Von Flusshexen und Meerjungfrauen - Astrid Behrendt - E-Book

Von Flusshexen und Meerjungfrauen E-Book

Astrid Behrendt

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Beschreibung

Von Flusshexen und Meerjungfrauen ist die fünfte Märchenanthologie des Drachenmond Verlages und diesmal tauchen wir wortwörtlich in die Geschichten ein.Dunkel, glitzernd und geheimnisvoll: Im Wasser liegt eine ganz besondere Magie.Dies gilt umso mehr für die Bewohner dieses Elements Brunnengeister, deren Zuhause der Eingang zur Unterwelt ist, Kappas, die auf dem Grunde japanischer Teiche leben, und Fische, die Wünsche erfüllen.Widersteht ihr dem Lockruf der Loreley in ein verborgenes Reich, in dem Wasserpferde über mondbeschienene Seen galoppieren, Seeungeheuer Küstenstädte bedrohen und Nixen verträumten Mühlenweihern entsteigen?Eine märchenhafte Anthologie mit Geschichten von:Julia Adrian, Anika Beer, Astrid Behrendt, Nina Blazon, Jennifer Estep, Lynn Flewelling, Frank Friedrichs, Liza Grimm, Michelle Gyo, Lukas Hainer, Tanja Karmann, Lena Klassen, Liane Mars, Caleb Roehrig, Lisa Rosenbecker, Matthias Teut und Mira Valentin.Alle Anthologien können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Von Flusshexen und Meerjungfrauen

Eine märchenhafte Anthologie

Christian Handel (Hrsg.)

Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Nina Bellem & Stephan R. Bellem

Übersetzungen:

Nina Bellem:

Von der Schönheit, ein Biest zu sein

Kathrin Tordasi:

Die Treibgutsammler &Das Tor der Toten

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

alexanderkopainski.de

Umschlagbildmaterial: Shutterstock

Illustrationen: Soufiane El Amouri

ISBN 978-3-95991-556-4

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Vorwort

Danke!

Das Flüstern des Meeres

Astrid Behrendt

Der Kelpie und die Meuterbraut

Mira Valentin

Die Jägerin

Lisa Rosenbecker

Der freundliche Nachbar vom See

Anika Beer

Das Tor der Toten

Caleb Roehrig

Tom Jofnurs Lied

Nina Blazon

Wovon ich singe

Lena Klassen

Loreley

Tanja Karmann

Das Meerschaumhorn

Lukas Hainer

Die Meerjungfrau und der Mond

Liza Grimm

Der Fluch der Bücher

Matthias Teut

Wie das Salz ins Meer kam

Michelle Gyo

Das Grab am Mühlenweiher

Frank Friedrichs

Von der Schönheit, ein Biest zu sein

Jennifer Estep

Die Treibgutsammler

Lynn Flewelling

Ein Kuss mit Folgen

Liane Mars

Das Meer und seine Geliebte

Julia Adrian

Vorwort

Wenn sie Wassermärchen hören, denken vermutlich viele Leserinnen und Leser zuerst an Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. Und tatsächlich beginnen wir diese Anthologie mit einer Adaption jener Geschichte, auch wenn ihr die Autorin ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt.

Das Meer, die Flüsse, Quellen, Bachläufe, Teiche und Seen bergen jedoch noch viele weitere Schätze. Die Autorinnen und Autoren der diesjährigen Anthologie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kostbarkeiten zu heben:

Flusspferde entsteigen dunklen Tiefen, mächtige Meeresmonster, Nymphen und Nixen, Selkies und Kappas, Meerjungfrauen und Wasser­drachen verbergen sich in der glitzernden Flut.

Das große Thema vieler der hier versammelten Geschichten ist die Metamorphose, die Verwandlung, ob sie nun innerlich oder äußerlich vonstattengeht. Mal werden Zauberwesen zu Menschen. Mal Menschen zu Ungeheuern. Immer spielt dabei das Wasser eine große Rolle, so wie es das seit jeher im klassischen Märchen tut:

Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje, inne See …

Wer aus mir trinkt, wird ein Reh.

Erinnert ihr euch?

Weder die Goldmarie noch die jüngste Königstochter sind dieselbe, nachdem Erstere durch einen Brunnen ins Reich der Frau Holle gereist und der Zweiten ihr geliebtes Spielzeug in einen solchen gefallen ist.

Im Märchen von der grausamen Schwester, von dem man sich in vielen nordeuropäischen Ländern leicht unterschiedliche Varianten erzählt, stößt ein junges Mädchen aus Eifersucht seine Schwester in einen Fluss und lässt sie ertrinken. Ein Müller, in dessen Mühlrad sich die Leiche der armen Seele verfängt, fertigt aus ihren Knochen und ihren Haaren eine magische Harfe. Sie beginnt von selbst zu singen und so entlarvt die Ertrunkene noch aus dem Jenseits ihre Mörderin. Nina Bellem hatte dieses Märchen unter dem Titel Schwanengesang in Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln adaptiert.

Adaptiert sage ich bewusst; nicht nacherzählt. Oft verwenden wir diese Ausdrücke wie Synonyme, wenn wir über Märchenfantasy sprechen. Doch es gibt für mich gewaltige Unterschiede. Nacherzählungen halten sich eng an ihr Original, schmücken dieses allenfalls aus und ändern Kleinigkeiten. Adaptionen gehen freier mit dem Stoff um. Sie fügen ihm eigene Wendungen und Motive hinzu, ändern traditionelle Inhalte oft sehr stark. Dem Geist der Märchen selbst bleiben sie in der Regel treu.

In Von Flusshexen und Meerjungfrauen findet ihr Adaptionen bekannter – und wenig bekannter – Märchen und Sagen. Und darüber hinaus noch Kunstmärchen: neue Geschichten, die auf klassische Motive zurückgreifen, ansonsten aber ganz eigenen Wegen folgen. Die Althergebrachtes verändern, ganz so, wie es sich für Wassermärchen gehört.

Vielleicht verändert das Lesen unserer diesjährigen Geschichten ja auch eure Sicht auf die Welt ein wenig.

So oder so: Wir wünschen euch viel Freude!

Christian Handel, September 2020

Danke!

Dies ist nun schon die fünfte Ausgabe unserer Märchenanthologie und ich liebe jede einzelne davon, denn sie zeigen mir jedes Mal aufs Neue, dass es sich lohnt, verrückten Ideen nachzugehen.

Als Christian mich damals ansprach und dieses Projekt vorschlug, hatte ich keine Ahnung, was sich alles Großartiges daraus entwickeln würde.

Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit, den Geschichten geschätzter Kolleg*innen wieder Drachenschuppen verleihen zu dürfen. (Auch wenn sie dieses Jahr etwas nach Fisch riechen ... ;) )

Normalerweise hätten wir das Buch wieder im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Normal ist dieses Jahr aber gar nichts.

Doch auch wenn sich einiges verzögert hat: Hier ist sie! Und da ich fest daran glaube, dass Wünschen hilft, wünsche ich uns allen, dass wir uns bald schon wieder unbeschwert sehen können. Vielleicht wird es noch etwas dauern. Aber ich glaube fest daran, dass am Ende alles gut wird!

Ich möchte mich aus tiefstem Herzen bedanken bei

– allen Autor*innen, die durch ihre Geschichten diese Anthologien überhaupt erst möglich gemacht haben.

– Christian, der federführend diese Reihe mit so viel Engagement, Liebe und Fürsorge betreut.

– Soufiane, für die immer wunderschönen Illustrationen.

– Alex, für all die zauberhaften Cover.

– unseren wundervollen Fans, die der Wind unter unseren Flügeln sind und die uns auch in schweren Zeiten unterstützen.

– meinen Early Dragons, die so verrückt waren, ebenfalls lange vor Tages­anbruch aufzustehen, damit ich mich genötigt sah, noch weniger zu schlafen als sonst – und somit Zeit zum Schreiben hatte.

Ich bin wahrlich ein Glücksdrache! : ) Astrid

Das Flüstern des Meeres

Astrid Behrendt

Astrid Behrendt

Astrid Behrendt muss ich euch eigentlich nicht vorstellen. Sie ist Kopf, Herz und Hand des Drachenmond Verlags. Vor fast fünfund­zwanzig Jahren hat sie den Verlag gegründet, und seitdem nicht nur an ihren Hoffnungen und Träumen festgehalten, sondern auch tatkräftig dabei geholfen, die zahlreicher anderer Menschen zu erfüllen.

Sie backt die besten Drachenkekse der Welt, ist Mutmacherin und Buchmensch durch und durch. Um diese Geschichte rechtzeitig beenden zu können, hat sie beschlossen, sehr früh aufzustehen. Der Wecker klingelte deutlich vor fünf Uhr, und das jeden Tag.

Inspiriert wurde sie zu ihrer Geschichte übrigens von Die kleine Meerjungfrau. Stark im Gedächtnis verhaftet ist ihr die tschechische Verfilmung, die sie – ebenso wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel – wieder und wieder angesehen hat. »Schon als kleines Kind hat mich die Sehnsucht der Meerjungfrau tief berührt«, gesteht sie.

