gegenüber den anderen mit den Franzosen alliierten Völkern. Doch der Erfolg der Jesuiten wandelte sich allmählich um in eine Katastrophe für die Einheit des Stammes der Huronen. Die neue Religion teilte oftmals für immer ihre Gemeinschaft, die sie doch eigentlich gegen die kriegerischen Absichten der Irokesen-Liga gegen sie vereinigen sollte, in christliche und in traditionelle Splittergruppen. Die Priester erlaubten gewöhnlich ihren Bekehrten nicht mehr, den alten traditionellen Stammeszeremonien beizuwohnen, was immer mehr Spannungen zwischen die einzelnen Bewohner einbrachte und die Lage wurde schließlich so dramatisch, dass sich christliche und traditionelle Huronen häufig weigerten, sich derselben Kriegspartei anzuschließen.

Ein kleiner, überschaubarer Teil der Bevölkerung in diesem Dorf, das von den beiden Fallenstellern aufgesucht wurde, war ebenfalls bereits zum Christentum konvertiert. Diese besuchten regelmäßig die Messen, die von den zwei und manchmal sogar drei sich im Dorf aufhaltenden Jesuitenpatern abgehalten wurden, nachdem sie die Glocke an dem großen hölzernen Glockengestell vor der kleinen Kapelle läuteten. Um die Weihnachtszeit sangen die zum Christentum Bekehrten lautstark – Jesous ahatonhia – Jesus ist geboren, aus dem Huron Carol, dem wohl ältesten Weihnachtslied überhaupt, das wenige Jahre zuvor, im Jahre 1642 von dem JesuitenpriesterJean de Brebeufgeschrieben wurde.

Doch handelte es sich dabei bisher um einen noch recht bescheidenen kleineren Teil der Dorfbevölkerung, die konvertiert war. Ein anderer, weitaus bedeutenderer Teil erkannte bereits, dass der Allianz mit den europäischen Kolonialmächten, und hier besonders mit den Franzosen, keine dauerhafte Freundschaft innewohnte. Die Franzosen waren zwar anders als die Briten, bei denen nur der Landbesitz im Vordergrund stand, doch in erster Linie waren sie auch nur an materiellen Werten interessiert, vor allem an Pelzen so wie die Niederländer, und die Jesuiten versuchten in aller Eile alle Huronen zum Christentum zu konvertieren. Doch auch bei ihnen fielen die Missionserfolge nur bescheiden aus, weil die Huronen sich im Laufe der Zeit immer häufiger gegen ein europäisches Christentum wehrten, zumal deren Jenseits- und Moralvorstellungen für sie unverständlich blieben und sie weiterhin auf ihren Glauben bestanden.

Der französische Waldläufer Le Résistant verbrachte diesen Winter in dem Huronen-Dorf. Zusammen mit seiner jungen Freundin Sie-holt-den-Sonnenschein-herunter teilte er sich einen eigenständigen Abschnitt eines der Langhäuser, in dem sämtliche Mitglieder ihrer Familie separate Abteile bewohnten. Sein Freund Schwarzes Gesicht wohnte zusammen mit Grauer Adler, dem Bruder der jungen Frau in einem Nebengelass. Oftmals trafen sich die drei Männer an den langen Winterabenden. Meist begaben sie sich zunächst gemeinsam in das Schwitzzelt, um sich danach mit Schnee abzukühlen und anschließend in aller Ruhe zu rauchen und über die vielen ernsthaften Probleme dieser Zeit leidenschaftliche Diskussionen zu führen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Es war einer dieser eisig kalten und ungemütlichen Winterabende Anfang des Monats Februar. Draußen tobte ein fürchterlicher Schneesturm, der schauderlich heulend um die Langhäuser des Dorfes pfiff und die Holz- und Rindenwände erzittern ließ als wollte er sie niederreißen. Niemand wäre jetzt gern ins Freie gegangen. Man konnte kaum einen Fuß vor die Tür setzen. Der Schnee, der durch den Sturm vom Erdboden aufgewirbelt wurde, vermischte sich mit dem, der vom Himmel herabfiel, fegte waagerecht durch die Luft und blieb danach an der Nordseite der Häuser des Huronen-Dorfes kleben, die unter den kräftigen markdurchdringend wimmernden und heulenden Böen laut ächzten und erzitterten als würden sie jeden Augenblick in sich zusammenbrechen wollen. Es war so ein Abend, wo man froh sein konnte, sich an einem wärmenden Feuer innerhalb des Hauses zu befinden, auch wenn die Luft in den Räumen durch die beißenden Rauchschwaden des Feuers oftmals fast zum Schneiden war und in Hals, Nase und Augen brannte. Dazu kam auch noch, dass die Männer Pfeife rauchten und sich somit der Qualm des Holzfeuers mit dem süßlichen Tabaksrauch mischte und beißend in die Augen stach und sie zum Tränen brachte. Doch das alles war besser als zu dieser Zeit draußen in der Kälte zu sein.

