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Es gibt den Erziehungsroman. Die vorliegende Erzählung ist eine Reise zu sich selber. Der Protagonist erkennt sich aus den anderen Menschen und Institutionen, die er aufsucht, um einen Beruf zu erlernen. So bildet und erzieht er seinen Charakter. Jedoch ist nicht Veränderung das Ziel, sondern das Beisichbleiben.Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei wird nicht der Anspruch auf völlige historische Korrektheit der Begleitumstände erhoben. Entscheidend ist, dass in einer Zeit des Umbruches, das innere "Ich" konstant bleiben kann. Das Schicksal, welches erzählt wird, ist amüsant-traurig zu nennen, bleibt aber nicht ohne Hoffnung. Hierbei helfen aufgeworfene philosophische Fragestellungen. Wer sich für die Philosophie, für Juristerei oder die Lehramtsausbildung interessiert, wird etwas für sich finden können.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2014
VON EINEM, DER AUSZOG EINEN BERUF ZU ERLERNE
Oder wie der Geist zu sich findet
EINE ERZÄHLUNG VON
ANDREAS FRAYMANN
Impressum:
Titel: „Von einem, der Auszog einen Beruf zu erlernen“
Autor: Andreas Fraymann, copyright A. Fraymann 2013
Buchgestaltung: Andreas Fraymann, Titelbild: A. Fraymann
Umschlag: Eine Ausgestaltung des tredition Verlages
Erscheinungsjahr: 2014, Ort: Hamburg
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-8022-3
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Dieses ist eine frei erfundene Geschichte. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.
INHALTSVERZEICHNIS
Morgendämmerung
Wir sind immer auf dem Wege
Von schwarzen Häkchen und wandelnden Säulen
Vorboten
Ein Wolkenbruch
Der Entschluss
Sommerfrische
Die Gerechten
In der Schmiede
Der Zweifel
Heureka
Ad radices
Frühlingserwachen
Meister Pangloss herrscht
Der Geheimbund
Im Lande Eldorado
Exodus
Gestern, morgen, heute
Dieses Buch ist allem, was da kreucht und fleucht gewidmet.
Morgendämmerung
Es war ein seltsam Ding wie es mit dem Wohlgemut ging. Unser Wohlgemut war neunzehnmal durch den Verlauf der Jahreszeiten geschritten. Heute blühte und duftete die Pflanzenwelt der norddeutschen Tiefebene ihm üppiger und prachtvoller als je zuvor, denn es lagen dreizehn lange Jahre der Ausbildung seiner Fertigkeiten und Schwächen hinter ihm; ja, seine Schwächen waren dabei auch zu Tage getreten. Vor ihm lag eine bunte, unbekannte Zukunft mit jeglicher Possibilität. Er saß an einer Biegung des Flusses, den er schon, seit er denken konnte, kannte, auf einem großen grauen Findling, der so vielfarbig schillerte wie sich seine Phantasie das zu erwartende Leben entrollte. Die Geistes- und Vorstellungskräfte waren noch besonders angespannt, da er die Geschichte „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ gelesen hatte. Das kleine Büchlein, welches er jüngst auf dem Speicher des elterlichen Hauses gefunden hatte, hielt er nachdenklich in der Hand. Er musste unwillkürlich an ein anderes Buch denken, das er vor einigen Jahren gelesen hatte. Es hieß „Candide“ und hatte ihn an seiner Seele gerührt. Er ahnte noch nicht, welche Bedeutung diese beiden kleinen Bücher für sein weiteres Leben haben sollten.
