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Pilgern sehe ich als Gegenbewegung zu unserer materialistischen, kopfgesteuerten Gesellschaft, die Gott immer unsichtbarer macht. Der Weg von Görlitz nach Aachen führte zu einem Rückblick auf mein bisheriges Leben. Daraus entstand neben den Schilderungen des Pilgerweges auch eine Darstellung meines Lebensweges. Gleichzeitig werfe ich einen kritischen Blick auf unsere heutige Konsumgesellschaft. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass das Elend unserer Welt darin liegt, dass viele Menschen in ihrer Seele kein verankertes Werte- und Würdebewusstsein besitzen. Dieses Problem hatte ich selbst über Jahrzehnte hinweg. Durch meine Verbindung zu Gott konnte ich meinen Wert und meine Würde wieder finden. Das wurde zu einer inneren Befreiung aus Angst und Not, aus Schuldgefühlen und Selbstentwertung. Hinter diesem Buch steckt das Bedürfnis, meinen Weg der Befreiung an andere weiterzugeben. Möge es den einen oder anderen Leser inspirieren, sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände zu legen, sich von ihm führen zu lassen und sich dabei vor allem seiner Würde bewusst zu werden.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dieses Buch widme ich allen Frauen,
deren Sorgen und Nöte ich innerlich
auf diesem Weg dabei hatte,
ganz besonders Franziska
Für meine Enkelkinder
Ferdinand, Konstantin, Moritz,
Helena und Julia
Einleitung
Wie alles begann
Start am 23. April mit der Polizei als Freund und Helfer
Bautzen - Ort der Stasiwillkür und Hauptstadt der Sorben
Delikatessbrötchen mit Herzensgüte in Schwosdorf
Marder – meine nächtlichen Besucher
Schutzengel auf der Landstraße
Probleme beim Trampen
Pilgerfreunde Norman und Frank
Klaus aus Wallichen und seine drei "F"
"Das Ungeheuerliche behandeln sie als Normalität" - KZ Buchenwald
Bekenntnisse eines Scharfschützen
In Eisenach kreuzen sich die Wege
Am Ende meiner Kraft bei Spangenberg
Wetterchaos ohne Ende
Der Pilgerpass
Nächtlicher Überfall
Eine Rose für einen Engel aus China
Kniefall vor den Kölner Domtürmen
Endlich am Ziel - Aachener Dom
Auch Rom ist eine Reise wert
Nachruf auf Franziska
Die Wurzel alles Bösen in der Welt ist der Mangel an Liebe zu sich selbst.
Thomas von Aquin
Sich auf den Jakobsweg zu begeben bedeutet, vieles loszulassen, die Kontrolle über viele Dinge aufzugeben, sich auszusetzen, den Umständen, dem Wetter, dem Unbekannten.
Inzwischen bin ich schon viele Jakobswege durch Deutschland gepilgert. Was mich am Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz nach Eisenach am meisten begeistert, wo er sich deutlich von den anderen Pilgerwegen abhebt, ist das außergewöhnliche Engagement von vielen Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden. Da wurde im Osten des Landes ein lückenloses Herbergsnetz aufgebaut, das gegen eine geringe Spende aufnimmt. Da sind viele liebevolle Menschen, die sich mit ihrer ganz persönlichen Hilfsbereitschaft einbringen, um Pilgern diesen Weg zu ermöglichen.
Hier können sich auch Menschen mit wenig Geld eine Langzeit-Pilgerreise leisten. Es ist ein Unterschied, ob ich fünf bis sieben Euro für die Nacht bezahle oder vierzig Euro in einer Gaststätte, auf die man bei anderen Routen weitgehend angewiesen ist.
Das Ganze finde ich deshalb so wertvoll, weil Pilgern etwas Wichtiges bei den Menschen bewirkt. Es verändert sie. Sie steigen aus ihrem Wohlstand aus, begeben sich in die Einfachheit, ertragen Strapazen und entwickeln dabei Dankbarkeit für jedes gute Wort, für jede liebevolle Geste.
Um es auf den Punkt zu bringen:
Man begegnet sich als Fremde und trennt sich als Freunde.
Solche Erfahrungen bekommt man im Alltag nicht so schnell und schon gar nicht so gehäuft, wie auf einer Pilgerreise.
Seit meiner Kindheit trage ich in mir die tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt. Daraus entsteht der Drang, mich für den Frieden einzusetzen. Dafür gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, zum Beispiel die Begegnung beim Pilgern.
Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind in jeder Gesellschaft die allgemeinen Voraussetzungen für den Frieden. Die Bewusstmachung der menschlichen Würde ist in meinen Augen wichtige Friedensarbeit.
Dieses Buch sollte über meinen Pilgerweg von Ost nach West handeln, nur über die unmittelbaren Begegnungen und Erfahrungen dieses Weges berichten. Ich hatte es vor einem Jahr, sofort nach dem Ende meiner Reise, verfasst. Es war so gut wie fertig. Das Korrekturlesen stand noch an. Doch dann bekam ich am PC Probleme mit meinen Augen. Das nahm ich als Zeichen, die Arbeit am Buch vorerst ruhen zu lassen. Je mehr Abstand zum Pilgerweg entstand, desto mehr verblassten die Eindrücke. Sie wurden zusätzlich von tausend anderen Dingen überlagert. Schließlich ließ ich das Buch innerlich völlig los. Es sollte anscheinend nicht sein.
Vor wenigen Tagen verspürte ich den plötzlichen Impuls, mir dieses unvollendete Buch noch einmal anzusehen. Während ich den bereits vorhandenen Text am PC las, tauchten Erinnerungen und neue Gedanken auf, die sich nun wie von selbst dazwischen fügten, die aber damit dem Buch eine ganz andere Richtung gaben. Nun entwickelten sich zusätzliche Geschichten aus meinem Leben.
Die Erfahrungen von Görlitz nach Aachen habe ich unverändert stehen gelassen, wie ich sie vor einem Jahr festgehalten habe.
Die Rückblenden mit allen neuen Gedanken, die ich jetzt aktuell dazwischenfügte, heben sich durch ein anderes Schriftbild ab.
Ausgelöst durch das Lesen meines Pilgerweges, glitten meine Finger wie von selbst über die Tastatur. Ohne zu überlegen, sprudelten die Worte aus mir heraus und waren nicht mehr zu stoppen. Tagelang vergaß ich alles um mich herum und schrieb von früh bis spät.
Hätte ich das Buch sofort nach der Pilgerreise veröffentlicht, es wäre ein völlig anderes Buch geworden.
Ich hatte nie vor, so offen über meine persönliche Beziehung zu Gott zu schreiben und so viel von meinem Leben und meinen Gedanken preiszugeben. Noch vor einem Jahr hätte mir dazu der Mut gefehlt.
Eine neu gewonnene, innere Freiheit, machte es nun möglich.
Wer sich öffnet und preisgibt, macht sich in gewisser Weise schutzlos. Je tiefer ich mich öffne, desto schutzloser mache ich mich, das ist mir sehr bewusst.
Mit diesem Buch habe ich mir sicher wieder eine Vielzahl von Fettnäpfchen aufgestellt. Weder bei den strenggläubigen Kirchgängern, noch bei den Ungläubigen oder den überzeugten Konsumenten und Modebewussten werde ich Anerkennung finden. Für die Strenggläubigen bin ich eine Ketzerin, für die Ungläubigen bin ich weltfremd und für die überzeugten Konsumenten liege ich auch verkehrt und werde höchstens belächelt. Sie werden Argumente zur Verteidigung unseres Wirtschaftswachstums und unseres Fortschritts finden.
Ich bin motiviert, für Menschen zu schreiben, die sich nach einem befreienden Wort sehnen. Gleichzeitig möchte ich auch meinen Enkeln ein Glaubenszeugnis hinterlassen, für die Zeit wenn sie reif genug sind, dieses Buch zu lesen.
Ich erhebe nicht den Anspruch, dass alles richtig ist, was ich denke, fühle und tue. Aber ich erhebe den Anspruch, ich selbst sein zu dürfen, ein Mensch, mit Fehlern, Schwächen und Irrtümern, der auf der Suche nach der Wahrheit ist.
Es geht mir nicht darum, in diesem Buch irgendwelche persönlichen Erfolgsgeschichten zu präsentieren. Es geht mir darum, die Kraft des Vertrauens, den Wert der eigenen inneren Stimme und die Bedeutung unserer Würde aufzeigen. Es geht nur darum, aufzuzeigen, wohin Gottvertrauen uns führen und welche Kräfte es in uns entwickeln kann.
Weiterhin erscheint es mir richtig, in einer Gesellschaft, die Gott zunehmend unsichtbar macht, ein Zeugnis für die Existenz Gottes, für sein Wirken und seine Kraft zu geben.
Denn wenn ich das Elend unserer Welt betrachte, dann weiß ich darauf nur eine einzige Antwort: Wir brauchen die Verbindung zu unserer höheren Macht, wie immer der einzelne diese auch nennen mag. Für mich ist es Gott, aber es ist nicht entscheidend ob sie Jahwe, Jehova, Allah oder Göttin genannt wird. Entscheidend ist es, die Liebe zu leben.
Ich denke, Gott vereint die Vielfalt der menschlichen Gotteswahrnehmungen in der Liebe zu einer Wahrheit. Wir brauchen den Geist der Liebe, der Vergebung und des Friedens. Wir brauchen einen tieferen Lebenssinn als Geld und Konsum.
Das Gelingen bestimmter Wege und Projekte ist nicht mein Verdienst. Denn alles, was mir je gelungen ist, konnte nur gelingen, weil ich es ganz bewusst in Gottes Hände gelegt habe und mich dann vertrauensvoll von ihm führen ließ.