Bis zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche waren es noch über 40 Tage. Le Résistant hatte sich mit seinem Freund Schwarzes Gesicht seit langem schon vorgenommen, hinaus in die Wildnis zu gehen und die zu Ende des Herbstes aufgestellten Fallen zu überprüfen und alles, was sich darin gefangen hatte mit in das Huronen-Dorf zu bringen. Den Aufbruch in die kalte, abweisende Abgeschiedenheit hatte er jedoch von Tag zu Tag verschoben. Jedoch jetzt wurde es allmählich höchste Zeit zum Aufbruch, auch wenn das Wetter sich eher noch verschlechtert hatte, denn bis zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche wollten die beiden Fallensteller wieder im Dorf zurück sein, da zu dieser Zeit in den Dörfern der Huronen ein großes Fest gefeiert werden sollte.

Die drei Männer saßen zusammen und wie so oft rauchten sie, lauschten dem tosenden Sturm, der vor dem Haus sich ausgelassen austobte, und unterhielten sich gelegentlich in leiser und entspannter Atmosphäre. Grauer Adler, der junge huronische Freund der beiden Fallensteller, war ein Mann etwa im gleichen Alter wie es Schwarzes Gesicht war. Er war ein wenig kleiner als dieser, aber auch sonst von kräftiger Statur. Sein Haar trug er stets offen, lang bis auf seine Schultern, ohne jeglichen Schmuck darin. Er sprach ein ausgezeichnetes Französisch, bedeutend besser als viele andere Mitglieder seines Stammes und auch ganz im Gegensatz zu seinem Vater, der den NamenOyenhra’iohtihoskwahra’trug, was so viel bedeutete wie „das graue Haar“, der überhaupt kein Französisch sprach, ob nun aus innerer Überzeugung, weil er gegen die Kolonisation war oder weil er es nie gelernt hatte, war nicht so klar auszumachen. Er hatte im Ältestenrat des gesamten Stammes des Huronenvolkes der Attignawantan den Vorsitz neben den einzelnen Dorf-Sachemen inne und war dadurch im Dorf eine äußerst angesehene Person.

Auch Grauer Adler selbst war Mitglied einer Ratsgruppe, der unterschiedliche junge Männer des Huronen-Dorfes angehörten. Obwohl er kein Krieger war, so galt er doch als ein ausgezeichneter Jäger und war mit Le Résistant auch des Öfteren schon unterwegs zum Fallenstellen gewesen. Allerdings war er in erster Linie ein vortrefflicher Händler und sein vorzügliches Französisch, das er beherrschte, hatte er bei den überaus zahlreichen Handelsfahrten der letzten Jahre mit Pelzlieferungen für die Franzosen gelernt, die ihn in die Handelsmetropolen am Sankt-Lorenz-Strom, nach Montreal, nach Trois Rivières, aber auch bis nach Québec hinauf führten, wo er einst bei einer dieser Fahrten auch den französischen Waldläufer Le Résistant kennengelernt und sich umgehend mit ihm angefreundet hatte.