Nun, da ein frischer Nordwind die literarischen Flausen aus seinem Gemüt vertrieben hatte, ging er an dem Fluss entlang zu dem Hause seiner Eltern, das weder bescheiden noch stattlich war; es war aber statthaft, da es seine Eltern, die rechtschaffene Leute waren, ehrlich und mit etwas Glück sowie Geschick verdient und erworben hatten, obwohl sie mit wenig begonnen und nichts von ihren Eltern geerbt hatten. Wohlgemut hatte seine Eltern in allen Dingen, auch bei dem Kauf und der Instandsetzung des einstmals heruntergekommenen Hauses unterstützt, soweit es nach seinen Jahren möglich war. Nun befand er sich wieder auf dem Speicher des Hauses und betrachtete den Dachstuhl, den er selber abgerissen hatte, und welchen seine Eltern wieder aufbauen ließen. Bei dem Abriss hatte er sogar den Hausbock liebgewonnen, denn er war es, der alle anderen Kaufinteressenten abgehalten und seinen Eltern den Kauf ermöglicht hatte. Wohlgemut schätzte aber nicht nur den Hausbock, sondern auch den Nordwind, der ihm die Flausen ausblies und die Bäume, die ihm neue Gedanken durch ihr Rauschen einhauchten. Weil die Eltern wussten, dass ihr Sohn an dem Hause hing und dass es gewissermaßen einem Schädling, der zum Nützling wurde, zu verdanken ist, schenkten sie Wohlgemut einen Ring, in den ein Holzkäfer eingraviert war. Nun aber suchte der Beschenkte das andere der beiden Bücher, die er gelesen hatte, denn es ging ihm der Satz „Was ein Häkchen werden will, das muss sich bei Zeiten krümmen“ nicht aus dem Kopf und er wusste nicht, ob nicht auch im „Candide“ etwas Ähnliches geschrieben stünde. Er durchsuchte alle Winkel und Ecken, konnte aber das Büchlein nicht finden; da erinnerte er sich der Worte seines Literaturlehrers, der gesagt hatte, man solle dem geschrieben Wort nicht allzu viel Respekt zollen, also entschloss er sich, die Suche aufzugeben und dem Rufe seines Vaters, welchen er in diesem Moment vernahm, sofort zu folgen und ihn in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen.
Der Vater saß in seinem Ohrensessel und blickte durch die bunten Bleiglasscheiben in den Garten auf einen jungen Baum, der sich anschickte, seine Knospen zu Blüten werden zu lassen. Als er Wohlgemut eintreten hörte, drehte er sich der Eichenholztür zu und sprach folgende Worte zu seinem Sohn:
„Wohlan denn, das Frühjahr zieht in das Land und die Burschen aus den Dörfern ziehen in die Städte oder machen sich auf zu Werkstätten und Gehöften, damit sie etwas lernten, von dem sie werden leben können. Nun ist es auch für Dich an der Zeit etwas zu lernen, wovon Du wirst leben können. Es steht Dir jeder Weg offen; Deine Eltern haben etwas zusammengespart, das es Dir ermöglichen wird, die Ausbildungs- und Wanderjahre zu bestreiten und das Lehrgeld zu bezahlen. Du darfst eine Ausbildung wählen.“
Wohlgemut blickte stumm auf den gehobelten Dielenboden, da er nicht wusste, was er antworten sollte; einerseits dachte er an die üppigen und ungeordneten Phantasien, die er auf dem Stein an der Flussbiegung gehabt hatte, andererseits traf ihn das Ansinnen des Vaters doch überraschend, denn sich von den Eltern, Haus und Hof trennen zu müssen, daran hatte er nie gedacht.
Am nächsten Morgen, nach einer traumlosen und unruhigen Nacht, hatte Wohlgemut den Entschluss gefasst, die schönen Künste in Gestalt der Rhetorik, Literatur und Philosophie zu studieren. Zu später Stunde waren in ihm die Bilder der Literatur- und Philosophiestunden in der Lateinschule vor das geistige Auge getreten und er erinnerte sich der zeitlosen Dichterfürsten von denen er gehört und in welchen er gelesen hatte. Diese Fürsten des geschriebenen Wortes konnten sich, so meinte er, Königen und Kaisern gleichstellen und hatten diese, so wusste er, auch schon zu Fall gebracht mit treffender Feder. Der Hang zum Philosophieren schien ihm eingeboren, denn er fragte stets nach dem „Dahinter“ der Dinge, die ihn umgaben, und sein Gewissen fragte ihn stets nach dem „Warum?“ seiner Taten, die sein Leben ausmachten. So befand er sich häufig vor Gericht, vor dem unbekannten Gerichtshofe seines Gewissens –oder des Gewissens-dieses war eine für ihn wichtige aber ungeklärte, vielleicht unklärbare Frage, über welche er oft nachsann; in dem unbekannten Gerichtshof war das Gewissen Ankläger, Verteidiger und Richter zugleich. Bei Kant hatte er schon von diesem „inneren Gerichtshof“ gelesen, er fragte sich nur, ob es ihn tatsächlich gäbe. Wie das Verfahren zuging, wusste er nicht, er wusste aber, dass es so ist. Er wusste jedoch nicht, ob der Gerichtshof in ihm oder außerhalb seines Selbst war, deshalb ward es für ihn der unbekannte Gerichtshof. Da jedes Gericht seinen Sitz hatte, so hoffte er, eines Tages den Ort des Gewissens erkennen zu können, auch diesen hoffte er auf der Wanderschaft zu einem Broterwerb zu finden.