Astrid begeistert. In vielerlei Hinsicht, aber eben auch mit ihren Geschichten. Ich bin schon gespannt auf den Roman, an dem sie gerade arbeitet.

www.drachenmond.de

Das Flüstern des Meeres

Erzähle mir eine Geschichte, Schwester. Eine Geschichte, wie ich meinen Prinzen treffen werde …

Wenn das Mondlicht die Schaumkämme der Wellen liebkost und das Murmeln des Meeres nachtträge geworden ist, kann ich deine Stimme hören. Die bittenden Worte, die du unzählige Male gewispert hast, wenn der Schmerz deine Augen verdunkelte. Ich sehe meine Hand, wie sie über deine Stirn gleitet, spüre den zarten Körper, der sich Hilfe suchend an den meinen schmiegt, während die Krämpfe ihn schütteln. Und ich höre mir dabei zu, wie ich deinen Wunsch erfülle.

»Wie werde ich meinen Prinzen erkennen?«, flüsterst du jedes Mal.

Dies ist die eine Frage, auf die alles hinausläuft. Die Frage, die dein Halt geworden ist, wenn das Fieber deine Augen trübt. Lippen bewegen sich stumm mit meinen, während ich die magischen Worte ausspreche. Das Versprechen auf das gute Ende.

»Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten. Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen. Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne. Und dein Herz wird wissen: Er ist es!«

Dann schläfst du ein. Die Hoffnung im Herzen, dass dein Körper dich nicht im Stich lässt, bis das Versprechen eingelöst werden kann. Und ich halte dich, bis die ersten Strahlen der Morgensonne den Horizont küssen, flehe um noch mehr Zeit mit dir – und um den Prinzen, um dir das Glück zu schenken, das du so ersehnst …

»Würdest du es bitte unterlassen, schlafende Kraken um ebenfalls schlafende Familienangehörige zu knoten?« Die Stimme meines Vaters klingt streng, während er mich zurechtweist, doch mehr amüsiert als verärgert. Meine kleine Schwester kichert und blickt mit leuchtenden Augen zu mir auf. Alles, was sie zum Lachen bringt, ist einen Tadel wert.

»Eure Cousine wird schon bald wieder abreisen, solange wünsche ich, dass sie unbehelligt bleibt.« Ein letzter mahnender Blick und der Griff um meine Flosse lockert sich.

Blitzschnell schnappe ich die Hand meiner Schwester und wir schwimmen aus der riesigen Meereshöhle hinaus, die mein Vater fast nie verlässt.

»Hast du die Abdrücke der Saugnäpfe auf Tirlaras eingebildetem Gesicht gesehen, als sie den Kraken endlich losgeworden ist?«

Es ist so eine Wonne, das Kichern meine Schwester zu hören, das in unzähligen kleinen Luftblasen aufsteigt und uns umtanzt. Ich wusste, dass ihr der Streich gefallen würde. Es macht nichts, wenn wir Besuch vergraulen, denn es hat sich schon längst der nächste angekündigt. Mein Vater hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine traumverliebten Töchter schnellstmöglich und politisch geschickt zu verbinden. Doch wir wissen es nicht zu schätzen, dass uns die hoffnungsvollen Söhne der benachbarten Meeresdynastien ihre Aufwartung machen. »Spürst du was?«, frage ich meine Schwester jedes Mal neugierig, wenn ihr wieder ein Prinz hoffnungsvoll tief in die Augen geblickt hat.

»Den dringenden Wunsch davonzuschwimmen!«, lautet stets die Antwort in diesem Ritual, das wir uns in den durchbangten Nächten ausgedacht haben. Und dann entfernen wir uns so schnell es die Etikette erlaubt, überlassen es den älteren Schwestern, neue Allianzen zu sichern und Verantwortung für unser Reich auf sich zu nehmen.

Meine Verantwortung ist meine kleine Schwester. Niemand hatte mich darum gebeten, aber ich spüre in meinem Herzen, seit meine Mutter sie mir in die Arme gelegt hatte, dass nur ich sie verstehe und nur ich sie würde beschützen können. »Pass gut auf sie auf«, hatte meine Mutter gesagt, mir die Stirn geküsst und war, ohne sich umzusehen, aus unserem Leben geschwommen. Ich wusste, dass sie dabei weinte, denn ihre Tränen vermischten sich mit den meinen im Ozean, der uns alle in sich trug, aber nicht vor dem bewahren konnte, was unser Schicksal für uns vorgesehen hatte.

Nichts geht verloren, was einmal vom Wasser des Meeres umspült wurde. Gefühle, Erinnerungen, Leben. Das Meer nimmt uns in sich auf und erinnert jede einzelne Geschichte. Ich sehe das Gesicht meines Vaters vor mir, der sich bekümmert abwendet, wenn sein Blick auf mich fällt. Er liebt mich, verzeiht mir viel von meinem Ungehorsam, weil ich mich um seine jüngste Tochter kümmere, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Und ihn jeden Tag daran erinnert, dass er das Wichtigste in seinem Leben verlor.

Bleibt auf dem Meeresgrund. Eine so einfache und doch so unerfüllbare Forderung. Wie kann man sich einer ganzen Welt verschließen, die man einmal gesehen hat? Die Welt der Menschen ist fremd und seltsam. Und gefährlich. Sie haben keine Flossen und ihre Herzen sind wankelmütig. Wenn sie sagen »Ich liebe dich«, können sie sich einen Wimpernschlag später schon wieder umentschieden haben.

Als gäbe es eine Wahl.

»Das wird mir nie passieren«, flüstere ich jede Nacht, bevor die Wellen mich in den Schlaf wiegen. Versprechen und Drohung zugleich. Mein Platz ist hier bei meiner Schwester, deren Augen hell wie der Mond strahlen und in denen alle Sehnsüchte der Welt liegen. Eingeschlossen in einen schwachen Körper, der nur durch trotzige Träume weiterlebt.

»Wie werde ich meinen Prinzen erkennen?«, flüsterst du leise, bevor der Schlaf uns entführt.

»Du weißt, dass es gefährlich ist, an die Oberfläche zu schwimmen«, höre ich im Geist jedes Mal die mahnenden Worte, wenn wir es dennoch tun. Unwiderstehlich angelockt vom leuchtenden Schein des Mondes, der mit den Gezeiten ebenso spielt wie mit unseren Herzen. Der das Blut in unseren Körpern so hin- und herspült, wie Ebbe und Flut über die Strände fließen.

»Heute wird der richtige Prinz für dich dabei sein, Isidira, ich spüre es!«

Die Worte meines Vaters murmeln durch die Wogen, die uns an die Oberfläche tragen. Vielleicht hat er recht. Aber auch er ist nur ein Spielball des Schicksals.

»Heute treffen die Söhne des Abendreiches ein«, erinnere ich dich, während wir Seite an Seite dem Licht entgegenschwimmen. Du hast keinen Blick für mich, keinen Gedanken an die Prinzen auf dem Meeresgrund. Du bist gefangen in deinem Wunsch, endlich ihn zu finden. Dann brechen unsere Köpfe durch die Wellen und wir sehen das Schiff, das sich im Sturm wiegt und ächzt. Du liebst den Sturm, der so toben und wüten kann wie dein eigenes wildes Herz.

Wir hören die panischen Schreie der Matrosen, als der Mast splitternd zerbricht. Sehen zu, wie das hölzerne Ungetüm in den Fluten versinkt und die Menschen mit sich reißt, nur weil sie unnütze Beine statt Flossen haben. Schwächliche Gliedmaßen, die sie nicht im Wasser tragen.

Ihre Schreie tränken das Meer und ich halte mir die Ohren zu, um das Leid auszublenden. Irgendwann verstummen sie und verabschieden ihre Seelen in die Unendlichkeit.

»Lass uns näher schwimmen«, verlangst du und ziehst an meiner Hand. Und auch wenn ich weiß, dass es das Letzte ist, was wir tun sollten, folge ich dir.

Zerborstene Schiffsplanken haben sich in dem tückischen Riff verkeilt, als würden sie die Korallen in einem hilflosen Anflug von Rachsucht bestrafen wollen. Manchmal finden wir Kisten voller Geschmeide und funkelnden Tand. Bestaunen die seltsamen Dinge, deren Sinn sich uns nicht erschließt. Ich bemühe mich, stets Abstand zu halten zu den verlorenen Seelen, und meist gelingt es mir. Doch in dieser Nacht …

Sein Haar ist dunkel und bedeckt sein Gesicht, das die typische sonnengeküsste Farbe der Menschen hat. Ich streiche es beiseite und es fühlt sich rau und dennoch fein unter meinen Fingern an, als ich es berühre. Welche Farbe wohl seine Augen haben? Sein Kinn deutet Entschlossenheit an. Seine Wange zeigt einen frischen Schnitt, die Haut feine Linien, die sicher tanzten, wenn er lachte. Bedauern erfüllt mich.

Da höre ich Isidiras Stimme, die mich zu sich ruft. Doch als ich mich gerade lösen will, spüre ich eine Berührung, einen Griff um mein Handgelenk. Erschrocken keuche ich auf und unsere Blicke verfangen sich.

Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten.

»Lass mich los«, flüstere ich lautlos und versuche, meine Hand aus der seinen zu lösen.

Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne.