Ebenso wie er, hatten sein Vater und viele andere Bewohner in den Dörfern der Huronen schon bald erkannt, wie einseitig doch diese Allianz mit den französischen Kolonialisten eigentlich war. Ganz offen sagte er zu seinem Freund dem Waldäufer: „Ich weiß, dass du ganz anders bist als die meisten Tuhughkaronnong (Franzosen), die in unser Land gekommen sind. Aber wenn du ganz ehrlich bist, teilst du nicht auch meine Meinung über sie? Siehst du es nicht auch, dass sowohl unser Volk als auch all die anderen treu zu den Franzosen haltenden einheimischen Völker von ihnen eigentlich nur schändlich ausgenutzt werden?“

Wie oft hatte der Waldläufer diese Worte schon aus dem Munde seines huronischen Freundes gehört und im Grunde genommen teilte er auch seine Ansicht, doch in seiner Diskussion mit ihm gab er ihm nicht ständig und uneingeschränkt in allem Recht. Er konterte darauf mit seinen eigenen Gedanken. „Meinst du etwa, die Briten sind anders zu ihren Alliierten?“ frage er seinen huronischen Freund, dabei dem Kerngedanken der Frage ein wenig ausweichend.

Kurz auflachend, aber dem Franzosen letztendlich zustimmend antwortete er: „Natürlich weiß ich, dass die Quhanstronnong (Briten) nicht anders sind. Ich kenne sie nicht wirklich, aber sie sollen sogar noch schlimmer sein. Alle Tinyonwaha’ (Weißen), die über das große Wasser hierher in unsere Welt gekommen sind, haben nur ihre eigenen Interessen im Kopf. Aber ich frage mich, warum ist das so? Ist das Land hinter dem großen Wasser so klein oder so armselig, dass sie hierherkommen müssen, um uns zu überrennen und unser Land und unsere Werte zu rauben, sogar Kriege anzuzetteln, um an unsere Produkte und an unser Land zu gelangen.“

Eine geraume Weile war Pause bis Le Résistant vorsichtig erwiderte: „Ich glaube nicht, dass die Europäer in jeder Beziehung anders sind als ihr Einheimischen. Sie stehen vielleicht auf einer anderen Kulturstufe, womit ich jedoch auf keinen Fall sagen möchte, dass ich die von euch minderwertiger ansehe. Sie sehen sich selbst als etwas Besseres und sie haben die großen Ressourcen hier in eurem Land schnell erkannt und auch welche potenzielle wirtschaftliche und machtpolitische Bedeutung diese Besitzungen für sie haben können. Das macht sie so gierig. Aber denke doch einmal richtig nach, war es bei euren Völkern untereinander nicht ähnlich? Weshalb habt ihr schon seit Jahren eure Kriege gegeneinander geführt? Da spielten doch auch gewisse Interessen eine Rolle.“

Lange sagte der Hurone darauf nichts, bis er mit leiser Stimme einfügte: „Ja, vielleicht sind alle Menschen in gewisser Weise gierig. Aber dass, was seit dem die Weißen hier sind mit uns geschieht, das hat es vorher allerdings noch nicht gegeben. So wie im vorigen Jahr unsere Brüder, das Volk der Arendahronon ausgerottet wurde, du weißt, ihr seid auf dem Weg zu uns an den restlichen Trümmern ihrer Dörfer vorbeigekommen. Das Gleiche gilt natürlich auch für viele andere Völker, die von den Ehressaronon unterdrückt, bekämpft und letztendlich ausgerottet wurden. Ich bin mir sicher, dass die Ehressaronon vor uns nicht Halt machen werden. Vielleicht schon bald werden auch wir dran sein. Was wird dann werden?“ Er benannte die Irokesen mit dem Wort in seiner Sprache für sie.