Wenn es so war, dass die Taten eines Menschen sein Leben ausmachten, so wollte Wohlgemut jetzt handeln und in die große Stadt im Norden fahren, um seinen Plan, die schönen Künste zu studieren, in die Tat umzusetzen. Die Eltern saßen im Esszimmer, das von einem aufflammenden Kaminfeuer in der Frühjahrsmorgenfrische erwärmt wurde, bei Roggenbrot und Tee. Sie hörten mit Wohlgefallen aber nicht ohne Sorge den Entschluss ihres Sohnes, denn sie wussten um die Gefahren, die in einer großen und schnelllebigen Stadt für einen Landmenschen bereitgestellt waren von Zeitgenossen, die es weniger gut mit ihren Mitmenschen meinten, als die Bewohner eines kleinen Dorfes an einem reinen Fluss untereinander.
Wir sind immer auf dem Wege
Der Abschied war nicht eben leicht gefallen. Unser Studiosus saß in einer alten Postkutsche mit schlechter Federung, die vom Nachbardorf in die große Stadt fuhr. Auf unebenem Wege ging es vorbei an dunklen Wäldern, in denen die Fichten ihr Lied im Wind spielten, es ging vorbei an saftigen Wiesen mit kleinen Weihern, in denen die Unken musizierten. Der Reisende musste unwillkürlich an den Satz aus dem Volksmärchen, „Was ein Häkchen werden will, das muss sich bei Zeiten krümmen“ denken, denn er krümmte sich in der Postkutsche zwischen einem übel riechenden Postsack, der nass geworden sein musste, einem Landarbeiter und einem gut gekleideten Herren, der ein Kaufmann sein konnte. Er musste auch an Candide denken, der das väterliche Schloss verlassen musste und in die weite Welt gezogen war. Er dachte bei sich, wenn es nur so wäre wie Meister Pangloss lehrte, dass die Welt, in der wir lebten, die am besten eingerichtete sei, die man sich denken könne. Ja wenn dieses so wäre, hätte er nichts zu fürchten bei seiner Fahrt in die weite und bunte Welt. Vergessen waren die mahnenden Worte der Eltern, aber das kleine Dorf an dem reinen Fluss mit dem Nordwind und den singenden Zikaden, das war nicht vergessen, daran gemahnte ihn auch der Ring mit dem Holzkäfer.
In einem Gespräch stellte sich heraus, dass der gut gekleidete Herr nicht im eigentlichen Sinne Kaufmann war, denn er verkaufte Bücher und kam von einer Erlösungsreise wie er es nannte. So waren in dem übel riechenden Sack auch keine Briefe, sondern altehrwürdige Folianten, die in ländlichen Gutshäusern und Schlössern ein kümmerliches Dasein gefristet hatten, von dem der Buchhändler sie durch Aufarbeitung und Ausstellung befreien wollte. Das hatte für Wohlgemut nichts mit der merkantilen Welt eines profanen Kaufmannes zu tun. Nein, ein Buchhändler, das war jemand, der Zugang zu den unterschiedlichsten Geistern gegenwärtiger und vergangener Zeiten hat, so ein Mensch war unbedingt zu achten und vom kaufmännischen Getriebe zu unterscheiden. Der Buchhändler sagte:
„Wenn Sie die schönen Künste studieren wollen, müssen Sie unbedingt unseren Leibniz lesen. Er ist ein Universalgenie und begreift das Erdenrund nicht nur von einer Seite. In dem großen Sack da müsste auch ein Werk von ihm liegen, wenn ich es finde, werde ich es Ihnen schenken.“