Doch der Griff ist zu stark. Als würde er sich mit aller noch verbliebenen Kraft an das Leben klammern. Hoffen, dass ich ihn retten kann. Wie falsch er doch liegt.

Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen.

Sein Mund sagt kein Wort und doch prasseln die Fragen auf mich ein.

Und dein Herz wird wissen: Er ist es!

Mit einem Flossenschlag löse ich den Bann und tauche ab. Die kalten Wogen löschen die Hitze, die mein Herz in Brand gesetzt hat, und ich flüchte vor dem Gefühl, in mir selbst zu ertrinken.

Immer weiter schwimme ich, nur weg von diesen Augen, die bis auf den Grund meiner Seele geblickt haben. Fort, nur fort.

Doch dann trifft mich der Gedanke wie ein Schlag: Isidira!

Ich halte inne und blicke umher, doch sie ist nirgends zu sehen. Schnell drehe ich um und schwimme erneut nach oben. Als ich durch die Wasseroberfläche stoße, sehe ich, wie meine Schwester den Fremden in ihren Schoß gezogen hat. Wie sie mit ihrer Hand seine Stirn streichelt.

Doch sein Blick ist abgewandt, suchend – bis er den meinen findet. Und ihn festhält.

»Isidira!«, sende ich panisch den stummen Ruf nach meiner Schwester aus, die viel zu lange braucht, um aufzusehen. »Wir müssen zurück!« Zögernd lässt sie von ihm ab, küsst seine Stirn, und nach einer gefühlten Ewigkeit ist sie endlich wieder an meiner Seite und wir tauchen hinab in die Sicherheit der Tiefe.

»Er ist es«, höre ich dich beschwörend murmeln. »Ich bin mir sicher!«

»Wie kannst du dir sicher sein?«, schnaube ich.

»Ich weiß es einfach«, beharrst du.

»Mir ist nicht aufgefallen, dass das Meer verstummt wäre«, versuche ich dir die Hoffnung zu nehmen.

»Er war verwirrt, er hätte mir sicher in die Augen gesehen, wärest du nicht dazugekommen«, antwortest du ungewohnt heftig.

»Du hättest alles vergessen und wärest nie mehr zu mir zurückgekommen!«

»Na und? Das ist es wert.«

»Es ist ein Mensch!« setze ich gekränkt den finalen Stich.

»Er ist es«, höre ich dich beschwörend murmeln. »Ich bin mir sicher!«

Doch es klingt, als müsstest du dich selbst davon überzeugen, während ich … eine seltsame Leere spüre, die sich in mir ausbreitet, seit er mich mit seinen dunklen Augen angesehen hat.

Als wir auf dem Meeresgrund ankommen, schwimmst du, ohne mich eines Blickes zu würdigen, davon.

Es war das einzig Richtige, beschwöre ich mich selbst.

Warum fühlt es sich dann an, als würde mein Herz in Stücke gerissen werden?

Nichts erfreut mich an diesem Tag. Weder das Spiel der Strömungen, die wunderschöne Muster in den Sandboden malen, noch das Spiel mit den Fischen, die mich umschweben und auf Streicheleinheiten hoffen. Meine Gedanken sind an der Wasseroberfläche gefangen und ich denke mit jedem vergehenden Moment intensiver darüber nach, zurückzuschwimmen.

Nur ein einziger Blick, lockt die Stimme in mir.

Als die Sonne untergeht, kann ich mich nicht mehr bezwingen, und rascher als je zuvor tauche ich hinauf – und entdecke dich, wie du auf unserem Felsen sitzt und wartest. Dein verträumter Blick schmerzt mich. Schon möchte ich zu dir schwimmen, doch da sehe ich ein Pferd an den Strand galoppieren, angetrieben von seinem ungeduldigen Reiter. Er rast heran – um dann abrupt die Zügel zurückzureißen. Er sieht das Wesen, das im Mondlicht badet, und ich sehe, was der Anblick in ihm auslöst. Man sagt uns nach, wir wären wunderschön und das Licht des Mondes würde uns unwiderstehlich machen. Langsam steigt der Reiter ab und kommt auf dich zu.

So ist es richtig, rede ich mir zu, während mein Herz »Bleib stehen« rufen möchte.

Ein Windhauch entblößt die nackte Brust unter deinen langen Haaren und ich sehe, wie sein Blick über dich gleitet, um doch sogleich – als würde er einen Traum abschütteln – aufs Meer hinauszuwandern.

Und den meinen wiederfindet.

Von der Intensität dieser Verbindung erschrocken, tauche ich ab und fliehe erneut in die sicheren Tiefen des Meeresschoßes hinab. Meine Gedanken verwirrt und verknäult wie verkrustetes Seegras.

All die Nächte habe ich ihn herbeigerufen. Für sie! Er gehört ihr!, versuche ich mich zu überzeugen.

Auch wenn ich weiß, dass dem nicht so ist.

Nach einer durchwachten Nacht findest du – meine über alles geliebte Schwester – dich endlich wieder bei uns ein. Mit glänzenden Augen und einer zarten Färbung auf der Haut, die selbst unserem Vater nicht verborgen bleibt. Doch nicht der Kandidat der heutigen Brautschau erfreut dich. Ich weiß es besser.

Und dieses Wissen fühlt sich an, als würden scharfkantige Muschelschalen in meiner Haut stecken.

Als du nicht erscheinst, obwohl der Besuch seine Aufwartung macht, tobt Vater. Und auch wenn er es sich nicht eingestehen möchte – er hat dies schon einmal erlebt. Den fieberhaften Ausdruck, das sanfte Strahlen, das einem inneren Leuchten gleich von dir ausgeht – all das ist nicht unbekannt, denn es verfolgt ihn jede Nacht in seinen Träumen.

Tu etwas!, fleht er mich wortlos an, nachdem er den Besuch auf den nächsten Tag vertröstet hat.

Doch alles Zureden ist sinnlos. Und das weiß er genauso wie ich.

»Er ist es«, flüsterst du plötzlich neben mir, und das Leuchten, das inzwischen deinen ganzen Körper zum Strahlen bringt, lässt mich verstummen.

»Du hast es mir so oft versprochen, Schwester. Freust du dich nicht mit mir? Er ist es! Seinetwegen lebe ich noch!«

Er, der Retter, der dich in endlosen Nächten am Leben erhalten hat, wenn die einzige Heilung die Hoffnung war.

Und ich nicke. Er gehört wirklich dir, denn du hast ihn mit aller Kraft deines Herzens herbeigesehnt.

In dieser Nacht folge ich dir an die Wasseroberfläche. Du bist schon dort und wartest. Doch auch er findet sich schnell ein. Gemeinsam sitzt ihr auf dem Felsen, blickt euch ohne Worte an.

Ich sollte glücklich sein, doch ich kann es nicht.

Bis sein Blick suchend über das Meer streift. Und ich den Funken in seinen Augen schlagen sehe.

Ich fange ihn auf.

Und schüttle den Kopf, bevor ich abtauche.

Die Nacht fließt so träge dahin wie ein versickernder Strom. Ich höre ihn nach mir rufen. Und egal wie sehr ich mein Herz verschließe – seine Stimme verfolgt mich. Sie übertönt dein schwesterliches Geplapper nach deiner Rückkehr, als du mich kichernd in eine Felsenspalte ziehst, um mich an deinem Glück teilhaben zu lassen. »Wir werden fortgehen«, vertraust du mir an. »Sein Schiff muss auslaufen und ich werde ihn begleiten. Er weiß noch nichts davon, aber ich bin mir sicher, dass er sich wünscht, dass ich mit ihm gehe.«

Mein Blick rutscht zu ihrem Fischschwanz und sie lächelt verschwörerisch. »Heute Nacht werde ich meine Schuppen verlieren. Ich bin hier, um dir Lebewohl zu sagen.«

Entsetzen greift nach meinem Herz. »Du glaubst den Geschichten über die Meerhexe? Du weißt doch, was Vater gesagt hat!«

Ich werde jede Hexe vom Grund des Meeres verbannen und töten!

»Ich weiß, was Mutter gesagt hat!«, beharrst du und wischst meinen Einwand fort.

Einfach so, als wäre es nichts, dein Leben zu opfern.

»Wie kannst du das noch wissen? Du warst so klein damals, als sie  …« Fortging, hallt es in meinen Gedanken nach.

»Ich verstehe sie jetzt«, versicherst du. Und wir beide wissen, dass nur der Gedanke an ihn dich so lange hat leben lassen. Hilflos blicke ich dir hinterher, als du trunken vor Glück davonschwimmst. Ich sollte dich aufhalten, doch ich kann mich nicht bewegen.

Aus den Tiefen der Erinnerung taucht das Gesicht meiner Mutter auf.

»Geh nicht!«, habe ich sie angefleht. Doch sie hat nur traurig gelächelt und mich an ihr Herz gedrückt.

»Nicht jedes Märchen hat ein glückliches Ende und nicht jedes glückliche Ende braucht ein Märchen. Dein Vater hat mir wundervolle Töchter geschenkt. Doch Liebe konnte er nicht geben. Ich hoffe, dass du mir eines Tages verzeihen kannst.«

Ich wusste nicht, was sie meinte, bis mein Rufen in der Nacht unbeantwortet blieb, mein Vater sich immer mehr verschloss und ich zur Mutter für meine kleine Schwester geworden war.