Wenn ich mein Leben in Gottes Hände lege, erwarte ich nicht, dass alles so verläuft, wie ich es mir wünsche, sondern dann bin ich bereit, alles so anzunehmen, wie es eben kommt. Die Kraft, das Durchhaltevermögen, das ich für die jeweiligen Projekte aufbrachte, sind nicht meine normalen Kräfte. Besondere Kräfte entstehen immer nur dann, wenn ich mich in tiefem Vertrauen mit Gott verbinde. Das kann ich selbst am besten beurteilen, weil ich mich und meine persönlichen Grenzen gut kenne.
Bis vor wenigen Jahren hatte ich in mir das Bedürfnis unauffällig und unsichtbar zu leben. Nun sagt mir meine innere Stimme, dass ich meine Erfahrungen mit Gott nicht länger verstecken soll.
Doch wie soll ich zeigen, dass Gott mein zerbrochenes Leben geheilt und mich Schritt für Schritt zu mir selbst und zu einem gelingenden Leben geführt hat, wenn ich das Gelingen nicht ebenfalls darstelle.
Selbstdarstellung ist ebenso wie Selbstliebe für viele ein negativ besetztes Wort, das mit Eitelkeit, Wichtigtuerei und Egoismus verbunden wird. Dabei ist Selbstdarstellung ein ganz normaler und unverzichtbarer Teil unseres täglichen sozialen Lebens, wenn wir wahrgenommen und erkannt werden wollen. Die entscheidende Frage dabei ist doch mit welcher Motivation ich mich darstelle.
Ich habe keine andere Möglichkeit gefunden, um meine innere Befreiung von Angst und Not, von Schuldgefühlen und Selbstentwertung aufzuzeigen.
Seit ich an der Fortsetzung dieses Buches arbeite, merke ich, welche Veränderung dies bei mir bewirkt. Das ganze Jahr über war ich nicht mehr voll leistungsfähig. Meine Fibromyalgie, von der ich mich 2011 auf dem ersten Jakobsweg nach Frankreich quasi gesund gelaufen hatte, war erneut ausgebrochen.
Meine Muskeln machten nicht mehr mit. Ich konnte die gewohnten körperlichen Leistungen nicht mehr vollbringen. Ganz normale Anstrengung löste sofort fürchterliche Muskelschmerzen aus. Große Wander- und Pilgertouren, die ein wesentlicher Teil meines Leben waren, wurden plötzlich unmöglich.
Für dieses Jahr hatte ich eine Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran geplant. Schon beim Vortraining für die Alpen, im April dieses Jahres, musste ich passen. Spätestens nach zehn Kilometern war es soweit. Ich konnte nur noch mit zusammengebissenen Zähnen meine Tagesetappe beenden.
Anfangs wollte ich den Verlust meiner Leistungsfähigkeit einfach nicht wahrhaben und wehrte mich mit aller Willenskraft dagegen.
Diese Zähigkeit brachte mich am Gründonnerstag dieses Jahres in eine höchst problematische Situation. Schmerzen und Erschöpfung führten dazu, dass ich für eine Wandertour viel länger brauchte als geplant. Obendrein hatte ich mich in einem einsamen, großen Waldgebiet verlaufen. Es war schon später Abend und es gab für mich keine Chance mehr, den Wald vor Einbruch der Dunkelheit aus eigener Kraft zu verlassen. Nur ein seltsamer Zufall schickte einen Mann, wegen Moos für die Osternester, spontan noch am Abend mit seinem Auto in den sonst menschenleeren Wald. Ohne diesen Mann hätte ich eine extrem kalte Nacht im Wald verbringen müssen.
Schmerzen und Muskelschwäche schränkten mein Leben von einem Tag zum anderen sehr ein. Daraus entstand für mich eine völlig neue Situation. Seitdem musste ich vieles loslassen, daneben auch Menschen, die mir wichtig sind. Das vielfache Loslassen verursachte eine große Leere in mir. Plötzlich war ich sehr viel allein. Alleinsein und Leere fühlten sich sehr schmerzhaft an und führten mich in eine regelrechte Krise. Das ungewohnte Alleinsein belastete auch meine Psyche. Mit meiner geistigen Vitalität war ebenfalls nicht mehr viel anzufangen. In dieser Zeit konnte ich auch nicht schreiben.
Doch ich glaubte daran, dass das alles einen tieferen Sinn hatte, und versuchte, diese neue Situation erst einmal anzunehmen, ohne mich mit Kontakten davon abzulenken oder mit sonstigen Aktivitäten zu betäuben.
Einen Besuch bei meiner Tochter in München vor einigen Wochen verband ich mit einer Fahrt zu einem Einsiedler in den österreichischen Bergen. Ich hatte von ihm durch einen Zeitungsartikel erfahren. Das Gespräch mit ihm bestärkte meine Haltung. Ich vollzog einen Schnitt für mein Leben und beschloss die Vorträge über mein letztes Buch, die mit vielen Terminen und Reisen verbunden waren, zu beenden. Zunehmend zog ich mich in mein Alleinsein zurück.
Viele Freundschaften hatte ich bereits durch Tod verloren, andere Freundinnen waren weit weg oder so krank, dass mit ihnen keine Unternehmungen mehr möglich waren. Wieder andere waren mit ihren Enkeln oder der Pflege von Angehörigen völlig ausgelastet und ich wollte sie nicht zusätzlich mit meinen Problemen belasten.
Um mich herum gab es nun viel Zeit und Ruhe. Es war und ist noch immer eine Phase des Abwartens oder besser des Erwartens, dass sich ein neuer, anderer Weg für mich eröffnen wird, falls meine körperlichen Einschränkungen dauerhaft bestehen bleiben sollten.
Wären da nicht neuerdings körperliche Einschränkungen aufgetaucht, die mich hinderten, diesen Sommer mit tausend Aktivitäten zu füllen, hätte ich dieses Buch wohl nie mehr vollendet. Die Umstände haben mich gezwungen, alles um mich herum loszulassen. Nur aus dieser Situation heraus konnte dieses Buch vollendet werden. Und jetzt kommt es mir so vor, als wäre ich durch das Schreiben zu einer neuen Vitalität gekommen, die mich beflügelt. Ich fühle mich nun so gut, wie schon lange nicht mehr.
Auf diese Weise entstand mein persönlichstes Buch. Es ist gleichzeitig mein mutigstes Buch.
*
Neben Jesus, waren Gandhi, Martin Luther King und Mutter Teresa meine wichtigsten Vorbilder der Neuzeit. Sie alle verdeutlichten mir die Botschaft Jesu und setzten sie in aktueller Weise um.
Natürlich besitze ich nicht die Stärke und den Mut von Gandhi und nicht die Frömmigkeit von Mutter Teresa und schon gar nicht ihren Gehorsam gegenüber der Katholischen Kirche. Aber nachdem ich mich intensiv mit sämtlichen Biographien befasst hatte, wurden sie zu meinen Vorbildern, auch wenn ich von ihnen nur Bruchteile übernehmen konnte.
Von Mutter Teresa lernte ich, hinter der Fassade eines verwahrlosten Obdachlosen die Würde dieses Menschen wahrzunehmen. Sie zeigte mir, wie wichtig Berührung für uns Menschen ist. In sämtlichen Filmen über sie sah ich immer, dass sie alle Menschen liebevoll berührte. Mir wurde bewusst, wie sehr ausgegrenzte Menschen nach Berührung hungern. Sich unberührbar zu fühlen ist schrecklich, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Gandhi machte mir meine Selbstachtung wieder bewusst. Er ermutigte mich, der Unterdrückung mit gewaltlosem Widerstand zu begegnen und gleichzeitig meine Würde und meine innere Freiheit zu behaupten. Gandhi inspirierte mich, für Gerechtigkeit einzutreten, der Lüge die Wahrheit entgegenzusetzen und dem Hass die Liebe und die Vergebung.
Bei Martin Luther King faszinierten mich seine zutiefst menschlichen, leidenschaftlichen Reden.
Ich glaube, das Elend der Welt entsteht daraus, dass Menschen sich von klein an nicht ausreichend, nicht bedingungslos geliebt wissen. Mit diesem Defizit können sie sich ihres Wertes und ihrer Würde nicht voll bewusst werden. Den Mangel an Werte- und Würdebewusstsein sehe ich als tiefste Ursache für unserer menschlichen Nöte.
Daraus entwickeln sich oft Ängste, Eifersucht, Neid, Gier, Selbstbetrug, Lüge und Missgunst, die bis zum Hass und zur Gewalt führen können.
Die Geschichte von Kain und Abel ist ein Beispiel.
Kain brachte Abel um, weil er sich weniger geliebt und angenommen fühlte.
Das Bedürfnis, geliebt zu werden, ist dabei meist nicht im Vordergrund zu sehen, dem Betroffenen selbst oft gar nicht bewusst. Häufig werden nur banale Dinge sichtbar. Aber so bald man tiefer schaut, stößt man immer wieder auf die gleiche Ursache.
Erbauseinandersetzungen sind auch ein gutes Beispiel. Da wird oft um einen geringen materiellen Wert gestritten, der nicht wirklich Bedeutung hat. Einer der sich bezüglich "Liebe und Zuwendung" zu kurz gekommen fühlt, will ersatzweise wenigstens auf der Sachebene so eine Art Gerechtigkeit erzwingen.
Ebenso geht es bei Nachbarstreitigkeiten nicht wirklich um die störenden Gartenzwerge oder die überhängenden Äste, sondern um die persönliche Anerkennung, um Wertschätzung und Achtung. Auf einer äußeren Ebene versucht man dies einzuklagen. Doch das alles nützt wenig, wenn man seinen Wert und seine Würde nicht verinnerlicht hat. Haben wir das im Innern, müssen wir es im Äußeren gar nicht suchen.