Der Buchhändler öffnete den dunklen Leinenbeutel und kramte eine Weile unter unverständlichen Äußerungen darin, bis er „Heureka!“ rief und dem erstaunten Wohlgemut ein in braunes Leder eingebundenes Buch übergab. Dieweil war die Postkutsche in den Außenbezirk der großen Stadt eingedrungen, wo ihr offizieller Ankunftspunkt bei einem schrägen Wirtshaus mit Relaisstation lag. Der Landarbeiter verabschiedete sich so wortlos wie er die ganze Fahrt ohne Worte zugebracht hatte; dem Schenkenden half unser Studiosus beim Ausladen des Bücherschatzes und verabschiedete sich unter Danksagungen für den Pandeckten. Der Buchhändler kehrte in dem Wirtshaus ein, Wohlgemut war es nach der langen Kutschfahrt nach Wandern zu Mut, so wie er auch zu Hause oft am Fluss entlang gewandert war. Also nahm er seinen Tornister und schritt auf Schusters Rappen immer tiefer in die große Stadt hinein. Zuerst geleiteten ihn kleine Holzhäuschen mit schiefen Dächern und bellenden Hunden. Dann nahm das Hundegebell ab und die Wände aus Stein nahmen zu und wurden immer höher. Da er sich nicht im Klaren war, wohin er sich wenden sollte, beschloss er, der größten und breitesten Straße, die er finden konnte, immer weiter zu folgen, bis er etwas fände, das ihn zum Bleiben verleiten würde. Was dieses „Etwas“ sein könnte, konnte er sich noch nicht vorstellen, aber er war der festen Meinung, dass es ihm unbedingt in dieser Stadt begegnen müsse, denn es war ihm der freundliche Buchhändler mit dem unerwarteten Geschenk begegnet, als er auf dem Wege in diese Stadt gewesen war. Unter solchen Gedanken marschierte Wohlgemut etwa ein Stündchen, als ihn plötzlich von hinten eine breite Hand schwer an der Schulter fasste. Als sich der so Bedachte erschrocken umwendete, erkannte er sogleich den Landarbeiter aus der Postkutsche, dieser sagte:
„Verzeiht, dass ich Euch einen Schrecken bereitete, doch ich bin froh, Euch eingeholt zu haben und wollte nicht, dass mir der Fang wieder entgeht.“ Darauf Wohlgemut:
„Ei, was seid Ihr nur für ein seltsamer Landarbeiter, fahrt im frühen Jahr, wenn es das Feld zu bestellen gilt, in die Stadt und schleicht mir hinterdrein, sagt, was hat es damit auf sich?“
„Warum ich in der Stadt bin, das kann ich Euch sagen. Den letzten Monat versuchte ich vergebens eine Arbeit auf dem Felde zu finden, denn auf dem anderen Feld war ich im letzten Krieg Hilfskanonier und trage davon noch einen Kartätschensplitter in der rechten Schulter, sodass ich nicht mehr so flink arbeiten kann wie die anderen Knechte und Tagelöhner. Die Stadt kenne ich aus besseren Zeiten. Als ich auf dem Lande noch arbeiten konnte, so gut wie ein jeder, da ward ich im Frühjahr, Sommer, Herbst draußen bei den Bauern und Gutsherren, im Winter zog ich in die große Stadt, um die Kälte besser zu überstehen und ein wenig Abwechslung zu haben.
Nun komme ich schon jetzt in die Stadt, da mich kein Grundbesitzer mit der kaputten Schulter mehr haben will. Ich hörte Euer Gespräch mit dem Buchhändler in der Kutsche, daher weiß ich, dass Ihr die schönen Künste studieren wollt. Da dachte ich mir, ich zeige Euch die Stadt und zum Wohnen wär’s zu zweien auch einfacher, was haltet Ihr davon?“
Der Gefragte schlug ein und eh er sich’s versah war er in einem Stübchen in der ersten Etage mit zwei Zimmern und Blick auf einen Birnenbaum, der blühte. Der Landarbeiter erschien mit zwei Bechern Milch bei seinem Gefährten an dem Tisch und begann, von der großen Stadt zu erzählen. Sie sei eine stolze Stadt, stolz, frei von dem Richterspruch des Kaisers zu sein, denn in ihr herrschten und richteten die Bürger selber mit ihren Beamten und hoheitlichen Ämtern, über denen allen als ehernes Gesetz die bürgerlichen Tugenden stünden. Diese hätten sie als allegorische Figuren auch auf dem zentralen Platz ihrer Stadt aufgestellt. Jeder Amtsträger, jeder Richter und Beamte müsste auf diese Tugenden schwören, so wären sie auch vor den bürgerlichen Gerichten einklagbar, denn sie dürften in dieser Stadt von niemandem verletzt werden, so sähe es das Gesetz vor und über die Einhaltung des Gesetzes wache der oberste Gerichtshof dieser Stadt.