Und mir schwor, dass ich von diesem Fluch verschont bleiben würde.

Man hatte von ihnen munkeln hören – den uralten Seelen, die in Felsspalten hausten und alle Geheimnisse des Meeres kannten. Meerwesen, deren Gesichter so alt waren, dass sich Muscheln auf ihrer Haut festgesetzt hatten.

Er jagte sie alle. Das Meer färbte sich bei Sonnenuntergang blutrot, wenn das Leben wieder aus einer Meerhexe geflossen war. Es gab Gerüchte, dass ein paar wenige entkommen und in die Flussmündungen geflohen waren. Sicher vor dem Zorn des Meereskönigs, der vor Trauer über den Verlust seiner Frau wahnsinnig geworden war.

Welche hat meiner Schwester Beine versprochen? Ein solcher Zauber ist schon für einen starken Körper mit unsagbaren Schmerzen verbunden. Wie soll ihn meine Schwester überleben?

Ich muss mit ihm reden. Er muss sie gehen lassen. Selbst fortgehen. Sie bei mir lassen. Er muss …

Ich schwimme mit klopfendem Herz der Abendsonne entgegen, deren Strahlen einem Wegweiser gleich durchs Wasser leuchten. Die Wellen tragen mich zum Felsen, flüstern mir zu, mich zu beeilen. Doch niemand wartet dort auf mich. Niemand, bis auf ein Stück Papier, das mit einem leuchtend roten Siegel versehen ist und mit einem Stein beschwert dem Wind trotzt.

Ich weiß, dass der Brief für mich geschrieben wurde. Doch selbst wenn ich ihn lesen könnte, würde ich es nicht tun. Ich möchte nicht wissen, was er zu erklären versucht, was er … möglicherweise verspricht.

Mein klopfendes Herz ist ein Verräter in meiner eigenen Brust, denn es gaukelt mir Bilder vor, in denen es mein Körper ist, den er berühren möchte.

»Sie hat dich verdient«, flüstere ich. »Ich habe dich nur beschworen, doch sie hat an dich geglaubt. Und nur deshalb überlebt.«

Ich greife nach dem Papier und werfe den Brief ungeöffnet ins Meer. Er tanzt eine Weile auf den Wellen, als würde er mir eine letzte Gelegenheit geben wollen, doch noch mein Schicksal zu ändern.

Ich schwimme davon, während mein Herz zerbricht.

Doch das Meer bewahrt alle Geheimnisse – und nimmt auch die Worte in sich auf, die aus der Tinte in die salzige See fließen.

Ich weiß, was ich tun muss. Ich werde dich aufhalten. Du wird ihn vergessen und wir werden wieder glücklich zusammen durch die Wellen toben. Muschelmuster legen und …

Sie wird ihn nie vergessen.

Sie braucht ihn nicht. Sie hat mich!

Ich muss dich abhalten. Dein Körper wird den Zauber nicht verkraften. Ich muss dich beschützen!

Lass sie gehen, flüstert das Meer mir zu.

Damit noch eine Statue auf dem Meeresgrund steht? Neben dir? Die Reihe der gebrochenen Herzen? Er hat dir alles versprochen, und dann ist er gegangen!

Er ist gestorben. Menschen leben nicht so lange wie wir.

Aber er hat dich verlassen! Und dein Herz ist mit ihm gestorben!

Ich war glücklich mit ihm.

Aber nur für so kurze Zeit! War es das wirklich wert? Uns zu verlassen und dann selbst zu sterben, weil dein Herz menschlich geworden war?

Ja, das war es. Ich würde es wieder tun.

Mit zornigen Flossenschlägen jage ich durch die Wellen. Ich werde dich nicht auch noch verlieren. Schon gar nicht an jemanden, der … was? Dich nicht wirklich liebt?

Du bist die, nach der er sich verzehrt.

Ich hasse das Murmeln des Meeres, das sich in jeden meiner Gedanken frisst.

Lüge, nichts als Lüge.

Du weißt, dass es wahr ist.

Es darf nicht sein.

Das macht es nicht weniger wahr.

Es darf nicht sein!

Du hast es dir ebenfalls gewünscht.

Doch nicht um diesen Preis.

Mit einer letzten Anstrengung durchbreche ich die Oberfläche und erkenne, dass ich zu spät bin.

Ein prachtvolles Schiff segelt über die Wellenkämme und ich weiß, dass du an Bord bist. Kann deine Hoffnung spüren. Du hast so lange gewartet. Ich fühle deinen Schmerz in den neu geschaffenen Beinen. Die Unsicherheit, sich auf festem Boden zu bewegen.

Du wolltest ihn überraschen. Doch er erstarrt, als er dich in seiner Kajüte vorfindet, und ich spüre dein Taumeln, als du den Halt unter den Füßen verlierst.

»Du bist die Falsche!«

Erkenntnis rauscht durch deine Sinne, ich kann mit deinen Augen sehen, mit deinem Herz fühlen.

»Du kannst mich lieben lernen«, beharrst du und blickst zu ihm auf. »Sieh, was ich für dich aufgegeben habe.«

»Ich will dein Opfer nicht. Es ehrt mich, aber es sind nicht deine Augen, die mich jede Nacht im Schlaf anblicken. Es tut mir leid!«

Ein Stechen lässt dich aufkeuchen. Du kämpfst dich auf die Beine, doch das Atmen fällt dir schwer in deinem neuen Körper, die Brust zieht sich schmerzhaft zusammen. Da beginnt der Boden erneut unter dir zu schwanken. Dieses Mal jedoch, weil die Wellen sich erheben.

»Wo ist sie?!«, dröhnt der Ruf meines Vaters durch die Wogen.

»Wer hat sie mir gestohlen?«, heult der aufkommende Sturm, der das Schiff wie ein Stück Treibholz hin und her wirft.

»Was hast du getan?«, ruft der Mann, den ich jede Nacht in meinen Träumen sehe und den ich jeden Morgen zu vergessen versuche.

Sie taumelt auf ihn zu und ihr Herz gerät ins Stolpern, noch bevor sie in seine Arme sinkt.

Auch das meine krampft sich zusammen. Wissend, dass der Preis, den sie für diesen Augenblick zu zahlen bereit war, höher ist, als ihr Körper verkraften kann.

»Ich bitte nur um einen Kuss«, höre ich sie flüstern, während er sie in seinen Armen wiegt. Die Rufe der Matrosen schallen durch die Nacht und werden ihnen von den Windböen aus dem Mund gerissen. Wellenkämme brechen mit solcher Wucht auf dem Deck, dass ihr Klatschen ohrenbetäubend ist und die Planken erzittern lässt. Ich rieche Angst und Verzweiflung durch die Wellen triefen.

Und doch scheint inmitten dieses Chaos die Welt stillzustehen, als er seine Lippen auf deine legt und dich küsst. So zart, als würdet ihr am Ufer des Meeres liegen, beschützt von der Nacht – und wäret nicht dem Untergang geweiht. Ich spüre seine Berührung auf deinen Mund. Und weiß, dass ich diejenige bin, der sie gilt. Gefangen von diesem Gefühl, erlahmt mein Widerstand, lasse ich mich von den Wellen umherwirbeln, zu gebannt von diesem Moment, der auch mein Untergang sein wird.

»Gib sie mir zurück«, dröhnt Verzweiflung durch das Tosen des Sturms, während meine geliebte Schwester einen letzten Atemzug durch ihre zu schwache Lunge presst.

»Bring mich nach Hause und suche sie«, höre ich dich in sein Ohr flüstern, obwohl ich viel zu weit weg bin.

Als du ins Wasser eintauchst, erfüllt mich Leere, denn die Seele, die ich so lange behütet habe, benötigt keinen Schutz mehr. Und dann tanzt Meerschaum auf den Wellen, die das Schiff bedrängen.

Du bist fort.

Ein letztes Aufheulen und die wütende Raserei der Winde erlahmt.

Er steht am Bug; und auch wenn ich weiß, dass seine Augen nur die Weite des Meeres sehen, blickt er direkt in mein Herz.

Ich werde dich finden, echot seine Stimme in mir. In meinem dummen, verräterischen Herz, das nie darum gebeten hat, so zu empfinden.

Ich tauche unter und fliehe.

Das Leben im Meer ist unerträglich geworden. Mein Vater hat nicht mehr gesprochen, seit seine Tochter verschwunden ist. Ich wünschte, er hätte den friedlichen Ausdruck in deinem Gesicht gesehen.

Manchmal höre ich deine Stimme zu mir sprechen. So wie damals, als wir in den schlimmen Nächten den Schmerzen trotzten, die dich immer wieder überfielen. Ich weiß nicht, welcher mehr quälte. Der, der in deinem Körper wütete, oder der in meinem, weil ich tatenlos zusehen musste.

Du warst nie tatenlos, flüsterst du in meinem Herz. Du hast mir die Hoffnung geschenkt. Die Hoffnung auf eine Liebe – selbst wenn sie nie mir gehörte. Auch wenn ich es mir noch so sehr gewünscht habe. Ich danke dir dafür.

Dein Dank macht es nicht leichter, und der Anblick deiner sich in Meerschaum auflösenden Gestalt sucht meine Träume heim, bis ich beschließe, nicht mehr zu schlafen.