Jesus fordert uns auf, jemanden der eine Jacke verlangt, auch noch das Hemd zu geben, weil er die übergroße Bedürftigkeit eines Fordernden sieht. Derjenige braucht das Doppelte, um zu spüren, ich bin dem anderen etwas wert, wenn er mir freiwillig mehr gibt, als ich selbst will.
Wenn einer mich auf die rechte Wange schlägt, soll ich auch die linke hinhalten, bedeutet nicht, dass ich mich wehrlos unterdrücken lassen soll. Gandhi, der sich stark an der Bergpredigt von Jesus orientierte, verstand es, diese Botschaft im richtigen Moment sinnvoll anzuwenden. Gandhi behandelte seine Gegner und Feinde mit Achtung und Wertschätzung, ohne sich ihrem Unrecht und ihrer Macht zu unterwerfen.
Viele Eltern schaffen es nicht, ihre Kinder mit der notwendigen Bedingungslosigkeit anzunehmen und zu lieben, weil sie diese selbst nie erfahren hatten.
Bedingungslose Annahme meint nicht, ohne Grenzen zu lieben. Nur lieben allein genügt nicht. Man kann auch niemanden retten, indem man ihn nur liebt. Die Liebe zum anderen braucht stets die Grenze, die bei der gesunden Selbstliebe und Selbstfürsorge beginnt. Das gilt zwischen Eltern und Kindern genauso wie in sonstigen zwischenmenschlichen Beziehungen.
Die Erfahrung einer bedingungslosen Annahme ist der Schlüssel zur inneren Freiheit. Aber vorhandene Defizite können durchaus auch nachträglich geheilt werden, wie ich an mir selbst erfahren habe. Das Glück für eine derartige Heilung widerfuhr mir in meinem späteren Leben mehrfach durch Frauen. Eine ältere, gute Bekannte, Mutter von fünf Kindern, fragte ich eines Tages, ob sie nicht meine geistige Mutter werden und mich als ihr Kind annehmen könnte, da ich so dringend eine Mutter bräuchte, eine Mutter, die mich in den Arm nehmen würde.
Inspiriert wurde ich durch die Bibelstelle, wo Jesus am Kreuz zu seiner Mutter sagte: "Siehe da deinen Sohn", und zu Johannes: "Siehe da deine Mutter." Das gab mir als erwachsene Frau den Mut, um das zu bitten, was ich dringend nötig hatte. Meine Bitte wurde von dieser tiefgläubigen Frau, einer einfachen Bäuerin, erfüllt. Mit ihrem großen Herzen schenkte sie mir ihre ganze Liebe. Die wunderbare Erfahrung mit ihr wurde zu einem unglaublich heilsamen Prozess, welchen ich in einer Therapie niemals hätte finden können.
Danach fand ich öfter den Mut, eine Bibelstelle wörtlich umzusetzen. Jedes Mal wurde das für mich zum Segen.
Verwundungen aus der Kindheit können nicht ungeschehen gemacht werden. Aber wer mit bedingungsloser Liebe beschenkt wird, kann Heilung erfahren. Er kann sein wahres Selbst finden und dann frei werden vom übermäßigen Bedürfnis nach Anerkennung durch andere Menschen oder von den vielen Ersatzbefriedigungen.
Alle Ersatzbefriedigungen, die Menschen brauchen um das innere Gefühl, wenig bedeutend zu sein, zu kompensieren, braucht ein Mensch nicht mehr, wenn er Gott wirklich tief in seinem Innern erfahren hat. Und ich durfte Gott immer wieder durch liebesfähige Menschen erfahren. Menschen können Gott durch ihre Liebe, ihre Güte und ihre Barmherzigkeit spürbar und sichtbar machen. In wichtigen Momenten meines Lebens waren das für mich deutlich spürbare Gottesbegegnungen. Überall wo Liebe, Menschlichkeit und Barmherzigkeit gelebt wird, ist Gott mittendrin, da wird sein Geist lebendig.
Aber viele Menschen fühlen sich nicht wertvoll genug und wagen es nicht, sich mit solchen Worten in Verbindung zu bringen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie durch sich selbst Gott spürbar und sichtbar machen können. Und das finde ich sehr bedauerlich.
Es gibt ein altchristliches Segensgebet aus dem 14. Jahrhundert, das genau das aussagt. Demnach hat Gott keine anderen Hände als die unseren, um seinen Beistand sichtbar zu machen. Im Wissen um den Wert und die eigene Würde, die mir eine göttliche Schöpfermacht von Anbeginn verleiht, muss das nicht mehr bei den Menschen gesucht werden.
Natürlich tut Wertschätzung jedem Menschen gut, aber man ist davon nicht mehr abhängig. Man lässt sich dann von anderen nicht so leicht kränken.
Bei meiner Biographie war Scheitern eigentlich von Anbeginn vorprogrammiert. Für meine Mutter war ich ein unerwünschtes Kind, das sie in ihrer Überforderung nur als schreckliche Last wahrnehmen konnte. Das ließ sie mich sehr deutlich spüren. Ich will meine Mutter dafür keineswegs anklagen. Inzwischen verstehe ich ihr Leben und ihre Verhaltensweisen und kann sie sogar gefühlsmäßig lieben, was mir zu ihren Lebzeiten leider noch nicht gelang. Sie war eine schwer traumatisierte, unglückliche, in sich selbst gespaltene Frau. Dennoch hat sie mir alles gegeben, was sie hatte. Keine Mutter kann mehr als alles geben. Außerdem verdanke ich ihr mein Leben, das mir sehr kostbar geworden ist. Die Fähigkeit, meine Mutter zu lieben, ist eines der Heilungsgeschenke, die mir bei meiner ersten Pilgerreisei) völlig unverdient in den Schoß fielen.
Damit schloss sich eine lebenslange Wunde in meinem Herzen und machte mich wieder ein Stück freier für das Leben. Gleichzeitig lösten sich viele inneren Blockaden.
Durch die schwierigen Umstände meines Lebens stand ich nicht nur einmal verzweifelt an einem Abgrund. Doch seltsame Fügungen haben mein Scheitern immer und immer wieder verhindert.
Über die Vielzahl der wundersamen Fügungen, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen, kann ich hier natürlich nicht berichten. Ich beschränke mich auf einzelne Erinnerungen, die beim Lesen meines Pilgerweges wieder in mir hochkamen.
Hinter diesem Buch steckt nur das Bedürfnis, meinen Weg der Befreiung an andere weiterzugeben. Möge es den einen oder anderen Leser inspirieren, sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände zu legen, sich von ihm führen zu lassen und sich dabei vor allem seiner Würde bewusst zu werden.
Juli 2017
i) Mein Jakobsweg - Erfahrungen einer Jakobuspilgerin, 2011
Und eines schönen Tages spürst du genügend Kraft, Mut und Zuversicht, um dich von den Fesseln des Zögerns und der Angst zu befreien und etwas Neues zu beginnen.
Jochen Mariss
Mit etwa sieben Jahren entdeckte ich für mich die Bibelgeschichten mit Jesus. Ich war begeistert von diesem Jesus, wie er mit den Menschen umging.
Seine Liebe zu den Menschen, sein Einsatz für Schwache und Ausgegrenzte faszinierten mich. Seine Botschaft ließ mich vertrauensvoll an die Liebe Gottes glauben. Nie entstand Furcht vor einem strafenden Gott. Ich sah ihn durch Jesus nur als guten Freund. Mein kindliches Herz glühte für diesen Jesus. Wäre er nur leibhaftig unter uns gewesen, ich hätte alles stehen und liegen gelassen und wäre ihm gefolgt.
Bei Lukas 9 Vers 2 gibt es eine Bibelstelle, da sagte Jesus sinngemäß zu seinen Jüngern:
Zieht hinaus in die Welt, verkündet die Botschaft, heilt die Kranken! Nehmt kein Geld und kein Brot mit!
Genau diese Bibelstelle entzündete in meiner Kindheit ein richtiges Feuer in mir. Aber als Kind konnte ich nicht in die Welt hinaus. Doch wann immer ich Gelegenheit hatte, träumte ich mich in die Bibelgeschichten hinein und zog mit Jesus oder für Jesus durch die Welt.
Meine Kindheit war alles andere als leicht. Unsere materielle Armut führte neben den innerfamiliären Problemen zusätzlich zu Ablehnung von außen. Meine Familie besaß keine gesellschaftliche Anerkennung. Schon allein durch meine Herkunft und meine ärmliche Kleidung wurde ich geringschätzig behandelt.
Doch die Bibelgeschichten gaben mir Halt und ich träumte von einer besseren Welt, in der die Angst und das Elend durch die Botschaft Jesu überwindbar würden. Für mich bestand damals kein Zweifel, dass ich, wenn ich einst groß und stark wäre, seine Botschaft in die Welt tragen würde.
Je größer ich wurde, desto mehr verlor ich durch die schwierigen Umstände meines Lebens meinen Glauben und mein Gottvertrauen. So geriet alles in Vergessenheit.
Wenn man aus schwierigen Familienverhältnissen kommt, lässt sich das nicht einfach so abschütteln. Die Altlasten verfolgen einen, man nimmt sie erst einmal auf Schritt und Tritt mit.
Schwere Zeiten raubten mir in meiner Jugend fast vollständig den Glauben an mich selbst. Übrig blieb ein in sich selbst gefangener, zerbrochener, schwacher Mensch, ohne Selbstvertrauen und voller Ängste. Viel zu viele Jahre fehlte mir das Bewusstsein für meinen Wert und meine Würde. So gab es in meinem Leben immer wieder heftige Herausforderungen und Krisen. Oft befand ich mich in Sackgassen und wusste nicht mehr weiter.