Als Wohlgemut von dem Gericht hörte, dachte er an seinen unbekannten Gerichtshof. Er fragte sich, ob dieser Stadtgerichtshof wohl sein Gerichtshof sein könnte. So fragte er den Landarbeiter nach dem Sitz des obersten Stadtgerichtshofs und beschloss, gleich morgen, nachdem er sich bei der Universität immatrikuliert hatte, dort hin zu gehen, um ihn zu untersuchen, ob sich Ähnlichkeiten zu seinem unbekannten Gerichtshof ergäben.
In dem alten Federbett hatte sich die Nacht in Erwartung des neuen Lebens kaum überstehen lassen. Da hier kein Hahn krähte wie daheim auf dem Lande und die Sonne noch recht spät aufging, konnte der Schlechtschläfer, dem die Uhr entzwei gegangen war, beim Aufwachen nicht sagen wie spät es denn nun eigentlich sei. Da ihm aber nach Aufstehen war, kleidete er sich nach einer Wäsche mit kaltem Wasser aus einer Blechschüssel an und verließ das Haus ohne ein Frühstück und ohne nach seinem Mitbewohner zu sehen. Es war noch dunkel auf den Straßen, aber nicht so finster wie in seinem Dorfe, denn hier brannten in den Häusern schon allerlei Lichter von Leuten, die mit ihrer Arbeit die Stadt am Leben hielten. Unser Frühaufsteher beschloss, zuerst zu dem Gerichtsplatz zu gehen, denn die Universität hatte unmöglich so früh am Morgen für Fremdlinge ihre Pforten geöffnet. Der Gerichtsplatz sollte sich im Zentrum der Stadt befinden, auf das die Straßen sternförmig zuliefen, also hatte er nur einer größeren Straße zu folgen, um sein Ziel in der nun anbrechenden Dämmerung zu erreichen. Er schritt munter aus, ohne sich nach Gassenjungen und Unrat auf den Straßen umzusehen, er sah auch nicht die Bettler in den Eingangsnischen der Häuser, welche sich nach etwas Wärme und Brot sehnten; er sehnte sich nach dem Gerichtshof, der sein Gerichtshof sein könnte. Wohlgemut hatte kein Empfinden davon, wie lange er gegangen sein mochte, als ihn ein heller Sonnenstrahl traf, der durch einen Wolkenspalt sowie eine gegenüberliegende Straßenschlucht auf einen großen Platz fiel. Dieses musste er sein, der Platz wo der Tugend gemäß Gerechtigkeit gesprochen wurde, dort mochten sich die freien Bürger der freien Stadt versammeln, um die Urteile, die in ihrem Namen ergingen, zu hören. Aber konnte hier wirklich der Sitz des Gewissens sein? Jener Instanz, die er kannte und vernahm, bevor er diese Stadt jemals betreten hatte. Das Gewissen hatte ihn ereilt, einerlei in welchem Winkel des Dorfes und des umliegenden Landes er sich aufgehalten hatte, nun sollte es in der Stadt zu finden sein und es sollte ihn schon vorher von hier aus gefunden haben? Der Zweifler ging auf den Platz und wurde überlebensgroßer Statuen gewahr. Dieses waren unzweifelhaft die bürgerlichen Tugenden, von denen der Landarbeiter gesprochen hatte. Die Statuen umringten den zentralen Brunnen des Platzes und standen so gerade und aufrecht wie Tempelsäulen.