Doch das Murmeln des Meeres lässt mir keine Ruhe.

Nun sind es allerdings andere Worte, die ich vernehme.

Die Worte, die er in den Brief geschrieben hatte, waren für mich bestimmt, und auch wenn sie ungelesen blieben, waren sie nicht verloren, denn das Meer hatte sie aufgefangen.

Auch wenn ich noch nie den Klang deiner Stimme vernommen habe, ist es dein Herz, das laut zu mir spricht. Das deutlicher als jedes Wort nach mir ruft. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst – deine Augen können es nicht verbergen. Ich habe ihr gesagt, dass mein Herz schon vergeben sei, und es bekümmert mich, ihre Hoffnung zu enttäuschen, doch nicht sie ist mir vorbestimmt.

Ein letztes Mal werde ich noch in See stechen, dann bin ich frei.

Ich werde auf dich warten.

Egal, wie lange es dauert.

Unablässig murmeln die Worte in meinen Ohren.

Meinem Geist und meiner Seele.

Verfolgen mich und suchen mich heim.

Ich muss fort.

Als das Meer mich in die Flussmündung trägt, blicke ich nicht zurück.

Ich werde eins mit den Gezeiten. Wiege mich mit dem Seegras im Sog der Strömungen, lasse meinen Geist gleich der Kieselsteine am Uferrand hin- und herwälzen. Mond um Mond vergeht. Ebbe und Flut werden zu meinem Herzschlag. Doch die Hoffnung, dass sich der Schmerz ebenso wie die Kanten der Sandkristalle abschleifen würde, bleibt unerfüllt.

Das Meer hört nicht auf zu flüstern, nur weil ich mich in einer Höhle im Fluss verstecke. Ich kann es immer noch hören.

Weil es in mir ist.

Und wer rettet dich?

Schweig, Schwester, schweig.

Ich kann nicht. Du hast es verdient, glücklich zu sein.

Wie kann ich das sein, wenn du fort bist? Wenn alle, die ich geliebt habe, fort sind oder in Trauer verharrt.

Ich bin nicht fort. Du siehst mich nur nicht mehr. Du musst die Augen schließen, um wirklich sehen zu können.

Ich schweige. Im Gegensatz zum Meer, das mich ruft. Ohne Unterlass.

Du kannst nicht vor dem weglaufen, was dir bestimmt ist. Aber du kannst ihm entgegenschwimmen.

Ich schreie meine Trauer hinaus, bis ich die Stimmen in meinem Kopf vertrieben habe. Auch wenn ich weiß, dass sie sich nur in meinem Herz versteckt haben und nie fortgehen werden, bin ich dankbar für einen Moment der Stille.

Der nächste Vollmond bringt eine Sturmflut mit sich. Sie überspült die Ufer der Flussmündung, wirbelt alles durcheinander, heult und tobt, reißt alles mit sich – bis ich aufgebe.

Komm nach Hause.

Das Meer empfängt mich mit salziger Umarmung und ich erkenne, wie sehr ich es vermisst habe, durch die blaue Unendlichkeit zu gleiten. Den Stammsitz meiner Familie meide ich. Meine Art ist langlebig und man könnte mich wiedererkennen.

Ich würde den Schmerz und den Vorwurf in ihren Augen nicht ertragen. Auch nach all der vergangenen Zeit nicht.

Die Erinnerungen wispern.

Jetzt, wo deine Mutter fort ist, wird es deine Aufgabe sein, auf deine Schwestern aufzupassen.

Die arme Kleine – das schwache Herz und dann noch der Verlust der Mutter.

Wie soll sie das nur überleben?

Nach einiger Zeit finde ich, was ich gesucht habe. Die Höhle von ihr, der Verführerin, wie mein Vater die Meerhexe in dem Streit mit meiner Mutter genannt hatte, als er sie versuchte aufzuhalten.

Und als er sie in Stein bannte, nachdem meine Mutter zu Meerschaum geworden war.

Ich wollte nur helfen, flüstert die Statue, wenn ich nah genug an sie heranschwimme.

Was ist wichtiger? Dass alle anderen glücklich sind, oder dass du glücklich bist?

Glück. Glück ist nicht für mich bestimmt, denn mein Glück tanzt in den Schaumkronen der Wellen.

Die Höhle wird meine Zuflucht. Die Tage und Nächte vergehen. Die Strömungen berichten vom Wandel der Welt, lenken mich mit dem Geplapper von den Worten ab, die das Murmeln des Meeres in meine Seele gestreichelt hat. Ohne dass ich es wollte.

Ich werde auf dich warten.

Eines Tages spüre ich, dass ich nicht allein bin. Eine Nixe hat den Weg zu mir gefunden. Geleitet von den alten Legenden über die Meerhexe, die Nixen in Menschen verwandeln kann.

»Du bist umsonst gekommen«, teile ich ihr mit.

»Bitte lass mich mein Anliegen vortragen«, fleht sie mit großen Augen.

»Ich weiß, was du willst, und die Antwort lautet Nein. Vergiss ihn.«

»Das kann ich nicht.«

»Geh fort!«

Sie geht fort. Doch sie kommt wieder. Am nächsten Tag. Und am nächsten. Ich sehe die Hoffnung in ihren Augen.

Hatte so auch meine Mutter gefleht?

»Nun gut. Komm morgen wieder und du erhältst etwas, das dir helfen wird.«

So geschieht es, und wäre mein Herz noch heil, hätte es beim Anblick des Glücks in ihrem Gesicht zerbrechen können.

»Geh«, sage ich ihr, »lege dich zur Ruhe und schlucke diese Perle.«

Sie schwimmt glücklich fort, sie ist gerettet, doch ich verspüre weder Freude noch Friede.

Die Perle würde sie vergessen lassen, warum sie zu mir kam.

Aber was, wenn es das Beste war, was das Schicksal für sie bereithielt?

Was taugt das Beste, wenn es zu Leid und Trauer führt? Du hättest eine Ewigkeit an Vaters Seite verbringen können.

Die Ewigkeit hätte nichts daran geändert, dass ich ihn nicht lieben konnte.

Liebe, Liebe – was nützt Liebe, wenn sie nicht von Dauer ist.

Manchmal ist Liebe zu stark, um vergessen zu werden. Du weißt es, denn kein Zauber der Welt hat es dich vergessen lassen.

In dieser Nacht werde ich heimgesucht von der Sehnsucht der Nixe. Die Perle erwies sich als nutzlos. Vielleicht weil mein Herz doch nie ganz von der Hoffnung lassen konnte.

Verräterisches Ding.

Der Vollmond lockt.

Schwimm an die Oberfläche, Schwester.

Also gut. Ich gebe auf. Ich bin es müde zu fliehen. Die Hoffnung niederzukämpfen, die Trauer zu ertragen.

So viel Zeit ist vergangen, und doch fühlt es sich an, als wäre ich erst gestern zum letzten Mal an der Seite meiner Schwester durch die blaue Unendlichkeit getaucht, umspielt von silbernen Lichtstrahlen des Mondes, der mich zu sich lockt.

Schwimm schneller, Schwester.

Ich zögere. Sollte ich wirklich …

Doch ich bin schon an der Oberfläche angelangt und sehe vor mir den Felsen aufragen, der all die langen Jahre und Jahrzehnte gewartet hat.

Und ich sehe noch jemanden.

Er sitzt auf dem Felsen, den Blick auf das Meer gerichtet. Bis er … den meinen auffängt.

Es wird sein, als würden alle Sterne der Nacht auf einmal aufleuchten.

»Ich habe auf dich gewartet«, flüsterst du, und ich kann es hören, auch wenn die Wellen um mich herum lärmen.

Das Meer verstummt, die Zeit bleibt stehen.

»Viele Leben lang. So viele Körper trugen meine Seele durch die Zeit. Nie konnte ich Frieden finden.«

Du kniest neben mir und die Berührung deiner Hand lässt mein Herz stolpern.

Deine Gesichtszüge sind fremd, aber deine Augen würde ich überall wiederfinden.

»Was wird aus deinem Reich?«

»Ich bin schon lange kein Prinz mehr«, antwortest du auf meine stumme Frage, und es scheint dich nicht zu bekümmern.

»Ich werde mich nicht in einen Menschen verwandeln. Ich kann das Meer nicht aufgeben. Die Erinnerung ist alles, was mir von ihnen geblieben ist.« Du kannst mich verstehen, auch wenn ich an Land nicht sprechen kann.

»Das verlange ich nicht. Ich werde mit dir kommen. Wenn du mich willst.«

Seine Augen werden heller strahlen als die Sonne.

Ich blinzele. Und ich verstehe.

Das Opfer, das er zu geben bereit ist. Für mich. Für uns.

Lass uns gehen, flüstern die Stimmen in meinem Herzen. Lass uns frei, du brauchst uns nicht mehr zu beschützen.

Meine Hand greift nach der seinen und gleichzeitig kann ich endlich loslassen. Sein Lächeln lässt meine Augen überfließen, und während sein Mund meine Lippen berührt, spüre ich, wie sich die Teile meines Herzens wieder zusammenfügen.

Und ich Frieden finde.