Aber zufällig tauchte dann im entscheidenden Moment immer ein Mensch auf, ein völlig Fremder, der mir wie ein Engel die Hand entgegenstreckte.
Irgendwann betrachtete ich diese außergewöhnlichen, eigentlich wundersamen "Zufälle", die sich wie ein roter Faden gehäuft durch mein Leben ziehen und es immer wieder vor einem Scheitern bewahrt haben. Mir fiel auf, dass mir immer gläubige, mit Gott verbundene Menschen geholfen hatten, welche keineswegs immer Kirchgänger waren. Gott trat immer wieder durch Menschen in mein Leben, bis ich ihn nicht mehr übersehen und wegleugnen konnte.
Schließlich kam ich zur Überzeugung: Da ist einer, der will, dass mein Leben nicht scheitert. Denn aus eigener Kraft hätte ich keine Chance gehabt.
Mit dieser Erkenntnis fand ich wieder zu Gott zurück und fand neuen Sinn für mein Leben. So begriff ich immer mehr, dass Gott uns nicht von Angst und Schuld gebeugt sehen will und verstand, dass seine Liebe nicht davon abhängig ist, ob es mir gelingt ohne Fehler und ohne Schuld durchs Leben zu gehen.
Unsere menschlichen Schwächen trennen uns nicht von Gott, das wurde für mich zu einer tiefen Gewissheit. Allerdings trennt uns unser mangelndes Vertrauen von Gott und auch von unseren Mitmenschen.
Ich war etwa 40 Jahre alt, da wurde die Botschaft von Jesus für mich zu einer radikal befreienden Botschaft. Denn diese Botschaft hat mich von meinen tiefsten Ängsten und auch vom entwertenden Urteil anderer befreit.
Sie hat mich an Körper und Seele wieder aufgerichtet, mir meine Würde und meinen Wert wieder bewusst gemacht. Das war sehr wichtig für mich, denn ohne das Bewusstsein meiner Würde war ich schwach und manipulierbar. Für mich war das wie eine Auferstehung zu neuem Leben.
Dennoch war es noch ein langer Weg, bis ich den Mut fand, mein Schneckenhaus zu verlassen.
Heute stehe ich offen für die Botschaft eines bedingungslos liebenden Gottes, der uns unsere Würde und unseren Wert gibt, der uns die Freiheit und den Mut gibt, nicht die falschen Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, sondern so zu sein wie er uns gedacht hat. Ich träume davon, dass wir alle im Bewusstsein dieser Würde leben. Und ich träume davon, dass wir uns gegenseitig darin bestärken.
Und als schließlich wieder einmal die besagte Bibelstelle aus meiner Kindheit in mir hochkam, fand ich es zutiefst sinnvoll, sie wörtlich umzusetzen und ohne Geld loszugehen. Ich sah diesen Weg irgendwann als meinen persönlichen Auftrag und wollte nun erfüllen, was ich in Kindertagen mit glühendem Herzen gelobt hatte.
Im Sommer 2013 pilgerte ich zu Fuß und ohne Geld von Flensburg bis nach Konstanz. Auf meinem Rucksack und auf meinem T-Shirt hatte ich als Botschaft die Aufschrift "Gottvertrauen stärkt" anbringen lassen. Denn das wurde zu einer meiner tiefsten Lebenserfahrungen.
Vor meinem Aufbruch hatte ich den Tatort "Wegwerfmädchen" mit Kommissarin Charlotte Lindholm gesehen. Maria Furtwängler wollte diesen Tatort drehen, um die Öffentlichkeit über die grausamen Verhältnisse im Rotlichtmilieu zu informieren. Der Tatort zeigte nur die Spitze des Eisberges. Immer jüngere Mädchen werden aus dem osteuropäischen Raum mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Dann werden sie gegen ihren Willen in ein Bordell gebracht, vergewaltigt, unter Drogen gesetzt, mit Drohungen gegen die Familie gefügig gemacht. Als Sexsklavinnen werden sie schließlich von Bordell zu Bordell weiterverkauft. Die Brutalität von Männern gegenüber diesen Frauen ist kaum zu beschreiben. Prostituierte werden grauenhaft behandelt und ausgebeutet. Dieser Tatort hatte mich zutiefst erschüttert. Spontan nahm ich mit der Organisation Solwodi, gegründet von der Ordensschwester Dr. Lea Ackermann, Kontakt auf. Solwodiii) ist eine Menschenrechtsorganisation, die Frauen in Notsituationen hilft. Aus Fernsehen und Zeitschriften war mir Sr. Dr. Lea Ackermann schon bekannt. Sie setzt sich für Frauen in der Prostitution ein und hilft ihnen, diesem Milieu zu entkommen. Für ihr Werk hat sie schon alle möglichen Verdienstkreuze und Orden bekommen, u.a. auch den Ehrentitel "Frau Europas". Im November 2014 wurde ihr im Goldenen Saal von Augsburg der Augsburger Friedenspreis überreicht.
Durch die zunehmende Zwangsprostitution in Deutschland offenbart sich die grundsätzlich fehlende Wertschätzung gegenüber allen Frauen. Was diesen Frauen angetan wird, richtet sich gegen die gesamte Weiblichkeit. Das betrifft auch mich selbst, da ich eine Frau bin.
Unsere Gesellschaft hat ein miserables Frauenbild. Männer glauben das Recht zu haben, Frauen als Ware behandeln, sie kaufen und verkaufen zu können. Solange es um uns herum diesen Menschenhandel mit Zwangsprostitution gibt, wird es auch in unserer Gesellschaft keine wirkliche Emanzipation geben.
Auf meiner Pilgertour durch Deutschlandiii), sammelte ich 1500 Unterschriften für Solwodi. Die vielen Gespräche auf meinem Weg von Flensburg bis Konstanz vermittelten mir den Eindruck, dass viele Frauen unseres Landes über die genaueren Umstände und über die unglaublichen Dimensionen dieser Szene überhaupt nicht informiert sind. Vielleicht bleibt deshalb der allgemeine Aufschrei der Empörung bisher aus.
Meine nächste Pilgerreise durch Deutschland, vom östlichsten zum westlichsten Punkt, plante ich für das Jahr 2016.
Von Görlitz bis Aachen wollte ich für die Würde der Frau pilgern und in erster Linie Solwodi quer durchs Land bekannt machen.
Für diesen Weg hatte ich mich entsprechend vorbereitet. Dem Totschlagargument über die angebliche Freiwilligkeit der Frauen wollte ich mit Aufklärung begegnen. Im Vorfeld habe ich tagelang im Internet recherchiert und telefoniert, um auf meiner Wegstrecke Frauenverbände ausfindig zu machen, bei denen ich Solwodi dann persönlich vorstellen könnte. Aber alles verlief im Sande.
Die einstigen Verbände waren aus Altersgründen bereits aufgelöst oder aktuell in der Auflösung begriffen. Niemand von den vielen Stellen, mit denen ich telefonierte, kannte Solwodi oder wollte darüber auch nur nähere Informationen erhalten.
Meine Pilgertour längs durch Deutschland ohne Geld, ohne Kreditkarte, ohne Handy, ohne irgendeine Sicherheit, war eine anspruchsvolle Tour gewesen.
Für die bevorstehende Tour wollte ich ausreichend Geld dabei haben.
Ich wollte mich nicht durch größere Strapazen unnötig für meine eigentliche Aufgabe ermüden. Diese Pilgerreise sollte leicht und angenehm werden. Mit dem Auto für den Gepäcktransport sollten meine Knochen geschont werden. Denn schon allein das viele Informationsmaterial für Solwodi hatte sein Gewicht. Nach jeder Tagesetappe wollte ich per Anhalter zurück zum Auto und dann mein kleines Zuhause nachholen. Im Auto ist ein bequemes Bett zum Übernachten eingebaut. Der Gedanke an einen gefüllten Geldbeutel gab mir das Gefühl, frei und unabhängig zu sein. Damit konnte ich mir kaufen, was ich brauchte. Mit Geld in der Tasche brauchte ich auf dieser Tour auch kein außergewöhnliches Gottvertrauen - dachte ich ganz naiv. Doch dann kam alles ganz anders
Meine Pilgerreise wurde eine einsame Tour, voller Strapazen, die ich mir so keineswegs vorgestellt hatte.
ii)www.solwodi.deiii) Vgl. "Zu Fuß und ohne Geld" von Flensburg nach Konstanz, 2013
Wenn du erkennst, dass es dir an nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt.
Laotse
Mit den Segenswünschen vieler Menschen breche ich um sieben Uhr morgens auf. Gefühle von Dankbarkeit und Vorfreude begleiten mich auf meiner Fahrt.
Mit Wandern und Trampen habe ich kreuz und quer durch Deutschland bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Es gab nie Schwierigkeiten und grundsätzlich stand ich als Anhalterin nicht länger als fünf Minuten an der Straße. Trampen ist in unseren Zeiten eigentlich out. Die meisten halten prinzipiell nicht an. Es sind nur ganz wenige, nur einzelne, die jemanden mitnehmen. Doch ich wurde bisher immer mitgenommen und habe dabei viele nette Menschen kennen gelernt.