Hierauf antwortete Le Résistant mit verhältnismäßigem Nachdruck: „Und eben genau aus diesem Grund habe ich dir schon des Öfteren den Vorschlag gemacht, nimm all deine Verwandten und Freunde zusammen und kommt mit hinunter zum Sankt-Lorenz-Strom, nach Montreal ins Fort Ville-Marie oder auch nach Québec, solange dies für euch noch möglich ist. Dort wäret ihr in Sicherheit.“

Grauer Adler lachte daraufhin nur kurz auf, schüttelte seinen Kopf und machte mit der Hand eine abwehrende Geste: „Die Ehressaronon haben doch schon mehrmals dieses Fort angegriffen. So sicher kann es da doch auch nicht sein. Außerdem, denkst du etwa, dass mein Vater, der hier in unserem Volk ein großes und bedeutendes Ansehen genießt, und von allen Stämmen der Wendat (Huronen) geschätzt wird, sich wie eine ängstliche Ratte davonschleichen würde und dann noch zu den Kolonialisten, die unsere Heimat besetzen? Glaubst du das wirklich? Du weißt es doch selber, die Franzosen wollen nur, dass wir konvertieren. Das ist ihnen neben den vielen Pelzen einzig und allein wichtig. Wenn wir euren Wasserzauber über uns ergehen lassen, dann gelten wir bei ihnen vielleicht erst als vollwertige Menschen. Vielleicht würden uns dann die Franzosen auch Feuerwaffen zugestehen, aber vielleicht würden sie uns auch nur wie Haustiere halten, die für sie springen und alles tun, was sie von uns verlangen. Jedoch ich sage dir, sowohl ich als auch ganz viele andere meiner Leute wollen das nicht. Warum sollen wir konvertieren und unser Leben und unsere Bräuche, unsere Sprache und unsere Kultur aufgeben? Kannst du mir das sagen? Nur damit wir einst in euren Himmel kommen? Was sollen wir dort? Sollen wir dann dort mit all denen zusammen sitzen, die uns hier laufend hintergehen. Wenn du das willst, dann tue es, du bist Franzose. Vielleicht bringt es dir etwas, wenn du im Himmel bist und mit all den Schwarzröcken gemeinsam eure Ewigkeit begehst. Von mir kannst du das nicht erwarten. Wenn wir eines Tages von hier fortziehen sollten, dann gibt es für uns nur einen Weg, nur zu unseren Freunden und Brüdern, den Eriehonon, den Attiwandaronon oder aber zu den Andastoerrhonon.“ Er benannte die drei Völker der Erie, der Neutralen Nation und der Susquehannock mit der Bezeichnung seines Volkes, der Huronen.

Natürlich erzählte Le Résistant seinem huronischen Freund auch immer wieder sein nachhaltiges Erlebnis bei den Mohawk, als er von seinem Freund Schwarzes Gesicht vor dessen Gefährlichkeit gewarnt wurde und dann in letzter Minute zusammen mit ihm von dort entfliehen konnte. Somit sein Leben retten konnte, das nur kurze Zeit später zu Ende gewesen wäre. Seine Warnung an ihn stellte er als eine Art Gleichnis dar, an das sich auch Grauer Adler immer erinnern sollte.

Bei all solchen Diskussionen dieser Art, wenn man gemütlich um das Feuer saß und rauchte, schwieg sein Freund Schwarzes Gesicht meist nur. Er war überhaupt ein sehr besonnener und sehr ruhiger Mensch, meist kannte man ihn nur schweigsam. Er erzählte höchstens etwas darüber, und auch nur dann, wenn er direkt danach gefragt wurde, wie sein Volk, das der Mahican, einst von den Mohawk teilweise vernichtet wurde. Allerdings konnte er sich an nicht mehr allzu viel erinnern, da er zu dieser Zeit, als das geschah, und er von den Irokesenkriegern mitgenommen wurde, um ihn in ihrem Stamm einzugliedern, noch ein kleiner Junge war. Doch Grauer Adler wollte von ihm etwas über diese Geheimbünde bei den Mohawk erfahren.