Der Kelpie und die Meuterbraut

Mira Valentin

Mira Valentin

Als ich Mira Valentin zum ersten Mal getroffen habe, sah sie aus wie Daenerys Targaryen aus Game of Thrones. Danach habe ich schnell gelernt, dass ihre Cosplay-Kostüme so wandlungsfähig sind wie ihre Buchwelten.

Sie schreibt unter anderem Urban Fantasy (Das Geheimnis der Talente), High Fantasy (Die Lichtsplitter-Saga; gemeinsam mit Erik Kellen; ausgezeichnet mit dem SERAPH 2020) und historische Phantastik (Nordblut). Für ihren Jugendroman Der Mitreiser und die Überfliegerin wurde sie 2017 mit dem begehrten Kindle Storyteller Award ausgezeichnet. Ihre Enyador-Saga wurde bereits ins Koreanische übersetzt. Als ich sie fragte, ob sie eine Kurzgeschichte zu dieser Anthologie beisteuern wolle, schien gerade die Nachmittagssonne auf uns, denn wir verbrachten mit vier weiteren Autor*innen einen gemeinsamen Schreiburlaub auf Mallorca.

Ihre Geschichte hingegen spielt nicht in der Sommerhitze, sondern in einer frostigen Nacht. Eine wichtige Rolle spielt ein Kelpie, ein keltisches Wasserpferd. Mira ist nämlich nicht nur ein Buch-, sondern auch ein Pferdemensch. »Ich habe bis vor fünf Jahren mein Geld damit verdient, Fachartikel über Pferde zu verfassen«, hat sie mir bei unserer Korrespondenz zu dieser Anthologie verraten. Kelpies findet sie schon lange faszinierend. »Das Thema der Anthologie kam mir gerade recht, um mich auf Recherchereise zu den Wasserpferden zu begeben. Und jetzt finde ich sie noch spannender als zuvor.«

www.miravalentin.de

Der Kelpie und die Meuterbraut

Er wartet auf mich.

Nur ein paar Meilen, dann werde ich bei ihm sein. Das sage ich mir immer wieder, während ich mich durch das Unterholz des Waldes kämpfe. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, um keine Zweige zum Knacken oder Laub zum Rascheln zu bringen. In diesen Wäldern treiben Räuber ihr Unwesen, die ganz bestimmt ihre Freude an einer Meuterbraut wie mir hätten. Ich habe mich gegen meinen Lehnsherrn gestellt und ihm das Recht der ersten Nacht verweigert. Jede Jungfrau, die einen Mann ehelichen will, muss sich in der Nacht vor ihrer Hochzeit zuerst ihrem Herrn hingeben, so schreibt es das Gesetz unseres Landes vor. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Vorschrift zu umgehen – eine, die keine andere Braut vor mir gewählt und überlebt hat: den Pfad des Schreckens. Auf ihm wandle ich nun, mit weißen Schuhen und in meinem Hochzeitskleid, genau wie mein Herr es verfügt hat. Ich sehe noch das herablassende Grinsen in seinem feisten Gesicht, während er seine Entscheidung verkündete. Niemand glaubt daran, dass ich lebendig mein Ziel erreiche. Ein Wald, ein See und ein Berg liegen zwischen mir und meinem Liebsten. Und so kämpfe ich mich voran, in der Hoffnung, lebendig über den See zu kommen und nicht stattdessen ihm zum Opfer zu fallen. Ihm, dem tödlichsten aller Schrecken, der arglosen Wanderern auflauert, um sie zu umgarnen, ihren Geist zu verwirren und sie schließlich unter Wasser zu ziehen: dem Kelpie!

Niemand Lebendiges kann von ihm erzählen, denn jedes Auge, das ihn sah, schloss sich für immer. Jede Zunge, die zu ihm sprach, wurde gelähmt und jedes Ohr, das ihn hörte, ist nun taub. Es gibt lediglich Mythen und Legenden, die sich um dieses Monster ranken, doch an eine davon klammere ich mich wie eine Ertrinkende an ein Stück Treibgut: Um einen Kelpie zu zähmen, so heißt es, müsse man ihm einen Brautschleier über den Kopf werfen.

So wie ein Ritter die Hand auf den Knauf seines Schwertes legt, um sich zu vergewissern, dass es noch da ist, greife ich nach dem durchsichtigen Stück Stoff an meinem Hinterkopf, das mir Klinge und Schild zugleich sein wird – die einzige Waffe, die ich habe. Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und schreite weiter voran. Ich sehe die Baumkronen schon lichter werden, die ersten Sterne dringen durch ihre Zweige. Bald habe ich den Wald hinter mich gebracht! Ich kann den See bereits riechen, da bricht auf einmal ein Ast in dem Fichtendickicht neben mir. Ich fahre zusammen. Alle meine Muskeln angespannt, bleibe ich stehen und lausche. Da! Ein weiteres Knacken. Mit kalten Fingern nehme ich den Brautschleier ab.

Schritte kommen auf mich zu, leise und doch so präsent, wie es nur bei einem großen, schweren Mann der Fall ist. Ich sollte weglaufen, doch noch ehe ich diesen Gedanken in die Tat umsetzen kann, tut sich das Buschwerk zu meiner Rechten auf und lässt eine Gestalt hindurch.

Es ist tatsächlich ein fremder Mann, doch er sieht ganz anders aus, als ich vermutet hatte: nur wenig größer als ich selbst, aber von massiger, gedrungener Gestalt. Sein Gesicht verschwindet hinter einem struppigen Bart. Langes schwarzes Haar fällt ihm in ungepflegten Locken in die Stirn. Weder sein Alter noch seine Gesinnung kann man durch diese übermäßige Behaarung erkennen. Selbst seine Arme sind von einem flaumigen Fell bedeckt. Sollte das der sagenumwobene Verführer sein, dem ich mich stellen muss? Oder ist er einfach nur ein Räuber, der sich zu weit ins Niemandsland vorgewagt hat?

Es ist schließlich seine Stimme, die ihn verrät – tief wie ein Ozean und sanft wie die Berührung einer Gischtflocke. Ja, dieser Mann muss ein Kind des Wassers sein, ein Flussgeist, ein Kelpie in seiner Menschengestalt!

»Ich grüße dich, Meuterbraut! Schon lange hat es keine mehr gewagt, diesen Pfad zu beschreiten.«

»Ich aber wage es«, sage ich entschlossen.

Da lacht er, laut und tosend wie eine Sturmflut. Seine buschigen Augenbrauen tanzen amüsiert nach oben, während er noch weiter auf mich zukommt. »Was macht dich so sicher, dass gerade du den See bezwingen kannst? Dürres, schwaches Geschöpf, das du bist!«

»Ich nehme es lieber mit dir auf als mit meinem Lehnsherrn! Nicht weit entfernt von hier, auf dem Gipfel des nächsten Berges, wartet mein Bräutigam auf mich.«

Während ich rede, behält er meinen Schleier ganz genau im Auge. Also stimmt es wohl, dass man einen Kelpie auf diese Weise unterwerfen kann. Ich umklammere den Stoff fester.

»Soso, dein Bräutigam«, murmelt er. »Denkst du, er würde dasselbe für dich tun?«

»So wie ich für ihn ins Wasser gehen werde, würde er für mich durchs Feuer gehen«, stelle ich klar.

»Ich hatte auch einmal jemanden, der für mich ins Wasser gegangen ist.« Es ist nur ein Flüstern, doch darin liegt das Leid einer ganzen Welt.

Ich staune über diese Worte. Sagt er das, um mich zu überlisten? Kelpies sind tückische Wesen, die einem Menschen den Kopf verdrehen und seine Gedanken zum Schmelzen bringen, bis nur noch ein verworrener Klumpen voller Sehnsucht übrig ist. Und dennoch kann ich mich der Faszination nicht entziehen, die dieser eine, so voller Schmerz gesprochene Satz in mir auslöst. »Was ist geschehen?«, frage ich.

Der Kelpie umrundet mich, wobei er stets genügend Sicherheitsabstand zu mir und meinem Brautschleier hält. »Sie ging den Pfad des Schreckens, genau wie du. Ich stand auf dem Berg, genau wie er.«

Nun sehe ich seine abgerissene Gestalt genauer. Die zahlreichen Flicken auf seinem Mantel, die ausgefransten Ärmel, die kantige Nase zwischen all dem Gestrüpp in seinem Gesicht.

»Ich sah sie sterben, doch anstatt ihr zu helfen, bin ich davongeritten. Ich war einer dieser Menschen, die bereits beim Aufbäumen der ersten Welle all ihre guten Vorsätze über Bord werfen. Deshalb verfluchte mich die Herrin des Sees und bannte meinen Geist in den Körper meines Hengstes. Nur einmal am Tag, für die Dauer einer Stunde, ist es mir erlaubt, meine Menschengestalt anzunehmen.«

Ein kalter Schauder durchläuft mich. Genau das habe ich über Kelpies gehört! Als sagenumwobene Wasserpferde leben sie auf dem Grund von Seen und Flüssen. Dort hinunter entführen sie ihre Opfer, um sie gierig mit Haut und Haar zu verspeisen. Algen schmücken ihre Mähne und Seetang wächst auf ihrem Schweif. Manchmal, in stürmischen Nächten, kann man die Abdrücke ihrer Hufe auf der Wasseroberfläche sehen. Ganz gleich, welche Umstände dazu geführt haben, dass dieser fremde, bärtige Mann sich in ihresgleichen verwandelt hat – er ist mein Todfeind. Der Einzige, der mich aufhalten kann!