Man muss aber einige Tramperregeln kennen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Günstig sind die Zeiten, wenn der Berufsverkehr fließt. Die Autos dürfen aber nicht zu schnell fahren, so dass der Fahrer noch einschätzen kann, wen er mitnimmt. An Sonn- und Feiertagen ist Anhalten kaum möglich. Da sind die jungen Paare, die Familien mit ihren Kindern oder ältere Ehepaare unterwegs. Da wird man in aller Regel nicht mitgenommen. Auch bei Regen hat niemand Lust anzuhalten. Keiner will sich eine tropfende, nasse Katze ins Auto holen. Leider sind in meinem Zeitabschnitt viele Feiertage. Die Pfingsttage und Fronleichnam kommen ebenfalls auf mich zu. Das wird nicht einfach, aber ich lasse mich überraschen.
Während der Fahrt höre ich Nachrichten. Das Wetter ist für meine Tour nicht gerade günstig. Schließlich will ich im Auto schlafen. Laut Wettermeldung bekommen wir einen Wintereinbruch. Kälte und Schnee kehren zurück. Die Temperaturen sollen um 15 Grad abstürzen. Es soll kälter werden als an Weihnachten. Aber ich bin auch für winterliche Temperaturen ausgerüstet.
Noch am Vormittag komme ich in Melaune an. Hier will ich Manja aufsuchen, die ich bei meinen Recherchen im Internet entdeckt habe. Sie arbeitet mit Jugendlichen und engagiert sich gegen die rechte Szene. Ich will mich mit ihr austauschen und über die Lage hier in Sachsen informieren. Doch wie ich erfahre, ist sie inzwischen nach Bautzen gezogen.
Also geht es direkt weiter nach Görlitz. Zufällig finde ich einen zeitlich unbegrenzten, kostenlosen Autostellplatz in der Parkstraße. Telefonisch hatte ich bereits in einem Pilgerquartier eine Übernachtung gebucht. Doch dann wurde ich mehrfach von Einheimischen gewarnt, mein Auto in Görlitz nachts an der Straße stehen zu lassen. Angeblich würden hier ständig Autos gestohlen. Dieses Risiko will ich nun doch nicht eingehen. Mit dem Verlust meines Autos wäre die Tour zu Ende bevor sie überhaupt begonnen hätte. Deshalb sage ich nun die gebuchte Übernachtung wieder ab. Die erste Nacht werde ich trotz Kälte lieber im Auto, in meinem bequemen Bett verbringen. Ein zweiter Schlafsack wird mich wohl vor dem Erfrieren bewahren. Später, sobald es die Außentemperaturen zulassen, will ich ohnehin nur noch im Auto übernachten. Direkt neben meinem Parkplatz befindet sich eine Polizeiwache. Wie ich auf Anfrage erfahre, ist die Wache nur tagsüber besetzt.
Doch für den Moment reicht das. Beruhigt laufe ich mit Regenschirm ausgerüstet in die Innenstadt.
Zuerst streife ich durch die Fußgängerzone. Görlitz ist reich an idyllischen Plätzen. In der evangelischen Kirche St. Peter und Paul, mit der berühmten "Görlitzer Sonnenorgel", bekomme ich meinen ersten Pilgerstempel. Gottes schönstes Haus an der Neiße, wird die Peterskirche genannt, die majestätisch thronend schon von weither zu sehen ist und auf einem Felsen die Görlitzer Stadtkrone bildet. Die östlichste Stadt Deutschlands liegt in Sachsen.
Görlitz mit seinen 100.000 Einwohnern ist eine wunderschöne Stadt, ein städtebauliches Gesamtkunstwerk, und bietet eine reiche Geschichte.
Das angeblich schönste Jugendstil-Warenhaus Deutschlands ist leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Nur durch die ausgehängten Fotos an der Baustelle kann ich die beeindruckende Innenarchitektur mit dem zentralen Lichthof und der großartigen Glaskuppel betrachten. Auf meiner weiteren Besichtigungstour komme ich am Görlitzer Frauenturm vorbei. Er ist gerade geöffnet und so kann ich die Ritterrüstung und die Kanone hinter der Eingangstür fotografieren.
Die Straßburgpassage, im prächtigen Jugendstil mit einem bunten Mix von kleinen Fachgeschäften und Boutiquen befindet sich in der Berliner Straße. Auch der neuromanischen Lutherkirche, etwas außerhalb des Stadtkerns, statte ich einen Besuch ab. Sie war der erste evangelische Kirchenneubau in dieser Stadt nach der Reformation. Der rote Steinbau gefällt mir sehr gut, aber leider kann ich die Kirche nur von außen besichtigen. Über die Altstadtbrücke schlendere ich am polnischen Neißeufer entlang und kann an der Brücke der Freundschaft, in der Nähe vom Dom Kultury in Zgorzelec, wieder zurück auf die deutsche Seite. An dieser Brücke befindet sich der Meridianstein. Dieser markiert den 15. Längengrad, nach dem die mitteleuropäische Zeit bestimmt wird.
Mein kleines Zuhause (Foto: Brunhilde Schierl)
Görlitz ist wahrlich eine Reise wert, und ich bin froh, dass das Wetter, von kurzen Schauern abgesehen, meine Stadtbesichtigung nicht beeinträchtigt. Einstweilen habe ich mit dem Wetter Glück. Die Kaltfront mit unwetterartigen Regengüssen ist hier noch nicht eingetroffen.
Die VIA REGIA – die Straße des Königs – ist vom beginnenden Mittelalter bis in die Gegenwart die bedeutendste Ost-West-Verbindung Europas. Sie wurde vom König beschützt, um den reisenden Kaufleuten, Pilgern und Handwerksgesellen Sicherheit zu bieten. Das Militär nutzte diese Verbindung für seine Truppenbewegungen während des Dreißigjährigen Krieges, in den Napoleonischen Feldzügen und in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.
Heute ist die VIA REGIA eine Kulturroute des Europarates. Sie durchquert mit 4500 Kilometern Länge die Länder Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen und die Ukraine. Der Weg knüpft an die Geschichte vergangener Jahrhunderte an und verbindet gestern wie heute verschiedene Länder, Religionen und Kulturen.
In Görlitz beginnt der Ökumenische Pilgerweg am Ufer der Neiße, an der Altstadtbrücke und führt bis zum "Heiligen Grab" und von dort geradewegs aus der Stadt hinaus. Das "Heilige Grab" ist eine originalgetreue Nachbildung der heiligen Stätten im mittelalterlichen Jerusalem.
Markantes Zeichen und Wegmarkierung zugleich ist die gelbe Muschel auf blauem Grund. Sie zeigt den Pilgern den Weg bis nach Santiago de Compostela in Spanien.
Am Abend suche ich mir einen sicheren Übernachtungsplatz. In der Conrad-Schiedt-Straße befindet sich ein großes Polizeipräsidium, das ich schon zuhause übers Internet ausfindig gemacht habe. In einer ruhigen Nebengasse parke ich direkt an einer Eingangstür des Gebäudekomplexes. Etliche Videokameras sind installiert und haben mein Auto im Blick. Hier kann mir nichts passieren, denke ich und klingle gut gelaunt an der Pforte des Gebäudes. Ein Polizist in Uniform sitzt hinter der Glasscheibe. Er kommt zur Tür und schaut mir interessiert entgegen.
"Guten Abend, ich komme aus Franken. Bei uns gilt die Polizei als Freund und Helfer. Ist das hier in Sachsen ebenso?", frage ich den Mann mit einem schelmischen Lächeln.
"Aber natürlich, ist das bei uns nicht anders", antwortet er lachend.
"Das ist wunderbar, denn ich möchte hier neben der Eingangstür in meinem Auto übernachten. Ich will den Jakobsweg von Görlitz nach Aachen pilgern. Nachdem in Görlitz angeblich so viele Autos gestohlen werden, will ich nicht riskieren, dass ich womöglich noch mit gestohlen werde. Das wache Auge der Polizei wäre mir für diese Nacht ganz recht."
Der Polizist lacht amüsiert und nickt gutmütig. "Sie können hier stehen bleiben, vor diesem Gebäude passiert ihnen nichts."
Er interessiert sich näher für meine Pilgertour und wir unterhalten uns ein wenig.
"Sie haben Glück, die Kaltfront mit Unwetter hat sich verspätet. Sie wird wohl erst morgen bei uns eintreffen", informiert er mich zum Abschied.
"Das kann mir nur recht sein. Vielen Dank für die sichere Übernachtung unter Polizeischutz," lache ich ihm zu und richte dann mein Auto für die Nacht. Rundum ziehe ich meine Vorhänge zu und krieche im warmen Jogginganzug mit Wollsocken unter meine dicke Bettdecke. Zusätzlich habe ich mir noch eine gut wärmende Microfaserdecke mitgenommen. Damit hoffe ich in dieser Nacht nicht zu frieren. Für den äußersten Notfall ist noch ein Mumienschlafsack dabei. Der Mangel an Bewegungsfreiheit wäre mir zwar unangenehm, aber bevor ich mir Frostbeulen hole, würde ich lieber die Enge des Schlafsacks hinnehmen.
Selten habe ich so tief und fest in meinem Auto geschlafen wie in dieser Nacht. Ich fühlte mich absolut sicher, wache aber zeitig auf, weil es trotz Microfaserdecke ungemütlich wird. Draußen ist es fast hell. Hinter mir und vor mir parkten gestern die Autos der diensthabenden Polizisten. Inzwischen war Schichtwechsel. Nun stehen völlig andere Wagenmarken vor und hinter mir. Doch ich habe von allem nichts mit-bekommen. Ich muss wohl wie ein Murmeltier geschlafen haben. Ruck zuck bin ich angezogen und fahre zum Bahnhof. Am Sonntagmorgen schläft die Stadt noch. Es sind kaum Autos unterwegs und ich finde problemlos einen Parkplatz. Am Himmel zeigen sich üble, schwarze Wolken, die nichts Gutes versprechen. Außerdem weht inzwischen ein eisiger Wind. Mich fröstelt, trotz der Winterkleidung. Zweifellos ist die Kaltfront nun auch in Görlitz angekommen. Regen, Schnee und Hagelschauer sind angesagt.