Auch jetzt begann Schwarzes Gesicht nur äußerst langsam und zögerlich darüber zu berichten. Lange schaute er sein Gegenüber an, rauchte immer wieder einen Zug aus seiner Pfeife und mit leiser Stimme, langsam Wort für Wort herausbringend berichtete er: „Hast du schon mal etwas über die Yadigungsashono gehört? … Sie sind ein Geheimbund des Stammes der Mohawk und bezeichnen sich als Gesichter des Waldes.“ Immer wieder unterbrach er seine Sätze und nahm dabei einen Zug aus seiner Pfeife wonach er den Rauch langsam wieder ausstieß, ehe er weitersprach. „Meist werden sie zur Bekämpfung von Krankheiten angerufen, oder aber, wenn für die Bewohner eines Dorfes unerklärliche Dinge geschehen. Ihre Rituale und ihr Auftreten mit den hölzernen Masken, den lauten Rasseln und unverständlichen Gesängen wirken für Fremde ein wenig seltsam. Aber sie besitzen im Stamm ein nicht zu unterschätzendes Machtverhältnis, das für manch einen gefährlich werden kann. Das Beispiel hat mein Freund hier bei seinem Aufenthalt bei den Mohawk sehr gut kennengelernt.“ Danach schwieg er wieder.

An diesem letzten Abend erschien mitten in der mit Diskussionen erfüllten Runde plötzlich die Schwester von Grauer Adler zwischen den Männern und gesellte sich zu ihnen. Normalerweise war es nicht üblich, dass Frauen sich zu solchen Gesprächen unter die Männer mischen. Jedoch besaß die junge Frau eine Art Sonderstatus, schon deshalb, weil sie die feste Freundin des Franzosen war. Sie war im Nebenraum allein und hatte sich die Zeit über ein wenig mit Handarbeiten beschäftigt. Augenblicklich setzte sich Sie-holt-den-Sonnenschein-herunter neben ihren Freund und suchte seine Nähe. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und bat ihn, leise und besonders liebevoll in sein Ohr flüsternd: „Lasst doch diese Diskussionen sein über all diese schlimmen Sachen, Jacques. Sie machen mir Angst, das weißt du. Morgen gehst du wieder fort und ich bleibe alleine hier und muss lange Zeit auf dich warten, ehe du wieder zurückkommst.“

Die junge Huronin war die einzige Person, die Le Résistant immer nur mit seinem richtigen französischen Vornamen Jacques ansprach. Als er an diesem Abend schließlich doch die Diskussion mit seinen Freunden wieder aufnehmen wollte, schmiegte sie sich eng an ihn und legte ihm anschließend einfach ihre Finger auf den Mund, um ihm damit deutlich zu machen, dass er endlich damit aufhören solle. Mit einem gutmütigen Lächeln gab er ihr schließlich nach.

Sie-holt-den-Sonnenschein-herunter, die Schwester von Grauer Adler, sprach trotz ihrer noch jungen Jahre ein bemerkenswert gutes Französisch, mindestens ebenso beachtlich wie ihr Bruder. Sie hatte es bei den Jesuitenpatern gelernt, wo sie sich die meiste Zeit aufhielt, und das schon seit mehreren Jahren, solange wie die Mission dort in ihrem Dorf bestand. Sie hatte bei den Patern sogar eine Schulbildung genossen und sie war dann im vergangenen Jahr auch zum christlichen Glauben konvertiert, was ihr Bruder nicht nachvollziehen konnte und darum oftmals sehr scharf kritisierte. Aber letztendlich hatte er sich ebenso wie ihr Vater und alle Familienmitglieder und Freunde damit abgefunden, da es für sie bereits eine abgemachte Sache war, ihr weiteres Leben zusammen mit Le Résistant zu führen, da sie ihm versprochen war.

Nach diesem letzten Abend im Huronen-Dorf hatten Le Résistant und Schwarzes Gesicht lange geschlafen und auch den größten Teil des kommenden Tages geruht. Nachdem die Sonne wieder hoch am Himmel stand und der Sturm, der in der Nacht und auch die Tage zuvor so fürchterlich getobt und sich inzwischen aber wieder gelegt hatte, machten sich die beiden Männer auf ihren langen Weg in die Wildnis. Sie-holt-den-Sonnenschein-herunter trennte sich nur äußerst schwer von ihrem Freund, doch dieser versprach ihr ganz fest, dass sie bis zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche wieder zurück sein werden. Dadurch etwas beruhigt ließ sie ihren Freund ziehen. Noch eine längere Zeit schaute sie traurig und mit Tränen gefüllten Augen und tief in ein Fell eingewickelt den beiden davonziehenden Männern hinterher, die alsbald nur noch als zwei kleine dunkle Punkte in dem vom Schnee blendenden Weiß zu erkennen waren und irgendwann durch das Dickicht des eisigen Winterwaldes verschluckt wurden.