»So wird es bei uns nicht sein. Wir haben uns einander versprochen und es gibt nichts, was uns trennen könnte. Nicht einmal der Tod. Nicht einmal du!«

»Du nennst mich im selben Atemzug mit dem Tod?« Es schwingt Verärgerung in seiner Stimme mit und ich frage mich wieso. Wir beide wissen, was er ist – ein Dämon der Tiefe, durch und durch böse, schlimmer als jedes Sterben und jeder Untergang!

»Du hörst die Wahrheit nicht gern?«, frage ich.

»Die Wahrheit?« Er kommt näher, mustert mich von oben bis unten mit seinem raubtierhaften Blick. »Die Wahrheit ist: Ich bin der Einzige, der dich zu deinem Liebsten bringen kann. Du musst mir vertrauen!«

»Vertrauen?«, entfährt es mir. »Ich soll dir vertrauen?«

»Nur so kommst du über den See.«

Einen Moment lang starre ich ihn bloß entgeistert an. »Eher würde ich einem Seeungeheuer vertrauen oder einem reißenden Wasserstrudel!«, sage ich dann.

Diese Worte lösen nun doch eine erkennbare Reaktion im Gesicht des Kelpies aus. Seine buschigen Brauen verengen sich zu einem durchgehenden Strich. Er presst die Lippen aufeinander und ich habe den Eindruck, als würden seine fast schwarzen Augen noch eine Spur dunkler werden. »Dann musst du wohl genau das tun!«, spuckt er mir entgegen.

Und ehe ich noch etwas erwidern oder gar meinen Schleier über ihn werfen kann, ist er mit einem einzigen großen Sprung wieder im Dickicht verschwunden. Ich höre, wie seine Schritte sich entfernen, dann verändern sie sich und nehmen den Rhythmus von Hufschlägen an. Was auch immer nun geschehen wird, auf keinen Fall darf ich auf den Rücken dieses Pferdes steigen – sonst bin ich verloren.

Mit zaghaften Schritten folge ich dem Pfad weiter bis zum Ufer des Sees. Düster wie eine schlafende Bestie liegt er da, die wellenlose Oberfläche im Mondlicht glitzernd. Es gibt weder einen Steg noch ein Boot, um hinüberzukommen. Doch dort drüben am anderen Ufer tut sich bereits der Fuß des Berges auf, der mein Ziel ist. Mein erklärtes, ersehntes, errettendes Ziel. Ich werde es schaffen, auch wenn ich schwimmen muss.

Also ziehe ich meine Schuhe aus, die durch den Schlamm des Waldweges kaum mehr weiß aussehen. Gerade will ich auch mein Kleid aufschnüren, da höre ich ein Schnauben neben mir. Ich drehe mich zur Seite und erstarre. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ist der Kelpie wieder aufgetaucht, diesmal in seiner Pferdegestalt. Der schwarze Hengst sieht genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe: riesig, mit mächtigen Brustmuskeln, weit geblähten Nüstern und stampfenden Hufen. Sein Schweif ist so lang, dass er auf dem Boden der Uferböschung zum Liegen kommt, und die füllige Mähne wird von einer nächtlichen Brise verweht. Mir stockt der Atem vor Ehrfurcht. Gewiss gab es nie ein schöneres Geschöpf unterm Himmelszelt! Selbst die Sterne scheinen heller zu strahlen, im unbedingten Wunsch, einen Reflex auf das seidige Fell des Kelpies zu zaubern. Nie war das Schicksal grausamer als an dem Tag, als es beschloss, dieses Wesen zum Ungeheuer zu machen.

Ich schlucke. Dann reiße ich mich zusammen und ergreife meinen Brautschleier mit beiden Händen. Langsam gehe ich auf das schwarze Pferd zu. »Du hattest recht: Du wirst mich über den See tragen. Es gibt keine andere Möglichkeit!«, sage ich, doch dabei erschrecke ich vor meinem eigenen Wagemut. Nun wird er mir gewiss seine spitzen Reißzähne zeigen! Er wird sich auf die Hinterbeine erheben und seine steinharten Hufe auf mich niederprasseln lassen!

Doch der Hengst macht etwas ganz anderes: Er weicht zurück. Schnaubend und stampfend bringt er einige Schritte Abstand zwischen uns.

»Was ist los? Hast du etwa Angst vor diesem dürren, schwachen Geschöpf?«

Er schüttelt den Kopf, lässt mich aber weiterhin nicht nahe genug herankommen. Ich versuche es noch ein paarmal, dann gebe ich meine Bemühungen auf.

»Warum bist du überhaupt hier?«, schreie ich den Kelpie an. »Wenn du mich töten willst, tu es! Aber spiele nicht mit mir!«

Ein sachtes Blubbern entweicht seinen Nüstern. Vorsichtig macht er einen Schritt auf mich zu, knickt mit den Vorderbeinen ein und legt sich hin. Ich traue meinen Augen nicht! »Du willst, dass ich aufsteige? So wie all die anderen Mädchen, die du auf den Grund des Sees gezogen hast?«

Ich muss zugeben, dass ich jeden Menschen verstehen kann, der dieser Versuchung erliegt. Auch in mir weckt das sagenhafte Pferd den brennenden Wunsch, auf seinen Rücken zu klettern und eins mit ihm zu werden, mit ihm über den silbernen Wasserspiegel des Sees zu galoppieren wie ein ungebändigter Sturm. Ein tiefer, alles verzehrender Zauber geht von ihm aus. Doch da ist etwas anderes in meinem Herzen, das noch ungleich schwerer wiegt: die Sehnsucht nach meinem Liebsten!

Ob der Kelpie das ahnt? Was, wenn ich zum Schein auf sein Angebot eingehe? Dann komme ich vielleicht nahe genug an ihn heran, um ihn doch noch zu bezwingen.

»Du hast recht«, murmele ich deshalb in verklärtem Tonfall und lasse meine Hände mit dem Schleier sinken. »Ich werde dir vertrauen.«

Schritt für Schritt gehe ich näher. Dabei beobachten mich die tiefdunklen Pferdeaugen ganz genau. Sie sind das Einzige, was noch an den verwahrlosten Mann im Wald erinnert. Derselbe Schmerz, dasselbe abgrundtiefe Leid liegt in diesem Blick.

Als ich bis auf wenige Schritte herangekommen bin, spüre ich, dass der Moment gekommen ist – jetzt oder nie! Blitzschnell springe ich auf das liegende Pferd zu und werfe meinen Brautschleier über seinen Kopf. Doch der Kelpie ist schneller. Mit der Geschwindigkeit eines Dämons fährt er herum, schlägt seine Zähne in den Stoff und springt auf. Wütend funkelt er mich an.

Nein! Meine einzige Waffe im Kampf gegen die Bestie ist verloren. Jetzt bleibt mir nur noch eines: Ich muss um mein Leben schwimmen. Hastig raffe ich den Saum meines Hochzeitskleids und renne zum Wasser. Der See greift nach mir, umspielt meine nackten Füße, zieht mich in seine nassen Arme. Ich lasse mich ganz hineinsinken, greife weit aus, um möglichst viel Raum zwischen mich und den Kelpie zu bringen. Dabei weiß ich, dass ich schon jetzt verloren habe. Ich bin wie eine Motte in einem Spinnennetz, die sich mit jedem Strampeln nur noch weiter ins Verderben reißt. Dort, tief unter mir, in der fadentiefen Schwärze, verschlingt das Monster seine Opfer. Und genau dorthin schwimme ich. Verzweifelt richte ich meinen Blick zum Gipfel des Berges. So nah und doch so unendlich fern!

Liebster, in einer anderen Welt werden wir zusammen sein!

Ob er mich sehen kann, wie einst ein anderer junger Mann, der den Todeskampf seiner Braut beobachtete? Ich weiß nicht, ob es Tränen oder Wassertropfen sind, die bei diesem Gedanken über meine Wangen rinnen.

Eine Welle schwappt von hinten über mich hinweg. Ich kann nicht anders, als mich umzudrehen. Da sehe ich den Kelpie nur wenige Armlängen von mir entfernt. Lediglich sein Kopf und der muskulöse Hals ragen aus den schwarzen Fluten. Ein Schleier aus reiner Angst legt sich über meine Sinne. Meine Schwimmzüge werden langsamer. Ich wappne mich für den Angriff, das letzte Aufbäumen meines zum Tode verurteilten Körpers, den Schmerz.

Nichts davon geschieht. Stattdessen schließt der Kelpie zu mir auf. Ich spüre die Wassermassen, die von seinen Hufen aufgewirbelt werden. In seinen Augen jedoch liegt weder Gier noch Hass. Erneut wendet er seinen Kopf in Richtung seines Rückens. Er will immer noch, dass ich auf ihm reite. Ich verstehe nicht, was hier vorgeht.