Das Café im Bahnhof ist bereits um sieben Uhr geöffnet. Hier bekomme ich Kaffee und Frühstück.
Der östlichste Punkt Deutschlands befindet sich laut Internet zwischen Deschka und Zentendorf. Dieser Punkt ist nicht sonderlich ausgewiesen. Ohne Hilfe würde ich die Stelle niemals finden, meinte gestern der Angestellte im Touristenbüro. Aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. Bisher habe ich immer gefunden, was ich finden wollte.
In Deschka suche ich mir den Weg zur Neiße und parke an einer Brücke. Eine ältere Frau kommt mit ihrem Dackel aus einiger Entfernung auf mich zu. Sie erklärt mir, dass ich zum östlichsten Punkt stets an der Neiße entlang laufen müsste. Von hier aus wären das etwa fünf Kilometer. Doch mein Auto sollte ich keinesfalls an der Grenzbrücke stehen lassen. In Anbetracht der schwarzen Wolken gefällt mir der Gedanke, so weit laufen zu müssen, überhaupt nicht.
"Wenn ich weiter nach Zentendorf fahre und den Punkt von oben angehe, ist es dann näher?" frage ich.
"Da war ich noch nicht, aber ich glaube, von dort könnte der Weg kürzer sein."
Dankend verabschiede ich mich.
Zentendorf ist das östlichste Dorf Deutschlands. Um diese Zeit ist niemand unterwegs. Doch auch hier treffe ich einen Hundebesitzer, den ich fragen kann. Er erklärt mir den Weg. Eigenartig, dass dieser interessante Punkt Deutschlands für Touristen nicht ausgewiesen wird und ohne die Hilfe von Einheimischen kaum zu finden ist.
Mein Auto parke ich bei den letzten Häusern. Hier steht auch schon eine Metallskulptur mit dem Hinweis: 961 Meter bis zum östlichsten Punkt Deutschlands. Na, das hört sich doch wesentlich besser an, als fünf Kilometer Weg. Eisiger Wind pfeift mir um die Ohren. Vor mir sehe ich die Hälfte einer Brücke stehen, die einst über die Neiße führte. An der Skulptur befindet sich eine Schrifttafel mit einer interessanten Geschichte:
"Im 2. Weltkrieg wurde Zentendorf stark zerstört. Viele Häuser brannten aus oder wurden zerschossen. Das Dorf sank durch die Kampfhandlungen in Schutt und Asche.
Die Kampflinie befand sich direkt entlang der Neiße. Auch die Brücken, wie die Wutbrücke, die Zentendorfer- und Deschkaer Brücke, über die eine schnelle Verbindung zu Nieder-Bielau und Penzig bestand, wurden dabei gesprengt.
So wurden die für die Wirtschaft wichtigen Verbindungen zerstört. Man errichtete deshalb hier 1945 schnell eine Holzbrücke. Viele Bauern hatten ja auch jenseits der Neiße ihre Felder und Weiden zu bestellen, da der Boden dort viel ertragreicher war. Auch die Holzbrücke stand nicht lange, denn im Herbst 1945 wurde sie vom Hochwasser weggerissen. Nun gab es also keine nahe Verbindungsbrücke mehr über die Neiße. Die Verpflegung im Dorf wurde knapp, es gab fast nichts mehr.
Eine Begebenheit berichtet dazu ein Bürger von Zentendorf:
Die russischen Soldaten, welche im Ort untergebracht waren, bekamen regelmäßig ihre Verpflegung angeliefert. Wir Kinder gingen zu diesen Zeiten immer in die Nähe dieser Fahrzeuge und versuchten zu betteln. Jedoch ließ sich keiner der russischen Soldaten erweichen. So kam es, dass einer von unserer Schar mal böse wurde und die Soldaten beschimpfte. Daraufhin sperrten sie diesen Jungen in ihren Keller. Dieser war pfiffig genug, nahm Brot, Speck und was noch an Essbarem herum lag mit, weil ja alle Soldaten mit dem Entladen beschäftigt waren. Selbst Kontrollen führten sie nur vor dem Haus durch. Der Junge gab uns Klopfzeichen an hinteren Kellerfenstern, die er vorsichtig öffnete. Er gab uns alles Essbare durch das Fenster nach draußen. Vorsichtig schleppten wir alles in Sicherheit.
Nachdem die Soldaten alles verladen hatten gingen sie wieder ins Haus. Der eingesperrte Junge bettelte und flehte die Soldaten an und bat um Freilassung. Was dann auch irgendwann glückte. Man ließ ihn wieder frei.
Ein anderes Mal musste sich ein anderer Junge danebenbenehmen, damit man ihn im Keller einsperrte. Dann wurde das Gleiche durchgeführt. Den Soldaten fiel nicht auf, dass etwas fehlte, denn sie hatten immer reichlich. So kamen wir wenigstens manchmal zu etwas Verpflegung.
Diese Geschichten ereigneten sich direkt in der ersten Zeit nach dem Krieg. Allmählich wurde jedoch alles besser.
Man traute sich wieder auf die Felder, bestellte und bewirtschaftete sie. Auch die Viehzucht gedieh wieder, und es hatte jeder zu essen. Aufgeschrieben 06.10.2004 von B. Rolle"
Rasch erreiche ich mein Ziel. Am Ufer der Neiße befindet sich ein großer Findling mit der Aufschrift: Östlichster Punkt Deutschlands. Daneben ist ein Iglu aus Beton als Schutzhütte aufgestellt. Auch ein Holzkästchen für ein Zipfel-Gästebuch ist vorhanden. Hier trage ich mich namentlich mit meiner Mission für den Weg ein.
"Auf dem Ökumenischen Jakobsweg pilgere ich für den Frieden von Görlitz nach Aachen. Der Friede beginnt für mich da, wo Männer wieder Achtung vor einer Frau haben. Ich setze mich gegen die Zwangsprostitution ein. Eine Frau ist keine Ware, die man kaufen kann."
Ganz in der Nähe steht abermals eine Skulptur mit einer Info-Tafel. Auch hier wird eine kuriose Geschichte von B. Rolle geschildert.
"Ein "einschlägiges" Erlebnis in südwestlicher Blickrichtung.
Der Ort Deschka ist von hier aus gut zu erkennen. Es ist ein sehr schöner und ruhig gelegener Ort. Doch an einem Tag im Jahr 1992 war es ein viel besuchtes Dorf. Es glich fast einer Pilgerstätte!
Frau Margartete Franke berichtet dazu ihr Erlebnis:
Es war der 4. Juni, ein Sonnabend Morgen. Ich kam kurz vor 8.00 Uhr mit dem Fahrrad von Zentendorf, wo ich auf dem Friedhof war, und wollte in unserer Konsum-Verkaufsstelle frische Semmeln zum Frühstück holen. Inzwischen jedoch war ein Gewitter herangenaht, so dass ich versuchte, mich in der Tür unterzustellen, da der Laden noch geschlossen war. Plötzlich krachte es ungeheuerlich, denn ein Blitz hatte eingeschlagen. Unmittelbar darauf wurde es dunkel! Undefinierbare Teile, Sand und auch Steine kamen geflogen. Ich stand ja etwas geschützt, doch ein Auto stand vor der Verkaufsstelle, welches den fliegenden Steinen voll ausgesetzt war. Es dauerte lange, bis ich überhaupt erkennen konnte, was rundum passiert war. Das kann sich niemand vorstellen! Wie viele Steine und Sand durch die Gegend geflogen waren. Es war grausam!
Als ich mich dann getraute aus der Tür zu treten, ging ich ein paar Schritte auf die Dorfstraße und sah mich um. In Richtung Unterdorf waren Dächer teilweise abgedeckt, ein riesengroßes Loch tat sich auf der Dorfstraße vor mir auf und überall lagen Sand- und Bodenhaufen.
Das Gewitter hatte sich nun verzogen und allmählich kamen die Leute aus ihren Häusern. Die Sirene heulte los und kurz darauf kam die Feuerwehr angefahren. Langsam verstand man dann das Geschehnis: Ein Blitzschlag hatte in den Elektromasten eingeschlagen, welcher am Berg ins untere Dorf stand. Der Einschlag hatte die Explosion einer großen Panzermine ausgelöst, welche dort im Erdreich lagerte. Man verständigte die Polizei und den Munitions-Bergungsdienst. Dann setzte der bereits erwähnte "Katastrophentourismus" ein!
Als ich mit meinen Frühstückssemmeln zu Hause ankam, musste ich natürlich gleich berichten, was ich erlebt hatte.
Später wurde bekannt, dass einige Teile bis in einer Entfernung von 500 m gefunden wurden. Dieses Erlebnis wird mir immer in Erinnerung bleiben!
Aufgeschrieben 04.12.2004 B. Rolle"
Brückenrest bei Zentendorf (Fotos: Brunhilde Schierl)
Östlichster Punkt Deutschlands (Fotos: Brunhilde Schierl)
Im Dorf treffe ich später einige Männer vor ihrem Haus. Wir kommen über den geschilderten Blitzschlag ins Gespräch. Zufällig bin ich an der Stelle des Elektromastes, an dem die Panzermine explodierte. Ein Mann, zeigt mir seine Haustür, in die durch die Explosion ein großer Steinbrocken einschlug.
"Wäre ich hinter meiner Tür gestanden, hätte mich der Brocken erschlagen", berichtet er. Am Dorfende wohnt Frau Brigitte Rolle. Auch mit ihr unterhalte ich mich längere Zeit. Sie erlaubt mir, dass ich ihre Texte in meinem Buch veröffentliche.
Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich die Kulturinsel Einsiedel. Hier verwirklicht ein kreativer Künstler seine tollen Phantasien. Ich bin ganz begeistert von diesem Abenteuerpark mit Tieren, Höhlen, Geheimgängen und Hängebrücken zu kuriosen Baumhäusern. Die Baumhäuser kann man wie ein Hotel zum Übernachten buchen.
Den Nachmittag verbringe ich nochmals in Görlitz und besuche das fünfhundert Jahre alte "Heilige Grab".
Inzwischen ist es beißend kalt geworden. Auch mit zwei Schlafsäcken könnte ich nicht mehr im Auto schlafen. In Melaune gibt es ein Quartier für Pilger. Dorthin begebe ich mich. Die Tatsache, dass ich mit Auto ankomme, bringt mir einige Skepsis entgegen. Verständlich, echte Pilger sind ohne Auto unterwegs. Doch auch mit Auto fühle ich mich nicht weniger echt.
"Das Auto brauche ich als Gepäcktransport, da ich meinen Gelenken einen schweren Rucksack nicht mehr zumuten will", versuche ich der Frau zu erklären.
Nachdem Görlitz für Autos so ein heißes Pflaster ist, will ich meine Tour diesen Umständen anpassen. Morgen früh werde ich mit dem Bus nach Görlitz fahren und von dort zu meinem sicher abgestellten Auto nach Melaune laufen. Laut Wetterbericht muss ich morgen mit miserablem Wetter rechnen. Graupelschauer, Regen und Kälte erwarten mich. Aber echte Pilger kann das nicht erschüttern.
*
Mein Wecker klingelt am Montag bereits vor fünf Uhr. Draußen ist es noch dunkel, die Fensterscheiben sind vom Regen nass. Es kostet mich Überwindung aufzustehen. Um sechs Uhr bin ich bei der Bushaltestelle. Während ich wartend am Bushäuschen stehe, kommt von der Nebenstraße ein Kleinbus. An der Vorfahrtsstraße hält er direkt neben mir an. Die Beifahrerin kenne ich von gestern. Wir haben uns gegrüßt, als ich den Ort erkundete. Sofort trete ich ans Autofenster und frage, ob sie auf dem Weg nach Görlitz wären und mich mitnehmen könnten. Ganz selbstverständlich werde ich mitgenommen.
Rasch bin ich am Stadtrand von Görlitz und finde hier mein Muschelzeichen wieder. Schwarze Wolken und eisiger Wind umgeben mich. Nach Liebstein erwischt mich der erste kräftige Hagelschauer. Der Regenponcho schützt mich und die Eiskörnchen prallen an mir ab. Eigentlich sollte ich Blick auf die Königshainer Berge, das kleinste Gebirge Deutschlands, haben. Doch durch das Unwetter besteht kaum Sicht. Mein Weg führt mich durch einsame Wiesen und Felder. Allein laufen ist für mich sehr spirituell. Ich kann dabei gut reflektieren, mir wird vieles bewusst, was mir vorher nicht klar war. Während ich so dahin laufe erkenne ich Zusammenhänge und finde oft Lösungen für Probleme.
*
Auf eine behütete Kindheit kann ich nicht zurückblicken. Sehr bald war ich mir selbst überlassen. Freiheit und Verantwortung waren einerseits eine Überforderung, doch in dieser Form von Freiheit lagen gleichzeitig große Chancen für meine Entwicklung.
Natur und Tiere wurden für mich gute Lehrmeister. Die Stille der Wälder inspirierte mich. Hier spürte ich meine Verbindung zu Gott besonders intensiv. In meinem weiteren Leben gab es Höhen und Tiefen, Brüche und Scherben. Doch was mir neben meinem Bezug zu Gott und durch die Menschen, die mir über den Weg geschickt wurden, hilfreich war, das war wohl meine Intuition und das Vertrauen auf meine innere Stimme. Damit wurde ich ganz gut ausgestattet.
Kinder verfügen noch über eine ausgeprägte Intuition. Sie erfühlen und erspüren alles, was sie eigentlich gar nicht wissen können. Sie können es nicht in Worte fassen, doch an ihren Reaktionen lässt es sich erkennen. Sie reagieren aus diesem tieferen Wissen. Mit zunehmendem Alter wird die Intuition bedauerlicherweise meistens durch rationales Denken ersetzt, obwohl wir beides in guter Ausgewogenheit benötigen.
Unsere Gesellschaft ist sehr rational auf den Intellekt, den Verstand ausgerichtet. Intuition, innere Stimme wird in unserer wissenschaftsgläubigen Welt häufig nur belächelt.
Leider habe auch ich mich zeitweise von meiner inneren Stimme abbringen lassen. Angeblich war sie immer verkehrt, deshalb vertraute ich ihr lange Zeit nicht mehr.
Viele Jahre hatte ich große Identitätsprobleme, was bei meiner Biographie nicht verwunderlich ist. Mit meiner Biographie hätte ich ein Dauerfall für Therapeuten werden können. Meine Probleme wurden jedoch nicht von Therapeuten gelöst, sondern durch das ganz normale Leben, und indem ich irgendwann begann, mit Gottvertrauen meiner Intuition zu folgen. Meine innere Stimme wurde mein bester Therapeut. Seitdem lasse ich mich von meiner Intuition, meiner inneren Stimme leiten, egal wie absurd es für den Verstand anfangs manchmal erscheinen mag.
Intuition ist eine äußerst schnelle Wahrnehmung, die Fähigkeit, im entsprechenden Moment das Richtige zu tun. Sie kann zugreifen auf ein gespeichertes Wissen, das sich jenseits unseres Bewusstseins befindet. Intuition ist eine ganz natürliche geistige Fähigkeit. Sie ist nur unterschiedlich ausgeprägt. Für mich ist Intuition eine große Lebenshilfe. Sie hilft mir oft, Dinge zu erfassen, zu denen mein Verstand überhaupt keinen Zugang hat.
Gleichzeitig bin ich pragmatisch und kann sehr rational handeln. Doch allein aus der Rationalität heraus können wir unser Leben nicht erfassen. Ich versuche alle Dinge des Lebens in einem natürlichen Licht zu sehen. Gott ist in seiner Größe zwar unbegreiflich, aber gleichzeitig ist er für mich auch auf sehr natürliche und logische Weise existent. Ich persönlich brauche für meinen Glauben an Gott keine Wunder, die Naturgesetze außer Kraft setzen. Gott ist für mich im Alltäglichen, im Einfachsten genauso erkennbar wie im Außergewöhnlichen und Unbegreiflichen. Das Universum, unser Leben, alles ist voller Wunder und Geheimnisse, die wir nicht verstehen. Hinter allem sehe ich eine von Gott geschaffene natürliche Ordnung mit gesetzmäßigen Abläufen. Ich maße mir nicht an, die Geheimnisse des Universums verstehen zu wollen. Warum lässt Gott dieses oder jenes zu? Diese Frage stelle ich schon lange nicht mehr. Denn darauf werden wir nie eine Antwort finden.
Manche Menschen wollen Gott für alles Elend dieser Welt verantwortlich machen. Sie sehen in allen Katastrophen seine Strafen oder Prüfungen.
Ich dagegen sehe nur Menschen die die Schöpfung für noch mehr Profit zerstören und sich gegenseitig Schreckliches antun oder es schweigend zulassen. Jesus hat uns eine Botschaft umfassender Liebe gebracht und es ist allein unsere Entscheidung ob wir sie umzusetzen oder nicht.
Ich akzeptiere die Herausforderungen des Lebens, zu denen auch Leid und Schmerz gehören, und nehme die Tatsache unserer Sterblichkeit an. In mir ist das tiefe Vertrauen, dass alles seinen Grund und seinen Sinn hat, auch wenn ich das mit meinem Spatzenhirn nicht erfassen kann.
Ich vertraue schlicht und einfach darauf, dass der Schöpfer dieses genialen Universums seine Sache schon richtig macht.
Alles was mir das Leben zumutet, kann ich tragen, wenn ich wenigstens einen einzigen Menschen an meiner Seite habe. Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren jene, in denen ich in tiefster Not allein gelassen wurde.
Ich glaube nicht, dass es für die Entwicklung zu unserer Menschlichkeit nötig ist, derart abgründige Erfahrungen zu machen. Doch für mich wurden sie jedes Mal zu Gotteserfahrungen, denn ohne Gott hätte ich sie psychisch nicht überlebt.
Vielleicht lässt sich daraus für andere mein tiefes Gottvertrauen verständlich machen. Intuition und Gottvertrauen stehen für mich in einem engen Zusammenhang.
Oft meldet sich die innere Stimme, um unsere Seele auf einen Weg der Weiterentwicklung oder der Selbstheilung zu führen. Doch wenn dieser Weg absolut unbekannt ist oder bedrohlich wirkt, erfordert es gigantischen Mut, sich dahin führen zu lassen.
Jesus wollte uns von der Angst befreien, auch deshalb, damit wir fähig werden, unserer inneren Stimme zu folgen. Gott hat uns mit dieser inneren Stimme ausgestattet, damit jeder Mensch, in seiner Einzigartigkeit, den für sich bestimmten Weg findet.
Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard sagte einst:
"Jeder Mensch hat von Gott eine verschlüsselte Botschaft über seinen Auftrag für dieses Leben mitbekommen, den er in dieser Welt erfüllen muss."
Das muss kein religiöser Auftrag sein. Aber jede und jeder von uns hat eine eigene Bestimmung, als Mutter, als Familienvater, als Gärtner, als Ärztin, als Einsiedler am Berg oder einfach als normaler Mitmensch.