Der heftige Schneesturm der letzten Tage hatte an vielen Stellen den Schnee so hoch aufgeweht, sodass man nicht einmal den schmalen Pfad erkennen konnte, der von dem Dorf aus ein kleines Stück weg in den Wald hinein führte. Weder die Hügel noch den Wald mit den zerzausten Wipfeln und Ästen, die sich unter der ungeheuren Schneelast bogen, konnten die beiden wiedererkennen, so sehr hatte der Sturm das Landschaftsbild in diesen letzten Tagen verändert. Den beiden Männern machte dies jedoch nicht allzu viel aus, da sie es gewohnt waren, mit ihren Schneeschuhen auch auf total unwegsamen Pfaden zu gehen. Oftmals suchten sie nach Tierspuren und folgten diesen quer durch den Wald. Dabei kreuzten sie immer wieder auch die Fährten anderer Tiere.

Die Bäume und die Sträucher waren dick mit angewehtem Schnee bedeckt, der nun am Tage langsam herabzufallen begann. Die beiden Männer aber wussten auch, dass dieses heftige Aufbegehren des strengen Winters alsbald seine letzten Kräfte kosten würde. Bis zu ihrer Rückkehr würde er noch seinen kraftvollen eisigen Griff über diese Wildnis legen können, doch bereits zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche würden seine gnadenlosen Kräfte allmählich dahinschwinden und von den milderen Vorboten des Frühjahrs Stück für Stück aus dieser Gegend weiter nach Norden vertrieben werden.

Le Résistant hatte einen dicken, langen Mantel aus weißem Karibufell an und trug eine dichte Biberfellmütze auf dem Kopf. Er war lediglich mit seiner Flinte bewaffnet und natürlich mit seinem Dolch, den er ständig an der Seite seiner Leggings trug. Er zog an einem breiten Seil aus Leder einen leeren Schlitten hinter sich her, mit dem die Männer den Fang aus ihren Fallen, um ihn nicht tragen zu müssen, transportieren wollten. Dieser Schlitten, ein Toboggan, wie er vor allem bei den Stämmen der Algonkin genannt wurde, ist ein kufenloser Schlitten, der aus leichten Birkenholzbrettern gefertigt wird und mit dem bei Schnee und Eis sich unbeschwert Sachen transportieren lassen, die zum Tragen auf dem Rücken entweder zu schwer oder zu unbequem wären. Beide Männer waren gute, unermüdliche und äußerst ausdauernde Läufer, sodass sie auch in ziemlich schnellen Schritten sich vorwärst bewegten.

Sein Freund Schwarzes Gesicht ging ein paar Schritte voran und spurte den Weg. Nach etlichen Meilen wechselten sie sich darin ab. Er trug ebenfalls einen Mantel aus Karibufell und eine Flinte über der Schulter. Zusätzlich hatte er immer seine Kriegskeule am Gürtel hängen, von der er sich niemals trennte. Eine Kopfbedeckung trug er nicht, trotz der Kälte und des Umstandes, dass während ihres Laufens durch den Wald ständig kleine Schneefetzen von den Bäumen herunterfielen. Jedoch war er ein ziemlich abgehärteter Kerl, dem die Kälte scheinbar nichts ausmachte. Er war es schon seit frühester Kindheit gewohnt täglich in einem See oder Fluss baden zu gehen, egal was für Wetter herrschte. Selbst im strengsten Winter tat er das, sofern er die Möglichkeit dazu hatte. Als er noch bei den Mohawk lebte, hatte er sich wie viele andere auch, seinen Körper mit Bärenfett eingeschmiert und war dann in das eisige Wasser gesprungen.