»Wie?«, frage ich atemlos. »Wie ist deine Braut gestorben?«

Die breite Unterlippe des Hengstes bebt. Ein melancholisches Schnauben dringt aus seiner Kehle, wobei sein Blick auf den See hinausschweift. Erst sehe ich nichts dort, doch dann bemerke ich, dass die Wassermassen sich in der Mitte leicht kräuseln. Luftblasen steigen dort hervor und mit jeder weiteren Sekunde vergrößert sich die aufgewühlte Stelle im Wasserspiegel, bis schließlich ein immer größer werdender Strudel entsteht.

»Was ist das?«

Anstelle einer Antwort erhalte ich ein aufforderndes Wiehern. Wie gelähmt halte ich inne. Der dünne Stoff meines Brautkleids bauscht sich in den pulsierenden Wogen des Sees. Ich kann den Blick nicht von dem Strudel in der Mitte abwenden, wo nun ein helles Leuchten aus der Tiefe steigt. Eine unermessliche Verlockung geht davon aus, schlimmer als von dem Kelpie – tausendfach! Ich will dort hinausschwimmen und in dem Leuchten aufgehen, mich ihm hingeben und für immer in ihm auflösen.

Mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen: die Herrin des Sees! Sie hat den treulosen Bräutigam verwandelt. Sie hat seine Braut getötet! Wer über den See schwimmt, fällt nicht dem Kelpie zum Opfer, sondern ihr! Mit diesem letzten klaren Gedanken schwinge ich mich auf den Rücken des Pferdes und kralle mich in seiner Mähne fest.

Ein Zittern geht durch den Körper des Hengstes, dann erhebt er sich, bis er mit allen vier Hufen auf der Wasseroberfläche zum Stehen kommt. Krampfhaft umschließen meine Beine seinen Körper. Und doch kann ich den Blick nicht von dem Strudel reißen. Denn das, was nun daraus emportaucht, ist ein Wesen, strahlender als die Frühlingssonne und anmutiger als der Wimpernschlag einer frisch vermählten Braut. Goldenes Haar umweht ihr feines, gleichmäßig geschnittenes Gesicht. Ihr durchsichtiges Gewand besteht aus grüner Seide, besetzt mit Tausenden Muscheln und Perlen. Als Krone trägt sie eine roséfarbene Wasserrose. Durch ein sachtes Winken gibt die Herrin des Sees mir zu verstehen, dass ich zu ihr kommen soll.

Ich will ihr gehorchen! Möge sie mich unterwerfen und in die ewige Dunkelheit führen!

Doch genau in dem Moment, als ich entscheide, vom Rücken des Pferdes zu springen und dem Befehl meiner Gebieterin zu folgen, schnellt der Kelpie davon. Seine Hufe berühren kaum mehr die Wasseroberfläche. Nur die auffliegenden Gischtflocken und der enorme Gegenwind geben mir einen Hinweis darauf, wie schnell er mich davonträgt.

»Nein, lass mich zu ihr!«, schreie ich und will abspringen. Doch etwas hält mich fest! Es ist die Mähne des Kelpies, die sich wie schwarze Fesseln um meine Taille schlingt. Mit aller Kraft versuche ich, sie loszuwerden, doch es gelingt mir nicht.

Komm!, höre ich die Stimme der Herrin in meinem Kopf. Komm zu mir, mein Kind!

Sie winkt mir mit goldschimmernden Händen. Mein Herz zerspringt fast vor Kummer und Schmerz, weil ich nicht bei ihr sein kann! Doch die Bestie, auf deren Rücken ich sitze, kennt keine Gnade. Unbarmherzig trägt sie mich davon und tritt meine Sehnsucht mit stampfenden Hufen. Hätte ich nur meinen Brautschleier, um sie zu unterwerfen, doch so kann ich nichts tun, außer meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Das Bild vor meinen Augen verschwimmt. Ich sehe den Berg am anderen Ufer nicht mehr, die aufgewühlten Wassermassen, über die wir schneller als der Wind hinwegfliegen. Selbst das goldene Leuchten hinter uns verblasst und mit dem Strudel verschwindet schließlich auch mein unbändiges Verlangen, der Herrin des Sees untertan zu sein. Ungläubig reibe ich mir die Augen und blicke zurück, während das Pferd unter mir von schnellem Galopp in einen langsamen Trab fällt. Nichts deutet mehr darauf hin, dass noch vor wenigen Augenblicken die begehrenswerteste aller Verführerinnen dort auf der Lauer lag, um ihre Beute anzulocken. Hätte der Kelpie mich nicht abgehalten, so wäre ich ihr direkt in die goldenen Fangarme geschwommen. Langsam lösen sich die Schlingen seiner Mähne um meinen Bauch, während er die letzten Meter bis zum Ufer zurücklegt. Mit einem Satz springt er an Land und ich lasse mich von seinem Rücken gleiten.

Der Hengst senkt den Kopf, beide Ohren aufmerksam auf mich gerichtet. Ich lege eine Hand auf seine Nüstern. Sie sind kalt wie der See und feurig wie der Mann, der er einmal gewesen ist. Wie gern würde ich ihm all die Fragen stellen, die er nun nicht mehr beantworten kann.

»Danke«, sage ich daher nur. »Ich werde den Menschen in meinem Dorf erzählen, dass du kein Ungeheuer bist. Sie sollen von deinem Schicksal erfahren, auf dass deine Braut und du niemals vergessen werdet.«

Er zeigt ein majestätisches Nicken, dann wendet er sich ab und galoppiert über den See davon. Schon nach wenigen Augenblicken ist er in dem Nebel verschwunden, der vom gegenüberliegenden Ufer herüberweht. Lediglich seine Hufschläge bleiben als kräuselnde Wellen auf dem Wasserspiegel zurück.

Ob ich all das nur geträumt habe? Ein Griff an meinen Hinterkopf bestätigt mir, dass der Brautschleier wirklich verloren ist – entrissen von einem Wesen, das mich direkt in den Untergang getragen hätte, wenn ich es geschafft hätte, es zu zähmen und zu beherrschen. So aber hat es mir ein neues Leben geschenkt. In Gedenken an die Liebe, die in seinem Herzen niemals erloschen ist.

Ich wringe das Wasser aus meinem Kleid, dann wende ich mich ab und blicke nach vorn. Nach oben, auf den Gipfel des Berges, dorthin, wo meine eigene Geschichte nun weitergeht. Schon morgen gehöre ich meinem Liebsten allein, und er gehört mir. Ich muss mich sputen.

Denn er wartet auf mich.

Die Jägerin

Lisa Rosenbecker

Lisa Rosenbecker

Lisa Rosenbecker wurde 1991 in Hanau geboren, lebt aber inzwischen in Stuttgart. Sie bezeichnet sich als passionierte Teetrinkerin und Leseratte. Ich gehe davon aus, sie liebt auch Fabeltiere, denn auf der Drachennacht in Leipzig ist sie in einem Drachenkostüm aufgetaucht!

Mit dem Schreiben – und Bloggen – hat sie während ihres Biologiestudiums angefangen. Ihren ersten Fantasyroman veröffentlichte sie 2015: Arya & Finn – Im Sonnenlicht. Seither kann sie sich ein Leben ohne Schreiben nicht mehr vorstellen.

Derzeit arbeitet sie sowohl an einem New-Adult-Projekt als auch an den Plänen für einen dritten Litersum-Roman.

Ihre nachfolgende Geschichte spielt im gleichen Universum wie ihre Bücher Magie aus Gift und Silber und Magie aus Tod und Kupfer, allerdings viele Jahrhunderte zuvor. Sie kann auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden. Lisa hat sich nicht von einem Märchen, sondern von einer Figur aus dem griechischen Sagenkreis inspirieren lassen. Die Geschichte selbst verortete sie allerdings am Strand der niederländischen Stadt Harlingen, an dem sie bereits im Urlaub spazieren gegangen ist.

www.lisarosenbecker.de

Die Jägerin

Sie riefen nach ihr, wenn sie ein Monster fanden.

Schwarzes Blut glänzte am Strand in der untergehenden Abendsonne, ehe es in Gischt aufging. Die Brandung des Meeres spülte die Erinnerung an die leblosen Körper hinfort, die bis vor Kurzem im flachen Wasser gelegen hatten.

Sobald der Mond am Himmel stand, würden sich die letzten Überreste in den Weiten des Ozeans verlieren.

Und weitere Monster anlocken.

Ceto wischte sich die klebrigen Hände an ihrer ledernen Weste ab. Der metallische Gestank des Blutes drang ihr in die Nase und in jede Faser ihres Körpers. Er trieb sie an, stärkte sie.

Ihr Schwert lag verwaist zu ihrer Rechten im Sand, sie hatte es im Kampf verloren und trotzdem gewonnen. Mit schweren Schritten ging sie darauf zu, ohne den Blick vom Horizont zu nehmen. Das Wasser reflektierte das Sonnenlicht und blendete sie. Sie kniff die Augen zusammen und suchte die sanften Wellen nach Lebenszeichen ab. Flossen, Finnen, geschuppte Haut – die Monster kamen in allen Formen und Farben, Größen und Stärken vor.

Das Schwert schien bleierner als zuvor, es kostete sie eine Menge Kraft, es aufzuheben. Getrocknetes Blut und Sandkörner verklebten die Klinge, bis zum nächsten Kampf musste sie gesäubert werden. Und verzaubert.