Die Inschriften der behauenen Steine verrieten den Bildhauer, aber nicht den Gehalt des Dargestellten, die Statuen konnten sich nur selber offenbaren. Der Steinmetz war dem Namen nach ein italienischer Künstler, daraus schloss der Betrachter, dass die Bewohner der Stadt keine Kosten gescheut hatten, ihr ehernes Gesetz in Stein hauen und über die Alpen transportieren zu lassen. Wohlgemut konnte den Fleiß, die Bescheidenheit, die Ehrlichkeit, die Gerechtigkeit und die Reinheit erkennen. Bei der letzten Figur schien ihm eine Träne über die Wange zu laufen, doch als er auch auf seinem Gesicht Feuchtigkeit spürte, wusste er, dass diese Träne ihren Ursprung wohl in dem Gewölk über ihm hatte, denn es hatte begonnen leicht zu regnen. Nachdem der zunächst Getäuschte die fünf Tugenden zweimal umrundet und eingehend betrachtet hatte, wendete er sich dem Gerichtsgebäude zu, welches an der Nordseite des Platzes seine Tore zu öffnen begann.
Der Einlasssuchende musste an einem Tor stehen bleiben, denn ein Wachmann forderte ihn nachdrücklich mit blecherner Stimme, als wäre er ein Soldat aus Zinn, im Befehlston dazu auf. So klang die Stimme seines Gewissens nicht dachte unser Stadtneuling und erklärte sich und sein Verlangen brav dem Wachmann, der ihn murrend passieren ließ, denn schaulustige Besucher ohne Anspruch und Rechtstitel konnte er nun einmal nicht leiden, denn sie brachten kein Geld in den Staatsschatz, von dem er lebte, sondern störten nur den Betrieb, von dem er ein Teil war.
Von schwarzen Häkchen und wandelnden Säulen
In Justitias Hallen wandelten viele schwarz gewandete Herren, sie sahen aus wie Krähen in ihren dunklen Röcken, doch einerlei, ob ihr Haupthaar ergraut war oder noch in Farbe stand, keine dieser Krähen wirkte jung, alle schienen sie, als hätten sie mit ihrem Leben abgeschlossen, alle waren sie gleich in ihren schwarzen Uniformen. Viele trugen eine Bürde und mochten deswegen unter der Last der Akten gebeugt gehen, aber auch die augenscheinlich Unbeschwerten gingen geneigt, als drückte sie eine unsichtbare Last. „Was ein Häkchen werden will, das muss sich bei Zeiten krümmen“ schoss es Wohlgemut durch den Sinn. Diese Krähen hatten sich vor Zeiten gekrümmt und schlichen gebeugt von ihrer Würde als Teil und Träger dieses Palastes durch die weiten Gänge und Säle als lebendige männliche Karyatiden auf der Suche nach einem Fleischbröckchen, denn diesen aßen Krähen zuweilen gern, obschon sie Allesfresser sind.
Wohlgemut war es in diesem Palast der Justiz, der von wandelnden figurierten Säulen getragen wurde, nicht recht wohl zu Mute, denn ihm war so, als könnte der Bau entweder jederzeit durch seine freibeweglichen Träger so umgestaltet werden, dass er nicht wieder so schnell herausfände oder aber zusammenstürzen, da die tragenden Säulen gekrümmt waren und ihn so unter sich begraben würden. Also drehte er seinen Absatz und schritt eilig durch die zweiflügelige Tür des Verhandlungssaales, in dem er sich befand, durch weite Flure, das Portal und schließlich an dem grinsenden Zinnsoldaten vorbei, der eine Ahnung von dem Unwohlsein des wissbegierigen Eindringlings haben mochte. Auf dem Platz angekommen schaute der Neuling nicht auf den kunstvollen Brunnen und nicht auf die steinernen Allegorien, nein, er schaute zu der Turmuhr und stellte fest, dass es Zeit wäre, die Universität zu besuchen.
Das altehrwürdige Gemäuer der Lehranstalt lag neben einem kleinen Park unweit des Gerichtsgebäudes. In dieser Stadt, die über Jahrhunderte gewachsen war, lagen die wichtigsten Institute im Zentrum, da viele von ihnen wegen der Bedeutung für das Leben und Überleben der Stadt schon beinahe so lange existierten wie sie selber und aus diesem Grunde im Zentrum lagen, wo das Wachstum der stolzen Stadt begonnen hatte. Ihren Keim ver- leugneten die Stadtväter gerne, denn er hatte in den Händen des Kaisers gelegen, aber davon wollte heute niemand mehr etwas wissen; auch nicht davon, dass sie nach ihrer Gründung über längere Zeit tributpflichtig war. Die Umstände, die zur Lösung dieses Vasallenbandes geführt hatten lagen im Dunklen, und