Jeder der die Aufgabe für sich gefunden hat, und sie lebt, dient der Schöpfung.
Wenn ein Mensch seinen Auftrag, der erfüllend und Sinn gebend ist, wirklich bewusst erkannt hat, dann setzt er dafür alles ein, wirklich alles und riskiert dafür notfalls auch sein Leben. Dann entstehen in Grenzsituationen Furchtlosigkeit, Mut und eine Kraft die tragend ist. Dann wird es unwichtig, was andere über einen denken, ob man verstanden wird oder nicht. Man geht unbeirrt seinen Weg. Dann ist man wirklich frei.
Dafür gibt es nicht nur Zeugnisse wie Gandhi oder Nelson Mandela. Viele unbekannte Menschen lebten und leben heute ebenfalls auf diese Weise. Auch dieser Pilgerweg wurde für mich ein innerer Auftrag. Erst war er meine eigene Idee. Doch als die Idee gescheitert war und die Erschöpfung mich in die Krise trieb, entstand etwas Neues, etwas, das nicht mehr meine Idee war, sondern zum Auftrag wurde.
Es gibt etwas, was uns antreibt, etwas was wir nicht benennen können, etwas was einem das Gefühl gibt, nur genau deshalb auf der Welt zu sein. Es ist etwas, was zum Lebensauftrag wird, was einen von innen heraus führt und einem seine volle Würde wahrnehmen lässt.
Ich bin von der befreienden Wirkung der Botschaft Jesu so überzeugt, dass ich sie weitergeben möchte, auf meine Art, mit meinen Möglichkeiten.
Doch ich denke Gott will keine braven Schafe, die gehorsam in Reih und Glied stehen, die alle das Gleiche tun. Wir dürfen den Schafspferch verlassen, uns verirren, in Not geraten, Fehler machen, um daraus zu lernen. Egal wohin uns das Leben treibt, Gott ist jederzeit für uns da, wenn wir ihn nur wollen.
Wir Menschen müssen nicht alle das Gleiche denken und fühlen, nicht die angeblich für alle gültige Wahrheit eines anderen annehmen, auch nicht die verkündete Wahrheit einer Kircheninstitution. Wir sollen selbst nach der Wahrheit suchen und dabei selbst denken und frei entscheiden, um unseren Geist zu entfalten. Dabei hilft uns unsere innere Stimme mehr als irgendwelche Normen, Gesetze und Vorgaben von außen.
Mit der inneren Stimme meine ich keinen plötzlichen Gedanken oder eine plötzliche Idee. Auch keine der vielen verschiedenen Stimmen in uns. Ich meine nicht die Gedanken für banale Alltagsdinge, sondern eine innere Stimme für die wesentlichen, Weichen stellenden Entscheidungen unseres Lebens.
Es gibt neben der Stimme der Angst, der Feigheit, des Egoismus und der Bequemlichkeit noch genug andere Stimmen. Wir hören auch die falschen Erwartungen anderer in uns, die wir oft aus Angst vor Konflikten oder Liebesverlust erfüllen.
Solange jemand mit unbewussten, verdrängten Ängsten lebt, wird er kaum seine wahre, innere Stimme erkennen können.
Natürlich musste auch ich erst lernen, die verschiedenen Stimmen in mir zu unterscheiden. Die Stimme, die ich meine, kommt nicht fremdbestimmt von außen, sondern aus der Tiefe meines Wesens. Es ist eine ganz besondere Stimme, die sich von allen anderen Stimmen unterscheidet.
Aus Erfahrung weiß ich, dass dahinter immer ein tiefer Sinn steckt, der oft viel später verständlich wird. Solange ich diesen Sinn jedoch selbst noch nicht erkenne, bin ich für mein Handeln natürlich in Erklärungsnot, wenn jemand mich fragt, warum ich dies oder jenes tue. Mir fehlen dann die Argumente für mein Tun. Meine innere Stimme ist für andere kaum ein Argument. So muss ich Unverständnis und Kritik hinnehmen können.
Doch diese spezielle innere Stimme hat mich bisher noch nie falsch geführt und deshalb vertraue ich ihr, wenngleich ich manchmal Zeit brauche, bis ich den Mut finde, ihr zu folgen.
Ich mag kein Leben, das von monotonem Alltag und Routine bestimmt wird. Von Natur aus bin ich neugierig und vielseitig interessiert. In der Fülle von Möglichkeiten für dieses Leben reizt mich das Neue, das Unbekannte. Ich will mich inspirieren und überraschen lassen. Dazu muss ich aufbrechen aus dem Alltag und mich dem Unbekannten stellen. Dabei erlebe ich mit Menschen immer wieder wunderbare Dinge, die meinen Horizont weiten. Weder ein dicker Geldbeutel, noch eine weite Reise in ein anderes Land sind dazu nötig. Ich brauche nur halbwegs intakte Füße und ein paar gute Schuhe. Alles weitere ergibt sich von selbst.
Wir Menschen sind Kunstwerke der Schöpfung und können unser Leben auf vielen Ebenen kunstvoll gestalten. Wir werden durch Außenreize und Impulse im Innern zu kreativen Prozessen inspiriert. Wir wurden zwar vollkommen erschaffen, sind aber in gewisser Weise noch unfertig, mit der Aufgabe, unsere ganz persönliche Einzigartigkeit zur Entfaltung zu bringen.
Die Wahrnehmung der Intuition führt uns in einen Prozess der Entwicklung und des Werdens, wenn wir den Mut haben, auf unsere innere Stimme zu hören. Doch das ist meist ein herausfordernder Weg, der großen Mut abverlangt. Der Beginn eines Prozesses lässt noch nicht das Ziel, nicht das Ende erkennen. Erst muss etwas wachsen und immer weiter reifen, bis sich das Geschehen zu einer fertigen Veränderung vollzieht, zu etwas Neuem in einem selbst wird.
Auf diese Weise können wir unsere Persönlichkeit selbst beeinflussen, verändern, uns neu erfinden und neu gestalten. Zum Beispiel kann aus einem zerbrochenen Menschen wieder ein heiler Mensch werden, aus einem Blinden ein Sehender, aus einem "Toten" ein Lebendiger. Entscheidend ist, sich zu öffnen und auf einen Entwicklungsprozess einzulassen.
Ein Mensch, der die Begabung zur Musik hat, muss Musik machen. Der Bildhauer muss Skulpturen schaffen und die Malerin muss malen. Künstler müssen sich ausdrücken, müssen ausleben, was sie inspiriert. Ähnlich empfinde ich es bei mir. In mir ist eine sehr starke innere Führung, der ich genauso folgen muss wie ein Künstler. Ich kann gar nicht anders. Auch ich muss dem inneren Feuer folgen, wenn es mich erfasst.
*
Durch einen Wald steige ich zur Hochsteinbaude auf 406 Metern hoch. Es ist erst zehn Uhr. Das Gasthaus hat noch geschlossen. Ich betätige die Klingel und frage, ob ich mich ein wenig aufwärmen könnte. Der Wirt ist bei diesem Wetter voller Verständnis und bittet mich freundlich herein.
"Möchten Sie eine Tasse Kaffee?"
"Oh ja, sehr gerne."
Die Ruhepause in der Wärme tut gut. Denn die Füße schmerzen bereits heftig.
Meine Vorderfußgelenke sind durch Arthrosen ziemlich unbeweglich geworden. Nun rächt sich, dass ich mir nicht regelmäßig Zeit zum Laufen genommen habe. Völlig untrainiert bin ich losmarschiert.
Nach einer knappen Stunde breche ich wieder auf und erreiche talwärts Arnsdorf. Auch hier befindet sich eine schöne Pilgerherberge. Hätte ich das nur gewusst. So muss ich mich mit meinen kaputten Füßen unnötig noch einige Kilometer weiter schleppen.
Endlich ist Melaune am Nachmittag erreicht. Für heute bin ich völlig geschafft. Fünfundzwanzig Kilometer waren zum Einstieg einfach zuviel für mich.
Im Supermarkt kaufe ich Spinat und Obst. In aller Ruhe dusche ich und genieße danach das warme Pilgerzimmer. Hier will ich auch eine zweite Nacht verbringen. Während ich meinen Spinat in der Küche auftaue, kommen zwei junge Pilgerinnen in die Wohnung. Beide wirken sehr nett. Sie schauen sich auf ihrem Smartphone einen lustigen Film an und ich höre sie aus dem Nebenzimmer ständig lachen. Gerne hätte ich mit ihnen mehr Kontakt gehabt. Aber so bleibt es nur bei einem kurzen Austausch.
Der Blick aus dem Fenster ist auch am nächsten Tag nicht erbaulich. Es regnet und draußen heult der Wind. Am liebsten würde ich wieder ins Bett kriechen. Aber es ist bereits sechs Uhr. Mein Bettzeug muss ich in einen großen Plastiksack stecken, damit es auf dem Weg zum Auto nicht nass wird. Den Schlüssel für die Pilgerwohnung werfe ich wie vereinbart in den Briefkasten. Das Auto parke ich nun in der Nähe der Kirche. Von hier führt mich die Muschelmarkierung nach Buchholz, wo es ebenfalls ein schönes Pilgerquartier geben soll. In Buchholz ist meine Tagesetappe noch nicht beendet. Doch ich besichtige das Quartier und lasse mir gleich den Schlüssel für meine spätere Rückkehr aushändigen. Erfreut genieße ich das Vertrauen, das mir spontan und ganz selbstverständlich entgegengebracht wird. Die Herberge in Buchholz wurde für Pilger erst neu eingerichtet. Ich staune, mit welchem Einsatz sich die Menschen in den Dörfern für Pilger einsetzen.